Ceija stojka „wir leben im verborgenen“

4.1. Entstehungszeit/Schriftliche Literaturen der Roma sind uns in Osterreich erst seit wenigen Jahren bekannt. Sie zahlen zu der Gruppe der Minderheiten, die aus Angst vor noch starkerer Diskriminierung und Unterdruckung lange davor zuruckschreckten, ihr Schicksal schriftlich festzuhalten. Das Leben der Sinti und Roma ist von einer Geschichte der Verfolgung bestimmt. Seit Ankunft der Zigeuner im Mitteleuropa im 14.und 15. Jahrhundert war das Mi?trauen der se?haften Bevolkerung gegenuber dieser Minderheit sehr gro?. Im 15. Jahrhundert, zum Beispiel, wurden Zigeuner auf einem Reichstag fur „vogelfrei“ erklart, was naturlich vollkommene Rechtlosigkeit bedeutete. Spater galten sie sogar als Schuldige bei Seuchen und standen in den Augen der aberglaubischen Bevolkerung im Bund mit dem Teufel. Zweifelsohne erreichte ihre grausame Verfolgung zur Zeit des Nationalsozialismus ihren Hohepunkt:

„Gemeinsam mit Juden, politischen Haftlingen, Behinderten und Homosexuellen werden die Zigeuner zu Opfer des totalitaren Regimes. Der rassenideologische Blut und Boden Mythos des Dritten Reiches sowie darauf aufbauendes anthropologisches und biologische Schrifttum stempeln den Zigeuner zum Untermenschen, zum Parasiten des deutschen Volkes.“

Die Erinnerungen an diese Grausamkeit in den Konzentrations- und Vernichtungslagern und Traume, in denen ihre Erlebnisse bis zum heutigen Tag gegenwartig bleiben, brachten Roma dazu, jahrelang ein Gesprach uber diese Zeit zu verweigern.

Vor allem der Verlust von Angehorigen und Freunden war gro? und in den wenigen, die der Verfolgung entkommen waren, hat somit „das Schweigen alle Satze aufgefressen. Andere haben niemals geredet – Ihr sprachliches Entsetzten halt an.“ Weil das Erzahlen oft zu schmerzhaft war, sind uns viele Geschichten ihres Leidens und ihres Überlebenskampfes verlorengegangen ….

Erst in den letzten Jahren, genauer gesagt seit Ende des Zweiten Weltkrieges, haben einige Zigeuner den Weg in die Offentlichkeit gewagt. Auch wenn es kein leichter Schritt war, begannen sie erstmals schriftlich Zeugnis uber ihre Unterdruckung im Nationalsozialismus zu geben. Einerseits schreiben viele, um ihr Leben aus der Anonymitat zu holen, aber auch um die schrecklichen Erfahrungen der Diskriminierung zu verarbeiten.

Trotzdem ist an dieser Stelle zu erwahnen, da? heute ein nur recht geringer Prozentsatz unter den Zigeunern, dieses fur sie neue Medium verwendet, um ihre Umwelt, Lebensweise, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu beschreiben. Haufig findet namlich eine solche Auseinandersetzung mit der jeweiligen Lebenssituation durch musikalische Ausdrucksmittel oder auch im Bereich der bildenden Kunst statt.

Wir leben im Verborgenen. Erinnerungen einer Rom – Zigeunerin. zahlt somit zu den ersten und wenigen Aufzeichnungen, in denen Roma und Sinti ihre Erinnerungen und Schrecken der Konzentrations- und Vernichtungslager schriftlich festhalten. Genau gesagt ist Ceija Stojka die zweite Autorin, die uber ihre Erlebnisse als Gefangene berichtet. Ihre Autobiographie erschien erst drei Jahre nach der Herausgabe des Werkes „Zwischen Liebe und Ha?“ von Philemona Franz. Laut Beate Eder war Stojka und ihrer Herausgeberin Karin Berger diese Autobiographie noch nicht bekannt. „So erklart sich auch folgender Hinweis im Vorwort Bergers zu Wir leben im Verborgenen: Ihre Aufzeichnungen sind die bisher einzigen von Roma oder Sinti schriftlich festgehaltenen Erinnerungen an die Schrecken der Konzentrations- und Vernichtungslager. In einem weiteren Aufsatz erwahnt Beate Eder, da? Roma – Autoren in den meisten Fallen einander gar nicht kannten. Dadurch lie?e sich auch die Gemeinsamkeit in der Auswahl der Themen unter den Roma – Autoren erklaren.

Das Erscheinungsjahr des Werkes Wir leben im Verborgenen ( 1989 ) fallt genau mit der Grundung der ersten offiziellen Vertretung von Roma in Osterreich, dem Verein „Roma und Sinti – Verein zur Forderung von Zigeunern“, zusammen. Dieser Verein hofft vor allem auf ein neues und integratives Zusammenleben von Roma und Nichtroma. Unter der Volksgruppe begann mit dieser Grundung ein Selbstbewu?tsein, sie beginnt sich zur Romaidentitat zu bekennen. Es kam naturlich sehr rasch zu Publikationen von Literaturen dieser „Minderheit“ und engagierte Autoren und Autorinnen hatten nun die Gelegenheit mit zeitgenossischen Schriftstellern dieser Volksgruppe in Kontakt zu bleiben.

4. 2. Entstehungsbedingungen

Roma und Sinti, die ihre Erlebnisse und Lebensweisen schriftlich festhalten, werden bei ihrer Arbeit mit einer Vielzahl von Problemen konfrontiert. In erster Linie wollen sie mit ihren Verschriftlichungen ihrem jeweiligen Land als gleichberechtigte Burger anerkannt und nicht als Minderheit an den Rand der Gesellschaft geruckt werden. (An dieser Stelle mochte ich auf das Interview mit Ceija Stojka hinweisen. Sie war in den letzten Jahren vergebens darum bemuht, das Wort Minderheit nicht langer fur die Volksgruppe der Roma und Sinti zu verwenden. Ceija Stojka nennt Zuwanderer, Migranten, Fluchtlinge und Angehorige ethnischer Minderheiten Wenigerheiten, da sie ja eigentlich dem Merheitsvolk angehoren. ) Zuerst stellt sich dem Schriftsteller aus einer Volksgruppe naturlich die essentielle Frage: In welcher Form soll das literarische Werk veroffentlicht werden?

