Clown

Wie man an der Kurzbeschreibung erkennen kann, möchte ich über Mobbing schreiben. Es ist mir durchaus bewusst, dass das viele tun. Wenn man, wie ich, eigene Erfahrungen damit machen musste, sieht und hört man oftmals automatisch hin. Man sucht im Grunde noch immer nach einer Erklärung.
Ich möchte das einerseits zum Aufarbeiten nutzen und anderseits auch, um ein bisschen Wahrheit in die Geschichte zu bekommen. Die Medien lügen, wie jeder weiß. Aber nicht nur die Medien. Die sind auch nur Menschen. Menschen lügen. Das ist tatsächlich etwas ganz Zentrales in meiner Geschichte.
Gleichwohl geht man das Risiko ein, abermals als Opfer gesehen zu werden. Mir ist nur wichtig, dass ich mich selbst nicht als Opfer sehe, deshalb habe ich mit letztendlich dazu entschieden es zu riskieren.

Der Titel soll an das Lied von Korn erinnern. Kaum eines berührt mich so tief und macht mich so zornig. Obwohl das Lied vielleicht etwas anderes meint.
Der Clown bin ich (für die anderen), der Clown sind sie (merken nicht wie lächerlich sie selbst sind), der Clown ist der Lehrer (über dessen Unwissenheit sich lustig gemacht wird).

Ja, es ist ein empfindliches Thema. Und ja, auch ich werde mich nicht völlig abschließen können. Dennoch sind Kommentare jeder Art gern gesehen. Beschimpfungen (die man, eigenartigerweise, da besonders oft lesen muss) sind sicher nicht meine liebsten, aber auch damit werde ich umgehen können.
Die Wahrheit ziehe ich immer vor. Wirklich.

Genug vom Vorwort, das erste Kapitel behandelt die Frage, was Mobbing eigentlich ist. Das ist unklarer als man denken mag.

Keiner hat bei mir gezweifelt. Zumindest als man den ganzen Ausmaß erkannte. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob das gut oder schlecht ist. Wenn man ein Problem benennen kann, kann man es besser greifen und angehen. Natürlich. Aber gleichwohl kann diese Gewissheit der Todesstoß für das Selbstbewusstsein.
Ich habe wieder Selbstbewusstsein gewonnen, allerdings nicht unbedingt wenn es um den Umgang mit (fremden) Menschen geht.

Alles beginnt ganz heimlich. Eigentlich weiß man noch nicht einmal wie und durch wen… Es verändert sich einfach. Die Blicke, die Worte, die Gesten – der gesamte Umgang. Ich war nie vollkommen integriert, was, unter anderem, daran liegen mag, dass ich mich schon immer etwas anders benahm. Das ist sicher eine beliebte Ausrede, oder auch etwas mit dem man sich schmückt. Ich war nie stolz darauf und dennoch würde ich es wieder so tun (sage ich mir zumindest). Denn eines habe ich sicher gelernt; wenn du dich selbst aus den Augen verlierst, wird alles noch viel, viel schlimmer.

Dadurch, dass eben alles so hinterrücks geschieht, bekommen weder die Lehrer, noch die Eltern, oder sonst jemand außerhalb des Klassenzimmer, etwas davon mit.
Manche erzählen ihren Eltern davon. Aber welches Grundschulkind wird schon wirklich ernst genommen, wenn es davon spricht „geärgert” zu werden? Manche schon. Dadurch könnte das alles auch ein abruptes Ende haben. Leider gehen aber die meisten gar nicht erst zu ihren Eltern, oder gar zu ihren Lehren (ganz bestimmt nicht zu ihren Vertrauenslehrern).
Aber in dieser Hinsicht hat sich etwas geändert…

So habe auch ich geschwiegen. Das ist alles erst nach Jahren rausgekommen, als ich in keiner Hinsicht mehr normal war.

Aber ab wann genau ist es nun „Mobbing”? Ich glaube man kann das nicht ganz eingrenzen. Und ich möchte das gar nicht wirklich. Obwohl es schon etwas gibt, das mir sauer aufstößt. Nämlich die Veränderung, die ich oben schon angesprochen habe: Man möchte Mobbingopfer sein. Wer ist „man”? Das kann ich nicht beantworten. Doch zeichnet es sich sehr stark ab, dass sich deutlich mehr Menschen als Opfer bezeichnen, als es logisch oder auch möglich wäre. Ich möchte dennoch nicht behaupten, dass ich einen Außenseiter vollkommen treffsicher erkennen kann. Das kann niemand, ich habe nur viel Übung darin. Deshalb meine ich schon behaupten zu können, dass manche (wenn nicht sogar einige) sich als Opfer bezeichnen und keins sind.

Es ist nie schön bloßgestellt zu werden, es gibt hässliche Spitznamen, schlechte Noten, die niemand zu Gesicht bekommen darf und Schulkameraden die einen zu deutlich nicht lieben. Ich vergleiche diese Art des „Ärgerns” gerne mit dem (normalen) Verhältnis zwischen Geschwistern. Auch das ist nicht immer einfach, oder nur ein Spiel. Meine Geschwister haben mich teilweise ziemlich verletzt, wie ich sie auch. Oder für den einen war es durchaus nur Spaß, während der andere vielleicht am liebsten in Tränen ausgebrochen wäre, oder etwas auf sein Gegenüber geworfen hätte.

Dennoch ist das zwischen Geschwistern in den seltensten Fällen Mobbing. oder das was Psychologen darunter verstehen. Wenn man verletzt oder zornig ist, stellt man gern mal etwas als weitaus schlimmer dar, als es tatsächlich war. Ich denke das kennt jeder. Aber nicht hauptsächlich dadurch wird dieses Thema so wahnsinnig gepuscht, von Leuten die (zum Glück, sollte man sich sagen) keine Erfahrung damit gemacht haben.
Mobbing findet viel zu oft statt, auch nur ein Fall wäre einer zu viel. Es ist wie Salzsäure für die geistige Gesundheit, das Selbstbewusstsein und psychische Klarheit. Von daher muss ich zugeben, dass mir manchmal das Verständnis für Leute fehlt, die sich scheinbar damit brüsten.

Die Aufmerksamkeit. So vielen mangelt es daran… vor allem in der Pubertät. Einige Teenager sind dann lieber ein Mobbingopfer, als ein stinknormaler Teenie. Mögen mir vielleicht viele nicht glauben, ich kenne aber selbst mehrere (!) bei denen das eindeutig so war.
Und ich kenne einige Psychologen, die mir das bestätigt haben. Leider holen sich viele Leute keine psychologische Hilfe, obwohl sie ihnen durchaus helfen würde. Aber es gibt auch einige die sie nicht benötigen (oder aus anderen Gründen, als sie glauben) und sie dennoch in Anspruch nehmen. Das schafft ein gewisses Ungleichgewicht.
Übrigens kenne ich eine junge Frau, die mir genau das erzählt hat. Sie wusste eigentlich, dass es kein Mobbing war, dass sie eigentlich nicht anders behandelt wurde, als der Rest der Klasse. Allerdings war es eine recht wilde, laute Klasse. Allein das kann für ruhige, sensible Menschen eine Tortur werden.

Ich möchte mir aber keinen Aufkleber mit der Aufschrift „Staatlich geprüftes Opfer” anheften. Wenn es so etwas tatsächlich geben würde, würde ich es mir sofort abreisen. Ich weiß, auch durch psychologische Hilfe, meine Situation einzuschätzen. Ich weiß, dass es mein Fall ein besonders extremer, ausgeprägter war. Und doch geht es immer noch härter. Ich finde auch „leichtes Mobbing” (den Ausdruck sollte es nicht geben) schlimm genug.
Mir ist auch bewusst, dass sich einige verletzt, oder nicht ernst genommen fühlen, wenn man ihnen sagt, dass sie ein Aufmerksamkeitsproblem haben. Das kann ich verstehen… Tatsache ist jedoch, dass man nicht wirklich viel ändern kann, wenn man sein Problem nicht erkennt. Und für mich ist mangelnde Aufmerksamkeit ein ernstes Problem. Eines das, ironischerweise, zu wenig Aufmerksamkeit bekommt.

Was ist nun in meinen Augen Mobbing? Eine Gruppe, die meistens einen Anführer hat, muss sich gegen eine Person verschworen haben und sich zur Aufgabe gemacht haben, dieser Person zu zeigen, dass sie nichts wert ist. Grob umfasst. Man kann sagen, dass es immer darauf hinausläuft. Doch ab und zu ist nicht nur eine Person, sondern auch die Freunde davon, oder gar die eigene Gruppe (Freaks) betroffen. Meistens ist die dann aber nicht nur aus der Sicht der eigenen Klasse Abschaum (die Freaks sind auch nicht unbedingt in derselben Klasse). Das ist seltener und auch einfacher.
Der Eigenwert schwindet jedenfalls immer dahin, meist wohl weil genau das beabsichtigt wird.

Ich glaube fast jeder der einmal dazu auserkoren wurde, wurde auch schon einmal, mehr oder weniger (eher weniger), verteidigt. Bei mir gab es da genau eine Situation, die ich wohl nie vergessen werde.
Gar nicht schön ist es, wenn diese Person dich Freund nannte, nachdem sie dich selbst ausgeschlossen und für Abschaum befunden hat. Und es dann wieder tat. Kommt auch auffällig oft vor.
Eine Gruppe die das „Freaksein” gemeinsam hat, wird sich nicht so schnell voneinander lösen. Sie kann sich selbst bestärken und riskiert noch mehr Verluste, wenn sie sich doch auflöst. Man kann schließlich nicht einfach normale Kleidung anziehen, sich einen gewöhnlichen teeniehaften Seitenscheitel machen und schon heißt dich jeder willkommen.

Ich habe verschiedene Arten von Mobbing miterlebt. Sogar an mir selbst. Neue Leute kamen dazu und wechselten sich mit dem Haupttäter ab. Für den einen war ich einfach der Freak, für einen anderen der Streber und für einen wieder anderen eine lebende Leiche. Der Umgang mit mir war also nicht immer gleich, nicht nur was den Schweregrad betraf.
Derjenige der dich für einen Freak hält, findet es ganz nützlich, dass du immer deine Hausaufgabe dabei hast und in Proben Antworten zuflüstern könntest (habe ich nie getan). Er hasst dich also, aber nicht unbedingt dein Wissen und deine Ordnung. Während ein weiterer genau das an dir verabscheut.

Ich muss sagen, die Tatsache, dass ich für außergewöhnlich gehalten wurde, war mir zeitweise vollkommen egal (ich hatte auch Momente in denen ich nichts lieber als stinknormal gewesen wäre). Ich sah mir meine Mitschüler an und wollte gar nicht so sein. Ich selbst wollte ich noch weniger sein, aber daran dachte ich nicht immer.
Ihre Mobbingversuche blieben ein paar Mal Versuche und haben mich dann kaum gejuckt.

Was wirklich jedes Mobbing gemein hat, ist das Gefühl. Das Gefühl der Unsicherheit, anders zu sein (nein, das ist nicht schön), nichts wert zu sein, nicht dazuzugehören – verbunden mit tiefen Hass. Auf die „Anderen” und auf sich. Wen man stärker hasst, wechselt in der Regel.
Ein weiteres sicheres Zeichen; man erträgt Gelächter nicht mehr, erstrecht nicht wenn es einen tatsächlich selbst betrifft. Selbst wenn es freundschaftlich gemeint war. Und man bildet sich auch gern ein, dass man mit jedem Fingerzeig, jedem Lacher und Geflüster gemeint ist. Dabei fühlt es sich so an, als würde man mit einem Eimer heißen Wasser übergossen werden.
Einmal bin ich einer Gruppe nachgerannt, weil ich dachte, sie machten sich über meine Schwester lustig. Ich habe sie zur Rede gestellt, während ich vor Wut schäumte. Die haben mir überraschend freundlich erklärt, dass sie nicht uns meinten. Ich habe mich tausendmal entschuldigt und mir war noch nie so sehr bewusst, dass man sich danach tatsächlich viel einbildet.
Die Folgen verdienen allerdings ein eigenen Kapitel.

Mobbing ist sicher nichts, mit dem der Betroffene angeben möchte. Und die wenigsten möchten Mitleid. Genau dieses Mitleid setzt im Grunde wieder herab. Es gibt immer Ausnahmen, aber in der Regel ist das wirklich so.
Ich kenne auch ein paar Menschen die dadurch masochistische Tendenzen bekamen, nach Mitleid steht der Sinn dennoch meistens nicht.

Die verschiedensten Menschen werden gemobbt, scheinbar werden sie teilweise sogar ganz willkürlich auserwählt… Dennoch kann man es in keinem Fall rechtfertigen. Egal wie „schlecht” jemand auch scheinen mag; es macht ihn nicht besser, oder einsichtig, nur kaputt. Das sollte nicht das Ziel sein, nicht wahr?
Ich erwische mich dabei, dass ich manchen Tätern das eben doch wünsche. Zumindest für eine kurze Zeit. Mir ist bewusst, dass das nichts bringen würde, aber ganz abstellten lässt sich dieser Wunsch nicht.

