Aufklärung für den Städter – agrarische Fragen kritisch beleuchtet

Aufklärung für den Städter – agrarische Fragen kritisch beleuchtet

Inhalt:
Kritische Abschweifungen zu verschiedenen Themen aus der Landwirtschaft, die Unwissen und Fehlinformationen den Kampf ansagen

Vorwort – launig geschrieben, aber bitte trotzdem ernstzunehmen!

Ich wurde in Mails so oft zu meinem (zukünftigen) Beruf ausgefragt, dass ich beschlossen habe, einfach mal öffentlich und für alle ein paar Einblicke in die heutige Landwirtschaft niederzuschreiben.
Wo es möglich ist, beziehe ich mich auf eigene Anschauungen und nicht nur auf reines Lehrbuchwissen – was manchmal subjektive Färbungen und mangelnde Quellenangaben bedingt. Oft stelle ich auch absichtlich einen Sachverhalt sehr überspitzt dar bzw. ich gehe nicht immer und überall auf alle Vor- und Nachteile ein, sondern nur so, wie sie in meine Argumentationskette passen.
Allerdings sollen die folgenden Texte sowieso keine Dogmen darstellen oder zukünftigen Landwirten als Lehrmaterial dienen, sondern Menschen, die noch nie mit Agrarwirtschaft zu tun hatten, einen Zugang zu dem Thema schaffen.
Wer etwas nicht versteht, kann gerne fragen. Wer gerne mal objektiv Vor- und Nachteile von etwas aufgelistet bekommen will, der darf das äußern, ich bemühe mich dann selbstverständlich auch darum.

Diese Texte sind nach bestem Wissen und Gewissen verfasst.
Sie dienen weder dem Erwerb von Geld, noch bezwecken sie eine Spaltung der Leserschaft, den Eintrieb von Spenden oder Werbung für bestimmte Produkte oder Organisationen.
Sie sollen einfach „nur“ zum Denken anregen.
Von Reviews al la „Ich hasse dich! Wie kannst du nur! Die armen Tiere! Ich werde Veganer und dann hast du keine Arbeit mehr! *ätsch*“ ist deswegen abzusehen, zumal ich mir vorbehalte, dergleichen unbeantwortet löschen zu lassen.
Kritik in sachlichen Worten ist dagegen nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich gewünscht. Ein kritischer Leser durchdenkt die Aussagen und wird einen Text eher dreimal lesen, statt grundlose Beschuldigungen in die Welt zu setzen.
Übrigens würde ich auch manches anders machen, wenn ich könnte. Allerdings sind es oft die Wünsche der Verbraucher, die Landwirte zu dem zwingen, was sie tun. (Verbraucher = auch der Leser dieses Textes!)

Sollte sich ein Landwirt hierher verwirren, so sei er herzlich willkommen. Im Sinne der zum Großteil wohl eher unkundigen Leserschaft möchte ich aber darum bitten, dass hier keine Fragen zur Rationsberechnung von 40kg Milchkuhrationen ohne Sojaextraktionsschrot, dem wirtschaftlichen Nutzen der Umstellung auf ökologischen Landbau nach bioland-Richtlinien, der Vorzüge von John Deere Traktoren gegenüber Zetor oder oder oder gestellt werden.
Dafür gibt es Fütterungsberater, Berater der Anbauverbände und Landmaschinenhändler, die das kompetenter und gezielter beantworten können.

Ansonsten sind Fragen wirklich gerne gesehen (ich wiederhole es auch gerne noch mehrmals^^ Traut euch!). Es gibt keine dummen Fragen – außer vielleicht, ob Baumwolle wirklich auf Schafen wächst.
Updates folgen nach Lust und Laune, Anlass (ein neuer Skandal, eine Bemerkung, bei der sich mir die Nackenhaare aufstellten, etc.) oder eben Nachfrage. Im Moment tendiere ich zu einmal im Monat.
Na dann, viel Vergnügen!

Ergänzung:

Ich bin hier auf dieser Seite über eine kleine Abhandlung gestolpert, von der ich finde, dass sie sehr gut die heutige allgemeine Meinung widerspiegelt. Allerdings ist diese Meinung schlicht und ergreifend falsch. Ich bin gelinde gesagt entsetzt, was in der Allgemeinheit für Ansichten kursieren (dieser Text ist ja kein Einzelfall und dergleichen liest man z.T. auch in den großen Zeitungen!).
In der heutigen Zeit herrscht eine Fülle an Informationen und man gibt sie beliebig weiter, ohne die Quellen zu hinterfragen, weswegen oft auch falsches weitergegeben wird. Natürlich muss allgemeines Wissen nicht zitiert werden – und dies hier scheint ergo allgemeines Wissen zu sein:

„Massentierhaltung“

„Wisst ihr eigentlich woher euer Fleisch kommt?
Ihr solltet euch mal genauer erkunden, denn dann werdet ihr auf unschöne Dinge treffen, denn das meiste Fleisch kommt aus einer Massetierhaltung.
In einer Massentierhaltung werden z. B. Rinder, Hühner und Schweine gehalten.
Sie leben dort auf sehr engem Raum und in ihr Futter werden sehr viele Medikamente und Antibiotika gemischt, damit eine Gefahr besteht, dass sie krank werden. Auf Dauer ist das aber schädlich für sie und für uns.
Bei den meisten Massentierhaltungen gibt es nicht einmal Wasser!
Wenn sie trinken wollen, müssen sie gleichzeitig essen, da es nur einen Brei gibt.
Dies dient dazu, dass sie schnell dick werden.
Schweine sind sehr intelligent und wälzen sich in der Natur gerne spielerisch im Schlamm; dies wird in der Massentierhaltung durch eine Eisenkette ersetzt.
Damit sich die Hühner in der Enge nicht gegenseitig anpicken werden ihre Schnäbel gekürzt und manche Kühe sehen in ihrem ganzen Leben keinen einzigen Grashalm.
Es wäre besser für eure Gesundheit und für die Tier, wenn ihr mehr Bioprodukte kaufen würdet, diese sind zwar teuer, aber ihr könnt damit erreichen, dass es weniger Massentierhaltung gibt.
Vielleicht wäre es auch möglich sich mit ein bisschen weniger Fleisch in der Woche zu begnügen.“

(Dieser Text wurde wörtlich zitiert, so wie er dasteht, einschließlich aller Rechtschreibfehler. Original zu finden unter: http://www.fanfiktion.de/s/508a9182000298cd0c901770/1/Massentierhaltung)

Vielleicht sind euch diese Ansagen auch schon begegnet? In einer reißerischen Aufdeckungskampange im Fernsehen vielleicht?
Ich will diesen Text einmal als Grundlage und in den folgenden Kapiteln auseinander nehmen und die Wirklichkeit zeigen. Nicht aus Böswilligkeit, sondern als Klarstellung, weil es einfach nur nervig ist, wenn man von allen Seiten angefeindet wird, nur weil die Leute im Fernsehen immer nur die Negativbeispiele sehen!

Warum Hühner Käfighaltung wählen würden

Ich bitte zu beachten, dass der folgende Text teils in ironischer Sprache verfasst wurde – aber die Fakten ernstzunehmen sind!

Wer erinnert sich noch an die Absätze aus dem Vorwort, in dem es um die Geflügelhaltung ging? Ah ja, gut, dann kann ich gleich mal mitten hinein in die Realität hüpfen und euch eine Anleitung geben, wie ihr euch richtig unbeliebt machen könnt, wenn ihr das wünscht.
Stellt euch einfach vor das Kühlregal mit den Eiern in einem beliebigen Supermarkt, am besten, wenn viele andere Leute da sind, sucht auffällig und sagt dann ganz laut: „Wieso gibt es keine Käfigeier? Ich finde die Käfigeier nicht! Dabei kaufe ich nur noch Käfigeier!“
In der folgenden entsetzten Stille werft einen mitleidheischenden Blick in die Menge, ignoriert die bösen Blicke der anderen und sagt ganz deutlich: „Ist doch wahr! Sollte doch endlich angekommen sein, dass die Käfighaltung die tiergerechteste Haltung für Legehennen ist!“
Und dann ganz schnell verschwinden, bevor ihr ein Messer in den Rücken bekommt!

Tja, wisst ihr was? Ich mache das jetzt schon eine ganze Weile, die Reaktionen sind immer die selben – dabei habe ICH Recht mit meiner Behauptung.
Mal ganz ehrlich, glaubt überhaupt noch einer die ganzen Versprechungen der Freilandhaltung? Ich rede jetzt nicht von Bioeiern, das ist was anderes und Bio ist generell schon eine gute Sache, auch wenn es da (wie überall übrigens!) schwarze Schafe gibt.
Bio kann ein eigenes Kapitel kriegen.
Wir reden jetzt mal über die ganz normale Freilandhaltung.

Sehen schön aus, diese grünen Pappen mit dem Bild von glücklichen Hühner draußen auf der Wiese, was?
Mir gefallen die auch.
Und glückliche Hühner auf einer grünen Wiese fände ich in der Realität auch echt ganz, ganz toll. Wenn ich Hühner hätte, dann so, draußen, im Garten…
Aber … wenn man den Hühnern Freigang gibt in einem konventionellen Haltungssystem, dann … (ich sage es echt ungern!) … dann gehen die Viecher einfach nicht raus!!! Warum?

Ein klassischer Legehennenstall für die Freilandhaltung ist eigentlich ein ganz normaler Stall wie für die Bodenhaltung auch, nur mit Klappen nach draußen, einem Kaltscharrraum, nochmal Klappen und Gras davor.
Er sieht folgendermaßen aus:
Auf dem Boden ganz unten liegt Stroh, das ist der sogenannte Scharrraum, wo die Hennen ihrem natürlichen Verhalten nachkommen können – Futter suchen und im Stroh scharren.
Darüber kommen verschiedene Ebenen – eine, wenn es Bodenhaltung im klassischen Sinne ist, zwei oder mehr für die Volierenhaltung, die ebenfalls Bodenhaltung heißt und heute üblicher ist. Warum? Weil man da mehr Tiere auf einer kleineren Grundfläche halten darf, da durch die Ebenen mehr Platz ist.
Das stört die Hühner übrigens nicht, sie bewegen sich auf den Ebenen ganz natürlich. Hühner sitzen sogar gerne erhöht, selbst in Omas Hühnerstall haben sie Sitzstangen. Die erhöhten Ebenen sind eben nur eine Erweiterung dessen.

Auf diesen Ebenen herrscht das Hühnerparadies. Will heißen, dass es da ein Fütterungssystem gibt, ein Tränksystem, Sitzstangen (mit darunterliegenden Kotbändern, die alles sauber halten) und Legenester (gepolstert, verdunkelt, …).
Und zwar auf jeder Ebene.
Schick, oder?
(Anmerkung: Es gibt die unterschiedlichsten Systeme für Fütterung, Tränke, Legenester – um die unkundigen Leser nicht zu überfordern, gibt es dazu keine Details, sondern es wird einfach von einem Fütterungssystem, etc. gesprochen.)

In so EINE Voliere bekommt man je nach Typ zwischen mehrere hundert bis mehrere tausend Hühner.
Es gibt immer mehrere Volieren bzw. Ställe, weil … aber das führt jetzt zu weit weg. Wenn es jemand interessiert, das hat etwas mit Wirtschaftlichkeit zu tun und könnte ein eigenes Thema werden.
Jedenfalls beginnt beim Verbraucher die Vorstellung von Massentierhaltung irgendwo jenseits von 50 Tieren, je nach Art. Bei Hühnern sicherlich, weil die normale Haltung ja Omas 12 Hühner im Garten sind, nicht?
Aufwachen. Sogar in Biobetrieben werden hunderte Hühner zusammen gehalten. 300 Stück sind da noch Hobby (weil sie eben zum Hof gehören) und nicht wirtschaftlich.
In großer Diskrepanz dazu leben Hühner normalerweise in Gruppen von ca. 10 Hennen und einem Hahn. (Man merkt, Omas 12 Hühner im Garten wären also ideal.)

Jetzt hat der eine oder andere vielleicht schonmal von diesem seltsamen Ding namens Rangordnung gehört. Ja, das gibt es auch bei Menschen, da nennt man es Gruppendynamik.
Beim Geflügel spricht man von Hackordnung.
Grob gesagt merkt sich ein Huhn 10 andere Hühnergesichter. Unter diesen kann es sich selbst in die Hackordnung einordnen und weiß, wo sein Platz ist.
Wenn man nun (viel) mehr Hühner zusammen hält, dann funktioniert das mit der Hackordnung nicht mehr. Ein Huhn müsste jedes mal mit jedem anderen Huhn neu auskämpfen, wo sein Platz ist. Klingt nach Stress, ist auch Stress.
Aber Vögel sind nicht dumm, auch Hühner sind nicht dumm – sie bilden einfach Untergruppen mit fester Hackordnung. So kommt es, dass sich auch tausende Hühner in einem Stall sehr gut arrangieren können.
Und in diesen Untergruppen verbringen sie ihr Leben. Blöd ist nur, dass sie sich dafür häuslich auf ihrer Ebene im Kreis ihres Grüppchens einrichten und sich da nicht wegbewegen.
Wozu auch, es hat ja dort alles, was es braucht (Futter, Wasser, einen Platz zum Schlafen, einen Platz zum Eier legen, seine bekannten Mithühner). Dieser Vorteil wiegt aus Sicht des Huhns schwerer als der Nachteil, dass es da eben nie unter einem blauen Himmel über eine Blumenwiese gehen kann.

Ein Ei aus Freilandhaltung kann also von einem Huhn stammen, dass sein Leben lang nur auf einer Ebene der Voliere verbracht hat.
Den großen Unterschied zur Bodenhaltung macht da nur die Tatsache, dass es ja theoretisch nach draußen gehen könnte, wenn es das wöllte. Was es, wie wir betrachtet haben, gar nicht will.
Hände hoch, wer dafür wirklich bereit ist, mehr Geld auszugeben!

Selbst wenn wir ein abenteuerliches Huhn haben, das seine Ebene verlässt, ist noch nicht gesagt, dass es auch nach draußen geht. Es kann auch nur den Scharrraum aufsuchen wollen.
Nicht alle Hühner gehen nach draußen und man kann sie schlecht zwingen (das stünde wieder im krassen Gegensatz zu dem, was wir wollen, nicht wahr?). Statistisch gesehen gehen wohl nur etwas über 10% aller Hühner überhaupt nach draußen.
Und die meisten davon halten sich in einer Distanz von vielleicht 50-100cm zum Stall auf.
Einfach, weil der Stall Sicherheit bietet vor Greifvögeln. Hühner kommen nämlich ursprünglich aus dem Dschungel und bleiben gerne in Deckung.

Außerdem gibt es noch ein paar wirklich wichtige Argumente dagegen, die Hühner überhaupt nach draußen zu lassen.
Ja, auch Tierschutzsicht. Warum?
Weil man …
1.) bei der großen Menge an Tieren ein großes Außengelände braucht. Je größer dieses ist, umso schlechter kann man seinen Tieren Schutz vor Wildtieren bieten, wie z.B. Fuchs, Marder oder Greifvögeln. Kein Zaun bietet einen so umfassenden Schutz, wie er benötigt würde.
2.) Auf dem Außengelände könnte ein Huhn theoretisch jederzeit Kontakt mit Wildgeflügel haben und sich eine Krankheit einfangen, wie z.B. die Vogelgrippe. In Zeiten, wenn die gerade aktuell ist, dürfen übrigens selbst Freilandhühner nicht nach draußen aus eben diesem Grund. Aber genau vorhersehen, ob alle Vögel, die Kontakt mit den Hühnern haben, gesund sind, das kann kein Mensch und keine App.
3.) Und last but not least sind Freilandhühner tatsächlich in ihrer Gesundheit bedrohter. Durch die Aufnahme von Bodenpartikeln und Insekten können sie sich verschiedene Parasiten (Würmer, Leberegel, Haarlinge, Räudemilben, um nur einige zu nennen) einfangen und verschiedene Krankheiten (hier sei nochmals auf die bekannteste, die Vogelgrippe, hingewiesen). Gesünder für ein Huhn wäre es wirklich, wenn es NICHT nach draußen dürfte.
Natürlich funktioniert eine Freilandhaltung. In kleinen Gruppen und bei häufigem Wechsel der Weidefläche. Für eine Massenproduktion, wie sie nötig ist, um die Nachfrage zu decken, ist es einfach, schlicht und ergreifend Blödsinn.

Ok, wenn die Freilandhaltung nicht das tierfreundlichste ist, dann ist die Bodenhaltung aber sicherlich doch noch tierfreundlicher als die Käfighaltung.
Alles ist besser als die Käfighaltung.
Hier besteht ein Vorstellungsproblem. Unter Käfighaltung versteht der Verbraucher die klassische Legebatterie mit kahlen Hühner, die (zu Recht!) verboten wurde.
Aber diese ist verboten. Es gibt sie nicht mehr.
Die moderne Käfighaltung hält Hühner in Kleingruppen, müsste korrekt gesehen auch Kleingruppenhaltung heißen.
Ja, die Hühner sind ringsherum von Draht umgeben, sie stecken in einem Käfig. (Aber sie kennen es nicht anders. Also vermissen sie auch nichts. Das ist sowieso Vermenschlichung von Tieren und gerade das sollte man nie tun.)

In diesen Käfigen leben Hühner in kleinen Gruppen von max. 10 Hennen. Wie wir bereits gelernt haben, ist es das, was sie mögen und wo sie sich wohlfühlen.
In jedem Käfig gibt es einen kleinen Scharrbereich, ein Fütterungssystem, ein Tränksystem und ein oder mehrere Legenester. Jeder Käfig wird automatisch saubergehalten.
Klingt doch gut, oder? Wenn ich Huhn wäre, dann würde ich diese kleine, intime WG dem Trubel in einer Voliere aber bei weitem vorziehen!
Schaut man sich Hühner an, die nach einem Jahr Käfighaltung zum Schlachten gehen, dann sind sie tatsächlich gesünder als ihre Schwestern aus der Boden- oder Freilandhaltung. Sie haben weniger Gefiederschäden, weniger Parasiten, sind wohlgenährter…
Spricht das nicht eine deutliche Sprache?