Die Angst vor Diskriminierung fuhrt in vielen Fallen zur Verleugnung der Identitat. Dennoch wahlen viele Roma – Schriftsteller aus Liebe zu ihrer Volksgruppe und aus Angst vor einem moglichen Aussterben bewu?t ihre eigene Sprache, das Romanes. Diese indoeuropaische Sprache besteht aus einer Vielzahl von Dialekten und ist in ihrer schriftlichen Form bis heute noch nicht standardisiert. Naturlich kam es in Laufe der Zeit in allen Landern, in denen das „wandernde Volk“ gelebt hat, zur Aufnahme von Lehnwortern. „Der Wortschatz der Romadialekte ist vergleichsweise gering: Er setzt sich aus durchschnittlich 1200 Wortern zusammen, davon entfallen 400-600 auf indische Ursprungsworter, der Rest setzt sich aus Lehnworter zusammen.“ Heute wachsen Roma, wenn sie auch nicht mehr auf standiger Reise sind, meist zweisprachig auf. Sie beherrschen neben ihrem Dialekt die jeweilige Landessprache. Auch Ceija Stojka spricht in ihrem Interview mit Karin Berger uber den Gebrauch ihrer Sprache. Auf die Frage, in welcher Sprache die Zigeuner untereinander reden, antwortet sie: „Das [ Romanes ] haben wir schon in der Wiege mitgekriegt. Wir haben Romanes gesprochen und wenn wir unter Gadje waren, Deutsch. … Es kommt auf meine Laune an.“

Meist ergeben sich fur die Gruppe, die ihrer Muttersprache bei der literarischen Verarbeitung treu bleibt, bei der Publikation eine Reihe von Problemen. Sie werden oft mit der Tatsache konfrontiert, da? nur wenige Verlage Bucher in Romanes veroffentlichen. Die Chancen steigen, wenn es sich um zweisprachige Texte handelt.

Andere Autoren und Autorinnen wahlen die jeweilige Landessprache, um ihre Anliegen Zigeunern sowie Nicht – Zigeunern naher zu bringen. Doch in diesem Fall ergeben sich wieder schwierige Umstande. Wie sollen sie in der jeweiligen Landessprache epische Werke, Gedichte und Theaterstucke veroffentlichen, wenn doch ihr Leben vor der Gefangenschaft von mangelnder Schulbildung gekennzeichnet war? Die Autorin Ceija Stojka war nach dem Konzentrationslager selbst um den Erwerb von schulischen Grundkenntnissen bemuht, da sie ohne Schulbildung keine Chancen zum Überleben sah. In einem Interview mit Karin Berger erwahnt sie, da? sie nach ihrer Entlassung nicht einmal „gescheit“ ihren Namen schreiben konnte. Auch wenn es fur sie nicht einfach war im Alter von dreizehn Jahren gemeinsam mit Kindern aus der 2. Schulstufe den Unterricht zu besuchen, hat sie Lesen und Schreiben gelernt.

Aufgrund sprachlicher Schwierigkeiten bei der Textproduktion kommen dann viele Roma – Schriftsteller zu Herausgebern, mit denen sie gemeinsam das Werk nochmals durcharbeiten. Herausgeber sehen ihre Aufgabe darin, Autoren und Autorinnen, die Schwierigkeiten mit der Sprache haben, zu unterstutzen, ihre Texte zu perfektionieren und womoglich die „richtigen Worte“ zu finden. Sie unterstutzen sie vor allem darin, in der immer noch fremden Sprache das auszudrucken, was ihnen ein Anliegen ist. Auch Ceija Stojka erzahlt im Gesprach mit uns, wie es zur Veroffentlichung ihrer Autobiographie gekommen ist:

„Ich hab´ einen lieben Menschen kennen gelernt – das ist Karin Berger. ( … ) Sie hat sich bemuht, … ist zu einem Verlag gegangen und der Verlag, der Verlag wollte die Originale haben. Die wollt ich nicht herausgeben, weil so viele Fehler drin sind, weil ich ja nicht lesen und schreiben … . Also ja, dann hat sie das also in einem … also richtig getippt.“

Wir leben im Verborgenen erschien dann unter der Herausgabe von Karin Berger. Stojkas literarischer Beitrag wurde auch noch durch ein Interview erganzt, um so dem Leser mehr Eindruck in die Lebensgeschichte, Denkweisen und Anliegen der Minderheiten in Osterreich zu geben. Durch gewisse Leitfragen die in den Gesprachen immer wieder prasent waren, wie zum Beispiel: „Woher kommen Sie?“ „Wie wurden Sie in Osterreich aufgenommen?“ „In welchem Umfeld sind Sie aufgewachsen?“ „Wie und warum haben Sie zu schreiben begonnen?“ erfahren wir uber die jeweilige Lebenssituation der Autoren.

Der Schreibbeginn ist fur viele Roma, die als Au?enseiter und Unterdruckte im ganzen Land abgestempelt werden, eine schwierige Zeit des Durchhalten. Vor allem Frauen stehen wahrend ihrer Arbeit am Manuskript vor weiteren Problemen. Von der Volksgruppe werden derartige schriftliche Verarbeitungen nicht als sinnvolle Beschaftigungen, denen eine Frau nach traditionellen Vorstellungen der Roma – Familien nachgehen soll, anerkannt. Auch Ceija Stojka, die ihre Biographie vor allem wahrend ihrer Haushaltsarbeit geschrieben hat, erzahlt in unserem Interview uber die unterschiedlichen Reaktionen der Verwandten und nachsten Bekannten. Anfangs wurde „das Geschreibe“ von ihrem Bruder als Gekritzel abgewertet. Stojka reagierte auf solche und ahnliche Aussagen mit Antworten wie: „Ich mu? geduldig sein und ich mu? mir Zeit lassen, irgendwann einmal werden sie einsehen, da? es der richtige Weg ist, nicht.“ …. In ihrer Geduld hat sie sich dann auf den besten Weg einer Bestsellerautorin gemacht. In Deutschland ist die Autobiographie fast auf jedem Tisch – was Kultur anbelangt – zu finden und im Laufe der Jahre hat es Japan und Amerika erreicht. Naturlich sind die Geschwister ab einem gewissen Beruhmtheitsgrad stolz auf Schriftstellern und Schriftstellerinnen in der Familie. Es kommen sich dann alle Angehorigen irrsinnig wichtig vor, wenn diese kleine Frau plotzlich mit der Welt zu tun hat, die Hand den Hochsten gibt und mit ihnen Gesprache fuhrt.

