Das Textaquarium

DAS TEXTAQUARIUM

Ratgeber zum Kreativen Schreiben von Kunstmut
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Anmerkung:
Meine beiden größten Hobbys sind das Lesen und das Kreative Schreiben. Ausgehend von den vielen Texten, sowohl analog als auch digital, von den vielen verschiedenen Genres und Niveaustufen, die ich so kenne, möchte ich mein bisher angesammeltes Wissen in diesem Textaquarium abspeichern. Vielleicht hilft es mir auf die Sprünge, wenn ich mal etwas vergessen sollte, doch denke ich, dass es auch für andere Leser, Autoren und Kritiker interessant sein dürfte, meine Gedankengänge zu lesen.

Der Grund liegt auf der Hand: Ich bin selber Allesleser, Kritiker von Texten, vor allem Geschichten, und Freak für das Kreative Schreiben. Das heißt, alle meine Gedanken ergeben sich aus der Trias der drei Perspektiven Leser, Kritiker und Autor. Gerade diese Durchdringung und Überlappung ist etwas, was mir persönlich in vielen Ratgebern fehlt. Die persönliche Note des Autors und Künstlers, die Gedanken des Autors aus seinem Innersten, denn oft regiert die Kälte der Logik von Seiten der Kritik, die versucht alles in ihre Schubladen einzuordnen mit ihrer Semantik, ihren Narrativiktheorien, Verfahrenskünsten, postmodernen, dekonstruktivistischen, strukturalistischen und poststrukturalistischen Theorien, ihrem historischen und politischen Seemannsgarn und dem groben Willen, jeden Text und jede Geschichte auf Gedeih und Verderb in gewisse Spielarten von gewissen literaturwissenschaftlichen Strömungen einzusortieren.

Selbst dann, wenn ein Autor überall schreibt, dass diese Interpretationen und Auslegungen Stuss sind. Ich hoffe, hiermit darlegen zu können, wie mein Wissensstand im Bezug auf das Lesen, Kritisieren und Schreiben ist. Wer mehr weiß als ich, möge mich kritisieren, damit ich ihn kritisieren und das Textaquarium anschließend besser machen kann. Wer gerade erst mit dem Schreiben anfängt, und sich noch nicht in mindestens 100 einsamen Stunden am Schreibprozess gerieben, mit der Stirn das weiße Papier bedroht hat, mag hier die ein oder andere gewinnbringende Erkenntnis vorfinden, und muss nicht komplett von vorne anfangen.

Kunstmut, 15.03.2017

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Vorbemerkungen

Schreiben ist ein Handwerk.
Übung in einem Handwerk macht den Meister.
Du bist kein Meister.
Wer regelmäßig schreibt, wird besser im Schreiben.
Wer nicht regelmäßig schreibt, wird nicht besser im Schreiben.
Wer regelmäßig schreibt und dabei nicht versucht, stets besser zu werden, geht den falschen Weg.
Wer regelmäßig schreibt und dabei versucht, stets besser zu werden, der ist einer, der schreibt.
Setz dich hin und schreib. Kein anderer nimmt dir diese Arbeit ab.
Schreibe mit Liebe und du wirst die Herzen der Menschen erreichen.
Nimm einen schönen Schreibstil als Fundament, um darauf deine Geschichte zu bauen.
Schreibe interessante Geschichten. Geschichten, die du selber gerne lesen würdest.
Analysiere Kritik und lerne daraus.
Kritisiere deine eigenen Texte.
Wenn dir etwas keinen Spaß macht, dann sorge dafür, dass es dir Spaß macht.
Behandle deine Geschichte wie einen geliebten Menschen – mit Hingabe und Zärtlichkeit.
Genie ist, wer Dinge trotzdem macht.
Eine Geschichte, die es nicht wert ist, dass man sie zweimal liest, ist es nicht wert, auch nur ein einziges Mal gelesen zu werden.
Aktive Handlung ist immer interessanter als eine Rückblende, ein Traum, eine Beschreibung oder eine Reflexion – das Mischverhältnis muss jedoch stimmen.
Geschichten sollten nicht mit dem moralischen Zeigefinger erzählt werden.
Es gibt gut geschriebene Geschichten und es gibt nicht gut geschriebene Geschichten.
Lies gut geschriebene Geschichten und kritisiere diese, dann wirst du besser.
Bevor du auch nur einen Satz schreibst, überlege immer: Ist es wertvoll genug, um Lebenszeit dafür zu opfern?
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Die zehn Gebote

1. Wissen ist Macht.
2. Zeit ist Geld.
3. Geld regiert die Welt.
4. Wer nicht fragt, bleibt dumm.
5. Der Kunde ist König.
6. Glück kann man nicht kaufen.
7. Liebe überwindet alle Schranken.
8. Du bist, was du isst.
9. Du lebst nur einmal.
10. Tu was du willst.
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Inhaltsverzeichnis

Erster Teil – Leicht
Kapitel 01: Material und Organisation (Was brauche ich, um anzufangen?)
Kapitel 02: Schreibort+Schreibzeit (Wo schreibe ich und wann schreibe ich?)
Kapitel 03: Grammatik (Wie schreibe ich richtig?)
Kapitel 04: Schreibstil (Wie schreibe ich „schön“?)
Kapitel 05: Redigieren+Mosaiktechnik+Logik (Wie überarbeite und verbessere ich meine Texte richtig?)
Kapitel 06: Kritik+Reviews (Wozu gibt es Kritik? Wie gehe ich mit Kritik um? Wie schreibe ich Kritik?)
Kapitel 07: Recherche (Wie recherchiere ich richtig?)
Kapitel 08: Knappe Lebenszeit (Wie werde ich im Schreiben schnell besser?)
Kapitel 09: Richtig lesen (Was sollte ich lesen, um besser zu werden?)
Kapitel 10: Füller VS Tastatur (Ist Haptik nur Schall und Rauch?)

Zweiter Teil – Mittel
Kapitel 01: Sujet+ Prämisse (Was ist ein Sujet?)
Kapitel 02: Charaktere (Wie erschaffe ich Charaktere?)
Kapitel 03: Handlungsorte (Wie finde ich Handlungsorte?)
Kapitel 04: Plot/Handlung/Umfang (Wie baue ich einen organischen Plot?)
Kapitel 05: Dramaturgie/Spannung (Wie baue ich Spannung auf?)
Kapitel 06: Point of view (Was sollte ich über Erzählperspektiven wissen?)
Kapitel 07: Beschreibungen (Wie beschreibe ich richtig?)
Kapitel 08: Dialoge (Wie klingen Gespräche natürlich?)
Kapitel 09: Pacing (Wie nutze ich die Erzählgeschwindigkeit?)
Kapitel 10: Atmosphäre/Stimmung (Woher kommt das „gewisse Etwas“?)

Dritter Teil – Schwer
Kapitel 01: Schreibblockade (Was tun?)
Kapitel 02: Inspiration wecken (Wie komme ich auf Ideen?)
Kapitel 03: Schreiben als Beruf VS Schreiben als Hobby
Kapitel 04: Andere Arten von Texten (Sachbücher, Biographien, Reden und co)
Kapitel 05: Schreiben+Bildung
Kapitel 06: Literarische Texte (Wann ist ein Text Literatur?)
Kapitel 07: Die Psychologie von Lesern (Wie schreibe ich für Leser?)
Kapitel 08: Schwächen von introvertiertem Schreiben+Gegenmaßnahmen
Kapitel 09: Show don’t tell auf dem Prüfstand
Kapitel 10: Schreibhöchstdauer – Zombiesein vermeiden
Kapitel 11: Method Acting – Method Writing?
Kapitel 12: Persuasive Writing
Nachwort

Ergänzung. Für alle, die erst seit fünf Minuten hier sind:

Was ist fanfiction?

In dem englischen Wort „fanfiction“ – oder auf Deutsch auch „Fanfiktion“ – ist seine Bedeutung bereits enthalten, man muss sie also nicht erst umständlich suchen. Das Wort setzt sich zusammen aus den beiden Worten „Fan“ und „Fiktion“. Ein „Fan“ ist ein Mensch, der von einer spezifischen Sache nicht bloß angetan ist oder diese auf gemäßigte Weise mag und sich betont ruhig und unauffällig verhält, sondern der diese Sache mit Leidenschaft lebt, sich über nachweisbar längere Zeitspannen mit dieser Sache beschäftigt und dies nach außen hin in Wort und Tat seinen Mitmenschen gegenüber zeigt.

Als Beispiel kann ein Fußballfan dienen. Er verfolgt nicht einfach einen Live-Ticker, sondern schaut sich das Spiel auf dem Bildschirm Zuhause, auf der Leinwand im Pub oder direkt im Stadion an. Als typische Begleiterscheinungen trägt er z.B. Fußballtrikot, Kappe oder Schal seiner favorisierten Mannschaft. Ein Fan macht sich bewusst in der Öffentlichkeit sichtbar und genießt sein Fansein – er verbindet es mit positiven, guten Gefühlen. Ein Mensch kann Fan von etwas sein, z.B. von anderen Menschen, bestimmten Tätigkeiten wie Musik oder Sport, oder von Gegenständen z.B. Dekofiguren (Gartenzwerge) oder essbaren Gegenständen (bestimmte Sorte Süßigkeiten, z.B. Schokoladenmarke).

Fan steht im Singular, mehrere Fans im Plural. Es gibt also zwangsweise Überschneidungen und Abgrenzungen von Individuum und Gruppe in allen Abstufungen. Aus „Fan“ lässt sich das „von etwas“ ableiten, es besteht eine Abhängigkeit, demnach ist auch „fanfiction“ von etwas abhängig, sie kann nicht aus sich selbst heraus existieren, sonst wäre sie nicht „von etwas“ sondern „etwas“ – ganz ohne Abhängigkeit. Es wird also nicht nur eine Definition für das Wort „Fan“ benötigt, sondern auch eine Definition für jenes Ding, das das Wort „Fan“ in die Existenz zwingt.

Man könnte diesen Begriff ganz einfach als das „fanfähige Ding“ bezeichnen. Dann ist man fein raus, weil man nun jedes Medium erfassen kann. Ein Mensch, z.B. ein Spitzenpolitiker, kann „fanfähiges Ding“ sein, ebenso Musik, Film, Tanz, Theater, Text, einfach alles, was aufgrund von Sichtbarkeit, Emotionalität und Zugänglichkeit „fanfähig“ sein kann. Da ein „Fan“ ein Mensch ist, bedeutet „fanfähig“ für einen Menschen geschaffen, und zwar auf eine Weise, die Zeitspanne und Begeisterung mit sich bringt. Fußball begeistert Menschen und lässt sich über lange Zeitspannen verfolgen, eine Saison folgt auf die andere, es eignet sich also als „fanfähiges Ding“ und zwingt „Fan“ in die Existenz.

Dabei lässt sich nichts über die Anzahl der Fans sagen. „Fanfähige Dinger“ werden nicht besser, weil sie mehr „Fans“ anziehen, jedenfalls hat es keinen Einfluss darauf, ob ein Ding nun „fanfähig“ ist oder nicht. Einfluss hat es dagegen auf den Bekanntheitsgrad in der Öffentlichkeit und damit auf die wirtschaftliche Ausbeutung. Doch auch „unbekannte“, „fanfähige Dinger“ haben „Fans“, weil sie „fanfähig“ sind. Beispielsweise wird es Fans für Völkerball oder Minigolf oder Frisbeezielwerfen geben.

Das Wort „Fiktion“ lässt sich als Gegenteil von „Realität“ definieren – also all das, was ein Mensch durch Ausdenken in der Realität verformt oder gänzlich erfunden hat. Wenn ich z.B. sage: Ich fliege wie ein Vogel am Himmel und schwinge meine Flügel – was Fiktion ist, weil Menschen in der Realität keine Flügel haben und demnach unmöglich am Himmel wie Vögel fliegen können. Das Wort „fanfiction“ weist also daraufhin, dass es mindestens ein Ding geben muss, das „fanfähig“ ist, dadurch einen „Fan“, also einen Menschen in die Existenz zwingt, der sich mit der „fanfähigen“ Sache beschäftigt, und dass die Beschäftigung darin liegt, die Realität zu verformen oder gänzlich neu zu erfinden (oder in Teilen neu zu erfinden).

Damit komme ich gerade zu der Erkenntnis, dass „fanfiction“ überhaupt nicht auf die Schriftsprache, auf Text, begrenzt sein muss. „Fanfiction“ könnte ja auch mündliche Erzählung, Malerei, Tanz, Musik, fast alles Mögliche sein. Man braucht nur das „fanfähige Ding“, dann hat man den „Fan“. Nur die „fanfiction“ ist nicht zwangsläufig, da nicht jeder Fan zwangsläufig den Anspruch und die Absicht hat, die Realität zu verformen.

Man kann wohl eher davon ausgehen, dass bei genügend hoher Zahl von Fans irgendwann wenigstens ein Fan auftaucht, der diesen Anspruch auf Verformung der Realität mit sich bringt. Und wenn es erst kurz vor dem Ausglühen der Sonne passiert, also nach sehr sehr langer Zeit. Und in welcher Weise sich die angestrebte Form zeigt, ist auch offen. Das dürfte wohl erklären, warum „fanfiction“ Autoren eine Minderheit sind. Sie müssen Fans eines „fanfähigen“ Dings sein, sich dann entschließen, die Realität zu ändern, und zwar nicht irgendwie, sondern durch geschriebene Worte, die zusammen einen Text, eine Geschichte ergeben.

Muss dabei „fanfiction“ zwangsläufig eine Geschichte ergeben? Das ließe sich nur klären, wenn man definiert, dass „fanfictions“ auf jeden Fall Geschichten sein müssen, ganz egal, ob Text, Musik, Tanz, Steinmetzarbeit usw. Da ich vom Schreiben komme, und sich „fanfiction“ Portale in englischer und deutscher Sprache etabliert haben (was ist mit anderen Sprachen?), nehme ich einfach an, es soll sich um Geschichten handeln und es soll sich um Texte handeln. Auch wenn die Übergänge zu Musik und Comic fließend sind, da immer wieder in Geschichten Songzeilen auftauchen oder es auf z.B. twitter von Realität verformenden Bildern nur so wimmelt -> siehe Fanpostbilder der „youtube-stars“ oder allgemein prominenter Menschen.

