Asexualität

Wichtige Vorbemerkung :

Dies hier ist ein Essay. Ich habe ganz bewusst nicht versucht, einen Sachtext zu verfassen. Das liegt daran, dass das Thema Asexualität noch viel zu wenig erforscht ist, um eine anständige Quellenauswertung vorzunehmen. Bücher über Asexualität gibt es zwar schon ein paar, aber die Bearbeitung des Themas steckt noch in den Kinderschuhen. Die meisten Quellen, die man darüber hinaus findet, wie beispielsweise Artikel in Zeitungen und Zeitschriften, stammen von Betroffenen oder wurden über einen Betroffenen geschrieben, sodass sie jedenfalls nur eine persönliche Perspektive spiegeln. Insgesamt gibt es also jede Menge Subjektives, aber viel zu wenig Objektives. In ein paar Jahren wird das sicher anders aussehen, und dann wird es bestimmt auch massenhaft Sachtexte zum Thema Asexualität geben. Bis dahin müssen wir aber noch viele subjektive Ansichten sammeln, um daraus irgendwann eine einigermaßen objektive Tendenz filtern zu können. Dazu wiederum sind Essays über persönliche Perspektiven hervorragend geeignet. Deswegen möchte ich gern mit einem eigenen Text zur Informationsvielfalt beitragen. Da ich andererseits aber nicht möchte, dass jemand fälschlicherweise meine Ansichten für irgendwie allgemeingültig auch für andere Asexuelle hält, werde ich dennoch versuchen, an so vielen Stellen wie möglich auch meine Beobachtungen anderer Asexueller anzusprechen und zum Vergleich heranzuziehen, sodass ihr hoffentlich ein umfassendes Bild von der Thematik erhalten könnt.
Ich konnte in der Vergangenheit zu meiner Überraschung und natürlich auch Freude feststellen, dass wir hier allein auf fanfiktion.de vergleichsweise zahlreich vertreten zu sein scheinen, denn allein im Forum ist mir bislang eine gute Handvoll selbstbezeichneter Asexueller begegnet, und im gesamten Archiv finden sich allein den von mir gemachten Erfahrungen nach noch einmal ähnlich viele. Außerdem ist die Community hier im Vergleich gerade zum übrigen Internet eher überdurchschnittlich intelligent und tolerant und auch offen für „Freaks“ – schließlich sind wir Hobbyautoren ja alle irgendwie ein bisschen schräg. Deswegen denke ich, dass dies ein guter Ort für einen solchen Essay ist.
Nach einigem Überlegen habe ich mich auch entschieden, am Ende einen Mini-Glossar für ein paar von mir verwendete Begriffe anzuhängen, von denen ich glaube, dass ihr sie nicht kennt, nach denen ich euch aber aus verschiedenen Gründen nicht (nur) selbst googeln lassen möchte. Ich habe die Wörter nicht explizit im Text gekennzeichnet, denn ich denke, dass ihr sie allein findet.
Jetzt aber los, genug der Vorrede!

A) Einleitung

B) Worum geht es hier überhaupt?
I) Was ist Asexualität?
1. Definition
2. AVEN-Typen
II) Abgrenzung gegenüber Ähnlichem
1. Libidolosigkeit
2. Aromantik
3. Demisexualität
4. Zölibat
5. Antisexualität
6. Absolute Beginners
7. Körperliche „Unfähigkeit“
8. Traumatische Erfahrungen

C) Übliche Reaktionen auf die Aussage „Ich bin asexuell!“
I) Ich glaube dir kein Wort!
1. Das kommt schon noch!
a) Du bist noch zu jung, um zu wissen, wie es in deinem Inneren wirklich aussieht!
b) Du musst Sex erst probiert haben, bevor du wissen kannst, dass du nicht willst!
c) Ich weiß aus Erfahrung, dass sich das noch ändern wird!
d) Ach, das hab ich früher auch mal gedacht, dass sich meine Einstellungen nie ändern, das denkt man ja immer in jungen Jahren, aber letztendlich kann man das selbst gar nicht wissen und Andere können Einen viel besser erkennen!
2. Vielleicht war nur noch nicht der Richtige dabei?
a) Der kommt schon noch, und dann willst auch du!
b) Probier’s doch mal mit mir, ich zeig dir, wie toll es ist!
3. Bist du in Wahrheit homosexuell und traust dich nur nicht, das zuzugeben?
II) Aber warum denn nur?
1. Du kriegst nur Keinen ab und versuchst das zu vertuschen!
2. Hast du mal schlechte Erfahrungen gemacht?
a) War deine letzte Beziehung so furchtbar?
b) Hast du noch nicht die richtige Methode ausprobiert?
c) Bist du mal vergewaltigt worden?
3. Bist du so streng religiös?
4. Bist du irgendwie verklemmt oder so?
5. Was findest du daran so schlimm?
a) Hasst du Männer?
b) Hältst du Sex für schlecht?
6. Du willst dich doch nur aufspielen!
a) Du versuchst doch nur cool zu sein!
b) Und, hältst du dich jetzt für was Besseres?
III) Oh mein Gott, das ist ja schrecklich!
1. Was fehlt dir denn?
a) Hast du ein Hormonproblem?
b) Wie wär’s mal mit einer Therapie?
2. Musst du dann ewig allein bleiben?
a) Heißt das jetzt, du kannst nicht lieben?
b) Aber wie führst du denn dann eine Beziehung? Das sind doch nur Freundschaften!
3. Waaas? Du verpasst aber das Beste auf der Welt!
a) Sex ist doch toll!
b) Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Sex gesund bzw. zu wenig Sex ungesund ist!
4. Das passt mir aber jetzt nicht!
a) Aber du bist doch so heiß, du kannst uns doch nicht alle abweisen!
b) Schatz, das kriegen wir hin, wir arbeiten dran, und wir tun auch nichts, was du nicht willst! Irgendwann wirst du Sex wollen!
c) Worüber soll ich mich denn dann mit dir unterhalten?

D) Zum Schluss noch fünf Gleichnisse…
1. Juckreiz und Sensation
a) Das Juckreizgleichnis
b) Was ist nicht nur angenehm, sondern hat Suchtpotential?
2. Apple und Kompatibilität
a) Das Apple-Gleichnis
b) Bedeutet Anderssein automatisch Krankhaftigkeit?
3. Technik für alte Menschen und Bedürfnisse
a) Das Technikbenutzungs-Gleichnis
b) Hat wirklich Jeder die gleichen Bedürfnisse?
4. Schokolade und die Akzeptanz von Andersartigem
a) Das Schokoladengleichnis
b) Wie reagiert ihr auf Sonderbares?
5. Harry Potter und der Kompromiss zwischen „Normalem“ und „Unnormalem“
a) Das Harry-Potter-Gleichnis
b) Wie funktioniert eine Beziehung zwischen Menschen mit völlig konträren Bedürfnissen in nur einem einzigen Punkt?

E) Anhang
1. Tipps für Asexuelle für Gespräche mit Nichtasexuellen
2. Miniglossar

A) Einleitung

Mein jüngerer Bruder und ich unterhalten uns darüber, dass Knopfleisten nicht immer auf der gleichen Seite angebracht sind: An Damenmode sind die Knöpfe links und die Knopflöcher rechts; an Herrenmode ist es gerade umgekehrt. Wir rätseln nun über mögliche Gründe.
ER: (scherzhaft) Vermutlich liegt es daran, dass es dann leichter fällt, jemand anderen auszuziehen.
ICH: (verstehe den Witz nicht) Aber wann tut man das denn schon? Doch nur bei kleinen Kindern! Da würde es auch reichen, wenn man einen Unterschied zwischen Kindermode und Erwachsenenkleidung macht!
ER: (verblüfft und irritiert, aber auch schon amüsiert) Naja, manchmal wollen ja auch Erwachsene andere Erwachsene ausziehen.
ICH: (kapiere es immer noch nicht) Jaaa, wenn jemand einen gebrochenen Arm hat – oder wenn ein bettlägeriger Mensch gepflegt werden muss – aber dann kann es auch dafür besondere Mode geben, wie Umstandsmode für Schwangere zum Beispiel. Im normalen Alltag macht man das ja nun wirklich nicht!
ER: (Stille)
Um es kurz zu machen: Er hat mir am Ende erklärt, was er eigentlich meinte. Überflüssig zu erwähnen, dass seine Pointe dahin war.

Eine Kommilitonin und ich sind in der Stadt unterwegs. Dabei kommen wir an einem Dessousladen vorbei, dessen Schaufensterinhalt für mich immer lächerlich war, weil die Ware in meinen Augen nicht nach Unterwäsche, sondern eher nach seltsamen Kostümen aussieht, obwohl es schon echte Unterwäsche ist. Außerdem dachte ich bis zu diesem Augenblick, dass niemand Dessous wirklich so benutzt, wie es Zeitschriften empfehlen und es in Filmen vorgemacht wird, sondern dass Jeder einfach normale Unterwäsche trägt und eigentlich zu dem Thema die gleiche Einstellung hat wie ich, nämlich, solches Zeug wie in diesem Schaufenster albern findet.
Ich mache deshalb einen entsprechenden Kommentar im Sinne von „Die sehen so blödsinnig aus!“
Meine Kommilitonin ganz entsetzt: „Aber wieso denn, das ist doch wichtig!“
Zum Glück konnte ich mich noch herauswinden, indem ich einfach auf das Design verwies.

Ein Kommilitone und ich unterhalten uns über den damaligen Schulsport. Ich war eine Niete und Sport daher mein Hassfach. Er ist ein guter Sportler und mochte das Fach. Dann sagt er sinngemäß:
„Ich hab auch immer den Anderen, Schlechteren geholfen – wobei ich da schon Unterschiede zwischen den Geschlechtern gemacht und die Mädchen bevorzugt habe.“
Der erste Teil des Satzes gefällt mir. Für den zweiten will ich ihn ein bisschen aufziehen und sage zu ihm (er ist eher attraktiv und ich finde ihn auch niedlich) sinngemäß:
„Du bist auch so ein Typ, der dafür was zurückkriegt, wenn er einen Wauwaublick aufsetzt.“ Damit spiele ich darauf an, dass er mir vorher von seinen Schwierigkeiten u. a. mit Mathe erzählt hatte und meine einen Handel im Sinne von Helf ich dir in Sport, hilfst du mir in Mathe, sage das aber nicht, weil ich nicht auf die Idee komme, dass er etwas Anderes verstehen könnte.
Er reagiert etwas gekränkt.
Ein halbes Jahr später unterhalte ich mich mit jemand Anderem über die Situation, weil ich immernoch nicht kapiert hatte, was ich falsch gemacht habe, und bekomme erklärt, dass er wohl eher Helf ich dir in Sport, gehst du mit mir ins Bett verstanden haben muss. Nun, da wäre ich auch etwas beleidigt gewesen…

Ich habe flüchtig die Freundin des Kommilitonen aus dem vorigen Situationsbeispiel kennengelernt und erzähle meinem jüngeren Bruder davon. Ich mag sie und begründe das u. a. mit:
„Sie hat wenigstens einen anständigen, ernst zu nehmenden festen Händedruck.“
Mein Bruder darauf: „Vielleicht hat er sie genau deswegen…“
Ich kapiere es nicht und er wiegelt nur ab mit: „Ach, das verstehste nich‘, is‘ egal, vergisses!“
Ich hab es mir anschließend von jemand Anderem erklären lassen.

Tja, bin ich nun doof oder nicht aufgeklärt oder hab keinen Humor? Nö, ich bin einfach das totale asexuelle Klischee und die Beispiele illustrieren eine typische Asexuellen-Nichtasexuellen-Gesprächssituation: Der Nichtasexuelle impliziert mitten im normalen Gespräch (also einem nicht über Sex) irgendwas Sexuelles – und der Asexuelle kapiert es einfach nicht, weil er schlichtweg nicht an Sex als mögliche Interpretationsgrundlage denkt, oder zumindest die inhaltliche Verbindung nicht zu schlagen schafft (Was hat Kaffeetrinken mit Sex haben zu tun?). Oder der Asexuelle sagt versehentlich etwas, was der Nichtasexuelle für eine eindeutige sexuelle Anspielung hält, obwohl der Asexuelle diesen Gedanken nichtmal in Erwägung zieht. Das liegt nicht an mangelnder Aufklärung, sondern daran, dass das Thema Sex uns ohne Grund nicht in den Sinn kommt. Denn Asexualität bedeutet Desinteresse, und an Dinge, für die man sich nicht interessiert, denkt man von sich aus eher nicht.
Erschreckend Viele schütteln angesichts einer solchen Situation verständnislos mit dem Kopf. (Zugegeben, dieses Mal wäre es leicht gewesen, aber das ist es selten.) Sie können sich Desinteresse an Sex nicht vorstellen und weigern sich deshalb, Asexualität zu akzeptieren. Für uns kann die Reaktion dann alles zwischen nervenzerreibend und verletzend sein. Aber was soll ich sagen, zumindest in meinem Schulunterricht wurde beim Thema Fortpflanzung kaum mehr als Heterosexualität besprochen, und in der BRAVO geht es ja auch nur um wer mit wem. Dieser Wissensmangel erschwert sowohl die eigene Identitätsfindung Asexueller selbst als auch ihr Zusammenleben mit Nichtasexuellen, insbesondere Beziehungspartnern, und erst recht das Verständnis und damit die Akzeptanz erheblich. Also muss Aufklärung erfolgen, allerdings auf anderem Wege.
Heutzutage bietet sich das Internet dafür natürlich an: Alles, was man sucht, findet man auch. Aber darin liegt eben auch der Nachteil: Um etwas zu finden, muss man es suchen, und das tut man nur, wenn man davon wenigstens schon gehört hat. Und da Viele von Asexualität nichts wissen (auch Asexuelle selbst), suchen sie nicht nach dem Thema.
Hier auf fanfiktion.de suchen viele User dagegen oft nicht nach ganz konkreten Themen, hier klickt man sich durch Kategorien und Profile und bleibt hängen, wo das eigene Interesse geweckt wird. Also, vielleicht kann ich hier euer Interesse wecken und so ein wenig zur Aufklärung beitragen. Und ihr werdet von nun an das Thema Asexualität im Hinterkopf haben und könnt daraufhin vielleicht eurerseits zur Aufklärung beitragen – umso besser, wenn ihr selbst nicht asexuell seid, sondern zu Allies werdet!
Ich will hier klären, was Asexualität ist, und zwar in drei Teilen: Zuerst geht es ganz klassisch mit Definitionen zur Sache. Im Kernteil des Essays widmen wir uns dann den typischen Reaktionen von Nichtasexuellen. Und am Ende gibt es noch ein paar veranschaulichende Gleichnisse. Die drei Teile werden einander inhaltlich ähneln, allerdings gibt es überall eine Menge Informationen, die sich in den jeweils anderen Teilen nicht finden.
Also, auf geht’s! Viel Spaß!

B) Worum geht es hier überhaupt?

Bevor wir uns in den eigentlichen Hauptteil stürzen, in dem ich die typischen Reaktionen auf Asexualität auseinandernehme, versuchen wir erst einmal, Asexualität abstrakt zu definieren. Das ist gar nicht so einfach…

I) Was ist Asexualität?

Es gibt natürlich eine feste offizielle Definition – und dann gleich mehrere Unterkategorien sowie die Feststellung, dass eine Definition eigentlich nur bedingt möglich ist. Aber Menschen mögen Definitionen. Einige glauben, ein Thema „auf seinen Kern zu reduzieren“ wäre ein ganz wesentlicher Schritt, um es zu verstehen. Allerdings ist eine Kurzvariante nicht notwendig treffender als eine ausführliche Beschreibung und der Kern sagt gar nichts über die konkrete Frucht. Im Gegenteil: Es kann sehr fatale Folgen haben, wenn man versucht, die Frucht über den Kern zu definieren. Ich habe meine Leben lang Pfirsiche und Nektarinen geliebt und viel gegessen, und ich kann trotzdem manches Mal ihre Steine (= Kerne) nicht einmal der richtigen Fruchtsorte zuordnen. Und wie viele Heterosexuelle kennt ihr, die abgesehen von ihrer Heterosexualität völlig unterschiedlich sind – aber wie viele Heterosexuelle und Homosexuelle, die einige Gemeinsamkeiten aufweisen? Könnt ihr aufgrund eurer eigenen Sexualität andere Sexualitäten immer zweifelsfrei erkennen?

Definitionen und feste Begriffe sind gefährlich. Einen Begriff genannt zu bekommen suggeriert nämlich, dass der Andere von Einem erwartet, bereits Bescheid zu wissen. Und Menschen hassen nichts mehr, als keine Ahnung zu haben und das zugegeben zu müssen, weswegen sie in diesem Fall dann auch nicht nachfragen (und Unbekanntes gern totzureden versuchen). Sie glauben also schnell, alles schon zu wissen, was zu folgenreichen Irrtümern und Missverständnissen führen kann.

Ich werde euch jetzt also hier eine Definition geben, aber bitte behaltet dabei im Hinterkopf, dass sie niemals abschließend und endgültig sein kann und es Asexualität in mindestens so vielen Varianten gibt wie Asexuelle. Die AVEN-Devise lautete daher: Wer sich als asexuell definiert und identifiziert, ist es zu diesem Zeitpunkt auch.

1. Definition

Asexualität bedeutet laut AVEN die Abwesenheit von Verlangen nach sexueller Interaktion. AVEN ist das Asexuality Visibility and Education Network, das erste und bis heute größte und wichtigste Internetforum zum Thema Asexualität. Ich will mich hier nicht mit Details über AVEN aufhalten, das könnt ihr ganz prima auf der Homepage nachlesen. AVEN jedenfalls ist ziemlich tonangebend und die wichtigste und zuverlässigste Quelle zum Thema Asexualität, weswegen kein Artikel über Asexualität möglich ist, ohne AVEN zu zitieren.

Zurück zur Definition. Kein Verlangen nach sexueller Interaktion, das ist wörtlich zu nehmen, sprich: Interaktion beinhaltet mindestens eine weitere Person. Asexuelle können also sehr wohl einen Trieb haben und masturbieren oder eben nicht. Asexualität ist im Viereck der hauptsächlichen (auf menschliche Geschlechter bezogenen) sexuellen Orientierungen das Gegenstück zu Bisexualität, so wie auch Hetero- und Homosexualität Gegenstücke bilden. Vor diesem Hintergrund wird Asexualität vielleicht etwas klarer: Es ist also sexuelles Interesse an den Vertretern weder des eigenen noch des anderen biologischen menschlichen Geschlechts.

Und wenn ich das hier so formuliere, seht ihr auch schon das erste Problem: Diese Definition funktioniert natürlich so nur, wenn man davon ausgeht, dass sexuelles Verlangen sich nur auf lebendige physisch-real existierende Menschen richtet. Wir wissen aber natürlich alle, dass das so nicht ganz stimmt. Es gibt Dinge wie Objektophilie, Fiktophilie oder Nekrophilie (und dem tut es keinen Abbruch, dass das Ausleben Letzterer als moralisch verwerflich gilt – es gibt sie dennoch). Grundsätzlich bleibt es Jedem selbst überlassen, ob er sich als asexuell definiert, und so gibt es eben Objektophile, Fiktophile etc., die sich asexuell nennen, weil sie sich nicht sexuell für Menschen interessieren, und solche, die es nicht tun, weil sie grundsätzlich sexuelles Interesse verspüren.