4. 3. Textsorte: Autobiographie

In Ceija Stojkas Autobiographie Wir leben im Verborgenen steht die bittere Zeit des Nationalsozialismus, der sich die Roma als erste Sundenbocke erwahlt hat, im Mittelpunkt ihres Erzahlens. Die schriftliche Fixierung ihrer Vergangenheit mag unter dem Volk der Roma und Sinti sehr wohl ein neues Ausdrucksmittel sein. In den vergangenen Jahren wurde die Lebensweise dieser Volksgruppe zwar durch Liedtexte, durch ihre Musik, in Legenden und Marchen ans Tageslicht gebracht, blieb aber vor allem auf die mundliche Form beschrankt. Daher stellt sich bei naherer Betrachtung von Stojkas Werken die Frage: Was hat Ceija Stojka bewegt, ihre Erinnerungen und Schrecken der Konzentrations- und Vernichtungslager in der Erscheinungsform einer Autobiographie schriftlich zu fixieren?

Das Schaffen von Literatur erhalt fur Autoren und Autorinnen durchaus auch eine psychologische und therapeutische Funktion. Durch das „Aufschreiben“ sollen die Erlebnisse aus der Vergangenheit bewaltigt werden. Gerade in der schwierigen Situation der Zuwanderer, Migranten, Fluchtlingen und Angehorige ethnische „Wenigerheiten“ kann Schreiben zur Überlebensstrategie werden. In ihrer Identitatssuche bedeutet Schreiben zum einen ein Nachdenken uber sich selbst und die Gesellschaft, aber fur Angehorige des „Mehrheitsvolkes“ auch ein Einblick in das Leben fremder Kulturen. Fur Ceija Stojka war vor allem die Diskriminierung und Verfolgung unter dem Nationalsozialismus ein wichtiger Ausloser die Vergangenheit schriftlich zu fixieren. Sie selbst erzahlt uber ihren Schreibbeginn:

„Als ich das Buch geschrieben habe – und das ist die Wahrheit – vor zehn Jahren, da hab ich mich gelost, also den Druck aus meinen Bauch, wo man immer gesagt hat „Ausschwitzluge“ und „das Gelogene“, wo dann mein Bruder ….., also ich hab nicht geschrieben fur die Offentlichkeit, ich hab fur mich geschrieben.“

In den Jahren nach dem Aufenthalt im Konzentrationslager gab es in ihrem Leben keine Bezugsperson, mit der sie Erfahrungen und Erlebnisse ihrer Verfolgung austauschen konnte oder die ihren Erzahlungen zugehort hatte. All den Bekannten und Familienangehorige, die die Zeit in den Vernichtungslagern miterlebt haben, fiel es schwer, sich ihre Erinnerungen wieder ins Gedachtnis zu rufen. Es gibt zwar auch heute noch viele Menschen, vor allem Jugendliche, die uber das Leben in den Konzentrationslagern erfahren wollen, doch meist konnen sie nicht konzentriert zuhoren oder sich nur schwer in die Zeit der Verfolgung und Ausbeutung zuruckversetzen.

In ihrem Gesprach bedauert Ceija Stojka, da? sie eigentlich nie mit ihrer Mutter uber die Verfolgung der Zigeuner gesprochen hatte. Sie hatte ja ohnehin soviel Kummer gehabt und deshalb wollte sie Ceija nie damit belasten. Da sie auf ihrer Wanderung durch das weite Land mit ihrer Mutter auf engsten Raum zusammengelebt hatte, kam es naturlich immer wieder zum Austausch von Erinnerungen:

„… wahrend ich mit meiner Mutter immer wieder – auch als ich schon Frau war ja, und schon Gro?mutter geworden bin – Erinnerungen ausgetauscht habe. Zum Beispiel von der Kartoffelschale, die eine Frau, also eine Wei?russin, verloren hat. Und ja, da hab ich gesagt: „Mama kannst dich erinnern?“ und sie hat immer gesagt: „Ja, wenn du schalst eine Kartoffel – dann schal sie dick!“ Das sind die Erinnerungen die in mir stark hochgekommen sind: „Mama, kannst du dich erinnern, wenn das noch starker gewesen ware, hatten wir noch mehr Kraft gehabt.“

Doch der Schmerz war immer zu gro?. Es kam nie zu einer Fortsetzung der Gesprache oder zu einer Bewaltigung der Vergangenheit. „Ja sie hat immer nur angedeutet, aber sie konnte nie etwas ganz zu Ende …- dann ist schon der Schmerz gekommen. Und dann waren ihre Augen schon ganz glasrig gell, diese blauen Augen, und ich mu?te schon mit meiner Stimme spielen…“ Somit konnt diese Autobiographie auch als Ersatzmedium zur Konversation mit der Mutter betrachtet werden.

Wieder an einer anderen Stelle in unserem Gesprach erzahlt die Autoren: „Ich hab fur mich geschrieben und wenn ich die Augen zumache: fur meine Kinder.“ Musik und Gesang spielen

im Leben der Roma und Sinti ja eine au?erst wichtige Rolle. In einem anderen Interview mit Karin Berger im Anschlu? an das Werk Reisende auf dieser Welt erzahlt sie:

„Der Wald rauscht, die Vogel fliegen uber dich, die Sonne lacht, du spurst das Gras wachsen, zwischen den Zehen, da kann man nicht einfach nur stumm sein. Man mu?, ob man will oder nicht, sich irgendwie ausdrucken, ob es in Liedform ist oder in Gedichten oder indem man Geschichten erzahlt. Und der Rom singt. Er singt uber alles, es gibt nichts, woruber er nicht singt.“

Durch Lieder werden Geschichten erzahlt, Lebenserfahrungen ausgetauscht, Gesetzte vermittelt, Traditionen weitergegeben aber auch Gaste willkommen gehei?en und geehrt. Im Volk der Zigeuner war die Weitergabe traditioneller Romamelodien und Liedtexten vor allem den Frauen zugeschrieben. Ceija Stojka lie? sich diese Aufgabe und Stellung naturlich nicht nehmen. In ihren Augen mu?te die Weitergabe von Traditionen eine lebendige sein und da auf Grund der geanderten Lebensumstande eine Weitergabe durch Musik kaum mehr vorhanden ist, halt sie ihre Lebenserfahrungen fur die nachkommenden Generationen in schriftlicher Form fest.

Es gibt unterschiedliche Grunde, die zur Produktion schriftlicher Literatur gefuhrt haben. Sicher jedoch ist, da? Ceija Stojka in ihrer Autobiographie die schrecklichen Erlebnisse aus der Vergangenheit zu verarbeiten versucht. Andererseits holt sie mit ihren Werken die Volksgruppe der Roma und Sinti aus der Anonymitat und dem Verborgenen und kampft engagiert um deren Anerkennung unter dem „Mehrheitsvolk“.