Geht man also von geschriebenen Geschichten aus, wird die Zahl der Fans dadurch eingeschränkt, dass die Fans gleichzeitig das Hobby oder den Beruf Autor haben müssen. Die Vermutung liegt nahe, dass es mehr Autoren als „fanfiction-Autoren“ gibt. Einfach, weil Autoren nicht zwangsläufig Fans sein müssen, wenn sie etwas schreiben. Es gibt aber mit Sicherheit Wanderbewegungen, also „fanfiction-Autoren“, die irgendwann keine „fanfictions“ mehr schreiben, weil sie nicht mehr Fans des „fanfähigen Dings“ sind. (Harry Potter fanfiction-Autor schreibt nicht mehr über Harry Potter, weil er aus x Gründen nicht mehr so viel Zeit mit Harry Potter verbringt, und daher das „Fansein“ nachlässt.)

Diese Autoren können dem Schreiben weiterhin verbunden bleiben, wenn auch nicht mehr auf der fanfiction only Seite. Die Vermutung liegt nahe, dass sich auf lange Sicht der Prosabereich auf fanfiktion_de weiter und stärker entwickelt. Aber vielleicht ist das ein Irrtum, weil es für Fans einfacher ist, in Masse Text zu produzieren, das sie ja über etwas schreiben, dass bereits existiert. Die Denkarbeit ist geringer und der schöpferische Prozess leichter. Außerdem definiert es Fans ja gerade, dass sie Begeisterung für das „fanfähige Ding“ empfinden, während ein nicht fanfiction Autor womöglich an mangelnder Motivation und Begeisterung leidet.

Stimmt es, dass weniger Motivation und Begeisterung zu weniger geschriebenem Text führen, ist meine Vermutung bezüglich der Entwicklung des Prosabereichs (Freie Werke) zum Scheitern verurteilt. Abhilfe schaffen könnte das Setzen von Anreizen sein. Da die meisten Menschen um Geld tanzen wie Steinzeitmenschen um einen Baum, der vom Blitz getroffen in Flammen aufgeht, wird sich nichts verändern. Diese Autoren werden sich dem freien Buchmarkt widmen und versuchen, ihre selbstgeschriebenen Texte zu Geld zu machen. Was nicht verwerflich ist, denn Arbeitszeit ist Zeit, und solange es keine Mindestsicherung gibt, braucht der Mensch Essen und Trinken. Und ein Supermarkt ist nicht kostenlos.

(Achtung – Humor meets Hummer oder so)
Menschen am Leben zu erhalten, egal, ob im Bereich Nahrung, im Bereich ärztliche Versorgung, im Bereich Altenpflege – ist ein lukratives Geschäft. Hier auf Altruismus und Liebe zu setzen wäre fatal, würde es doch gegen die Natur des Menschen laufen. Und die besteht aus Egoismus, Neid und Hass. Nicht in vollem Umfang, aber zu großen Teilen. Ein Mensch, der das nicht durchsteht, stirbt dann einfach, kostet nichts mehr und nervt die Psyche anderer Menschen nicht mehr. Obwohl Leichen schlecht fürs Geschäft sind, denn sie konsumieren nicht. Am besten wäre es, eine Verlängerung des Lebens zu erreichen. So wie in Tropico 2 – Die Pirateninsel: Ein bisschen Voodoo, und zack, schon arbeiten die Skelette bis in alle Ewigkeit ohne sich jemals zu beschweren, ohne jemals zu essen oder zu pausieren. Perfekte Wesen, die den einen Makel von uns Menschen überwunden haben: Unsere Menschlichkeit. Wahrscheinlich werden in Zukunft Mittel gegen Demenz und Alzheimer nur deshalb auf den Markt gebracht, damit der potenzielle Kundenkreis im Altersheim nicht wegfällt – da jemand, der nicht mehr richtig denken kann, nicht mehr versteht, warum er konsumieren sollte bzw., was Geld überhaupt ist und was man damit machen kann. Oder jemand sprengt die Wirtschaft vorher weg. Wobei … selbst Sprengstoff kostet Geld.

Ein wachsender Prosabereich braucht also: Unabhängigkeit von Geld. Und dann, was immer wichtiger sein wird: Eine Community von Lesern. Vermutlich wird ein Autor von eigenen Geschichten immer gezwungen sein, zu Beginn Fangeschichten zu schreiben, Reviews, Kommentare, Anleitungen, Hinweise, Freundlichkeiten, oder andere schweinische Hurereien, die es sonst noch gibt, um Sklaven die Illusion von Feierabend und Glück vorzugaukeln.

Halte ich mir meine Überlegungen vor Augen, muss es fanfiction bereits seit Jahrtausenden geben. Wenngleich sie nicht aufgeschrieben wurden. Alternative Evangelien aus der Römerzeit (Jesus wird nicht ans Kreuz genagelt, sondern nagelt das Kreuz, weil er in seinem Delirium Holz mit Weiblichkeit verwechselt). Oder vielleicht saß irgendwo jemand am Nil und sang kein Totenlied, sondern Anzüglichkeiten über knabbernde Krokodile. Oder wie wäre es mit schrummdischrumm macht Hera mit Athene rum? Und aus Spaß hat sicherlich ein Chinese irgendeiner Figur der Terrakottaarmee mit Absicht zu große Augen, Ohren oder einen merkwürdigen Mund gemacht.

Erster Teil – Leicht

Kapitel 1

Material und Organisation
(Was brauche ich, um anzufangen?)

Hallo mein Freund,

schön, dass du es bis hierhin geschafft hast. Da muss ziemlich viel an Anstrengung und Zufall dabei gewesen sein, stimmts? Es ist mir völlig gleichgültig, ob du jung oder alt, männlich oder weiblich bist, wissend oder unwissend, religiös oder glaubensfrei, politisch oder närrisch – wobei, unter uns gesagt, diejenigen mit Humor meist mehr Freude an ihrem Leben haben. Wie auch immer, schön, dass du da bist, dann kann ich dir jetzt ein paar Dinge über das Schreiben erzählen. Weißt du, ich bin lange durch die Wüste gewandert und habe solange überlegt, bis mir die nahenden Schlangen und Skorpione wie der Teufel aussahen. Ich habe mich in Regionen des Denkens begeben, bei denen man froh sein kann, wenn man unbeschadet zurück zur Einfachheit des Lebens eines Trottels findet. Und glaube mir, wenn ich dir sage, dass man stolz darauf sein kann, als einfacher Trottel in Lumpen zu leben. Das hält den Geist am gesündesten und schützt vor geistiger Verwirrtheit.

Vielleicht ist es dir bereits aufgefallen, dass Kinder meist unwissend, naiv und dumm sind, Jugendliche rebellisch und trotzig, und Erwachsene ziemlich verknöchert, steif und ernst. Und wenn du irgendetwas in Erfahrung bringen willst, musst du unendlich lange suchen, sprichst mit vielen Leuten, hörst viele Gespräche, siehst viele Filme, hörst viel Musik und liest viele Bücher. Und dann bist du genau so schlau wie vorher. Du fragst dich, was das alles soll, und warum die guten Dinge entweder kaum jemand kennt oder sie so viel Geld kosten, dass es für Prinzen und Prinzessinnen reserviert bleibt. Achte ganz genau auf die Worte, die vor deinen Augen auftauchen und gehe sie in Gedanken immer wieder durch. Das nennt man das Denken über das Denken, die sogenannte Reflexion. Wenn du das verstanden hast, dann schau mal auf das Inhaltsverzeichnis, da irgendwo auf dem Wegweiser.

Meine Gedanken habe ich nach reichlicher Überlegung in drei Teile gegliedert, in Leicht, Mittel, und Schwer. Kinderleicht, nicht wahr? Ich fange mit den Grundlagen an, Dinge, die so einfach sind, dass viele Leute sie wohl gar nicht erwähnen würden. Aber ich finde, es schadet nicht, sie trotzdem zu erwähnen. Ich bin kein direkter Gesprächspartner für dich, du kannst meine Stimme nicht hören und mir keine Fragen stellen. Daher bitte ich dich, das Textaquarium sorgfältig zu lesen, und anhand der Art, wie ich Dinge beschreibe, von selbst – mit Reflexion – darauf zu kommen, was ich wohl zu den Dingen sagen würde, über die ich hier nichts sage. Das Nichtsagen – das sogenannte Schweigen – ist im Übrigen eine Disziplin für sich und kann in gewaltigen Fluten ganze Kontinente verschlingen, wenn man es richtig einsetzt. Doch nur die wenigsten kennen die geheimen Mächte der inneren Ruhe – der Meditation – um auch nur im Ansatz zu verstehen, welche Klarheit der Gedanken man damit erlangen kann.

Ich denke mal, du bist schlauer als der alte Trottel, der diese Sätze hier geschrieben hat. Deshalb gehe ich mal davon aus, dass du das Inhaltsverzeichnis neben dir liegen hast. Ich gehe auch davon aus, dass du manches nicht lesen wirst, oder dass du nicht alles brav von leicht bis schwer lesen wirst. Das ist auch gut und richtig so, schließlich vollzieht sich das Denken von uns Menschen in Sprüngen. Ich kann dir nur den Rat geben, Texte immer mal wieder zu lesen, nicht nur meinen Text hier – alle Texte. Je nachdem, wie alt du bist, welche Religion, Politik, Sexualität, Kultur, Ideologie, Lebensweise du verfolgst, ändert sich dein Denken, dein Wissen über dich und die Welt, und du kommst zu ganz neuen, anderen, verrückten Erkenntnissen.

Vielleicht empfindest du gerade jetzt diese Zeilen hier als Schwachsinn und Zeitverschwendung, vielleicht bist du der Meinung, das erste Kapitel vom ersten Teil sei das Beste am gesamten Textaquarium, vielleicht bist du aber gerade in der Phase angekommen, in der du auf dem gleichen Level bist, wie ich, als ich das hier geschrieben habe. Du betrachtest meinen Text mit einem neutralen Nicken, ärgerst dich über die kleinen Fehler hier und da, und lässt es dann doch bleiben, weil du weißt, dass jeder Text nie fertig sein wird und immer seine spezifischen Geburtsfehler und Macken mit sich bringt.

Welches Material brauche ich, wenn ich Autor werden möchte?

Für den Anfang brauchst du Stift und Papier. Das war es schon. Dann kannst du loslegen. Wenn du länger dabei bleibst, würde ich dir jedoch raten, für handschriftliche Texte einen Füller mit königsblauer Tinte anzuschaffen. Es schreibt sich mit einem Füller angenehmer als mit allen anderen Stiften, und die Tinte weist nicht nur eine hübsche Oberflächentextur auf dem Papier auf, sondern ist zudem dokumentenecht. Das heißt, auch nach Jahren kannst du deine alten Notizen aus deinen Ordnern noch entziffern, weil sie nicht verblichen sind. Solltest du an meiner Krankheit leiden, dem Schreibwahn eines Alten aus der Wüste, dann empfehle ich dir den Computer.

Du kannst damit deine Gedanken so schnell auf den Bildschirm bringen wie du sie in Echtzeit tatsächlich denkst. Hinterher kannst du einfach nachbearbeiten, einfügen, kopieren und verschieben, was das Redigieren angenehmer macht. Ein weiterer Bonus liegt darin, dass du deine Texte problemlos an verschiedenen virtuellen Orten speichern kannst, und dass du mit Hilfe eines Druckers beliebig viele Kopien für die analoge, haptische Welt der Realität anfertigen kannst. Außerdem ist es für Fremde einfacher, in deine Gedanken und Geschichten abzutauchen, weil du ihnen die Hürde einer unleserlichen Schrift bereits genommen hast.

Lesen und Schreiben hast du hoffentlich gelernt, wenn nicht, dann such dir jemanden, der dir das beibringen kann. Alte Narren aus den Kaleidoskopwelten der Zeit sind dafür nicht unbedingt die erste Wahl. Alles, was ich dir hier erzähle, könnte Unfug sein. Manchmal sage ich, ohne es zu wollen, ohne es zu wissen, etwas Sinnvolles. Etwas mit Sinn und Verstand, wie der einfache Mensch es nennen würde. An einigen Stellen steigere ich mich ins Absurde, in den Wahn oder verlasse die Pfade der Logik. Das ist dann dein Moment, um dich zu wappnen und die Verteidigung hochzuhalten. Vertraue mir nie, aber verdamme mich nicht. Sei aufmerksam, aber stets skeptisch. Dann kannst du vielleicht das ein oder andere vom Textaquarium mitnehmen. Und ich meine nicht nur die Tipps für ein besseres Schreiben.

Ich weiß genau, was du jetzt denken magst. Was ist das denn für ein Schwätzer? Wo ist deine Anzahl von mindestens fünf Büchern im Umfang von mindestens 500 Seiten, wo die Literaturauszeichnungen, der Ruhm, das Prestige, das Ansehen? Was soll der Mist? Häng dich doch nicht so weit aus dem Fenster, du arroganter Affe, du Taugenichts und Anfänger. Weg mit dir, geh mir aus der Sonne meiner Unverschämtheit.

Ich kann dir – zu meiner eigenen Schande – nur eine kümmerliche, unzureichende Antwort geben. Ja, du hast Recht. Ich bin ein Niemand. Aber sind wir nicht alle verloren im Angesicht unserer eigenen Sterblichkeit und Endlichkeit inmitten der Unendlichkeit des Universums? Und wer bist du, dass du dir ein höhnisches Urteil darüber erlaubst, was ein Narr denkt? Ich mag sonderbar sein, aber das hindert mich nicht am Denken. Vielleicht denkst du mit, dann haben wir einen Dialog des Denkens, einen Tanz, en garde, ram tam tam, wenn wir beide zu Höhenflügen ansetzen, können wir vielleicht die Fesseln des Alltäglichen, des Gebrechlichen und Langweiligen, der Mühe und der Qual hinter uns lassen. Und wenn wir dabei nur für einen kurzen Augenblick, mit einem Wimpernschlag in der Wüste, das Bild vom möglichen Regen wachhalten.