Hühner in Käfighaltung brauchen auch weniger Medikamente. Ich spreche nicht von den Impfungen, die jedes Huhn erhalten muss. Sondern von der medikamentösen Behandlung von Krankheiten.
Man kann gezielter und früher Krankheiten erkennen und muss nur diese Kleingruppe behandeln, die auch betroffen ist. Ich hoffe, es ist logisch, warum.
Zu dem Einsatz von Medikamenten kommt später noch einmal eine eigenständige Abhandlung.

Nachdem wir nun die Vorteile der Käfighaltung kennengelernt haben, kommen wir noch kurz zu den Nachteilen der Bodenhaltung.
Eine große Anzahl Tiere auf verhältnismäßig kleinem Raum – das gibt Zoff. Die Hackordnung, wie bereits oben erwähnt, wird ausgekämpft. Mit Krallen und Schnabel.
Jetzt etwas, was paradox klingt: Aus Tierschutzgründen wird den Tieren deswegen der Schnabel kupiert.
Es ist eine Verstümmelung am Tier, ganz Recht. Und es tut weh, denn in der Schnabelspitze sitzen Nerven, die das Huhn zur Futtersuche braucht. Pardon, bräuchte, wenn es sein Futter suchen müsste. In der modernen Haltung bekommen die Tiere ja an einem festen Platz ihr Futter und müssen nicht mehrere Quadratmeter absuchen.
Aber es dient der Vorbeugung von weiteren Verletzungen, die sich die Tiere untereinander zufügen würden, wenn man es nicht macht.

Dem Laien erklärt man es am einfachsten mit Kannibalismus.
Das stimmt nicht (ganz).
Hühner sind keine Kannibalen. (Genauso wenig wie Schweine, auch zu dem Thema später mehr.)
Sie picken nur reflexartig nach hellen Stellen.
Sitzen also alle Hühner auf der Stange, dann schaut das hintere Huhn dem vorderen auf die (helle) Kloake. Was macht das Huhn? Richtig, es hackt danach.
Dadurch werden Federn ausgerissen. Eine noch hellere Stelle wird sichtbar. Das Huhn hackt wieder. Vielleicht beginnt Blut zu fließen. Das animiert noch mehr zum Hacken, nicht nur das eine Huhn, sondern auch alle anderen.
Ein Teufelskreis beginnt, der erst endet, wenn ein Huhn von den anderen tot gehackt in der Ecke liegt.
Wollen wir das? Nein, also müssen wir das Kupieren der Schnäbel zulassen.

Natürlich weiß ich, dass es andere Wege gibt. Mehr Platz z.B. erledigt dieses Problem, weil sich die Tiere aus dem Weg gehen können.
Trotzdem sehen unkupierte (Bio-)Hühner immer zerupfter aus.
Hier muss man einen Kompromiss treffen, entweder Kupieren oder Gefiederschäden. Und was ein Kompromiss ist, weiß ja jeder. Man kann es nicht jedem Recht machen. Und es gibt keine wirkliche Alternative.
Das Kupieren von Schnäbeln steht hart in der Kritik und wird wohl über kurz oder lang verboten werden. Ist das wirklich gut? Ich wage es mal, das anzuzweifeln.

Natürlich hat auch die Bodenhaltung Vorteile und die Käfighaltung Nachteile.
Ich gebe zu, das ist von mir absichtlich ein wenig einseitig gehalten worden. Dennoch sollten sich überzeugte Freilandhaltungseierkäufer nochmals mit dem Thema befassen und sich fragen, ob sie mit ihrem Wunsch nach artgerechter Haltung nicht eher das Gegenteil erreicht haben.
Zumal … noch ein kleiner Schocker zum Schluss … sie ja ebenfalls bereits Käfigeier in großen Mengen konsumieren. Ihr Frühstücksei ist aus Freilandhaltung. Aber was ist mit Eiern in Kosmetik wie Shampoo und Lebensmitteln wie Kuchen, Nudeln, etc.?
Diese Eier kommen zum großen Teil aus Osteuropa und aus der Käfighaltung.

Warum machen wir es nicht einfach wie in einigen Teilen Westdeutschlands, wo die Verbraucher ihre Eier auf den Wochenmärkten kaufen, egal, ob da eine 3 (Käfighaltung) oder eine 0 (Bio) auf dem Ei steht?
Sie kaufen die Eier, weil sie die Bauern kennen, die die Eier produzieren, weil sie das schon seit Jahren so machen und darauf vertrauen, dass die Qualität stimmt. Sie unterstützen damit die Bauern in ihrer Region und entscheiden sich damit (vielleicht nur unbewusst, aber immerhin) für den richtigen Weg.
Aber das könnte auch schon wieder ein eigenes Thema werden.

So, damit entlasse ich euch für dieses Mal. Hoffe, ihr habt etwas für euch gelernt, was ihr mitnehmen wollt.
Eine Diskussion würde mich freuen, ich bin für alle Gesinnungsrichtungen und Argumente offen. Wenn interessante Fragen aufkommen, vielleicht sogar mehrfach, dann folgt in Kürze zu diesem Kapitel eine Ergänzung mit Leserfragen und Antworten.
Ansonsten bestimme ich das nächste Thema 😉

Kleiner Lesetipp noch für euch: http://www.fanfiktion.de/s/51c4fbb000029e052070d564/1/Huehnermast
Gut argumentiert, gut geschrieben und gut recherchiert … Inhaltlich leider teilweise falsch… Aber wer sich für das Thema interessiert, der sollte vielleicht trotzdem mal reinschauen. Man muss ja nicht alles glauben, sondern kann es hinterfragen mit dem Wissen, was man hier schon erworben hat.

Anmerkungen:

Hallo zu einem weiteren Kapitel der Aufklärungsreihe.
Diesmal habe ich euch ein paar Leserfragen zusammengestellt, die in den Reviews z.T. wiederholt auftraten, aber die ich nicht jedes Mal einzeln beantworten wollte.
Wer weitere Fragen hat, kann sie gerne stellen oder auch direkt in mein Postfach schicken, ich würde sie dann hier ergänzen.
Und nun viel … jetzt hätte ich beinahe Vergnügen gesagt, dabei ist es das nur bedingt. *hüstel* Ich gebe zu, da ist wieder Potential für Kritik am System drin.

Leserfragen zu Eiern und Hühnern

* Woher kommt der Geschmack von Eiern?

Den Unterschied zwischen Eiern aus dem Supermarkt und vom Bauern (blöde Formulierung, die aus dem Supermarkt sind auch von Bauern produziert worden) schmeckt man … jein.
Geschmack kommt bei Eiern viel übers Futter.

Der eine oder andere kennt sicher den Fischgeschmack im Ei?
Angeblich von der Fütterung mit Fischmehl kommt er eigentlich von der Fütterung mit Rapskuchen. Früher gab es Erucasäure- und Glucosinolat-haltige Rapssorten.
Diese (Glucosinolate = Senföle) sind verantwortlich für den Fischgeschmack im Ei, aber mittlerweile gibt es 00-Raps ohne diese beiden Inhaltsstoffe. Nur deswegen ist Raps überhaupt für die menschliche Ernährung brauchbar geworden.

Ein Ei vom Bauern kann, muss aber nicht zwingend, besser schmecken als eins aus dem 10er Pack.
Die 10er Packs bieten halt gleichbleibenden Geschmack, weil es immer das selbe Futter über die Legeperiode gibt.
Ein Ei vom Bauern kann geschmacklich stärker schwanken, je nachdem, was das Huhn draußen zwischen die Schnabelhälften bekommen hat.

Dottergröße ist auch nicht der Punkt, das ist genetisch ziemlich fest (siehe dazu die Frage nach der Größe von Eiern!), eher noch die Dotterfarbe.
Die Eidotter vom Bauern sind oft blasser, was nicht schlechter sein muss. In der Großhaltung gibt es extra Futter, das die Dotter dunkler macht (meistens einen Anteil an Möhren oder deren chemischen Ersatz, Carotine eben), weil der Verbraucher das Optische zu schätzen weiß.
Bei Omas Hühnern oder Biohühnern sind im Sommer die Dotter dunkler, weil die Hühner draußen sind und Carotine über Gras aufnehmen können, im Winter heller. Geschmacklich merkt man da aber keinen Unterschied.
Eigentlich sind diese Faktoren für den Geschmack völlig egal. Genau wie die Schalenfarbe. Das Ei schmeckt trotzdem.

* Warum die braunen Eier nicht immer die Bioeier sind und weiße Eier nicht immer aus dem Käfig kommen

Das oben stehende Argument gibt es tatsächlich. Braune Eier sind Bio, weiße kommen aus dem Käfig.
Sogar meine Oma hat das letztens erzählt. *kopfschüttel*
Braune Eier werden auch häufiger gekauft (außer zu Ostern, wenn Eier gefärbt werden^^).
Die Schalenfarbe wird oft mit der Qualität des Eis gleichgestellt.

Völliger Blödsinn.
Welche Farbe ein Ei hat, kommt von der Genetik des Huhns, nicht von seiner Haltung.
Es gibt weiß-legende Rassen, braun-legende, sogar Rassen, die rote oder gar grüne Eier legen.
Ich habe selbst schonmal grüne Eier gegessen. Ja, das kostet Überwindung, weil der optische Reiz aussagt: vergammelt!, aber schmecken tun sie wie normale Hühnereier.

Es gibt also auch weiße Eier von Biohühnern (obwohl Biobetriebe häufig die braun-legenden Linien nutzen, wegen des Verbraucherdenkens) und braune Eier aus dem Käfig.
Oder aus Bodenhaltung.

Der einzige Unterschied zwischen braunen und weißen Eiern ist (außer der Farbe!), dass braune Eier eine etwas festere Schale haben.
Aber auch das ist genetisch bedingt.
Bzw. Schalendicke kann auch mit der Haltungsform, genauer der Fütterung, zusammenhängen. Erstaunlicherweise zählt sie aber beim Verbraucher nicht.

* Warum gibt es unterschiedliche Größen von Eiern?

Jeder kennt das … es gibt S,M,L und XL Eier. Die Größen stehen für das Gewicht in Gramm pro Ei.
Erstere und letztere gibt es nicht oder nur ganz selten im Laden, die wandern meistens gleich in die Industrie. Nudeln ist es egal, wie groß die Eier waren, die in sie hineinkommen.

Auch die Größe ist kein Qualitätsmerkmal. Auch kein Rassemerkmal, wie die Schalenfarbe.
Die Größe von Eiern nimmt über die Legeperiode zu. Das Huhn beginnt am Anfang mit S-Eiern und steigert sich, bis es XL-Eier legt.
Ich hätte da gerade einen Vergleich im Kopf, der ist aber nicht jugendfrei. Ok, ich poste unter FSK 12, da darf ich vielleicht wenigstens erwähnen, dass es was mit der Größe von Dildos oder Plugs zu tun hat 😉

Das klassische Legehuhn legt ca. ein Jahr lang Eier, dann geht es in die Mauser. Wenn es mausert, wird es Suppenhuhn, geht also zu Schlachtung, weil Hühner in der Mauser keine Eier legen.
Würde man Hühner über die Mauser hinweg behalten, dann würden sie danach mehr Eier der Größen L und XL legen.
Das ist aber unerwünscht, weil es länger dauert, bis ein Huhn ein so großes Ei gelegt hat … lieber täglich Eier, auch wenn sie kleiner sind.

M und L sind die vom Verbraucher geschätzten Größen.
Jeder hat da so seine Vorlieben, wie lange er sein Ei kochen will, wie groß es sein soll, etc.
Deswegen werden die Eier nach Größen sortiert und verkauft. Hat nichts damit zu tun, dass es für jede Größe eigene Hühner gibt 😉
Obwohl die Eier von Zwerghühner per se kleiner sind als die von normalen oder großen Hühnern.

Weil die Frage nach der Dottergröße aufkam … XL-Eier enthalten nicht selten zwei Dotter.
Ältere Frauen bekommen auch häufiger Zwillinge *g*
Aber die Dottergröße ist eigentlich recht stark fixiert, allerdings in Prozent zur Eigröße. Deswegen enthalten größere Eier mehr Dotter.

Das funktioniert aber nur innerhalb einer Art.
Wachteleier haben so z.B. einen größeren prozentualen Anteil Dotter als Hühnereier, diese mehr als Gänseeier und Gänseeier noch mehr als Straußeneier. Nur so als Info nebenbei.

* Wo landen die kleinen Hähne bei der Legehennenhaltung … und wo die Hennen bei der Mast?

Fangen wir mal mit dem 2. Teil der Frage an, weil das einfacher zu beantworten ist.
In (normalen) Mastbetrieben (Kurzmast mit ca. 33 Tagen) werden sowohl Hähne als auch Hennen gemästet. Beide Geschlechter haben ungefähr die gleichen Zunahmen.

Bei der Legehennenhaltung steht ja oft in der Kritik, dass dabei alle männlichen Küken getötet werden, weil nur die Hennen Eier legen.
Mittlerweile versucht man deswegen Zweinutzungsrassen (Eier und Fleisch) zu züchten, wobei der Verbraucher dort bereit sein müsste, mehr für Eier und Fleisch zu zahlen, weil beides weniger würde. (Legeleistung und Fleischansatz sind genetisch negativ korreliert, d.h. je mehr Eier ein Huhn genetisch gesehen legen kann, desto weniger Fleisch setzt es an und umgedreht.)
Ansonsten werden die Küken direkt nach dem Schlüpfen sortiert, die weiblichen gehen in die Aufzucht – und ja, die männlichen werden getötet. Allerdings werden sie NICHT lebend geschreddert. Das ist eine Horrorgeschichte von übereifrigen Tierschützern.
Sie werden vergast. (Ich weiß, dass man sich streiten kann, ob das besser ist!)

Aber ist das wirklich so schlecht?
Erstmal ist man geneigt JA! zu schreien, immerhin ist so ein Küken wirklich niedlich.
Doch wenn man weiß, dass an den toten Küken ein ganzer Industriezweig hängt, der wegbrechen würde, dann sieht die Sache anders aus.

Die toten Küken werden nämlich keineswegs weggeschmissen (wie man vielleicht irrtümlicherweise denken würde), sondern gehen an Zoos, Zoohandlungen und Privatleute – Küken werden z.B. zur Fütterung von Schlangen oder Störchen genutzt.
Ich wurde von meinen Eltern mal im Zoo vom Vogelgehege weggeführt, weil man dort die Störche mit Küken gefüttert hat.
Ein weiterer Teil landet im Hundefutter.
Diese Küken werden also auch irgendwie gebraucht. Ob man das jetzt pervers findet, ist eine andere Sache.
Trotzdem sollte man bedenken, dass auch Schlangen leben wollen und da viele sie Fleischfresser sind, müssen eben andere Tiere sterben. Ob nun eigenes dafür gezüchtete Mäuse oder eben anfallende Küken, macht dabei nun auch nicht so den Unterschied, oder?

* Schmeckt man den Unterschied zwischen Huhn und Hahn?
* Oder woher kommt der unterschiedliche Geschmack von Hühnerfleisch?

Weil noch nicht so ganz klar war, was die gegrillten Hähnchen, Hendl, Broiler … (man setze hier ein beliebiges Synonym ein) nun eigentlich sind: Was als Broiler verkauft wird, sind Masthähnchen/-hühner.
In die Mast gehen beide Geschlechter, also ist ein Broiler nicht zwingend in Deutschland ein Hahn und in Österreich ein Huhn (kleiner Witz auf Kosten der dt.-dt. Sprachen mit besten Grüßen an Net Sparrow und Elayne26), anders als es der Name einem nahe legt.
Geschmacklich merkt man nicht, was man da gerade vorgesetzt bekommt, weil Masthühnervögel beiderlei Geschlechts VOR der Geschlechtsreife ausgewachsen sind und geschlachtet werden.

Geschmacksunterschiede beim Fleisch treten dagegen auf, wenn man Masthähnchen (ich bleibe jetzt mal bei der männlichen Form, getreu der lateinischen Sprechweise, das jede Gruppe, wo ein Mann drin ist, männlich angesprochen wird 😉 aus besonderer Aufzucht kauft.
Zu nennen sind hierbei die Stubenküken (also besonders jung geschlachtete Masthähnchen), Poularden (das Gegenteil, also Masthähnchen aus Langmast) und Maishähnchen (die fast ausschließlich mit Mais gefüttert werden, was dem Fett eine gelbliche Farbe und eigenwilligen Geschmack gibt).
Der einzige Geschmacksunterschied beim Fleisch durch das Geschlecht tritt bei Kapaunen (kastrierten Hähnen) auf, die in Deutschland allerdings kaum angeboten werden.

* Was ist überhaupt ein Suppenhuhn?

Suppenhühner sind dagegen wirklich Hühner, also rein weibliche Tiere.
Vom Suppenhuhn spricht man, wenn die alten Legehennen geschlachtet werden. Deren Fleisch eignet sich nicht mehr zum Braten, sondern gerade noch, um es zu Suppe zu kochen.
Auch Suppenhühner sind ungebräuchlich geworden, wer mal welche angeboten bekommt, halte den Schlachtkörper einfach mal gegen ein Masthähnchen, da sieht man den Unterschied ganz deutlich.
Das Suppenhuhn schaut etwas größer aus, aber auch wesentlich magerer.
Die Knochen stechen durch das Fleisch, die Wirbelsäule ist klar zu erkennen, was beim Masthähnchen alles von Fleisch bedeckt ist.

* Warum man die männlichen Küken aus der Legehennenaufzucht nicht mästet

Suppenhühner sind NICHT die männlichen Tiere der Legerassen!
Diese werden so ziemlich ausnahmslos wie bereits erwähnt zu Tierfutter gemacht.
Es lohnt sich wirklich nicht, ein männliches Küken einer Legerasse zu mästen, weil man viel, viel, viel mehr Futter investieren müsste, um ein ordentliches Schlachtgewicht zu erreichen, welches immer noch unter dem der Masthähnchen läge.