4. 4. Handlungs- und Erzahlzusammenhange

In ihrer Autobiographie Wir leben im Verborgenen berichtet Ceija Stojka von den unfa?baren Schrecken in den Lagern des Hitlerregimes. Es ist sehr schwierig anhand dieses Werkes eine chronoligische Biographie von dieser Roma – Schriftstellerin zu erstellen. In den Konzentrationslagern war ihr Zeit- und Raumgefuhl komplett anders als in den ubrigen Jahren ihres Lebens. In den Lagern konnte sie keine genauen Tage, Monate und Jahre wahrnehmen und fand einzig und allein an den Jahreszeiten ihre Orientierung. So nennt sie in Wir leben im Verborgenen nur ungenaue und wage Datumsbezeichnungen, wie zum Beispiel: „Es mu? einen Tag vor Jahreswechsel gewesen sein.“ Trotzdem erzahlt sie all die Stationen in der Zeit ihrer Verfolgung in chronologischer Abfolge: Kurz vor der Beerdigung ihres Vaters wird die Familie nach Birkenau gebracht, wo ihr kleiner Bruder an den Folgen von Bauchtyphus stirbt. Als Birkenau aussortiert wird, kommt es zur Trennung der Familie. Ceijas Bruder mussen andere Wege gehen, und die Schwester Mitzi wurde schon zuvor einem anderen Arbeitslager zugeteilt. Gemeinsam mit ihrer Mutter kommt das kleine Madchen nach Ausschwitz. Nach einem kurzen und grauenvollen Aufenhalt geht es dann weiter in das Frauenlager Ravensbruck, wo ihrer Aussage nach die SS – Frauen noch schlechter als jeder Satan waren . Mit viel Gluck gelingt ihnen der Transport auf einem Lastwagen in das Arbeitslager Bergen – Belsen, wo sie nach einer schrecklichen Zeit, die wiederum von Hunger und Not gekennzeichnet war, endlich von den Englandern befreit wurden.

Das Buch selbst besteht aus zwei Teilen. Im ersten Abschnitt wird der Leser mit den Erfahrungen und Erlebnissen der NS – Zeit aus der Sicht eines Zigeunermadchen konfrontiert. Anschlie?end spricht die Erzahlerin in einem Interview mit der Herausgeberin Karin Berger als Erwachsene uber die aktuelle Situation der Roma in Osterreich. Sie erinnert sich an die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, in der sie mit ihrer Familie und anderen Roma mit Ro? und Wagen durch Osterreich reist.

In der Autobiographie, im ersten Teil des Buches, hingegen wahlt die Autorin nicht die Perspektive des zuruckblickenden Erwachsenen sondern die eines Kindes, das erlebt, beobachtet und beschreibt . Sie selbst hat ja auch den Aufenthalt in den Konzentrationslagern, der sie fur das weitere Leben sehr gepragt hat, als Kind erlebt.

Wie schon zuvor erwahnt, bedeutet dieses Erzahlen aus der Sicht eines Kindes ein „Sich – Zuruckversetzten“ und ein „Wieder – Erleben“, genau wie all ihre spateren Besuche in den ehemaligen Arbeitslager. Aus Gesprachen mit ihr geht hervor, wie genau sie in Erinnerung behalt, wo all die Baracken gestanden sind, wo das Krankenlager war, in dem ihr kleiner Bruder Ossi gelegen und gestorben ist. Jedesmal hat sie den Berg der Toten unmittelbar vor den Augen und in jedem Regengu? und Wind, der durch ihr Haar weht, sieht sie eine Begru?ung von den Familienangehorigen und Freunden, die dort ihr Leben lassen mu?ten.

Auffallend ist auch, da? im Laufe der Erzahlung nie von Krieg die Rede ist. Stojka verwendet diesen Ausdruck kaum und beschreibt auch keine genaue Daten aus den Kriegsjahren. Wichtig erscheinen fur sie einzig und allein die Jahre 1939, als Zigeunern das Herumreisen verboten wurde, und 1943, das Jahr ihrer Verhaftung. Ihre Unwissenheit uber das Kriegsgeschehen kommt vor allem ans Tageslicht wenn sie schreibt: „Er war „Reinarier“ und irgendwo in Osterreich eingeruckt.“

4. 5. Eigenarten ihres Schreibens

Als kleines Zigeunermadchen erlebt Ceija Stojka die Ausbeutung in den Vernichtungslager auf ihre eigene Art und Weise, wie sie es spater auch auf Papier bringt. Typisch fur diese Erzahlung aus der Perspektive eines Kindes sind die kurzen und einfachen Satze. So verzichtet sie bewu?t auf eine komplizierte und „hochtrabende“ Sprache, wodurch ihre Erzahlung einem Gesprach gleicht. Dementsprechend unterstreicht auch die Wahl der Worter ihre kindliche Tendenz. Neben der Form „meine / unsere Mutter“ benutzt sie des ofteren den Ausdruck „meine Mama“, der uns ja aus den Mund eines Kleinkindes bekannt ist. Diese kindliche Sprache und Sichtweise bieten dem Leser die beste Moglichkeit, das Erlebte moglichst genau erahnen zu konnen, sich mit dem Leben der verachteten Minderheiten zu identifizieren und gibt das Gefuhl, direkt am Schauplatz des Geschehen anwesend zu sein.

Kennzeichnend fur diese kindliche Erzahlweise sind unter anderem der wiederholte Stimmungswechsel und die Gabe Kleinigkeiten als „schon“ bzw. „herrlich“ zu empfinden. Als das Zigeunermadchen uber den Transport von Auschwitz in das Frauenlager Ravensbruck erzahlt, spurt der Leser zum ersten Mal eine Erleichterung unter den KZ – Haftlingen, da ja bekannt ist, da? sich in Auschwitz die meisten Gaskammern befinden. Den Gefangenen ist es verboten, auf der Fahrt nur ein einziges Wort miteinander zu sprechen, und daher bringt die Autorin ihre Beobachtungen aus der Landschaft, die sie mit einem „Personenzug“ durchqueren, auf Papier. Es ist fur sie einfach ein herrliches Gefuhl, in einem „richtigen Personenzug“ mit vier oder funf Waggons und Banken darin, auf denen sie sogar Platz nehmen durften, zu fahren. Auch hier wird dem Leser wieder bewu?t, welch eine Aufmerksamkeit das Madchen den Kleinigkeiten und alltaglichen Dingen schenkt, wie sehr sie bei ihren Beobachtungen ins Detail geht. Auf dieser Fahrt wundert sie sich weiters uber „richtige“ Menschen, die auf dem Acker arbeiten und uber „richtige“ Bauernhauser. Fur sie ist es ein besonderes Erlebnis den Alltag der „freien“ Bevolkerung bewundern zu konnen, da ihr die Gefangenschaft in den Konzentrationslagern das Gefuhl gab, alleine auf der Welt zu sein und als niedriger und unwurdiger Mensch zu leben. Fur die Menschen hingegen war dies kein besonderer Zug, denn alle Zuge, die von einem Vernichtungslager zum anderen unterwegs waren, glichen einander. Wenn auch Gefangene auf diesen Zugen transportiert wurden, mu?ten sie nur tatenlos zusehen und widerstandslos schweigen.