Du magst staunen, aber du liest hier die Gedanken von einer Person, die wahrscheinlich eine der seltsamsten Persönlichkeiten hat, die ein Mensch nur haben kann. Mein Selbst schwankt zwischen Schüchternheit, Menschenscheu, Hochsensibilität, leichter chronischer Depression – und dieser anderen Sache. Manchmal sehe ich ihn, den alten Mann aus der Wüste, den Narr. Man könnte auch sagen, ich bin alt, noch bevor ich jung sein darf. Das ist seltsam und faszinierend, nicht wahr? Das ist ein Grund, warum ich hier schreibe, warum du das hier lesen kannst.

Schreiben ist für mich eine Medizin, um diesen Sturm, dieses nach innen gerichtete Chaos der Introvertiertheit nach außen zu tragen, um nicht daran zu zerbrechen. Von außen sieht man es nicht, ich kann plappern wie ein beschwipster Papagei oder mich in Schweigen hüllen wie eine Steinfigur auf der Osterinsel. Du wirst einen Blick auf mein wahres Ich nur über meine Schriftsprache erhaschen, denn nur dort schleicht es sich manchmal heran und hebt schüchtern die Hand, um dir mit einem stillen Lächeln im Gesicht zu winken.

Wie kann ich mich organisieren?

Mir hat das nie jemand beigebracht und immer, wenn ich jemanden frage, kriege ich Antworten und Ratschläge, die mir nicht helfen. Was hast du zu sagen, du Kobold? – wirst du mir vorwerfen, in der dunklen Vorahnung, dass ich dir nicht helfen kann. Und auch das ist wahr, ich kann dir nicht helfen, das kannst nur du selbst. Alles beginnt mit der einfachen Inception, diesem kleinen Gedanken: Was geschieht, wenn ich selber denke, und selbst entscheide, was ich mit meiner Zeit anfangen will?

Alles, was du zur Organisation brauchst, ist ein Dreimonatskalender, ein Schreibzähler, eine Sportliste, eine Ernährungstabelle, ein Haushaltsbuch und eine etwa DIN-A5 große Karte mit sechs Monaten in der Übersicht auf der Vor-und Rückseite, sowie jede Menge weiße DIN-A5 Zettel, ein Ordnersystem auf deinem Computer, mehrere Datenspeicher, zum Beispiel USB-Sticks (Stand 2017, die Zukunft wird besseres Material bringen), sowie ein analoges Ordnersystem bei dir im Regal.

Fast alle diese Dinge kannst du kaufen und ich kann dir versichern, sie sind ziemlich günstig. Überall bekommst du 500 Blatt weißes Druckerpapier für ca. 5 Euro. Schneide das in zwei Teile von DIN-A4 auf DIN-A5, nutze Vorder- und Rückseite und du hast 2000 Seiten für Notizen. Verwende eine kleine Schrift, wenn du dir Buchtitel, Webseiten, Namen, Nummern, Adressen, Gedanken, Triviales und Weltbewegendes darauf notierst – stell nur sicher, dass du auf jedes Blatt das aktuelle Datum in Tag, Monat und Jahr schreibst, damit du (oder andere) später noch den Überblick hast. Auch nach Jahren.

Es versteht sich von selbst, dass du deinen Sportplan und deine Ernährung auf deinen Körpertyp, dein Geschlecht, deine Größe, deine individuellen Probleme und Anforderungen abstimmen musst. Probiere dich aus und lass dich von Experten der Ernährungswissenschaft und Sportwissenschaft beraten. Achte auch auf einen gesunden Schlafrhythmus, den du für dich selbst individuell festlegst. Das alles schreibe ich nicht, um dich zu einem Streber oder Vorbild zu machen, sondern, um dir zu zeigen, was du machen musst, um die körperliche und geistige Fitness zu erlangen, die du brauchst, wenn du regelmäßig und über lange Zeitspannen schreiben möchtest. Und bitte lass die Finger von richtig harten Drogen – Bier, Wein, Whisky, Rum sind manchmal ok – das meiste andere da draußen nicht.

Es ruiniert deinen Körper und macht aus deinem Gehirn Matsch. Das sage ich dir nicht, weil ich selbst große Erfahrungen damit gemacht habe, sondern weil ich beobachte und mich für Biographien interessiere. So viele wunderbare Menschen wie beispielsweise Brian Jones sind daran gescheitert. Daher sollte keiner von uns in diese Richtung abdriften. Der einzige erlaubte Drift ist das Verschwinden in der Kreativität, denn es ist das, was uns auszeichnet, uns Verrückte, die nicht für Wissenschaft und Forschung, Ruhm oder Geld schreiben, sondern für Menschen, die gerne lesen und der Tristesse des Alltags für einige Stunden entfliehen möchten. Vielleicht ist es das Schicksal der Introvertierten, dorthin zu gehen, wo sich keine Menschenstimme mehr erhebt, wo man noch den Wind flüstern hört. Und er einem ganz langsam und geheimnisvoll den Ursprung von Angst und Qual erklärt, und was man dagegen machen kann als einfacher dummer Mensch.

Erster Teil – Leicht

Kapitel 2

Schreibort und Schreibzeit
(Wo schreibe ich und wann schreibe ich?)

Oft heißt es: Suchen Sie sich einen Raum, indem Sie gut schreiben können, finden Sie heraus, was für Sie gut ist! Ja … aber wie geht denn das, dieses „finden“? Und warum ist mir noch kein herausragender Text zum Thema Lichtstimmung untergekommen? Es ist nämlich ein himmelweiter Unterschied, ob man, um jetzt mal einen krassen Gegensatz zu konstruieren, nachmittags im Zug sitzt und schreibt, während gerade ein Kindergarten einsteigt oder man beispielsweise um 3 Uhr nachts bei vollkommener Stille im gedämpften Licht der einen kleinen Tischlampe Worte zu Papier bringt.

Solche Dinge sind fundamental wichtig, da sie direkten Einfluss auf den Autor und damit letztlich auf den Text haben. Wer diesen subjektiven Einfluss nicht kennt, kann sich eine ganze Geschichte kaputt machen, weil er schlicht nicht merkt, wie sich eine Stimmung auswirken kann. Man mag dies in die Kategorie „du hörst das Gras wachsen“ packen, doch eine kleine Gegenfrage: Wenn es tatsächlich keine große Rolle spielte, warum ist dann nicht jede geschriebene Geschichte innerhalb eines Genres von der Atmosphäre her gleich? Warum gibt es Autoren, die darauf schwören, dass zum Beispiel eine Geschichte, die mit Schreibmaschine getippt wurde, sich anders anfühlt beim Lesen, als eine, die am Computer getippt wurde?

Ausschlusskriterium Nummer 1 für den potenziellen Schreibraum ist der allgemeine Lautstärkepegel. Wo viele Menschen aufeinandertreffen entsteht Lärm und was viel bedeutender ist: Es entstehen zahllose Gespräche, denen man sich als Schreibender nicht entziehen kann. Ohne es zu wollen, funktionieren die Ohren ja weiterhin und versucht das Gehirn umgehend, das Gehörte zu analysieren. Dies führt zu eklatanten Konzentrationsstörungen, die das Schreiben so gut wie unmöglich machen.

Zwar mag es vielleicht Ausnahmen von der Regel geben, doch dürften Menschenmengen für einen Autor eher für die Erfahrungswerte entscheidend sein, wenn es darum geht später am geeigneten Schreibort Szenen glaubhaft und realistisch darzustellen. Selbst für einen Autor phantastischer Geschichten mag es von Nutzen sein, beispielsweise mal über einen Markt geschlendert oder an einem Bahnhof gewesen zu sein. (Zumal die Formel gilt: Bahnhof=Buchhandlung+leckeres Essen^^)

Als naheliegende Räume bleiben also solche übrig, die Menschenmassen und Lärm möglichst auf ein Minimum reduzieren. Zu diesen Räumen gehören klassischerweise: Die eigenen vier Wände, ein Büroraum mit „Bitte nicht stören“ als Aufschrift an der Tür, sowie öffentliche Gebäude wie Universitäten, Schulen oder Bibliotheken, in denen sich immer Arbeitsräume befinden. In dieser Aufzählung nicht aufgetaucht sind die viel zitierten „Schreibcafés“ Es mag stimmen, dass es solche kleinen gemütlichen und vor allem ruhigen Cafés gibt und es hat einen Hauch von Romantik, sich einen Autor an einem solchen Ort vorzustellen. Sofort taucht das Bild mit Füller und in Leder gebundenes Notizbuch auf. Oder noch klischeehafter: Die aus der Not heraus im Fieberwahn des plötzlichen Schreibanfalls beschrifteten Servietten.

In ungewohnten Schreibräumen wie Zügen oder Bushaltestellen können spezifische Faktoren hinzukommen, die man als Schreibender so gar nicht erwartet und daher nicht mit einkalkuliert hatte. In einem Zug tickt die Uhr mit, der Zeitdruck wächst, da man als Fahrgast ja irgendwo wieder aussteigen oder umsteigen will. Wer also vorhat, dennoch zu schreiben, ist besser beraten, wenn er eine längere Zugfahrt von über einer Stunde Länge für seine Zwecke nutzt und dann nach Stellen eines Timers kurzzeitig ins unbeschwerte Traumland des Schreibens verfallen kann (um wieder den romantischen Blickwinkel mit einzubeziehen.)

An Bushaltestellen oder anderen nicht eben abwegigen Orten an denen man als Schüler, Student, Arbeitnehmer etc. durchaus regelmäßig vorbeikommt, kann es wiederum andere Probleme geben. Vielleicht gibt es in den Abendstunden keine ausreichende Beleuchtung oder es gibt keine Heizung oder kein Dach. Wer einmal im Anbruch der Dämmerung längere Zeit irgendwo im Regen warten musste, der kennt dieses Gefühl, sich selbst verflucht zu haben. Wer hätte auch daran gedacht, einen Regenschirm und eine leichte LED Lampe mit auf die Reise zu nehmen? Und um das Bild mit den Servietten aufzugreifen: Als Vielschreiber ist es von Vorteil, immer irgendwo ein zusammengefaltetes Stück Papier sowie einen Kugelschreiber oder Fineliner dabeizuhaben. Es wiegt so gut wie nichts und in den Situationen wo es drauf ankommt, kann es Gold wert sein.

Persönlich bevorzuge ich die eigenen vier Wände zum Schreiben. Bushaltestelle, Bus, Zug, Bahnhof, Café, Park, Sportplatz, Mensa, Büroraum, Bibliothek, Bank in abgelegener Gegend usw. hatten immer ihre zahlreichen Probleme. Die eigenen vier Wände sind dagegen gemütlich, sie sind hell, sauber, trocken und vor allem ruhig – wenn man denn so will. Jedoch erwiesen sich die zahlreichen Plätze als teils wunderbare Gelegenheiten, Atmosphäre aufzusaugen oder ungestört lesen zu können.

Man schaue sich also die typischen Schreibzeiten an – und wie sollte es anders sein – scheint es Allgemeinwissen zu sein, dass Menschen Vormittags am leistungsfähigsten sind. Nicht ohne Grund werden zum Leidwesen aller Schüler genau deshalb die Unterrichtsstunden so früh angesetzt. Ebenso sind die meisten Arbeitszeiten wochentags so gesetzt, dass sie irgendwann zwischen 6 Uhr und 8 Uhr beginnen. Für viele Menschen mag das passend sein und ich kenne viele Leute, die sagen: Wenn ich abends heim komme, dann bin ich fix und fertig mit der Welt und will einfach nur noch abschalten. Schön und gut. Vor allem Menschen, die laut Schlafforschung zu den Lerchen gehören, also früh ins Bett gehen und dann wiederum früh am nächsten Morgen aus den Federn hüpfen, profitieren davon.

Dann gibt es bestimmt viele die irgendwann im Laufe des Vormittags in Schwung kommen und bis zum späten Nachmittag arbeiten können. Aber was macht man denn nun, wenn man wie ich vom Typ her eine Eule ist und häufig gegen 22 Uhr oder 23 Uhr die besten Ideen anklopfen? Ganz einfach: Man bereitet alles so vor, dass man eben genau dann schreibt. Wenn man dann noch Schlafrhythmusstörungen vermeiden möchte, bietet es sich an, Schreibphase und Redigierphase, also das strenge Korrigieren des eigenen Textes bis ins kleinste Detail, auf den nächsten oder übernächsten Tag zu verschieben.

Abends und dann weitergehend in der Nacht ist es oftmals angenehm ruhig, da die meisten Menschen aufgrund der typischen „9 to 5“ Jobregelung unter der Woche schlafen. Wer also abends schreibt, kann sich gewiss sein, nicht gestört zu werden, was der Konzentration auf das Wesentliche dienlich ist. Der vollkommene Verzicht auf andere Menschen in der einsamen Stille der Nacht wirkt zudem meditativ, die Gedanken kreisen und tauchen plötzlich in faszinierend tiefgründige Sphären ab. Wer also am Abend und dann in der Nacht schreibt, entgeht der Hektik des Alltags, entflieht der medialen Dauerbeschallung und schweift mit seinen Gedanken nicht alle paar Minuten ab. Somit können in der Nacht ganz eigene Geschichten entstehen, die sich sicherlich von den am hellichten Tage entstandenen „alltäglichen“ Geschichten abheben. Gerade, wenn gefühlt neun von zehn Texten auffallend ähnlich sind, sowohl was den Stil anbelangt, als auch was der kritische Blick auf den Inhalt verrät, kann eben die zehnte Geschichte glänzen. Mit Sicherheit wird sie einen anderen Inhalt haben und deshalb auf Interesse der Leser stoßen, da das Andere, das Neue, das Exotische immer die Neugierde in der Natur des Menschen wachruft.