Das hat nichts damit zu tun, dass es genug Fleisch gibt – der Geflügelmarkt ist am wachsen, weil Geflügelfleisch keinerlei religiösen Beschränkungen unterliegt wie z.B. Schwein oder Rind.
Sondern mit der Genetik der Tiere.
Unsere Legehennen sind Kreuzungstiere (Hybriden) aus Legerassen wie Leghorn, Totleger, Vorwerk, Sussex, White Rock … die genaue Genetik wird nicht herausgegeben.
Wer sich für die Hybridrassen interessiert: http://www.ltz.de/produkte/Legehennen/ >> rechts finden sich die angebotenen „Rassen“. Über Hybridzucht kann ich gerne nochmal ein eigenes Kapitel schreiben, wenn das gewünscht ist?
Die Masthähnchen sind ebenfalls Hybriden, aber aus anderen Rassen, vor allem den ganzen Kämpferrassen … indische Kämpfer, u.a. … außerdem New Hampshire, Sulmtaler, Brahma …

Auch männliche Tiere aus den Legerassen haben genetisch den Ansatz viele Eier zu legen und möglichst wenig Fleisch anzusetzen (negative Korrelation, hatte ich ja schon erklärt).
Das ist wie der Unterschied zwischen einem Milchrind und einem Fleischrind … oder zwischen einem Windspiel (die Hunderasse) und einer Bulldogge.
Ganz drastisch ausgedrückt vielleicht auch an folgendem Beispiel: Angelina Jolie (viele Kinder, sehr schlank) im Vergleich mit Cindy aus Marzahn 😉
Die männlichen Küken zu mästen würde wenig teures Fleisch schlechter Qualität ergeben, weswegen man sie gleich als Tierfutter weggibt.

Hobbyhühnerhalter dagegen halten reinrassige Hühner, die nicht so extrem auf Eier oder Fleisch gezüchtet sind und deswegen beides bringen – aber halt wesentlich weniger.
Zweinutzungsrassen wären nett, sind aber in großem Stil (wie ebenfalls schon erklärt) sehr teuer.

Kapitel 2: Warum Bauern steriler als Chirurgen arbeiten

Nachdem ich beim letzten Mal über die Legehennenhaltung geschrieben habe, folgt heute ein Post zu dem Thema, das einem als erstes in den Sinn kommt, wenn es um Massentierhaltung geht: die Schweineproduktion.
Ich sagte mit Absicht Produktion, den in kaum einem anderen Bereich der tierischen Erzeugung ist es mehr Industrie als alles andere. Abgesehen vielleicht noch von Mast- und Legehühnern.
Warum denken wir bei Massentierhaltung zuerst ans Schwein?

Zum einen wegen der enormen Größe von Schweinezucht- und Mastanlagen. Eine Vollzeitarbeitskraft kümmert sich entweder um 800 Sauen mit Ferkeln oder 3000 Mastschweine. Und in einem Schweinebetrieb gibt es nicht nur eine Arbeitskraft …
Zum anderen weil kaum eine Tierhaltung dermaßen in der Kritik steht – sei es aufgrund der Fixierung von Sauen in Ferkelschutzkörben, dem Zähne schleifen von Ferkeln, der Kastration und dem Schwänze kupieren. Oder dem Antibiotikaeinsatz. Aber der wird einmal ein eigenes Thema werden, sonst artet das hier aus.

Kommen wir zuerst zu der Größe von Schweinebetrieben, denn das beantwortet auch die Frage, die das Thema bildet.
Warum müssen Betriebe so groß sein?
Auf den ersten Blick hat das doch nur Nachteile. Für die Umwelt, die unter Nitrat und Phosphor im Grundwasser leiden muss; für die Anwohner, die unter dem Gestank und der Lautstärke von solchen Anlagen leiden müssen; für die Betriebsleitung, weil soviele Schweine enorm viel Arbeit machen und eine sehr gute Koordination erfordern.
Und für die Schweine, die … *überleg* naja, sagen wir, sie sind einem hohen Infektionsdruck ausgesetzt. Aber ehrlich gesagt sind die Schweine die einzigen, die nicht unter der Größe einer Anlage leiden, auch wenn man das immer denkt.

Für Schweine sind große Gruppen von hundert und mehr Schweinen sogar angenehmer als kleine, auch wenn wir das nicht denken.
Schweine sind ja sehr sozial und in einer kleinen Gruppe würde jedes Schwein gefühlte 100 Mal pro Tag an dem anderen Schwein vorbei müssen, das es nicht mag.
In einer großen Gruppe bilden sie (wie die Hühner) Untergruppen und gehen denen, die sie nicht leiden können aus dem Weg.
Man kann das vielleicht mit einem Schulhof vergleichen. Hat da jeder ein Bild im Kopf, das er sich vorstellen kann? Gut, dann wäre das geklärt.

Zurück zur Frage, warum man nun so große Anlagen baut.
Die Antwort ist ganz einfach und wie überall: Geld. Wirtschaftlichkeit.
Schweinezucht und – haltung ist heutzutage das gleiche, wie einen McDonalds Laden zu eröffnen. Nicht lachen, stimmt wirklich. Franchise.
Das gleiche gilt übrigens für Geflügel.
Man bekommt genaue Vorgaben, welche Leistung die Tiere bringen müssen, dann wird analysiert, ob das am Standort möglich ist, muss einen Stall bauen (nach genauen Vorgaben) und danach ist das Unternehmen ein Selbstläufer. Ferkel werden geliefert, Futter wird geliefert, Schweine werden zum Schlachten geholt.
*hüstel* An der Stelle vielleicht unangebracht, aber ich kann mir den Witz nicht verkneifen: McDonalds eben.

Deutschland und vor allem das „Schweineland“ (NRW) sind ein Paradies für die Schweinelobby.
Die meisten Firmen gehören übrigens Dänen. Aber in Dänemark sind die Umweltauflagen zu streng, deswegen wird in Deutschland produziert.
Noch mehr interessante Fakten?

1.) Der größte Schweinefleischproduzent der Welt ist China. Auch der größte Verbraucher. (Man denkt es nicht … Chinesen bringt man bei uns eher mit Huhn oder Ente in Verbindung…)
2.) In Deutschland musste man 1970 96 Stunden für 1 kg Schweinekotelett arbeiten. 2010 waren es noch 22 Stunden. Tendenz fallend bei unserem Billigdenken.
3.) Der Konsum steigt natürlich dementsprechend, wie das Fleisch billiger wird. Brot und andere Grundnahrungsmittel werden zunehmend von Fleisch substituiert.
4.) Der Schweinefleischmarkt ist allerdings nicht so toll, wie man denken sollte. Schwein unterliegt in vielen Kulturen einem religiösen Verzehrsverbot. Die interessanteren Wachstumsmöglichkeiten hat da der Markt für Geflügelfleisch, das übrigens das einzige Fleisch ist, das von allen Kulturen und Religionen gegessen wird (außer von Vegetariern natürlich *augenroll*).

Es wird also mehr Fleisch gegessen, das immer billiger werden muss. Wie löst man das?
Größere Anlagen bauen.
Massenproduktion ist billiger, da man nur einmal Abschreibungen und Festkosten hat.
Außerdem kann man sich spezialisieren und damit bringt man eine bessere Leistung.

Letztlich ist es der Verbraucher, der nicht neben einer Schweineproduktionsanlage wohnen will, gegen Massentierhaltung protestiert und billig im Discounter kauft Schuld daran, dass solche riesigen Anlagen gebaut werden müssen und die Tiere in Massentierhaltung gehalten werden.
Ich glaube, man nennt das Ironie des Schicksals.
Aber ganz ehrlich: Wer sagt nicht, dass man weniger Fleisch essen soll und das auch Biohaltung – und isst dann früh Salami aufs Brötchen, mittags Chop Suey beim Chinaimbiss und abends ein schönes Schnitzel???
Zugegeben: Ich mache das Letztgenannte. Steinigt mich doch. Deswegen werde ich trotzdem keinen Veggieday einlegen. Wenn ich vegetarisch esse, dann weil es mir schmeckt und nicht, weil unsere Wohlstandsgesellschaft mich dazu zwingt.
Aber ich schreie nicht, dass man weniger Fleisch essen soll und das auch noch aus Biohaltung. Klar ist Biohaltung gut. Und weniger Fleisch wäre auch gut. Der Punkt ist einfach, dass ich mich damit arrangieren kann, wenn mein Schnitzel von einem Schwein aus Massentierhaltung stammt. Für mich ist das keine Katastrophe, sondern normal. Dazu kommen wir noch.

Zu dem Thema Wohlstandsgesellschaft – darunter versteht man übrigens eine Gesellschaft, die sich Fleisch-essen leisten kann.
Erst wurde ökologisch produziert, weil man man nichts hatte. Dann ging es, alle wollten es haben, darunter litt dann die Umwelt (was man so Industrialisierung nennt). Und jetzt sind wir schon so wohlständig, dass wir (in gewissen Grenzen, denn verzichten wollen wir nicht) für ökologische Produktion plädieren.
Paradox?

Nun aber zu der Frage, die den Kapiteltitel bildet.
Warum sollte ein Bauer steriler arbeiten als ein Chirurg? Sehen wir uns dazu einmal an, wie ein Chirurg arbeitet … *Blick in den OP anmach*
Wie wir hier sehen, trägt der Chirurg seine eigene Kleidung (zumindest Unterwäsche und T-Shirt) und darüber die krankenhaustypische Einmalkleidung bestehend aus Hose und Kittel. Er steckt seine Haare unter einer Haarnetz, trägt Mundschutz und desinfiziert sich die Hände. Soweit normal. Sauber und steril, zumindest in unserer Vorstellung.

Schauen wir uns jetzt einmal den Arbeiter (die Arbeiterin) in einer Großproduktionsanlage für Schweine an … oder stellen wir uns erstmal vor, wie wir uns das so vorstellen:
Reingehen, gute Kleidung gegen dreckige Arbeitssachen eintauschen und ab zu den Tieren. *lach*
Man geht schließlich in den Schweinestall, nicht?

Ok, und jetzt nochmal von vorn, wie es wirklich ist (obwohl ich ahne, dass mir das keiner glauben wird *g*):
Der Arbeiter betritt die Anlage … geht in seinen guten Sachen über eine Seuchenmatte.
Er betritt eine Umkleide, den sogenannten Schwarzbereich, entledigt sich seiner gesamten Kleidung (ja, auch die Unterwäsche!!!) und geht in einen Duschraum, wo er sich einduscht (was Haare waschen einschließt). Danach gelangt er in eine zweite Umkleide, den Weißbereich, wo er seine vom Betrieb gestellte Arbeitskleidung anlegt, die selbstverständlich zu Anfang sauber ist (ja, auch die Unterwäsche!!!).
Dann geht er in den Stall. Dort arbeitet er nur in einem Stallgebäude (andernfalls müsste er sich zwischen jedem Gebäudewechsel umziehen) und vor jedem einzeln abgetrennten Stallbereich liegt eine Seuchenmatte, die er überquert.
Zutritt zum Stall erhalten übrigens nur Personen, die mind. 48 Stunden keinen Fremdschweinekontakt hatten (das schließt das Haustier Minischwein ein).
Und ja, ein- und ausgeduscht wird jeden Tag.
Mundschutz und Haarnetz kann sicherlich auch noch tragen, wer mag.
Und wer sein Frühstück mitbringt, der lässt es vor dem Betreten des Stalls bitteschön durch eine UV-Licht-Schleuse wandern.

Glaubt mir das jemand? Das ist die Realität.
Wer Selbstmordgedanken hegt, der braucht nur Hobbyzüchter von Minischweinen in der Gegend um Münster/Emsdetten zu werden. In der Gegend befinden sich ziemlich viele wirklich große Schweinebetriebe.
Jeden Tag eine Gassirunde mit Minischwein am Geschirr. Denn die Haltung von Minischweinen als Haustier ist nicht verboten, sofern man sich an die Vorschriften hält (Anmeldung bei der Tierseuchenkasse und artgerechte Haltung nach Tierschutznutztierhaltungsverordnung für Schweine).
Falls es jemand ausprobiert, ich wäre wirklich scharf auf einen Erfahrungsbericht, wie lange er durchgehalten hat.

Der Grund ist einfach der, dass es eine Reihe von bösartigen Tierseuchen gibt, die ausschließlich Schweine befallen und bei denen der gesamte Bestand gemerzt (getötet) werden muss, wenn die Tiere nicht vorher von selbst sterben.
Merzung unterscheidet sich von Schlachtung, dass man die ganzen toten Tiere dann einfach nutzlos entsorgt, während die Schlachtung den Sinn hat, dass man das Tier danach aufessen kann und aus dem Leder Schuhe machen…
Die Gefahr der Übertragung und Ansteckung ist auch bei der hygienischsten Haltung immer da und der Verlust wäre zu enorm. Eine Vire reicht da ja mitunter schon.
Beispiele wären die Schweinegrippe, die Schweinepest, Maul- und Klauenseuche, Brucellose, Tollwut, Salmonellen, Influenza und noch einiges mehr. Das sind aber die auch bei Laien bekanntesten.

Wo wir gerade bei Krankheiten sind – hat jemand Interesse, wie Schweinegrippe, Vogelgrippe und die unzähligen anderen aggressiven Grippearten entstehen mit denen wir jeden Winter zu kämpfen haben?
Ein kleiner Exkurs: Die meisten Grippewellen beginnen in Asien auf dem Land. Dort in den Dörfern, wo Schweine noch unter dem Klo gehalten werden, um die Abfälle zu verwerten. (Ja, wirklich.)
Nun teilen sich Menschen und Schweine einen großen Teil des genetischen Codes.
Mensch mit Grippe geht also auf das Klo, Schwein kommt mit dem Virus in Kontakt. Vielleicht säuft es auch noch Wasser aus dem Dorfteich, in dem zufällig eine mit Vogelgrippe infizierte Ente schwimmt.
Diese beiden Viren landen nun durch Zufall auch noch in der gleichen Zelle … (zur Erklärung: Viren nisten sich in Zellen ein, ersetzen die gespeicherte DNS durch ihre eigene und lassen sie so vermehren!)
Es entsteht ein neuer Grippevirus mit dem Besten von Mamivirus und Papivirus.
Irgendwann landet das ganze dann bei uns. Impfungen helfen da nichts, weil sie nur einen Teil der bekannten Grippearten abdecken. Jeder neue Erreger kann trotzdem infizieren. Und die Mutationen gehen so schnell, dass es jedes Jahr neue gibt.

Zurück zum eigentlichen Thema.
Ein Schweinestall ist also eine Art hermetisch abgeschirmtes Gebiet, zu dem kaum einer Zutritt hat. Natürlich schürt das die Spekulationen, wie darin mit den Tieren umgegangen wird.
Zumal viele Geräusche, die Schweine machen, sich anhören, als würden sie leiden. Tun sie nicht, Schweine geben fast immer Laute von sich, die wenigsten sind für menschliche Ohren angenehm.

Was weitere bekannte Kritikpunkte sind: Fixierung, Zähne schleifen, kastrieren und Schwänze kupieren.

Ja, Sauen werden in Ferkelschutzkörbe ( http://cdn.agrarnet.info/lko2/mmedia/image//2009.09.01/1251811567_1.jpg?1332386327) gesperrt. Zeitweise. Nicht um die Sau zu quälen, sondern um – kommt jemand von selber drauf? Kleiner Tipp: der Name!!!
Ferkelschutz-korb. Er schützt die Ferkel vor dem Erdrücken durch die Sau.
Ja, aber, werden jetzt einige einwenden, in der freien Natur geht es doch auch ohne. Und in Biobetrieben. Und überhaupt sind Schweine sozial, eine Sau würde doch ihren Ferkeln nichts tun.
Bewusst sicherlich nicht. Aber es gibt eben mütterliche Sauen und nichtmütterliche. Genauso wie es fürsorgliche und … andere Mütter gibt.
In der freien Natur singt die Sau, bevor sie sich hinlegt und die Ferkel weichen zur Seite.
Unseren modernen Sauen hat man ein solches Verhalten weitestgehend abgezüchtet. Wenn sie sich hinlegen wollen, legen sich sich hin, egal ob die Ferkel weg sind oder nicht.
Eine mütterliche Sau wird evtl. nochmal aufstehen, wenn die Ferkel schreien. Aber wie realistisch ist es, dass das Ferkel noch schreien kann, wenn da mal eben 200 und mehr Kilogramm Mama draufliegen?
Wo die Sau einmal drauflag, da ist das Ferkel platt. Um es so platt auszudrücken.
Deswegen gibt es diese Zwangsfixierung. Denn erdrückte Ferkel sind mit Tierschutz nicht wirklich unter einen Hut zu bringen. Das ist der gleiche Kompromiss, wie das Schnäbel kürzen.

Oder das Zähne schleifen – denn dies dient wiederum dem Schutz der Sau vor den Ferkeln.
Man darf es übrigens nur im Bedarfsfall. Will heißen, eigentlich erst, wenn das Gesäuge der Sau von den Zähnen der Ferkel schon blutet. Dann ist es aber zu spät. An die Mütter unter meinen Lesern: Oder wie würdet ihr das einschätzen?
Also macht man es meistens eher.

Kastrieren … oh, heikles Thema.
Ja, man könnte es lassen. Und es würde einige Menschen gar nicht stören. Andere aber ganz erheblich in ihrer Lebensqualität beeinträchtigen.
Denn Eber lagern im Fettgewebe Pheromone ein. Sexualpheromone, die die Sauen ganz heiß werden lassen, auch ohne Pfanne *g*
Das ist der Grund, warum man sagt, dass Eber stinken. Für den Menschen riechen diese Pheromone nämlich widerlich. Ich spreche aus Erfahrung, ich durfte an einem Eberpheromonspray riechen. Zum Glück hatte ich da gerade Schnupfen, wenn ich gesehen habe, wie andere sich davor gekrümmt haben …
Allerdings ist es so, dass nur bestimmte Menschen diesen Geruch wahrnehmen. Warum, weiß ich nicht und auch nicht, wonach das geht.
Würde man also nicht kastrieren, dann wäre Fleisch von Ebern, die stinken (es gibt wohl auch schon einige nichtstinkige Linien, die man gezüchtet hat) für Menschen, die diesen Geruch wahrnehmen können, eine echte Zumutung.
Und nein, das geht beim Braten nicht weg, im Gegenteil.
Eine spezielle Kennzeichnung dieses Fleisches wäre eine Lösung, die Eber ausschließlich zu Hundefutter machen eine andere. Oder männliche Ferkel vor der Geschlechtsreife zu schlachten, wie Spanferkel…
Aber man könnte ja auch einfach weiterhin kastrieren. Hat doch bisher gut funktioniert.
Und es ist wirklich keine Quälerei, sondern wird von einer sachkundigen Person (meist dem Tierarzt) unter Gabe von örtlicher Betäubung und Schmerzmitteln gemacht.