Es ist ein schwaches Verhalten, das weder witzig, noch cool ist. Das sollte eigentlich klar sein. Es gibt genug Menschen, die jedoch genau das glauben.
Es zeigt nur wie schlecht man in Sachen Konfliktbewältigung ist und schließt eine gewisse Nachdenklichkeit aus. Damit möchte ich nicht sagen, dass all diese Täter dumm sind. Das ist leider nicht so. Man kann das Ganze also nicht nur auf Unverständnis zurückführen.
Ich bin mir ganz sicher, dass immer ein gewisser Sadismus dabei ist. Etwas anderes habe ich nie erlebt und das werde ich wohl auch nie.
Es ist grausam und wenn man das nicht erkennt, hat man wohl doch einen großen Defizit.

Obwohl man wohl recht deutlich dem Täter die Schuld zuweisen muss, würde ich niemals behaupten, dass das „Opfer” schuldbefreit ist. Es macht meistens nur nicht einmal halb so viel kaputt.
Ich weiß, dass ich viel falsch gemacht habe. Natürlich kann ich zurückführen wodurch das so war, aber könnte man das bei den Tätern nicht ebenso?
Und dennoch; Jeder ist für sich selbst verantwortlich.

Du musst nicht.

In diesem Kapitel frage ich; wen trifft es denn überhaupt?

A/N: Ich habe diese Frage schon im vorigen Kapitel angeschnitten und es sollte recht klar sein, dass auch diese nicht einfach zu beantworten ist. Es kann „scheinbar“ jeden treffen, aber eben nur scheinbar. Warum eben doch nicht, versuche ich hier, unter anderem, zu erklären.

Ich muss erwähnen, dass ich die Gelegenheit hatte, mich mir sehr vielen Mobbingopfern zu unterhalten. Einige davon habe ich persönlich kennengelernt und bin sogar auf die gleiche Schule wie sie gegangen. Mir ist ein Außenseiter schnell aufgefallen. Vor daher werde ich einige Beispiele nennen können, die ich mit eigenen Augen so beobachten konnte. Ich will und muss nicht ständig Vermutungen vorbringen.

Kapitel 2

Eine meistens unbewusste Provokation findet statt. Meistens, weil man doch vor allem optische Provokationen schlecht abstreiten kann.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Schüler die auffälliges Äußeren haben, oft „ausgewählt“ werden. Es sind aber nicht unbedingt immer die Leute mit der auffälligen Kleidung und Frisuren. Könnte man denken, aber von all den Leuten die zu einer Szene gehörten und mit denen ich zur Schule ging, wurde nur einer davon gemobbt. Soweit ich das mitbekam (und sicher habe ich nicht alles mitbekommen).
Häufiger waren es Personen die eine besonders große Nase, krause Haare, bleiche Haut hatten, oder einfach nur klein waren. Die können schlecht, oder zumindest schlechter, etwas dagegen tun und ich glaube sogar, dass genau das das Ausschlaggebende ist.

Sicher, Szenenangehörige kann man mit Klischees ärgern, aber einen Goth ständig darauf aufmerksam zu machen, dass er schwarz trägt, hat nicht viel Sinn. Etwas anderes ist es, wenn der Schüler schon ausgeschlossen wurde, als er sich noch „normal” anzog.
Solche Gegebenheiten werden aber natürlich benutzt um sich noch weitere Dinge („schläfst du in der Gruft auch mit Leichen?“) einfallen zu lassen.
Einiges wird mit der Zeit langweilig und etwas Neues muss her. So war es auch bei mir. Und deshalb werden auch gerne einmal Äußerlichkeiten hergenommen, die nicht unbedingt schlimm sind, aber als schlimm und hässlich dargestellt werden. Manchmal fällt dann eine schiefe Nase (die ich nicht habe) also erst auf, nachdem die Person schon länger ausgeschlossen wurde.

Ich wurde in den ersten Klassen mit meiner Augenfarbe, blassen Haut und meinen arg vollen Haaren (das Bild auf meinen Namensschildchen war sogar ein Pudel) aufgezogen. Dennoch waren das nicht die Ursachen.
Das sind eher selten die Ursachen. Wenn man sich seine Mitschüler ansieht, findet man an beinahe jeden irgendetwas. Lustige Sommersprossen, große Ohren, O-Beine, große Zähne, ein langer Hals, ein kleiner Mund oder ein „böser” Blick. – Dass niemand perfekt ist, muss ich, hoffe ich, nicht erwähnen. Man kann also an jedem einen Makel finden und dennoch werden die wenigsten gemobbt.

Falls etwas Äußerliches die alleinige Ursache war, dann eher etwas Ungewolltes, dass wirklich jeder sofort erkennt. Wie ein bestimmtes Korsett, für eine missgebildete Wirbelsäule. Ein Mädchen aus meiner Parallelklasse trug so eines und darüber wurde sich öfters lustig gemacht. Allerdings war sie gleichermaßen beliebt und das lag an ihrer Art. Die eine ganz andere als meine war und ist.

In den allermeisten Fällen sind es Auffälligkeiten im Verhalten. Da bin ich sicher. Zum Schluss hin war alles an mir schlecht, aber ich denke noch heute darüber nach, wodurch alles angefangen hat. Und ich vermute, dass einfach viele Dinge zusammenkamen. Auch das ist wohl in den meisten Fällen so.
Ich kenne allerdings auch das Beispiel eines Mädchen, das eine sehr große Nase hatte. Wirklich sehr groß, sie wirkte sogar schon unnatürlich. Sie wurde auch geärgert, aber etwas anders, als so wie ich es kenne. Ich möchte nicht behaupten, dass es leichter war, aber es geschah doch weniger hinterrücks und war nicht so sehr darauf bedacht, alles an ihr schlechtzumachen.

Übergewichtige sind natürlich ziemlich klassische Opfer. Auch die Beleidigungen die sie zu hören bekommen, drehen sich dann hauptsächlich um dieses Übergewicht. Das ist schlimm genug und einige werden wohl auch dann vordergründig dadurch gemobbt. Die meisten Dicken unter meinen Schulkameraden wurden wohl geärgert (manchmal auch nur sehr harmlos), doch nicht gemobbt. Ein paar mussten sich sogar nichts Dergleichen anhören. Weil sie eine Respektperson waren? Denkbar. Ich denke einige hatten sogar Angst vor ihnen. Dass waren dann die großen, muskulösen Schläger, von denen wohl auch jeder einen kennt.
Aber auch sanfte, stille Übergewichtige werden verschont. Woran mag das liegen? Ist es einfach nur Glück, beziehungsweise, Pech? Manchmal vielleicht, ganz sicher nicht immer.

Ich habe bis heute nicht herausgefunden, wie genau manche einfach den Wind aus den Segeln nehmen können. Sie können es einfach. Sagen genau das Richtige, sind genau zu den richtigen Zeitpunkten mal ernst und mal witzig. Lassen einfach jede Beleidigung an sich abprallen, oder schimpfen selbst und bleiben dabei dennoch beliebt. Und ich spreche nicht von den niedlichen Beleidigungen unter Freunden. Es gab auch einmal eine neue Mitschülerin, die sich wohl manche gern als Opfer ausgesucht hätten, die aber schon von Anfang an nichts an sich heran ließ. Sie war sehr klein und bleich und doch wurde sie schnell eine der Beliebtesten, nannte sich sogar selbst Zwerg und lachte darüber. Vielleicht ist es genau das…

Viel von Mobbing hat etwas mit Instinkt zutun, gewissermaßen. Ich würde die Täter nicht als hohle Banausen bezeichnen, die einfach mutwillig jemanden zerstören. -Vielleicht doch manche, aber das war dann zumindest noch nicht alles.
Sie merken insgeheim recht gut was man fühlt und nutzen genau das, unbewusst, da bin ich sicher.

Ein sehr hoher Prozentsatz von Unterhaltungen, spielt sich durch Gesten und Mimikspiel ab. Wir haben gelernt das zu deuten und machen das auch ständig. Unbewusst eben. (Deshalb führt das Internet besonders häufig zu Missverständnissen und Smileys schaffen da nur eine kleine Abhilfe.)

Man kann die Mobbingversuche komplett ignorieren, aber sie spüren doch, ob es dir etwas ausmacht oder nicht. Ich kenne niemanden der sich das zu Herzen genommen und es durch Ignorieren hinter sich gebracht hat, aber natürlich gibt es wahrscheinlich auch das.
Leuten denen das offensichtlich nichts ausmacht, müssen es auch gar nicht unbedingt ignorieren und wenn, dann vermutlich nicht lange.
Aber es ist auch nicht das. Ich glaube schon, dass es manche, die dem Mobbing entgehen konnten, schon etwas verletzt hat.

Ich bin schon in den ersten Klassen leicht ausgeschlossen worden. Noch nicht geärgert worden, aber schon abgeschoben. Mir war das anfangs egal, da ich schon immer lieber alleine war und vor allem am liebsten in Ruhe, nur für mich selbst, arbeite. Trotzdem wurde es schlimmer und schlimmer, bis es mich traf.

Und das lag an meinem Verhalten. Ich entwickelte mich gleich anfangs schon zur Klassenbeste, war rebellisch und wollte nicht mitspielen, wenn mir das Spiel nicht Spaß machte (das tat sonst niemand und man nahm mir das wirklich übel). Ich war nachdenklich – nicht schüchtern -, beobachtete und ging nicht auf meine Mitschüler zu. Ich war oft krank, hatte chronische Blasenentzündung, eine Allergie und habe noch immer leichtes Asthma und Clusterkopfschmerzen. Und später war ich noch öfters krank, dank meiner angeschlagenen Psyche.
Ich war eisern (ich selbst) und ließ mich dennoch stark verletzen.

Langes Fernbleiben vom Unterricht ist eine sehr kritische Sache. – Irgendwann wird einen die Krankheit nicht mehr abgekauft. Ich war allerdings ausnahmslos immer (sehr) krank, wenn ich daheim blieb. Und oft habe ich mich auch so in die Schule gezwungen, musste mich dann in der Schule häufig übergeben und habe die Krankheit praktisch verschleppt.

Ich möchte diesen Text nicht als meine Rechtfertigung nutzen, nur etwas aufklären. Ich kann sogar verstehen, dass man skeptisch wird und es einen dann auch nerven kann, wenn jemand so oft fehlt. Aber das gibt niemanden das Recht, diese Person zu malträtieren.
Und bei mir war es auch noch so; ich hatte jedes einzelne Mal eine Entschuldigung vom Arzt. Ich war sehr oft beim ihm und er hat immer etwas entdeckt. Nichts, dass man sich selbst zufügen kann. Das sagte ich meinen Mitschülern auch und sie wussten sowieso, dass ich nicht schwänzte… Nannten es aber dennoch so.

Ich erinnere mich daran, dass mein Arzt einmal gesagt hatte, dass meine Organe irgendwann schwer beschädigt sein werden, wenn es so weiter gehen sollte. Es wusste, dass das durch meiner psychischen Verfassung kam und sagte mir das auch immer wieder.

In meinem Fall bot meine Krankheit also viel Stoff für weitere Verachtung, war aber gewissermaßen auch eine Ausrede für eben diese.
Sicher gibt es auch Ausgeschlossene die schwänzen. Und das macht das Mobbing, in meinen Augen, nicht im geringsten besser. Derjenige wird dadurch eher selten häufiger in die Schule kommen und außerdem – das finde ich sehr wichtig – geht das keinen Mitschüler etwas an. Sie sehen offensichtlich die Probleme, die häufiges Schwänzen mit sich bringt (schließlich muss sich die Probleme ständig anhören), aber das ist nicht ihr Problem. Es ist das der Lehrer, Eltern und, am meisten, das des Schwänzers.

Es ist außerdem schwer mit einen anderen Musikgeschmack, Hobbies und Interessen in der Klasse akzeptiert zu werden.
Am Ende meiner Schulzeit hatte HipHop gerade seinen Höhepunkt. Zumindest in meiner Klasse mochte das wirklich jeder. Ausnahmslos. Außer ich.
Mir war und ist es vollkommen gleich, welche Musik andere gerne anhören. Für den Rest meiner Klasse war das regelmäßig ein Aufhänger und dazu hatte ich kein Handy (und habe noch immer keins), mit dem ich, wie alle anderen, Klingeltöne hätte tauschen können.

Ich weiß, dass manche Texte, wenn auch manchmal nicht vom Interpreten beabsichtigt, Jugendliche gern zu Aggressionen und auch Handgreiflichkeiten animieren… Aber ich glaube dennoch, dass es auch nicht viel anders gewesen wäre, wenn sie alle begeistert House angehört hätten und nur ich nicht.
Ich merke, dass sich das mittlerweile etwas geändert hat. Der Musikgeschmack ist wieder etwas vielfältiger, aber sobald man durch seinen eigenen auffällt (mehr als andere), bringt das eher nichts Gutes mit sich.

Besonders in den ersten Jahren nach der Grundschule, sind da Mitschüler sehr intolerant. Man wird später doch etwas reifer, aber das macht die Sache auch nicht unbedingt besser.
Ich hatte einfach sehr viele Auffälligkeiten. Dazu versteckte ich die meisten nicht und machte ebenso nichts Witziges, oder Cooles daraus. Ich nahm alles zu ernst.