Hauptsächlich bezieht sich der Begriff aber, wie gesagt, auf das Viereck der biologischen Geschlechter der Menschen. Ich persönlich habe für mich dazu eine bildliche Erklärung entwickelt, die sich buchstäblich an den Fingern abzählen lässt: Haltet einmal eine Hand nach oben, sodass die Lücke zwischen dem Daumen und den übrigen Fingern deutlich sichtbar ist, die anderen Finger aber näher beieinander stehen. Jetzt zählt ihr ab: „das Eine“, „das Andere“, „alles“ und „nichts“ an den vier Fingern, Oberkategorie: Klar definiert. Dazu wiederum bildet der Daumen das Gegenstück. Das Gegenteil der klaren Definition ist immer das, was ich gern „wurschtegal“ nenne. „Wurschtegal“ heißt bei sexuellen und romantischen Orientierungen (übrigens auch beim Gender) immer pan. Das heißt, dass man sich keine konkreten Gedanken darüber macht, es Einem egal ist. Als Unterscheidung zu Bisexualität wird oft darauf hingewiesen, dass pan sich z. B. auch nicht um das Gender des sexuell interessanten Gegenübers schert, man kommt also leichter z. B. mit einem transidenten Partner zurecht. Jetzt zu den Fingern: „Das Eine“ ist einfacherweise das eigene biologische Geschlecht. Das heißt bei der sexuellen und romantischen Orientierung homo (beim Gender übrigens cis). „Das Andere“ ist natürlich das entgegengesetzte Geschlecht, das heißt hetero (beim Gender trans). Dann gibt es noch „alles“, also beide Geschlechter zusammen, das heißt bi (auch beim Gender). Und das Gegenteil dazu ist dann natürlich „nichts“, und da haben wir a (beim Gender non). Übrigens kehren Menschen, die sich als Transgender definieren, die Bezeichnungen hetero und homo oft um, denn diese Begriffe beziehen sich streng genommen auf das eigene Gender. Daher kommen übrigens auch die Begriffe Girlfag und Guydyke, falls die jemand kennt, denn die beziehen sich auf etwas Ähnliches wie die Genderperspektive.

Und jetzt seht ihr auch, wie unlogisch es ist, zu behaupten, Asexualität könne es gar nicht geben. Wenn etwas vorhanden sein kann, muss es nämlich auch nicht vorhanden sein können, und das gilt auch für sexuelles Verlangen. Alles hat immer ein Gegenteil. Auch eine Mitte kann es nur auf einer Skala zwischen zwei Extremen geben. Allerdings muss auch die Mitte immer ein Gegenstück haben, denn die Mitte zwischen zwei Extremen kann man auf zwei verschiedene Arten bilden: Entweder durch die Summe der positiven Kriterien oder durch die Summe der negativen Kriterien. Machen wir mal: Das positive Kriterium von Hetero- und Homosexualität ist das Vorhandensein eines sexuellen Verlangens, nämlich für je eines der beiden Geschlechter. Summiert man das, erhält man Bisexualität. Das negative Kriterium ist die Abwesenheit eines sexuellen Verlangens, nämlich für das jeweils andere biologische Geschlecht. Die Summe daraus ist dann – genau – Asexualität.

Ich denke, hiermit ist Asexualität erstmal hinreichend eingeordnet und auch so weit wie möglich definiert. Sehen wir uns noch ein paar Details an.

2. AVEN-Typen

AVEN ist, wie gesagt, die wichtigste Informationsquelle. Darum will ich hier die sogenannten AVEN-Typen nicht außer Acht lassen, da man auf sie unweigerlich bei der Recherche stößt, obwohl sie inzwischen von AVEN selbst nicht mehr gebräuchlich sind. Sie stehen aber sogar noch im Wikipedia-Artikel und werden gern in (älteren) Zeitschriftenartikeln u. ä. zitiert. Wichtig ist aber, dass das nur grobe „Sortierhilfen“ sind, keine wissenschaftlichen Kategorien!

Typ A umfasst dabei Diejenigen, die zwar einen sexuellen Trieb verspüren und z. B. masturbieren, die aber nie auf den Einfall kämen, diesen sexuellen Trieb mit anderen Menschen in Verbindung zu bringen.

Typ B beschreibt Menschen, die absolut keinen Trieb verspüren, aber dennoch gegenüber zwischenkörperlicher Interaktion nichtsexueller Natur (wie Kuscheln oder Küssen) nicht abgeneigt sind.

Typ C beinhaltet Leute, die sowohl einen Trieb haben als auch mit anderen Menschen körperlich interagieren wollen, aber nicht sexuell (also Typ A und Typ B zusammen).

Typ D schließlich ist die vierte Kategorie Derjenigen, die weder einen Trieb haben noch Interesse an Körperlichkeiten mit anderen Menschen (also weder Typ A noch Typ B).

Seht ihr, wie sich hier wieder ein Viereck bildet? Wir haben wieder zwei Elemente: Reiner Sexualtrieb (also das körperliche Gefühl, aber eben nicht das auf andere Menschen gerichtete Interesse) einerseits und der Wunsch nach Körperkontakt zu anderen Menschen (auch nicht sexuell konnotiert) andererseits. Wir haben das Eine, das Andere, alles und nichts. Genau wie bei den sexuellen und romantischen Orientierungen sind das aber auch nur grobe Kategorien. Ein einzelner Asexueller wird sich vielleicht irgendwo zwischen zwei Typen befinden, vielleicht genau in der Mitte, vielleicht mit Tendenz in eine Richtung. Und wahrscheinlich gibt es noch ganz andere Arten von Empfinden, die hier in diesem Raster nicht aufgeführt sind.

II) Abgrenzung gegenüber Ähnlichem

Nachdem wir jetzt ungefähr wissen, was Asexualität ist, sehen wir uns als Nächstes an, was Asexualität nicht ist. Wie ihr sicher schon erkennen konntet, ist es nicht ganz unproblematisch, Asexualität überhaupt zu definieren. Das führt teilweise natürlich zu Überschneidungen mit anderen Begrifflichkeiten, auf die ich hier eingehen möchte, denn gerade hier lauern die meisten und tiefsten, aber auch vermeidbarsten Missverständnisse.

1. Libidolosigkeit

Am häufigsten wird Asexualität mit Libidolosigkeit verwechselt. Es ist auch auf den ersten Blick schwer auseinanderzuhalten. Es sieht so aus: Libidolosigkeit bedeutet, keinen Sexualtrieb zu haben, also gar kein körperliches Verlangen zu spüren, dem man bspw. mit Selbstbefriedigung begegnen müsste. Asexualität heißt, dass man kein Interesse an sexueller Interaktion mit Anderen hat, also einen evtl. vorhandenen sexuellen Trieb nicht mit Anderen zusammen ausleben möchte. Es gibt also durchaus Asexuelle, die masturbieren, und solche, die es nicht tun.

Das führt oft zu Unverständnis à la „Wenn jemand masturbiert, kann er doch auch Sex haben!“ Führt euch vor Augen, dass Selbstbefriedigung „Sex mit sich selbst“ und Interaktion eben Sex mit Anderen ist. Es gibt Leute, die sehen sich gern Filme an, aber lieber allein; und es gibt Leute, die machen gern Filmabende mit Freunden oder gehen ins Kino. Es gibt Leute, die hören gern allein Musik; und es gibt Leute, die gehen gern auf Popkonzerte. Es gibt Leute, die basteln gern allein; und es gibt Leute, die gehen gern in einen Bastel- oder Handarbeitszirkel. Und so gibt es auch Leute, die verspüren einen rein körperlichen Sexualtrieb, den sie aber lieber allein befriedigen; und es gibt Leute, die verspüren einen auf andere Menschen gerichteten Sexualtrieb, den sie gern mit anderen Menschen zusammen befriedigen.

Gut erkennbar ist der Unterschied übrigens, wenn man die AVEN-Threads liest, in denen nichtasexuelle Beziehungspartner erzählen, dass es ihnen nicht reicht, sich selbst zu befriedigen, sondern ihnen Sex mit ihrem asexuellen Partner fehlt. Offenbar ist Selbstbefriedigung kein adäquater Ersatz für Sex mit Anderen. Das liegt daran, dass Selbstbefriedigung auf emotionaler Ebene etwas völlig Anderes ist als Sex, also sexuelle Interaktion. Es gibt eben Leute, die wollen Beides (soweit ich weiß, ist das die Mehrheit); es gibt Leute, die wollen nur eins von Beidem (Asexuelle mit Libido wollen keinen Sex; manche Nichtasexuellen können mit Selbstbefriedigung schlicht nichts anfangen); und es gibt Leute, die wollen Beides nicht (Asexuelle ohne Libido).

2. Aromantik

Die zweitwichtigste unter den Asexualität ähnlichen Dingen ist die aromantische Orientierung. Sie ist genau das Gegenstück zu Asexualität: Während „asexuell“ nur die Abwesenheit sexuellen Verlangens gegenüber Anderen beschreibt, ohne dabei Aussagen über romantische Gefühle zu machen, bezieht sich „aromantisch“ auf die Abwesenheit romantischer Gefühle unabhängig von der sexuellen Orientierung.

Es kann sein, dass Viele von euch jetzt sehr verwirrt sind: Für die meisten Menschen gehören sexuelle und romantische Orientierung zusammen und sind im Grunde das Gleiche. Dass dem nicht so ist, dürfte spätestens dann auffallen, wenn eins von beiden A ist. Denn man ist nicht notwendig sowohl asexuell (kein Sex, aber Beziehung) als auch aromantisch (Sex, aber keine Beziehung). (Seht ihr? Es ergibt sich wieder ein Viereck!)

Eine Menge Menschen halten das, was man letztendlich als Ausleben einer aromantischen Orientierung bezeichnen könnte, für moralisch verwerflich. Sie vertreten die Ansicht, dass Sex immer mit romantischen Gefühlen einhergehen müsste. Das ist nicht richtig, denn sexuelle und romantische Gefühle sind voneinander unabhängig. Sehr häufig fallen sie ungefähr miteinander zusammen, aber eben nur ungefähr und nicht immer. Außerdem ändert welche Meinung auch immer für gewöhnlich nichts an der Existenz eines Wollens und Wünschens: Selbst wenn jemand glaubt, Sex außerhalb einer Beziehung wäre zu verurteilen, ändert das nichts daran, dass manche Menschen eben nur Sex wollen, aber keine Beziehung führen möchten. Im Übrigen ist das auch gar nicht grundsätzlich verwerflich, solange alle Beteiligten miteinander einig und ehrlich zueinander sind – und einander auch glauben: Wenn jemand ankündigt, am nächsten Morgen verschwunden zu sein, darf man auch nicht enttäuscht sein, wenn es tatsächlich dazu kommt. Ein gemeinsames Frühstück zu versprechen und dann zu verschwinden, bevor der Andere aufwacht, ist unanständig – und zu versprechen, gleich nach dem Aufwachen zu gehen, aber dann plötzlich à la Hollywood doch noch eine Romanze zu wollen, ist ebenfalls unanständig.

Zurück zum Thema. Es gibt natürlich eine Menge Leute, die sowohl asexuell als auch aromantisch sind. Viele Asexuelle führen allerdings Beziehungen oder möchten gerne welche führen, und auch Kinderwünsche sind recht verbreitet, wobei die Methoden zur Umsetzung dieses Wunsches recht unterschiedlich ausfallen. Asexualität und Aromantik sind also miteinander „verwandt“, aber nicht das Gleiche, und können auch zusammen auftreten, müssen das aber nicht.

3. Demisexualität

Sehr eng mit Asexualität verbunden ist Demisexualität, oft auch als Grey-A (Grauzone der Asexualität) bezeichnet. Es ist im Grunde genommen ein Zwischending zwischen asexuell und nichtasexuell: Sexuelles Verlangen ist nicht grundsätzlich vorhanden, sondern stellt sich erst ein, wenn man die betreffende Person sehr liebt, meist erst nach längerem (Beziehungs-) Zeitraum.

Demisexuelle sind im normalen Alltag also so gut wie asexuell. Um das Ganze mal an einem Beispiel zu verdeutlichen, stellt euch vor, ihr seht Brad Pitt bzw. Angelina Jolie. Die meisten Leute könnten jetzt sagen: „Find ich sexy!“/“Find ich unsexy!“ Asexuelle sagen immer: „Find ich unsexy!“ bzw. „Will ich nicht mit schlafen!“ Demisexuelle dagegen sagen gar nichts, sondern lernen Brad bzw. Angelina erstmal kennen und stellen dann vielleicht fest: „Könnte ich mit schlafen wollen!“ Oder eben nicht, je nachdem.

Wichtig ist, dass es sich bei Demisexualität nicht um die bewusste Entscheidung, mit Fremden bzw. Nichtbeziehungspartnern nicht zu schlafen, handelt. Man wartet also nicht aus moralischen Gründen, bis man mit dem Anderen eine Beziehung führt. Sondern das sexuelle Verlangen stellt sich gar nicht erst ein, wenn man eine Person überhaupt nicht kennt. Es gewissermaßen ein Fall von „wenn der Richtige kommt“. Wie ausgeprägt das sexuelle Verlangen dann ist, ist natürlich individuell und auch abhängig von der Libido. Wichtig ist aber, dass Demisexualität nicht bedeutet, dass man, wenn man den „Richtigen“ kennengelernt hat, plötzlich im Allgemeinen Sex will, sondern man will den Sex dann auch nur mit Demjenigen.

Wie man erkennt, ob man asexuell oder demisexuell ist? Nun ja, da gilt das berühmte „man weiß es einfach“. Ich würde sagen: Ein „Normalsexueller“ könnte, wenn man ihn fragt, beschreiben, wie jemand sein/aussehen muss, damit er ihn sexy findet. Für einen Asexuellen gibt es so jemanden gar nicht, der antwortet: „Man kann nichts machen, um von mir sexy gefunden zu werden.“ Ein Demisexueller würde eher sagen: „Ich muss ihn sehr lieben (und dazu wahrscheinlich auch länger kennen und im Idealfall eine (lange) Beziehung mit ihm führen).“

4. Zölibat

Ganz, ganz viele verwechseln Asexualität mit freiwilliger sexueller Enthaltsamkeit. Tatsächlich ist sie das gerade nicht. Enthaltsamkeit ist, wie der Name schon sagt, selbstgewählt, und zwar gerade dann, wenn man eigentlich sehr wohl an Sex interessiert wäre, sonst müsste und könnte man sich ja gar nicht erst explizit dafür entscheiden. Man verzichtet also auf etwas, das man eigentlich möchte. Asexualität dagegen ist eine sexuelle Orientierung, gegen die man nichts ausrichten könnte, selbst wenn man wollte. Man muss sich nicht dazu zwingen, auf Sex zu verzichten, man will ihn einfach nicht. Hetero- und Homosexuelle müssen sich auch nicht dazu zwingen, auf eine bisexuelle Lebensweise zu verzichten oder jeweils auf die homo- bzw. heterosexuelle. Genauso geht es Asexuellen grundsätzlich mit Sex.

5. Antisexualität

Antisexualität ist der Begriff, den man für die grundsätzliche Ablehnung von Sex gebildet hat. Es geht hierbei darum, Sex an sich für schlecht oder sogar für verwerflich und falsch zu halten, und zwar nicht nur für sich selbst, sondern allgemein und grundsätzlich, also auch bei Anderen. AVEN spricht sich ausdrücklich gegen Antisexualität aus. Trotzdem gibt es natürlich Asexuelle, die für sich privat antisexuell eingestellt sind.

Zu unterscheiden ist hierbei allerdings von der Abneigung, die gewöhnlich aus dem Desinteresse heraus einfach entsteht: Sex, den man nicht will, steht man naturgemäß nicht eben positiv gegenüber, und nicht wenige Asexuelle hegen oder entwickeln eine Abneigung gegenüber dem Sex, den SIE haben sollen. Grundsätzlich haben die meisten Asexuellen aber nichts dagegen, dass Nichtasexuelle Sex haben und mögen – solange es sie selbst nicht involviert. Zu vergleichen ist das sehr gut mit Homophobie: Heterosexuelle sind nicht automatisch homophob, nur weil sie heterosexuell sind. Aber wenn sie auch nicht homophob sind, stehen sie der Vorstellung von homosexuellem Sex für sich selbst ablehnend gegenüber. Ihr kennt das von den Slash-Geschichten hier: So beliebt sie auch sind, gibt es eben auch Leute, die damit einfach nichts anfangen können und sie nicht lesen wollen. Das hat nichts, wie gern unterstellt, mit Homophobie zu tun, sondern schlicht mit Desinteresse. Mir persönlich geht es tatsächlich mit den meisten Sexszenen so, in Filmen noch mehr als in geschriebenen Texten (wobei ich manche aber auch wirklich mag). Meist langweilen sie mich einfach, zumal Sex aus meiner Perspektive meist deplatziert und unnötig und v. a. „irgendwie immer gleich“ ist (und ich weiß, dass ihr mir da sofort vehement widersprechen würdet, wenn ihr nicht asexuell seid, weil da für euch einfach Unterschiede sind, die ich nicht wahrnehme; für mich ist das nur eintönig, für euch aufregend). Was langweilt, nervt sehr schnell, und was nervt, das mag man irgendwie nicht. Es passiert leicht, dass man das dann auf die Sache an sich projiziert und sie einfach allgemein doof findet und nicht mag.

Antisexualität heißt aber tatsächlich, dass man Sex für etwas Schlechtes hält. Das kann moralische Gründe haben oder ideologische oder ganz andere. Es muss dann auch nicht mit Asexualität einhergehen, sondern kann z. B. zum selbstauferlegten Zölibat führen. Jedenfalls handelt es sich um eine aktive Abneigung, während Asexualität im Ausgangspunkt wirklich nur Desinteresse ist.

6. Absolute Beginners

Ein Begriff, den man schon über längere Zeit in den Medien findet. Absolute Beginners sind Menschen, die noch nie in ihrem Leben eine Beziehung geführt und/oder Sex gehabt haben (meist Beides). Zumeist bezieht sich die Bezeichnung auf Menschen, in deren Alter das eher ungewöhnlich ist, etwa ab 30 aufwärts.

Asexualität kann dazu führen, dass jemand zum Absolute Beginner wird bzw. einer bleibt. Allerdings verwendet man den Begriff eher, wenn jemand unfreiwillig auf Beziehungs- und/oder Sexerfahrungen verzichtet, was bei Asexualität nicht immer der Fall sein muss (evtl. wenn ein Asexueller eine Beziehung möchte, aber keine Gelegenheit dazu bekommt). Umgekehrt sind die meisten Absolute Beginners weder aromantisch noch asexuell, sondern hatten aus verschiedenen Gründen nur nie die Gelegenheit zu derartigen Erfahrungen.

7. Körperliche „Unfähigkeit“

Hiermit meine ich so Dinge wie erektile Dysfunktion, Vaginismus u. ä. Prinzipiell sind diese Dinge unabhängig von Asexualität. Sie können natürlich zu einer enthaltsamen Lebensweise führen, das allerdings meist eher zwangsweise. Man will also eigentlich, kann aber nicht, während Asexuelle können, aber nicht wollen.

Tatsächlich kann aber Asexualität zu „praktischen Schwierigkeiten“ führen: Die sexuelle Unlust ist freilich nicht grade förderlich für das technische „Funktionieren“ des Körpers beim Akt selbst.

8. Traumatische Erfahrungen

Eigentlich sollte das selbsterklärend sein, aber: Traumatische sexuelle Erfahrungen lösen Asexualität nicht aus, Asexualität hat keine Ursache oder einen Auslöser, jedenfalls nicht mehr als andere sexuelle Orientierungen. Allerdings können natürlich auch Asexuellen unangenehme Erfahrungen widerfahren, teilweise sogar gerade aufgrund ihrer Asexualität („Corrective Rape“). Zu diesem Thema gibt es später im Hauptteil aber noch einen eigenen Unterpunkt.