Auffallend an dieser Stelle ist auch, mit welcher Art von Adjektiva die Autorin die Landschaft beschreibt:

„Also schauten wir alle aus dem Fenster, wir waren ja in der Freiheit. Wir sahen richtige Menschen, die auf dem Acker arbeiteten. Die einen mahten das Gras, die anderen setzten irgendetwas in den guten Boden. Wir sahen braune, schone Kuhe und Arbeitspferde, mitunter sogar einen Hasen und frohliche, gutaussehende Kinder mit ihren Muttern. Fur Minuten verga?en wir alles. Der Zug fuhr etwas langsamer, wir sahen richtige Bauernhauser mit Vieh und Menschen. Fur sie war es kein besonderer Zug, denn es war ein Zug wie jeder andere. Bald fuhr der Zug immer schneller, die Bauernhauser wurden immer kleiner. Nun ging es auf einer langen Ebene dahin, es gab keine Stra?en und keinen Weg, nur Wiesen und Wald.“

Der „gute Boden“, die „schonen Kuhe“, der Anblick eines „Hasen“, „die frohlichen und gutaussehenden Kinder mit ihren Muttern“ zeigen die positive und gluckliche Stimmung des kleinen Zigeunermadchens. Die wunderschone Landschaft mit „dem frisch gemahten Gras“, dem „guten Boden“ und die „Wiesen und Walder“ geben den Gefangenen ein Gefuhl der Freiheit. Fur kurze zeit wird hier vielleicht ein Traum von einer anderen, besseren Welt war. Fur Minuten verga?en sie sogar ihr Schicksal, die Gefangenschaft und Trauer um die sterbenden Freunde und Familienangehorige. Dieser Ausschnitt erinnert genau an die Erzahlungen von Ceija Stojkas weiteren Werk Reisende auf diese Welt. Aus dem Leben einer Rom – Zigeunerin. In diesem Buch erzahlt die Schriftstellerin uber die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, als sie mit ihrer Familie und Freunden durch Osterreich unterwegs war. Auch diese Reisen mit „Ro? und Wagen“ schenkten ihnen eine Reihe von schonen Naturbildern, die dem Madchen auf der Fahrt in das Frauenlager wieder ins Gedachtnis kommen. Gerne denkt sie zuruck an die Zeit, als sie an einem Lagerplatz vor dem Wald Rast gemacht haben, beim Lagerfeuer getanzt und gesungen und manchmal sogar im Freien ubernachtet haben.

Kurz darauf wird das Zigeunermadchen zusammen mit ihren Genossinnen in das Frauenlager eingeliefert. Es kommt zu einem plotzlichen Stimmungswechsel. Wie ein Kind, dem beim Lachen noch die Tranen von zuvor uber das Gesicht laufen, schreibt sie nun in einer ganz anderen Sprache, verwendet eine unterschiedliche Art der Adjektiva. Im Gegensatz zu den wunderschonen Landschaftsbildern mit den saftgrunen Wiesen und Waldern, regiert hier die nuchterne und bittere Sprache des Konzentrationslagers. Das Madchen hat nun wieder die braungrune Uniform der SS – Soldaten vor den Augen, die Beleuchtung war ziemlich duster und noch dazu war es schon finster, als sie das Lager betraten:

„Sie waren bei Gott keine sanften Frauen. Sie ubernahmen das Kommando und schrien: „Alles antreten. Marsch, Marsch!“ Nun standen wir alle wieder beisammen. Die Beleuchtung war ziemlich duster. Wir mu?ten nicht weit gehen, schon waren wir durch das Tor: Das war das Frauenlager Ravensbruck. Wir marschierten, es war schon ganz finster….. Ein Knuppelschlag machte dem ein Ende.“

In all ihren Werken verwendet Ceija Stojka Bilder aus der Natur und ganz unterschiedliche Landschaftsbilder. In einem Gesprach erzahlt sie einmal: „Natur ist mein Leben, ich halte mich gerne an einen Baum an.“ Auch aus dem Arbeitslager in Bergen – Belsen wird ihr ein Baum, der vor ihrer Baracke gestanden ist, ewig in Erinnerung bleiben. Sie nannte diesen schonen Baum, dessen kraftige Äste bis auf den Boden reichten, Lebensspender, denn er loschte immer wieder Durst und Hunger, gab neue Energie und Kraft, die ja lebensnotwendig war. Er hatte schone, dicke hellgrune Blatter und durfte naturlich in ihrer Erzahlung nicht fehlen. Die dicken Blatter enthielten einen su?lichen Saft, der fur die Kinder als Lebensspender wirkte. Des ofteren gab ihr die Mutter den Rat: „Nimm und i?, es [ die dicke, gelblich, wei?e Masse aus den blattern des Baumes ] ist sehr gut, du wirst sehen. Nun wirst du so stark wie dein Lebensspender.“

Im Laufe der Erzahlung sto?t der Leser immer wieder auf Zitate aus der Bibel. Im Frauenlager Ravensbruck wird ihr zum ersten Mal der Unterschied zwischen den hubschen SS- Frauen und den abgemagerten Gefangenen bewu?t. Als die Kinder einen Streifen mit der Aufschrift „Arbeitsscheu“ auf die linke Seite ihrer Kleider nahen mu?ten, fiel Ceija das Zitat aus der Bibel ein: „Nun waren wir alle gekennzeichnet: Der letzte Abschaum der Menschheit“ In ihrer Not beteten sie ofters zu Gott, und als ihre Mutter einmal die „Stubenfreunde“ mit den Worten beruhigte: „Vielleicht hilft uns jetzt Gott, wir mussen alle fest daran glauben.“, hatten die Frauen plotzlich nicht mehr so viel Angst und ihre Hoffnung wuchs von neuem. Diese Ausdrucke und Ausrufe zeigen, wie fest sie an Gott glaubt und trotz ihrer Not und Elend auf ihn beharrt. Immer wieder schopft sie neue Kraft aus dem Glauben und halt durch bis zum Ende.

Hier stellt sich naturlich die Frage, ob Ceija Stojka durchgehend in ihrem Werk ein Kind erleben und erzahlen la?t. Die Erzahlerin unterbricht auch ofters ihre Schilderung mit Ausrufen, die sie in Klammer setzt. In den Überlegungen: „Aber wie konnte ein Kind arbeitsscheu sein?“ oder „Wir waren gekennzeichnet: der letzte Abschaum der Menschheit“ spricht sicherlich nicht ein Kind, sondern die Erwachsene, die uber das Geschehen reflektiert. Leider Gottes bleibt der wahrhaftige Grund fur diese Einschube, die in der Autobiographie eher selten sind, jedoch auch noch nach unserem Gesprach mit der Roma – Schriftstellerin ungeklart ….