Das ist wohl der größte Unterschied zwischen mir und der erwähnten winzigen Schulkameradin. Sie besaß Witz, war selbstsicher und ließ, scheinbar, nichts tiefer sacken. Ich hingegen musste alles zerlegen und mich fragen ob die Beleidigungen nicht doch der Wahrheit entsprachen.

Und dennoch ist auch das noch keine Erklärung dafür, weshalb sich die einen so erfolgreich wehren, während die Versuche anderer nur Versuche bleiben…
Denn ich denke an einen weiteren Klassenkamerad, der meistens gar nicht spürte, dass er geärgert oder an der Nase herumgeführt wurde.

Er hatte eine geistige Behinderung und konnte viele Dinge nicht tun, stellte sich ungeschickt an und weinte schnell. Dennoch war er im Unterricht gut.
Die ganze Klasse konnte beobachten, wie sich einige als seine Freunde ausgaben und sich dabei nur über ihn lustig machten. Er bemerkte es nicht. Das war schmerzlich klar… Das brachte sie nicht von ihrem Spiel ab.

Ich glaube solange ein gewisser Unterhaltungsfaktor besteht, wird sich nichts ändern. Auch ich hatte Momente, in welchen ich in Ruhe gelassen oder beinahe ernst genommen wurde.
Wie erwähnt, war ich schon immer sehr blass. Deshalb nannte man mich gern Vampir, Zombie, oder sonst wie. Als ich mit meiner Klasse einmal auf den Weg zu einem Klassenzimmer war, rannten sie von mir weg und nannten mit Frau Dracula. Sie wollten dabei auch, dass ich entweder (hinterher-)rennen musste, oder später als alle anderen in die Klasse gehen musste.
Jedenfalls brachte mich das zum Lachen. Dadurch haben sie aufgehört mich so zu nennen… Zwar haben sie dem Lehrer noch gesagt, dass ich getrödelt habe, aber niemand fand das mehr lustig, da ich selbst noch immer erheitert war.

Sie wollten den geistig behinderten Mitschüler glauben machen, dass er einer von ihnen wäre, deshalb störte sein Lachen die Vorstellung nicht.
Während mein Lachen ganz klar falsch am Platz war.

Insgesamt erscheint anhand meiner Beispiele doch einiges willkürlich. Vieles liegt an dem Haupttäter und eben der ist mein nächstes Thema.

A/N: Ich möchte in diesem Kapitel das Thema „Täter“ behandeln. Zugegebenermaßen ist das nicht gerade einfach, für mich. Zwar habe ich mich inzwischen schon weiterentwickelt, aber manche Täter haben über viele Jahre hinweg Gefühle in mir hervorgebracht, die nicht so leicht wieder verschwinden. Natürlich spreche ich von Hass und Verachtung.
Mir ist aber bewusst, dass man alles verstehen kann. Mir ist bewusst, dass es für alles einen Grund gibt. Und man muss es auch nicht gutheißen, um es nachvollziehen zu können. Meine starken, negativen Gefühle sind dennoch da und sie sind eben ein Teil meiner und auch ihrer Geschichte.

Ich hoffe, dass ich dieses Kapitel so objektiv wie nur möglich schreiben werde können. Falls Zweifel besteht, kann man mich gerne darauf aufmerksam machen. Ich möchte schließlich auch in diesem Punkt weiterkommen.

Ich bin den Lesern die mir geschrieben haben, wirklich sehr dankbar.

Kapitel 3

Im Laufe meiner Schulzeit wurde fast jeder zum Täter, der jemals mit mir im selben Klassenraum saß. Aber ich möchte vor allem von den, sogenannten, Haupttätern schreiben. Die Mitläufer sind viel durchsichtiger und benötigen wohl nur wenig Aufklärung.
Ich habe im letzten Kapitel beschrieben, weshalb, vermutlich, dieser und jene Typ Mensch, besonders häufig ausgewählt wird. Nun möchte ich dahinter kommen, wieso es jemand überhaupt nötig hat, einen Mitschüler zum Opfer zu machen.
Sicher gibt es dafür nicht die Erklärung, von daher brauche ich auch ein ganzes Kapitel dafür…

Es ist offensichtlich, dass es mehr Täter, als Opfer geben muss. Es war also nicht unbedingt schwer, jemanden zu finden mit dem ich darüber reden kann. Denn obwohl die meisten, verständlicherweise, nicht gerne zugeben, dass sie jemanden gemobbt, oder beim Mobbing mitgemacht haben, kann man das auch manchmal ohne ein „Geständnis“ erkennen.
Mir erzählte schon einmal jemand von einem speziellen Klassenkameraden, der schlecht behandelt wurde. Den „jeder hasste“. Ich musste nicht viel hören und wusste schon, was los war… Ich habe auch vorsichtig darauf hingewiesen, was ich darüber dachte. Und die Person erklärte mir recht erhitzt, dass ebenjener Mitschüler eine Ausnahme sei. Es sei wirklich schlimm und einfach nicht normal. In diesem Fall glaube ich, dass die Person schon wusste, dass es eigentlich nicht fair war… Aber ab und zu glaubte ich sogar, dass die Täter tatsächlich genau davon überzeugt waren.

Die Mitläufer sind häufig vollkommen normale Menschen, die meist nicht gerade ein riesiges Selbstbewusstsein haben. Ich glaube ansonsten würden einige davon eingreifen und erstrecht nicht mitmachen.
Sie möchten gern etwas Spaß haben (möchte ich nicht jeden unterstellen) und auf der Gewinnerseite sein. Wie schnell macht man sich zum Mitopfer? Der Täter muss die geschlossene Gruppe gewissermaßen zusammenhalten, sonst funktioniert es nicht mehr. Ich glaube auch das geschieht häufig instinktiv.
Jedenfalls wird man sicher schnell zum Außenseiter, wenn man als einziger zu dem Opfer hält. Jedes Wort der Verteidigung dient wunderbar zur Belustigung. Und ich habe sogleich ein Beispiel parat. Meine Klasse machte sich über mich lustig und meine Sitznachbarin schritt ein, sagte ich wäre ein „ganz normales Mädchen“. Daraufhin haben sie nur gelacht. Bei der Vorstellung, man könnte
mich als normal bezeichnen. So konnten sie über uns beide zur gleichen Zeit lachen und demonstrieren, wie zwecklos es war auf meiner Seite zu stehen.

Nun aber wirklich zu den Haupttätern… Ich glaube das sind vor allem zwei Typen, die sich sehr voneinander unterscheiden.
Sie wechselten während meiner Schulzeit. Der erste, und bis heute glaube ich nur, er wäre es gewesen, war der Liebling aller. Selbstbewusst, cool, sportlich, er trug eines lässigen Ohrring und hatte passable Noten. Die Mädchen verliebten sich und die Junge wollten ihn zum Kumpel.
Diesen Typ Täter, kann ich besonders schwer einschätzen, muss ich zugeben. Zum einen weil ich damals noch sehr jung war (7 bis 10) und zum anderen, weil ich (seinerseits) nie diese heftige Wut erlebte, wie bei all den anderen. Er wuchs, scheinbar, in einer gesunden und wohlhabenden Familie auf, machte ansonsten in der Schule nie Probleme und fiel nicht weiter negativ auf. Ich glaube keiner Lehrer ahnte jemals etwas davon.

Man muss doch immer in die Familie sehen (auch bei den Opfern schadet das nicht). Ich komme aus einem Dorf, nahe der Kleinstadt, in der die Grundschule noch immer steht. Meine Verwandten kennen seine Verwandten und so weiß ich auch ein paar Dinge über seine Familie. Dennoch kann man nie ganz in das Familienleben hineinsehen und sondern nur vermuten.
Und ich vermute, solche Typen wir er, wurden häufig verwöhnt. Ich glaube sie kennen die negativen Seiten des Lebens häufiger schlechter, als andere Kinder. Sie sind es gewöhnt, über andere zu stehen, mehr Möglichkeiten zu haben und Arschkriecher (entschuldigt) lauern an jeder Ecke. Jeder ist ein Freund, aber die wenigsten verdienen es auf Augenhöhe angesehen zu werden. Man spürt von klein auf, dass man in vielerlei Hinsicht „besser“ ist, als andere. Es ist nicht nötig besonders freundlich zu sein, wenn du selbst das hast, was jeder Mensch möchte. Du musst nach keinem Bonbon fragen, du hast die Bonbontüte.

Ich weiß, dass alleine das keinen Menschen ausmacht. Schließlich war auch der erwähnte Mitschüler keine Karikatur, aus einem Roman. Dennoch macht es ihr Verhalten verständlicher. Menschen möchten sich gut und auch besser fühlen, Menschen machen dabei solche und solche Erfahrungen. Manche Menschen unterscheiden dann hauptsächlich zwischen „gut (wie man selbst)“ und „schlecht (schlechter als man selbst)“. Es hilft ihnen dabei sich dort oben zu halten und außerdem haben sich auch gar keinen Grund dazu, sich die Menschen genauer anzusehen, darüber nachzudenken, ob das logisch oder moralisch verantwortbar ist.
Sicher, die Empathie ist (meistens) dennoch vorhanden, doch in den meisten Fällen greift die eher später. Ich weiß nicht wie der erwähnte Mitschüler mittlerweile ist. Man lernt etwas über den Wert von echten Freunden und soziales Verhalten. Die Selbstwahrnehmung ändert sich und die Egozentrik schwindet, mit der Kindheit.
Eltern beabsichtigen solch ein Verhalten mit ihrer Erziehung meistens nicht. Aber manchmal eben doch und genau das wird es wirklich schwierig (weil sie davon überzeugt sind, dass manche Menschen – sie – besser sind, als andere).

Das soziale Verhalten stand in der Erziehung nur nicht im Vordergrund. Alles kommt per Nachfrage. Dinge die lange nicht nötig waren, kann man schon einmal vergessen.
Und auch wenn man eigentlich weiß, dass manche Mühe wichtig ist, legt man sie doch gern ab, wenn man nicht muss.

Ich habe fünf Geschwister. Es war nicht gerade einfach und jeder von uns musste (oft) verzichten. Unsere Mutter hat gezeigt, wie man doch Dinge und Menschen gewinnt, und die älteren Geschwister haben das an die Jüngeren weitergegeben. Wir wurden gewissermaßen zu Überlebungskünstler erzogen, wenn uns auch die Leichtigkeit fehlte. Die Leichtigkeit die ich gebraucht hätte, um mich effektiv zu wehren. Wir alle sind es gewohnt zu teilen und anderen zu helfen, auf unsere Mitmenschen achtzugeben.
Mit den verwöhnten Haupttätern verhält es sich genau andersherum… Ich möchte nicht behaupten, dass sie allesamt „asozial“ sind. Das ist ohnehin etwas, dass man eher schwer von einem Kind behaupten kann.

Um das zu bewahren, was man hat und schätzt, muss man Vorkehrungen treffen. Es gibt immer jemanden der dich von irgendeinen Thron schubsen möchte. Menschen die dich nicht unterstützen können und einfach nicht zu dir passen, gibst du am besten also gar nicht erst die Chance, in deine Nähe zu kommen.
Ich glaube, ganz vereinfacht ausgedrückt, fand so etwas statt. Sie ist tief in uns verwurzelt, die Angst vor dem Anderen, dem Unbekannten. Was ist eine gute Maßnahme gegen die Angst? Lächerlichkeit. Ja, ich glaube er fürchtete etwas an mir.

Doch, wie ich schon erwähnt habe, hat kaum etwas nur einen einzigen Grund. Es gibt auch sicher genug Leute die verwöhnt und oberflächlich sind und dennoch Leute, die mir ähneln, ganz normal behandeln.
Es ist immer eine Mischung. Ich könnte viele kleine Details aufzählen, aber das würde zu nichts führen. Es ist nur wichtig zu wissen, dass es so komplex ist.

Als nächstes kann ich noch einmal ein persönliches Beispiel nennen. Ich kam, mit ein paar wenigen, alten Mitschülern, in eine neue Schule, in einer neuen Stadt.
Ein Junge aus meinem Dorf war sitzengeblieben und ging nun ebenfalls in meine Klasse. Damals war ich schon lange ein Außenseiter und er machte es sich zur Aufgabe das zu vertiefen.
Er war vollkommen anders, als das verwöhnte Kind, von dem wohl alles ausging. Er war sehr klein, pummelig, sprach viel über Krieg und Waffen und kam aus einer kaputten Familie. Seine Mutter hat ihn verlassen, als er klein war und nahm nur seinen kleinen Bruder mit. Soweit ich weiß, besucht sie ihre beiden älteren Söhne nicht.
Sein Vater wohnt zwar im selben Ort, doch er wuchs bei seiner Großmutter auf. Jedenfalls rauchte seine Mutter während der Schwangerschaft sehr viel und hat dadurch wohl schon das ein oder andere ausgelöst…

Er hatte ein auffällig hohes Aggressionspotenzial. Niemand kam auf die Idee ihn zu ärgern, wegen seiner Figur, Größe oder der schlechten Noten. Jeder hatte Respekt (außer ich, muss ich anmerken). Da wir aus dem selben Dorf kommen und seine Großmutter sehr gern über andere redet, wusste er einige wahre und unwahre Dinge über mich und meine Familie. Er hatte dadurch viele Möglichkeiten.