C) Übliche Reaktionen auf die Aussage „Ich bin asexuell!“

Oben habe ich versucht, Asexualität ungefähr zu erklären. Das ist allerdings nicht alles, was man zu vielen Nichtasexuellen sagen muss, damit sie Asexualität verstehen oder überhaupt als existent akzeptieren. Auch nach all diesen Erklärungen (wenn man überhaupt ausreden und sie anbringen darf) kommen noch Fragen und Behauptungen, die hauptsächlich dazu dienen, zu widersprechen und Asexualität totzureden. Wie gesagt: Menschen mögen es nicht, unwissend zu sein. Die Reaktionen sind immer wieder gleich, es gibt auf AVEN ganze Forenthreads dazu, und natürlich finden sich etliche der typischen Reaktionen auch im AVEN-eigenen FAQ. Am allerbesten ist es daher, wenn ich genau diese Reaktionen hier ganz direkt beantworte, denn obwohl sich die Antworten entweder von selbst ergeben oder oben im ersten Teil eigentlich bereits gegeben wurden, wird man mit ihnen, wie gesagt, dennoch oft konfrontiert. Ich werde hierbei natürlich hauptsächlich von mir ausgehen, aber immer auch versuchen, die Gesamtheit der Asexuellen einzubeziehen. Meine Idee ist, dass ich mein fiktives Gegenüber einfach ganz direkt anrede, so, als würde ich so ein Gespräch tatsächlich führen.

Dem nun Folgenden vorangestellt sein müsste eigentlich die Frage „Was soll denn das sein!?“ Die habe ich hier bewusst ausgeklammert; zum Einen habe ich das ja gerade eben beantwortet, zum Anderen ist das das denkbar Unhöflichste und Respektloseste, was man auf Erklärungen über die eigene Gefühlswelt zu hören bekommen kann. Einzig angebrachte Antwort: Das soll nicht sein, das ist.

I) Ich glaube dir kein Wort!

Die erste Kategorie umfasst die ungläubigen Reaktionen, die darauf abzielen, Asexualität insgesamt bzw. persönlichem asexuellem Empfinden die Existenz abzusprechen. Konkret geht es in diesem ersten Teil erst einmal darum, dass Einem gar nicht geglaubt wird, dass man (aktuell) so fühlt, wie es für Asexualität eben charakteristisch ist. Dazu ist ganz allgemein zu sagen, dass Ungläubigkeit gegenüber dem Denken, Fühlen und Empfinden eines Anderen sehr respektlos ist und wirklich verletzen kann. Man sollte sich immer sehr gut überlegen, ob man jemandes Aussagen über seine eigene Gefühlswelt wirklich offen und direkt anzweifeln will. Grundsätzlich gilt: Ich selbst weiß als Einziger und am besten über mich Bescheid, niemand anders kann mich besser beurteilen als ich selbst. Und falls ich nicht wüsste, was in mir vorgeht, wie sollte es dann jemand anders?

Übrigens kommt es auch nicht von ungefähr, wenn jemand sich als asexuell definiert. Im Gegenteil, in der Regel hat man sich vorher ausführliche Gedanken darüber gemacht, und die Thematik hat den Asexuellen oft einige schlaflose Nächte gekostet.

1. Das kommt schon noch!

Eine Menge Menschen gehen davon aus, Asexualität wäre nur eine Phase, die irgendwann vorbeiginge: Entweder altersbedingt oder im Zusammenhang mit bestimmten Erfahrungen. Fakt ist: Sexuelle Orientierungen sind nicht statisch. Sie können sich ändern – müssen sie aber nicht, und es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass sie es tun. Es heißt ja: Ansichten, Einstellungen und Grenzen können sich ändern. Aber man kann sie nicht ändern. Emotionen sind weder berechen- noch beeinfluss- noch begründbar.

Außerdem macht der Begriff können keine Aussage über die Wahrscheinlichkeit. Es ist gewissermaßen ein Fall von Schrödinger: Man hat keine Fifty-Fifty-Chance, dass die sexuelle Orientierung bleibt oder sich ändert, sondern es besteht die Möglichkeit, aber man weiß nichts über die Wahrscheinlichkeit. Es könnte eine Fifty-Fifty-Chance sein, aber auch eine Siebzig-Dreißig-Chance oder eine Eins-Neunundneunzig-Chance, und zwar in beide Richtungen. Und es könnte eben auch eine Null-Hundert-Chance sein, dass alles unverändert bleibt.

Deswegen ist es auch absolut unangebracht, einen Asexuellen, dem man zehn Jahre später wiederbegegnet, zu fragen, ob er „immernoch asexuell ist“. Wenn er schlagfertig ist, wird er zurückfragen, ob ihr immernoch heterosexuell seid; wenn nicht, wird er sich ärgern und den Kontakt zu euch endgültig einschlafen lassen.

a) Du bist noch zu jung, um zu wissen, wie es in deinem Inneren wirklich aussieht!

Gegenfrage: Ab welchem Alter würdest du mir denn zugestehen, Bescheid zu wissen? Augenblicklich befinde ich mich in einem Alter, in dem man mir sexuelles Verlangen und sexuelle Erfahrungen nicht nur zugestehen würde, sondern geradezu von mir erwartet – du bist ja selbst erstaunt, wenn ich sage, dass ich desinteressiert bin. Wenn ich aber alt genug bin, um Sex zu haben, bin ich erst recht alt genug, um keinen zu haben!

Schließlich stehe ich in beiden Fällen vor derselben Entscheidung, ich fälle sie nur unterschiedlich. Wenn ich aber eine Entscheidung fälle, dann sind alle Antwortmöglichkeiten gleichwertig – mal abgesehen davon, dass es überhaupt mehrere geben muss. Hier sind das genau zwei: Sex ja oder Sex nein. Für ja darf ich mich entscheiden – und für nein genauso.

Diese Anspielung auf das eigene Alter hängt übrigens meistens mit der Annahme zusammen, dass man erst nach dem ersten Sex richtig erwachsen wäre. Das ist blödsinnig, denn Erwachsensein hängt teils mit dem Alter, teils mit der Persönlichkeit zusammen. Beispielsweise haben viele Sechzehnjährige ein viel besseres Verständnis von und für Sex als ich, sind aber trotzdem minderjährig und werden vor dem Gesetz entsprechend behandelt – u. a. werden Vergewaltiger von Minderjährigen härter bestraft als solche von Erwachsenen, auch, wenn der Erwachsene durch und durch klischeeasexuell (=völlig verständnislos) und der Minderjährige schon sehr sexuell verständig und aktiv ist. Abgesehen davon gibt es sowieso kein allgemeingültiges Patentrezept dafür, was man alles gemacht haben „muss“, um erwachsen zu sein. Mir fällt in diesem Zusammenhang immer das Beispiel Alkohol ein, weil ich als Teenager lange Zeit dachte, mit Sex verhielte es sich ähnlich: Alkohol darf man erst ab einem gewissen Alter trinken und von (kleinen) Kindern will man ihn so fern wie möglich halten; gleichzeitig gilt er unter Erwachsenen als eine absolute Selbstverständlichkeit (wenn man einem wenig bekannten/nahestehenden Menschen ein neutrales Geschenk machen will, greift man oft zu Wein oder sogar Hochprozentigem, obwohl Alkohol nun wirklich nichts Neutrales und gar nicht in jeder Form für jedermann geeignet ist) und man gerät in Rechtfertigungszwang, wenn man keinen trinken will (man wird nach negativen Erfahrungen gefragt, nach evtl. Ängsten, ob man schon alle Sorten probiert hat, ob es gesundheitliche Gründe gibt, ob man religiös ist, und wer einfach nur keinen Alkohol will, wird oft verspottet und auch nicht ernst genommen inklusive „das kommt schon noch“). Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass insbesondere Jugendliche Alkohol nur trinken, um zu demonstrieren, dass sie wissen, dass sie das jetzt dürfen, aber eigentlich kein echtes Verlangen danach haben, sondern nur dem Gruppenzwang ausgesetzt sind. Ich dachte lange, bei Sex sei das das Gleiche und habe erst sehr, sehr spät verstanden, dass Leute Sex wirklich wollen. In jeder anderen Hinsicht war ich allerdings immer sehr „frühreif“; hinzu kommt, dass eine ziemlich große Hochbegabung getestet wurde, ich bin daher auch das, was man als „Kopfmenschen“ bezeichnet, und ich habe schon von frühester Kindheit an versucht, für einen Erwachsenen gehalten und als einer behandelt zu werden und wurde für merkwürdig gehalten, weil ich mich wohl oft nicht sehr kindlich verhalten und mich stattdessen ernsthaft mit „Erwachsenenthemen“ befasst habe. Langer Rede kurzer Sinn: Mein Erwachsensein findet unabhängig von meiner sexuellen Orientierung statt, und so ist das bei jedem Menschen.

b) Du musst Sex erst probiert haben, bevor du wissen kannst, dass du nicht willst!

Wie soll ich denn Sex haben, wenn ich ihn nicht will?

Um Gottes Willen! Da hast du aber das grundlegende Prinzip von Sex nicht verstanden, das da lautet: Konsens.

Konsens entsteht, wenn zwei sich auf etwas einigen, was beide wollen. Um etwas zu wollen, muss man aber wissen, worauf man sich da einlässt, wenigstens ungefähr.

Wenn man eine sexuelle Handlung nicht möchte, dann darf die gar nicht vorgenommen werden! Selbst, wenn man irgendetwas Unbekanntes ausprobieren möchte, muss man sich selbst dazu entscheiden! Wenn mir von vornherein der Sinn nicht danach steht, dann darfst du das gar nicht von mir verlangen!

Und wenn du außerdem der Ansicht bist, dass ich (noch) gar nicht ausreichend über Sex Bescheid wüsste, um mir ein Bild davon zu machen, müsstest du folgerichtig auch davon ausgehen, dass ich diesen Sex (noch) gar nicht haben kann. Genau dazu (ihn doch zu haben) versuchst du mich aber gerade zu überreden…

c) Ich weiß aus Erfahrung, dass sich das noch ändern wird!

Aus Erfahrung also. Welcher Erfahrung denn? Meiner oder deiner? Deiner, aha. Erfahrung mit wem? Mit mir? Ach, mit anderen Leuten und dir selbst, soso. Du, weißt du was? Ich habe auch Erfahrung – eigene, mit mir selbst. Und jetzt gib mir bitte einen guten Grund, aus dem deine Erfahrung mit anderen Leuten als mir, wenn es um mich geht, mehr zählen sollte als meine eigene Erfahrung mit mir selbst.

Weißt du, ich habe schon mein ganzes bisheriges Leben lang Erfahrungen mit meinem Inneren gesammelt. Ich weiß, wie ich denke und fühle und empfinde und reagiere, einfach wie ich „ticke“. Und du, du kennst mich jetzt [hier entsprechenden Zeitraum einfügen] und du hast nie, nie, nie in mir drin gesteckt und mein Innenleben hautnah – ach, was sage ich – geradezu hirnnah miterlebt – und du willst mir erzählen, dass du meine emotionale Entwicklung besser abschätzen könntest als ich selbst? Weißt du, es ist ja nicht einmal völlig ausgeschlossen, dass du nicht völlig falsch oder sogar teilweise richtig liegst. Aber woher nimmst du die Gewissheit dafür?

Nein, wirklich, du weißt es nicht besser als ich.

d) Ach, das hab ich früher auch mal gedacht, dass sich meine Einstellungen nie ändern, das denkt man ja immer in jungen Jahren, aber letztendlich kann man das selbst gar nicht wissen und Andere können Einen viel besser erkennen!

Ach, das hab ich früher auch mal gedacht, dass ich mal noch „normal“ würde, das kriegt man ja immer zu hören in jungen Jahren, aber letztendlich kann das ein Anderer gar nicht wissen und man selbst kann sich immer viel besser erkennen!

2. Vielleicht war nur noch nicht der Richtige dabei?

Eine weitverbreitete Fehlannahme ist, dass irgendwann eine Person kommt, die im Asexuellen doch noch sexuelles Verlangen auslöst. Wenn jemand aber nicht zufällig demisexuell ist, wird das nicht passieren.

a) Der kommt schon noch, und dann willst auch du!

Frei nach dem Motto: „Wenn ich mich nicht für Sex interessiere, kann ich mich trotzdem für dich interessieren.“ Das ist erstmal gar keine so abwegige Logik. Bedenke aber, es gilt auch: „Wenn ich mich auch für dich interessiere, muss ich mich trotzdem nicht für Sex mit dir interessieren.“

Wie gesagt: Bei Demisexualität ist genau die erste Variante das Grundprinzip. Für Asexuelle ist aber „der Richtige“ nicht jemand, der sie zu Sex „überredet“ (zumal Überredetwerden immernoch etwas Anderes ist als Wollen). Du musst immer bedenken: Deine Vorstellung vom „Richtigen“ und meine Vorstellung von ihm sind zwei verschiedene. Und „der Richtige“ für mich ist der nach meiner Vorstellung. Überhaupt darfst du nicht davon ausgehen, dass deine Weltanschauung und Lebensweise „richtig“ wären und meine „falsch“.

Übrigens habe ich natürlich lange Zeit darauf gewartet, dass sich sexuelles Verlangen entweder allgemein oder konkret noch bei mir einstellen würde. Ich habe experimentell sogar oft versucht, denjenigen, in die ich bislang so verliebt war, mal „auf den Hintern zu starren“ oder sie mir in „sexuellen Phantasien“ vorzustellen. Das Ergebnis ist immer das gleiche: Ich schweife ab. Ja, wirklich! Ich muss mich regelrecht selbst daran erinnern, dass ich doch gerade eigentlich mal an Sex denken wollte – stattdessen bin ich wieder gedanklich bei irgendwas Spannenderem gelandet. Es macht auch keinen Unterschied, ob mein aktueller Schwarm von Anderen als eher „sexy“ empfunden wird, also ob er „sexuelle Vibes ausstrahlt“ – wenn überhaupt, hat das auf mich eher einen negativen Effekt in dem Sinne, dass ich mit ihm nichts anfangen kann, weil an ihm etwas ist, das ich irgendwie „komisch“ finde und im wahrsten Sinne des Wortes nicht verstehe. Trotzdem hatte ich bislang durchaus auch an den vielbesungenen „Bad Boys“ mit hohem Testosteronanteil in der Ausstrahlung ähnlich viel Interesse wie an den von Anderen als völlig langweilig weil „unsexy“ empfundenen Jungen/Männern. Auch mein „Typ“, mein „Beuteschema“ ist gar nicht optisch angelegt (bis auf nicht zu kurze Haare und Bartlosigkeit, die aber sehr rationale, überhaupt nicht unbewusste Gründe haben), sondern bezieht sich eher auf Charaktereigenschaften und insbesondere geistige Fähigkeiten. Und das, wo ich im restlichen Leben eigentlich ein sehr auf perfekte Optik fixierter Mensch bin! Die Entwicklung weist übrigens ebenso in diese Richtung: Während zu meinen Teeniezeiten die allerersten rosa Phasen sich noch stark in oberflächlicher Begeisterung erschöpften, hätten insbesondere die letzten beiden Kandidaten optisch höchstens bedingt meinen Geschmack getroffen – auf emotionaler Ebene waren diese Verliebtheitsphasen aber die mit Abstand erwachsensten und ehrlichsten von mir, sie gingen tatsächlich über Verknalltheit weit hinaus und mehr in Richtung Verliebtheit/ansatzweise Liebe. Vielleicht interessiert es dich auch zu wissen, dass mein optisches Urteil über Menschen im Allgemeinen maßgeblich von meiner Sympathie beeinflusst wird: Wenn ich jemanden nicht leiden kann, kann ich den vielleicht ansatzweise ästhetisch, aber niemals hübsch finden; wenn ich jemanden gern hab, kann ich den unterdurchschnittlich schön, aber niemals hässlich finden; wenn meine Sympathie schwankt, schwankt mein Urteil über das Äußere mit ihr. Schauspieler finde ich hübsch, wenn ich den von ihnen verkörperten Charakter mag, aber nicht, wenn sie ein Ekelpaket spielen, selbst wenn sie in beiden Rollen exakt gleich aussehen und zurechtgemacht sind. Kurz: Es deutet alles darauf hin, dass reines sexuelles Verlangen sich bei mir eher gar nicht oder höchstens in winzigstem Maße einstellen könnte.

b) Probier’s doch mal mit mir, ich zeig dir, wie toll es ist!

Üblicherweise mit dem Nachsatz „Wir machen auch nichts, was du nicht willst!“ versehen.

Ja, genau, ich habe schon mein Leben lang auf dich gewartet – auf den Einen, der sich nicht dafür interessiert, was ich wirklich will und nicht will, sondern der munter darauf aus ist, meine Grenzen zu überschreiten und das auch noch offen zugibt (wenigstens ehrlich bist du ja). Mein Lieber, um „nichts zu tun, was ich nicht will“ solltest du erstmal akzeptieren, was ich dir über das, was ich nicht will, erzähle!

Tut mir leid, aber diese unverfrorene Bemerkung kann man einfach nicht freundlich beantworten, und wenn du so etwas ernsthaft sagst, dann willst du auch gar keine nette Antwort…

3. Bist du in Wahrheit homosexuell und traust dich nur nicht, das zuzugeben?

Gegenfrage: Würdest du auf ein homosexuelles Outing meinerseits denn negativ reagieren? Sicher nicht, oder? Zumindest rechne ich nicht damit. Wirklich nicht, da kann ich dich beruhigen. Glaub mir, wenn ich dich für so intolerant hielte, nichts außer Heterosexualität zu akzeptieren, würde ich dir wahrscheinlich gar nichts sagen. Im Gegenteil! Ich vertraue dir; du stehst mir nahe genug, um etwas so Persönliches über mich von mir selbst zu erfahren; und ich rechne fest mit einer positiven Reaktion deinerseits! Bitte enttäusch mich jetzt nicht! Und was alle anderen Leute anbelangt: Glaub mir, Homosexualität wird leichter akzeptiert oder zumindest für existent gehalten als Asexualität!

II) Aber warum denn nur?

Nachdem das Gegenüber von der Existenz zumindest des eigenen sexuellen Desinteresses überzeugt ist, glaubt es noch lange nicht automatisch auch an das Vorliegen von Asexualität, sondern sucht erst einmal nach möglichen anderen Ursachen.

1. Du kriegst nur Keinen ab und versuchst das zu vertuschen!

Als attraktiv geltende Asexuelle hören stattdessen eher „Aber du bist doch so heiß, du kannst uns doch nicht alle abweisen!“ Dazu weiter unten mehr.

Als unattraktiv geltende Asexuelle bekommen eher vorgeworfen, sich wie der Fuchs angesichts der Trauben zu verhalten à la: „Ach, eigentlich will ich doch in Wahrheit gar nicht!“ Ich kann dich aber beruhigen: Es stört mich nicht im Geringsten, dass ich nicht als übermäßig (sexuell) attraktiv gelte, im Gegenteil, das hat auch Vorteile: Beispielsweise den, nicht vorgeworfen zu bekommen, viel zu attraktiv zu sein, um alle abweisen zu dürfen.

2. Hast du mal schlechte Erfahrungen gemacht?

Vorsicht – ganz, ganz dünnes Eis! Wenn du ernsthaft mit einer positiven Antwort rechnest, stell die Frage lieber nicht (es sei denn, du wurdest ohnehin schon ins Vertrauen gezogen, aber dann brauchst du ja auch nicht mehr zu fragen). Akute Triggergefahr! Ansonsten gilt: Asexualität ist eine sexuelle Orientierung, sie hat keine Ursache – jedenfalls nicht mehr als Heterosexualität.

a) War deine letzte Beziehung so furchtbar?

Oje, hältst du mich für so eine Dramaqueen, die hollywoodreif nach einer gescheiterten Beziehung keine Männer mehr sehen will? Übrigens sind eine Beziehung und Sex sowieso zwei verschiedene Dinge. Wenn ich keine Beziehung mehr wollte, könnte ich ja z. B. One Night stands haben oder ein Friends-With-Benefits-Verhältnis eingehen. Und dann möchte ich noch einmal betonen, dass ich auf Sex ja nicht verzichte, sondern einfach keinen möchte.

