Das Feuer der Zeit

Das Feuer der Zeit

„Die Zeit ist das Feuer, in dem wir verbrennen.“
Sie nimmt uns allen und jeden, ohne Ausnahme. Sie ist der Anfang unserer Exis-tenz und deren Ende, unerbittlich in ihrem Bestreben, alles zunichte zu ma-chen, das einst war und niemals wieder sein wird. Egal was geschieht, die Zeit sitzt am längeren Hebel. Niemand kann ihr entrinnen; selbst die Götter sind ihr unterlegen und können nichts, absolut gar nichts dagegen tun, im Laufe der Zeit einfach vergessen zu werden. Mit jeder Minute, mit jeder Sekunde bewegt sie sich weiter und weiter, unaufhaltsam bis ans Ende der Welt und darüber hinaus. Wir können versuchen, die Uhr bis zum Sankt Nimmerleinstag zurück-zudrehen, doch die Vergangenheit bleibt die Vergangenheit, so sehr man sich auch etwas anderes wünscht. Viel zu oft bedauern wir, dass wir so manche Ge-legenheit ungenutzt verstreichen ließen, dass wir in manchen Momenten das Falsche oder vielleicht auch überhaupt nichts gesagt haben, und viel zu selten erhalten wir eine zweite Chance.
Die Zeit ist das Kostbarste, das wir besitzen, wichtiger als gute Noten, ein guter Job oder ein gutes Einkommen. Und doch ist unsere gesamte Gesellschaft einzig und allein auf diesen einen Zweck getrimmt: unsere Zeit so effektiv zu nutzen wie nur irgend möglich – wobei effektiv in diesem Fall in etwa so erfüllend für unser Leben ist wie ein Stein. Was bringt uns ein Leben in Wohlstand, wenn wir schlussendlich auf dem Sterbebett nicht mehr als das vorzuweisen haben?
„Ich habe mein Leben lang geackert und mich angestrengt, jede freie Minute genutzt, um zu arbeiten, zu lernen und mich fortzubilden und haben auf diese Weise meiner Familie ein schickes Haus in der Stadt ermöglicht“ – und wofür? – „Weiß nicht recht. War halt so. Ich habe nie an etwas anderes gedacht.“
Weshalb wurde uns denn ein Leben geschenkt, wenn wir nichts anderes tun, als es zu vergeuden? Wieso sollte sich Gott oder das Schicksal oder sonst wer die Mühe machen, uns dieses eine Leben zu geben? Und darauf läuft es schlussendlich doch hinaus – wir haben nur ein Leben, ein einziges, und dieses eine Leben müssen wir auskosten, genießen und mit mehr erfüllen als nur mit Reichtum und Besitz, denn die Zeit sitzt uns stets im Nacken und verbrennt alles auf ihrem Weg. Und wenn wir uns nicht die Zeit nehmen, das, was wir wirklich besitzen im Leben, wirklich zu nutzen und uns daran zu erfreuen, wird all das zu Asche zerfallen und der unendlichen Finsternis der Vergessenheit an-heimfallen. Wer möchte nicht auch am Ende seines Lebens auf selbiges zurück-blicken und sagen können, dass es ein gutes Leben war?
Und wie kann man so etwas behaupten, wenn man sich nie die Zeit genommen hat, um mit seiner Familie zusammen zu sein oder auch einfach mal ein wenig zu entspannen?
Die Zeit mag ein unerbittliches Feuer sein, ein zähnefletschendes Raubtier mit messerscharfen Krallen, immer auf der Jagd nach uns. Doch letzten Endes sind wir es, die entscheiden, was wir mit der Zeit anfangen wollen, die uns gegeben ist. Und wenn wir uns richtig entscheiden und unsere Zeit auf Erden nicht vergeuden, dann verliert das Raubtier seine Zähne und Krallen, und das Feuer erlischt vielleicht irgendwann.