Nun noch ein Wörtchen zum Thema Schwänze kupieren, dann höre ich erstmal auf , sonst wird das hier ein abendfüllendes Programm… zu den Vorwürfen im Vorwort betreffs Breifütterung, Wälzen und Spieltrieb kommt nochmal ein Extrakapitel.
Den Spieltrieb muss ich hier allerdings schonmal ansprechen, denn er ist einer der Hauptgründe, warum man Schwänze kupiert.
Schweine sind extrem neugierig, schlau und verspielt. Wie Hunde, die ihren eigenen Schwanz jagen und hineinbeißen, so machen es auch Schweine. Allerdings mit dem Ringelschwanz vom Nachbarn, weil sie an den eigenen nicht herankommen.
Und Schweine lieben süßlich-säuerliche Geschmäcker. Besonders den von Blut.
(Ein Schwein ist kein Kannibale!!! Genauso wenig wie das Huhn! Es ist einfach ein Allesfresser, frisst also auch Schwein, wurde aber vom Menschen zum Vegetarier gemacht – zum Thema Fütterung ein anderes Mal mehr – aber der Trieb ist noch da. Schmeckt ein Schwein Blut, dann schmeckt ihm das und es wird darauf herum kauen.)
Dazu kommt die verhängnisvolle Tatsache, dass im letzten Drittel des Schweineringelschwanzes keine Nervenenden sitzen. Kaut ein Schwein an der Stelle beim anderen, wird es das andere Schwein gar nicht merken. Nun ist ein Schwanz die Verlängerung der Wirbelsäule, ist dort eine offene Wunde, kann eine Infektion sich über den ganzen Rücken ziehen und das Tier töten.
Entfernt man nun, wie es gute fachliche Praxis ist, dieses unempfindliche Drittel, wird das gebissene Schwein es registrieren und sich wehren. Keine Wunde, kein Infektion, Schwein lebt.
Tierverstümmlung aus Tierschutz, wieder einmal. Was ist denn nun besser?

So, damit entlasse ich euch für dieses Mal. Hoffe, ihr habt etwas für euch gelernt, was ihr mitnehmen wollt.
Eine Diskussion würde mich freuen, ich bin für alle Gesinnungsrichtungen und Argumente offen. Wenn interessante Fragen aufkommen, vielleicht sogar mehrfach, dann folgt in Kürze zu diesem Kapitel eine Ergänzung mit Leserfragen und Antworten.
Ansonsten kommt nächstes Mal noch etwas mehr zum Thema Schweinerei 😉

Vorbemerkung:

So, letztes Kapitel für dieses Jahr – Herzlich Willkommen!
Allerdings auch das (meiner Meinung nach) kritischste Kapitel bisher. Deswegen an der Stelle noch einmal besonders die Bitte nach Sachlichkeit!

Themenwünsche für Januar werden noch entgegengenommen, falls das am Ende genannte Thema nicht erwünscht ist.

Kapitel 4: Warum es wirklich zu multiresistenten Keimen kommt

Bevor wir mit dem Thema eigentlich anfangen, sei es mir erlaubt, dass zu sagen, was ich immer schonmal so sagen wollte:
Prophylaktische Fütterung mit Medikamenten und Antibiotika in der Tierhaltung ist VERBOTEN!!! Darf man nicht. Gibt es nicht. Nein! Wirklich! Glaubt es mir!

Ok, einmal tief durchatmen. Ich komme wahrscheinlich gerade ziemlich hysterisch rüber. Aber ihr habt meine Professorin zu dem Thema nicht erlebt oder meine zwei Kommilitoninnen, die vor dem Studium Tierarzthelferin gelernt hatten. Dagegen bin ich die Ruhe in Person *lach*
Beim Thema Antibiotika herrscht nämlich definitiv Aufklärungsbedarf, auch bei Landwirten.
Oben stehendes gilt. Normalerweise bin ich kein wirklicher Fan von dem Wort verboten (im Zusammenhang mit Tieren), aber hier gehört es hin: Verboten.
Viele scheinen das Wort nicht mehr zu kennen, die schlagen es bitte nach. In diversen Schulen und Erziehungsmethoden kommt es ja gar nicht mehr vor. Auch ich durfte mir anhören: „Das Wort müssen müsst ihr aus eurem Wortschatz streichen.“
Blödsinn. Es ist auch verboten wahllos einen anderen Menschen zu erschlagen, weil der einem das letzte Sonderangebot vor der Nase weggeschnappt hat.

Wohlgemerkt: prophylaktische Fütterung mit Medikamenten und Antibiotika. Prophylaktisch heißt vor Ausbruch einer Krankheit.
Ist ein Tier krank und kann nicht anders behandelt werden, bekommt es natürlich Antibiotika. Sogar in Biobetrieben (es sei denn, es ist ein NOP-Betrieb, aber das führte jetzt wirklich zu weit).
Man merke sich einfach, dass auch Biotiere Antibiotika bekommen dürfen. Allerdings seltener und mit mind. doppelter Wartezeit. Sollte in dem Bereich vermehrtes Interesse bestehen, können wir das gerne an anderer Stelle besprechen.
Und wir sprechen von Deutschland. Die USA handhaben es anders, das weiß ich. Aber das ist nicht das Thema.

Antibiotikaeinsatz ist keine Quälerei, sondern dient der Erhaltung der Gesundheit eines Tieres bzw. deren Wiederherstellung. Tierschutz ist auch hier das Zauberwort.
Ihr geht doch auch zum Arzt und lasst euch Medizin verschreiben, wenn ihr krank seid. Auch Antibiotika, wenn es nötig ist, nicht wahr?

In vielen Fällen wird hier das Antibiotika mit dem (ähnlich klingenden) Probiotika verwechselt.
Antibiotika tötet Bakterien, vorwiegend böse, aber auch ein paar gute. (Viren nicht, gegen Viren gibt es Virostatika.)
Probiotika fördern gute Bakterien, vor allem im Darm. Das ist soetwas wie Activia oder Actimel oder wie das Zeug alles heißt. Viele Menschen schwören ja darauf und bei Tieren gibt es das gleichfalls.
Probiotika sind zulässig, wenn sie auf der Positivliste stehen. Die Positivliste führt alle Futtermittel auf, die gefüttert werden dürfen, samt Mengenbeschränkungen, welche Tiere dieses Futter (nicht) bekommen dürfen, etc. Ihre Wirksamkeit ist nicht wirklich erwiesen, aber zumindest ist ihre Wirkung nicht schädlich.

Natürlich gibt es schwarze Schafe unter den Betrieben, die trotz Verbot Antibiotika falsch einsetzen. Ganz so blauäugig bin ich dann doch nicht und die häufigen Skandale kommen nicht von ungefähr.
Aber das sind Ausnahmen, die den ganzen Berufszweig in Verruf bringen.
Die Medien dramatisieren und verallgemeinern in solchen Fällen sehr gerne und weiten ihre Anschuldigungen dann auf alle aus. Doch das sollte man kritisch hinterfragen, denn der Großteil der Betriebe geht wirklich ordentlich mit dem Thema um.

Ein anderer Punkt ist das System, die Haltungsform der Tiere, die manchmal Probleme macht.
Nehmen wir einen Masthähnchenstall.
Masthähnchen werden in Bodenhaltung gehalten, in Größenordnungen von über 30.000 Tieren pro Stall. Ich denke, allein nach der Zahl dürfte jedem klar sein, dass es eine Unmöglichkeit ist, ein krankes Tier im Stall zu finden gezielt zu behandeln, nicht wahr?
Ergo gibt es Grenzwerte in Prozenten … so-und-soviel Prozent kranke Tiere = Behandlung erforderlich.

In diesem Fall entscheidet der Tierarzt für die Behandlung des ganzen Bestandes, weil man davon ausgehen kann, dass weitere Tier bereits infiziert sind, aber noch keine klinischen Symptome zeigen.
Die Behandlung erfolgt am schnellsten und einfachsten über die Tränke, es wird also ein Medikament im Tränkwasser gelöst (vom Tierarzt, nicht vom Halter!) und dann muss der Tierarzt (theoretisch) dabeibleiben, bis jedes Tier getrunken hat und somit seine Dosis Medizin erhalten hat. Danach wird das Wasser abgelassen, entsorgt und frisches Wasser in die Leitungen gelassen.
So ähnlich erfolgen beim Geflügel übrigens auch fast alle Standardimpfungen – also bitte aufpassen, ob es sich wirklich in jedem Fall um ein Medikament, Antibiotika handelt oder ob es nicht „nur“ eine Impfung ist! Ich wage mal zu behaupten, dass die Bilder im Fernsehen da manchmal das Falsche zeigen, um ihre Berichterstattung zu untermauern.
Impfungen sind übrigens nötig und teilweise gesetzlich verlangt bei allen Tieren (auch den Tieren von Hobbyzüchtern, auch Biotieren, allen!), also müssen sie sein. Ein Mensch, der selbst kein Freund von Impfungen ist und sie verweigert, muss dennoch hinnehmen, dass Tiere geimpft werden müssen.

Ok zurück zur medikamentösen Komplettbehandlung eines Stalls, das ist unschön und widerspricht der Regel, dass Medikamente nicht prophylaktisch gegeben werden dürfen. Eine andere Möglichkeit besteht aber durch die Haltungsform nicht. Deswegen ist es in der Form doch erlaubt.
Was nicht heißt, dass es die Regel ist.
Man sollte sich immer vor Augen halten, dass medikamentöse Behandlungen auch Geld kosten … und das man über jede einzelne Buch führen muss. Theoretisch ist es möglich über eine Nummer auf der Verpackung des Hähnchens seinen Betrieb zu ermitteln und dann anzufragen, ob und wenn ja wie das Tier behandelt wurde, wenn man das will.
Und jedes Medikament, Antibiotika hat Wartezeiten, d.h. die Tiere oder ihre Produkte (Fleisch, Eier, Milch,…) werden erst nach einer gewissen Anzahl von Tagen wieder für den menschlichen Verzehr freigegeben, um sicherzustellen, dass das Medikament im Körper des Tieres bereits abgebaut ist, wenn man es verspeist.

Das wird auch durchgesetzt. Antibiotikabehandelte Kühe werden extra gemolken und die Milch weggeschüttet. Früher wurde sie noch an Schweine oder Kälber verfüttert, das ist verboten – siehe unseren Merksatz oben!
Klar ist auch das unschön, da wird mir jeder zustimmen, der mal bis über die Knöchel in einer Milchpfütze stand und der weiß, dass woanders Kinder verhungern.
Aber es wird gemacht, weil es keine andere Lösung gibt.
Übrigens fällt auch Blauspray unter die Antibiotika, fällt mir gerade so ein. Das wissen viele gar nicht, ein Blauspray ist eben ein Blauspray. Aber auch dafür gibt es Wartezeiten.

Wir hatten als Einstieg die Diskussion um die Käfighaltung.
Ich greife das an der Stelle nochmal kurz auf. Wenn ich nur 10 Hühner in einem Käfig habe, dann kann ich diese natürlich viel gezielter behandeln.
Ich habe einen besseren Überblick und merke eher, wenn ein Tier krank ist. Und ich behandle die 10 Tiere im Käfig und nicht meinen gesamten Bestand.
Also noch ein Punkt für die Käfighaltung, oder?

***

Nun aber zur Titelfrage.
Multiresistente Keime sind bekannt, setze ich jetzt mal voraus?
Also, es sind Keime, gegen die Antibiotika nicht mehr wirken. MRSA (multiresistenter Staphylococcus Aureus) oder neuerdings ESBL (Extended– Spectrum Beta- Laktamase … Enterobakterien (Darmbakterien), die gegen Antibiotika resistent sind) sind vielleicht bekannt.
Man bringt sie in erster Linie mit Krankenhäusern in Verbindung und … naja, oft stimmt das auch. In Krankenhäusern werden solche Keime gerne weitergegeben. Übrigens aus dem Grund, weil nicht ordentlich desinfiziert wird.
Es ist ein Irrglaube, dass man gegen multiresistente Keime nichts tun können. Sie sind nämlich nur gegen Antibiotika resistent, nicht aber gegen Desinfektionsmittel…

Solche Keime gibt es aber auch in der tierischen Erzeugung. Vor allem Staph Aureus macht in der Milchviehaltung Probleme, weil er Mastitis auslöst.
Woher kommen sie?
Irrtümlich ist, dass sie durch falschen Umgang mit Antibiotika entstehen. Natürlich kann es auch mal vorkommen, dass eine Mutation des Bakteriums durch eine Fehlbehandlung stattfindet, weil zu häufig derselbe Wirkstoff gewählt wurde oder weil die Symptome vor der Anwendungsdauer zurückgingen und gut meinende Menschen das Antibiotika dann schon abgesetzt haben (das sollte man nicht tun!).
Der Großteil dieser Keime kommt allerdings durch mangelnde Hygiene und Desinfektion, genau wie im Krankenhaus.

Und ein weiterer Teil kommt aus der Fütterung.
Hä, wieso?

Nun, wir hatten ja im letzten Kapitel das Schwein als Vegetarier und ich hatte erwähnt, dass Eiweiß aus mikrobieller Fermentation als „tierisches“ Eiweiß in der Fütterung zulässig ist.
Woher kommen denn nun solche große Mengen Eiweiß aus mikrobieller Fermentation?
Bei Kühen ist das einfach zu erklären, sie haben im Pansen (einem ihrer Mägen) große Mengen an Bakterien, die ihnen helfen Gras u.ä. zu verdauen… zur Wiederkäuerernährung kommt auch nochmal eine Abhandlung. Jedenfalls schlucken sie ihre eigenen Bakterien mit hinunter und decken dadurch einen Teil ihres Eiweißbedarfs.
Nun sind Schweine und Hühner keine Wiederkäuer, sondern, wie der Mensch, Monogastriden. Einmägige auf Deutsch. Sie bekommen Eiweiß aus mikrobieller Fermentation also von außen gefüttert.

Wo fallen solche Mengen Bakterieneiweiß denn nun an, dass man sie in Größenordnungen als Futtermittel einsetzen kann, höre ich meine Leser quengeln?
Ich gebe euch zwei Stichworte: Bierherstellung. Penicillinherstellung.
Bierhefe ist ein Beispiel für ein hochwertiges Eiweiß – und sie ist sogar in Biobetrieben als Futtermittel erlaubt. Übrigens als einziges Eiweiß aus mikrobieller Fermentation…
Was uns zum 2. Punkt führt.

Penicillin. Jeder kennt es, denke ich mal. DAS älteste Antibiotika schlechthin.
Weiß man auch, wie es hergestellt wird?
Es gibt einen synthetischen Weg, die Großproduktion läuft aber heute noch über Pilze. Nach der Herstellung verbleiben riesige Mengen abgestorbener Eiweißträger, die man … verfüttern kann, richtig.

„Mycel-Silage aus der Herstellung von Penicillin“ stand in einer der älteren Ausgaben der Positivliste (Januar 2010) sogar noch wörtlich so drin.
Mittlerweile nennt man das Ganze: „Eiweißfermentationserzeugnis, das auf Erdgas gezüchtet ist, aus Methylococcus capsulatus (Bath) Stamm NCIMB 11132, Alcaligenes acidovorans Stamm NCIMB 12387, Bacillus brevis Stamm NCIMB 13288 und Bacillus firmus Stamm NCIMB 13280“ … so oder ähnlich.

Und selbst wenn es laut Positivliste nicht mehr zulässig ist – die gilt doch nur in Deutschland und Österreich. Nicht EU-weit.
Dann kaufen wir das Futter eben aus einem anderen Land, wo es nicht gekennzeichnet werden muss… Schlupflöcher gibt es immer. Gerade bei Futtermitteln.
Der Skandal um den Aflatoxinversuchten Mais ist vielleicht noch im Gedächtnis?

Ja, ich gebe zu, bei Futter wird oft Mist gemacht. Hier ist Kritik nicht selten echt angemessen.
Wenn auch nicht immer und überall.
Hier gilt, dass man nicht darüber diskutieren sollte, wenn man keinen Einblick hat und dass man keine Halbwahrheiten und Gerüchte verbreitet, die nur Schaden machen. Aber das sollte selbstverständlich sein und gehört eigentlich in eine ethische Diskussion.
Wenn ich mich darüber aufrege und schimpfe, der ich mich damit auskenne und beschäftigt habe, dann ist das wirklich was anderes, als wenn es jemand macht, der keinen Einblick in die Materie hat.
Und ja, ich weiß, dass das gerade fürchterlich selbstgefällig klingt *hüstel*

Aber diese Fütterung mit Resten der Arzneimittelherstellung hat zumindest einen doppelten, positiven Effekt: die Tiere werden nicht krank, da Wirkstoffe nie vollständig entfernt werden können, auch wenn das eine Voraussetzung zur Verfütterung ist (es also zu einer prophylaktischen Versorgung mit Antibiotika kommt – haha, ups… wer macht eigentlich solche Gesetze???).
Und gesunde Darmbakterien ebenfalls getötet werden, die sonst Energie abzweigen … die Tiere erbringen höhere Leistungen, weil sie die guten Bakterien nicht mit versorgen müssen.
Und einen großen negativen: Antibiotikaresistenzen nehmen zu.
Daher kommt ein Großteil dieser gefährlichen Keime, mit denen sich die Menschheit rumschlagen muss. Natürlich nicht alle, Tuberkulose wird z.B. ganz eifrig in russischen Gefängnissen gezüchtet, aber das ist nicht der Punkt.