Und außerdem hatte ich noch nie eine Beziehung.

b) Hast du noch nicht die richtige Methode ausprobiert?

Das ist eine Endlosschleife. Letztendlich könnte dann absolut Jeder irgendetwas ganz Tolles „noch nicht ausprobiert“ haben und Pan- oder Bisexualität wären die einzig gültigen sexuellen Orientierungen. Gegenfrage: Warum denkst du denn, dass ich erst glücklich sein könnte, wenn ich den ultimativen sexuellen Kick entdeckt habe? Weil das für dich das Höchste der Gefühle (im wahrsten Sinne des Wortes) ist, stimmt’s?

Pass auf: Es ist toll, dass du so konkrete Vorstellungen vom Glücklichsein hast. Wie wäre es, wenn du sie zur Grundlage deines eigenen Lebens machst? Mein Leben ist nämlich schon dafür reserviert, meine Vorstellungen zu verwirklichen.

Aber danke für deine Anteilnahme.

c) Bist du mal vergewaltigt worden?

Vorsicht, Triggergefahr, nicht gedankenlos fragen! (Wenn du Bescheid wissen dürftest, tätest du das schon!) Viele Vergewaltigungsopfer führen nach dem Vorfall ein „normales“ Sexleben. Wenn überhaupt, löst so ein Erlebnis eher Angst, Ekel, Trigger o. ä. aus, aber ganz bestimmt keine Gleichgültigkeit. Und falls ein Asexueller diese schrecklichen Erfahrungen doch machen musste, dann wäre er auch sonst asexuell gewesen. Die sexuelle Orientierung steht damit nicht in Zusammenhang. (Es könnte sich höchstens umgekehrt um einen Corrective Rape gehandelt haben – entweder wegen der Asexualität selbst oder wegen der fälschlichen Annahme von Homosexualität. Zu hoffen ist das aber nicht.) Bitte geh vorsichtig mit solchen Fragen um, die stellt man nicht beiläufig und schon gar nicht unvermittelt, und falls dein Gegenüber für dich ein Wildfremder ist, solltest du nichtmal darüber nachdenken!

3. Bist du so streng religiös?

Wie oben ausgeführt, ist Asexualität weder gleichbedeutend mit sexueller Enthaltsamkeit trotz eigentlich vorhandenen Verlangens noch sonst eine eigene Entscheidung noch durch irgendetwas Anderes verursacht. Wer mich kennt, weiß übrigens, dass Religiosität so ziemlich das Letzte ist, was mir einfiele (das käme bei mir sogar noch sehr weit nach Sex). Ich halte Sex, solange er einvernehmlich stattfindet, jedenfalls zu keinem Zeitpunkt für verwerflich – vorausgesetzt, ich muss nicht mitmachen. Aber auch das liegt nicht daran, dass ich meine Beteiligung an Sex für schlecht hielte, sondern ich hab schlicht keine Lust darauf.

4. Bist du irgendwie verklemmt oder so?

„Verklemmt“ heißt: „Deine Schmerzgrenze ist niedriger als meine, und deswegen akzeptiere ich sie nicht.“ Oder einfach: „Deine Schmerzgrenze ist nicht hoch genug, um für mich eine valide Schmerzgrenze darzustellen.“ Bitte streich das Wort erstmal aus deinem Gebrauchswortschatz, das ist nämlich sehr beleidigend!

Aber du meinst wahrscheinlich einfach, dass ich vielleicht Hemmungen haben könnte, Emotionen zu zeigen, mich dafür vielleicht schäme oder nicht weiß, wie ich es anstellen soll. Vorbemerkung: Diese Frage kann ich ausschließlich für mich persönlich beantworten!

Weißt du was? Diese Hypothese habe ich vor langer Zeit selbst mal aufgestellt! Mir fiel nämlich auf, dass ich u. a. auch enorme Schwierigkeiten mit „freiem“ Tanzen, wie man es zu moderner Popmusik macht, habe. Es hätte ja durchaus sein können, dass ich Hemmungen habe, mich vor anderen Menschen emotional „fallenzulassen“. Hemmungen würden aber voraussetzen, dass da schon irgendetwas ist, was ich mir nur nicht zu zeigen traue. Also habe ich beobachtet, wie ich mich verhalte, wenn ich mit Musik allein bin. Was soll ich sagen – ich tue gar nichts! Ich tanze nicht herum, ich wippe nicht einmal mit dem Knie. Ich erinnere mich auch, dass ich mich als Kind über meine Klavierlehrerin wunderte, die nicht still auf dem Hocker saß, sondern sich in die Musik regelrecht „hineinlegte“ und ihren Oberkörper beim Spielen bewegte; bei Weihnachtskonzerten der Musikschule sah ich das dann auch ältere Schüler machen und kam zu dem Schluss, dass ich das, wenn ich älter wäre, auch machen müsste. Jawohl, müsste. Ich machte mir ernstlich Sorgen, wie ich das dann hinkriegen sollte. Zu keinem Zeitpunkt kam ich überhaupt auf die Idee, dass das keine einstudierte Choreographie o. ä. ist, die „dazugehört“ wie das Tastendrücken, sondern bei den Leuten einfach von innen heraus kam.

Zuerst dachte ich, als mir das einfiel, es läge an der Musik. Dabei erschrak ich fürchterlich, denn ich bin schon mein Leben lang Musiker. Den Instrumentalunterricht (Gitarre, Klavier, zeitweise Violine) habe ich schon begonnen, bevor ich eingeschult war, und an eine Zeit, in der ich nicht leidenschaftlich gesungen hätte, kann ich mich gar nicht erinnern. Bin ich in Wahrheit eigentlich völlig untalentiert? Dagegen spricht aber, dass Singen für mich sehr wohl mit Emotionen verbunden ist – nur eben ohne Bewegungen. Wenn ich Popstar wäre, ich würde noch bei der rockigsten Nummer stocksteif am Mikro stehenbleiben.

Und dann fiel mir noch etwas Anderes ein: Früher dachte ich über Sex eine ganze Menge Verrücktes. Insbesondere hatte ich Schwierigkeiten damit, mir vorzustellen, dass man das, was man dabei tut, deshalb tut, weil man es will. Damit meine ich nicht, das ich dachte, Sex wäre immer unfreiwillig, sondern es ging darum, wann man sich wie bewegt. Ich dachte nämlich, das Ganze liefe so ähnlich wie bei einer Tanzchoreographie, etwa beim Ballett oder Eiskunstlauf: Man hat verschiedene Figuren, die immer neu zusammengesetzt werden. Und da es auch heißt, Sex könne man durch „Übung“ lernen, dachte ich, man würde trainieren, eine „Choreographie“ aus vorhandenen einzelnen Elementen zusammenzusetzen. Dass man Bewegungen macht, die man gerade machen möchte, und dass sämtliche Geräusche und Gesichtsausdrücke ebenfalls intuitiv entstehen, das konnte ich mir nicht vorstellen.

Tja, und das ist der ganze Schlüssel: Ich habe keine Probleme damit, Emotionen zu zeigen – ich tue das nur nicht mit Bewegungen. Ich sage z. B. oft, ich sei „nicht so der Anfasstyp“. Das ist nur die halbe Wahrheit: Es gibt Arten von Anfassen, die ich grundsätzlich nicht mag (z. B. frontales Umarmen oder schmatzige Küsse). Aber das Gros der Berührungen ist für mich einfach sinnlos. Ich verstehe nicht, wieso man sowas macht. Warum zeigt man jemandem seine Zuneigung durch Umarmen? Grund: Für mich findet emotionaler Ausdruck auf geistiger Ebene statt. Dazu gehört z. B. auch Sprache. Ich rede gern über Gefühle und finde das auch wichtig und bin dabei auch regelrecht hemmungslos (also, nicht völlig, aber wer mich vorher für „verklemmt“ hielt, ist meist sehr überrascht – ich zwinge bspw. Leute, die behaupten, einen Penis zu haben, dazu, das Wort „Penis“ auch zu benutzen, und man wird von mir auch schonmal gefragt, wie es sein kann, dass man sich traut, Sex zu haben, aber sich nicht traut, das Wort „Sex“ zu sagen). Vielleicht schreibe ich deswegen Geschichten und kann eben auch mit Gesang viel anfangen (Liedtexte). Die einzige Bewegung, die ich wunderschön finde, ist Schreiben – ich sehe wahnsinnig gern Leuten, deren Schrift ich mag, beim Schreiben zu! Aber Schrift hat ja auch mit Worten zu tun.

Das gilt übrigens auch für andere Menschen: Wenn ich Menschen sehr schön finde, dann will ich sie am liebsten als bewegungslose „Gemälde“, und so sehen z. B. auch meine Luftschlossphantasien vom perfekten Traumprinzen aus, es sind eher Bilder als Szenen. Ich will schöne Menschen auch nicht von mir aus anfassen, weil ich ja dann „die Hand im Bild“ habe. Tja, und Sex ist nunmal der Inbegriff von Bewegung und erst recht Anfassen.

Intuitive Bewegungen finden bei mir tatsächlich höchstens in Zusammenhang mit Reflexen statt. Theoretisch könnte ich mir zwar vorstellen, einen Beziehungspartner z. B. zu küssen und stelle mir das eigentlich sogar sehr schön vor, aber praktisch würde ich wohl daran scheitern, dass ich im wahrsten Sinne des Wortes nicht wüsste, was ich tun soll, denn Küssen besteht ausschließlich aus intuitiven Bewegungen. Und intuitives Handeln bedeutet, Dinge zu tun, die sich gerade richtig anfühlen, und Gefühl bedeutet Emotion, und Emotionen und Bewegung sind zwei Dinge, die offenbar für mich nicht im selben Raum existieren. Deswegen finde ich Sex und überhaupt Anfassen auch weniger schlimm als vielmehr sinnlos, es ist für mich einfach unverständlich. Aber es ist nicht so, dass ich vorhandene (nichtsexuelle) Emotionen nicht ausdrücken könnte oder wollte – ich tue es nur einfach anders.

5. Was findest du daran so schlimm?

Es wird auch oft vermutet, man würde Sex und/oder bestimmte seiner Begleitumstände ablehnen.

a) Hasst du Männer?

Hihi, nein. Sonst hätte ich in meinem Leben die Hälfte meiner Freunde nicht gehabt. (Ehrlich gesagt, ich tue mich eher mit Frauen schwer. Aber das gehört nicht hierher.) Übrigens könnte ich doch alternativ mit Frauen Sex haben, oder? Also nein, ich halte Männer nicht per se für schlechte Menschen, auch nicht heterosexuelle, weder aus feministischen noch sonst welchen Gründen.

b) Hältst du Sex für schlecht?

Verwandt mit der Frage nach der religiösen Einstellung, allerdings das weltliche Pendant dazu. Nein, ich bin nicht antisexuell. Ich halte zwar die Vorstellung von Sex mit mir als Beteiligtem für befremdlich, aber das ist nicht die Ursache für, sondern die Folge von Asexualität. Und wenn ich mal Sexszenen in Fanfictions oder Büchern diagonal lese oder in Filmen währenddessen über etwas Anderes rede (z. B. den bisherigen Teil des Films auswerte) oder mir etwas zu essen hole oder auf Toilette gehe, dann nur, weil es für mich gerade noch unspannender ist als eine Werbepause.

6. Du willst dich doch nur aufspielen!

Zu guter Letzt ist da noch die Unterstellung, Asexualität wäre nur eine Behauptung, um sich selbst zu etwas Besonderem zu machen.

a) Du versuchst doch nur cool zu sein!

Angesichts der gängigen Reaktionen auf Asexualität eher zweifelhaft…

b) Und, hältst du dich jetzt für was Besseres?

Nein. Asexualität ist weder besser noch schlechter als irgendeine andere sexuelle Orientierung. Es gibt Asexuelle, die sich für „besser“ halten – aber es gibt noch mehr Nichtasexuelle, die das ebenfalls tun.

III) Oh mein Gott, das ist ja schrecklich!

Okay, man hat akzeptiert, dass es sexuelles Desinteresse gibt. Man hat auch verstanden, dass mein sexuelles Desinteresse vorhanden und auf Asexualität zurückzuführen ist. Aber jetzt glaubt man zumindest noch, dass es sich dabei um etwas Negatives handelt.

1. Was fehlt dir denn?

Weitverbreitete erste Fehlannahme: Asexualität wäre eine Krankheit oder Störung. Gründe: Sie kommt vergleichsweise selten vor und übersteigt das persönliche Vorstellungsvermögen vieler Nichtasexueller.

Zum Seltenheitswert nur so viel: Asexuelle sind mindestens so Viele wie Naturblonde. Was? Okay, detaillierter. Man findet verschiedene Zahlen: Ich habe schon von 1%, 2%, 3% und bis zu 10 % gelesen. (Jetzt versteht ihr vielleicht, wieso ich eingangs sagte, dass anständige wissenschaftliche Texte bisher schwer zu schreiben sind.) Ich habe das ungefähr so verstanden (Angaben ohne Gewähr!): 1% umfasst die Leute, die sich selbst so bezeichnen, also das Wort benutzen. 2% beinhalten die, die sich so beschreiben, ohne den Begriff zu verwenden. 3% berücksichtigen die mutmaßliche Dunkelziffer, wobei das nur ein absoluter Mindestschätzwert ist. Rechnet man auch Demisexuelle (grey-a) und auch noch andere nicht auf physisch-reale lebende Menschen bezogene Orientierungen mit ein (siehe meine Ausführungen im Definitionsteil), kommt man auf die Schätzwerte, nach denen wir durchaus mit den Homosexuellen mithalten können, also bei manchen Expertenschätzungen bis zu 10% (die ich persönlich aber doch schon etwas gewagt finde; das ist wohl die absolute Höchstgrenze – es sei denn, die Behauptung, dass die meisten Leute Sex wollen, wäre eine einzige riesige Weltverschwörung oder käme daher, dass nie jemand sich traut, zu widersprechen [was natürlich nie zu hundert Prozent auszuschließen ist, wenn man bedenkt, wie Menschen so sind]). Tja, und Naturblonde sind im Augenblick gerade noch 2% der Menschheit. Gelten Blonde als krank, heilungsbedürftig, lächerlich o. ä.? Iwo: Blondes Haar ist hierzulande Schönheitsideal und Leute färben sich die Haare blond. Fazit: Minderheiten werden nicht automatisch für schlecht gehalten und sind es noch viel weniger.

Um eine Vorstellung davon zu erhalten, sucht euch doch mal einen großen Veranstaltungssaal, findet heraus, wie viele Leute da hineinpassen, und berechnet dann, wie viele davon rein statistisch asexuell sein könnten. (Ihr könnt auch versuchen, Zahlen über Fernsehstudios eurer Lieblinkstalkshows herauszufinden.) In unser Audimax in der Uni passen beispielsweise rund 500 Leute (520 genau). Allein 1% davon wären schon 5 Leute. 3% sind 15 Leute, das macht bei uns ungefähr eine Bankreihe. Rein statistisch ist also in einer vollbesetzten Audimaxveranstaltung eine ganze Bankreihe von Studenten asexuell. Was haltet ihr nun von der Vorstellung, dass sich jemand da vorn ans Dozentenpult stellt und behauptet, dass es keine Asexuellen gibt? Wirkt eine ganze Hörsaalbankreihe voller Leute auf euch irgendwie nichtexistent?

Man kann das mit den Zahlen sogar noch weiter treiben. Frage: Ist es wirklich so ungewöhnlich, keinen Sex zu wollen? Sehen wir uns das doch mal an! Die meisten Menschen bevorzugen nur ein biologisches Geschlecht. Da fällt also schonmal rund die Hälfte der Menschen weg bzw. man findet nur etwa die Hälfte potentiell sexuell attraktiv. Die meisten Menschen bevorzugen auch eine bestimmte Altersgruppe. Weil es sich leichter rechnet, teilen wir die verbliebene Hälfte jetzt mal in die drei Gruppen „älter“, „etwa gleich alt“ und „jünger“ und machen diese Gruppen gleich groß. (Tatsächlich kenne ich nur wenige Menschen, die einen Altersabstand von mehr als fünf Jahren für sich mögen, häufig auch nur entweder nach oben oder nach unten, sodass die mittlere Gruppe eigentlich viel kleiner sein müsste, aber wir wollen hier nur veranschaulichen und keine Statistiken auswerten.) Wenn wir so tun, als wäre das je ein Drittel, bleibt von der Hälfte also wiederum nur ein Drittel übrig, das ist ein Sechstel. (Wie gesagt, der Teil ist eigentlich sehr viel kleiner.) Und von dieser Zielgruppe wiederum findet man auch nicht jeden Vertreter tatsächlich sexuell attraktiv, nehmen wir also wieder die Hälfte. Da sind wir schon bei einem Zwölftel. (Dann muss die Attraktivität auch noch auf Gegenseitigkeit beruhen und dann muss man auch noch zueinander passen, aber so weit gehen wir hier nicht. Trotzdem ist es schon ein kleines statistisches Wunder, dass überhaupt so viele Beziehungen eingegangen werden und dass die meisten Menschen in ihrem Leben mehrere davon führen.) Es besteht also schon eine vergleichsweise geringe Wahrscheinlichkeit, jemanden überhaupt sexuell attraktiv zu finden. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass sexuelles Verlangen sowohl grundsätzlich als auch konkret vergänglich ist und nicht dauerhaft hält, muss man also sagen, dass es „normaler“ ist, keine sexuelle Anziehung zu verspüren, als es doch zu tun. So viel also zum Thema „sexuelles Desinteresse ist unnormal“.

Was das persönliche Vorstellungsvermögen anbelangt: Siehe oben. Ich find’s super, dass du so konkrete Vorstellungen vom Glücklichsein hast. Mach sie zur Grundlage deines eigenen Lebens; ich nutze meines derweil zur Verwirklichung meiner Vorstellungen.

a) Hast du ein Hormonproblem?

Dass meine Hormone von denen Heterosexueller möglicherweise abweichen, kann ich mir gar nicht mal so schlecht vorstellen – Gleiches gilt für Homosexuelle, Bisexuelle und alle Anderen. Fraglich ist hier nur, inwiefern das ein Problem darstellen soll. Probleme sind im Allgemeinen Schwierigkeiten, und zwar gravierende, die das Leben vorübergehend oder gesamtheitlich teilweise oder ganz erschweren. Nun ist es freilich nicht zu leugnen, dass eine Beziehung zwischen Asexuellen und Nichtasexuellen Schwierigkeiten macht. Und nicht nur das: In den Eingangsbeispielen habt ihr gesehen, dass es auch das tägliche Leben betreffen kann. Diese Probleme liegen aber nicht direkt in der Asexualität begründet, sondern in ihrer Andersartigkeit gegenüber Nichtasexuellen. (In der asexuellen Community sowie auf AVEN werden Letztere daher als „Sexuelle“ zusammengefasst. Ich persönlich bevorzuge dennoch die Bezeichnung „Nichtasexuelle“, weil ich mich selbst und uns begrifflich nicht als „unnormal“ abgrenzen möchte.) Genau genommen besteht aber das Problem eher darin, dass Nichtasexualität als Maßstab aller Dinge gesehen und behandelt wird. Wer „anders“ ist, muss sich „outen“, um seine „Andersartigkeit“ anzuzeigen. Und wer von der Norm abweicht, dem wird gern suggeriert, er wäre „falsch“, und „falsch“ heißt „krank“ und „krank“ heißt „Problem“, und da haben wir unser „Hormonproblem“, obwohl es höchstens eine Hormonandersartigkeit ist. Also ja, ich habe vielleicht eine Hormonandersartigkeit. Aber sie ist kein Problem, jedenfalls nicht für mich. Und wenn sie es für dich ist, dann ist das im wahrsten Sinne des Wortes dein Problem. Aber das kann ich nicht lösen. Und noch viel weniger bin ich verpflichtet, mich an deine Vorstellung von „unproblematisch“ anzupassen. Aber du könntest deine Vorstellung anpassen. Das würde automatisch dazu führen, dass du weniger „Probleme“ in der Welt siehst, und das wäre doch etwas Schönes, nicht?

b) Wie wär’s mal mit einer Therapie?

