Das Motiv des Mantels in Gabriel Flemings Film THE LOST COAST

Der US-amerikanische Film von 2008 verbindet zwei traditionelle Muster, das des Wiedersehens von Highschoolfreunden nach Jahren mit dem des erotischen Trios aus zwei Männern und einer Frau, genauer: mit dem Spezialfall, in dem einer der Männer, nicht die Frau, im Zentrum steht. Der Streifen dauert nur 74 Minuten und spielt doch auf drei Erzählebenen, der laufenden Filmgegenwart, darin eingeschobenen Sequenzen vom Ende der Highschoolzeit und dem Abfassen einer langen Email, die Jasper (Ian Scott McGregor) seiner Verlobten schickt und in der er die Verbindung zwischen den beiden erstgenannten Ebenen herstellt.

Jasper besucht nach Jahren Mark (Lucas Alifano) und Lily (Lindsay Benner) in San Francisco, und zwar am Halloween-Abend. Am Ende der Schulzeit waren Mark und Lily ein Paar, jetzt wohnen sie noch zusammen. Mark ist nun offen schwul. Das Trio mischt sich unter das kostümierte, allerlei Unfug treibende Halloween-Volk auf der Castro Street. Zu ihnen stößt Caleb (Chris Yule), Marks derzeitiger Freund. Mark und Jasper verstehen sich noch immer gut, auch wenn sie wieder raufen, dann vielleicht sogar am besten. Lily verrät Caleb, dass Mark und Jasper früher ein sexuelles Verhältnis hatten, zeitgleich mit Marks Beziehung zu ihr. Caleb spricht Jasper in herabsetzender Weise darauf an, er will wissen, wer von ihnen damals „the bitch“ gewesen ist. Jasper, der sich als heterosexuell betrachtet und demnächst Wendy (Sarah Nealis) heiraten will, zieht sich daraufhin verletzt in sich selbst zurück. Das Quartett lässt sich durch die Stadt treiben, eine unbefriedigende Nacht beginnt. Die Erinnerung an gemeinsame Tage der drei Schulfreunde in der Naturlandschaft der Lost Coast (Nordkalifornien) kehrt immer wieder. Gegen Morgen wiederholen Mark und Jasper am Strand, was sie früher oft taten. Dann rennt Jasper weg, Mark weint in Lilys Armen. Jasper weint auch, im Bus Richtung Flughafen, und schreibt Wendy, was damals war und jetzt geschehen ist und dass er sie weiterhin liebt. Schlussbild oder Vision: Wendy, so wie Jasper sie mag: sie allein auf einem Sofa, ein Buch lesend, lächelnd.

Die Filmhandlung, eingebettet in großartige Landschaftsbilder und bedrückende Nachtszenen aus San Francisco, ist ein Seelenroman eigener Art, mit sparsamen Dialogen und Figuren, deren Charaktere sich erst bei intensivem Hinschauen und Hinhören wirklich enthüllen. Bei der Entschlüsselung bietet ein häufig ins Blickfeld geratendes Requisit Hilfe an – ein Mantel. Der hochgewachsene Mark trägt fast durchgehend, in San Francisco jetzt wie früher an der Lost Coast, einen langen Mantel, den er gern offen lässt. Der Ur-Mantel ist indessen kein Mantel, sondern eine Jacke. Mit ihr verbindet sich ein Schlüsselerlebnis, das nicht dargestellt wird, das Jasper indessen Wendy eindrucksvoll beschreibt: wie Mark sie beide nach einem Fußballtraining unter seiner Jacke vor dem Regen schützte und wie er, Jasper, ihm dabei sehr nahe kam, körperlich wie seelisch. Mark sei, schreibt Jasper, beim Fußball wie überall der Star gewesen, und er selbst habe sich mit ihm unter der Jacke „so privilegiert“ gefühlt. Bald darauf an der Lost Coast lehnt Mark, nun in langem, offenem Mantel, in der für ihn typischen Pose an einem Baumstamm, auf Jaspers Annäherung nicht vergeblich wartend.