4. 6. Figurendarstellungen

4. 6. 1. Darstellung der Mutter

Ceija Stojkas Erzahlung kreist immer wieder um die Gestalt ihrer Mutter. Als ihr Vater, noch bevor sie in das Konzentrationslager gebracht wurden, sterben mu?te, bleibt die Mutter die einzige Bezugsperson fur die Kinder und fur Ceija uber ihren Tod hinaus. Ihre Mutter war eine „tapfere und kluge Frau“ und fur Ceija galt sie als „Vorbild“, wie eine Frau ihr Leben meistert, und ein Hoffnungsschimmer in jeder aussichtslosen Situation in den Konzentrations- und Vernichtungslagern. Mit nur wenigen Worten erzahlt die Rom – Schriftstellerin uber die Beziehung zur Mutter:

„Man mu? sich vorstellen: ein Kind das immer bei der Mutter ist, gell. Und erst, ah, dann losgelassen wird, wenn es also das Leben fordert. Ich war immer im KZ mit der Mama. War´ sie nicht gewesen, hatt´ ich nicht durchg´ halten, und bin dann auch sehr fruh Mutter geworden – mit 16 hab ich schon einen Buam g´ habt und hab mein Leben gemeistert heut. Und das Leben was mich gepragt hat, ist auch heute noch in mir drinnen.“

Auch nach der Verhaftung des Vaters hat die Frau, obwohl sie mit ihrer Familie vor den Trummern ihrer Existenz stand, das Leben tapfer gemeistert. Im ersten Teil der Erzahlung Weihnachten, schildert Ceija die grauenvollen Tage nach dem Tod ihres Vaters. Als sich die Feiertage um Weihnachten naherten, stand sie mit sechs Kindern alleine in der elenden Welt.

Nichts desto trotz fa?te sie den Mut, ein traditionelles Fest mit Weihnachtsmenu und einen reichlich geschmuckten Christbaum zu gestalten.

In ihrer Autobiographie Wir leben im Verborgenen legt Ceija Stojka besonderen Wert, die Verhaltensweise und Einstellungen der Mutter herauszuarbeiten. Ihre Verzweiflung und Mi?handlungen, die sie in Gefangenschaft erdulden mu?, pragen sich dem Kind besonders im Gedachtnis. Bis zum heutigen Tag blieben die Tage nach dem Tod ihres Vaters in Erinnerung. Einzig und allein die Mutter war es, die alle Versuche unternommen hatte, die Urne aus Dachau zu bekommen. Die Knochen gab sie dann in ein eigens dafur angefertigtes Taschchen, das sie bis zu einem bestimmten Zeitpunkt um den Hals gebunden hatte. Im Konzentrationslager kam eines Morgen ein SS – Mann herangetreten und schrie: “ „Du Kreatur, was hast du um deinen Hals?“ Er ri? ihr das kleine Taschchen mit Vaters Knochen herunter und warf es in den Abflu?. Dann schlug er ihr ins Gesicht.“ Das Madchen wu?te zu diesem Zeitpunkt genau, auf welch einer Art und Weise diese Gewaltanwendung fur die Mutter Schmerz hervorrief, da sie eine glaubige Zigeunerin war und nach den Traditionen der Roma lebte.

In ihrem Werk prasentiert Ceija Stojka die Mutter als eine „Überlebenshilfe“ fur die Familie wie auch fur Mitbewohner in den Baracken. Schon vor ihrer Verhaftung, als die Familie sozusagen „Auschwitz in der Freiheit spurte“ sorgte die Mutter um das tagliche Brot fur die Kinder. Sei schreckte niemals davor zuruck, die kleine Holzhutte, die von den SS – Leuten mit einem Gitter umzaunt wurde, zu verlassen und von irgendwoher Brot, Milch und an besonderen Tagen sogar einen Topf voll Gulaschsuppe zu organisieren. Sie war es, die ihren Spro?lingen den Umgang mit den SS – Frauen und Manner lehrte und immer offenes Ohr fur neue Organisationen hatte. So lehrte sie, zum Beispiel, was die Kinder sagen sollten, wenn die SS – Soldaten Fragen stellten: „Dann sollten wir sagen: „In diesem Kamin und in diesem Ofen dort wird fur uns alle das tagliche Brot gemacht.“ Doch wir wu?ten alle, um was es ging.“ Ein weiteres Mal versucht ihre Mutter heimlich Ruben von einem Lastauto zu stehlen, wird dabei aber ertappt. Ein SS – Mann schlagt ihr mit einem Holzkubel auf die Hand, sie war ganz blutunterlaufen. Die Wunde erinnerte sie bis ans Lebensende an diese Heldentat. Die Rube jedoch lie? sie nicht fallen und „sicherte“ den Kindern und Mitbewohnern ein Überleben fur weitere Tage. Wie ihre Mutter suchte auch das Madchen Ceija immer wieder nach einer Gelegenheit, wo sie etwas organisieren konnte. „Wenn mir meine Mama nicht gesagt hatte, du bist du, dann hatte ich mich gar nicht getraut,“ erzahlt sie spater im Gesprach mit Karin Berger. Im Gesprach mit ihr beschreibt sie ihre Mutter:

„Und fur mich war meine Mutter das ah … wenn sie mich mit ihren Augen gesehen hat, habe ich den Hunger und den Durst und alles vergessen, weil es war jemand da, der ein Stuck mir gehort, wo ich Fleisch und Blut bin, ja. Das war diese Warme, obwohl es eiskalt war, aber sie hat zu mir gesagt: „Du mu?t durchhalten, wir mussen stark sein! Du bist du, Ceija, du bist du. Nur du kannst deinen Fu?en jetzt das sagen, da? sie laufen und da? sie warm werden.“

Stojka schildert genau die Verhaltensweisen der Mutter. Sie beschreibt all das Elend, das sie durchhalten mu?. Aber dennoch beharrt sie im starken Glauben an Gott und halt durch bis zur Befreiung durch die Englander.