Und dann ist da eben die Sache mit dem Licht. Tagsüber vor allem im Sommer kann es geradezu gleißend hell werden. Für viele Texte mag das keine Rolle spielen, und wer zum Beispiel über Aufzucht und Hege von Regenwürmern schreibt, wird sich an so etwas wie zu viel Licht gewiss nicht stören. Wer aber eine Geschichte mit phantastischem Hintergrund erschaffen möchte, wird merken, dass es verflixt schwer ist, sich ein gemütliches Lagerfeuer an einer Lichtung bei Einbruch der Dämmerung vorzustellen oder seltsame Gestalten zwischen Friedhof und Schrottplatz gegen Mitternacht treffend zu beschreiben. Oder man stelle sich die Atmosphäre einer Notstrombeleuchtung nach dem nuklearen Fallout der postapokalyptischen Welt vor. Da kommt es einem beim Schreiben entgegen, wenn man die Einsamkeit der Nacht nutzen kann, wenn man auf eine sparsame Lichtquelle, wie etwa eine von sich weg gedrehte Tischlampe, zurückgreifen kann.

Um an dieser Stelle jedoch nicht in eine einseitige Sicht der Dinge zu verfallen sei gesagt, dass andere Szenen andere Bedingungen voraussetzen. Man nehme zum Beispiel beliebte Orte für Romanzen wie Parks, Restaurants, Wohnräume und dergleichen. Möchte man so etwas treffend beschreiben, bietet es sich selbstredend an, sich eben tagsüber an genau solche Orte zu begeben, um ein Gefühl für die Szenerie zu bekommen. Gleichwohl hat man als „Abendschreiber“ den Vorteil, dass man dann das am Tag gesehene nicht nur beschreiben, sondern gleich auch mit tiefsinnigen, da länger überlegten Gedanken würzen kann. Noch ergiebiger wird das Ganze, wenn man sich bereits am Tage vor Ort erste Notizen gemacht hat. Im Übrigen kann es sinnvoll sein, im Internet nach Fotos, Videos und Musik zu suchen, um sich eine Szene samt Atmosphäre besser vorstellen zu können.

Erster Teil – Leicht

Kapitel 3

Grammatik
(Wie schreibe ich richtig?)

Du liest gerade diesen Text. Vielleicht bist du auch gerade angeödet oder es ist dir zu viel Text auf einmal, also verschiebst du deine Leserunde auf ein anderes Mal, und wirst zu diesem Text hier irgendwann in unbestimmter Zukunft zurückfinden. Dann erinnerst du dich Monate oder Jahre später, dass da mal dieser Text war und du kehrst zurück, gedrängt von einer trügerischen Erinnerung aus grauer Vorzeit. Damit hätten wir bereits das erste und vielleicht wichtigste Phänomen der Grammatik erkannt: Den Verlauf der Zeit.

Genau so wie du gelesen hast, gerade liest und lesen wirst, genau so kann ein Text in die verschiedenen Zeitdimensionen vorstoßen, und damit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in den Moment des Jetzt befördern. Klingt komisch? Dann lies Homer und urplötzlich sind für dich die Mythen aus nebelumwaberter Vorzeit so aktuell wie die Tagespolitik in den Medien.

Aber noch einmal von vorn. Grammatik, was ist das eigentlich? Handelt es sich dabei um gewöhnliches Essen oder ist es ein Gewürz, auf das nur die gehobene Schreibküche zurückgreift?

„Wörter müssen also in bestimmter Weise geformt und angeordnet werden, damit richtige Sätze entstehen, und dies geschieht nach bestimmten Regeln. Die Gesamtheit dieser Regeln nennt man Grammatik.“ (S.46)

Aha, soso, und wozu brauche ich Regeln, wenn ich mich doch rebellisch verhalten kann? Immerhin rede ich Woche für Woche mit Menschen, kommuniziere mit Händen und Füßen, Lachen und Weinen, Ironie, Sarkasmus und generell mit Doppeldeutigkeiten und Humor. Wozu also so ein lästiger Überbau von irgendwelchen Dogmen?

Der Duden Grammatik gibt folgendes Beispiel. Ich finde, es ist ziemlich einleuchtend:

„1. Haus der mit sprechen das Besitzer der gestern Mieter.
2. Der Besitzer das Haus sprechen gestern mit der Mieter.
3. Der Besitzer des Hauses sprechen gestern mit der Mieter.
4. Der Besitzer des Hauses sprechte gestern mit der Mieter.
5. Der Besitzer des Hauses sprach gestern mit den Mieter.
6. Der Besitzer des Hauses sprach gestern mit dem Mieter.
7. Der Hausbesitzer sprach gestern mit dem Mieter.“ (S.45)

Wir sind uns hoffentlich alle einig darüber, dass nur Satz 6 und Satz 7 korrekt sind, und Satz 7 obendrein ein klitzekleines bisschen besser klingt, weil hier die Chance genutzt wurde, die umständliche Genitivkonstruktion zu entschärfen. An sich ist der Genitiv nicht schlimm, allerdings lernt man auf die Art, die Augen offen und vor allem wach zu halten. Später ist das dann nützlich, wenn man zum Beispiel mehrere Genitivkonstruktionen hintereinander hat. Dann weiß man, wie man das ganz leicht umstellen kann, damit es sich freundlicher liest. Sätze haben auch Gefühle und wollen sich von ihrer Sonnenseite zeigen!

Im gleichen Kapitel zeigt der Duden übrigens, wie Satzumstellungen funktionieren – analog zum Beispiel oben.

„Der Mieter des Hauses sprach gestern mit dem Besitzer.
Mit dem Besitzer des Hauses sprach gestern der Mieter.
Gestern sprach der Besitzer des Hauses mit dem Mieter.
Sprach der Besitzer des Hauses gestern mit dem Mieter?“ (S.46)

Zu diesen Regeln gehört zum Beispiel das Wissen über die richtige Rechtschreibung (Groß- und Kleinschreibung, seid/seit, Varat/ Fahrrad usw.), die richtige Zeichensetzung (Alle Jahre wieder setzt ein Komma sich in den Satz hernieder, wo der Wicht erbricht *sing*), das Wissen über Zeitformen (Gestern hatte ich geschlaft; Jetzt gerade hatte ich mich erinnert, einen Text geschrieben haben zu werden; Morgen hatte ich angeln gehen). Hinzu kommen die verschiedenen Formen, in die sich Nomen je nach Fall (Kasus) begeben können:
Beispiel:
Singular: (Einzahl – ein Hufeisenschmuggler)
(Wer oder Was hat die Bank ausgeraubt?)
Nominativ – der Hufeisenschmuggler
(Wessen Gepäckstück habe ich gefunden? Das Gepäckstück …)
Genitiv – des Hufeisenschmugglers
(Wem habe ich beim Dynamitherstellen geholfen?)
Dativ – dem Hufeisenschmuggler
(Wen oder was habe ich beobachtet, als die Hufeisen schepperten?)
Akkusativ – den Hufeisenschmuggler
Plural: (Mehrzahl – Warum sollten die Kerle/Kerlinnen und Kerlix/en immer nur alleine durch die Lande räubern?)
Nominativ – die Hufeisenschmuggler
Genitiv – der Hufeisenschmuggler
Dativ – den Hufeisenschmugglern
Akkusativ – die Hufeisenschmuggler

Einen großen Teil nehmen dann noch die Verben ein. Ihr kennt das Spiel noch aus der Schule:
Ich trinke, ich trank, ich war betrunken …

Und dann natürlich diese ganzen Pronomen, Adjektive, Adverbien, Partikel und wie der ganze Kram heißt. Hinzu gesellen sich die ganzen Konstruktionen auf der formalen Ebene. Subjekt, Prädikat, Objekt, Partizipien, Satzgefüge, Attribute und dieser ganze Kram, der nur dann seine Trockenheit verliert, wenn man selber nicht trocken ist.

(An der Stelle sei kurz darauf hingewiesen, dass es der Duden beinahe geschafft hätte, so etwas wie ‚Präpositionalergänzung‘ romantisch zu gestalten. So heißt es: „Ich warte auf dich. Ich denke an dich.“ Hach, schön, nicht wahr? Ein Träumchen. Und dann der dritte Satz: „Ich rechne mit dir.“ (S.369) Sollte ich es mal schaffen, in ein Blind Date zu kommen, obwohl ich noch klar genug sehen kann, werde ich den Spruch mal bringen. Am besten kurz vorm Ende, wenn im Restaurant die Rechnung kommt …)

(Nebenbei sei bemerkt, dass ich autodidaktisches Lernen super finde. Wenn du mal krank bist, verpasst du nichts. Wenn du lieber am späten Abend und in der Nacht lernst, dafür den Vormittag verpennst, kannst du das tun, ohne, dass es dir zum Nachteil gerät. Du kannst dir deine Lehrer selber aussuchen und lernst damit auf jedem Gebiet nur mit freundlichen Menschen, die cool drauf sind und dabei jede Menge Ahnung haben. Außerdem hält dich kein gestörter Idiot auf und arrogante Klughäufchensetzer verdreifachen nicht auf einmal das Tempo, stellen bizarre Fragen oder wechseln das Thema häufiger als ihre Unterwäsche.)

Und warum brauche ich als Autor Grammatik?

Mein Duden Pur (das ist die kleine abgespeckte Variante des dicken Backsteinbuches – wunderbar, um zwischen Tür und Angel einen Blick hinein zu wagen), den ich hier im Regal in greifbarer Nähe stehen habe, führt gleich mehrere gute Gründe ins Feld:

1. „In Berufen, die einen korrekten und sicheren Umgang mit der deutschen Sprache erfordern“ (Vorwort)

Bingo, wer wenn nicht ein Autor, gehört zu einem Beruf, in dem man schreiben können muss? E-Mails, Briefe, Klausuren – uns allen ist bewusst, dass es Situationen gibt, in denen sich eine möglichst perfekte Grammatik anbietet. Ob man dagegen in der Freizeit unbedingt eine gute Grammatik braucht, sei mal dahin gestellt. Aus meiner Sicht geht es in der Freizeit eher um korrekte Fakten und Angaben. Dass ich kurz vorm vereinbarten Grillen ausversehen ‚würstchen‘ kleingeschrieben habe, dürfte wohl in allen Fällen egal sein. Wenn sich dann aber alle um den Grill versammeln und es sich herausstellt, dass zu viele oder wenige Würstchen (von sanft entschlafenen Tofumolekülen natürlich) oder zu viel oder wenig Grillkäse vorhanden ist, weil sich jemand nicht präzise ausdrücken konnte, ergibt sich ein unnötiges Problem.

2. „Wenn man an die neuen Kommunikationsmittel wie E-Mail, SMS und Twitter denkt“ (ich füge noch facebook, whatsapp, reddit, youtube, amazon und all die anderen hinzu – es gibt sogar Gerüchte, wonach Briefe, Morsezeichen, Lichtcodes und Rauchwolken überm Lagerfeuer noch längst nicht ausgestorben sind) „kommt es darauf an, dass man seine Muttersprache (bzw. Deutsch als Zweitsprache) schriftlich und mündlich beherrscht. Und Voraussetzung dafür ist ein Grundwissen über den Aufbau“ (Beides aus dem Vorwort)

Das ist sogar der naheliegendste Grund wie ich finde. Die meisten Menschen nutzen das Internet, die meisten Menschen reden miteinander. Nicht nur mündlich, sondern eben auch schriftlich, und so, wie man lernt, jemanden im mündlichen Gespräch nicht anzuschreien oder anzuhusten, sollte man dieses Wissen gleichfalls auf die schriftliche Form des Gespräches anwenden.

3. „Dass jemand, der über grammatisches Wissen verfügt, besser sprechen, schreiben und verstehen kann.“ (S.47)

4. „Wer über grammatisches Wissen verfügt, kennt damit die unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache. [Anmerkung: Es käme mir sehr gelegen, wenn sie ihren Champagner austränken, meine Mansion durch den Hinterausgang verließen – mein Freund, der sehr feine Herr von und zu Zuvonto wird ihnen gerne den Weg mit seinen Silberstiefeln weisen – und sich dann so schnell als nur irgend möglich von meinem Grundstück entfernten, bis nicht einmal mehr der Geruch des Windes von ihrer Anwesenheit zu künden vermag – Sie Fotze!] Er muss Sprechen und Schreiben nicht dem augenblicklichen Einfall überlassen, sondern kann auswählen, kann bewusst entscheiden, welche sprachlichen Mittel er in einem bestimmten Zusammenhang gebrauchen will, kann sich genau, aber auch abwechslungsreich ausdrücken, kann gezielt seinen Stil verbessern und kann die Sprache anderer bewusster aufnehmen und damit besser verstehen. Und wer die geschriebene oder gesprochene Sprache anderer beurteilen muss oder will, also beispielsweise etwas aussagen will über die Sprache eines Zeitungsartikels, eines Geschäftsbriefs, eines Protokolls, eines Fachbuchs, eines Schülers, eines Schriftstellers, eines Politikers oder eines Bekannten, der braucht dazu grammatische Kenntnisse.“ (S.48)

Einem Leser, der sich mit Grammatik, Logik und Stil beschäftigt, sollte bereits aufgefallen sein, dass ich die ganze Zeit schon versuche, mit Tricks und Kniffen das Unterbewusstsein desjenigen zu manipulieren, der gerade diese Zeilen liest. Kauf dir einen Duden Grammatik und stell ihn dir ins Regal. So oder so ähnlich lautet die Botschaft auf der versteckten Kommunikationsebene. Als Zutaten sieht man ganz eindeutig einen eher lockeren Tonfall und hier und da ein wenig Verballhornung der Thematik, um nicht zu sehr in den Ernst der Grammatik zu verfallen. (Was auch immer der arme Ernst jetzt mit der Grammatik zu tun hat. Entschuldige, mein Freund!) Manipulatives Schreiben ist eine delikate Angelegenheit, und vielleicht komme ich in Zukunft noch einmal darauf zurück.

Ich bin übrigens selber kein Freund von Grammatik. Irgendwie hat es die Schule damals geschafft, mir das Thema derart madig zu machen, dass ich immer einen Bogen darum schlug. Erst als ich dann beim Schreiben feststellte, dass ich womöglich besser schreiben könnte, wenn ich wenigstens die grundlegenden Regeln beherrschen würde, hatte ich von mir selbst ausgehend die Motivation, mich mit Grammatik zu beschäftigen.