Ich halte nicht viel von derlei Klischees, aber mir ist aufgefallen, das solche Typen Täter, meistens alles auf Aggression setzen. Killerspiele (habe ich auch gespielt), laute Musik (höre ich ebenfalls) und Gerede, Verherrlichung und schließlich auch Ausübung von Gewalt. Viel Enttäuschung und auch oft Misshandlung, mussten sie erleben. Ich glaube für sie dienen die Spiele und Musik auch eher als Kompensator. Ich glaube „nicht“, dass das die Auslöser sind (ich weiß, dass das ein ungeheuerliches Reizthema ist, verständlicherweise).

Die Wut ist echt. Man provoziert alleine dadurch, dass man da ist und sich nicht gegen zwanzig Menschen wehren kann. Leider kann man sich am besten an anderen Menschen abreagieren, obwohl davon natürlich abzuraten ist. Man nimmt dadurch wieder so viel Schlechtes auf sich, dass es sich einfach nicht lohnt.
Wenn jemand schon am Boden liegt, musst du nur noch zutreten. Jeder lernt auch durch seine Familie, wie man Konflikte löst. Flüchtet die Mutter? Schlägt der Vater? Spricht man, macht man einen Spaziergang, redet man nicht mehr miteinander? Man kann daraus lernen, was funktioniert, aber auch was nicht funktioniert. Ich benehme mich während eines Streites komplett anders als meine Eltern, weil ich beobachten konnte, dass sie damit nicht weiterkamen. In den meisten Fällen ist es aber einfach, bekannte Muster zu übernehmen.

Sicher ist nicht bei absoluten jeden Gewalt in der Familie vorgekommen, der sie gern selbst ausübt. Vielleicht manchmal (selten) ganz im Gegenteil. Die Familienmitglieder könnten sich eher aus dem Weg gegangen sein und das Kind war wütend, spürte die Wut der anderen, konnte sie aber nicht greifen oder zeigen. Das staut sich auf, bis man sie in kleinen Entladungen nach draußen lässt, schließlich wieder alles in sich hineinfrisst und sich dann daran gewöhnt. Vor allem, wenn man so gut damit durchkommt.
Bekannterweise erzeugt Gewalt meistens natürlich Gegengewalt, oder aber ein schlechtes Gewissen, das dann sogar zu Selbsthass führen kann.
Ich würde dennoch sagen, dass die meisten Schläger mit Gewalt aufgewachsen sind (wenn auch nicht immer durch die Familie).

Solche Typen fühlen sich ständig und überall durch etwas provoziert („was schaust du mich so an?“). Es reicht aber einen, mehr oder weniger, unterwürfigen Schüler, mal kurz anzuschnauzen, wenn er etwas Falsches sagt oder macht. Es bringt auch wenig jeden gegen sich aufzubringen. Es ist viel bequemer, der Schüler zu sein, vor dem jeder kuscht und über dessen Witze jeder lacht.
Obwohl sie vielleicht nicht unbedingt von der gesamten Klasse geliebt werden, haben sie so viel Zorn in sich, dass man dagegen häufig gar nicht ankommen könnte.

Wie auch beim ersten Tätertyp, gibt es hier nicht sonderlich viel echtes Selbstbewusstsein zu entdecken. Wenn man das hat, fühlt man sich nicht so schnell in seiner Position bedroht. Man besitzt eine gewisse Selbstkontrolle und Ruhe, gerät nicht schnell in Panik, weil man sich selbst vertrauen kann. Man weiß genau welche Möglichkeiten man hat.
Das Selbstbewusstsein ist tatsächlich etwas sehr Zentrales. Der Mensch neigt unbewusst dazu, seine eigenen Defizite auf andere zu übertragen. Und dauerhaftes Mobbing setzt dem Selbstvertrauen besonders arg zu.
Auch wenn man wenig davon hat, hat man doch mehr, wenn man den anderen sein ganzes nimmt. Das gibt Macht (zurück). Und Macht, oder Kontrolle, gibt Sicherheit, Sicherheit ermöglicht Leben.

Täter sind also, zumindest zu dem Zeitpunkt, zu dem sie jemanden mobben, in einer recht verzweifelten Situation. Man könnte es sogar eine kleine Lebenskrise nennen.
Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass es ihnen in manchen Fällen schlechter geht, als die Opfer. Zumindest am Anfang. Normalerweise ändert sich das dann ganz gewaltig. Was ja auch das Ziel ist.

Ein ganz wichtiger Punkt ist der Neid. Es geht dabei also nicht um die Verteidigung von Sitz und Besitz, sondern um das Fehlen. Ein anderer hat aber scheinbar genug (Geld, Schönheit, gute Noten, liebende Eltern, etc)…
Der Klassiker sind natürlich die guten Noten. Ich muss sagen, dass das derzeitige Schulsystem ganz generell sehr gute Möglichkeiten und auch den Nährboden für Mobbing und Neid bietet. Die Lehrer, wie auch die Eltern, tragen häufig dazu bei. Sicher nicht (immer) absichtlich.
Ich möchte die Schule nicht komplett schlecht reden, obwohl ich wirklich sehr viel daran zu kritisieren hätte. Dennoch hatte ich auch schöne Momente in der Schule und denke an manches sogar gern zurück. Obwohl ein eigenartiges Gefühl leider jede Erinnerung begleitet.
Außerdem gibt es sicherlich auch Menschen die die Schulzeit als fast durchgehend positiv empfunden haben (was mich freut).

Dennoch, alleine die Noten… Sie zeigen mehr als deutlich; du bist besser/schlechter als Schüler XY. Manche können damit umgehen, vor allem wenn es sich um die eigenen Freunde handelt. Andere können es nicht.
Von den Noten hängt tatsächlich auch sehr viel ab. Wie man manchmal glauben könnte; die ganze Lebensqualität. Die Eltern schärfen ihren Kleinen also ein, wie wichtig die Noten sind, zeigen wie stolz oder traurig sie sind, je nachdem welche eben vergeben wird.
Da freut man sich nicht gerade, wenn ein ungeliebter Schüler eine gute, oder gar die beste Note bekommt, während es bei einen selbst nicht so rosig aussieht. Womöglich sind seine Eltern dann auch noch viel stolzer auf ihr Kind, als die eigenen auf einen selbst…

Ich möchte das Benotungssytem nicht verteufeln, klar liegt das eben daran, was man daraus macht. Es kann durchaus gut funktionieren und sicher tut es das auch teilweise. Häufig aber nicht.
Vor allem wenn man gegen Windmühlen kämpft und etwas einen partout nicht interessiert. Deshalb fände ich es gescheiter, wenn man schon in den ersten Klassen mehr Auswahl an Fächern hätte und darin gefördert werden würde. Außerdem sind Noten so schrecklich nichtsaussagend. In einer Arbeit steckt noch viel mehr drin als „gut”, „nicht so gut” und „schlecht”. Wie man alleine an den Kommentaren zu meinem Text bemerkt, den man auch benoten könnte. Würde mich nicht halb so viel bringen.

Mir ist bewusst, dass das mehr Geld und mehr Zeit beanspruchen würde. Dennoch möchte ich darauf hinweisen, dass sich das alles von Land zu Land unterscheidet. Manche Länder, oder Privatschulen, bieten solche Möglichkeiten schon.
Und die deutschen Schüler sind nicht unbedingt die besten. Mobbing ist hier aber, glaube ich, auch nicht am stärksten verbreitet, also komme ich jetzt wieder weg von diesem Thema.

Wie reagiert man, wenn man stechenden Neid verspürt? Man kann sich anstrengen und besser werden. Aber der andere könnte auch einfach schlechter werden… Oder man erkennt wie unwichtig das ist, was der andere hat, macht sich darüber lustig. Viel Lernen ist bekanntermaßen sowieso nicht sonderlich cool
Außerdem verrät das Wort „lustig” schon alles; es macht Spaß. Wenn sich nicht gerade andere über einen selbst lustig machen… Das ist viel leichter, als ich anzustrengen, wie es das Opfer, dummerweise, tut. Dazu noch sicherer, darin kann man nicht so leicht scheitern, solange andere nur mitlachen.
Es ist auch witzig zu sehen, wie sich der andere abmüht und ihn dennoch niemand leiden kann. Mit seinem komischen Pullover, den vielen Locken und den schiefen Zähnen. Da geht man doch selbst alles viel klüger an. Oder?

Das sind die leicht abgewandelten Gedanken eines Täters, wie sie mir beschrieben wurden. Und tatsächlich wird mir so einiges klar. Mir erscheint es noch immer als recht schwach und oberflächlich, aber es ist nun einmal nicht jeder im gleichen Maß schwach oder stark, oberflächlich oder tiefgründig.

Ich möchte noch etwas anschneiden, das oft einen recht großen Unterschied macht; das Geschlecht. Obwohl sich Mädchen und Jungen zusammentaten, behandelten sie mich geschlechtsintern vollkommen unterschiedlich. Man mag es nicht unbedingt glauben, aber alles in allem, waren die Mädchen grausamer.

Es gibt Jungen die Intrigen spinnen, sich einschleimen, dich verarschen und dann fallenlassen. Ebenso gab es ein Mädchen, welches mich regelmäßig angeschrien hat und auch handgreiflich geworden ist (die anderen aufgezählten Dinge hat sie allerdings auch getan).
Dennoch ist das meistens eher umgekehrt.

Die Mädchen erbarmten sich immer wieder meiner, tuschelten über mich und überlegten, ob sie gut sein und mich wieder aufnehmen könnten. Manche behaupten auch wahrhaft mit mir befreundet zu sein, was mich stets verwirrte.
In meinem letzten Schuljahr saß ich sogar durchgehend neben derselben Schülerin. Sie ignorierte mich an manchen Tagen, aber ab und zu sprach sie auch mit mir und hielt sich in den Gängen, oder im Sportunterricht, an mich. Obwohl sie auch Vieles getan hat, das mich verletzt hat, konnten wir uns aussprechen. Ich werde ihr nie vertrauen können, oder freundschaftliche Gefühle entwickeln, aber wir verstehen uns recht gut.
Sie erzählte mir später, dass ich einfach komisch wirkte. Viel reifer und klüger. Sie nahm es so wahr, dass sie einfach zu kindisch für mich war. Das hat mich ehrlich überrascht. Und das es heftiges Mobbing war, gestand sie ebenfalls ein. Ansonsten hätten wir nun auch nicht ein solches Verhältnis. Das wäre meinerseits nicht möglich gewesen.

Meine Mitschülerinnen standen in größeren Gruppen, lachten über meine unmoderne Kleidung und meine vollen Locken. Ich erinnere mich daran, dass ein Lehrer während des Unterrichts sagte, früher glaubte man, dass rothaarige Frauen mit grünen Augen Hexen wären. Und keine Seele hätten. Ich besitze diese Farben (obwohl ich mich gern nur als eine „halbe” Rothaarige bezeichne) und natürlich wurde das aufgegriffen. Ist auch wirklich witzig zu behaupten, ich hätte keine Seele. Die Jungen vergaßen das aber schnell wieder. Die Mädchen nicht.
Sie achteten mehr auf Äußerlichkeiten. Welche Schminke ich trug, meine abgetragenen Schuhe, oder mein Schmuck.
Sie fragten mich ob ich einen Freunde hätte, wollten wissen ob ich für jemanden schwärmte, oder ob ich noch Jungfrau wäre. Liebesdinge waren also ebenfalls sehr beliebte Themen.

Man wollte mich auch gar nicht als Mädchen sehen. Ich trug nie Röcke, habe eine auffällig tiefe Stimme und interessierte mich nie für typisch mädchenhafte Dinge. Burschikos war und bin ich allerdings ebenfalls nicht.

Aber was nun tatsächlich tief verletzend ist, sind diese Intrigen. Sie wischen dem Opfer ständig eins aus, heucheln und machen sich darüber lustig, wenn man darauf reingefallen ist. Sie wollen ihm glauben machen, dass man doch etwas Akzeptanz erfahren kann und lassen es dann doch fallen. Das sind die Dinge die tief sacken. Fein ausgewählte Worte, die man nicht mehr vergisst und die Unsicherheit in allen, was man tut. Das Kichern, dass einen überallhin begleitet. Und wenn man sich umsieht und nichts Eigenartiges an sich entdeckt, wird das Kichern nur lauter. Das bringt einen dazu sich selbst zu verachten, seine Dummheit und die Andersartigkeit, die man selbst oftmals noch nicht einmal begreifen kann.

Und beliebt waren auch diverse Spiele, in denen man der Esel war. Man wurde am Baum festgebunden, sollte alle einfangen, wurde dabei als Großmütterchen bezeichnet und wurde als Einzige nicht in die Spielregeln eingeweiht…
Mir ist aufgefallen, dass Mädchen den männlichen Opfern gerne Hoffnungen machen, oder sich vor ihnen aufreizend geben. Ein Junge wird auch anders behandelt als ein Mädchen.