Therapien sind dazu da, um Krankheiten zu heilen, sprich, Probleme zu lösen. Wie soeben festgestellt, liegt meinerseits kein Problem vor. Mithin brauche ich auch keine Therapie. Allerdings hatten wir stattdessen auch festgestellt, dass möglicherweise du ein Problem hast…

2. Musst du dann ewig allein bleiben?

Müssen gibt es nur, wenn man nicht will. Und ein sexloses Leben ist nicht automatisch ein einsames Leben. Sex und Beziehung sind übrigens auch zwei verschiedene Dinge.

a) Heißt das jetzt, du kannst nicht lieben?

Nein, denn ich bin nur asexuell, nicht aromantisch. (Wobei das übrigens auch nichts Schlechtes wäre.) Außerdem gibt es Liebe nicht nur im romantischen Kontext. Und auch romantische Liebe drückt man nicht (nur) mit Sex aus. Sollte man jedenfalls nicht.

b) Aber wie führst du denn dann eine Beziehung? Das sind doch nur Freundschaften!

Aaalso, zuerst einmal: Streich bitte das Wort „nur“! Freundschaften haben nicht weniger Wert als Beziehungen, nur einen anderen. Und immerhin halten die meisten Freundschaften länger als die meisten Beziehungen.

Freunde und Beziehungspartner unterscheiden sich voneinander dadurch, dass zwei Freunde jeweils eigene Leben führen, die parallel verlaufen und viele Verbindungspunkte aufweisen, während zwei Beziehungspartner ihre beiden Leben zu einem zusammenlegen. Natürlich ist eine Beziehung damit in gewisser Hinsicht eine Steigerung der Freundschaft – aber nur quantitativ, nicht qualitativ. Freunde brauchen also eher gemeinsame Interessen (Hobbys, Gesprächsthemen, Streitkultur), Beziehungspartner gleiche Vorstellungen vom Glücklichsein (Lebensplanung, Wertvorstellungen, Freizeitgestaltung, Feiern, Urlaub). Dieses Zusammenlegen stellt sicherlich die größte Hürde dar. Ich konnte in der Vergangenheit feststellen, dass es zwei Arten von Menschen gibt: Die Einen sind eher ein einziger „Persönlichkeitstyp“ von Mensch (z. B. eher introvertierte Kopfmenschen) und bevorzugen auch eher eine „Art“ von Freunden (meist die gleichen Menschen wie sie selbst), von denen sie dann auch eher wenige haben; die haben es leichter, einen Beziehungspartner zu finden und mit dem auch dauerhaft zusammenzubleiben. Die Anderen vereinen mehrere „Typen“ in sich (z. B. manchmal quirlig-blödsinnig und manchmal intellektuell-grüblerisch) und haben oder wollen auch einen durchwachsenen, meist größeren Kreis Menschen um sich (z. B. ein Freund bevorzugt für politische Diskussionen, einen für Streiche und einen zum Shoppen); die haben es schwerer, einen perfekten Partner zu finden, weil der alle „Bereiche“ auf einmal „abdecken“ muss, deswegen wechseln sie häufiger, bis sie einem anderen „Multimenschen“ begegnen, mit dem es dann oft die große wahre Lebensliebe ist.

Grundsätzlich kann man mit einem Beziehungspartner also nur glücklich werden, wenn man mit ihm zusammen ein Leben führt, das man genau so auch allein geführt hätte. Es bringt nichts, zu versuchen, sich „aus Liebe“ aneinander anzupassen, denn erstens funktioniert das sowieso nicht dauerhaft und zweitens heißt Liebe nicht, dass zwei sich aneinander anpassen, sondern dass zwei einander so sein lassen, wie sie sind. Besonders wichtig ist, zu klären, was man eher als Interesse einkategorisiert und was als Lebensinhalt. Beziehungsrelevant sind, wie gesagt, eher Lebensinhalte, während Interessen eher freundschaftsrelevant sind. Und da haben wir einen ersten möglichen Stolperstein: Für einen Nichtasexuellen fällt Sex oft in die Kategorie Lebensinhalt und ist daher beziehungsrelevant. Für Asexuelle ist Sex eher eine Art Interesse und daher nicht beziehungsrelevant. Für Unsereinen stellt sich Sex eher als eine Art schräges Hobby dar. Wir verstehen Sex nicht als lebensrelevant. Verstehen setzt sich zusammen aus begreifen und nachvollziehen können. Selbstverständlich können wir auf intellektueller Ebene begreifen, dass Sex für den Nichtasexuellen eben doch lebensrelevant ist. Aber wir können es eben nicht emotional nachvollziehen. Deswegen entsteht zwischen dem asexuellen und dem nichtasexuellen Partner oft eine große Verständnislücke im Zusammenhang mit der Frage, ob Sex überhaupt ein entscheidender Faktor für das Eingehen einer Beziehung und das Beziehungsglück ist. Unter diesen Umständen ist es deswegen von Vorteil, wenn auch die sexuellen Orientierungen einander so ähnlich wie möglich sind, denn dann hat man es wesentlich leichter, einen gemeinsamen Nenner in der Antwort auf genau diese Frage zu finden. Schließlich würden ja auch Heterosexuelle keine Beziehung mit Homosexuellen führen.

Da ist aber ein klitzekleiner Haken: Hetero- und Homosexuelle sind in der Regel auch hetero- bzw. homoromantisch. Asexuelle sind nicht automatisch aromantisch, und wenn sie nicht aromantisch sind, sind sie z. B. hetero-, homo- oder biromantisch. Problem: Wenn ein Heterosexueller sich in einen Homosexuellen verliebt, sagt der Homosexuelle einfach, dass er homo ist, das wird akzeptiert und fertig. Wenn ein Homosexueller sich in einen Heterosexuellen verliebt, sagt der Heterosexuelle, dass er hetero ist, das wird akzeptiert und fertig. Aaaber: Wenn ein Heterosexueller sich in einen Asexuellen verliebt, kann der diese Zuneigung sehr wohl erwidern! Nun ist es ja so, dass Menschen automatisch davon ausgehen, dass gegenseitige romantische Anziehung automatisch in einer Beziehung mündet. Du hast es ja selbst gesagt: „Nur“ Freundschaften werden gegenüber Beziehungen nicht als ausreichend und gleichwertig betrachtet, man muss schon versuchen, das Höchstmögliche zu erreichen. Und als Happy-End zählen nunmal nur Beziehungen. Klatschmagazine sprechen bei beziehungslosen Promis automatisch davon, dass sie „ihr Glück noch nicht gefunden“ hätten, ohne in Erwägung zu ziehen, dass sie ohne Beziehung vielleicht gerade glücklich sind. (Deswegen kriegt jede gute oder zur guten Seite bekehrte Figur am Ende eines Films oder Romans einen Love Interest, auch das Mauerblümchen, und keine böse Figur bekommt einen. Wenn irgendjemand am Ende des ersten Teils noch keinen hat, obwohl er einen haben sollte, z. B. das Mauerblümchen oder der Held, dann gibt es eine Fortsetzung. Ganz sicher. Immer.) Ich persönlich (!) habe den Eindruck, dass viele Menschenpaare besser damit beraten wären, miteinander befreundet zu sein, statt sich an einer Beziehung zu versuchen, die dann scheitert, weil ein gemeinsames Leben eben nicht so gut funktioniert wie zwei eigene. Manche Menschen sind allgemein sogar bessere (beste) Freunde als Beziehungspartner. Aber man kriegt ja oft beigebracht, dass insbesondere Männer und Frauen nicht miteinander befreundet sein könnten, und überhaupt müsse ja gegenseitige Anziehung immer romantischer Natur sein. Man muss sich sogar rechtfertigen, wenn man in jemanden verliebt ist, aber aus verschiedenen Gründen keine Beziehung mit ihm möchte. Die Leute gehen nämlich davon aus, dass mit Verliebtheit auch ein Beziehungswunsch automatisch einherginge. Das ist natürlich Blödsinn. Verliebtheit ist eine bestimmte Form eines Gefühls, ein Beziehungswunsch eine Erwartung für sich selbst. Verliebtheit ist aber eben keine Erwartungshaltung. Es ist nicht der Wunsch, dass jemandes Leben nach meinen eigenen Vorstellungen verlaufen möge, sondern der, dass sein Leben nach seinen Vorstellungen verlaufen soll, unabhängig davon, ob diese Vorstellungen von meinen abweichen oder ihnen zuwider laufen. Eigene Wünsche können ein mögliches Resultat von Verliebtheit sein, aber sie sind nie ein Teil von ihr. Verliebtheit bedeutet also u. a. nicht die Erwartung, dass jemand mein Beziehungspartner werden möchte. Wenn ich verliebt bin, mag ich Denjenigen. Deswegen verbringe ich gern Zeit mit ihm. Deswegen möchte ich so viel Zeit wie möglich mit ihm verbringen. Deswegen möchte ich für ihn wichtig genug werden, dass er seinerseits viel Zeit mit mir verbringen möchte. Deswegen möchte ich sein Beziehungspartner werden, weil ich dann sehr wichtig für ihn bin. Deswegen möchte ich, dass er mein Beziehungspartner werden möchte, damit ich seiner werden kann. Mein Beziehungswunsch ist also die Folge meiner Verliebtheit – eine mögliche Folge. Wenn ich Denjenigen ganz selbstlos nur gern habe, kann ich mich auch freuen, dass er einen anderen Beziehungspartner findet und mit ihm glücklich wird.

Das können die Meisten von uns eher nicht. Wir wünschen uns also eine Beziehung mit Leuten, in die wir verliebt sind. Und wenn dieser Wunsch auf Gegenseitigkeit beruht – was spricht dann noch dagegen? Es gibt sehr wohl erfolgreiche, haltbare Beziehungen zwischen Asexuellen und Nichtasexuellen (und es scheitern genügend Beziehungen zwischen Nichtasexuellen trotz tollem Sex). Beziehungen ohne Sex sind übrigens dem Begriff nach nicht Beziehungen ohne Sex, sondern Beziehungen. Du nennst Beziehungen zwischen Heterosexuellen auch nicht heterosexuelle Beziehungen, sondern einfach Beziehungen. Deswegen sprich bitte auch nicht von asexuellen oder sexlosen Beziehungen, sondern ebenfalls einfach von Beziehungen. In diesen Zusammenhang gehört der Irrtum, Sex wäre der Unterschied zwischen Freundschaft und Beziehung. Was ist dann mit der Zeit zwischen dem Sex? Was ist, wenn ein Partner später im Rollstuhl landet? Was ist mit Leuten, die schon vorher im Rollstuhl saßen? Und: Sind friends with benefits Beziehungspartner?

Natürlich soll ein Beziehungspartner Dinge bekommen, die niemand sonst haben kann. Im Idealfall sind es sogar Dinge, die kein anderer Beziehungspartner bekommen hat/wird. Das ist für viele Leute der Grundgedanke hinter Sex und überhaupt zwischenkörperlicher Interaktion. Aber man kann auch andere Dinge für die traute Zweisamkeit aufsparen. Das ist praktisch mit so ziemlich Allem möglich. Ich persönlich habe bspw. sehr enge Privatsphärevorstellungen und würde nie jemanden mitten auf dem Marktplatz küssen und schon gar nicht auf Befehl und Termin auf dem Standesamt vor dem wildfremden Standesbeamten und der versammelten Gästeschar. Bei mir gäbe es das nur privat, zumal es ja in meinem Falle auch noch „das Höchste der Gefühle“ wäre, da Sex als einzig „höhere“ Option wegfällt. Und das Schöne an Beziehungen ist doch sowieso, dass man sich Vertraulichkeiten erfindet, die ganz genau so nicht auch zwischen allen anderen Paaren stattfinden, oder?

Über solche Sachen muss man sich natürlich miteinander verständigen, und zwar ganz offen und ehrlich und direkt. Was ich persönlich überhaupt nicht verstehe, ist diese Kommunikation per kryptischem Subtext, die viele Nichtasexuelle im Zusammenhang mit Sex gern praktizieren. Nicht nur, weil ich auf Nachfragen oder ehrliche Bitten um Erklärung, um mich selbst im Verständnis dieser Codes zu trainieren, meist bloß doofes Grinsen und ein „Ach, vergiss es, nicht so wichtig.“ zu hören bekomme. (Die betreffenden Leute suchen dann nämlich nicht die Schuld für die Kommunikationsfehler bei sich selbst, weil sie sich ja nicht klar ausgedrückt haben – sondern bei mir, weil ich nicht hellsehen und sie trotzdem verstehen kann.) Die Redebereitschaft der meisten meiner Mitmenschen verhält sich leider gerade umgekehrt proportional zur Wichtigkeit des zu besprechenden Themas oder zu lösenden zwischenmenschlichen Problems. Insbesondere über physische Bedürfnisse (gesundheitliche Probleme, Stuhlgang, sogar Juckreiz und natürlich Sex) trauen sich erstaunlich viele Menschen nicht zu sprechen, obwohl es ein offenes Geheimnis ist, dass es eigentlich (fast) Jeder gern möchte. „Darüber kann man doch nicht reden!“ oder zumindest „Das kann man doch nicht sagen!“ bezogen auf bestimmte zu äußernde Ansichten bekomme ich sehr oft zu hören. Zu rechtfertigen versucht wird das gern damit, dass zwischen Beziehungspartnern „blindes Verständnis“ herrschen müsste, wenn sie einander wirklich und wahrhaftig liebten. Das ist in meinen Augen Quatsch. Gerade mit dem Partner will ich doch gern reden!? Und wenn ich das nicht kann bzw. es als „müssen“ empfinde, ist er nicht der Richtige für mich, auch nicht, wenn der Sex mit ihm toll ist. Blindes Verständnis gibt es so gut wie nicht und mit jemandem nicht reden zu wollen, ist sowieso ein schlechtes Zeichen. Den richtigen Partner erkennt man daran, dass man mit ihm nicht über alles reden muss, sondern mit ihm reden will. Was ich akzeptiere, ist, dass sich die Kommunikation mit dem Beziehungspartner von der mit anderen Menschen unterscheidet. Das tut sie oft sogar automatisch. Sie muss aber vorhanden sein. Dann muss man sich natürlich auch auf inhaltlicher Ebene einigen (siehe oben, gemeinsame Vorstellungen vom Glücklichsein) und dann funktioniert jede Beziehung.

3. Waaas? Du verpasst aber das Beste auf der Welt!

Und der krönende Abschluss des was-für-mich-gut-ist-muss-auch-dir-fehlen-Denkens.

a) Sex ist doch toll!

Jein. Nur der Sex, den man freiwillig hat und mag. Und ich halte ja das Gefühl eines Orgasmus auch gar nicht für schrecklich – es ist für mich nur unspektakulär, es hat kein Suchtpotential. Aber ich gönne es dir natürlich, dass du ihn magst.

b) Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Sex gesund bzw. zu wenig Sex ungesund ist!

Das Gleiche in Grün: Nur der, den man will. Das Gesunde daran sind die wie auch immer gearteten positiven Gefühle. Das Ungesunde ist der Verzicht auf etwas, wonach man sich sehnt. Unfreiwilliger oder nur widerwillig vollzogener Sex ist dagegen sogar in höchstem Maße ungesund!

Sehr gesund ist es dagegen, emotionale Erfüllung in anderen Dingen zu finden. Für mich sind das z. B. gute Einfälle. Ich (!) denke mir dann immer, dass Orgasmen was für unkreative Langweiler sind: Sie sind nämlich vorherbestimmbar. Man kann sie vorherbestimmen, muss es aber auch. Man arbeitet darauf hin, man kennt das Ende, die Erwartungen werden erfüllt und es fühlt sich immer irgendwie gleich an. Zufällig kann es einem praktisch nicht widerfahren. Aber gute Ideen kann man nicht erzwingen. Man kann über ein Problem nachgrübeln. Aber man weiß nicht, ob man eine Lösung findet, wie sie ausfällt und ob sie alle Fragen beantwortet. Es kann Einem auch „versehentlich“ ein toller Gedanke zu einem ganz anderen Thema kommen. Und das Beste: Manchmal hat man solche „Einschüsse“ einfach so, mitten auf der Straße. Ich persönlich finde auch, dass dieses Glücksgefühl dem eines Orgasmus sogar noch weit überlegen ist.

Du siehst: Ich lebe sehr gesund. Und mein Leben ist auch durchaus aufregend ohne Sex.

Ach ja: Der allgemeine Asexuellen-Community-Witz ist übrigens Kuchen. Alle Varianten von „Ja, Sex ist gut – aber hast du mal (diesen) Kuchen gegessen?“ über „Wenn du dich zwischen Sex und Kuchen entscheiden müsstest, was würdest du wählen? – Hä? Na Kuchen, was sonst!?“ bis hin zu „Wenn du auf diesen Knopf drückst, kriegst du für den Rest deines Lebens Kuchen im Überfluss, wirst aber nie wieder Sex haben können. – Äh, und wo soll da jetzt der Interessenkonflikt sein???“ Das geht so weit, dass man einfach nur noch das Wort Kuchen sagt und alle schon anfangen zu grinsen. Und natürlich gibt es im AVEN-Forum ein Kuchenstück-Emoticon.

4. Das passt mir aber jetzt nicht!

Ach, sieh an – des Pudels Kern! Du gibst also zu, dass es gar nicht um mich geht, sondern um dich selbst!

a) Aber du bist doch so heiß, du kannst uns doch nicht alle abweisen!

Ach du meine Güte! Attraktive Menschen sind durch ihre bloße Attraktivität zu gar nichts verpflichtet! Wenn du jemanden sexy findest, bitteschön. Aber irgendwelche Ansprüche erwachsen dir daraus nicht. Selbst Brad Pitt und Angelina Jolie könnten asexuell sein. Sie könnten sogar eine asexuelle Beziehung miteinander führen. Und hey – wir wissen ja gar nicht, ob sie’s nicht vielleicht tun! Warum sind denn so viele ihrer Kinder nur adoptiert, hä? Und warum war Angelinas brustverkleinernde OP kein Problem, obwohl das weniger sexy aussieht? Okay, okay, sie haben sich beim Dreh einer Sexszene zusammengefunden. Aber vielleicht sind sie auch nur gute Schauspieler? Und haben dabei bemerkt, dass sie alle beide eigentlich die gleiche Ansicht zu dem Thema haben? Na? Okay, Spaß beiseite. Klar, wir rechnen nicht damit, aber warum? Genau: Asexualität ist nicht sehr bekannt – und sie sind attraktiv. Aber die sexuelle Orientierung ist unabhängig von der eigenen Attraktivität, und zwar in beide Richtungen.

b) Schatz, das kriegen wir hin, wir arbeiten dran, und wir tun auch nichts, was du nicht willst! Irgendwann wirst du Sex wollen!

Fein. Dann akzeptiere du als mein (potentieller) Beziehungspartner doch bitte als Allererstes, was ich nicht will: Sex. Und überhaupt, was heißt hier „hinkriegen“: Für dich vielleicht? Ich bin dir nicht verpflichtet, und wenn du das glaubst, dann raus hier! Für mich? Keine Sorge, mir geht’s gut!

Ehrlich, bei so einer Ansage wird mir schlecht. Du hast nichts, aber auch gar nichts verstanden. Und außerdem zweifle ich an deiner Eignung als Vertrauensperson, die ein Partner immerhin sein sollte.

c) Worüber soll ich mich denn dann mit dir unterhalten?