Ich bin außerdem an der Stelle ehrlich und sage von meiner Seite aus, dass für die meisten Menschen solide Grammatikkenntnisse völlig ausreichend sind. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass ich mit dem Bruchteil des Wissens, den ich kenne, sehr gut lektorieren und redigieren kann. Wenn man noch mehr Wissen anhäuft, will man dann wohl Germanistik gründlich studieren, um später als pingeliger Erbsenzähler die Fehler im Duden zu korrigieren. Es gibt jedoch auch weitaus edlere Felder, vor denen ich meinen Hut ziehe, weil sie extrem fordernd sind.

Da draußen leben Menschen, die mehrsprachig aufwachsen, dann Grammatik und Sprachen studieren, und schließlch als Dolmetscher und Übersetzer arbeiten. Besonders die Simultanübersetzer und die Übersetzer für gerichtlich vereidigte Dokumente tun mir immer ein bisschen leid, denn diese Leute können sich mit winzigen Fehlern in den Ruin treiben. Wir alle wissen, dass vor Gericht jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird, denn in einem Streit haben natürlich immer alle Seiten recht. Wer dann ein Wort unterschlägt oder schwammig interpretiert, macht sich angreifbar. Wie gut also, dass wir nur dumme Autoren sind, die lediglich ihre Texte lesbar gestalten wollen …

Grammatik schult man meiner Meinung nach sowieso nicht, indem man innerhalb von einer Woche alle Regeln durchpeitscht, und nach zwei durchwachten Nächten, mehreren Kaffeekannen und stundenlangen Prüfungen eine Klausur besteht. Man kann es sich eher vorstellen, wie das Betrachten von Blumen und Sträuchern in Parkanlagen. Irgendwann interessiert man sich für die Farben und Formen und will wissen, wie das alles heißt. Dann schlägt man kurz nach und hat wieder neues Wissen erworben.

Es ist unabdingbar Grammatik in Häppchen aufzunehmen, dafür jedoch regelmäßig. Meine Methode ist recht simpel, hat mir aber schon einiges gebracht. Da ich sehe, wie katastrophal die Grammatik im Internet streckenweise ist, kann ich jeden nur ermutigen, meine einfache Methode zu übernehmen. Sie besteht aus zwei Grundsätzen.

1. Bevor du einen Text abschickst, lies diesen Text dreimal Korrektur. Wenn es sich dabei um einen längeren Text handelt, speicher den Text zwischen, damit du ihn nicht verlierst. Und mach in gewissen Abständen Absätze rein, wenn der Text für den Bildschirm gedacht ist. Das liest sich angenehmer. Du wirst beim Ausprobieren schnell herausfinden, was ich meine. Gerade, wenn du ’nur‘ eine SMS oder Whatsapp Nachricht tippst, zahlt sich diese eiserne dreifach Korrekturlesung nach einer gewissen Zeit aus. Andere Menschen verstehen sofort, was du zu sagen hast, und du erhältst sinnvolle Antworten. Das typische mehrfache Nachfragen und die Missverständnisse werden reduziert. Und als netter Nebeneffekt ergibt sich, dass du seriös und auf angenehme Weise fleißig wirkst. Andere Leute werden sehen, dass du dir Mühe gibst, und sich an dir ein Beispiel nehmen. Es kann also passieren, dass auch andere anfangen, an ihren Texten zu feilen, wenn du damit anfängst. Auch wenn es sich nur um die zwei kleinen Sätze im Chat handelt, bei dem es um nicht viel geht.

2. Beim Schreiben selbst achtest du möglichst wenig auf die Grammatik. Wenn du dann jedoch Korrektur liest und etwas nicht verstehst, dann denk dir nicht ‚ach egal jetzt‘, sondern schlag genau dieses Problem nach. Kannst du es nicht lösen, nimm eine andere Formulierung und notiere dir das Problem für später. (Auf diese Art und Weise habe ich dann irgendwann mal kapiert, in welchen Fällen man ein Komma vor ein ‚und‘ setzt – hoffe ich jedenfalls)

Es empfiehlt sich, diese beiden Punkte immer durchzuführen, denn damit verbessern selbst Holzköpfe wie ich ihre Kenntnisse in Rechtschreibung, Zeichensetzung, Tempusformen und diesen ekelhaften Dingen.

Zwei kleine Randnotizen habe ich noch:

Erstes Zitat:

„Die Meinung, Grammatik sei langweilig, bildet sich meist in der Schulzeit, und zwar vor allem deshalb, weil Grammatik besonders in den unteren Schulklassen behandelt wird und Schüler in diesem Alter meist andere Interessen haben. Dazu kommt, dass oft Einzelheiten gelehrt werden und den Schülern häufig die grammatischen Zusammenhänge und der Sinn des Grammatikunterrichts nicht klar werden.“(S.49)

You don’t say, captain. Moment mal … habt ihr gerade unserem Bildungssystem eine Schelle verpasst? Ich bin … also … wow. Endlich sagt es mal jemand. Als Schüler ist man gegenüber Eltern und Lehrern ja am kürzeren Hebel und als junger Erwachsener stellt man dann fest: Ja, das, was du dir als Schüler immer heimlich gedacht hast, stimmt tatsächlich, die Experten bestätigen es schließlich.

Es ist also genau meine Meinung (endlich mal!), und im Übrigen die Meinung, die ich bisher von jeder Person eingeholt habe – Menschen mit germanistischer Ausbildung mal ausgenommen. Für solche Feinheiten wie den Konjunktiv 1 interessiert man sich doch sowieso erst, wenn man reif genug ist, um seinen Mitmenschen mit Ironie, Sarkasmus und schwarzem Humor das Leben schöner zu machen.

Das zweite Zitat, das sich direkt an das erste anschließt:

„Wenn man sich jedoch von dem Vorurteil, die Beschäftigung mit Grammatik müsse langweilig sein, frei macht, erkennt man schnell, dass es sehr interessant ist, sich mit dem Bau und den Funktionen einer Sprache zu befassen, so wie es interessant ist, sich mit der Struktur einer gotischen Kathedrale, eines Gedichts von Goethe oder einer Sinfonie von Beethoven zu beschäftigen.“(S.49)

Ich muss an der Stelle mal deutlich werden: Der erste Teil ist eine Lebensweisheit, die jeder Mensch auswendig lernen sollte. Zündet eure Vorurteile an, versucht, die Welt durch die Augen anderer Menschen zu sehen, und gebt allem noch mal eine Chance, bevor ihr lästert oder andere Lebensweisen verhöhnt, anfeindet oder gar angreift. (Vegetarier sind zum Beispiel keine schlimmen Menschen. Auf dem Grill schmecken sie ausgezeichnet. Wenn auch nicht so gut wie Bratwurst aus Weimar)

Der zweite Teil ist jedoch hoffnungslose Sozialromantik. Ja, Beschäftigung mit Grammatik ist notwendig, vor allem, wenn man regelmäßig Texte schreiben möchte. Nein, es macht keinen Spaß, bringt keine Freude und hat rein gar nichts Verzückendes an sich. Wäre es angenehm und leicht, würden mehr Menschen solide Grammatikkenntnisse besitzen. Grammatik ist mit Sport zu vergleichen. Es ist anstrengend, doch es lohnt sich nach gewisser Zeit des Übens.

Zum Abschluss nehme ich dieses Zitat als Schlusswort:

„Im Übrigen bedeutet die Beschäftigung mit Grammatik nicht, dass man sich alle Einzelheiten merkt, sondern dass man die wichtigen Zusammenhänge versteht. Es ist daher sinnvoll, dieses Buch zunächst einmal ganz oder in Teilen durchzuarbeiten und es dann als Nachschlagewerk zu verwenden.“ (S.49)

Also stimmt mein Bauchgefühl doch. Nicht Wissen reinprügeln, sondern nach und nach aneignen, lernen, verstehen – und merken.

Das Buch findet man übrigens mit Hilfe dieser Angaben:

Ursula und Rudolf Hoberg, Duden – Deutsche Grammatik, in: Dr. Kathrin Kunkel-Razum, Monika Schoch (Hg.), DUDEN PUR – Deutsche Grammatik, Dudenverlag Berlin, Mannheim, Zürich 2011.
ISBN:978-3-411-74881-5
www.duden.de

Erster Teil – Leicht

Kapitel 4

Schreibstil
(Wie schreibe ich „schön“?)

Seine schwarzen Augen drangen in meine schwache Seele wie die lustvolle Vorhut eines Speeres. Sein Parfüm roch verführerisch herb nach Holz, Moos und Mann.
»Komm mit, du wirst es nicht bereuen«, raunte er mir brummelnd und lustvoll ins Ohr. Ich wurde ganz hibbelig, und meine Beine so schwach, wie das Geschlecht, das ich besaß. Rotkäppchen durfte nicht auf den Wolf hören, doch warum hatte meine Oma mir nicht gesagt, dass der Wolf ein Sixpack hatte und einem den Verstand raubte, während es untenrum seltsam zu kribbeln begann? Meine Stimme war ein heiseres Flüstern, kaum fähig einen Satz zu bilden:
»Wohin?«
»Ins Paradies.«
»Hast du einen Apfel und bist du eine Schlange?«
»Ich bin kein Apfel, aber … eine Schlange habe ich …«
Er zog mich fort wie in einem Traum, doch das Pulsieren der Lust war alles andere als verschwommen und weit entfernt.

Cut

Heptenheim. Der ABC Spitzenkandidat Heribert Wollknäuel ist überraschend vom Amt des Parteivorsitzenden zurückgetreten. Das Amt übernimmt der bisherige Europapolitiker Apfel Birnenses, wie die Parteispitze durch ein Interview im ‚Hohlen Papier‘ am frühen Donnerstagmorgen bekannt gab. Der Wechsel an der Parteispitze kommt überraschend und war den Mitgliedern der Partei vorher nicht durch die Parteiführung mitgeteilt worden. Wollknäuel hatte zuletzt in Umfragen deutlich gegen die Ranzler-Kandidatin der BSE, Frau Mundwinkel von Nichtfragen, zurückgelegen. Birnenses gilt vielen Beobachtern, Experten und Popolitikern als charismatisches Naturtalent, das die ABC im Saalkampf gegen die BSE zur Führerkraft machen könnte. Hochrangige Mitglieder der BSE teilten bereits mit, man solle den Tag nicht vor dem Abend verlabern und Freiheit sei schon immer ein Grund zur Sorge gewesen, man werde die Vernunft sorgfältig in der Nase behalten und weiterhin für den Wähler beten. Die Opposition sieht die Nominierung dagegen kritisch. Rolf Stöpsel vom WWW: „Wer meint, dass man mit Glauben eine Religion am Leben erhält, der wird auf lange Sicht gegen die Vertreter des Friedens verlieren.“ Andere Schwerpunkte setzte Blondina Adler von der Abschaffung des Abendlandes: „Wir finden es falsch, dass ein nicht blauer Mensch zur Wahl gehen darf. Das ist die falsche Kammer. Wir müssen die Mehrheit des Volkes, das alternative Kammern will, endlich mit erhobenem Arm zum Protest führen.“

Cut

»Nun, Batson, welchen Eindruck konnten Sie von unserem ehrenwerten Besuch zu so später und ungewohnter Stunde gewinnen? Ich bin sehr neugierig auf Ihre Meinung.«

»Sie wissen so gut wie ich, dass Sie bereits mehr Annahmen getroffen haben, als ich mit meinem Zwillingsbruder zusammen ausknobeln könnte, Merlock«, sagte ich bescheiden und wartete auf eine Beschwichtigung. Aber alles, was von Merlock kam, war ein mildes, geradezu bubenhaftes Lächeln.

»Nun, Batson, Beobachtung ist die Gabe des Schusters, der sich mühevoll beibringt, die Leisten richtig abzuklopfen. Man kann es nicht genug üben. Ich möchte nicht von der Hand weisen, dass Sie, mein lieber Freund, mit Ihrer Ansicht meine Fähigkeiten ganz richtig einzuschätzen vermögen. Doch will ich aus einem anderen Grunde Ihre Meinung einholen.«

»Und der wäre?«

»Sie sind Arzt, Batson, und Ihnen dürfte ebenso wie mir nicht der gekrümmte Rücken, das teigige, schweißnasse Gesicht und die raspelnde Stimme des Grafen entgangen sein. Ebensowenig, wie ich in Kenntnis Ihres ärztlichen Scharfblickes davon ausgehe, dass Sie auch nur eine Sekunde glauben, dieser Mann sei in der Lage, längere Strecken zu Fuß zurückzulegen oder sich gar in Übungen der Leibeskraft zu ergehen. Unsere Fragestellung muss sich also wie folgt darbieten: Welches kürzlich zurückliegende Ereignis hat den Grafen in einen solchen Zustand getrieben? Nun, Batson, ich bin ganz Ohr ob Ihrer Theorie.«

Cut

Der Schreibstil ist die Wurzel des Grundes, das verantwortliche Ärgernis, weshalb Leser einen Text nicht zu Ende lesen, keinen Kommentar zum Text verfassen, sich später nicht mehr an den Text erinnern, und wenn, dann nur abschätzige Bemerkungen für den Text übrig haben. Schreibstil ist der Inhaltsstoff des Sandes vom Sandmann, jene Zutat, die schläfrig macht und die Augen schlaftrunken verklebt. Schreibstil kann aber auch der Grund sein, warum sich Leser die Augen blutig lesen, sich sexuell erregt fühlen oder sich einfach nur mit Genuss, diebischer Freude und Hingabe einem Text widmen. Schreibstil ist der Grund, warum einige Autoren weltbekannt werden und andere in der Versenkung verschwinden.

Ein gelungener Satz, der Wahrheit enthält, baut immer auf einem Verb oder mehreren Verben auf. Das Zweitwichtigste sind aussagekräftige Substantive, die Bilder, Gefühle, Assoziationen und Werte vermitteln. Dann komme ich oder du oder wir beide, damit wir uns über das jeweilige du wundern können, wenn wir sie im Spiegel sehen, ihnen gegenübertreten, und ihr euch fragt, worin eigentlich der Sinn von Pronomen liegt. Erst im Anschluss bahnt sich der verkaterte Rest seinen Weg und übt besoffen seinen Dienst aus, auf den der Autor im Notfall verzichten kann.