Außerdem bekommen sie selten Respekt, wenn du sie schlägst oder umstößt. Ich muss nicht erwähnen, dass Gewalt nicht die beste Lösung ist… Dennoch habe ich sie oft benutzt. Ich habe mich halb geprügelt und jemanden mit der Faust auf den Hinterkopf geschlagen, weil er behauptet hatte, dass meine Schwester stinkt.
Er war danach krank und dann behandelte er mich normal, obwohl er besonders schlimm war.
Ich habe eine Mitschülerin auf den Boden geschmissen und auch sie ließ mich für ein paar Tage in Ruhe, dann war sie noch schlimmer.
Sicher kann das auch mit dem Charakter zusammenhängen… Aber ich kann definitiv sagen, dass Jungen mich durch meine Selbstverteidigungen eher akzeptierten, als Mädchen.
Es ist keine sichere Lösung und kann noch mehr Hass schüren. Außerdem sollte man nicht etwas säen, das man selbst verachtet.
Ich kann aber auch nicht behaupten, dass es durchweg schlecht ist, sich auch körperlich zu wehren. Es gibt allerdings auch einen großen Unterschied, zwischen Angriff und Verteidigung.

Jungen griffen viele Beleidigungen der Mädchen, über mein Aussehen, auf, aber nie für längere Zeit. Niemand machte sich die Mühe sich bei mir einzuschleimen, meine Psyche ganz bewusst zu analysieren und jede Entdeckung gegen mich zu verwenden. Unbewusst tut das jeder, auch der zahmste Mitläufer.
Nein, sie spuckten mich an, traten und schlugen nach mich. Lachten schallend laut, zeigten auf mich, betitelten mich mit gröberen Worten und zeichneten Bilder von mir. Das Letzte passt scheinbar nicht ganz dazu, war aber, zumindest in meinem Fall, so.

Ein Mitschüler schlug mir im Bauch und hinterließ tagelange Schmerzen, ein anderer ließ eine Tüte direkt neben meinem Ohr platzen und ich konnte einige Sekunden lang nichts hören. Danach schmerzte mein Ohr einige Monate. Und dennoch blieben die psychischen Wunden länger und stärker zurück.
Sie zerstören gern Schulsachen, rotzen in den Schulranzen, schütten die Getränke auf den Stuhl aus und kleben Kaugummi in die Haare.

Ein Thema ist auch sexuelle Gewalt. In dem Fall muss man ganz klar sagen, dass das weitaus drastischere Folgen für das Opfer hat, als die typischen, mädchenhaften Mobbingversuche. Ich kenne auch ein Mädchen das ein anderes Mädchen unsittlich berührt hat, also auch das kann man nicht klar eingrenzen und nur den Jungen zuschieben.
Allerdings wäre das ein Thema, das ein eigenes Kapitel, oder gar einen eigenen Text verdienen würde. Ich bin nicht sicher, ob ich das schreiben könnte.

Die Jungen geben eher die Chance sich abzureagieren. An diese kleinen, gemeinen, fiesen Handlungen der Mädchen, kommt man in der Regel schlechter heran. Man kann nur wütend sein und hat keine Möglichkeit, das mit gleicher Münzen heimzuzahlen. Schließlich hat man eben nicht die Freundinnen, oder Beliebtheit, die man dazu braucht. Das kann sehr quälen.
Mein Bruder hat sich einmal mit einem Mitschüler geprügelt und danach waren sie lange Zeit beste Freunde.
So blöd es klingt, Schlägereien können den Zorn verdampfen lassen und Respekt schaffen. – Sie können jedoch auch verstümmeln oder töten. Das darf man dabei nicht vergessen. Deshalb rate ich nicht dazu.

Zum Schluss: Die Täter und vor allem die Haupttäter, beschäftigen mich noch immer sehr. Ich habe einige Vermutungen und konnte schon manches sicher herausfinden und verstehen. Mit einer Täterin habe ich Frieden geschlossen. Und dennoch bin ich noch nicht am Ende angelangt. Von daher würde ich es sehr schätzen, wenn sich auch Täter, oder ehemalige Täter melden würden, gern auch privat. Es ist für beide Seiten eine gute Gelegenheit. Es erfordert durchaus Mut, schätze ich, aber ich garantiere, dass ich mir alles ernsthaft anhören würde.

Ich bin aufrichtig interessiert.

A/N: Ich bedanke mich herzlich bei allen Lesern. Auch mein Postfach steht weiterhin für alle offen, die nicht öffentlich über dieses Thema sprechen möchten.

Noch etwas; Ich möchte noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich nicht darauf aus bin, alle Beteiligten in Schubladen zu stecken. Ich weiß, dass ich Opfer, Täter und Mitläufer nur grob umfassen kann. Selbst ein ganzes Buch würde der menschlichen Vielfalt nicht gerecht werden. Ich biete hier also nur Richtlinien und ein paar persönliche Beispiele.
Ich meine, dass das klar sein dürfte, dennoch liegt mir das wirklich auf den Herzen. Ich selbst habe durch dieses Verhalten schließlich schon viel durchmachen müssen.
Ich bitte auch darum, darauf zu achten, wann ich Worte wie; oft, manchmal, häufig, meistens, fast, beinahe, usw. benutze. Genauso meine ich das dann auch.
Ich nur, dass man auch dieses Kapitel ansonsten so lesen könnte, wie es eben nicht gemeint ist.

Kapitel 4

Dieses Kapitel handelt von den Mitläufern. Sie sind die treibende Kraft hinter dem Haupttäter. Ohne sie würde er gar nichts erreichen. Von ihnen hängt also sehr viel ab. Sie könnten das Mobbing mit der Macht der Masse recht schnell stoppen. Der Täter könnte trotzdem, im Heimlichen, weitermachen, doch dann wäre es kein Mobbing im eigentlich Sinne mehr.

Nicht jeder versteht dasselbe unter „Mitläufer“. Wie immer ist auch dieser Begriff von einer gewissen Subjektivität geprägt. Man kann sich schließlich nur schwer selbst beiseite schieben. Was man aber doch ganz klar sagen kann; ein Mitläufer ist eine Person, die einer Gruppe angehört (und in ihr mitwirkt), deren Meinung sie nicht (vollständig) teilt.

Ich werde Mobbing also nicht in Opfer, Täter und Mitläufer einteilen wollen. Denn es gibt auch Leute die den Täter unterstützen und die Sache genauso sehen wie er. Und auch Schüler die das Mobbing und den Gemobbten nur ignorieren und auch damit etwas dazu beitragen. Und wahrscheinlich noch weitere, dutzende Möglichkeiten.

Alle Menschen sind anders. Die Gesellschaft verändert sich stetig, die Medien prägen mittlerweile fast genauso viel, wie früher nur das direkte Umfeld. Manche Ängste, Ratschläge und Meinungen besitzt scheinbar jeder und doch wird von allen Seiten auch einmal Gegenteiliges behauptet. Meistens schafft das noch mehr Verwirrung, oder Angst.
Ich will aber nicht sagen, dass Mobbing und der Herdentrieb immer schlimmer geworden sind. Das weiß ich einfach nicht. Manche sagen das, andere nicht. Niemand kann sicher sagen, weshalb jemand dieses und jenes tut. Man kann also nur vermuten und beobachten… Und ich habe den Eindruck gewonnen, dass sich die Menschen immer ähnlicher und (geistig) träger werden.

Da kommt wieder das alte Prinzip; was man lange nicht mehr gebraucht hat, wird gern einfach abgelegt und vergessen. Und dazu kann man immer noch sehen, wie andere ihr Leben bewältigen. Das mag hart klingen, aber tatsächlich wird eigenes, originales Denken einfach nicht mehr so gebraucht. Angst macht dieses Denken häufig noch schwerer…

Und genau das wirkt bei Mitläufern besonders. Ich denke es kommt eher selten vor, dass ein Mitläufer einfach nur Angst hat und im vollen Maße erkennt, wie falsch Mobbing ist. Dafür hatten die meisten doch zu viel auch von sich aus getan.

Ich bin nicht immer sofort eingeschritten, wenn ich Mobbing beobachten konnte, aber ich habe niemals mitgemacht. Nicht einmal ansatzweise. Das hätte ich niemals über das Herz gebracht, da ich eben tatsächlich wusste, wie es sich anfühlt. Ich glaube nicht, dass sich das meisten so gut vorstellen können.
Mir ist dennoch bewusst, dass eine starke Angst einen auch dazu bewegen kann, sein eigenes Moralempfinden zu ignorieren..

Obwohl ich also teilweise Verständnis für solches Verhalten habe, denke ich immer wieder an einen Satz meines ehemaligen Klassenlehrers; „Man muss gar nichts außer sterben.“

Davon bin ich überzeugt, je näher man diesen Gedanken betrachtet, umso wahrer scheint er zu werden. Und wenn man ehrlich ist, münden die meisten Ängste (wenn nicht alle, im erweiterten Sinne) im Tod. Genau der ist aber unvermeidbar.
Weiter ist mir aber bewusst, dass man von niemanden verlangen kann, seine Ängste zu überwinden. Das würde wenig bringen und Außenstehende können sich häufig nicht vorstellen, wie schwierig das ist, wenn sie nie mit einer bestimmten Angst in Berührung gekommen sind.

So ist das bei mir mit der Angst vor dem Alleinsein. In der frühen Kindheit erlebt sie wohl jeder, aber ich kann mich nicht daran erinnern, sie jemals gespürt zu haben.
Das ist Teil am Mitläuferdasein, den ich besonders schlecht nachvollziehen kann.

Andere scheinen wollen auch so einfach nicht auffallen zu wollen. Dennoch möchte fast jeder „außergewöhnlich“ sein. Lieber gibt man sich da aber einer Traumwelt hin und malt sich aus wie anders man doch ist. Eine ganz neue Erfahrung ist es dann, wenn man wirklich im Mittelpunkt steht, Verantwortung übernehmen muss und jeder auf einen schaut.

Zu viel Aufmerksamkeit nehmen die meisten Menschen erst einmal negativ auf. Wer fühlt sich schon gleich wohl, wenn er zum ersten Mal auf der Bühne steht? Es ist einfacher sich besonders zu fühlen, ohne irgendeine Art von Verantwortung übernehmen zu müssen. Meistens geht etwas Außergewöhnliches aber mit erhöhter Aufmerksamkeit und dann auch Verantwortung einher.

Deshalb nehmen einige Menschen gar nicht war, wie gewöhnlich sie sich verhalten. Sie sehen sich dann gar nicht als ein kleiner Teil einer großen Masse.
Man möchte es gar nicht sehen. Und selbst wenn doch, ist das nicht immer leicht. – Der nötige Abstand, zu sich selbst, fehlt.

Vieles kann einen zum Mitläufer machen, aber ich denke das sind die Hauptursachen. Ich glaube ganz ohne Angst funktioniert das nie.
Ich kann unmöglich von jeden Einzelnen wissen, ob er das Mobbing so guthieß, wie man es nur gutheißen kann, oder insgeheim gehadert hat. Aber ich habe definitiv Mitschüler erlebt, die mir ab und zu gezeigt haben, dass sie eigentlich nicht wirklich dahinter standen.

Eine davon war ein Mädchen das ganz offensichtlich von Versagensängsten geplagt wurde. Sie war sehr groß, mollig, galt nicht als besonders schön und musste eine Klasse wiederholen. Sie war auffällig ruhig und beteiligte sich kaum an irgendetwas… Aber sie hat öfter über mich gelacht und sich auch von mir ferngehalten, wenn die anderen das taten.

Damals war das Mobbing schon bekannt, auch bei meinen Eltern. Nachdem meine Mutter mit meinem Klassenlehrer darüber gesprochen hatte, kamen meine Mitschülerinnen zu mir. Sie sagten, der Lehrer würde behaupten, dass meine Mutter verlauten ließ, dass ich Angst vor meinen Mitschülern hätte. Tatsächlich war das nie der Fall (ich hatte nicht direkt Angst vor „ihnen“). Ich sagte ihnen das auch, laut und deutlich. Sie ritten aber weiterhin darauf rum und ich schrie sie schon an, wollte zeigen wie wenig Angst ich hatte. Dennoch ließen sie nicht davon ab.

Später saß ich neben dem erwähnten Mädchen, die zu der Gruppe gehört hatte, die mich darauf angesprochen hatte, und fragte sie in aller Ruhe, ob sie wirklich glaubte, dass ich mich vor ihnen fürchtete. Sie antwortete mir sehr freundlich, dass sie es zuerst schon geglaubt hatte, durch mein Verhalten aber gesehen hätte, dass das eigentlich nicht sein konnte.

Das überraschte mich schon etwas. In diesem winzigen Moment zeigte sie mir ihr wahres Gesicht und seitdem nahm ich sie auch anders wahr, obwohl ich ihr niemals freundlich gesinnt war.