Der Punkt ist, dass man über Nachlässigkeit und Dummheit von Menschen viel Schaden machen kann.
Denn mal ehrlich, selbst wenn man ein normaler landwirtschaftlicher Betrieb ist und sauber arbeitet, was Medikamente angeht … kann man wirklich verlangen, dass jeder Bauer dann auch noch weiß, was in seinem nach besten Wissen und Gewissen zugekauften Futter drin ist?

Die Medien schreien immer von Skandalen. Dioxinskandel. Aflatoxinskandal. Antibiotikaskandale.
Die genannten können alle durch Futter entstehen, dass der Landwirt einfach so zugekauft hat. Damit ist nicht der Landwirt schuld, sondern die Futtermittelindustrie, die das besagte Futter auf den Markt bringt.
Und warum das Ganze?
Wiedermal eigentlich nur wegen des lieben Geldes. Billig soll produziert werden und Futter ist neben Arbeit oft der größte Kostenpunkt in der tierischen Erzeugung.
Wenn wir die Spirale also bis ans Ende verfolgen, landen wir wieder an der Discounterkasse, wo der Verbraucher möglichst wenig für sein Fleisch bezahlen will…

So, damit entlasse ich euch für dieses Mal. Hoffe, ihr habt etwas für euch gelernt, was ihr mitnehmen wollt.
Eine Diskussion würde mich freuen, ich bin für alle Gesinnungsrichtungen und Argumente offen. Wenn interessante Fragen aufkommen, vielleicht sogar mehrfach, dann folgt in Kürze zu diesem Kapitel eine Ergänzung mit Leserfragen und Antworten.
Ansonsten kommen wir beim nächsten Mal zu einem Thema, das noch gar nicht so lange her ist und ebenfalls mit billigem Fleisch zu tun hat: Der Pferdefleischskandal.

Kapitel 5: Warum der Pferdefleischskandal wirklich ein Skandal ist

Vor ungefähr einem Jahr erschütterte ein Fleischskandal die Medien, wie es ihn seit den Vorfällen mit „Gammelfleisch“ nicht mehr gegeben hatte.
Zugegeben: An Gammelfleisch haben wir uns doch mittlerweile fast schon gewöhnt. In den Medien sehen wir mit fast schöner Regelmäßigkeit, wie schon fast grüne Fleischstücke in die Wurst wandern oder wie Eitergeschwüre ausgewaschen werden und das Fleischstück dann als Filet weiterverarbeitet, statt großzügig ausgeschnitten und zu Hundefutter gemacht zu werden.
Aber dann kam der PFERDEFLEISCHskandal.

Und das ging ja mal überhaupt nicht!
Angefangen hat es in Großbritannien, dem Land, wo Kinder eher reiten als laufen können und wo es noch verpönter ist, Pferd zu essen, als Alpka (in Deutschland ist es umgedreht, wer mir nicht glaubt, der rede mit einem Alpakazüchter und lass das Wort essen fallen^^).
Warum ist das eigentlich so, dass auf dem Pferd ein Nahrungstabu liegt?
Zwei Gründe, nein, eigentlich drei.

Zum einen ist ein Pferd nach unserer heutigen, modernen Ansicht ein Haustier und kein Nutztier.
Zum Vergleich: Haustiere sind Katze, Hund, Wellensittich oder die Fische im Aquarium. Nutztiere sind Rinder, Schweine, Hühner oder auch die Gans, die von vielen zu Weihnachten wieder verzehrt wurde.
Haustiere stehen uns nahe, sind gehegte und gepflegte, geliebte Begleiter.
Nutztiere haben, wie der Name schon sagt, einen Nutzen, liefern uns Milch, Eier, Wolle, Leder, Federn und Fleisch.
Die Grenzen dabei sind fließend, manche halten Minischweine als Haustiere, andere Kaninchen (die viele zu den Haustieren zählen würden) als Nutztiere.

Zum anderen war das Pferd in unserer Gesellschaft lange Zeit ein wertvolles Arbeitstier.
Das wertvollste Tier auf dem Hof war das Pferd, wer sich eins leisten konnte, der war reich. Arme Leute mussten mit Ochsen oder Kühen vorlieb nehmen, sogar mit Hunden oder mit der Kraft ihrer eigenen Arme, wenn es um das Ziehen von Karren ging, um das Ziehen von Pflügen oder die Fortbewegung.
Und zur Zeit der Ritter waren Pferde natürlich von existenzieller Bedeutung zur Kriegsführung, wie man sich vorstellen kann.
Solch ein wertvolles Tier wurde natürlich besonders behandelt, es sollte ja lange gesund und arbeitsfähig bleiben.
Nie im Leben wäre jemand auf die schnöde Idee gekommen, dieses Tier zu schlachten und zu essen! Zumal von der Futterverwertung her Rinder und Schweine zur Mast besser geeignet sind.

Der dritte Grund ist religiöser Natur.
Das Pferd unterliegt zwar keinem direkten Verzehrsverbot … zumindest nicht im christlichen Glauben.
Im jüdischen schon, denn ein Pferd ist weder ein Wiederkäuer, noch ein Spalthufer. Und islamischen ist Pferd auch tabuisiert.
Aber Mitteleuropa ist ja hauptsächlich christlich – und dafür gilt das Speiseverbot wie gesagt eigentlich nicht.
Trotzdem kann man von einem religiösen Hintergrund sprechen, da der Verzehr von Pferdefleisch lange durch die Kirche verboten wurde, um sich von den Heiden abzugrenzen. Immerhin hatten die barbarischen Germanen Pferde (vor allem reinweiße Schimmel) geopfert und deren Fleisch verzehrt, weswegen man diesen Verzehr mit Teufelsanbeterei und Hexerei in Verbindung brachte.

Dieser Gedanke sitzt noch immer in den Köpfen der Menschen … Pferd ist ein Tabu, man isst es nicht.
Muss man ja auch nicht, uns stehen große Mengen an Rind, Schwein und Geflügel zur Verfügung, die bedenkenlos gegessen werden können.
Und dann tauchte ausgerechnet dieses wundervolle, von allen ach so geliebte Tier massenhaft in unserem Essen auf.
Und die Medien schlachteten den Skandal weidlich aus. (Ja, Wortwitz, ich weiß *g*)

Dabei war das eigentlich (ich sage bewusst eigentlich) völlig unnötig.
Pferdefleisch ist bedenkenlos essbar, gutes rotes Fleisch, ähnlich wie Rindfleisch oder Wild mit einem hohen Gehalt an Eisen, weswegen es besonders für Frauen gesund sein sollte.
In der Schweiz gab es schon vor Jahren Pferdefleisch im LEH (Lebensmitteleinzelhandel) zu kaufen und zwar wesentlich teurer als Rindfleisch. Was zeigt, dass die Qualität bekannt und geschätzt ist.
Auch in Deutschland wird Pferdefleisch zum Verzehr gehandelt, auf den Wochenmärkten finden sich Stände der Rossmertzger, die mit Fohlengulasch (wie makaber, empörte sie die Frau im Persianer und kaufte Kalbsschnitzel*g*), Pferderouladen und Bockwurst aus Pferd werben.
In den Erzählungen meines Großvaters werden die Pferderouladen aus seiner Vergangenheit übrigens mit jeder Erzählung größer und schmackhafter 😉

Aber statt diese beruhigenden Fakten zu bringen, kursierten solche Bilder durch die Medien:
http://www.kotzendes-einhorn.de/blog/wp-content/uploads/2013/02/my-lidl-pony.jpg
http://img01.lachschon.de/images/149898_NeuimAngebot_1.jpg
http://www.20min.ch/diashow/66261/66261-2vixlF8ekv12HHT719qZCQ.jpg

Die einen fanden es witzig und es bestehen heute noch seitenweise Interneteinträge mit Pferdefleischwitzen.
Die anderen geschmacklos.
Und wieder andere empörten sich heftig.

Die Medien (sorry, wenn die in vielen meiner Beiträge sehr negativ rüberkommen … ich muss das jetzt mal klarstellen: Ich habe nichts gegen Fernsehen, Radio, Zeitungen oder gar das Internet. Aber es gibt viel Manipulation dabei, Fehlinformationen und Unwissen und das wird bedenkenlos geglaubt und irrsinnig schnell verbreitet!) …
Die Medien also witterten Blut und untermalten ihre Berichte mit Interviews von schockierten Turnierreitern, Hobbyzüchtern und solchen Bildern:
http://www.experto.de/hypericum-pferde-600px-600px0.jpg
http://as-fotograf.de/wp-content/uploads/2013/01/Pferde13_20510a5c268641c-1024×682.jpg
http://as-fotograf.de/wp-content/uploads/2013/01/Pferde13_10510a5c18c6266-1024×682.jpg

Sind das nicht herrliche, edle Tiere? Selbst einem Nicht-Pferdefreund erscheint es schockierend, dass er dies in seinem Fast Food gehabt haben soll.
Aber mal ehrlich: Wer hat denn bitteschön geglaubt, dass aus einem Turnierpferd oder Deckhengst wie auf den Bildern ein Burger bei McDoof für 99Cent wird?
Ich wage mal beruhigend zu behaupten: Wir (ja, ich auch, ich esse schon immer Pferd, seit kurzem weiß ich es auch *hüstel*) haben natürlich keines dieser Tiere zwischen den Zähnen gehabt.
Beruhigt? Ok, dann weiter im Text.

Leute, wir essen keine Vollblüter, keine Araber und keine Friesen. An denen ist nix dran.
Es gibt keine/kaum noch Suppenhühner (was das ist bitte in den Leserfragen zum Geflügel nachlesen), weil niemand die dürren Gerippchen mit ohne Fleisch haben will.
Also werden wir auch kein solch mageres Pferdchen essen, sondern wenn, dann solche Rassen wie Brabanter oder Sowjetische Kaltblüter. Schwere Pferderassen, die teilweise extra zur Fleischerzeugung gezüchtet worden sind.
Schockiert? Ach was, das war noch gar nichts.
Natürlich kann auch ein Kaltblut ein sehr edles und schönes Pferd sein und manchem widerstrebt die Vorstellung immer noch, solch ein Tier zu essen.
Auch wenn es nur ein „Mastpferd aus Vollspaltenbodenhaltung“ (Frankreich hat einige Pferderassen extra zur Fleischgewinnung gezüchtet) war und nie das schön geschmückte Brauereiross von Freiberger, Radeberger oder Löwenbräu (für meine österreichischen Leser: Gösser^^).

Ehrlich, ich kann das verstehen. Ich würde auch nicht wissentlich ein T-Bone-Pferdesteak ordern, mag das Fleisch auch noch so toll sein.
Für mich ist das Pferd im Kopf noch immer das Arbeitstier der Landwirtschaft und kein Nutztier zum Aufessen.
Wenn ich es nicht weiß, z.B. in der Lasagne, dann stört es mich auch nicht. Schmeckt man doch eh nicht raus aus dem ganzen Glutamat.
Da bin ich noch beruhigt, wenn Pferd drin ist – denn das ist das hochwertigste an dem ganzen Produkt *g*

Was wirklich, wirklich der Skandal war, war nicht die Falschdeklarierung der Lebensmittel, denn es wurde ein eigentlich qualitativ ebenbürtiges Ersatzprodukt geboten.
Es ist auch nicht das Problem, dass wir PFERD gegessen haben
Sondern WELCHES Pferd wir gegessen haben. Stellt euch vor, dass das rassige Vollblut, das edle Warmblut und das beeindruckende Kaltblut die bessere Wahl gewesen wären.
Tja, die waren es aber nicht.

Sondern höchstwahrscheinlich waren es Pferde, die man in Rumänien auf der Straße aufgesammelt hat.
Elendige Klepper (sorry für den Ausdruck, über Tote spricht man normal nicht schlecht) mit Läusepelz, keinem Fleisch auf den Rippen und wer weiß welchen Krankheiten.
Dazu wahrscheinlich noch eine ganze Reihe illegaler Schlachtungen aus anderen EU-Ländern.
Wieso illegal?

Man muss wissen, dass jedes Pferd einen sogenannten Equidenpass besitzt.
So etwas wie der Personalausweis, mit dem man (zusammen mit dem Brandzeichen) das Tier eindeutig identifizieren kann.
In diesem Pass wird vermerkt, ob das Pferd irgendwann zur Schlachtung gehen darf oder nicht … und das steht dann da für immer. Wird ein Pferd verkauft, das zur Schlachtung zugelassen ist und der neue Besitzer dies nicht möchte, dann kann er es ändern lassen. Aber nur in diese Richtung!
Wurde das Hoppa-Hoppa einmal als nicht zu schlachten und irgendwann zu essen gekennzeichnet, dann darf dieser Schritt nicht rückgängig gemacht werden.
Übrigens muss nicht jedes Pferd, das ein potentieller Schlachter ist, auch beim Pferdemetzger enden! Es kann genauso friedlich an Altersschwäche sterben, wenn der Besitzer das wünscht. Es geht nur um diesen Eintrag.

Hintergrund ist der, dass es unterschiedliche Medikamente gibt.
(Potentielle) Schlachtpferde dürfen nur mit Medikamenten behandelt werden, die es erlauben, es irgendwann noch zu schlachten und zu essen. Also so wie Rinder oder Schweine.
(Anmerkung zum letzten Kapitel: Was nicht bedeutet, dass es keine Antibiotika bekommen darf! Natürlich darf es das, nach der Wartezeit sind die im Körper abgebaut.)
Die anderen können unbeschränkt behandelt werden.
Fragt mich jetzt bitte nicht, was teurer oder billiger ist oder besser fürs Pferd – ich weiß es nicht, ich habe nur diese Fakten von zwei Tierarzthelferinnen erklärt bekommen.

So, jetzt wieder zu unserer Tiefkühlasagne mit den illegal geschlachteten Pferden…
Die rumänischen Pferde werden vermutlich nicht einmal einen Equidenpass gehabt haben, da weiß keiner, ob und wenn ja wie die Tiere behandelt wurden.
Die anderen Pferde wurden eventuell mit Medikamenten behandelt, die Rückstände hinterlassen, weswegen sie keine Zulassung für Schlachtvieh haben.
Ups.

Wusste das jemand?
Das ist der wahre Grund, weswegen dieser Skandal ein Skandal war, der Rest ist aus anderen Zusammenhängen (Gammelfleisch) her bekanntes Pille-Palle unter anderem Gewand aufgebauscht.
Vielleicht hat sich der eine oder andere gewundert, warum Leute mit Ahnung von der Materie dagegen gewettert haben, die falsch deklarierten Produkte unter Neuetikettierung an Bedürftige zu verteilen.
Klar, es hungern auch in Europa Leute, die die Lasagne gerne genommen hätten, auch mit Pferd drin. Bei normalem Pferdefleisch wäre ich auch dafür gewesen.
Tatsache ist aber, dass keiner einschätzen kann, ob das Pferdefleisch nicht eventuell belastet und ungesund war.
Im Endeffekt war es nämlich ein doppelter Skandal … gammeliges Pferdefleisch. Möchte jemand ein Stück Lasagne?

So, damit entlasse ich euch für dieses Mal. Hoffe, ihr habt etwas für euch gelernt, was ihr mitnehmen wollt.
Eine Diskussion würde mich freuen, ich bin für alle Gesinnungsrichtungen und Argumente offen. Wenn interessante Fragen aufkommen, vielleicht sogar mehrfach, dann folgt in Kürze zu diesem Kapitel eine Ergänzung mit Leserfragen und Antworten.
Ansonsten kommen wir beim nächsten Mal zum Thema Milchvieh und Rinder allgemein, wozu auch schon immer mal Fragen kamen.

Ich bitte vielmals um Entschuldigung für die lange Pause.
Allerdings kam erstmal meine Bachelorarbeit und deren Verteidigung dazwischen.
Dafür kann ich ab jetzt mit der Autorität des Titels eines studierten Agrarwirts protzen *grins*

Kapitel 6: Warum Milchkühe mehr arbeiten als jeder Mensch

„Ich wollt‘, ich wär‘ ein Huhn – Ich hätt‘ nicht viel zu tun … Ich legte täglich nur ein Ei – und sonntags auch mal zwei!“

Warum es unter der Überschrift einmal wieder um Hühner geht?
Weil ähnliche romantische Vorstellungen sicherlich auch von anderen Tieren existieren.
Kuh sein wäre doch auch ganz nett, oder?

Die ganze Nacht in der Liegebox auf sauberem Stroh schlafen … den ganzen Tag auf der grünen Wiese liegen, ein bissl fressen …
Zweimal am Tag bekommt man eine 1a Brustmassage, die von der drückenden Milch befreit …
Der einzige Daseinszweck wäre, ein paar Liter Milch zu geben und ab und an ein Kalb zu bekommen, um das man sich dann nicht einmal selber kümmern muss…

Bitte mal die Hand heben, wer das toll fände!

Tatsache ist aber, dass die Realität ganz anders aussieht.
Die Liegebox mag soweit noch konform gehen mit der Realität, wobei das kuschelweiche Stroh auch eine perfekt angepasste Liegematte sein kann. Man ist ja nicht wählerisch als Kuh!
(Der letzte Satz war ironisch, nur für den Fall, dass es jemand nicht mitbekommen hat. Gerade was ihre Liegeboxen angeht sind Kühe SEHR wählerisch!)

Weidegang für Milchkühe ist dagegen so gut wie gar nicht mehr anzutreffen. In Biobetrieben ist Auslauf Pflicht, konventionelle können es sich in Deutschland meistens gar nicht mehr leisten.
Das hat seine Gründe, einerseits darin, dass der Arbeitsaufwand viel zu hoch ist, andererseits darin, dass die Milchmengen mit dieser Art der Fütterung nicht zusammenpassen.
Aber halt, ich merke gerade, ich muss anders beginnen.