Sätze sollten überwiegend im Aktiv und nicht im Passiv geschrieben werden. Also nicht so wie dieser Satz gerade. Jeder Leser fragt sich sonst: Von wem? Wer soll nicht im Passiv schreiben? Was soll das unter den Teppich wichsen? Also: Autoren sollten überwiegend nicht im Passiv schreiben. (Und ich dachte schon, es ginge um Krabben mit Augenklappen. Obwohl – so rein in der Theorie ist vieles möglich … )

Sätze sollten im Großen und Ganzen weder überaus verschachtelt sein, noch aus Ellipsen und Einsilbigkeit bestehen. Beides wirkt auf Dauer seltsam und befremdlich. Zwar gibt es für die Satzlänge keine feste Größe, jedoch ist das laute Vorlesen ein super Indikator. Wenn man seinen eigenen Text laut liest und ständig stoppen muss oder ständig nach Luft hecheln muss, dann gibt es irgendwo Probleme im Satzbau.

Ewiglange Wörter sollte ein Autor vermeiden, denn die kann sich kein Mensch merken. Es hat schon seinen Grund, warum wichtige Wörter kurz sind. Vater, Mutter, Kind und Kegel, Haus, Feuer, Licht, Donner, Blitz, Geld, Liebe, Lachen, Weinen, Essen, Trinken, Schlaf, Gericht, Staat, Politik, Arbeit, Freunde, Heirat, Leben, Tod usw. In Fachtexten oder wenn es nicht anders geht, muss man natürlich auf Deregulierungen zurückgreifen, um eine Hyperventilation einer Gedankenauswanderungsbeischlafbehörde ebenso beschreiben zu können, wie sie stattfindet.

Satzeinschübe sollten, sofern man plant welche einzubauen (5 Wörter), nicht länger als sieben Wörter im Schnitt sein.

Man sollte möglichst in Pfeilrichtung schreiben. Erst kommt A, dann B und dann C. Wobei man mit Reihenfolge und Durcheinander spielen kann. Blümchentex(t) ist schließlich auf Dauer langweilig.

Die kompakte Übersicht über alle wesentlichen Schreibstil-Regeln findet der interessierte Nachwuchsautor in: Wolf Schneider – Deutsch für junge Profis.

Ich möchte anmerken, dass die zeitraubendste Übung der Umgang mit Adjektiven und Adverbien ist. Mit Verben kann ich sofort Geschichten erzählen:

fliehen, fallen, verstecken, abwarten, angreifen, wegrennen

Jeder Leser hat bereits Ideen im Kopf. Wer flieht wovor? Wer fällt und wovon runter? Wer versteckt sich und wieso ist das notwendig, sich zu verstecken? Wer wartet wo auf was ab? Wer greift wen an und womit und weshalb? Wer rennt weg und warum und wer rennt hinterher oder rennt jemand hinterher und wohin wird gerannt? Fragen über Fragen. Wenn ich jetzt noch einfüge, dass ich die Person bin oder du oder wir oder sie, haben wir handelnde Akteure. Gebe ich diesen Akteuren Namen wie Max und Anne, kann ich schon präzise angeben, dass vielleicht Max aus Annes Schlafzimmerfenster gefallen ist. Dass er vor ihrem wütenden Freund flieht, sich im Gebüsch versteckt, auf den passenden Moment zur Flucht aus dem Hof wartet, und notfalls bereit ist, Peter (so heißt nämlich Annes Freund)anzugreifen, bevor er rennt, was das Zeug hält.

Wozu braucht man dann also noch Adjektive und Adverbien oder andere Konstruktionen um Partizip I und Partizip II? (Diese Dinger wie zum Beispiel: ‚Vor Verlegenheit schüchtern lächelnd‘, ‚Von Jubel, Trubel und Heiterkeit begleitet‘) Die Antwort: Um die Nuancen und Details auszuschmücken!

Dabei funktionieren diese Dinger als Attribute, also als nähere Festlegung und genauere Beschreibung der bereits feststehenden Wortarten der Substantive und Verben. Wenn ihr also in eurem Text mehr aussagen wollt, als ihr es bisher konntet, dann fangt an viele verschiedene Verben und viele kurze bis mittellange Substantive einzubauen.

Also nicht:
Das düstere, bewölkte Wetter nahm immer immensere und eindrucksvollere Ausmaße an.

Sondern eher:
Das Gewitter brach mit Hagel, Blitz und Donner über unserer Wellblechhütte herein.

Der Witz an der Sache ist jetzt der, dass ihr beim Finden der trefflichsten Attribute teilweise Worte neu erfinden könnt. Kann jemand nicht nur ‚goldrichtig‘ liegen, sondern auch ‚rubinrichtig‘, ’silberrichtig‘ usw.? Oder man nehme diese tollen Umschreibungen bei Homer. ‚vielschlau‘, ’speerberühmt‘, ‚fußschnell‘ usw.
(Übrigens kann man auch Substantive zusammenleimen. Ich bin ja dafür, dass wir alle solche Vokabeln hier in Umlauf bringen sollten: ‚Faktenpresse‘, ‚Einwanderungsboom‘, ‚Abnäherung‘, ‚Bildungskrise‘, ‚Finanzrassismus‘, ‚Trump-Karte’usw.)

Doch auch bekannte Adjektive und Adverbien lassen sich mit ein wenig Übung auf erfreuliche Weise so einsetzen, dass sie keinen garstigen Effekt erzielen, sondern einen wunderlichen.

Nehmen wir ein Beispiel. Sagen wir, ihr wollt etwas über ein Feuer schreiben. Und zwar ein Lagerfeuer, um genau zu sein. Dann schreibt ihr bitte nicht:
Das Feuer war warm und brannte hell.
Oder:
Das warme, helle Feuer.
Oder:
Das Feuer war hell und brannte und war warm.
(Es sei denn ihr macht einen auf Hemingway und wollt diese Banalität betonen. Dann empfiehlt es sich, sowas zu schreiben. Oder alternativ: Das Wasser war flüssig. Die Luft war klar und durchsichtig. Das Essen machte satt.)

Normalerweise sollten sich aber folgende Fragen ergeben:
Welches Feuer ist nicht hell und nicht warm?
Wie kann Feuer brennen? Das Brennen ist doch bereits die Folge einer gänzlich anderen Ursache, nämlich dem knackenden Klagen von stummen Holzscheiten.

Vielleicht liegt das schon an meinem Schreibstil-Fetisch, aber ich habe immer das Bedürfnis, in solchen Fällen noch einmal genau hinzuschauen. Ich erwähne also, dass es nicht bloß irgendein x-beliebiges Feuer, sondern ein Lagerfeuer ist. Ich schreibe, dass nicht das Feuer brennt – was ziemlicher Schwachsinn wäre (oder aber ein genialer Schachzug, wenn man das Feuer als lebendiges Lebewesen darstellt) – sondern das Holz. Dann gehe ich hin und überlege, welche Farbe und Form das Holz hat, und dann überlege ich, ob ich das an der Stelle unbedingt erwähnen muss oder nicht.

Außerdem schätze ich meine Leser alle so ein, dass sie zigfach intelligenter sind als ich selber. Sie werden schon wissen, dass ein Feuer Wärme abstrahlt und dass Feuer die Umgebung erhellt. Also muss ich es nicht zwangsweise erwähnen. Etwas anderes wäre es, wenn meine handelnden Charaktere kein Licht machen dürfen und das Licht des Lagerfeuers damit existenziell wichtig wird. Oder wenn es sich um ein magisches Feuer handelt, das die Umgebung mit Kälte überzieht oder alles dunkler anstatt heller macht. Faszinierend wäre zudem ein Feuer, das die Macht hat, Farben und Formen, ja die Zeit selbst in ein fließendes Kaleidoskop zu verändern. Dann wüsste ich als Leser gerne so viel wie möglich darüber. (Nur sollte es in Häppchen über mehrere Kapitel verteilt werden. Ein alternative facts Brockhaus-Wikipedia-Lexikon braucht wahrlich kein Leser. Denn es ist langweilig beim Lesen.)

Im Grunde ist es wie beim Fotografieren oder Filmen. Jedes einzelne Foto und jede Minute Film sollte schon etwas Interessantes für sich beinhalten. Es sollte aus dem Kontext heraus bereits Neugierde beim Empfänger wecken, Freude machen, Emotionen anregen und Gedanken kreiseln lassen. Und wenn man diese tausend kleinen Mosaiksteinchen oder Legosteinchen oder Minecraft-Blöcke zusammenbringt, dann ergibt sich ein berauschendes Ganzes von allerhöchster Qualität. (Selbstverständlich braucht man für das Ganze so etwas wie die richtige Erzählgeschwindigkeit, Entwicklung der Charaktere und einen Plot mit zahlreichen Ereignissen. Aber der Stil eines jeden einzelnen Satzes ist die Erde auf der das alles aufgebaut ist.)

Vielleicht versteht jetzt der ein oder andere, warum manche Bücher ein Fest sind und die meisten Bücher eben nicht. Und vielleicht wird jetzt auch klar, warum ich so unglaublich lange brauche, neue Kapitel hochzuladen, und warum ich meine Texte immer mal wieder umschreibe, ändere, lösche, kastriere, zum neuen Erblühen bringe. Ich bin nämlich immer auf der Jagd nach diesem ‚Interessanten für sich‘. Nur ganz selten fühlt man dieses Momentum. So wie diese magischen Sekunden als mir damals auf meiner Laufstrecke im Wald ein Reh begegnete, es war wohl bereits gewohnt, dass ich da häufiger langlief und das von mir keine Gefahr ausging. So schauten wir uns für einen wirren Augenblick lang an, die Zeit schien aus jeder Sekunde eine Minute zu machen, und dann lief jeder seines Weges. Solche Momente, wenn auch nicht real, sondern ausgedacht, versuche ich für die Ewigkeit auf Papier zu bannen. Es ist sehr schwer und kraftraubend, jedoch bringt der Lohn mehr als Früchte.

Kennt ein Nachwuchsautor die grundlegenden Techniken und Methoden, geht es nur noch darum, guten Stil zu finden, und wenn man diesen gefunden hat, diesen auf Herz und Nieren zu prüfen. Was habe ich nicht schon alles gelernt, während ich Texte oder Textauszüge von folgenden Autoren las: J.R.R. Tolkien, Edgar Allan Poe, Arthur Conan Doyle, H.P. Lovecraft, Franz Kafka, Mark Twain, Charles Dickens, Umberto Eco, Bronte-Schwestern, Jane Austen, Bram Stoker, Robert Louis Stevenson, Jack London, Oscar Wilde, Leopold Ritter von Sacher Masoch, Franziska zu Reventlow, Joseph von Eichendorff, Wilhelm Hauff, Johann Wolfgang von Goethe, Philip K. Dick, Arkadi und Boris Strugatzki, George Orwell, Selma Lagerlöf, Astrid Lindgren, Ursula K. Le Guin, Shakespeare, Homer (in der Prosafassung von Gerhard Scheibner), Gustav Schwab, Stanislaw Lem, Fjodor Dostojewski, Michael Ende, James F. Cooper, Erich Kästner, Ernest Hemingway, Rudyard Kipling usw.

Und auf der Leseliste stehen bereits: Dianna Wynne Jones, Neil Gaiman, Mario Puzo, Cervantes, Thomas Hardy, Walter Scott, Alexandre Dumas, Jonathan Swift, Isaac Asimov, Boleslaw Prus, Arthur C. Clarke, Ray Bradbury, Anthony Burgess, Dante, Vergil, Euripides, Herodot, Thukydides, Hartmann von Aue usw. usw. Man kann hier weitermachen, bis niemand mehr die Bedeutung von ‚das jüngste Gericht‘ versteht. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist Schall und Rauch. Es gibt lediglich Autoren, die schreiben, sowie Autoren, die es bloß versuchen.

Meine momentanen Favoriten – als sozusagen fiktives Schreibstil-Ehepaar – sind Joanne Rowling und Patrick Rothfuss. Boah, können die gut schreiben. Und menschlich sind es exzellente Role Models mit feinsinnigen Ansichten.

Erster Teil – Leicht

Kapitel 5

Redigieren, Mosaiktechnik und Logik
(Wie überarbeite und verbessere ich meine Texte richtig?)

Im Schreibprozess gibt es vier Phasen: Schreiben, Lektorieren I, Redigieren und Lektorieren II. Die wichtigste Phase ist das Redigieren, dicht gefolgt von der Schreibphase. Um einen Text lesbar zu gestalten, versteht es sich von selbst, dass man zwischendurch seine Texte lektoriert oder seine Texte von einer Person lektorieren lässt, die im Lektorieren geübt ist.

Recht selbsterklärend ist ebenfalls die Schreibphase. Du setzt dich irgendwann hin und schreibst. Am besten machst du das regelmäßig, dann bekommst du nach einer gewissen Zeit Textmaterial, mit dem du in der Redigierphase arbeiten kannst. Hier stelle ich jetzt meine Redigiertechnik vor. Sie mag von den Profis abweichen oder belächelt werden, doch ich hoffe, ich kann dir verständlich machen, warum ich diese Arbeitsweise vorziehe.

Wenn du dein erstes Textmaterial beisammen und die groben Fehler in der Grammatik beseitigt hast, folgt der Schritt, den ich als Mosaiktechnik bezeichne – die Logik spielt da auch mit rein.

Als erstes nimmst du deinen Text und liest ihn so, wie ihn ein fremder Leser aufnehmen würde. Es hat mir selbst noch nie etwas gebracht, den Schrifttyp zu ändern, aber vielleicht liegt das einfach daran, dass sich die Schriftarten von WriteMonkey, OpenOffice, Blogger und Fanfiktion – inklusive meiner eigenen Handschrift – schon genug von einander unterscheiden, ohne, dass es mir ständig bewusst ist. Oder es mag daran liegen, dass ich in meiner Schulzeit in der Theater AG war oder dass ich generell kein Problem mehr damit habe, mich selbst aus der Perspektive des Anderen zu betrachten und zu analysieren. Man darf nur keine falsche Scham haben, dann geht das problemlos. Was mir vor allem immer hilft, ist die Vorstellung, es handle sich um den Text eines anderen Autoren und ich besäße nur das Wissen, das mir der Text gibt. Alles, was ich in Gedanken noch über meine Geschichte weiß, verschwindet dann. Es ist jedoch auch Vorsicht geboten, denn mit dieser Methode bemerkt man schnell, wo die eigenen Defizite liegen, was noch nicht so rosig und toll ist. Das schmerzt, wirft einen aber nicht zurück, da man so genau weiß, was man ergänzen, umändern oder sogar streichen muss.