Wahrscheinlich habe ich da eine Chance verpasst, aber das soll nicht Thema sein. Das Beispiel zeigt nur sehr deutlich, wie innerlich zerrissen manche Mitläufer sind. Ich glaube sie wollte sich niemanden zum Feind machen und hat deshalb die Masse gewählt. Aber sie hat auch den Augenblick genutzt, mich anständig zu behandeln und ehrlich zu sein.

Noch ein anderes Mädchen benahm sich ähnlich. Sie war noch leiser und schüchterner. Sie saß am selben Tisch, wenn auch ein Platz zwischen uns frei war. Jedenfalls sahen sie und ihre andere Sitznachbarin, mich oft an. Und flüsterten. Ich habe sie dann einmal gefragt, warum sie mich ständig ansah und damit ließ sie es, ohne eine Antwort, bleiben.

Sie gehörte ebenfalls zu der Gruppe von Mädchen, die mich immer mal wieder schlecht behandelten und dann wieder, gnädigerweise, „aufnahmen“. Sie allerdings ignorierte mich, oder sprach freundlich (und sehr leise) mit mir seitdem.

Mit Mädchen hatte ich, als Mädchen, mehr Kontakt und konnte so auch normale Gespräche mit manchen Mitläuferinnen führen. Aber natürlich gab es auch Jungen, die ich klar als sehr ängstliche Mitläufer erkennen konnte. Die anderen Beispiele sind nur besser.

Solche Mitläufer hätten häufig das „Potential“ selbst ein Opfer zu werden. Und da ich weiß wie es ist eines zu sein, kann ich sie gewissermaßen auch noch besser verstehen. Sie erleben direkt mit, wie es den Mobbingopfern tatsächlich ergeht. Während manche es sich nur vorstellen können und dann lediglich behaupten eines zu sein.

Diese Scham kann ich ebenfalls nachvollziehen. Selbst wenn es eine positive Aufmerksamkeit ist, muss man sich erst einmal daran gewöhnen. Wie ich sehr genau weiß, da ich schon einmal die Hauptrolle eines Theaterstückes war.

Wie ich aber zugeben muss, kann ich die Abneigung gegen Mitläufer fast noch besser verstehen. Nicht jeder steckt unbedingt in einer Situation, für die jedermann viel Mitleid aufbringen kann.

Ein weiteres Mädchen war eher das Gegenteil, von den oben erwähnten. Selbstbewusst, beliebt, hübsch und schlank und scheinbar stark. Von ihr ging das Mobbing nicht aus, aber sie machte meistens mit. Sie benahm sich immer so, wie sie es gerade brauchte. Ich hatte nie das Gefühl, dass sie irgendwem gegenüber loyal war. Sie war hinterlistig und intrigant. Das kann ich ganz klar, ohne Wut, so sagen.

Einmal hatte sie im Schulbus ein Junge, gegen ihren Willen, geküsst, woraufhin sie geweint hatte. Die ganze Klasse erfuhr davon und machte sich über sie lustig. Ich gesellte mich im Bus und in der Pause zu ihr und habe sie getröstet, ihr während des Unterrichts zugelächelt um ihr Mut zu machen… Erst als sie wieder ganz normal akzeptiert wurde und mich wie die anderen auch behandelte, wurde mir wirklich bewusst, wie sie war.

Ich glaube nicht, dass sie nur mit mir gespielt hatte, wie es so viele getan haben. Sie nahm einfach alles, was sie bekommen konnte und hatte aber nicht die Kraft ganz oben zu stehen und selbst zu bestimmen.

Viele Leute sind scheinbar nicht dafür geschaffen ganz allein für sich selbst zu stehen, oder sie haben nie gelernt wie man das macht… Auch hier spielt die Familie also wieder eine wichtige Rolle. Es gibt Verhaltensweisen die man kaum bis gar nicht wegbekommt.

Und genau deshalb müsste man Methoden entwickeln, die auch den Mitläufern deutlich zeigen, dass es besser für sie, und für jeden anderen, ist, sich gegen das Mobbing zu wehren. Auch eher egoistische Menschen können das erkennen.

Ein Mitläufer wäre andersrum auch gar nichts ohne Anführer und Masse. Diese Masse macht es so gefährlich, aber man kann das auch zu seinem Vorteil nutzen. Es gibt für jeden Beteiligten eine Möglichkeit das Mobbing zu beenden, oder zumindest dabei zu helfen.

Wie bereits erwähnt habe ich mich öfters mit jemanden geschlagen. Aber in den meisten Fällen, die eine Schlägerei heraufbeschworen, hatte ich gar nicht die Gelegenheit; es waren einfach zu viele. Die meisten standen nur hinter den zwei, drei Leuten, die mit dem Pöbeln angefangen hatten. Ich wusste was das bedeuten sollte und habe so alles über mich ergehen lassen.

Die Gruppe hinter den Anführern hätte das ganz leicht beenden können; sie hätten sich einfach gegen sie wenden müssen. Sogar ein Einzelner hätte etwas bewirken können, indem er Hilfe geholt hätte. Aber so etwas ist nie geschehen.

Warum? Ebenfalls eine Frage die ich mir noch immer stelle. Da es eben so viele waren, kann ich das nicht so einfach beantworten. Ich glaube aber das es zu einem großen Teil an dem lag, was ich schon einmal geschrieben habe; der Unterhaltungswert. Solange man Angst und ein wenig Spaß hat, hat man keinen wirklichen Grund dem Opfer behilflich zu sein.

Deshalb gibt es etwas, an das Lehrer und die Leute von diversen Ämtern und Organisationen, appellieren; das Gewissen. Ich glaube die meisten Menschen haben das. Dennoch haben diese Reden über Mobbing nie etwas bewirkt. In meinen Klassen nicht, aber auch in vielen anderen, von denen ich weiß, nicht. In diesem Fall liegt es wieder vor allem am Haupttäter. Bloß der wird sich in einigen Fällen eher darüber freuen, zu sehen was er erreicht und wie viel Macht er hat.

Von daher ist es immer am wichtigsten ihm genau das zu entziehen. Ihn nichts erreichen zu lassen. Da kann man von jeder Position aus etwas machen… Am wirksamsten wäre es natürlich, wenn die vom Opfer ausgehende Provokation (und der Unterhaltungswert) schwinden würde. Es ist für viele nicht leicht, aber doch machbar. Ich habe es nur bedingt geschafft und dann fing es irgendwann wieder von vorn an… Dennoch bin ich recht sicher, dass man mich heute nicht mehr so einfach zum Opfer machen könnte.

Und eigentlich zeigen Mitläufer ein ziemlich animalisches Verhalten. Ich weiß, dass sehr viele Leute mittlerweile davon ausgehen, dass wir Menschen ebenfalls Tiere sind… Aber wir haben einen Vorteil; wir könnten mit dem Verstand recht schnell erkennen, dass etwas schiefläuft.

Wir könnten auch nur unseren Instinkten folgen und so leben wie die (anderen) Tiere, im Einklang mit der Natur… Das tun wir jedoch schon lange nicht mehr. Man kann sich in andere hinversetzen, Unrecht erkennen, Ängste selbstständig überwinden und anderen seine Gefühle und Gedanken ganz klar und deutlich ausdrücken. Wir müssen mittlerweile eher selten flüchten, können mit den meisten Menschen vernünftig reden und verhandeln.

Das sollte alles klar sein… Ist es aber nicht immer. Ja, sicher viele nutzen schon all diese Dinge ganz absichtlich, um Schlechtes zu bewirken. Doch viele Mitläufer begreifen nicht, wie viel Macht sie sich selbst beschaffen könnten, über das Mobbing. Es ist ein Fehler „ich lieber nicht” zu denken. Man sollte, in diesem Fall, eher „dann wenigstens ich” denken.

Wie immer kann die Masse an etwas eine Plage oder ein Segen sein. Und man muss nicht an Karma glauben, um zu erkennen, dass alles etwas nach sich zieht. Für jeden Beteiligten, auch für einen selbst.

Kapitel 5

Zu einer Schulklasse gehört selbstverständlich auch der Lehrer. So ist er automatisch auch Teil des Mobbings. Selbst wenn er nur als Bedrohung für den Spaß angesehen wird, denn in der Regel wird es tunlichst vermieden, dem Lehrer etwas davon sehen zu lassen. Dass das aber anscheinend nicht immer so ist, weiß ich durch zahllose Berichte. In manchen Fällen wird das Mobbing vom Lehrer, bewusst wie unbewusst, genährt.

Ich erkenne die Schwierigkeit dieses Berufes sehr wohl, aber man sollte erwarten dürfen, dass die Person der man seine Kinder anvertraut, diesen nicht schadet und auch fremden Schaden so gut wie möglich abwendet. Das gehört zu den obersten Prioritäten. Nur ist das natürlich nicht immer gegeben. Offensichtlich lehren sogar einige Menschen, die Kinder und Jugendliche noch nicht einmal mögen, ja sogar eher ablehnen, insgeheim.

Aber das gestaltet sich alles sehr undurchsichtig. Behaupten kann man vieles. Und auch nicht die tatsächlichen Eindrücke müssen sich bewahrheiten. Ich bin sicher, dass man oftmals das Gefühl bekommt ein Lehrer würde einen nicht mögen, was sich dann im Endeffekt als falsch herausstellt.
So kommt es, dass man regelmäßig Lehrer hat, die vor allem eines lehren; Angst. Und das ist suboptimal, obwohl das sicher nicht bei jedem Schüler ernsthafte Schäden anrichtet. Es ist einfach nicht Sinn der Sache, egal wie „normal” das früher mal angeblich war.

Besonders „autoritäre“ Lehrer bekommen von dem Mobbing auffällig selten etwas mit. Die Täter rechnen hier meistens nicht mit Unterstützung, eher im Gegenteil (Spaß jeglicher Art wird ja nicht gutgeheißen). Ansonsten beeinflusst es das Mobbing nicht, es wird oft einfach nur subtiler – dadurch nicht einfacher zu ertragen – oder findet dann ausschließlich außerhalb des Unterrichts statt. Eine größere Distanz, mit Angst erschaffen, sorgt also für wenig echten Einblick und die Schüler machen untereinander was sie wollen.

Ich hatte wiederum das Problem, dass mit besonders strenge Lehrer meistens bevorzugten (was sie niemals tun sollten). Das sorgte für Frust, der an mir ausgelassen wurde und blöde Sprüche, die durchaus quälen können.

Später wussten all die Lehrer von meiner schwierigen Situation. Es konnte aber keiner besonders viel erreichen, am wenigsten der überstrenge Typ Lehrer. Die wurden nur im Unterricht ernst genommen, danach wollten sich alle von dem Druck und Stress befreien, waren eher aufmüpfig und mochte es seine „Regeln” zu brechen. – Das erzeugte selbstverständlich auch kein schlechtes Gewissen, man möchten einen ungeliebten Menschen schließlich selten etwas Gutes.

Dennoch muss man bei Mobbing definitiv durchgreifen. Es helfen, vor allem in einem bestimmten Stadium, keine kleinen Reden, oder der erhobene Zeigefinger, samt Augenzwinkern. Der Klasse könnte es so als harmlos erscheinen, inklusive dem Opfer, und das wäre fatal.
Nach einer gewissen Aktion die mein Klassenlehrer mitbekam, wollte er, dass sich alle eine Entschuldigung ausdachten. Ansonsten hat er sich nicht weiter damit befasst. Natürlich habe ich die so nie erhalten (was ich auch gar nicht wollte).

Vielen überfordert dieses Thema gewaltig. Manchen fehlt die Erfahrung, manchen der Feinsinn und anderen schlicht die Nerven. Meiner Meinung nach sind das aber genau die Dinge die ein Lehrer dringend benötigt. Und zwar reichlich.
Erfahrung bekommt man, logischerweise, erst nach einer gewissen Zeit, doch es kann nicht schaden sich viel mit Kindern zu beschäftigen, möchte man diesen Beruf ausüben.

Um noch einmal auf die Nerven zurückzukommen; es gibt sogar eine psychologische Einrichtung, extra für Lehrer. Und das wundert mich nicht im mindesten. Soviel manche auch verkehrt machen mögen, es wird ihnen auch alles andere als einfach gemacht. Ich kann nicht sagen, ob es jemals weniger anstrengend war, aber ich bin sicher, dass man sie erheblich entlastend könnte.

Manche sind eventuell auch durch mangelndes Wissen überfordert. Das Wort Mobbing gibt es seit 1963, damals bezog sich das hauptsächlich auf das Tierreich. Vor fast 20 Jahren wurde dann der Grundstein für die Forschung des Mobbing in unserem Bereich gelegt. Dennoch habe ich das Gefühl, dass viele Lehrer noch viel zu wenig darüber wissen. Vor allem in meinen ersten Schulklassen, obwohl das Phänomen, wie man sich denken kann, auch schon zu der Schulzeit meiner Eltern zugenüge aufgetreten war. Damals nannte man es vor allem liebevoll Hänselei.
Ich habe aber die Hoffnung, dass die neue Generation Pädagogen mehr darüber erfahren (müssen).