Bewundernswert ist auch, wie sehr Liebe und korperliche Nahe in ihrer Familie zahlt. Liebe, Freiheit und korperliche Nahe bedeuten einen inneren Schutz, der im schrecklichen KZ Alltag neue Kraft verleihen kann. Ihre Mutter unterstutzt sie in schwierigen Lagen mit den Worten: „Haltet euch immer an mir fest.“ Auch in den Baracken „sicherte“ der Zusammenhalt der Mutter das Leben, denn sie teilten stets Brot oder Kartoffeln untereinander. Als sie im Frauenlager Ravensbruck am ersten Abend in die vorgesehenen Baracken kamen, durften sie nicht miteinander reden, aber ihre Hande streichelten einander. Wieder ein anderes Mal erzahlt sie uber ihren kleinen Bruder Ossi, der im Krankenlager an Bauchtyphus starb. Nachts schlich sie zu ihm ins Bett und versuchte ihn mit aufmunternden Worte zu trosten.

4. 6. 2. Darstellung des Vaters

Wie schon zuvor erwahnt kreist Stojkas Erzahlung vor allem um die Gestalt der Mutter, wahrend ihr Vater in der Autobiographie nur selten erwahnt wird. Vielleicht auch deshalb, weil er kurz vor der Verhaftung der Familie verstorben ist. Er wurde im Jahre 1941 von der Gestapo verhaftet und seitdem hat ihn die Familie nicht wieder gesehen.

Dennoch ist ihr Vater bis zum heutigen Tag in Erinnerung geblieben. Er war ein sehr charmanter Mann, beliebt unter den Zigeunern sowie den Nicht – Zigeunern. Heute sieht sie den Vater noch vor ihren Augen: „Seinen Pepitaanzug hat er angehabt, er war so ein fescher Mann. Wir waren immer sehr stolz auf ihn. Im Auto hat er sich noch umgedreht und gewunken. Das war das Letzte von ihm fur mich. Fur uns Kinder war es ein Schock, da? er nicht mehr gekommen ist.“

Ihr Vater war ein sehr geschickter Mann, er hat immer Sensationen hervorgebracht. Einmal ist er gekommen und hat Ceija einen wunderschonen Sonnenschirm gezeigt, doch er war kaputt. Sauberlich hat er den Stoff, er war reine Seide, gelost und einen „Sonnenrock“ daraus genaht. Mit diesem Rock ist sie dann auch verhaftet worden und hat ihn bis nach Auschwitz gebracht. Dort wurde er dann weggenommen, genau wie die Gestapo der Familie den Vater weggenommen hat.

Noch heute trauert sie ihm nach, vor allem wenn sie andere Madchen beobachtet, die stolz mit ihrem Vater auf der Stra?e spazieren.

4. 6. 3. Darstellung der SS – Manner und Frauen

In der Autobiographie konfrontiert die Erzahlerin ihr Leserpublikum mit einer ausfuhrlichen Berichterstattung des Alltags in den Konzentrations- und Vernichtungslagern. Die Manner, die die Gefangenen in den Lagern tyrannisieren und laut ihrer Erzahlung wie Tiere behandeln, beschreibt sie immer wieder als „gro? und schlank“, „mit einer Zigarette im Mund“ und auch die „hochpolierten Stiefeln, die in der Sonne glanzten und bei jedem Schritt, den sie machten, knirschten“ werden ihr in ewiger Erinnerung bleiben: „Die SS – Manner waren sehr gro? und schlank, ich sah immer nur auf ihre hochpolierten Stiefeln. Sie rauchten eine Zigarette um die andere und man konnte sehen wie sie sich amusierten.“

Das Bild der „hochpolierten Stiefeln“ kehrt in der Erzahlung immer wieder und ist auch fur Ceija Stojka zu einem beliebten Motiv, das sie in ihren Bildern und Gedichten verarbeitetet, geworden. Diese Stiefeln mussen fur das Kind so bedrohlich wie Maschinengewehre gewirkt haben. Mit ihnen konnten die Gefangenen ja auch getreten werden, was in den meisten Fallen fur die Opfer auch todlich endete.

Die SS – Manner waren so arg, da? auch Tiere nicht so bose sein konnten, denn selbst ein wildes Tier wird einmal mude und gibt auf. Fur die Gefangenen nahmen die Qualen jedoch nie ein Ende, die SS – Soldaten gaben niemals auf. Auch an Hand ihrer Sprache erkennt der Leser die Einstellung der SS – Manner zu den Gefangenen. In nur kurzen und pragnanten Satzen teilen sie ihre Befehle aus und zeigen keinerlei Gefuhle fur die verfolgten und gejagten Gruppe der Gesellschaft.

Vergeblich versucht das Zigeunermadchen immer wieder vom Äu?eren eines Menschen innere Werte abzuleiten. In ihrer kindlichen Naivitat ist es fur sie unvorstellbar, da? „hubsche“ und elegant gekleidete Soldatinnen kein Mitleid fur die leidenden und verfolgten Frauen verspuren. Ceija Stojka erzahlt auch einige Szenen aus dem Frauenlager und beschreibt sehr ausfuhrlich das Aussehen und die Verhaltensweise der SS – Frauen: Sie waren meist gro?e, vollschlanke, blonde und elegant gekleidete Frauen. Ihre Haare waren zu einem kunstvollen Knoten zusammen gesteckt und die Mutze sa? immer perfekt. Wieder bleiben ihr die wunderschonen Lackstiefeln in Erinnerung und ihr Blick wirkte sehr streng und eisig kalt. In der Sprache unterscheiden sich die Frauen kaum von ihren mannlichen Genossen. Wieder schreien sie, ohne die Miene zu verziehen oder Gefuhle zu zeigen: „Los, alles raus, aber dalli dalli!“

Im Unterschied zu den SS – Frauen sahen die Gefangenen ganz erbarmlich aus. Die Frauen waren abgemagert und ganz grau im Gesicht. Sie hatten keine Kleider mehr, nur kaputte Decken hingen uber ihre Schultern wie auf Kleiderhacken. Auch die gesunden und gut ernahrten SS – Manner standen im krassen Gegensatz zu den Gefangenen. Das Madchen mu?te sich an den Anblick Kranker, Sterbender und Toter in den KZ gewohnen. Der Haufen von Toten turmte sich vor den Baracken, Juden wurden verbrannt und der Menschenstaub wehte durch die Lager, in denen die Soldaten aber auch die Gefangenen den Staub einatmeten. In den Vernichtungslager wurden Zigeuner wie auch andere Randgruppen der Gesellschaft ihrer Identitat beraubt, nicht mit Namen angesprochen sondern mit Registriernummern abgestempelt. Frauen und junge Madchen wurden durch Sterilisation unfruchtbar gemacht, um somit ein Aussterben der Minderheit zu sichern.