Was mir ebenfalls hilft, ist ein dynamisches Lesen, das heißt, mal liest du laut, mal leise, mal schnell, mal langsam, mal fängst du irgendwo mittendrin an, mal liest du von vorn bis hinten alles durch. Jedes Mal, wenn du dabei eine Stelle erwischst, die deinem Bauchgefühl nach seltsam klingt, die dich kurz innehalten lässt, hast du eine Stelle gefunden, die du entweder umformulieren oder streichen musst.

Generell kann man seinen Schreibstil auf leichte Weise schnell verbessern. Als Erstes prüfst du, ob du das gleiche Verb mehrfach dicht hintereinander verwendet hast. Selbst bei den Hilfsverben ’sollte‘ man genau hinschauen, damit sich ‚haben‘, ’sein‘, ‚können‘ ein wenig untereinander abwechseln. Im Übrigen ist es immer eine gute Idee, so viele Verben wie nur möglich in einen Text einzubauen. (Siehe hier: verbessern, prüfen, verwenden, schauen, abwechseln, einbauen)

Verben sind die wichtigsten Wörter im Text, gefolgt von den Nomen/ Substantiven (wer da gerade den Unterschied nicht weiß, folgende Hauselfengrammatik: Nomen kommen in freier Wildbahn natürlich vor – z.B. ‚Topf, Uhr, Eisenbahn‘ – Substantive werden meist künstlich gezüchtet und hochgekrüppelt – z.B. ‚Heiterkeit‘ (aus dem Adjektiv heiter), ‚Achtsamkeit‘ (aus dem Adjektiv achtsam), Bundesautorenschreibakademie (BASA, gerade ausgedacht, aber typisches Beispiel vom Legobaukastensystem für lange Namen). Natürlich gibt es auch die harmlosen Fälle, in denen man ein Verb groß schreibt, z.B. das ‚Schreiben‘ dieses Textes ist anstrengender, als das ‚Lesen‘ dieses Textes.

Dein Textinhalt hat sich bis hierhin nicht verändert, dadurch aber, dass du mehr unterschiedliche Verben und Substantive eingebaut hast, wirkt dein Text gleich organisch. Soll heißen, dein Text pulsiert mit Eigenleben vor sich hin, selbst, wenn gerade niemand da ist, der ihn liest. Jedenfalls macht es diesen Eindruck. Es ist eine hervorragende Methode, um die übliche Monotonie von Anfängertexten zu töten und den Text auf ein Page Burner Niveau zu bringen, weil er Worte enthält, die einem Versprechen auf Qualität gleichkommen.

Wenn ein Leser merkt, dass du bereits bei den Kleinigkeiten der äußeren Dinge so viel Energie verschwendest, wird er gleich davon ausgehen, dass du dich bei den wesentlichen Dingen des Inhalts erst richtig ausgetobt hast. Eine weitere gute Übung ist es, sich beim Redigieren noch einmal genau zu überlegen, welche Attribute man vor ein Substantiv stellt.

Es ist nichts Verwerfliches dabei, einen Satz zu schreiben wie:
‚Es war ein schöner Frühlingstag‘. Sagen wir, du hast diesen Satz in einer Romanze geschrieben und willst deinen Protagonisten mit einem guten Gefühl in den Tag starten lassen. Da du nicht immer nur ein Gespräch an das nächste reihen möchtest, und da du mehr benötigst, als ständige Umschreibungen der Gefühle deines Charakters, willst du ein wenig das Wetter einbauen. Oder an anderer Stelle die Architektur oder das haptische Material, das deine Charaktere zum Beispiel im Klassenraum umgibt.

Dein Gedanke ist gut, doch genau an diesen Stellen solltest du innehalten und an die Mosaike denken. Also stellt sich hier die Frage: Was ist ein schöner Frühlingstag? Und als nächstes kommt die Frage: Wie schreibe ich das am besten an dieser Stelle? Du nutzt jetzt die Chance, um zwei bis drei Dinge einzuflechten, die den Status ’schöner Frühlingstag‘ konkret fassbar machen. Du könntest einbauen, dass sich nur wenige Wolken an einem sonst blauen Himmel zeigen, dass es wahrscheinlich ein Tag wird, an dem man in der Mittagszeit bereits im T-Shirt herumlaufen kann, dass verschiedene Vögel zu hören sind – am besten mit dem konkreten Namen eines Vogels, der dort tatsächlich vorkommen könnte, dass bereits Marienkäfer die jungen Blätter einer erwachenden Rose begutachten, die sich schüchtern der wärmenden Sonne entgegenstreckt. Für eine Szene, die am Nachmittag spielt, wäre so etwas wie das Geräusch eines Rasenmähers aus der Ferne denkbar. Es sind nur einige kleine Details, die du ergänzt hast, weil du beim gründlichen Lesen gemerkt hast, dass ’schöner Frühlingstag‘ recht allgemein und nichtssagend ist. Für den Leser wird deine Geschichte jedoch genau dadurch lebendig, dass du sie mit Details anreicherst.

Während du dich durch deinen Text liest, streichst du nebenbei jede Phrase und jedes Sprichwort raus, dass du unbewusst verwendet hast. Sprichwörter sind zwar im Alltag so geläufig, dass man sie an Stelle eines richtigen Satzteils benutzen kann, ohne dass es zu Missverständnissen kommt, allerdings wirken Sprichwörter genau deshalb leblos. Es kann sogar passieren, dass Leser die Sprichwörter einfach überlesen. Um das zu umgehen, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder du streichst das Sprichwort ganz raus oder du formst es in eigenwilliger Manier um, so dass es mit der Konvention bricht.

Also nicht:
‚Jetzt ist es zu spät, das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen.‘

Sondern entweder die neutrale Formulierung:
‚ Jetzt ist es bereits zu spät, dadurch dass X zu Y gesagt hat/ dadurch, dass P und F eingetreten sind, jedoch nicht I, befinden wir uns nun in dieser unangenehmen Situation. Man könnte auch von einem Schlamassel sprechen.

Oder das Spiel der Worte:
‚Jetzt ist es zu spät, die Kinderzunge hat bereits am Brunnenschacht geleckt‘

Bei der ersten Variante stöhnen alle Leser auf, weil sie dieser Formulierung überdrüssig sind. Die zweite Formulierung nehmen die Leser neutral zur Kenntnis, und anstatt entnervt zu stöhnen, bleiben im Idealfall die Fakten hängen. Also kein dubioses Kind, sondern X,Y / P,F,I. Dadurch erzeugt man nebenbei bemerkt ein solides Ethos, das heißt, man hat es nicht nötig, auf Phrasen zurückzugreifen, und Leser und Zuhörer schätzen das irgendwann, weil man der ‚Eine‘ ist, der nicht labert. Variante drei ist immer für einen Showeffekt gut, bricht mit der Konvention und ist berechnend provokant. Der typische Gedankenablauf müsste beim Leser sein: Nanu, gibt es da nicht so ein Sprichwort? Moment mal geht das nicht anders? Was zur Hölle? Dann versucht sich der Leser das ’neue‘ Sprichwort bildhaft vorzustellen und sieht vielleicht ein Kind mit großen Augen und schmaler kleiner Zunge an glitschigen Backsteinen lutschend einen Schacht hinab fallen. Es ist so grotesk, dass der Leser oder Zuhörer vielleicht lachen muss. Und da Humor Sympathie schafft, hat man als Autor die volle Aufmerksamkeit auf seiner Seite.

Als nächstes prüfst du, ob das Verhältnis zwischen innerer und äußerer Beschreibung stimmt. Zwar gibt es Autoren, die fast nur eine Seite bearbeiten und die andere außen vor lassen, doch bin ich kein Freund davon. Es fehlt dann einfach etwas. Gerade, wenn es um Genres geht, ist es auffällig, wie häufig in Romanzen und Dramen die äußere Handlung fehlt und in Fantasy und Science Fiction die innere Handlung.

Mit innerer Handlung meine ich dabei die Gedanken des Protagonisten, den sogenannten inneren Monolog, Gespräche mit anderen Charakteren, sowie Träume und Rückblenden. (Selbst wenn Träume und Rückblenden Handlung enthalten, sind sie entkoppelt vom Jetzt-Zustand, der Leser will demnach wissen, was jetzt ist, nicht, was einst war oder in einer Parallelwelt sein könnte – um diese beiden Mittel sinnvoll einzusetzen benötigt man Wissen über Aufbau und Funktion von Handlung) Gerade der innere Monolog ist in der Form des ‚Stream of Consciousness‘ (Bewusstseinsstrom) beliebt. Die innere Handlung hat dabei die Funktion, die Gefühle und Denkweisen von Charakteren zu ergründen, Charaktere zu entwickeln, auszubauen, und damit alles über die Charaktere zu enthüllen, was es über die Charaktere zu wissen gibt.

Im Gegensatz dazu ist es Aufgabe der äußeren Handlung, das Aussehen der Charaktere und der Handlungsorte zu beschreiben, sowie plotrelevante Informationen in Dialoge, Briefe, Reden usw. zu legen. So kommt es dann zum Beispiel, dass sich Charaktere seitenlang über die sie umgebende Architektur in Breite, Höhe, Länge, Farbe, Form und Wirkung so präzise als nur irgend möglich austauschen, ohne, dass der Leser überhaupt weiß, wie es einem Charakter geht, also, wie er oder sie sich fühlt, was er oder sie darüber denkt.

Als Beispiele für ein schlechtes Verhältnis von innerer und äußerer Handlung können zahlreiche Krimis im Fernsehen herhalten. Sind die Krimis von innerer Handlung dominiert, ist das Privatleben der Ermittler wichtiger als der eigentliche Fall. Steht die äußere Handlung im Vordergrund haben wir den klassischen Sherlock Holmes – die Fälle sind verwickelt und komplex aufgebaut, aber was Sherlock Holmes eigentlich fühlt, erfährt man nur ganz dezent und am Rande, wenn überhaupt. Daher kommt es oft, dass Frauen Geschichten mit Zahlen, Daten und Fakten langweilig finden, wenn bei all dem sogenannten ‚Infodumping‘ die menschliche Komponente wegfällt, während Männer klassischerweise das Privatleben der Ermittler zum Teufel wünschen, weil es mit ihrem Beruf nichts zu tun hat, und dadurch eventuell eine Information übersehen wurde und es einen Logikschnitzer gibt. (Nur am Rande: Wie man innere und äußere Handlung zusammenbringt, zeigt die moderne Variante des BBC Sherlock Holmes, in der trotz ausgeklügeltem Plotverlauf noch genug Zeit bleibt, damit sich Sherlock mit Watson oder seinem eigenen Bruder auseinander setzen darf)(Ich weise an der Stelle daraufhin, dass es immer und überall Ausnahmen gibt. Obwohl ich männlich bin, habe ich mittlerweile interessante Liebesromane gefunden, umgekehrt werden genug Frauen zum Beispiel Science Fiction und Fantasy finden, in denen Charaktere im Vordergrund stehen – nennt sich übrigens psychologische Science Fiction. Und bei der Weltliteratur ist es dann völlig egal, denn da wissen sowohl weibliche wie männliche Autoren über innere und äußere Handlung bescheid. Da kann man dann als Leser blind ins Bücherregal greifen und lesen)

Gerade in Genres, die beliebt sind, ist es von Vorteil, wenn man die klassischen Schwächen kennt, damit man diese ausbügeln kann. Beispielsweise hat Fantasy ganz oft ein umfassendes Worldbuilding mit allem drum und dran, der Plot wimmelt nur so von Ereignissen und es ist allgemein richtig viel los in der fiktiven Welt. Doch oft genug wirken die Charaktere blass und austauschbar, weil sie keine Seele und kein Charisma haben. Fantasyautoren profitieren also vom Wissen um die innere Handlung. Da reicht es schon, zwischen zwei großen Schlachten ein ruhiges Gespräch zwischen den Helden zu zeigen, und auf einen Schlag erhalten die Schlachten einen Sinn und die Geschichte erhält Tiefgang, weil die Charaktere keine Hüllen sind, sondern Wesen, die Gefühle haben, verschiedene Meinungen vorbringen, und dadurch manchmal in Streit geraten oder sich versöhnen.

Liebesgeschichten wiederum profitieren davon, wenn der Autor zwischen all den Gesprächen und endlosen Überlegungen über ’nichtige‘ Dinge, immer wieder Absätze mit Beschreibungen der aktuellen Szenen einbaut. Wenn sich also die Charaktere A und B abends beim Essen unterhalten, sollten alle paar Absätze Details fallen, wie Tisch und Stühle im Raum angeordnet sind, ob es eher warm oder kalt ist, was es zu trinken gibt, ja generell erstmal, was die Charaktere eigentlich an Kleidung anhaben, und was ein Charakter sieht, wenn er mal nicht in das Gesicht des anderen Charakters schaut, sondern sich im Raum umblickt. Vielleicht hat der Kalender eine auffällige Form, vielleicht kleben Notizzettel am Gefrierschrank oder vielleicht sind Nudelzange und Pfannenwender aus Bambusholz, aber der Kochlöffel aus Plastik. Wundert sich ein Charakter darüber, hat man sogleich eine Kleinigkeit, die sich in den Dialog einbauen und diesen dadurch natürlicher klingen lässt.

Leser werden sich denken ‚ja, das geht mir auch so, dass ich Dinge bemerke, darüber staune und darauf zu sprechen komme‘, und vielleicht fördert dieser Dialog ganz neue Erkenntnisse zu tage, da es einen plausiblen Grund für den Löffel aus Plastik gibt. Womöglich hatte der Charakter, dem die Küchenutensilien gehören, vor, alles umzutauschen, war dann aber schließlich doch zu faul, es voll und ganz durchzuführen. Es fehlten ihm die letzten Prozentpunkte und dann war es ihm egal, weil es dann auch mit den gemischten Küchenwerkzeugen funktionierte. Ein aufmerksamer Leser kann diese Angewohnheit des Charakters aufnehmen und eine Analogie ziehen zwischen dem Umgang des Charakters mit dem Küchenwerkzeug und seinem Leben generell. Vielleicht ist es eine typische Eigenschaft jenes Charakters, immer nur gerade so weit zu gehen, wie er unbedingt muss, und danach fehlt ihm der Antrieb. Und dadurch weiß der Leser dann schließlich, dass jenem Charakter daher die Eigenschaft der letzten Konsequenz fehlt, und er erst noch lernen muss, dem anderen Charakter (vielleicht das Date) die eine Frage zu stellen, auf die alle Leser bereits warten.