In der dritten und vierten Klasse, hatte ich einen Lehrer dem diesem Beruf besonders gut lag. Es war im Umkreis bekannt, dass seine Schüler ihn besonders mochten. Mir fällt kein Kind ein, das ihn nicht irgendwie gern hatte.
Er wusste ebenfalls von meinem Problem. Zwar konnte auch er es nicht lösen, aber doch etwas zurückdrängen. Erst nach ihm wurde es besonders hart.

Jedenfalls hat er meinen Eltern immer wieder gesagt, dass er leider nicht so könne wie er wollte. Er hat auch schon so etwas anders unterrichtet, als die meisten. Bei ihm gab es jeden Tag mindest eine dreiviertel Stunde lang einfach Gespräche, über Gott und die Welt. Häufig ging es um philosophische Fragen und darum was in der Welt vor sich geht.
Ich glaube keine Unterrichtszeit hat mich so geprägt wie diese. Noch heute weiß ich dadurch Dinge, die ich tatsächlich brauche. Ich bin sicher er hatte mehr Gespür für Kinder und das Lehren, als so mancher Gesetzesgeber…

Vielleicht muss man an den schulischen Gesetzen gar nicht so viel ändern, man bräuchte vor allen Dingen mehr Freiraum und Individualität. Manche Lehrer wissen eben doch ganz gut wie man am effektivsten Wissen vermittelt.

Zum gemeinsamen und langen Lernen gehört einfach nicht nur schlichtes Zuhören und Lesen. Man braucht eine gewisse Atmosphäre und es sollte auch Spaß machen. Ich finde es furchtbar, dass manche Leute behaupten Schule könne und sollte gar keine Freude bereiten. Welchen Sinn hat das Leben – dazu gehört tatsächlich auch die Schule – denn?

Ich bin sicher, dass auch diese Einstellung das Mobbing begünstigt. Vielen Kindern und Jugendlichen stresst und langweilt die Schule nur, und das liegt sicher nicht immer ausschließlich an den ihnen selbst, oder den Eltern. Und wie ich schon erläutert habe, wird gerne aus Frustabbau und Spaß gemobbt, oder mitgemobbt.
Mein Bruder geht auf eine Privatschule und dort wird alles etwas anders gehandhabt. Die Lehrer dort haben eine spezielle Ausbildung und das Mobbing kommt nachweislich seltener vor – alles im Rahmen des Gesetzes.

Aber was tut man als Pädagoge im einzelnen Fall? Es gibt wohl für keine Methode eine Garantie und ich musste eher erfahren, was nicht funktioniert. Das lag auch, wie ich mittlerweile glaube, daran, dass das Problem fast ausschließlich bei mir gesucht wurde. Und so wurde ich von der Schulpsychologin, zum Gesundheitsamt, Schulamt und schließlich zum Psychiater geschickt. – In den Augen meines Lehrers bestand die einzige Schwierigkeit darin, dass ich immer seltener zur Schule kam. Das hatte auf mein schulisches Vorankommen keine Folgen, ich hätte nach wie vor eine Klasse überspringen können. Das hielt ich aber schon damals für nicht sehr klug (ich war nicht nur in meiner eigenen Klasse unbeliebt).

Ich weiß, dass viele Fehltagen einen gewissen Druck erschaffen, den dann selbst mein Hausarzt zu spüren bekam. Und deshalb wurde das eigentliche Problem irgendwann fast gänzlich übergangen.
Sicher ist es auch nicht unbedingt verkehrt, ein Mobbingopfer von einem Psychologen ansehen zu lassen. Für mich sah es damals (als Elfjährige) nur so aus, als wäre einzig und alleine ich ein Problem. Das trug, wie das Mobbing selbst, zum Abbau meines Selbstbewusstseins bei.

In den Gesprächen mit der Schulpsychologin, ging es um die Frage welche Maßnahmen mich dazu veranlassen konnten, die Schule wieder häufiger zu besuchen. Also eher darum wie ich das Mobbing besser „aushalten“ könnte. Das mag dramatisch klingen, war aber leider tatsächlich so.
Ich, wie auch die Lehrer, wussten, dass das häufige Fernbleiben auch Auswirkungen auf das Mobbing hatte. Es wurde dadurch natürlich extremer. Ein wenig hatte es damit also doch zutun.

Außerdem war es in ihren Augen zwingend notwendig, gut in einer Gruppe zurechtkommen zu können. Dem kann ich nur bedingt zustimmen. Jedem dürfte der Begriff Eremit bekannt sein. Sicher sind die eher selten, doch es zeigt mir nur noch deutlicher wie falsch Zwang ist.
Aber natürlich ist es auch kein Nachteil gut mit seinen Mitmenschen zurechtkommen zu können. Man muss nicht gleich Eremit werden, aber ich bin davon überzeugt, dass ich eine klassenähnliche Situation nie lieben, oder gar brauchen werde.
Ich möchte damit vor allem sagen, dass manche Menschen schlecht auf Druck reagieren und man nicht jeden alles einprügeln kann. – Egal wie „schön” das für jeden Beteiligten angeblich wäre.

Es kam ein neuer Lehrer der die Angelegenheit dann etwas besser regelte. Er organisierte auch einmal ein Gespräch mit der Schülerin die mich am miesesten behandelte, mir und ihm selbst. So verschwanden zumindest die körperlichen Attacken.

Man merkte deutlich, welcher Lehrer das Mobbing ernst nahm und welcher eher weniger. – Der vorige machte sich vor der Klasse über mich lustig, während der folgende immer wieder intensiv mit mir darüber sprach. Aber nicht so sehr über meine Fehltage. Das tat mir gut und ich war dann sogar wieder öfter anwesend.

Eine Methode die vielversprechend klingt; die Eltern darüber informieren. Meine Mutter hatte das einmal getan, als ich nahe an einem Nervenzusammenbruch von der Schule kam. Davon, inklusive von meinem Zustand, erfuhr schlussendlich die gesamte Klasse.

Und obwohl ich damals furchtbar wütend auf meine Mutter war, verstehe ich mittlerweile, dass das auf viele sinnvoll erscheinen mag. – Vielleicht ist es das in manchen Fällen sogar. Ich habe damit allerdings nur ungute Erfahrungen gemacht. Denn auch ein Klassenlehrer versuchte es so öfters und die Folgen waren immer verheerend. Was dann meistens nur ich wusste.

Am einfachsten versteht man das, wenn man sich einmal in die Eltern hineinversetzt. „Unser Kind schikaniert, mobbt jemanden? Niemals!” So ähnlich scheinen viele, vorerst, zu denken.
Im Gegenteil wird dann die Schuld wieder eher bei mir gesucht. So bekam ich plötzlich Dinge zu hören, die dann recht eindeutig von den Eltern meiner Mitschüler stammten.

Ich habe aber nicht nur schlechte Erfahrungen mit den Müttern und Vätern gemacht, manche behandelten mich auch ausgesprochen (auffällig) freundlich. Das änderte aber nicht an dem Zustand in meiner Klasse.

Doch was können Lehrer noch tun? Gespräche mit der gesamten Klasse organisieren, oder auch einmal spontan eines beginnen. Ganz offen über das Mobbing. Auch kein Patentrezept, aber wie ich gesehen habe durchaus wirksam.

Im Religionsunterricht kam ein Teil der Parallelklasse in unser Klassenzimmer. Da bekam ich deutlich mit, dass es dort auch ein Mobbingopfer gab (mit dem ich mich dann etwas „anfreundete”). Das war teilweise so offensichtlich, dass der Lehrer den Unterricht beenden musste. Stattdessen sprach er uns direkt darauf an.

Durch die Anwesenheit des Lehrers konnten sie das Mädchen nicht, wie üblich, lächerlich machen. Schlecht allerdings schon. Dennoch; dadurch kam viel zum Vorschein, tiefere Beweggründe. Und obwohl die Mobber (also beinahe die gesamte Klasse/n) sich zuerst sehr stur zeigten, begriffen sie nach und nach etwas wichtiges. Nämlich, dass ihr Verhalten sich nicht rechtfertigen ließ.
Und das hat doch etwas geändert, wenn auch nicht ganz gelöst. Das lag wohl auch daran, dass es dem Lehrer schwerfiel Verständnis für die Täter aufzubringen. Mit etwas mehr Objektivität seinerseits wäre das, meine ich, wahrscheinlich etwas geworden.

Bei mir kam so etwas nie zustande (ähnlich war lediglich die erwähnte, eingeforderte Entschuldigung) und damals wäre die Vorstellung für mich auch der reinste Horror gewesen.
Ich glaube aber, dass Lehrer vor allem da ansetzen sollten. Und so häufig wie man meinen könnte, kommt das nicht vor. Liegt sicher auch daran, dass er erst einmal davon erfahren muss…

Kapitel 6

Ein wichtiges Thema sind natürlich auch alle nahestehenden Personen. Familie und Freunde.
Irgendwann werden sie da mit reingezogen, dazu ist das Wissen ums Mobbing nicht einmal notwendig.
In diesem Kapitel geht es darum, wie sie in vielen Fällen reagieren, oder (nicht) reagieren sollten. Es gibt etwas Einsehen in die mögliche Gefühlswelt eines Mobbingopfers und erklärt, welche Taten und Worte es weshalb wie versteht.

Mobbingopfer sind nicht per se Personen die keine Freunde haben. Selbst Schulfreunde sind nicht unmöglich, wenn auch doch rar.
Da kommt es auch darauf an, wie man Freunde definiert. „Lockere“ Freundschaften kommen und gehen, insbesondere in diesem Alter und wenn man den Aufkleber des Außenseiters, des Freaks hat. Genau das ist für manche nur anfangs interessant.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass einige Opfer es erlebt haben, dass sich ihre Freunde gegen sie wendeten.
Oder Täter und Mitläufer sich als eben diese ausgeben, um das Mobbing noch fieser und subtiler zu gestalten.

Aber selbst wenn man einen treuen Freund hat, der stets zu einen hält – ja, einen sogar verteidigt – ist man nicht davor gefeit, oder darf von einem abrupten Ende ausgehen. Leider. In einem Schuljahr hatte ich sogar meine Schwester an meiner Seite, zumindest in den Pausen oder den Busfahrten. Tatsächlich wurde ich in diesen Momenten eher ignoriert… Nicht vollkommen, sie wurde sogar mit hineingezogen, manchmal.

Als Schulfreund eines Mobbingopfers, hat man es in beinahe allen Fällen schwer. Ich brauche kaum zu erklären weshalb. Nicht jeder hält den Druck aus und einigen ist es dann doch wichtiger, nicht auch Opfer zu werden.
Vollkommen hilflos ist man ganz sicher nicht, obwohl es sich so anfühlen mag. Wenn man schon, auf welche Art auch immer, Teil davon geworden ist, neigt man dazu den Überblick zu verlieren. Mobbing ist auch Verwirrung und zielt auf das Gefühl von Hilflosigkeit ab. Das betrifft dann nicht ausschließlich den Gemobbten, da brauche ich nur an meine Familie und Lehrer denken.

Wie es sich auch anhören mag, es macht einen großen Unterschied, einen Freund während des Mobbings zu haben. Mobbing streut Zweifel und Misstrauen, zerstört Selbstbewusstsein und Vertrauen. So fällt es einen meist schwer Freunde zu finden, oder gar zu glauben, welche verdient zu haben.
Ich mache mir noch immer regelmäßig Gedanken darum, wie ernst man es wohl mit mir meint. Sehe in allzu vielen Dingen einen Betrug. Man lernt die Umgebung durch eine gewisse Brille zu sehen, ist in manchen Bereichen übersensibilisiert, was sicher nicht „nur” schlecht ist.

Einen Freund durch diesen Albtraum zu haben, kann so manches vermeiden oder schneller wieder aufbauen. Mir geht es dabei also nicht so sehr um das Trösten, das man häufig sowieso nicht möchte.
Ähnlich schlecht nimmt man übrigens auch eine Verteidigung auf. Man fühlt sich schwach, sonderbar und bloßgestellt. All diese Dinge verstärken sich dadurch, vor allen bei einem vertrauten Menschen.
Dennoch würde ich auch nicht davon abraten. Das ist einfach von Person zu Person und Fall zu Fall, verschieden. Ich bin ab und zu in eine Mobbingsituation eingeschritten und habe einmal ein „Danke” erhalten. Allerdings war das niemand, den ich genauer kannte.

Man kann auch im Stillen helfen. Und obwohl man sich, als Opfer, selbst aufraffen muss, kann man als Freund auch das Selbstbewusstsein stärken, einfach zeigt, dass das Opfer etwas (viel) wert ist und man es ernst nimmt. Das zu bekommen, fühlt sich für mich noch immer wie ein paar Tropfen Regen, nach einem Marsch durch die Wüste an.

Sprüche a là: „Du bist aber ein hübsches Mädchen/ein hübscher Junge”, sind übrigens – meistens, man weiß ja nie – alles andere als eine Hilfe.
Egal wie ehrlich das gemeint ist, man neigt dazu, es nicht ernst zu nehmen, fühlt sich eventuell sogar lächerlich gemacht und glaubt, dass er/sie es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Oder nicht erkennt, wie schwer der Schaden ist, glaubt vielleicht sogar, dass das Interesse an der eigenen Person vollkommen fehlt. Das kann also das genaue Gegenteil bewirken. Häufig ist es einfach ein Tropfen auf dem heißen Stein, um beim Beispiel zu bleiben.