Oje…

D) Zum Schluss noch fünf Gleichnisse…

Nachdem ich Asexualität sachlich definiert und mich anschließend eingehend mit den gängigen Antworten und Reaktionen beschäftigt habe, möchte ich nun noch etwas zur Veranschaulichung beitragen. Ich habe mir daher für die wichtigsten Punkte, die häufig das allgemeine Vorstellungsvermögen übersteigen, vergleichende Beispiele ausgesucht, die hoffentlich ein durchschnittlicher Mitmensch leicht nachvollziehen kann. Das soll dazu dienen, dass nichtasexuelle Leser sich die asexuelle Perspektive im Alltag leichter vorstellen können, und kann hoffentlich Verständigungsschwierigkeiten abbauen.

1. Juckreiz und Sensation

Im ersten Gleichnis soll es um die häufig auftauchende Frage gehen, warum sexuelle Befriedigung und Gefühle wie ein Orgasmus für Asexuelle nichts Spektakuläres sind.

a) Das Juckreizgleichnis

Wenn es irgendwo am Körper juckt, dann hilft es dagegen, wenn man an der Stelle kratzt. Da Juckreiz ein eher unangenehmes Gefühl ist, wird sein Ende als angenehm empfunden, weswegen die Abhilfe dagegen eine regelrechte Befreiung darstellt. Wenn man sich gerade nicht kratzen kann (z. B. weil man keine Hand frei hat; oder weil es am Auge juckt, man sich aber gerade die Hände eingecremt hat und eine Reizung vermeiden will; oder weil es am Po juckt, man sich in der Öffentlichkeit befindet und es Einem peinlich wäre, sich öffentlich am Po zu kratzen), dann kann es manchmal unerträglich werden. Nach ein paar Augenblicken fällt es sogar schwer, sich auf etwas Anderes zu konzentrieren, weil man nur noch an den Juckreiz denken kann. Es kommt sogar vor, dass man jemanden anblafft oder schlecht gelaunt reagiert („Jetzt nimm mir doch endlich mal diese Kartons ab!“). Wenn man dann darauf angesprochen wird, schämt man sich oft, über die Ursache zu sprechen, weil das irgendwie ein Tabu ist („Kind, man kratzt sich nicht in Gesellschaft!“).

Kratzen ist also sehr angenehm. Man kann es fast als eine Befriedigung bezeichnen, konkret als eine Bedürfnisbefriedigung. Dieses Gefühl der Befreiung mag man aber nur in diesem Moment. Man käme nicht auf den Einfall, sich entsprechend zu stimulieren (sich beispielsweise mit einer Feder an der Nase zu kitzeln), nur damit es juckt, nur damit man sich kratzen muss, nur um dieses Gefühl zu erleben. Sondern wenn es juckt, dann kratzt man, und sonst denkt man nicht daran, ist allenfalls froh, gerade von diesem körperlichen Bedürfnis nach Kratzen verschont zu bleiben.

Außerdem ist Kratzen Privatsache. Man kratzt nur sich selbst, aber niemand anderen. Man kratzt sich immer selbst, aber lässt sich nicht kratzen. Vielleicht würde man zustimmen, wenn jemand behaupten würde, dass es ein ganz besonderer Ausdruck von Intimität und Nähe und sogar Zuneigung, ja Liebe wäre, Kratzen zur gemeinsamen und gegenseitigen Sache zu machen. Ja, man würde sogar akzeptieren, wenn jemand das gegenüber alleinigem Selbstkratzen bevorzugen würde, auch wenn man Denjenigen vielleicht schief ansähe. Aber wer käme auf den Einfall, den Willen zum gegenseitigen Kratzen zur Grundlage für das Vorhandensein von Zuneigung zu machen? Wer sähe es als Beweis der Nichtliebe, wenn jemand dazu nicht bereit wäre? Wer würde von dieser Bereitschaft die Wahl seines Beziehungspartners abhängig machen? Und erst jemand, der kaum ein anderes Gesprächsthema kennt! Der pausenlos „zweideutige“ Anspielungen auf Juckreiz und Kratzen macht! Möglicherweise würde man ihn für nicht ganz richtig im Kopf halten und ihn zum Doktor oder Psychotherapeuten schicken.

b) Was ist nicht nur angenehm, sondern hat Suchtpotential?

Sex ist ein grundlegendes Thema in den meisten Romanen, Filmen, Fernsehserien, sogar in der Werbung. Heidi Klums Lieblingssatz in den letzten GNTM-Staffeln war „Sei sexy!“ In Klatschmagazinen geht es vornehmlich um das Intimleben der Prominenten, man stellt sogar ganz ungeniert Fragen danach in Interviews. Und im täglichen Leben kennt wahrscheinlich Jeder von euch mindestens einen dieser Menschen, die es schaffen, in jedem zweiten Satz eine eindeutig-zweideutige Anspielung zu machen. Kurz: Sex ist allgegenwärtig.

An sich ist das erstmal nichts Schlimmes. Viele Menschen haben großes Interesse an dem Thema, und ich bin heilfroh, dass wir nicht mehr zu Zeiten leben, zu denen Sex ein so großes Tabuthema war, dass sogar die eigentlich wichtige Aufklärung darunter litt. Aber was es im Überfluss gibt, das geht früher oder später auf die Nerven. Ich bin sicher, das geht auch Nichtasexuellen bisweilen so. Der Unterschied besteht darin, dass Asexuelle meist schneller genervt sind. Auch das ist aber noch nicht das eigentliche Problem. Anstrengend wird es erst, wenn von allen Seiten erwartet wird, dass man sich für das Thema Sex interessiert und man sich rechtfertigen muss, wenn man es nicht tut. Wenn ihr mal wieder in so eine Situation geratet, in der jemand keine Lust hat, über Sex zu reden, stellt euch also einfach vor, wie es wäre, wenn jemand mit euch tagein, tagaus über Juckreiz und Kratzen reden wollen würde. Und dann sucht euch gemeinsam ein Thema, für das ihr und euer Gesprächspartner euch beide interessiert. Über Sex reden könnt ihr ja beim nächsten Mal wieder.

2. Apple und Kompatibilität

Im zweiten Gleichnis geht es darum, dass Asexuelle und Nichtasexuelle sowohl im täglichen Leben (z. B. bei der Suche nach Gesprächsthemen) als auch in Beziehungen nicht so leicht kompatibel sind und deswegen oft versucht wird, Asexuelle anzupassen, „umzuerziehen“ oder zu „heilen“.

a) Das Apple-Gleichnis

Eine große Masse von Menschen lässt sich in zwei Lager teilen: Die militanten Apple-Nutzer, genannt Apple-Jünger, und die ebenso militanten Apple-Gegner. (Und dann gibt es noch die, denen es egal ist.) Das wesentlichste Merkmal von Apple-Produkten ist die Tatsache, dass sie mit gleichartigen technischen Geräten anderer Hersteller nur bedingt bis gar nicht kompatibel sind. Für die Gegner ist genau das das Problem: Apple-Geräte zu nutzen bedeutet meist, nur Apple-Geräte zu nutzen, oder man gerät teilweise in arge Schwierigkeiten. Für Jünger liegt aber gerade hierin der Vorteil: Es heißt sogar, Applegeräte seien v. a. deshalb so sicher, weil auch die meisten Viren schlicht nicht mit den Apple-Betriebssystemen kompatibel wären.

Fest steht: Man entscheidet sich für oder gegen Apple immer aus ganz bestimmten Gründen. Kein Mensch käme auf den Einfall, sich ein Macbook zu kaufen, um dann Windows draufzuspielen. Wenn jemand das vorschlüge, würde er nicht nur über die Unmöglichkeit dieses Vorhabens aufgeklärt, sondern auch freundlich gefragt, ob bei ihm irgendwelche Sicherungen durchgebrannt wären. Man sucht Mittel und Wege, zwischen Apple und Nichtapple zu vermitteln und Geräte unterschiedlicher Hersteller in Kombination miteinander nutzen zu können. Aber niemand würde Apple in Nichtapple umzuwandeln versuchen. Dann wäre es ja nicht mehr Apple und man könnte sich auch gleich Samsung kaufen.

b) Bedeutet Anderssein automatisch Krankhaftigkeit?

Asexualität wird nicht selten als „Problem“ gesehen, das „behoben“ werden müsste. Zur Begründung wird angeführt, dass Gleichsein das Funktionieren des Zusammenlebens einfacher machen würde.

Dass es sich nicht um ein Problem handelt, haben wir oben hinreichend geklärt. Natürlich ist es manchmal schwierig zwischen Asexuellen und Nichtasexuellen. Aber wenn man es recht bedenkt, kommt das eigentlich gar nicht so oft vor. Eigentlich muss man Lösungen nur für Beziehungen suchen, und da ist es wohl kaum das rechte Mittel, wenn ein Partner vom anderen Partner verlangt, er möge sich der Einfachheit halber doch bitte an ihn anpassen, um ihm die Notwendigkeit zu ersparen, seinerseits auf den Partner zuzugehen.

3. Technik für alte Menschen und Bedürfnisse

Das dritte Gleichnis behandelt die Frage, ob ein Mangel an einem bestimmten Bedürfnis zwangsläufig einen Mangel am Schönen und Guten bedeutet.

a) Das Technikbenutzungs-Gleichnis

Eine große Zahl von Menschen der älteren Generation hat Schwierigkeiten mit technischen Gerätschaften der neueren Zeit. Das liegt daran, dass diese Geräte erst vor vergleichsweise Kurzem erfunden wurden, als diese älteren Menschen bereits erwachsen und teilweise schon Senioren waren. Da es viel leichter ist, Fähigkeiten und Kenntnisse im Jugendalter zu erwerben, aber mit zunehmendem Alter schwerer, dies nachzuholen, haben viele von ihnen Mühe, sich an den Umgang mit diesen Geräten zu gewöhnen. Da noch dazu die in diesem Zusammenhang herrschende Sprache Englisch ist, die viele dieser Leute nicht gelernt haben oder nur unzureichend beherrschen, fällt es ihnen doppelt schwer, zu lernen, mit der Technik zurechtzukommen. Zu allem Überfluss ist es heutzutage geradezu selbstverständlich geworden, sich damit auszukennen. Gerade Computer und insbesondere das Internet bestimmen unser Leben inzwischen maßgeblich, und der technische Fortschritt gewinnt immer mehr an Tempo, sodass es schwer fällt, mitzuhalten oder zwischendurch „einzusteigen“. Wenn aber das tägliche Leben von technischen Geräten unterschiedlicher Art maßgeblich bestimmt wird und man mit diesen Geräten nicht zurechtkommt, macht dieses tägliche Leben seinerseits Schwierigkeiten. Eine große Zahl der Vertreter jüngerer Generationen, die ihrerseits mit dieser Technik aufgewachsen und dementsprechend vertraut sind, sehen die Lösung des Problems darin, den alten Menschen den Zugang zur Technik zu erleichtern und sie im Umgang damit zu schulen.

Nun ist es so, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Wer ohne Computer aufgewachsen ist, kennt auch oft gar nicht das Bedürfnis, einen zu benutzen. Es ist freilich richtig, dass eine große Zahl älterer Menschen den Umgang mit Computern & Co. inzwischen nicht nur sicher beherrscht, sondern auch die Vorteile der Technik zu schätzen und zu nutzen weiß und sie inzwischen nicht mehr missen möchte. Aber es gibt v. a. auch diejenigen Älteren, die gar kein Interesse daran haben, ein Bedürfnis, das sie gar nicht haben, erst künstlich zu erschaffen, nur, damit sie es dann befriedigen können und müssen. Ich erinnere mich an einen Artikel in der Glamour von vor ein oder zwei Jahren, in dem es um Menschen ging, die etwas scheinbar Selbstverständliches ganz anders machen als Andere; u. a. war darin von einer jungen Frau in meinem Alter zu lesen, die noch nie das Internet benutzt hat und es auch nicht braucht – das ist heutzutage offenbar schon etwas Absonderliches. Viele Menschen sind schon irritiert, wenn jemand kein Handy hat. Das Problem für sie besteht nämlich darin, dass sie sich dann eine andere Art der Kommunikation nur für diese handylosen Menschen ganz persönlich überlegen müssen, was Aufwand bedeutet und anstrengend ist. Wer keinen Facebook-Account oder wenigstens eine E-Mail-Adresse hat, bekommt regelmäßig „nebenbei“ in irgendwelchen Halbsätzen vorgehalten, dass das ja anderen Leuten Umstände bereitet und man „so doch ganz von der Welt abgeschnitten“ wäre. Vielleicht befremdet es einige technikaffine Menschen auch, dass jemand ein Bedürfnis, das sie selbst regelmäßig befriedigen müssen, gar nicht hat.

b) Hat wirklich Jeder die gleichen Bedürfnisse?

Das ist auch das Kernproblem für viele Nichtasexuelle im Umgang mit Asexuellen. Die zentrale Frage lautet für sie: „Sehnst du dich denn gar nicht danach, Sex zu wollen?“ Das heißt übersetzt: „Warum bist du zufrieden damit, ein bestimmtes Bedürfnis nicht zu haben? Warum störst du dich nicht daran, dass du es dann auch nicht befriedigen musst?“

Die Antwort darauf ist so einfach wie offensichtlich: Warum soll ich mich über die Abwesenheit eines Bedürfnisses ärgern? Ärgern könnte ich mich, wenn ich das Bedürfnis hätte, aber nicht befriedigen könnte (weil mir bspw. die Gelegenheit fehlt). Aber wenn ich es gar nicht habe, ist das höchstens etwas Positives. Es ist nämlich auch eine potentielle Sorge, die ich nicht habe. Natürlich sorgt die Befriedigung eines Bedürfnisses meist für Glücksgefühle unterschiedlicher Art und variierenden Ausmaßes. Und natürlich bleiben diese Glücksgefühle aus, wenn die Befriedigung ausbleibt. Aber ein unbefriedigtes Bedürfnis sorgt auch für einen Mangel an Wohlbefinden. Und wenn das Bedürfnis nicht vorhanden ist, muss es nicht befriedigt werden, und so bleibt auch dieser Mangel aus. Eine Medaille hat immer zwei Seiten. Mag sein, dass man mit dem Erlebnis sexueller Erfüllung etwas Großartiges verpasst. Aber mit dem Erlebnis sexueller Unzufriedenheit verpasst man auch etwas außerordentlich Unschönes. Große Medaillen haben auch große Kehrseiten. Man bekommt entweder die ganze Medaille oder man bekommt sie eben nicht. Dafür bekommt man aber vielleicht eine andere.

4. Schokolade und die Akzeptanz von Andersartigem

Das vierte Gleichnis widmet sich der Frage, wie schwer es fällt, Dinge zu akzeptieren, die man selbst nicht nachvollziehen kann, und wie sehr man überhaupt dazu bereit ist.

a) Das Schokoladengleichnis

Ich hatte einmal eine Freundin, die mochte keine Schokolade. Sie schmeckte ihr einfach nicht. Keine Schokoladensorte, auch nicht als großzügiges Geschenk von Freunden, völlig ohne objektive Gründe wie Diabetes.

Was glaubt ihr, wie ihr Umfeld darauf reagierte?

„Oh Gott, aber du verpasst ja das Beste auf der Welt!“

„Aber jeder mag doch Schokolade!“

„Probiert hast du sie aber schonmal, oder? Weil, sonst kannst du das nämlich gar nicht wissen!“

„Hast du Diabetes oder sowas? Freiwillig verzichtet man doch nicht auf Schokolade!“

„Bist du vielleicht auf Diät? Irgendeinen Grund musst du doch dafür haben!“

„Ach, irgendeine Sorte gefällt dir bestimmt! Hier, probier mal das hier!“

„Es ist allgemein bekannt, dass Schokolade glücklich macht! Willst du das nicht erleben?“

„Und jetzt stört es dich wahrscheinlich, dass ich in deiner Gegenwart Schokolade esse, oder was?“

„Hör auf dich wichtig zu machen! Du willst bloß was Besonderes sein, aber das glaubt dir eh Keiner!“

Zugegeben, ich war auch erstaunt. Ich habe sie sogar gefragt, ob es bestimmte Gründe hat und ob es jede Sorte betrifft. Diese Fragen hat sie allerdings einfach beantwortet und dann war es gut. Wir hatten ja auch noch andere Gesprächsthemen. Und wenn ich mich über Schokolade unterhalten wollte (Ich liebe Schokolade! Ich bin ein Schokoladenjunkie!), dann konnte ich das mit meinen anderen Freunden. Aber es gab tatsächlich Leute, die, nachdem sie davon erfahren hatten, hartnäckig versuchten, sie doch noch dazu zu bringen. Wozu? Welchen Vorteil hätten sie davon gehabt? Welchen Nachteil hatten sie davon, dass jemand keine Schokolade mochte?

b) Wie reagiert ihr auf Sonderbares?

Wie reagiert ihr, wenn jemand sagt, dass er Eis/Pizza/Döner/Spaghetti nicht mag? Wenn jemand einen gerade angesagten Popstar/Schauspieler doof findet? Wenn jemand euch erzählt, dass er keine Kinder/keine Beziehung/kein eigenes Haus/nicht hundert Jahre alt werden will? Seid ehrlich!

Im ersten und zweiten Fall wird Derjenige sicher mit einer Diskussion, am Ende aber mit Akzeptanz rechnen können. Das dritte Beispiel aber führt grundlegende Fragen der allgemeinen Lebensplanung und der Vorstellung vom Glücklichsein auf. Und wer da von der vermeintlichen oder tatsächlichen Norm oder einfach von der in der Diskussionsrunde herrschenden bzw. vom Gesprächspartner vertretenen Weltanschauung abweicht, gerät meist in Rechtfertigungszwang.

Aus irgendwelchen Gründen scheinen nämlich viele Leute zu glauben, wer eine Ansicht oder Einstellung ablehnt, lehnt automatisch auch die Menschen ab, die sie vertreten. Wenn jemand sagt „Ich lehne deine Meinung für mich ab!“, dann verstehen diese Leute „Ich lehne dich ab!“ Sie glauben, wenn jemand eine Meinung selbst nicht vertritt, erwartet er auch, dass alle Anderen sie nicht vertreten. „Ich finde das nicht gut!“ klingt für sie also wie „Du darfst das auch nicht gut finden!“ Witzigerweise projizieren sie damit gerade ihre eigene Einstellung auf ihr Gegenüber. Sie selbst reagieren auf für sie Unverständliches ablehnend, also erwarten sie auch, dass jeder Andere das tut.

Grund: Sie können sich selbst nicht in andere Menschen hineinversetzen. Das führt dazu, dass sie sich nicht vorstellen können, dass jemand eine andere Meinung tatsächlich vertritt. Dazu gehört auch, dass sie sich nicht vorstellen können, dass jemand der Ansicht ist, andere Meinungen müssten akzeptiert werden (denn das wäre eine Meinung, die man vertreten kann). Sie glauben also daran, dass ihre Mitmenschen (ebenso wie sie selbst) andere Meinungen nicht akzeptieren könnten und sehen sich dadurch in eine Verteidigungsposition gebracht. Und darauf reagieren sie dann ihrerseits mit einem Angriff, den sie in diesem Augenblick aber nur für einen Gegenangriff halten.

Die Lösung des Problems lautet also: Wenn jemand eine von eurer abweichende Weltanschauung vertritt, fühlt euch dadurch nicht dazu genötigt, euch für eure eigene Sicht der Dinge zu verteidigen. Dann kann es auch nicht passieren, dass ihr unabsichtlich euer Gegenüber selbst angreift. Konkret auf Asexualität bezogen heißt das: Wenn jemand sagt, er mag keinen Sex, heißt das nicht, dass er euch dazu bekehren möchte, eurerseits ebenfalls Sex nicht zu mögen. Grundsätzlich dürft ihr nach dem Warum fragen, aber der Begriff Asexualität sollte dann meist Antwort genug sein.