Der Mantel als Symbol wie als Garant von Kraft, Schutz, Milde hat eine sehr lange Tradition. Gogols „Der Mantel“ ist ein relativ spätes Beispiel dafür. Die Schutzmantelmadonnen der spätmittelalterlichen religiösen Kunst stehen bereits in ihr und beziehen sich auf ein schon damals altes Rechtsinstitut, den Mantelschutz. Unter dem Mantel Hochgestellter fanden Verfolgte Schutz und Asyl. Das bis in unsere Tage praktizierte Kirchenasyl hängt damit zusammen. Mit Gerald von Mayo (um 642 – 732), übrigens auch Schutzpatron gegen die Pest, hat die katholische Kirche neben Martin von Tours (um 316 – 397) einen zweiten Mantelheiligen. Der Mantelträger scheint einen Archetypus darzustellen, den auch fremde Kulturen kennen. So sehen wir z. B. in der buddhistischen Kunst Thailands, wie „Buddha der Barmherzigkeit die Robe öffnet“.

Es gibt den Sternenmantel – und im Film, nahe angesiedelt am beglückenden Jackenerlebnis, eine Entsprechung an der Lost Coast: den Blick hinauf zu einem sehr hohen Baumwipfeldach. Schutz bietet auch das Zelt, gewissermaßen ein erweiterter Mantel, in dem die drei Freunde in der Natur übernachten. Aber am Morgen sehen wir Jasper draußen allein, missmutig hört er mit an, wie sich drinnen Mark und Lily gut verstehen. Ist es die Ur-Trennung für ihn? Jetzt ist Jasper wieder da und Mark lädt ihn ein, seinem Ankleiden beizuwohnen. Mark, mit einem Kopf, wie von Caravaggio gemalt, und einem spätrömisch-hellenistischen Körper, nicht üppig, doch von überfließender Kraft, konfrontiert ihn mit den verheißungsvollen nackten Partien von Brust und Bauch, rät vom Heiraten ab und zieht wieder den langen Mantel an.

Mark hat sich verändert. Er fürchtet sich vor dem Älterwerden, er weiß, dass Lily enttäuscht ist, und er kann den tumben Caleb nicht achten. Parallel dazu hat sich die Funktion des Mantels verändert. Mark nutzt ihn für alles Mögliche – Selbstzitat, Selbstpersiflage, Provokation. Er trägt zu Halloween außer einem schmalen Slip nichts unter dem Mantel und aus dem Slip ragt ein Riesendildo. Auf der Castro Street schlägt Mark den Mantel immer wieder exhibitionistisch auseinander, ein Jux ohne Hintergrund, für Touristinnen wie für schwule Männer. Das Quartett landet fehlgeleitet auf einer fremden Party. Mark verführt sogleich den Gastgeber, doch unter dem erneut vorgeführten Kunstpenis ist wenig. Unfähig zur Erektion verlässt Mark beschämt die Wohnung. Das passiere ihm manchmal, räumt er ein.

Jasper hat als Schüler bei Mark Schutz und Geborgenheit gesucht. An Halloween ist er erst reserviert und gerät dann bald ins alte Fahrwasser. Es gibt wieder die Spiele von früher: Er stellt sich auf der Straße blind, lässt sich von Mark führen. Dann die „Vertrauensfallübung“ – er lässt sich nach hinten fallen und wird von Mark aufgefangen. Erst Calebs Sticheleien erinnern ihn daran, dass er eine heterosexuelle Identität hat. Gegen Morgen wird er Mark dadurch, dass er ihm noch einmal körperlich nahe kommt, zeigen, dass die Vergangenheit nicht zurückgeholt werden kann, nicht darf. Die Lost Coast – das ist die Jugendzeit, in der noch alles möglich war. Von dieser Küste sind sie aufgebrochen und haben sich von ihr entfernt hinaus auf die schwierige offene See. Selbst nach dieser Nacht wird Jasper seiner Verlobten über Mark schreiben: Manchmal kann er großartig sein …

Wendy soll die Rolle von Mark übernehmen, sie ist nun das Objekt der Anlehnung und Adoration. Jasper ist der Typ des Mannes, der bei beiden Geschlechtern vor allem Harmonie sucht, Ruhe und Frieden. Wie belastbar ist diese kontemplative Brücke der Bisexualität? Vielleicht wird Wendy im weiteren Verlauf das, was Lily schon ist, eine „Fag Hag“, Schutzmantelmadonna für Schwule. Aber jetzt bitte keine Fanfiction …