Also noch einmal von vorn.
Mitmachfrage: Wieviel Liter Milch gibt eine Kuh pro Tag? Ich sage mit Absicht Liter, obwohl ich weiß, dass es falsch ist. Aber Milch wird ja in Liter-Tetrapacks verkauft, darunter kann sich jeder etwas vorstellen.
Landwirtschaftlich korrekt wird von Milch-Kilogramm gesprochen. Das differiert ein winziges bisschen, aber es ist vernachlässigbar. Ein Liter Milch ist ungefähr eine Kilogramm, das kommt schon hin. Hängt von den Inhaltsstoffen ab, aber das führt zu weit.
Also Schätzungen, bitte. Was passt in so ein Euter? Genauer gesagt: In das Euter einer normalen Milchkuh (meistens schwarzbunte Holstein Frisian, für die Bayern meinetwegen ein Fleckvieh milchbetonten Typs und meine österreichischen Leser ein Braunvieh) in Europa (ich sage das jetzt mal dazu, weil Milchmengen aus Amerika etwas anders sind … aber dazu kommen wir später nochmal, ok?)?
Vielleicht so ein Liter? 2-3?

Ich verrate euch was: Eine Milchkuh kann pro Tag zwischen 15-über 50 (was ich gehört habe waren bis 70, aber hier gilt: Vorsicht, amerikanische Zahlen!) Liter – oder Kilogramm – Milch geben.
Hat sich jeder Mal kurz die entsprechende Menge Tetrapacks vorgestellt? Gut.
Nicht umsonst sprach man vor wenigen Jahren noch von Milchseen und Butterbergen. Dann kam die Quote, die ja jetzt wieder abgeschafft wird, aber … das lassen wir mal alles beiseite. Ich weiß zuviel^^
So, sind alle wieder bei mir? Schock verdaut?
Dann kann es ja weitergehen.

Ich denke, nach diesen Zahlen wird mir fast jeder zustimmen – zumindest aber jede Frau, die schon einmal ein Kind gestillt hat -, dass das Kuhleben nicht so erholsam ist, wie es auf den ersten Blick scheint.
Im Gegenteil, zusammen mit unseren Legehennen sind die Milchkühe sicherlich die Nutztiere, die am härtesten arbeiten.
Zwar liegen sie die meiste Zeit des Tages und fressen bzw. käuen wieder.
Aber das scheint nur für unsere Augen so zu sein. Man sagt nicht umsonst: Nur liegende (und wiederkäuende) Kühe sind produktive Kühe. Sie verrichten den größten Teil der schweren Arbeit im Liegen.

Um es greifbar und vergleichbar zu machen.
Die Leistung einer Milchkuh lässt sich eigentlich ganz gut mit einem Bürojob vergleichen.
Die meiste Zeit des Tages sitzen diese Leute doch auch scheinbar unproduktiv herum (und knabbern Snacks und trinken Kaffee *lol*).
Aber auch das sieht nur so aus, denn in der Zeit leisten sie Dinge, die man so gar nicht sieht. Geistige Arbeit. Und die ist oft genauso schwer oder schwerer wie körperliche.

Eine Frisörin, die am Ende des Tages in einem Berg geschnittener Haare steht oder einem Maler, der zu Tagesende eine neue, anders farbige Fassade präsentiert, sieht man die geleistete Arbeit an.
Der Sekretärin oftmals nicht.
Ok, vielleicht ist der Stapel Papier von einer Ablage in die nächste gewandert. Kann ja nicht so schwer gewesen sein 😉

So ist es mit Milchkühen.
Man sieht ihnen nicht an, was sie tun. Aber sie bilden Milch. Tag und Nacht.
Und je mehr man sie melkt, desto mehr produzieren sie. Statistisch gesehen kann man die Milchmengen erhöhen, indem man 3 Mal statt der gängigen 2 Mal pro Tag melkt.
Eine verborgene Tätigkeit, die unsere Tiere nicht selten an ihre körperlichen Grenzen triebt.
Denn auch wenn sie scheinbar reglos den Tag verbringen und ständig fressen, nehmen Hochleistungskühe nicht zu, sondern können regelrecht abmagern.
Beneidenswert?
Eher nicht. Sie haben nämlich das gleiche Problem wie Hochleistungssportler: Sie können die benötigte Energie nicht aus ihrem Futter beziehen. Obwohl sie scheinbar Tag und Nacht fressen.

Ein Hochleistungssportler, der den ganzen Tag isst, würde sein Pensum vielleicht auf diesem Weg rein kriegen.
Aber irgendwann mag man nicht mehr essen, sondern muss auch mal verdauen. Bzw. als Kuh wiederkäuen.
Und vor allem mag der Sportler nicht immer das Gleiche und Gesunde essen *g*

Ha, und jetzt kommen wir zum Weidegang.
Deutsche Kühe (und auch fast alle anderen europäischen Kühe, ausgenommen Kühe, die auf Almen stehen für Heumilch und vielleicht noch ein paar holländische Kühe) müssen Quantität an Milch bringen. Unser Land ist klein, wir müssen mit wenigen Kühen viel Milch produzieren, um auf dem Markt bestehen zu können. Logisch oder? Der Trend geht zu weniger Kühen, die mehr Milch geben, um einen größeren Gewinn pro Kuh zu erzielen. Stichwort Gewinnmaximierung, die BWLer werden wissen, was ich meine.
Es gibt allerdings das umgedrehte Prinzip, nämlich die Kosten so weit wie möglich zu senken. Bedeutet: mehr Tiere, um die Fixkosten, die ich sowieso habe, mehr zu verteilen und die anderen anfallenden Kosten möglichst gering zu halten.

Diese zweite Art der Milchviehhaltung wird sehr erfolgreich in Neuseeland betrieben. Auch logisch, denn die haben ja den Platz dazu – sie stellen ihre Kühe raus auf die Weide, was dort praktisch das ganze Jahr über möglich ist und sparen sich solchen teuren Firlefanz wie Ställe, Liegeboxen, teure Entmistungsanlagen…
Neuseeländische Milch hat deswegen den Vorteil, dass es Weidemilch ist.
Milch von Kühen aus Weidehaltung ist gesünder, da sie mehr Vitamine enthält (*). Diesen Qualitätsvorteil machen sich auch manche Bauern bei uns zu Nutze, um höhere Preise zu erzielen – Heumilch ist sicherlich ein Begriff. Platt gesagt: im Sommer Weide, im Winter Heu = bessere Milch, v.a. für Käse.

(* Allerdings nur in der Rohmilch. Weil die Frage an mich herangetragen wurde: Doch, Menschen, die Milch vertragen, vertragen Rohmilch sehr gut. Sie ist absolut unschädlich und sogar gesünder, weil eben Vitamine erhalten bleiben.
Menschen, die keine Lactose oder kein Milcheiweiß vertragen, vertragen weder Rohmilch, noch erwärmte. Bei Lactoseintoleranz übrigens nur keine Milch von Kühen, Schaf-, Ziegen- und andere Milch (Stute, Büffel und was es nicht so alles gibt … wohlgemerkt von Tieren, Sojamilch ist keine Milch!), wird in der Regel auch von solchen Menschen vertragen.
Das „Gebot“ Milch abzukochen hält sich hartnäckig, obwohl gar kein Grund mehr besteht. Es musste damals gemacht werden, wegen der Rindertuberkulose, die über die Milch auf den Menschen übertragbar war.
Heute ist diese Krankheit fast ganz ausgerottet und in Europa findet man an wirklich fast jedem Rinderstall mit einem Schild, auf dem steht: Frei von … und dann folgt eine Reihe Krankheiten, u.a. Tuberkulose. Die Milch aus diesen Betrieben kann bedenkenlos roh getrunken werden, man stirbt nicht dran (sonst gäbe es diese Reihe gar nicht *g*). Die Betriebe müssen nur auf das Abkochen hinweisen, aus Versicherungsgründen – wer Milch roh trinkt, haftet selber, falls doch mal was passiert.)

Zurück im Text: Der große Rest der Betriebe ist auf eine ganzjährig gleichbleibende Futterqualität angewiesen.
Das geht mit Weide nicht, weil die ja nur im Sommer zur Verfügung steht. Im Winter dann auf Heu umzustellen bedeutet eine Änderung der Qualität – die sich manche zu Nutze machen. Andere können das nicht.
(Ich will mich jetzt nicht lang und breit über Verträge und Preise auslassen, aber ich denke mal, das ist logisch, oder? Wenn nicht, bitte fragen, ich beiße nicht.)
Also muss man das ganze Jahr das gleiche Futter geben.
Der Sportler greift in dem Fall gerne zu Nahrungsergänzungsmitteln wie Molkeriegeln und Eiweißshakes.

Wie macht man das bei Kühen am besten? Milch ist nicht, logo, ausgewachsene Kühe sind nicht mehr auf den Verzehr von Milch ausgerichtet.
Ganz einfach: Das gleiche Gras das ganze Jahr über geben. Und weil es frisch verdirbt, muss man es haltbar machen.
Nicht mit Trocknen wie Heu, weil das zu aufwändig und teuer ist und nicht die gewünschte Qualität hat, sondern über Säuerung. Wir machen aus Gras das landwirtschaftliche Äquivalent zum Sauerkraut: Silage.
Gut verträglich und das ganze Jahr in einer Qualität zu haben.

Natürlich reicht Grassilage allein nicht aus, um alle Bedürfnisse einer Kuh zu befriedigen, deswegen gibt es noch die energiereichere Maissilage dazu, Getreide, Raps, Sonnenblumenkerne, und vieles vieles anderes oder das umstrittene Soja.
Von dem man übrigens zunehmend wegkommt. Einheimische Hülsenfrüchte wie Ackerbohnen und Erbsen tun es auch.
Wobei 40-kg-Milchrationen ohne Soja die hohe Kunst des Fütterns sind und viel Fingerspitzengefühl erfordern. Ich hab mal zwei Tage an so einer Ration gerechnet – bezahlbar soll es ja auch bleiben *stöhn*
Kuhernährung ist hochinterssant (für mich) und hängt von sovielen Dingen ab, das können wir gar nicht alles hier machen.
Ich stelle einfach mal in den Raum: Das ist so und ihr müsst es mir glauben.

Oder – eine kleine Anekdote habe ich noch, die unsere Professorin für Tierernährung immer gerne erzählt hat *lach*
Weil es so schön ist.
Die Lange Nacht der Wissenschaften, das Konzept kennen einige vielleicht: In dieser Nacht haben Hochschulen (oder eben auch bestimmte Museen) kostenlos für Besucher geöffnet, es werden Experimente gezeigt und Einblicke in Forschungsprojekte gegeben.
In unserer Fakultät und von unserem Studiengang waren unter anderem die Bestandteile einer normalen Rinderration ausgestellt: Grassilage, Maissilage, verschiedene Getreide, Soja, Rapsextraktionsschrot, Viehsalz, Harnstoff … Alles Dinge, die so oder ähnlich von wirklichen JEDEM Milchviehbetrieb gefüttert werden (müssen). Vielleicht nicht in genau der Mischung und vielleicht mit anderen Bestandteilen, aber zumindest ähnlich.
Dem Stand nährten sich irgendwann zwei aufgetakelte, ältere Damen, schauten interessiert und im Weggehen säuselte die eine zur anderen: „Oh, das war aber interessant. Das ist also das Futter aus der Massentierhaltung.“
Unser Hörsaal lag vor Lachen auf den Bänken, unsere Professorin hat beim Erzählen schon wieder einen roten Kopf vor Aufregung bekommen… denn wie gesagt: so ähnlich wird überall gefüttert, auch in kleinen Betrieben, auch in Biobetrieben. Anders geht es durch die Physiologie unserer Rinder auch gar nicht.

Zurück zu unseren Vergleichen mit unserer Sekretärin bzw. dem Hochleistungssportler:
Beide müssen nun ihre Leistungen sowohl tagsüber, als auch nachts erbringen (Kühe tun das ja auch). Geschlafen wird nach dem tollen Prinzip: genau alle 4 Stunden 20 Minuten Schlaf. Das geht und ist wissenschaftlich gesehen sogar die beste und effektivste Art des Schlafen für Menschen.
Und dann auch noch, wenn sie nicht anderes zu essen bekommen, als eine genau auf sie und ihre Leistung abgestimmte Ration aus Sauerkraut und diversen Beilagen (Molkeriegel gefällig?^^).
Kann sich jemand vorstellen, wie lange die das durchhalten?

Gut, der Vergleich hinkt, Kühe fressen ihre Rationen nämlich jeden Tag gerne, auch wenn es immer das Gleiche ist, während Menschen Abwechslung bevorzugen.
Aber so generell lässt sich das ziemlich gut vergleichen.

Trotzdem muss ich jetzt für die Massentierhaltung mal wieder in die Bresche springen.
Denn so schlimm, wie es uns die „Fleisch ist Mord und Milch ist Qual“-Vegetarier verkaufen wollen, ist es nämlich auch nicht.
Aus dem einfachen Grund, dass unsere Kühe solche enormen Mengen Milch geben. Wenn sich eine Kuh wirklich quälen würde, dann gäbe sie keine Milch mehr.
Das sieht man sehr gut in einem Milchviehstall, denn es gibt immer mal ein paar Kühe, die sich quälen … die krank sind, vielleicht eine Mastitis (Euterentzündung, sehr schmerzhaft!) oder Klauenprobleme haben.
Die Folge? Kuh tut etwas weh, sie geht nicht mehr fressen = sie gibt keine Milch mehr.

Natürlich sind die Massenhaltungen in Ställen mit 1000 und mehr Kühen auf Spaltenböden nicht schön.
Und vielleicht auch nicht immer wirklich artgerecht, wie jeder bestätigt, der Kühe mal auf einer Weide hat laufen sehen. Da rennen sie nämlich mal richtig los. Kühe sind keine langsamen, bedächtigen Tiere, das kommt uns nur so vor, weil wir sie nur auf Spaltenböden kennen. Und da gehe ICH auch sehr langsam und bedächtig und ich wiege ein bisschen weniger 😉
Allerdings gibt es auch sehr gute Spaltenböden, auf denen die Kühe artgerecht laufen können.
Wenn solche Gerüchte aufkommen, dass die Kühe den Weg vom Stall bis in den Hänger vom Schlachter nicht schaffen, dann hat das in der Regel andere Gründe, als das sie nicht laufen können, weil sie gezwungen wurden, sich nicht zu bewegen.
Kühe können laufen und jede gesunde Milchkuh, die man auf die Weide schafft, wird auch losrennen.
Sie bewegen sich (wie bereits erwähnt) so wenig, weil sie vorzugsweise im Liegen wiederkäuen.

Dass eine Kuh nicht bis in den Transporter gehen kann, kann damit zusammenhängen, dass viele Kühe auf Spaltenböden Probleme mit den Klauen bekommen – und gerade klauenkranke Kühe werden oft aussortiert und zum Schlachten geschafft.
Deswegen sieht man das wahrscheinlich häufiger?
Richtig ist, dass Kühe, die zu wenig Milch geben, ebenfalls häufig zum Schlachten gehen. Das ist allerdings nicht unmenschlich, sondern wirtschaftlich und nicht selten zum „Wohl“ des Tieres. Denn wie gesagt: Sie geben wenig oder gar keine Milch, weil sie krank sind.
Oder weil sie nicht wieder tragend werden – und ohne Kalb keine Milch geben.
Hier liegt das Problem häufig nicht in der Haltung (es kann haltungsbedingt sein, aber die meisten Ställe sind schon so angelegt, dass die Kühe sich da wohlfühlen – was für uns komisch aussieht entspricht anderen Bedürfnissen), sondern in der Züchtung. Gerade das Holstein Frisian Rind ist sehr überzüchtet und wie jedes Rassetier damit anfälliger für (Erb)Krankheiten.

Oje, ich sehr gerade, ich hab‘ mich mal wieder total verquatscht. Züchtung ist wieder ein ganz anderes Blatt.
Den Kerngedanken haben wir ja allerdings behandelt, deswegen würde ich an der Stelle einfach mal beenden… wenn euch eines der angerissenen Themen genauer interessiert, fragt einfach^^
Ich würde dann wie bei den Hühnern noch ein Zusatzkapitel mit Fragen bringen.

So, damit entlasse ich euch für dieses Mal. Hoffe, ihr habt etwas für euch gelernt, was ihr mitnehmen wollt.
Eine Diskussion würde mich freuen, ich bin für alle Gesinnungsrichtungen und Argumente offen. Wenn interessante Fragen aufkommen, vielleicht sogar mehrfach, dann folgt in Kürze zu diesem Kapitel eine Ergänzung mit Leserfragen und Antworten.
Ansonsten kommen wir beim nächsten Mal zum Thema der Hormonbehandlungen bei Tieren, wozu auch schon immer mal Fragen kamen. Passt ganz gut anschließend an die Milchkühe, da kommt dann noch etwas zu den amerikanischen Milchleistungen.

Weiterhin in Planung sind außerdem: Ein Kapitel über die biologische Landwirtschaft, eine über Tierliebe, eine über das Wechselspiel Landwirtschaft und Bienen 😉
Außerdem etwas über Biogasanlagen und den zugehörigen Maisanbau.
Ihr könnt gerne äußern, was davon euch am meisten unter den Nägeln brennt, wozu ihr besondere Fragen habt oder was euch generell noch interessieren würde.
Bis zum nächsten Mal!

Anmerkungen:

Eine kleine Sammlung von Fragen aus Reviews und Mails, die ich hier nochmal mit Antworten zusammengestellt habe.
Wer noch etwas auf dem Herzen hat, immer her damit, ich ergänze es dann hier.

Leserfragen zu Rindern

* Warum werden die Kälber so schnell von ihren Müttern getrennt?

Das ist ein ganz heißes Eisen.
Momentan sieht es so aus, dass wir unsere Kühe kalben lassen, dann warten, bis sie das Kalb trocken geleckt haben (weil wir das nie so sauber hinbekommen) und dann zusehen, dass es entweder gleich an der Mutter die erste Milch zu sich nimmt oder wir es wegnehmen und die Mutter melken.
Innerhalb der ersten 4 Stunden wird ein Kalb idealerweise mit dem Kolostrum (auch Biestmilch genannt) der eigenen Mutter erstversorgt, das ist wichtig, weil Kälber kein eigenes Immunsystem haben, sondern über die Milch der Mutter immunisiert werden.
Idealerweise bekommt das Kalb die ersten Tage das Kolostrum der eigenen Mutter. Alternativ geht die Kolostralmilch in einen eigenen Sammeltank und wird als Sammelkolostrum vertränkt.
Für den menschlichen Verzehr wäre es wohl unschädlich, aber *bäh*, da es u.a. Blutzellen enthält, die die charakteristische gelbe Farbe geben. Erst die reife Milch (nach ca. 2 Tagen) geht dann an die Molkereien.