An einigen Stellen versucht Ceija Stojka die Verhaltensweise der SS – Manner und Frauen zu rechtfertigen. Auf ihrer Fahrt in das Frauenlager erzahlt die Autorin uber SS – Manner die keine Freude gehabt haben, sie waren viel lieber bei ihrer Familie geblieben. Doch sie mu?ten auch ihren Dienst tun und lie?en ihren Frust einfach an den Insassen aus. Fur Stojka ist es ganz klar, da? diese Manner, die vielleicht gerade geheiratet haben, eine Familie zuruckgelassen haben und dann in Auschwitz diesen Wahnsinn miterleben mu?ten, folgende Worte von sich gaben: „Diese Kreatur, wenn die nicht da ware, dann ware ich zu Hause!“

4. 6. 4. Darstellung zwischenmenschlicher Beziehung

Ceija Stojka schreibt in ihrer Autobiographie auch uber die zwischenmenschliche Beziehung in den Konzentrationslagern, uber den Zusammenhalt der Frauen und uber die diversen Gelegenheiten, in denen sich neue Freundschaften gebildet haben. Hat eine Frau einen breiten Rock getragen, dann hat sie sofort einen Teil abgeschnitten und zu ihren Bekannten gesagt: „Du, du kannst aus den den Kindern Unterhemderln machen.“ Auf dieses Art und Weise haben die Frauen mit ihren Kindern auch uberleben konnen und jederzeit anderen Leidenden soweit es moglich war Hilfe geleistet. Fur einen Zigarettenstummel haben die Frauen von ihren mannlichen Nachbarn ofters ein Stuck Brot erhalten; es gab sehr einfallsreiche Methoden des Tauschhandels.

Die Minderheiten haben sich untereinander niemals diskriminiert. Alle Gefangenen haben miteinander gelitten und es ist selten vorgekommen, da? der einen den Nachbarn nach seiner Identitat gefragt hatte.

Im Frauenlager Ravensbruck waren es die Mutter, die immer sehr fest zusammenhielten. Ceijas Mutter organisierte ofters Brot oder Kartoffeln fur ihre Kinder aber auch andere Mitbewohner aus den Baracken. Unter den Gefangenen herrschte dann Freude, ein herrliches und unverge?liches Gefuhl, das sie durch ihre Lieder zum Ausdruck brachten.

In unserem Gesprach mit der Autorin erzahlte sie auch uber ein kleines Madchen namens Resi. Als Kind suchte sie immer wieder Gelegenheiten, um in den Baracken und dort gegrundeten Gemeinschaften irgendwas organisieren zu konnen. Einmal war es die Stubenalteste, die Hilfe benotigte, und ein anderes Mal half sie einfach den Mist zu beseitigen. So lernte sie auch das Madchen Resi kennen, die um einige Jahre alter als sie war. Da Resi ohne ihre Eltern in der Baracke lebte, sagte Ceija zu ihrer Mutter: „Mama, die hat niemanden!“ Ab diesen Zeitpunkt sind die Madchen immer wieder zusammen umhergezogen, bis Resi abgeholt wurde und nach der Sterilisation verstorben ist.

Der Zusammenhalt in den Vernichtungslagern und die freundschaftliche Beziehung, von der bei Ceija Stojka immer wieder die Rede ist, haben bei einigen wenigen zum Überleben beigetragen. Gemeinsam haben sie es geschafft, die Not und Qualen zu ertragen und waren stets zu gegenseitiger Hilfe bereit.

4. 7. Funktion ihres Schreibens und Adressatenbezug

Der Leser stellt sich naturlich nach ausfuhrlicher Lekture eines Werkes die Frage: „Was will der Autor / die Autorin mit diesem Buch aussagen?“. Um die Frage in diesem Fall beantworten zu konnen, werfen wir einen Blick auf die letzte Seite der Autobiographie. Hier schreibt Ceija Stojka uber das Schicksal ihrer Volksgruppe: „Aber wir mussen hinausgehen, wir mussen uns offnen, sonst kommt es noch so weit, da? irgendwann alle Romani in ein Loch hineinkippen.“

Mit ihren Werken will die Roma – Schriftstellerin auf die Situation der Zigeuner aufmerksam machen. Einerseits zeigt sie das Schicksal der unterdruckten Minderheiten in der NS – Zeit und andrerseits beschreibt sie das Leben der Roma und Sinti in der heutigen Zeit, nachdem ihnen das Herumreisen verboten wurde.

Sie kann einfach das Schweigen uber die Vergangenheit nicht langer akzeptieren und belebt durch die „Niederschrift“ ihrer Erlebnisse die eigenen Vergangenheit. Laut Beate Eder hei?t „im Verborgenen leben“ fur viele Angehorige der Minderheiten, ihr Rom – Sein zu verheimlichen, um nicht die damit die verbundenen Nachteile der Diskriminierung in Kauf nehmen zu mussen.

Heute haben schon einige „schreibbegeisterte“ Roma – Schriftsteller den Weg in die Offentlichkeit gewagt. In Stojkas Erzahlungen fallt allerdings das Fehlen von Aggressivitat auf. Ceija Stojka geht es einzig und allein darum, die Wahrheit ans Tageslicht zubringen und niemals wollte sie eine bestimmte Gruppe der Gesellschaft fur ihr Leiden verantwortlich machen. Laut ihren Aussagen hat sie niemals fur die Offentlichkeit geschrieben oder gar an ein Bestsellerbuch gedacht. So sagte sie vor der Veroffentlichung der Autobiographie Wir leben im Verborgenen: „Es soll kein Bestseller werden.“ Sie war schon glucklich, wenn ein junges Madchen sein letztes Taschengeld opfert, das Buch kauft, es liest und dann voll Begeisterung der besten Freundin mit den Worten weitergibt: „Ja, das war´s. Du, lies es auch!“ Erst wenn dieses Buch durch mehrere Hande gegangen ist und am Ende nicht mehr festzustellen ist, wie viele Hande es erreicht hat, dann bezeichnet sie die Autobiographie als Bestseller und gro?en Erfolg.

Wie schon zuvor erwahnt, wendet sich Ceija Stojka nicht direkt an einen bestimmtes Leserpublikum, ihre Erzahlungen wirken auf keine Weise appelativ. Moglicherweise adressiert die Roma – Schriftstellerin mit ihren Werken die Gruppe der jugendlichen Leser. Sie halt auch Lesungen in Schulen und fuhrt anschlie?end Diskussionen mit Jugendlichen, denn in ihren Augen kann nur die Jugend verhindern, da? so etwas wieder passiert und Auschwitz wieder Geschichte macht. Heute blickt Ceija Stojka sehr optimistisch in die Zukunft und ist sich ganz sicher, da? sich Jugendliche nicht mehr von ihren Eltern und Erwachsenen manipulieren lassen und eine solch grausame Form der Unterdruckung in Zukunft nicht wieder zulassen.