5. Harry Potter und der Kompromiss zwischen „Normalem“ und „Unnormalem“

Im fünften und letzten Gleichnis gehen wir der Frage nach, wie Menschen, die in einem nur für einen Beteiligten sehr wichtigen Punkt gegensätzlicher Ansicht sind, sich dennoch miteinander arrangieren können.

a) Das Harry-Potter-Gleichnis

A und B sind ein Paar. Sie führen miteinander eine glückliche Beziehung und es könnte kaum besser sein – bis auf eine kleine Ausnahme: Während A Harry Potter nicht gelesen hat und sich auch nicht dafür interessiert, ist B leidenschaftlicher Harry-Potter-Fan.

B will mindestens an jedem Wochenende einen Harry-Potter-Film ansehen, gern auch mehrere. Die Bücher kennt er halb auswendig, liest sie aber trotzdem regelmäßig wieder und wieder. Er verbringt viel Zeit im Internet, wo er sich meist im Potter-Wiki, auf Fanpages oder Pottermore herumtreibt. Er sammelt auch Bücher über das Thema Harry Potter und sieht sich Dokus darüber an, wenn welche im Fernsehen gezeigt werden und kann die DVD-Specials halb auswendig. Und natürlich schreibt er romanweise Harry-Potter-Fanfictions. Außerdem sind ausnahmslos alle seine Freunde ebenfalls Harry-Potter-Fans, sodass er sich viel mit ihnen darüber unterhält. Die alljährlichen Halloween-Partys sind Harry-Potter-Themenpartys und im Alltag verwenden B und seine Freunde manchmal Harry-Potter-„Vokabular“ wie Muggel oder machen Witze mit Harry-Potter-Bezug. Abgesehen davon ist B völlig „normal“ und ein traumhafter Beziehungspartner und A und B lieben einander sehr.

A dagegen ist in dem gesamten gemeinsamen Bekanntenkreis der Einzige, der sich für Harry Potter nicht interessiert. Er hat sich mehr oder weniger freiwillig schon viel darüber erzählen lassen und auch ein paarmal versucht, in die ersten Kapitel hineinzulesen, aber es reißt ihn einfach nicht vom Hocker. B zuliebe sieht er sich oft die Filme mit ihm an, langweilt sich dabei aber fürchterlich. Es geht ihm auch auf die Nerven, wenn er manchmal in Unterhaltungen nicht versteht, worum es gerade geht; abgesehen davon, würde er sich lieber viel öfter auch mal über andere Filme und Bücher unterhalten. Wenn er doch mal versucht, sich in die Gespräche über Harry Potter einzuklinken, wird ihm oft entweder vorgehalten, dass er keine Ahnung hat, oder man beschwert sich darüber, dass er eine völlig andere, „falsche“ Sicht der Dinge hätte, wenn er etwa Figuren anders interpretiert oder anmerkt, dass er Dinge unlogisch findet. Gleichzeitig versuchen ständig alle, ihn doch noch für Harry Potter zu begeistern. Wenn A am Wochenende anmerkt, dass B „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ schon in der vergangenen Woche angesehen hat und vorschlägt, in dieser Woche stattdessen „Der Herr der Ringe – Die zwei Türme“ zu sehen, erklärt B ihm, dass Harry Potter ihm auch nach dem hundertsten Mal Ansehen nicht langweilig wird; wenn A dann B allein fernsehen lassen und dann eben den „Herrn der Ringe“ lesen gehen will, macht B ihm Vorwürfe, dass es ihm allein aber keinen Spaß macht und sie als Beziehungspartner außerdem am Wochenende etwas Schönes zusammen unternehmen und nicht für sich allein sein sollten – und außerdem könnte es ja sein, dass A dieses Mal endlich, endlich Gefallen an dem Film und überhaupt an Harry Potter findet. Und außerdem kann er gar nicht verstehen, wie A als absolut Einziger sich so gar nicht für Harry Potter interessieren kann. Das kann B nicht nachvollziehen und seine Freunde auch nicht, also hat er die Mehrheit hinter sich und A muss einfach falsch liegen, oder nicht?

A und B geraten im Laufe der Beziehung zunehmend in Streit über das Thema Harry Potter. A interessiert sich nicht dafür, will B sein Interesse aber lassen, wenn er ihn damit in Frieden lässt. Für B ist Harry Potter das wichtigste Interesse und Hobby im Leben, weswegen er darauf besteht, dass sein Beziehungspartner als der wichtigste Mensch in seinem Leben dieses Hobby und Interesse teilt. B reicht es nicht, etwas so Wichtiges nicht mit A teilen zu können. Für A ist es aber völlig unwichtig, und er sieht nicht ein, warum B ihm das unbedingt aufzwängen will.

b) Wie funktioniert eine Beziehung zwischen Menschen mit völlig konträren Bedürfnissen in nur einem einzigen Punkt?

Wie viele von euch dachten sich gerade, dass B ein ziemlicher Freak ist, am besten eine Therapie machen und A in Ruhe lassen sollte? Wie viele von euch dachten außerdem, dass Harry Potter und die eigene Einstellung dazu ja wohl überhaupt nichts mit einer Beziehung zu tun hat? Und wie viele von euch dachten sich auch, dass ein Partner nicht das Recht hat, vom anderen Partner zu verlangen, dass er sich an ihn anpasst, bloß, weil der allgemein in der Gesellschaft und/oder dem persönlichen Umfeld einer Minderheit angehört?

Der Unterschied zwischen Harry Potter und Sex ist: Jeder ist davon überzeugt, dass Harry Potter ein Interesse ist, das man hat oder eben nicht. Viele sind davon überzeugt, dass Sex ein Grundbedürfnis wäre, das man nur haben, aber niemals nicht haben könnte. Problem: Asexuelle haben dieses Bedürfnis eben nicht. Für Asexuelle ist Sex eher eine Art Freizeitbeschäftigung, der man vielleicht gern nachgeht, von der aber ihrer Ansicht nach doch nicht das gesamte Wohlbefinden abhängen kann. Es erscheint etwas schräg, allerdings nicht schräger als z. B. Bungeejumping, und außerdem hat Jeder ja so seine Ticks, nicht?

Ein Grundbedürfnis ist ein Bedürfnis, ohne dessen Erfüllung man nicht überleben kann, und Grundbedürfnisse sind für alle Menschen gleich: Sauerstoff, Nahrung/Wasser inklusive Ausscheidung, Schlaf, Schutz vor Widrigkeiten der Natur durch Wohnung und Kleidung. Und dann gibt es noch Bedürfnisse, ohne deren Erfüllung man nicht leben kann, und die sind individuell: Manche können nicht ohne Kultur glücklich werden, Andere nicht ohne Sport und Viele eben auch nicht ohne Sex. Wer auf einer einsamen Insel oder in der Wüste ausgesetzt wird, muss sich um Nahrung, Wasser und eine Behausung sorgen, aber nicht um einen Sexualpartner. Wer nach einem Erdbeben verschüttet ist, hat Angst, dass ihm der Sauerstoff ausgeht, aber nicht, dass er vielleicht nie wieder Sex haben kann. Wer Stress hat, muss zusehen, dass er Schlaf bekommt, aber etwas Aufregendes, Aufwühlendes wie Sex ist sogar eher kontraproduktiv. Trotzdem verliert man ein beträchtliches Stück Lebensfreude, wenn man sein Leben nicht (mehr) so gestalten kann, wie es Einen glücklich machen würde, sei es aus finanziellen, gesundheitlichen, organisatorischen oder anderen Gründen. Das ist aber etwas völlig Anderes und, wie gesagt, für Jeden etwas Individuelles und Subjektives.

Schwierig wird es, wenn ein subjektives Bedürfnis in den Rang eines persönlichen Grundbedürfnisses aufsteigt. Das kommt früher oder später vor, und zwar mit Dingen, die man anschließend als besonders wichtig für sich bezeichnet. Für Nichtasexuelle gehört Sex häufig zu diesen „persönlichen Grundbedürfnissen“. Für Asexuelle ist Sex dagegen wie Harry Potter für unseren A: B kann den ja gern haben und wollen und mögen, aber das kann er ja wohl auch ohne A!? Und hier sind wir wieder bei dem, was wir im Definitionsteil schon angerissen haben, als es um die Frage ging, wo der Unterschied zwischen Libido und Nichtasexualität liegt: Harry Potter ist für B nicht das Gleiche, wenn der Partner – also A – es mit ihm nicht teilt. Und Sex ist für Nichtasexuelle nicht das Gleiche, wenn der asexuelle Partner ihn nicht teilt.

Die größte Schwierigkeit für Partner, von denen einer asexuell ist, liegt darin, hier einen Kompromiss zu finden. Objektiv ist Sex nichts Überlebenswichtiges, aber subjektiv für einen Partner etwas Lebenswichtiges. Dass der asexuelle Partner nicht einfach zu sexuellen Handlungen gezwungen werden kann, ist klar. Dass der nichtasexuelle Partner Sex nicht ersatzlos aus seinem Leben streichen kann und will, ist auch klar. Das Patentrezept lautet leider, dass es kein Patentrezept gibt. Es gibt Paare, die schaffen es, indem gar keine sexuellen Handlungen zwischen beiden Partnern stattfinden, aber Möglichkeiten des „Ersatzes“ gefunden werden. Es gibt Paare, die schaffen es, indem einige sexuelle Handlungen stattfinden, aber nur bestimmte. Es gibt Paare, die schaffen es, indem dem asexuellen Partner Sex so gleichgültig ist, dass er einfach „drunterliegen und abwarten“ kann (was der nichtasexuelle Partner aber auch „können“ muss). Es gibt Paare, die schaffen es, indem sie eine offene Beziehung führen oder der nichtasexuelle Partner einen festen „Sexpartner“ hat oder zu Professionellen geht. Und es gibt Paare, die schaffen es nicht und trennen sich voneinander bzw. werden erst gar kein Paar. Statistische Erhebungen über die Erfolgsquote gibt es nicht; es ist ohnehin auch immer subjektiv zu erörtern, wie „Erfolg“ individuell definiert sein soll. Erfolg muss heißen, dass beide Partner zufrieden oder sogar glücklich sind; was das konkret heißt, legt jeder Partner für sich fest.

Fest steht aber eins: Wenn A und B eine Kompromisslösung für sich finden können, kann auch ihre Beziehung halten, bis dass, wie man so schön sagt, der Tod sie scheidet.

E) Anhang

Hier im Anhang habe ich noch ein paar Dinge untergebracht, die nicht so recht zum Hauptteil gehören, die ich aber dennoch hier stehen haben wollte. Zum Einen geht es um die Frage, wie man mit völlig ahnungslosen Nichtasexuellen ohne jegliches Vorwissen über das Thema Asexualität sprechen kann; zum Anderen findet sich hier auch der versprochene Miniglossar für ein paar von mir im Haupttext verwendete Begriffe, die dort keinen Platz für ausführliche Erklärungen hatten.

1. Tipps für Asexuelle für Gespräche mit Nichtasexuellen

Meine Idee hinter dem Kernteil dieses Essays war es, eine Art Gesprächssituation mit einem fiktiven Gegenüber zu simulieren. Da es sich aber eben um einen Essay handelt, fiel der Text selbstverständlich anders aus als ein tatsächliches Gespräch. Der wichtigste Unterschied ist, dass man in einem Gespräch selten Gelegenheit hat, ununterbrochen ausführliche Antworten zu geben; ein Dialog lebt ja von Einwürfen des Gegenübers, und außerdem kann es auch schlicht passieren, dass der Andere Einen nicht ausreden lässt. Man kann also nicht, wie ich hier im Essay, lange Ausführungen geben, sondern muss sich kurz fassen und die wesentlichen Punkte in einem Satz zusammenfassen können. Dass das eigentlich nicht die Idealvariante ist, habe ich zu Beginn des Definitionsteils anzusprechen versucht; allerdings kann man kurze Antworten oft auch als Grundlage für längere Gespräche nutzen oder den Gesprächspartner auf weitere Informationsquellen (wie z. B. Essays) verweisen.
Für mich haben sich dabei günstige Strukturen herauskristallisiert, von denen ich denke, dass sie vielleicht auch Anderen hilfreich sein könnten. Deswegen dachte ich, es wäre für euch zumindest nicht schädlich, wenn ich die hier anhänge und euch Gelegenheit gebe, darauf vielleicht aufzubauen. Ich will sie hier einmal stichpunktartig zusammenfassen. Es sind übrigens zufällig zehn geworden.
? Leistet persönlichen Gesprächen Vorarbeit, indem ihr das Thema Asexualität unabhängig von euch mal ganz neutral in den Raum werft, wenn sich die Gelegenheit bietet. So könnt ihr auch gleich „sondieren“, wer sich überhaupt als potentieller Gesprächspartner eignet. Ihr könnt außerdem trainieren, mit Reaktionen konfrontiert zu sein, ohne darauf reagieren zu müssen. Übrigens: Wenn ihr könnt, setzt euch gar nicht mit euren Freunden/Familienmitgliedern zum Gespräch hin und sagt „ich muss mich jetzt mal outen“ – sondern behandelt eure Asexualität, sobald ihr euch sicher fühlt, als eine Selbstverständlichkeit. Wenn die Leute glauben, dass ihr glaubt, dass sie schon Bescheid wissen und das Thema kennen, trauen sie sich nicht so leicht, euch zu widersprechen. Und wenn es doch zur Diskussion kommt, hilft als Eröffnungssatz ein: „Wie, du weißt nicht was Asexualität ist – echt nicht!?“ oder auch „Äh, und was soll dann deiner Meinung nach sonst das Gegenteil von Bisexualität sein???“ oder einfach „Aha, Asexuelle gibt es also nicht – wirke ich auf dich denn irgendwie nichtexistent?“
? Am besten ist es, nur mit Einzelpersonen zu diskutieren. Wenn man eine Gruppe gegen sich hat, entsteht oft der die-Anderen-sehen-das-auch-so-Effekt und man wird leicht in die Ecke gedrängt. Außerdem kann man sich auf einen einzelnen Gesprächspartner leichter einstellen, man kann z. B. eher abschätzen, in welche Richtung seine Reaktionen und Fragen gehen werden. Ein vorab Eingeweihter kann auch als hilfreiche Unterstützung in späteren Gruppendiskussionen fungieren.
? Wenn man es mit einer Gruppe zu tun bekommt: Unbedingt darauf bestehen, ausreden zu dürfen! Immer nur eine Frage/Bemerkung auf einmal akzeptieren und sich konsequent weigern, auf eingestreute Zwischenbemerkungen mitten im eigenen Satz zu reagieren. Im Bedarfsfall an die gute Kinderstube der Gesprächsteilnehmer erinnern und auf Diskussionsregeln bestehen. Im Ernstfall einfach plötzlich aufhören zu sprechen, bis alle endlich die Klappe halten. Wenn die Gruppe mitmacht, könnt ihr auch der Reihe nach jedem einzelnen Anwesenden das Wort erteilen, bis er all seine eigenen Fragen und Bemerkungen vorgebracht und beantwortet bekommen hat; nicht dulden, dass jemand in die „Fragestunde“ eines Anderen vorzeitig oder nachträglich hineinplatzt; am Ende der Runde noch einmal vorn beginnen, um evtl. nachträglich aufgetauchte Fragen noch zu beantworten.
? Zu Beginn Regeln aufstellen und Grundsätzliches klarstellen. Zum Beispiel: „Du darfst mir alle Fragen stellen, die du wirklich ehrlich meinst. Manche werde ich vielleicht nicht beantworten, wenn sie mir zu persönlich sind. Ich weiß am besten, wie ich mich fühle, also darfst du nicht versuchen, meine Gefühle anzuzweifeln oder für falsch zu erklären. Du darfst natürlich sagen, dass du Manches nicht nachvollziehen kannst und wir können uns gern über unsere unterschiedlichen Ansichten austauschen, aber versuch nicht, Überzeugungsarbeit zu leisten.“
? Solche Gespräche vorher (gedanklich) üben. Unter der Dusche, beim Bügeln, im Zug immer und immer wieder die selben Fragen für euch selbst „beantworten“. Es werden sich nach und nach treffende Formulierungen oder einfach wichtige inhaltliche Punkte herauskristallisieren, die ihr in einem potentiellen echten Gespräch dann unbedingt anbringen wollt; außerdem werdet ihr eine inhaltliche Logik, eine Art Gliederung herausfinden, in der sich Reaktionen oft ergeben (wie ich es z. B. mit der Abfolge „Ich glaube dir nicht!“ – „Warum?“ – „Wie Schrecklich!“ gemacht habe), sodass ihr euch mental auf die jeweils wahrscheinlichsten Folgefragen einstellen könnt. Dann seid ihr auch für plötzliche Spontansituationen gewappnet, was euch gerade dann arg überrumpeln kann, wenn es das erste „Aufklärungsgespräch“ für euch ist. Ihr könnt auch probehalber euren eigenen Essay verfassen, egal, ob ihr ihn dann Leuten zu lesen gebt oder nicht. Oder erzählt es eurem Tagebuch, eurem Teddybären, eurem Spiegelbild… Wenn ihr nicht die sichersten Redner seid, hilft es euch vielleicht, laute Selbstgespräche zu führen, damit ihr euch an den Klang eurer Stimme bei dem evtl. ungewohnten Vokabular [nicht Jeder spricht oft ausführlich über sexuelle Themen] gewöhnt.
? Ihr seid nicht verpflichtet, jede Frage (ausführlich) zu beantworten. Wenn euch eine Frage zu persönlich ist, hat man das zu akzeptieren. Es ist kein Indiz dafür, dass ihr euch eurer Sache gar nicht sicher wärt, sondern ihr möchtet nur nicht darüber sprechen. Ihr seid nicht für die allgemeine Aufklärung Anderer zuständig (und wenn ihr doch Lehrer o. ä. seid, verpflichtet euch das nicht, über euch persönlich zu sprechen). Es gibt tatsächlich Menschen, die glauben, wenn jemand „ungewöhnlich“ ist, fielen seine Privatsphäregrenzen automatisch weg. Das ist eine Fehlvorstellung. Apropos Lehrer: Falls ihr rein zufällig Biologie- oder Ethiklehrer sein solltet, könnt ihr sogar die Gelegenheit nutzen, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Ihr könnt zur Aufklärung beitragen UND die Gesprächssituation üben, ohne dass jemand erfahren muss, dass es um euch selbst geht.
? Immer und immer wieder klarmachen, dass ihr Ahnung vom Thema habt und euer Gegenüber nicht. Egal, ob jemand Vorbildung zum Thema hat; egal, ob jemand euch seit eurer Kindheit kennt; niemand außer euch weiß besser als ihr, wie ihr denkt und fühlt, und deswegen kann euch da auch niemand widersprechen oder korrigieren. Häufig mit Fachbegriffen antworten. Ich habe z. B. die Erfahrung gemacht, dass man „der Richtige kommt schon noch“ gut mit „ich bin nicht demisexuell“ beantworten kann, denn damit stellt ihr eindeutig klar, dass ihr diese Möglichkeit als existent anerkennt (es gibt Demisexuelle), es sich dabei aber um etwas Anderes als Asexualität handelt und euer Gegenüber offenbar keine Ahnung hat. Nehmt dabei auch keine Rücksicht darauf, ob das euer bester Freund oder eure Mutter ist – ihr wählt dann natürlich den Tonfall eher freundlich als aggressiv, aber trotzdem haben auch beste Freunde und Mütter inhaltlich nicht immer Recht, und das dürft ihr ihnen auch nachdrücklich klarmachen. Gegenüber Nahestehenden, die auch noch mit „Ich kenn dich schon so lange und so gut!!1!einself!!11!!“ kommen, hat man oft größere Hemmungen, sich selbst zu behaupten, obwohl man doch gerade von diesen Menschen besonderes Entgegenkommen und Verständnis erwartet. Das könnt ihr übrigens auch sagen: „Mama, dass ich gerade dir solche Dinge erzähle, liegt eigentlich daran, dass ich dir vertraue und nicht damit rechne, von dir niedergemacht zu werden, also mach das bitte auch nicht!“
? Lasst euch nicht mit Anderen vergleichen. „Lisa wollte auch nie heiraten, und jetzt hat sie drei Kinder und feiert bald Zehnjähriges mit ihrem Max!“ ist kein Argument, wenn es um euch geht. Sätze, die mit „ich hab das so erlebt“ oder „ich kann mir das nicht vorstellen“ anfangen, brutal abwürgen. Muss man üben, hilft aber. Ihr seid auch nicht „zickig“, wenn ihr das freundlich tut. Ihr wollt nur sachlich und beim Thema bleiben, von dem der Andere offensichtlich ablenkt.
? Versucht, eine Balance zwischen allgemeinen und persönlichen Antworten zu finden. Die günstigste Variante ist leider einzelfallabhängig, weswegen ich euch da keine Ratschläge geben kann; es hängt im Wesentlichen davon ab, ob ihr das Gefühl habt, sowieso schon dem asexuellen Durchschnitt zu entsprechen, oder ob es euch angebracht erscheint, zusätzlich zu den Ausführungen über euch persönlich allgemeine Informationen zu liefern. Manchmal ist es besser, sich auf die große Gruppe zu berufen; manchmal macht das eher Schwierigkeiten. In jedem Fall empfehle ich, zu betonen, dass es eine Gruppe gibt. Ihr könntet z. B. erwähnen, dass ihr in dem einen oder anderen Punkt dem Klischee entsprecht oder eben nicht. Grund: Klischees bilden sich nur, wenn erstens die Gruppe groß genug ist und sie zweitens von Außenstehenden ausreichend wahrgenommen wird (Stichwort: „Es gibt uns wirklich, ich bin kein Einzelfall!“)
? Aus dem gleichen Grund bietet an, dem Anderen im Bedarfsfall noch weitere Informationsquellen empfehlen zu können (z. B. einen Essay wie diesen). Oft wird diese Möglichkeit nicht wahrgenommen, aber es hat ebenfalls den Effekt zu illustrieren, dass Asexualität sehr wohl auch von Anderen wahrgenommen und ernst genommen wird. Außerdem bietet euch das die Gelegenheit, eurem Gegenüber genau die Quellen zu geben, die ihr mit euch selbst auch vereinbaren könnt. Das ist natürlich Zensur, aber es ist nun einmal so, dass sich viele persönliche Berichte so stark voneinander unterscheiden, dass sich Einer mit dem des Anderen überhaupt nicht identifizieren kann, und ihr wollt ja, dass euer Gegenüber einen Einblick in eure Gefühlswelt erhält und nicht zu Falschannahmen kommt. Außerdem gibt es leider auch viele falsche Artikel, in denen Asexualität sogar von selbsternannten Experten mit irgendwelchen Krankheiten o. ä. verwechselt wird. Deswegen ist es hilfreich, wenn ihr euch vielleicht einen Lesezeichenordner in eurem Webbrowser für dieses Thema anlegt. Es müssen nicht viele Quellen sein, aber zu euch passende.