Aber zurück zu den Kälber, die ihrer Mutter sofort weggenommen werden.
Viele kritisieren das ja als unmenschlich. Und sie haben Recht. Menschlich gesehen ist es „eine Qual“.
Für die Tiere ist es dagegen keine. Im Gegenteil, es wäre eine, wenn wir die Kälber erst noch die paar Tage, in denen die Milch reift, bei ihren Müttern lassen würden.
In dieser Zeit würde sich nämlich die Mutter-Kind-Bindung ausprägen, die durch eine spätere Trennung zerrissen würde.
Die Folge: Schreiendes Kalb, schreiende Kuh, beide fressen nicht, suchen zueinander zu gelangen … das ist sehr unschön.
Eine sofortige Trennung erfolgt VOR dem Aufbau dieser Bindung und belastet nicht so sehr.

Die Kälber kommen nach der Trennung jedes für sich in ein sogenanntes Kälberiglu, Kälberhäuschen oder eine Kälberbox mit Sicht-, Hör- und Geruchskontakt zu anderen Kälbern.
In die Gruppe können sie aus hygienischen Gründen nicht sofort, weil ihr Immunsystem noch so schwach ist.

Warum man die Kälber überhaupt trennen muss?
Nun, ohne Kalb keine Milch, also MÜSSEN unsere Kühe Kälber bekommen.
Aber mit Kalb bei Fuß ginge die Milch ja an das Kalb und nicht an uns. Ein Kalb würde auch nicht soviel trinken und auch kleinere, häufigere Mahlzeiten über den Tag verteilt.
Ein Grund, warum man die Kälber gar nicht mehr bei den Kühen lassen kann. Einerseits, weil die Kuh Schmerzen hätte, da immer noch Milch im Euter verbleibt, die das Kalb nicht mehr aufnehmen kann. Bzw. die Milchmenge würde zurückgehen auf den Bedarf des Kalbes und für uns bliebe nichts mehr.
Andererseits, weil die Euter gar nicht mehr auf das natürliche Absaugen durch das Kalb ausgelegt sind und sich entzünden würden.
Mutterkühe (die ihre Kälber behalten und auf der Weide säugen) geben viel weniger Milch und ihre Euter sind unempfindlicher.

Eine Lösung, die von einigen Biobetrieben getestet wird, ist, dass man die Kälber den Kühen bei Fuß lässt und sie sie großziehen und die nur die überschüssige Milch abgemolken wird.
Das ist allerdings mit mehr Kosten verbunden, denen weniger Milch, also weniger Gewinn gegenübersteht.

* Warum müssen Kälber enthornt werden?

Die Frage habe ich mal absichtlich so formuliert, um sagen zu können: Müssen ist in dem Fall falsch.
Kälber müssen nicht enthornt werden.
In manchen Betrieben (vor allem Biobetrieben, allen voran Demeterbetriebe) werden sogar absichtlich behornte Kühe gehalten. Ohne das jetzt werten zu wollen: Das Betriebskonzept sagt aus, dass diese Kühe eine bessere Milch geben (z.B. bessere Verträglichkeit durch weniger Allergene), wegen der besseren Bioresonanz durch die Hörner. Denkt euch euren Teil, ich sag nichts, um dem ganzen hier einen Anstrich von Objektivität zu geben.

Trotzdem sieht man fast nur hornlose Kühe (bei Milchvieh! Fleischrassen gibt es eine ganze Reihe behornte, sowie von Natur aus hornlose), warum?
Weil es entweder bereits genetisch hornlose Linien sind oder weil die Kühe bereits als Kälber enthornt werden. Am gebräuchlichsten ist hier das Veröden mit einem heißen Eisen.
Der Grund ist einfach, dass man die Verletzungsgefahr für Mensch und Tier möglichst gering halten will.
Ein Rinderlaufstall gibt durch die Rangordnung der Kühe schon gewisse Regeln vor, darf z.B. keine Sackgassen enthalten und überall wo Gänge sind, müssen bestimmte Abstände eingehalten werden. Für behornte Kühe sind diese Maße wesentlich weiter zu wählen, um den Distanzbereich einhalten zu können, was ein echtes Platzproblem werden würde.
Außerdem ist es schwer, behornte und unbehornte Kühe miteinander zu halten.
(Und nein, es funktioniert nicht, was manche Hardcore-Veganer vorschlagen … man kann nicht einfach Korkstücke aufsetzen, damit sich die Tiere nicht verletzen!)

Manchmal ist das Enthornen allerdings ein Muss, dann allerdings zumeist bei behornten augewachsenen Tieren, nämlich wenn ein Horn bricht oder wenn die Gefahr besteht, dass die Hörner aufgrund ihrer Biegung einwachsen würden.
In diesem Fall wird das Horn abgesägt.

Eine kleine Anekdote zum Enthornen noch:
Gerade in (Süd-)Amerika gibt es noch kein natürlich hornlos. Bei uns will man genetisch hornlose Rassen.
Es gab aber z.B. einen Aufstand, als Masterrind Brasilien ganz stolz seine Neuzüchtung (einen hornlosen Fleckviehbullen) anbot. Den wollten sie nicht, sie wollen unbedingt behornte Tiere, da sie dort noch immer draußen gehalten werden und sich gegen Angreifer wie Wölfe verteidigen müssten…

* Wieso sind Kühe so klimaschädlich?

Das Kuh-Methan-Problem wird ja gerne als Argument für die Klimaerwärmung gebracht … ich finde es meistens witzig, weil alle, die sich drüber aufregen, denken, Kühe pupsen Methan.
http://ruthe.de/cartoons/strip_0482.jpg
Nein! Sie rülpsen es. Das Methan entsteht im Pansen, bei der Verdauung des Grases durch Bakterien (Prinzip Biogasanlage). Beim Wiederkäuen kommt es mit hoch.
Methan ist eins der schlimmsten Treibhausgase. Je mehr Kühe, desto mehr Methan.

* Warum schmeckt ein argentinisches Steak so viel besser als deutsches Rindfleisch?

Ich bin jetzt mal böse: Weil die Deutschen kein ordentliches Rindfleisch produzieren können.
Zum einen ist unser Rindfleisch meistens eine ausrangierte Milchkuh (wir erinnern uns an die Suppenhühner!), bzw. ein männliches Milchkuhkalb, während die Argentinier „richtige“ Fleischrindrassen halten. Die unterscheiden sich darin, dass sie langsamer wachsen, mehr Muskeln aufbauen und meistens auch einen höheren intramuskulären Fettanteil haben (also Fett zwischen den Muskelfasern).
Milch und Fleisch haben genauso eine negative genetische Korrelation wie Eier und Fleisch.

Dann hängt unser Rindfleisch nicht 2 Wochen lang ab, sondern vielleicht ein paar Tage, weil in den Kühlhäusern gar nicht der Platz für diese Mengen wäre. Deswegen ist es zäh.
Und – was das schlimmste ist! – dann wird es auch noch falsch geschnitten. Rouladen werden idealerweise gegen die Faser geschnitten. Mit der Faser ist es aber einfacher … allerdings kannst du es dann nicht kauen.
Mein Tipp: Kauft Beinscheiben, die sind richtig geschnitten. Oder Roastbeef. Und lasst das Fleisch noch ein bissl im Kühlschrank liegen.

Black Angus, das als Spezialität angeboten wird ist eine Fleischrindrasse, die in vielen Fleischtheken als Edelfleisch geführt wird, ähnlich wie das Koberind, das ist nicht von ausrangierten Kühen, sondern von Fleischrindern.
Normales Gulasch oder Rouladen stammt dagegen wahrscheinlich von ehemaligen Milchkühen oder deren männlichen Kälbern.
Kalbfleisch ist teurer, wobei man sagen muss, dass an einem Kalb auch weniger dran ist. Kalbfleisch darf das Fleisch nämlich nur heißen, wenn das Tier mit unter 8 Monaten geschlachtet wurde und da ist ein Rind noch lange nicht ausgewachsen. Von daher sind die anfallenden Mengen Kalbfleisch schon erstaunlich, es muss also viele Kälber geben, die geschlachtet werden.

* Warum gehören Kühe im Sommer tagsüber eigentlich nicht auf die Weide?

Kühe auf der Weide sind immer ein schönes Bild, das empfinde ich genauso wie ihr.
Wobei im Sommer ist es für die Kühe oft gar nicht so idyllisch, wie für uns! Auf den Almen steht das Jungvieh zwar den ganzen Tag draußen, das ist richtig.
Milchkühe (und auch andere wertvolle Tiere, wie z.B. Pferde) gehören im Sommer dagegen tagsüber gar nicht auf die Weide, musste ich mich von einem Schweizer Bergbauern aufklären lassen. Die Tiere sollten vielmehr nachts nach draußen und tagsüber lieber im Stall verbleiben. Fehlt zwar den Touristen für die Optik, aber tagsüber leiden die Tiere zu sehr unter der Hitze und den ganzen Krabbeltierchen.
Auch einleuchtend, oder?

* Hängt Qualität und Geschmack der Milch nur von dem ab was die Kuh zu sich nimmt oder auch welche Rasse sie hat?

Die Milchqualität hängt schon auch von der Rasse ab. So geben die Braunviehkühe der Alpenländer z.B. eine Milch, die mehr Kappa-Kasein enthält, welches wichtig für die Käseherstellung ist.
Oder Jerseykühe (die es bei uns sehr selten gibt, obwohl sie sehr hübsch sind: http://www.bauernhof.net/kuehe/rinderrassen/jersey.jpg) geben eine Milch, die viel höhere Inhaltsstoffe, vor allem viel mehr Eiweiß und Fett enthält – diese Milch erinnert im Rohzustand eher an Sahne.
Zum Vergleich: Unsere gebräuchlichsten Milchkühe (Holstein Frisian schwarzbunt) hat das genetische Potential für >10.000 kg Milch pro Kuh und Jahr mit 3,4% Eiweiß und 4,0% Fett.
Jersey geben Milch mit >4% Eiweiß und >5% Fett, dazu die höchsten Milchmengen im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht (sie sind ein Stück kleiner, deswegen an der Stelle keine Zahlen, weil es sich so nicht vergleichen lässt).
Aber auch innerhalb einer Rasse gibt es Kühe, die mehr Menge geben und welche, die weniger Quantität bringen, dafür mehr Qualität (Fett und Eiweiß).
So haben Holstein Frisian Rinder rotbunter Farbe die Tendenz zu weniger Menge, aber mehr Inhaltsstoffen.

* Warum sollte man Kühen niemals den Rücken zukehren?

Ja, also dazu fällt mir auch eine schöne Geschichte ein, die unsere Professorin den Landwirten immer gern erzählt hat.
Ging gegen einen der anderen Studiengänge, das Umweltmonitoring (bei uns auch gerne: Die Salamanderzähler).
Die hatten irgendwo gelesen, dass Büffel Schilffgras fressen und haben mit einem Betrieb zusammen eine Weide angelegt, wo u.a. ein Teich mit Schilff drauf war. Und darauf eben Büffel gestellt, wohl zwei Muttertiere mit Kälbern.
Und dann sind dort jede Woche zwei Salamanderzähler angetreten und haben auf der Wiede gezählt, was die Tiere gefressen haben.
Unsere Professorin meinte auch, sie sollten immer zu zweit gehen, immer mit Stock und bitteschön, wenn sich einer hinhocken MUSS für irgendein seltenes Kraut, dann sollte der andere mit Stock danebenstehen und die Tiere im Blick haben.
Tja … nach ein paar Wochen war das eine Kalb (ein Bullenkälbchen) soweit, dass es in die Geschlechtsreife kam – und die salamanderzählenden Mädchen waren so begeistert von irgendeinem Pflänzchen, dass beide auf den Knieen über die Wiese rutschten … *hüstel*
Ende vom Lied: Das eine Mädel wollte NIE WIEDER zu den BÖSEN Tieren auf die Weide … und das Schilff wurde auch nicht gefressen, da es ja genügend anderes Gras auch noch zur freien Aufnahme gab *lol*

Eigentlich ist es ganz einfach: Rinder (und Schweine und eigentlich so ziemlich jedes männliche Tier und auch viele menschliche Männer) reagieren auf das sogenannte Torbogenschema.
Sprich: alles, was in etwa die Form eines Torbogens hat, weckt sexuelle Wünsche bei Stieren (und anderen Tieren), da es Silhouette einer Kuh von hinten annähernd gleicht.
Rücken zukehren ist also ok, solange man sich nicht bückt.
Und das im übrigen nicht nur nicht vor Bullen, sondern auch nicht vor weiblichen Kühen. Wenn die nämlich gerade brünstig sind, besteigen sie auch gerne alles im Torbogenschema.

7. Gastbeitrag von Faedis: Von der Weide auf den Grill und ins Glas – Ein kleiner Einblick in die Fleisch- und Milchproduktion in den USA

Patroklos Corvus hat mich eingeladen, zum Essay »Aufklärung für den Städter – agrarische Fragen kritisch beleuchtet« einen Gastbeitrag zu Verfassen.
Dieser Einladung komme ich mit Freude nach und strenge mich an, die geneigten Leser in der von Patroklos Corvus gewohnten Manier zu unterhalten und ihren Wissensrahmen zu vergrößern.

Gleichzeitig bitte ich Patroklos Corvus, meinen Beitrag gleich im Text zu kommentieren, weil der Beitrag nicht in meinem Namen erscheint und der Rabe keinen Kommentar zu einem eigenen Posting verfassen kann. Dankeschön!

Na, das mache ich doch gerne. Zur besseren Unterscheidung sind meine Kommentare kursiv gehalten. Ihr könnt also erst den gesamten glatten Text als Essay lesen und meine Kommis danach oder beides zusammen.
Dann bedanke ich mich an der Stelle schon einmal für Faedis Bereitschaft, diesen Gastbeitrag zu verfassen.
Ich hatte noch überlegt, ob ich doch erst (wie ursprünglich angekündigt) das Hormonbehandlungskapitel bringen soll, mich aber entschieden, doch erst diesen Beitrag über die Landwirtschaft der USA zu bringen.
Hier sind nämlich einige Grundlagen drin, die wir zum Vergleichen noch brauchen werden.

Bei meinen Ausführungen im Rahmen dieses Gastbeitrags werde ich neben den deutschen Begriffen die englischen in Klammern setzen, da Wörterbücher aufgrund des sehr spezifischen Sprachgebrauchs nicht immer weiter helfen.

Und los geht’s!

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Fläche der USA, so ergibt sich das folgende Bild: Die USA sind etwa 25 Mal so groß wie Deutschland, allein der Bundesstaat Texas ist fast doppelt so groß wie Deutschland. Die Weite des Landes muss sich zwangsläufig auf die Nutztierhaltung auswirken, ebenso wie die sehr unterschiedlichen klimatischen und geografischen Bedingungen.
Laut der Karte in Wikipedia ist die Rinderhaltung recht gleichmäßig über alle Bundesstaaten verteilt, wobei zwei Ausnahmen ins Auge fallen.
In Alaska, dem größten und nördlichsten Bundesstaat, gibt es klimabedingt kaum nennenswerte Rinderhaltung, und auch in einer von Montana über Wyoming, Colorado, New Mexico, die Wüstengebiete in Arizona bis nach West Texas reichenden Nord-Süd-Linie werden aufgrund der Gebirge (Rocky Mountains) bzw. der Trockenheit (West Texas) vergleichsweise wenig Rinder gehalten (siehe Wikipedia_US_cattle_density).

Die Rinderhaltung unterteilt sich in zwei Hauptbereiche und einen Nebenbereich: Fleischvieh (beef cattle), Milchvieh (dairy cattle) sowie (Fleisch-)Rinder, die auch zu Sportzwecken verwendet werden.

Beef cattle:
Nach Brasilien, Indien und Australien sind die USA der weltweit viertgrößte Rindfleischexporteur. Geografisch gesehen werden die meisten Fleischrinder im Gebiet von East-Texas bis North Dakota, also in der Mitte des Landes, sowie in den Appalachen und dem Appalachen-Plateau, einem bewaldeten Mittelgebirge im Nordwesten der USA, und in Florida gehalten.
Es gibt industriell geführte Mastbetriebe und viele Nebenerwerbslandwirte (part-time ranchers).
Jungtiere (Geburtsgewicht zwischen 25-50 kg, nach deutschem Maßstab bis zu 150 kg Milchkalb, ab 300 kg und vor Eintritt der Geschlechtsreife Jungrind) bleiben bis zu einem Gewicht von 300 kg zunächst mit den Müttern, dann mit Gleichaltrigen auf der Weide in gewissem Rahmen sich selbst überlassen. Oft sind es Nebenerwerbslandwirte, die ihre Kälber auf den zum Teil riesigen Ranches (1000 Acres = knapp 400 ha) bis zum Verkauf an Großbetriebe zwecks Mästung oder auch bis zur Schlachtreife weiden lassen.
(Nebenbemerkung: Wem diese Betriebsfläche groß erscheint, der braucht sich nur australische Verhältnisse anzusehen – dagegen sind selbst amerikanische Ranches winzig.)

Ein interessanter Zusatz, da Faedis die Länder den größten Rinderbeständen nennt: Indien ist (oder war, ich weiß nicht, wie alt die Zahlen sind) weltweit an 1. Stelle was die Anzahl der gehaltenen Rinder betrifft.
Dabei wird in weiten Teilen Indiens aus religiösen Gründen gar kein Rindfleisch verzehrt. Dafür boomt das Geschäft mit Milch und Molkereiprodukten.
Die Rinderhaltung in Brasilien ist dagegen sehr fleischbetont – und ein ökologischer Supergau. Denn dort werden weite Teile des Regenwaldes abgeholzt, um Soja zu Futterzwecken anzubauen. Dabei wird der Boden so stark belastet, das innerhalb weniger Jahre ein einst blühender Dschungel zur staubtrockenen Wüste wird.
Und jetzt die Aufforderung an unsere österreichischen Leser, noch einmal etwas von ostdeutschen, umweltschädlichen Agrarfabriken zu sagen 😉
Es ist eben alles sehr sehr relativ.