Lob, vor allem übermäßiges, ist also eine heikle Sache. Es hängt vom Ausmaß des Mobbings ab, ebenso vom Charakter und den restlichen Lebenserfahrungen. Gleichwohl braucht man in manchen Situationen etwas mehr, eine Rückversicherung.
Als Freund aktiv helfen, versuchen die gesäten Komplexe aufzuhalten, oder gar umzukehren, ist, denke ich, viel verlangt. Zu viel, wenn es hartes Mobbing war. Ich möchte es ungern nach der Heftigkeit einordnen, es ist aber schon so, dass einige mehr darunter leiden, als andere. Das aus unterschiedlichen Gründen.

So ungern ich das sage (habe mir schon immer gesagt, dass ich alles alleine schaffe), aber ab einen gewissen Grad und nach einer bestimmten Zeit, ist es kaum möglich, da alleine wieder herauszukommen. Dabei spreche ich von professioneller Hilfe, oder die Eltern.
Mir wurde schon eindrucksvoll beschrieben, wie manch einer Mobbing verhindern konnte, oder hinter sich lassen konnte. Oft spielt da dann ein Schulwechsel eine Rolle, ist aber ganz klar kein Allheilmittel. Doch auch da müssen die Eltern wenigstens wissen, dass es ein Problem gibt.

Man muss wieder lernen, dass es Menschen gibt, die wirklich zu einen halten. Die meisten (leider nicht jeder) haben solche Personen um sich, wenn auch nicht immer deutlich sichtbar. Schließlich gewöhnt man sich ein Stück weit darin, in alle Verhaltensweisen etwas Negativen deuten zu können.
Wie schon mehrfach erwähnt, wird das Selbstbewusstsein besonders massiv angegriffen. Deshalb kann es kaum schaden, eigenständig viel zu erreichen. Sich selbst aus der Schlinge zu ziehen, wird einen stärken.

Wie Gift ist es aber, wenn man scheitert. Und manchmal geht es dann nur noch darum, weiteren Schaden abzuhalten, sich dem Mobbing also zu entziehen. Ich sehe eine Pause von der Gesellschaft nicht immer kritisch, obwohl das auch das endgültige Knock-out sein. Wenn es nämlich keine einfache „Pause” bleibt. Oder man der Typ Mensch ist, für den Gesellschaft wie die Luft zum Atmen ist.

Meistens wird man von allen Seiten nur weiter und weiter in die Schule, dann Ausbildung und Arbeit gedrängt. Ich sehe schon einen Sinn dahinter und natürlich ist es wunderbar, wenn man nach langem Mobbing als das (wieder) mit Freude tun kann. Ich weiß aber auch, dass Zwang häufig suboptimal ist.
Um kurz wieder meine eigene Geschichte anzuschneiden:
Meine Familie, besonders meine Mutter, haben viel getan, um mich in die Schule zu bringen. Ich bin, was man selbstverständlich positiv wie negativ deuten kann, schon immer ein Rebell, das kann ich nicht verleugnen. Der Druck wurde größer und ich starrer, wütender. Zu meinen ganz realen Krankheiten, kam also noch ein Ohnmachtsgefühl und, ja, auch Trotz, obwohl das Wort vielleicht etwas zu harmlos ist. Es kam dann dazu, dass ich geflüchtet bin und absolut niemand mehr eine Chance hatte, mich in die Schule zu bringen.

Irgendwann habe ich selbst einiges erkannt, mich wieder gesammelt und dann meine Eltern, aber auch mich selbst besser verstanden.
Ich weiß, dass ich mich auf dünnen Eis bewege, indem ich behaupte, dass ich es nicht als nur verkehrt erachtete, gegangen zu sein. Niemand soll sich dazu aufgefordert fühlen, dasselbe zu tun, ich versichere, dass es in der Regel bessere Möglichkeiten gibt, oder geben sollte.

Als meine Mutter erfuhr, was ich in der Schule erlebte, hat sie sich sehr für mich eingesetzt. Dennoch hat es unser gegenseitiges Vertrauen geschwächt. Sie wusste nicht, ob ich meine Krankheiten nur simulierte und ich… Von einer (von der) Vertrauensperson, in die Hölle geschickt, gezwungen zu werden, kann nicht ohne Schäden an der Beziehung vonstatten gehen. Nein, damit übertreibe ich nicht. Für mich war es in vielen Momenten, mit der Hölle gleichzusetzen.
Später hat sie sich aber für meine Schulpause eingesetzt.

Ich vermute, dass viele Eltern so darauf reagieren, wenn ihre Kinder nicht mehr in die Schule wollen, oder können, weil das Mobbing einen psychisch, schließlich physisch, krank macht. Ich kann gar nicht zählen, wie viele Arztbesuche ich hinter mir habe. Der Arzt riet mir dann manchmal in die Schule zu gehen, obwohl er gleichzeitig meinte, dass das meinen Körper beschädigen könnte.
Auch den Vater eines anderen Mobbingopfers sah ich häufig in der Schule. Habe auch mitbekommen, wie er mit den Tätern seines Kindes sprach.

Besonders traurig und fatal ist es, wenn die Eltern davon wissen, aber nichts unternehmen. In den extremsten Fällen, wird den Opfer sogar die alleinige Schuld zugeschoben, oder die Täter werden ermutigt. Das ist bedauerlicherweise keine bloße Vermutung, aber natürlich eine Ausnahme.
Ich kenne sehr engagierte Eltern, die auch schon einiges auf die Beine gestellt haben und das Thema verbreiten. Durch meine habe ich weitere solche Familien kennengelernt und das war meist überaus imponierend.
Das ist etwas, dass mich unglaublich freut und mir zeigt, dass man doch oft auf seine Eltern bauen kann.

Natürlich weiß die Familie aber nicht sofort, was zutun ist. Das ist dann eine Welt, in der sie sich erst einmal (wieder) einfinden müssen. Es gibt aber Beratungsstellen, die sehr hilfreich sein können. Meine Eltern haben schon mehrere kontaktiert und damit die unterschiedlichsten Erfahrungen gesammelt. Manche Leute dort, fühlen sich einzig und allein darauf berufen, dass Kind/den Jugendlichen, wieder in die Schule zu bringen, wenn sie viele Fehltage haben, sie zu integrieren, wie sie es nennen.
Dazu wissen sie ab und zu auch erstaunlich wenig von der Materie. Ein Versuch ist es aber allemal wert.

Ähnlich wie bei einem Therapeuten, muss man aber manchmal erst suchen, bis die Chemie stimmt. Man sollte also nicht glauben, dass die dann alle so sind. Dazu neigen viele Menschen allerdings. Kaum jemand hat keine, mehr oder weniger, eindeutige Meinung über gewisse Berufsgruppen.

Schwierig wird es, wenn die Familie gar nichts weiß, oder wissen möchte. Mobbing wird an niemanden spurlos vorübergehen (sonst wäre es ja kein Mobbing), wenn man eine Person also davor, während und danach regelmäßig erlebt, wird man normalerweise eine Veränderung feststellen „müssen“.
Wenn das Opfer aber nur sehr unklar oder gar nicht davon spricht, kann es schwer werden, etwas davon in Erfahrung zu bringen. Es ist einen schmerzhaft peinlich, Selbsthass entwickelt sich gelegentlich und ja, Misstrauen, wie öfter erwähnt.

Wenn man aber schon den Verdacht hat, kann man nachfragen, sollte sich aber keine ehrliche Antwort erhoffen. Man fühlt sich damit überrumpelt, möchte sowieso nicht gern darüber sprechen, sich erst einmal Gedanken machen und lieber in Ruhe entscheiden können, ob man reden möchte. Wenn man einfach damit rausplatzt und vorher nichts angedeutet hat, dass man etwas bemerkt hat, schlägt man sein/e Kind/Bruder/Schwester, also eher in die Flucht. Man sollt einmal versuchen, sich in die empfundene Scham der Opfer hinzuversetzen.
Man kann auf jeden Fall sagen, dass man bei diesem Thema eine Menge Feingefühl braucht. Das sollte man sich immer wieder bewusst machen, wie klar es einen auch erscheinen mag.
Ich werde in einen der folgenden Kapiteln sicher noch einiges von Mobbingsymptomen und -auswirkungen schreiben.

Einmal wurde mir verzweifelt mitgeteilt, dass die Eltern es gar nicht glaubten. Das ist schmerzhaft, obwohl einige ja dazu neigen, sich nicht als Opfer zu sehen, will man dann selbstverständlich Glauben geschenkt bekommen. Auch in seinem Leid, was nicht einmal Mitleid erfordert.
Der Vater dieser Person meinte, dass das nur Einbildung wäre. Selbst wenn jemand im Verdacht steht, sich das nur auszudenken, zu übertreiben, sollte man einen solchen Spruch niemals bringen. Tatsächlich glaubt man das gelegentlich selbst. Man identifiziert sich nicht unbedingt mit anderen, in seinen Augen „typischeren” Opfern.

Mobbing ist für die allermeisten etwas Schlechtes, als Betroffener ist man aber kaum stetig und vollkommen davon überzeugt, dass einen etwas Ungerechtes geschieht.
Da können Verwandte und Freunde auch behilflich sein. Deren Entsetzen kann manches wieder gerade rücken und dem unbeabsichtigten Masochismus, oder den Glauben Schreckliches ertragen zu müssen entgegenwirken. Zumindest war das bei mir ganz sicher so. Die Reaktionen auf meine Geschichte, haben mir buchstäblich die Augen geöffnet.
Wieder kann ich nur darauf hinweisen, dass ein übermäßiges Verhätscheln und stark betontes Mitleid, meist weder erwünscht noch heilsam ist.
Auch ich habe Mitleid mit Mobbingopfern, zeige das aber meistens nicht in seinem ganzen Ausmaß.

Als Elternteil sollte man sich unaufgefordert dazu verpflichtet fühlen, irgendetwas zutun. Man hat deutlich mehr Autorität als die Freunde des Kindes.
Ich schreibe das so deutlich, da ich von Familien weiß, die sich hoffnungslos überfordert fühlen und schon fast aufgegeben haben.

Wie oben erwähnt, litt meine Schwester auch ein wenig unter „meinen” Tätern. Obwohl ich es noch nie mitbekommen habe, dass sich Mobbing aktiv bis auf die Eltern ausweitet, habe ich beobachtet, dass sie meistens auch an Respekt einbüßen. Meine Eltern und weitere Geschwister, wurden häufig beleidigt. Meiner Mutter hörte man zwar brav zu, um dann alles abzustreiten, oder zu beteuern, es sein zu lassen… Aber sobald sie fort war, wird sich nur darüber lustig gemacht. Die darauffolgende Wut der Täter, wurde dann doppelt an mir ausgelassen.

Zwei meiner (über zehn Jahre) älteren Geschwister, kleideten sich recht auffällig und holten mich so von meiner Schule ab. Niemand traute sich etwas zu sagen, oder zu lachen, es tat gut sie mal beinahe verängstigt zu sehen. Freilich gestaltete sich der nächste Schultag dann aber besonders schlimm. Der Angriff auf Verwandte oder Freunde, tut einen dann noch einmal sehr weh.
Und als meine Schwester die hartnäckigsten Täter traf, hat sie ihnen… gedroht. Woraufhin sie weggerannt sind. Doch dann erzählten sie meinen Klassenlehrer, vor der gesamten Klasse, davon.
Also; lieber nichts provozieren! So schwer es auch manchmal ist…

Auf die Familie wird immer geschaut. Man kann sie wunderbar benutzen, um das Opfer weiter abzuwerten. Indem man sie als versnobt, spießig, asozial bezeichnet, oder ihnen ihr tiefstes Beileid beteuert, jemanden wie das Opfer zu Verwandtschaft zählen zu müssen.
Meine hübsche Schwester, die nebenbei Model ist, wurde gern mit mir verglichen. Besonders die, die sich als meine Freundinnen ausgaben, sagten dann ständig, dass man nie auf die Idee kommen würde, dass sie mit mir verwandt sein könnte.
Die Möglichkeiten sind unendlich.

Doch die Familie ist auch besonders gefragt, wenn es um die Heilung geht.
Während des Mobbing, hat mich mein älterer Bruder am meisten unterstützt. Indem er mir half meine Stärken zu entdecken, mir wieder etwas den Glauben gab, auch anerkannt werden zu können und mir auch ein paar Tipps gegeben hat. Er ist ein sehr humorvoller Mensch und er machte manche ihrer Sprüche, die mich verletzt hatten, so lächerlich, dass sie mir danach nichts mehr anhaben konnten.
Sehr hart, aber das beste Heilmittel das ich kenne, ist Lachen. Ich kann über manches von damals lachen – auch über mich selbst – das versichere ich. Dafür muss man aber wohl etwas die Angst verlieren, als Idiot dazustehen.

Zugeben ist es eine kleine, Kunst Opfer dazuzubringen wieder über sich selbst lachen zu können. Es darf nicht diesen gewissen blauen Fleck erwischen, den das Mobbing bei jedem hinterlassen wird.