2. Miniglossar

Zum Abschluss hier noch der versprochene Miniglossar mit ein paar Begriffen, die ich im Laufe des Textes ab und zu in Halbsätzen eingestreut habe und von denen ich denke, dass ihr sie nicht oder nur teilweise kennt. Teils sind sie schwer selbst im Internet nachzuschlagen, teils möchte ich euch das aber auch aus verschiedenen Gründen nicht allein machen lassen.

Corrective Rape

Als Corrective Rape bezeichnet man Vergewaltigungen, deren Motivation es ist, jemanden von einer bestimmten (meist der heterosexuellen) Orientierung zu „überzeugen“. Bekannt ist der Begriff v. a. in Zusammenhang mit Homosexuellen (insbesondere lesbischen Frauen), aber auch Bisexuellen. Im Zusammenhang mit Asexualität muss man ihn allerdings ebenfalls nennen.
Der Vergewaltiger hält Heterosexualität (meist ist es Heterosexualität) für die einzig „richtige“ sexuelle Orientierung und ist der Ansicht, wer nicht heterosexuell ist, begehe einen Fehler und müsse dazu gebracht werden, heterosexuell zu „werden“, notfalls mit Gewalt. Er glaubt, dass er durch eine Vergewaltigung dem Opfer „zeigen“ könnte, wie man es „richtig macht“ und dass heterosexueller Sex viel „besser“ wäre als gleichgeschlechtlicher Sex bzw. im Falle von Asexualität dass Sex „eben doch toll und unverzichtbar“ wäre.
Ich denke, wir alle wissen, dass Gewalt im Allgemeinen nicht gerade die Begeisterung für die gewaltsam erlebten Handlungen fördert und dass insbesondere sexuelle Gewalt sogar ganz oder vorübergehend eher für ein gestörtes Verhältnis zu Sex oder zumindest den in Zusammenhang mit Gewalt widerfahrenen Handlungen sorgen kann. Außerdem wissen wir, dass man sich seine sexuelle Orientierung nicht aktiv aussucht, sondern sie Einem einfach zufällt; dass eine sexuelle Orientierung an sich und in den meisten Fällen auch ihr (gewaltloses) Ausleben nichts Schlimmes ist, muss selbst heutzutage einigen Menschen erst noch vermittelt werden, aber daran wird inzwischen eifrig gearbeitet. Die Konsequenz: Es ist sowohl verwerflich als auch schlicht blödsinnig, den Versuch zu unternehmen, einen Nichtheterosexuellen zu Heterosexualität „erziehen“ zu wollen und sogar eher kontraproduktiv, ihm gewaltsame Erfahrungen in Zusammenhang mit Heterosexualität zu bescheren. Konkret im Zusammenhang mit Asexualität sind also Aussagen im Stile von „Ach, du spinnst doch, komm, ich zeig dir jetzt mal, wie toll Sex ist, damit du das mal probiert hast!“ und erst recht entsprechende nachfolgende Handlungen nicht nur moralisch hochgradig verwerflich, sondern nach dem deutschen Strafgesetzbuch (Besonderer Teil, 13. Abschnitt) auch schlicht und ergreifend strafbar.

Fiktophilie

Fiktophilie bezeichnet eine auf fiktive Figuren gerichtete Orientierung. Fiktiv meint hierbei in der Regel einen Charakter aus Büchern, Filmen etc., es kann sich aber auch auf eigene Phanatsiefiguren, bereits verstorbene/nicht persönlich bekannte (historische) Persönlichkeiten oder bekannte „echte“ Menschen beziehen. Wichtig ist nur, dass die emotionale und/oder sexuelle Erfüllung gerade darin liegt, dass es sich nicht um eine physisch-reale Beziehung handelt. Man wünscht sich also nicht eigentlich, dass die Person der Wahl „echt“ sein möge oder die Gefühle irgendwann erwidert, sondern es geht gerade darum, die Beziehung allein auf geistiger Ebene ablaufen zu lassen. Der eigentliche Reiz liegt gerade in der Fiktivität und wenn man die Möglichkeit hätte, mit dem fiktiven Partner eine physisch-reale Beziehung zu führen, würde man das überhaupt gar nicht wollen.
Ich vermeide hier übrigens bewusst den Begriff „echt“. Ich habe keine Ahnung, ob Fiktophile mit diesem Wort ein Problem haben, aber ich persönlich halte es einfach deswegen für unangebracht, weil die Beziehung für einen Fiktophilen sehr wohl „richtig“ und „echt“ ist, sie läuft nur auf einer völlig anderen Ebene ab, nämlich auf einer rein emotional-geistigen, die so sehr von der physischen Realität abstrahiert ist, dass sie nicht einmal die aktive Beteiligung des Partners erfordert.
Wie ihr euch jetzt vermutlich denken könnt, stößt diese Orientierung bei vielen Leuten auf absolutes Unverständnis. Häufig wird sie für lächerlich gehalten und Fiktophile bekommen vorgeworfen, dass sie „erwachsen werden“ und eine „richtige“ Beziehung führen sollen; ihnen wird auch unterstellt, dass sie „nicht in der Lage“ wären, eine „richtige“ Beziehung zu führen. Dazu ist zu sagen, dass Erwachsensein nichts damit zu tun hat, was man für Verhältnisse zu seinen Mitmenschen pflegt. Abgesehen davon muss Jeder für sich selbst definieren, was er für „richtig“ hält, also auch, welche Art von Beziehung ihm guttut. Man kann nicht einfach objektiv festlegen, welches Maß von Kontakt zu anderen Menschen „gut“ und „gesund“ ist. Bleibt noch der Vorwurf, Fiktophile wären nicht zu einer physisch-realen Beziehung imstande. Frage: Wer hätte denn, falls es tatsächlich so wäre, einen Schaden davon? Doch nicht der Fiktophile! Soweit ich weiß, sind Fiktophile in einer fiktiven Beziehung nicht unglücklich. Nicht imstande zu sein bedingt aber, dass man eigentlich imstande sein müsste, und wer legt fest, dass man müsste?
Ich vermute, dass Fiktophilie so etwas wie die Extremvariante der sexuellen Phantasien ist, die die meisten Nichtasexuellen sowohl allein als auch teilweise beim Sex mit Anderen haben. Es ist tatsächlich so, dass solche Vorstellungen selten in die Tat umgesetzt werden sollen und in der Realität auch nicht mehr funktionieren (nicht nur technisch, sondern auch emotional, also „wirkungslos“ sind) und einzig für das ganz private, oft sogar dem Partner unbekannte Kopfkino gedacht sind.
Nicht zu verwechseln ist Fiktophilie übrigens mit Erotomanie. Das ist das, was Audrey Tautou in „Wahnsinnig verliebt“ spielt (kann ich übrigens sehr empfehlen) und es bedeutet, dass man die Phantasie mit der Realität verwechselt, und den fiktiven Partner für einen „echten“ hält, obwohl er es nicht ist. Gerade das passiert bei Fiktophilie aber nicht: Fiktophile wissen, dass ihre Beziehung fiktiver Natur ist, und genau das ist es auch, was sie überhaupt wollen.

Girlfag/Guydyke

Der Begriff Girlfag ist unter Slashfans inzwischen teilweise bekannt geworden, im Allgemeinen handelt es sich um etwas Unbekanntes aus der so-ein-Blödsinn-das-ist-nur-eine-Phase-Kategorie.
Was sind Girlfags und Guydykes? Es handelt sich hierbei, wörtlich übersetzt, um schwule Frauen bzw. lesbische Männer. Das klingt jetzt etwas merkwürdig. Vielleicht erinnert ihr euch daran, dass ich die Begriffe ganz oben beim Thema Gender erwähnt habe. Das hängt damit zusammen, dass es vom Prinzip her ungefähr so ähnlich funktioniert wie Transidentität, allerdings nur auf einem Gebiet, nämlich dem des romantischen und/oder sexuellen Interesses. Das heißt, die Leute sind ganz „normale“ Nicht-Transgender und ihr sexuelles/romantisches Interesse ist auf Menschen gerichtet, die nicht ihrem eigenen Geschlecht angehören – Girlfags sind also Frauen, die männlich orientiert sind; Guydykes sind Männer, die weiblich orientiert sind. Sieht aus wie „normal“ hetero, aaaber: Girlfags stehen nicht als Frauen auf Männer, sondern als Männer; das heißt, sie interessieren sich aus männlicher Perspektive für Männer, so, als wären sie schwul. Das Gleiche in Grün gilt für Gydykes und Frauen. Es ist also nicht so, dass sie in Wahrheit Transgender wären, sondern sie fühlen sich schon ihrem biologischen Geschlecht zugehörig bzw. haben damit kein Problem – aber sexuellen/romantischen Kontakt hätten sie eigentlich gern im Körper des jeweils anderen Geschlechts, frei nach dem Motto „Ich wäre gern schwul!“, aber eben nicht „Ich wäre gern (allgemein) männlich und schwul!“, höchstens „Ich würde gern beim Sex etc. den Körper austauschen, aber danach wieder zurücktauschen“ (Für Gydykes lesbisch einsetzen.)
Sicherlich gibt es auch Fetische u. ä., die in diese Richtung gehen. Bei Girlfags/Guydykes geht es aber eben nicht darum, dass man eigentlich „normalen“ Sex/Körperkontakt möchte und es nur besonders mögen würde, die Geschlechterrollen zu verändern, sondern die Begriffe verwendet man dann, wenn es sich um eine grundsätzliche sexuelle/romantische Orientierung handelt, man also eigentlich am liebsten nur diese Art von Sex/Körperkontakt hätte.
Es kommt sicher nicht von Ungefähr, dass es ausgerechnet im Slash-FF-Bereich Berührungspunkte mit dem Thema gibt, denn seine Phantasien in die Tat umsetzen kann man in der Realität ja eher begrenzt bis gar nicht und wir wissen hier wohl alle, dass gerade Fanfictions eine beliebte, günstige und harmlose Gelegenheit sind, eigene sexuelle/romantische Phantasien auszuleben *husthust*.
Abzugrenzen sind insbesondere Girlfags noch von dem Begriff der Faghags, bei denen es sich im Prinzip einfach um sowas wie Schwulen-Fangirlies bzw. Fans der Idee von schwulen Männern „weil die sooo süüüß sind“ handelt. Girlfags finden Schwulsein nicht (nur) bei anderen, „richtigen“ Männern toll, sondern würden eben gern dazugehören bzw. betrachten sich in gewissen Weise als zugehörig (Letzteres ist wieder mit Transgendern vergleichbar, die sich als zu der Geschlechtergruppe ihres eigentlichen Genders zugehörig betrachten, auch wenn sie (noch) im anderen Körper stecken).

Objektophilie

Objektophilie bezeichnet die sexuelle und/oder romantische Vorliebe für Nichtlebendiges; ich bin nicht ganz sicher, ob man darunter auch z. B. Schnittblumen (die ja eigentlich Lebewesen, in diesem Moment aber nicht mehr lebend bzw. noch sterbend sind) zählen könnte, das ist wahrscheinlich persönliche Definitionssache.
Objektophile hegen nicht nur eine Vorliebe für „Hilfsmittel“ wie z. B. Dildos und „Sexspielzeug“ und haben auch nicht nur einen Fetisch für z. B. bestimmte Kleidung beim Sex mit anderen Menschen. Stattdessen bezieht sich die Zuneigung konkret auf den Gegenstand selbst. Er kommt also nicht zusammen mit Menschen oder „gewöhnlicher“ Selbstbefriedigung zum Einsatz, sondern ist selbst das Objekt der sexuellen und/oder romantischen Begierde.
Soweit ich weiß, können Objektophile mit „ihrem“ Gegenstand auch eine Beziehung oder etwas Vergleichbares eingehen; möglicherweise gibt es da in der Herangehensweise eine Überschneidung mit dem hinter Fiktophilie steckenden Konzept, zumindest insofern, als der Gegenstand die Gefühle ja nicht real erwidern kann, die Beziehung also zwangsläufig in der Vorstellung des Objektophilen ablaufen muss.
Ich hoffe, es ist überflüssig zu erwähnen, dass es nicht angebracht ist, Objektophile für Freaks zu halten und ihnen zu unterstellen, sie wüssten nicht, was sie an „richtigen“ Beziehungen „verpassen“ oder müssten erst erwachsen werden oder wären „gestört“ und müssten therapiert werden. Sicherlich kann diese Orientierung wie jede andere auch im Extremfall krankhafte Züge annehmen, das liegt dann aber nicht an der Orientierung selbst, sondern daran, dass Extreme oft problematisch sind. Immerhin gehören Objektophile zu Denjenigen, die wahrscheinlich nie jemanden vergewaltigen werden – Objektophile sind also vielleicht ein bisschen ungewöhnlich, aber im Ganzen völlig harmlos, und deswegen sollte man sie auch so behandeln.

Schrödingers Katze

Schrödingers Katze ist ein recht bekanntes Gedankenexperiment, bei dem ein Lebewesen (hier eine Katze) sich zusammen mit einem instabilen Atomkern, einem Geigerzähler und einer für das Lebewesen tödlichen Menge Gift (Blausäure) in einer Kiste befindet. Falls der Atomkern in der festgesetzten Zeit (eine Stunde) zerfällt, löst das über den Geigerzähler einen Mechanismus aus, der die Ausschüttung des Giftes veranlasst; in diesem Falle käme das Lebewesen zu Tode. Falls der Atomkern nicht zerfällt, geschieht das nicht; das Lebewesen bleibt lebendig.
Der Clou an der Sache ist, dass man eben nicht weiß, ob der Atomkern zerfallen und durch die Blausäureausschüttung die Tötung des Lebewesens veranlassen wird. Man weiß aber auch nicht, mit welcher Wahrscheinlichkeit dies passiert oder eben nicht – und das ist die ganze Idee hinter Schrödinger.
Schrödinger heißt also, dass etwas sein könnte oder eben auch nicht sein könnte – aber nicht mit einer Fifty-Fifty-Wahrscheinlichkeit, sondern mit unbekannter Wahrscheinlichkeit. Es könnte fifty-fifty sein, es könnte aber auch null-hundert oder hundert-null sein – man weiß es nicht! Man weiß nur, dass man zwei Möglichkeiten hat (etwas passiert oder eben nicht), aber man weiß nicht, in welchem Verhältnis diese Möglichkeiten zueinander stehen.
Erwähnt habe ich das im Zusammenhang mit der Möglichkeit, dass sich die sexuelle Orientierung ändert. Analog heißt es also: Sie kann sich ändern, sie kann sich auch nicht ändern, und wir können keine Aussage darüber machen, wie wahrscheinlich eins von Beidem ist. „Es wird immer so bleiben!“ mag unkorrekt sein – „Es wird sich schon noch ändern!“ ist ebenso unkorrekt.

Vaginismus

Vaginismus habe ich im Zusammenhang mit erektiler Dysfunktion bzw. physisch bedingten Schwierigkeiten beim Geschlechtsverkehr erwähnt. Während das männliche Hauptproblem erektile Dysfunktion (also die grundsätzliche oder vorübergehende Unfähigkeit, eine Erektion zu bekommen) relativ bekannt ist, weiß kaum jemand, dass auch Frauen ähnliche Schwierigkeiten haben können.
Vaginismus ist ein Scheidenkrampf, der dazu führt, dass die Vagina sich durch Verkrampfung verengt oder sogar beinahe schließt, sodass sich ein Penis, Tampon, Sexspielzeug, gynäkologisches Untersuchungsinstrument etc. nur unter Schmerzen oder gar nicht einführen lassen. Genau wie bei der erektilen Dysfunktion ist hier nicht notwendigerweise Unwillen, Angst oder eine andere psychische Ursache der Auslöser, sondern es geschieht unfreiwillig, obwohl man die Einführung eigentlich will oder nichts gegen sie hat. Man will also, kann aber nicht, während ein Asexueller kann, aber nicht will.
Weiter oben habe ich schon angesprochen, dass diese strikte Trennung nicht ohne Weiteres vorgenommen werden kann. Wenn man nicht will, kann das auch Auswirkungen auf das Können haben, d. h., Asexuelle können durchaus Schwierigkeiten haben, eine Erektion zu bekommen und sicherlich kann sich ohne sexuelle Erregung (die ja auch für Feuchtigkeit in der Funktion eines „Gleitmittels“ sorgt) jegliches Einführen in die Vagina u. U. unangenehm gestalten. Abgesehen davon haben diese körperlichen Schwierigkeiten aber nichts mit Asexualität zu tun.