Zur Masthaltung:
Die Masttiere werden in den sogenannten „Feedlots“ herangezogen. Es gibt kleinere und große Mastbetriebe dieser Art, letztere werden als Concentrated Animal Feeding Operation (CAFO) bezeichnet und benötigen wegen der hohen Abfallproduktion (Gülle, Mist) eine staatliche Genehmigung. Die größten Betriebe befinden sich in den Great Plains und im Texas Panhandle.
Hier werden in der Regel auf einer Fläche von umgerechnet ca. 1,28 qkm bzw. 128 ha ca. 75.000 Tiere gemästet, d.h. pro Tier stehen ca. 17 qm zur Verfügung. Ein Großbetrieb verfügt meist über mehr als 380 ha (mehr als 950 Acres) Mastfläche (nicht Gesamtfläche!) und „produziert“ zweimal im Jahr je 225.000 Schlachttiere. (Quelle: ConAgra Foods)
Im Vergleich dazu deutsche Verhältnisse: Betriebe in Westdeutschland haben durchschnittlich eine Gesamtfläche zwischen 35-50 ha, Großbetriebe in Ostdeutschland durchschnittlich etwas über 220 ha. (Quelle: http://www.agrarheute.com/betriebszahlen).

Rindfleisch wurde einer der letzten offiziellen statistischen Erhebungen (2007) zufolge aus insgesamt etwa 4,5 Mio. Masttieren und knapp 60 Mio. Weidetieren gewonnen.
Die Weidehaltung überwiegt somit die Masthaltung um das 13-Fache. Dies erklärt neben den Unterschieden in der Lagerung und Reifung des Fleisches (engl. aging) den großen Geschmacksunterschied zwischen amerikanischem und europäischem Rindfleisch. Amerikanisches Fleisch schmeckt unbestritten besser.

Ich sage ja: Die deutschen können einfach kein gutes Rindfleisch erzeugen.
Neben dem geschmacklichen Unterschied des Fleisches, der fütterungsbedingt ist, bzw. daher kommt, das Weidetiere langsamer wachsen und mehr intramuskuläres Fett einlagern, schlachten wir auch noch falsch (Schneiden in Längsrichtung der Faser, statt quer) und hängen das Fleisch nicht ordentlich ab. Es ist ein Jammer!

Zur Weidehaltung (ohne die Weide-Aufzucht bis zu einem Gewicht von 300 kg):
Die meisten Landwirte sind Nebenerwerbslandwirte mit relativ kleinen Herden von etwa 100 Stück, die weitgehend als „Selbstversorger“ auf den teilweise riesigen Weiden leben. Dabei sind die Rinder weitgehend sich selbst überlassen, aber nicht unbeaufsichtigt. Da aber die Tiere sehr viel Platz pro Kopf haben, ist der Bestand weit nicht so anfällig für Seuchen, wie das in den engen Haltungsbedingungen in Europa der Fall ist.
Des Weiteren gibt es wenig Spektakuläres über die Weidehaltung zu berichten. Der Landwirt (rancher) überprüft seinen Bestand täglich auf kranke Tiere und den Fütterungszustand. Wasserstellen sind natürliche oder künstlich angelegte Tümpel, die ebenfalls kontrolliert werden. Denn Rinder bleiben immer wieder im Schlamm der Tümpel stecken und verenden, wodurch das Wasser unbrauchbar wird. Es werden auch eigene Brunnen gebohrt (teilweise bis zu 300 m tief) und Leitungen zu automatischen Tränken verlegt.
Gelegentlich werden sehr junge Kälber von Pumas (cougar) oder sehr selten Luchsen (bobcat) gerissen.
Nur in Ausnahmefällen überwachen heute noch Cowboys die Rinderbestände – dazu weiter unten.

Zum Vergleich: in Deutschland gilt als Selbstversorger, wer ca. 4 ha Land besitzt. Ganz ganz grob gesagt, kann man mit einer Mutterkuh pro ha rechnen …

Medikamente und Futterzusätze:
Weidevieh wird mitunter behandelt, indem zusätzlich Mineralien und Vitamine gefüttert werden. So können selbst stark mit Mesquite (einem Hülsenfrüchtler mit sehr tief reichenden Wurzeln und bis über 7 cm langen eisenharten Dornen) bewachsene Flächen als Weideland verwendet werden.

Lecksteine oder Futterkalk sind auch in Europa gängig, hier sind die Unterschiede also gar nicht mal so groß.
Wobei wir schlechte Weideflächen eher mit Schafen oder Ziegen beweiden würden.

Impfungen:
Sieben von zehn Betrieben mit mehr als 50 Kühen – also die meisten Nebenerwerbsbetriebe – impfen ihre Kälber, wobei die größte Impfdichte in Iowa, Kansas, Missouri, Nebraska, North Dakota, South Dakota vorliegt, gefolgt von Kalifornien, Colorado, Idaho, Montana, New Mexico, Oregon, Wyoming mit den Bundesstaaten Alabama, Arkansas, Florida, Georgia, Kentucky, Louisiana, Mississippi, Oklahoma, Tennessee, Texas und Virginia als Schlusslichtern. Die durchschnittliche Impfquote liegt zwischen 40 bis 80 Prozent, variiert also sehr stark. Im Gegensatz zu Europa bestehen für die einzelnen Bundesstaaten jeweils unterschiedliche gesetzliche Regelungen, Bundesrecht bricht im Gegensatz zu Deutschland nicht Landesrecht, sondern gilt neben Landesrecht oder setzt den allgemeinen rechtlichen Rahmen. Daher ist diese Abweichung von Bundesstaat zu Bundesstaat nichts Ungewöhnliches.
Kleinstbetriebe mit unter 50 Rindern tendieren aus Geldgründen weder zu häufiger Behandlung durch den Veterinär noch zu Impfungen.
Man kann sagen, dass Masttiere der Haltung wegen im Vergleich häufiger und gegen mehr Krankheiten geimpft werden als Weidetiere.
Zudem enthält das Mastfutter Zugaben von Vitaminen, Mineralstoffen, Konservierungsstoffen und Antibiotika.
Auch werden die Rinder regelmäßig entwurmt. Wer seine Rinder an Großbetriebe, sei es zur Mästung oder Schlachtung, verkaufen will, muss Auflagen erfüllen.

In Deutschland müssen alle Rinder (also z.B. auch Büffel) Ohrmarken in beiden Ohren tragen und bei der Tierseuchenkasse gemeldet werden.
Außerdem muss gegen bestimmte Krankheiten geimpft werden und einmal im Jahr wird jedes Rind „geblutet“ (also eine Blutprobe genommen) und auf bestimmte Krankheiten untersucht, die man auszurotten versucht. Das gilt auch für Biobetriebe.
(Hier fällt mir ein, das ich bei Interesse auch gerne mal etwas über die typischen Krankheiten schreiben kann …sonst gehe ich einfach davon aus, es reicht euch zu wissen, dass es bestimmte Sachen gibt, die es nicht geben soll.)
Man kann sich also nicht einfach so ein Kalb kaufen und hinstellen, es sind verpflichtende Auflagen zu erfüllen.

Sale Barns sind lokale private Auktionshallen, in denen einmal pro Woche Nutztiere ersteigert werden können. Sie sind auf die jeweiligen Orte beschränkt und bieten kleinen Nebenerwerbslandwirten eine Verkaufsmöglichkeit. Aber auch größere Landwirte kaufen und verkaufen dort zuweilen. Nutztiere vom Rind über Schafe und Ziegen bis hin zu Schweinen werden dort in sehr kleinem Rahmen verkauft.

Nebenbereich der Fleischproduktion – die „Sportrinder“:
Die meisten europäischen Leser runzeln bei diesem von mir gewählten Begriff vermutlich die Stirn und stellen sich eine Kuh auf der Rennbahn vor … wobei es in Bayern Ochsenrennen geben soll – jetzt kann ich ein kleines Grinsen nicht unterdrücken (-;
In der Reiterszene wird vielleicht der eine oder andere „Ach ja!“ sagen und an die Disziplin „Cutting“ denken. Richtig, das ist einer der Bereiche, in denen die Rinder vor ihrer Schlachtung einer sportlichen Disziplin dienen. Damit meine Ausführungen nicht ausufern, will ich hier nur die Disziplinen nennen, ohne die Sportart als solche genau zu beschreiben. Interessierte Leser können entweder mich direkt fragen (Faedis) oder selbst in der Wikipedia nachlesen.
Hier die Auflistung:
1) Cutting = mit dem Pferd ein Kalb aus der Herde „herausschneiden“ und für einige Zeit getrennt halten;
2) Roping = Teamarbeit zwischen Reiter und Pferd, bei der ein Kalb mit dem Lasso gefangen wird;
3) Team Penning = konkurrierende Gruppen von Reitern treiben Kälber in eine Abgrenzung (pen) – diesen Sport gibt es u.a. auch in D und Italien;
4) Steer wrestling = ein Mastochse, meist der Rasse „Corriente“, wird von einem Reiter verfolgt, der aus dem Sattel springt und den Ochsen an den Hörnern zu Boden ringt.
Und die Disziplin, die Lebensgefahr und hohes Einkommen von mehreren 100.000 Dollar im Jahr vereint:
5) Bucking Bulls. Diese Sportart ist vor allem Oklahoma, Arkansas, Louisiana und Texas verbreitet, wenngleich nahezu alle 50 Bundesstaaten diese Tradition kennen.
Bucking Bulls erzielen enorme Verkaufspreise von mehreren 100.000 Dollar und enden bei erfolgreicher Karriere meist nicht als Schlachtvieh, sondern als erfolgreiche Vererber.
Wer in die USA (oder nach Kanada) reist, sollte sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen!

Bei uns gibt es ja immer mehr den Trend, Rinder auch als Reittiere zu benutzen.
Und ja, Faedis hat Recht, allerdings nicht in Bayern, sondern in Österreich gibt es Ochsenrennen.

Der Cowboy:
Den klassischen Viehtrieb gibt es nicht mehr, aber bei Betrieben, die sich den vorstehend genannten Arten des Reitsports verschrieben haben, werden die Rinder mitunter von immer noch existierenden Cowboys zusammengetrieben. Diese Männer (und wenigen) Frauen sind wahre Virtuosen auf dem Pferderücken!

Milchvieh (dairy cattle):
Es gibt, wie in Deutschland auch, zwei Arten der Milchviehhaltung: Die Aufstallung und die Weidehaltung. Bei der letzten Erfassung des US Census of Agriculture im Jahr 2007 hat sich gezeigt, dass steigende Kraft- und Heizstoffpreise sowie weitere steigende Kosten die Weidehaltung attraktiver gemacht haben, sodass auch Betriebe mit mehr als 400 Stück Milchvieh inzwischen die Weidehaltung als Option gewählt haben.
In beiden Fällen werden Jungtiere und Färsen (heifers = Kühe, die noch nicht gekalbt haben) in Weidehaltung aufgezogen.
Die Milchviehpopulation ist gegenüber der Fleischviehstückzahl mit knapp 80 Mio. Tieren um etwa 15 Mio. höher.

Das Neuseelandprinzip, einige werden sich vielleicht erinnern.
Entweder viel Milchausbeute, bei hohen Kosten (so wie bei uns Milch produziert wird) oder Kostensenkung eben über Weidehaltung.

Medikamente und Futterzusätze:
Die Gabe von Medikamenten sowie die Durchimpfung entsprechen etwa den deutschen Standards und sind gegenüber der Fleischproduktion etwas höher.
Auch die künstliche Besamung überwiegt die natürliche Bedeckung.

Künstliche Besamung gibt es bei uns auch, weil man so zu jeder Kuh einen passenden Bullen auswählen kann und nicht nur einen Bullen im Stall hat, der zu jeder Kuh ein bisschen passt.
Medikamente und Impfungen sind kein Problem, im nächsten Kapitel kommen wir allerdings zu einem umstrittenen Futterzusatz: Hormonen.

Rassen:
Beim Milchvieh ist die Rasse Jersey vorherrschend, gefolgt von Kreuzungen (crossbred cows) und Holstein-Rindern.
Beim Fleischvieh gibt es neben dem bekannten Black-Angus-Rind einige in Europa wenig bekannte Rassen:
Brangus (widerstandfähige Kreuzung zwischen Angus- und Brahman-Rindern) sowie Zebu-Rinder in den heißen südlichen Bundesstaaten. Außerdem werden Corriente-Rinder, ein Nachfahre der von den Spaniern eingeführten Rinder, und die aus alten Cowboy-Filmen bekannten Longhorns verwendet. Beide Rassen sind anspruchslos und problemlos ohne Zufütterung auf der Weide zu halten.

Kindischer Kommentar meinerseits (Patroklos): Ich will auch Jerseys, die sind cool *heul*
Bei uns ist ja das schwarzbunte Holstein vorherrschend, je nach Region auch noch das milchbetonte Fleckvieh oder Braunvieh.
Fleischrinder bei uns sind: fleischbetontes Fleckvieh, Angus, Charollais, Limousin, Hereford.
Außerdem die Robustrassen Scottish Highland Cattle und Galloway.
Dafür kennt man bei uns die von dir genannten „amerikanischen“ Rassen nicht. (Amerikanisch in Anführungszeichen, weil Zebus und deren Unterschlag die Brahmanrinder ursprünglich aus Indien kommen und auch sonst einiges ausländisches eingekreuzt wurde.)

Was die Bucking Bulls betrifft, wird weniger auf die Rasse geachtet als auf die Veranlagung zum Bocken. Ein Bulle, der nicht bockend aus dem Chute, einer kleinen hinten und vorne zu Öffnenden Box, kommt, wird nicht wieder verwendet und auch nicht zur Zucht eingesetzt. Eine Kuh, die auch nur ein Kalb ohne die Veranlagung zum Bocken hervorbringt, wird nicht weiter in der Zucht verwendet. Entgegen der landläufigen Meinung löst der Riemen beim Rind kein Bocken aus. Er animiert den Stier allerdings dazu, die Hinterbeine noch höher in die Luft zu schleudern und seinen Leib stärker zu verdrehen. Im Gegensatz zum Pferd bockt ein Rind lateral, sich windend und sich um die eigene Achse drehend. Zudem ist die Haut verschiebbar wie bei einer Katze. Darin liegt neben der Gefahr, nach dem Abwurf von den Hörnern durchbohrt zu werden, der besondere Reiz des „Bull Riding“.
So gut wie alle Bucking Bulls haben Brahma-Anteile.
Wer mehr dazu wissen möchte – bitte gerne fragen.

Eine Frage von mir an Faedis: Gibt es in Amerika auch die Pflicht, das jedes Rind in beiden Ohren Ohrmarken zu tragen hat? Bei uns mussten deswegen einige Büffel- und Züchter anderer mehr oder weniger wilder Rinderrassen aufgeben, weil das einfach absolut nicht machbar war.
Beim Brahman (bitte Brahman, Brahma sind Hühner *g*) stelle ich mir das auch ganz toll vor. Die springen doch aus dem Stand an die 2 m und mehr, wenn sie wirklich weg wollen und die hältst du dann nicht mehr.

So, und nun nach diesen (Un)Mengen sachlichen Inputs zum Abschluss ein kleiner Texas-Witz zum Abschluss – bekanntlich ist dort ja alles größer…
Ein englischer Farmer und ein texanischer Rancher unterhalten sich.
Sagt der Engländer: „Ich habe so viel Land, dass ich mit dem Auto eine halbe Stunde brauche, um es ganz zu umrunden.“
Der Texaner lächelt milde. „Tja. Ich brauche drei Tage, um mein Land mit dem Auto zu umrunden.“
Daraufhin sieht ihn der Engländer mitleidig an: „Ach je, du Armer! So ein Auto hatte ich auch mal …“

Und zu guter Letzt ein paar wenige Begriffserklärungen:
bull = Stier
steer = Mastochse
ground meat = minced meat (UK) = Faschiertes = Hackfleisch
dam = Muttertier
sire = Vatertier
feed = Futter

Ich bedanke mich für die Möglichkeit, einen hoffentlich informativen kleinen Einblick in die Rinderhaltung in den USA zu geben. Immerhin haben wir uns den Burger, d.h. das faschierte Laberl, das Fleischpflanzerl, die Bulette, Frikadelle und wie die Fleischklöpse sonst noch heißen, aus den USA nach Europa geholt, nicht wahr …

Vielen lieben Dank, Patroklos Corvus, für die Einladung zum Gastbeitrag!

Dann bedanke ich mich schonmal im Namen aller Leser (zu denen ich diesmal gehören durfte *g*) für deinen interessanten und sehr informativen Text.
In Amerika ist wirklich alles größer, da kommen mir jetzt sogar unsere großen ostdeutschen Betriebe, die Überbleibsel der LPGen sind, noch mickrig vor *lach*
Ich hoffe, dem Rest hat es genauso gut gefallen wie mir.
Danke!

So, damit entlassen wir euch für dieses Mal. Hoffe, ihr habt etwas für euch gelernt, was ihr mitnehmen wollt.
Eine Diskussion würde uns freuen, wir sind für alle Gesinnungsrichtungen und Argumente offen. Wenn interessante Fragen aufkommen, vielleicht sogar mehrfach, dann folgt in Kürze zu diesem Kapitel eine Ergänzung mit Leserfragen und Antworten. (Lege ich jetzt einfach mal fest, das Faedis das auch noch machen muss, sollte was aufkommen *g*)
Ansonsten kommen wir beim nächsten Mal zum Thema der Hormonbehandlungen bei Tieren, wozu auch schon immer mal Fragen kamen und was ja eigentlich erstmal angekündigt war. Passt aber besser anschließend an die amerikanischen Fleisch- und Milchkühe, da kommt dann noch etwas zu den amerikanischen Fleisch- und Milchleistungen.