Über Handlung, Geschwindigkeit, Atmosphäre und diese Dinge will ich einzelne Kapitel schreiben. Du solltest also dort hinein schauen, um zu prüfen, ob du wesentliche Dinge übersehen hast oder ob ich wesentliche Dinge nicht kenne. Wichtig ist mir an dieser Stelle die Logik. Damit meine ich nicht mal die strenge Formallogik, sondern gesunden Menschenverstand in Kombination mit Wissen, und die darauf aufbauenden und abgeleiteten Gedanken. Wenn ich zum Beispiel über eine Bäckerei schreibe, dann macht es erstmal nichts, wenn meine Bäckerei im Vergleich zu vielen anderen Bäckereien in der Realität etwas ausgefallen wirkt. Gerade, wenn es um phantastische Elemente geht, kann man das verzeihen. Sollte ich jedoch geschrieben haben, dass sich ein Charakter in der Backstube eine Zigarette anzündet, dann muss ich diesen Logikfehler sehen und verbessern. Es muss mir an der Stelle klar sein, dass kein Bäcker, der auch nur ein bisschen Ahnung von seinem Job hat, eine Mehlstaubexplosion riskieren würde.

Wenn ich eine Quest schreibe, in der Helden von A nach B marschieren, dann muss ich davon ausgehen, dass dieser Weg Zeit und Energie kostet. Das heißt, irgendwann schwindet das Tageslicht, das Wetter kann sich verändern und meine Helden sind womöglich erschöpft oder von dem langen Marsch genervt, was sich auf die Art der Konversation auswirkt, die dann unter Umständen an Esprit und Freude einbüßt und sich auf das Wesentliche beschränkt.

Bestimmte Dinge, die Menschen sagen, lösen bestimmte Dinge bei den Menschen aus, die diese Dinge zu hören bekommen. Wenn einem Charakter auf dem Weg zur Schule ein fremdwirkender Charakter über den Weg läuft, der ihn vor aggressiven Monstern beschützt und etwas vom Untergang der Welt erzählt, würde es grotesk wirken, wenn das meinem handelnden Charakter total egal ist, und er weiter macht, als wäre nichts gewesen. Es ist natürlich möglich, dieses Stilmittel zu benutzen, doch dann braucht es eine Erklärung dafür.

Selbstverständlich ist vieles von dem, was man schreibt, eine Sache der Phantasie, und der Leser muss es so hinnehmen, wie es eben ist. Allerdings benötigen selbst die abwegigsten und phantastischsten Dinge eine Erklärung – und zwar entweder als direkte Erklärung oder indem es indirekt so dargestellt wird, dass es nicht wie ein Fremdkörper wirkt. Taucht in einer Geschichte zum Beispiel Magie auf, steht der Autor vor der Wahl, diese Magie vollständig zu erklären oder die elegantere Methode des gekonnten Einsatzes zu verwenden. Der zweite Punkt würde bedeuten, dass Magie zwar da ist, sie jedoch gewissen Regeln und Mechanismen unterworfen ist – die man dann eben nicht bis ins kleinste Detail erörtern muss, was der Clou an der Sache ist. Das heißt, bestimmte Magie, wie Erweckung der Toten oder Besiegen von allen Gegnern auf einmal, ist meist nicht möglich, ohne, dass dies dem Leser klar und deutlich unter die Nase gehalten werden muss. Magie wird in solchen Fällen nicht als Allheilmittel eingesetzt, sondern nur hier und dort, in passenden Momenten. Außerdem sind die Magienutzer meist sterblich und unterliegen sowieso einem körperlichen Limit, das sie erschöpfen lässt.

Als Paradebeispiel kann wie so häufig Der Herr der Ringe dienen. Die Helden sind zwar generell stark und intelligent, doch nach einem langen Fußmarsch sind auch sie erschöpft und brauchen Nahrung und Schlaf. Regen und Kälte, sowie die landschaftlichen Begebenheiten – z.B. hügeliges Gelände mit Sümpfen, stellen sich als natürliche Hürden gegen die Gefährten. Und der große Zauberer Gandalf begnügt sich meist damit, ein wenig Licht zu machen oder ein Feuer zu entzünden. Die meiste Magie entfaltet Gandalf dagegen durch sein immenses Wissen, sein schnelles Pferd, das ihn vor anderen Leuten an bestimmte Orte trägt, sowie sein kauziges Verhalten und seine manchmal schroffe Art gegen die Unwissenden, die sich ’närrisch‘ verhalten. Es sind letztlich einfache Dinge wie Tag und Nacht, Wärme und Kälte, Fitness und erschöpft sein, die Tatsache, dass ein Mensch nicht alles wissen kann etc. – also diverse Umstände, die sich als kleine Hürden in den natürlichen Verlauf der Dinge stellen, die eine Geschichte bei allen sonderbaren Elementen glaubhaft macht.

Beim Redigieren sollte man also immer darauf achten, ob dieses Gespräch, das man geschrieben hat, auf etwa diese Art geführt werden könnte, ob jener Charakter tatsächlich jene Handlung auf diese Weise durchführen könnte oder ob es Hindernisse gibt. Und wenn dieses Gespräch und diese Handlung stattfinden, kommt als nächstes die Überlegung, wie die Umwelt, also z.B. andere Charaktere oder Besonderheiten der Geographie und Ökologie darauf reagieren. (Man denke nur an die giftigen Pilzwälder und deren Bewohner in Nausicaa) Hat man also geschrieben, dass sich ein Charakter ständig Essen von einem anderen Charakter schnorrt, wirkt es seltsam, wenn das folgenlos bleibt und unglaublich realistisch, wenn auf einmal viele Kapitel später jener Charakter dem Protagonisten eine Gefälligkeit nicht erweisen möchte – eben mit der Begründung des ständigen Schnorrens.

Beim Redigieren muss man an diese Details denken, damit Dinge auf eine Weise geschehen, die angemessen wirkt. So erhält man irgendwann ein Gefühl dafür, dass zum Beispiel bestimmmte Charaktere in bestimmten Situationen gewisse Dinge niemals sagen würden, gewisse Handlungen niemals ausführen würden, weil es einfach nicht zu deren Denkweise passt. Oder plötzlich wird klar, dass gewisse Elemente wunderbar in einer Geschichte ergänzt werden können, während andere Sachen niemals hineingehören.

(Beispiele: Ein Reiter von Rohan könnte sich für Hobbitkultur interessieren und ins Auenland reisen. Das wirkt glaubhaft. Dagegen erscheint ein Ork, der elbische Poesie erlernen möchte und sich mit befreundeten Wölfen und Spinnen auf den Weg macht wie ein Fremdkörper im Tolkienuniversum. Oder auf Harry Potter bezogen wäre es denkbar, dass böse Zauberer Muggel mit Scharfschützengewehren auf andere Zauberer ansetzen, um diese auszuschalten. Dadurch würden plötzlich Schutzzauber gegen Projektile und Ortungszauber für Muggelwaffen in der Zaubererwelt wichtig. Unpassend wäre dagegen ein Gadget, mit dem Muggel auf einen Schlag zaubern könnten, selbst, wenn sie keinen Zauberstab besäßen. Oder auf Twilight bezogen: Es wäre denkbar, den Handlungsort zu wechseln, und ein paar neue Charaktere in die Handlung einzubauen. Jedoch wäre es grotesk, die Cullen Vampire in blutrünstige Monster zu verwandeln. Das würde nicht zu ihrer Lebensweise passen und schon gar nicht zur Atmosphäre der Geschichte. Für blutrünstige Vampire müsste man eine ganz andere Geschichte schreiben – fernab von Twilight)

Bei allem, was du gerade gelesen hast, solltest du jedoch eine Sache nie vergessen: Es sollte Spaß machen, deine Geschichte zu lesen. Ein Leser sollte dabei Freude empfinden. Hin und wieder dürfen sogar kleinere Logikfehler vorkommmen, und es wird immer wieder passieren, dass du hinterher das Gefühl hast, eine Sache sei zu ausführlich beschrieben, eine andere zu wenig. Doch es geht immer nur darum, dass deine Geschichte insgesamt funktioniert. Leser können vieles verzeihen und sich vieles selbst hinzudenken. Nur die Basis muss stimmen, damit dein Text keinen Facepalm auslöst oder sich Leser über Dinge lustig machen, die eigentlich nicht lustig gemeint waren. Beim Redigieren geht es also immer darum, fernab von der korrekten Rechtschreibung und Zeichensetzung grundlegende Logikschnitzer zu verbessern, mehr Vokabeln einzusetzen, um Details herauszuarbeiten, sowie ein ausgewogenes Verhältnis von innerer und äußerer Handlung zu finden. Sobald diese Punkte bedacht sind, wird der Text, den du schreibst, um einiges lesenswerter. Ganz egal, worum es inhaltlich überhaupt geht.

Erster Teil – Leicht

Kapitel 6

Kritik und Reviews
(Wozu gibt es Kritik? Wie gehe ich mit Kritik um? Wie schreibe ich Kritik?)

Wozu Reviews?

Neulich kam auf fanfiktion die Frage auf: Warum kann man Reviews eigentlich nicht abschalten? Technisch wäre das bestimmt mit ein paar Programmierschritten möglich, und dann würde die Zensur munter Buchstabensalat in der Reviewsektion futtern. Moralisch ist die Sache jedoch weitreichender, als man es in einer Minute durchdenken kann. Du bist nicht der einzige Mensch auf dem Planeten Erde. Und genau diese Tatsache macht die Frage faszinierend.

Andere Menschen sind auch noch da, leben, denken, handeln. Menschen haben ein ureigenes Bedürfnis in ihrer Natur verankert, das sie dazu antreibt, sich anderen Menschen sozial zu nähern. Und wenn es nur das steinzeitliche Entlausen und anschließende Kuscheln am Lagerfeuer ist.

Niemand zwingt dich, diese soziale Nähe, den Wunsch nach körperlichem oder geistigem Kontakt, das Senden und Empfangen von Botschaften, anzunehmen. Du kannst einfach dein Ding machen, abseits von alldem. Du musst Reviews nicht lesen, du musst nicht darauf antworten. Trotzdem besteht immer die Möglichkeit, anders zu handeln. Die Frage zeigt ein fehlendes Verständnis für den Sinn von Reviews. Das ist nicht verwerflich, lediglich unvollständig. Bevor du einen Wein nicht probiert hast, kannst du nicht wissen, ob die Trauben beim Keltern leiden mussten.

Ein Review kann auf jeden Fall drei Funktionen beinhalten. Die anderen Funktionen laufen nackt durch den Wald, sind unauffindbar und genieren sich. Also lasse ich sie in frieden.

a) Soziale Annäherung
Autor und Leser schreiben über Pizza und die Welt, Hauptsache, ein Kontakt besteht und Botschaften werden von verschiedenen Sendern und Empfängern verarbeitet. Ein Nährboden für geistigen Zirkus und Schaukeleinhörner entsteht. Menschliche Zusammenkunft klingt dagegen eher wie Arztpraxis, und tatsächlich kann die Annäherung sich in Wortäquivalenten von zutraulichen Hustenanfällen zeigen. Gutgeschriebene Texte im Internet sind Flüsse, an denen sich Leser und Kritiker niederlassen, um Mühlen zu bauen. Dass manch einer nicht kapiert, dass er vielleicht Korn zum Mahlen braucht, um eine sinnvolle Beschäftigung für seine Mühle zu haben, liegt in der Natur des menschlichen Gehirns, das gerne alkoholisierte Gedanken verzapft. Möchte ein Autor den Schwerpunkt auf die Punkte b) und c) verlagern, kann er a) ignorieren oder vorübergehend vernachlässigen.

b) Optimierung
Ob es dir gefällt oder nicht, ob du es willst oder nicht, so existierst nicht nur du, der Autor, sondern auch ich, der Kritiker (oder umgekehrt, wenn ich schreibe, muss ich mit der Tatsache leben, dass ich mich der Kritik von Kritikern stellen muss). Ich lese deine Geschichte und verspüre auf einer simplen Ebene den Wunsch, deine Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik und deinen Stil besser zu machen. Auf einer tiefgreifenden Ebene sehe ich deine Ideen, wie zum Beispiel deinen Weltenbau. Es geht mir nicht darum, dich zu hinterfragen, warum du gerade diesen Weltenbau (oder Charaktere, Perspektive etc.) gewählt hast, das ist deine Sache. Da musst du dich vor niemandem rechtfertigen.

Wenn ich jedoch sehe, dass dein Weltenbau ein Potenzial bietet, das vom Niveau her noch längst nicht ausgeschöpft ist, dann will ich eingreifen. Das ist so, als sähe ich einen Hochspringer, der zwischen sich und dem Stab mehrere Zentimeter platz hat. Da will ich dann auch sagen: Hey, hör mal, du hast Talent, wenn du noch auf dieses und jenes achtest, kannst du noch höher springen. Ob du dieses Angebot annimmst und versuchst, besser zu werden (viele Autoren wollen besser werden) oder auf deinem Niveau bleibst, ist wieder deine Sache. Meines Erachtens gibt es eine gewisse Qualitätsgrenze, ab der alles nur noch Narrenfreiheit ist.

Vergleich es mit Olympia. Ob da ein Sportler jetzt mit Ohrring startet oder mit Dreadlocks, spielt in gewissen Disziplinen keine ausschlaggebende Rolle. Genauso, wie einige Sportler eine Show machen und andere nicht. Dennoch sind sich die meisten Beobachter einig, dass alle Teilnehmer gewisse, unbestreitbare Qualitäten haben, selbst, wenn sie jetzt nicht zu den All Time Favorites zählen und das auch gar nicht anstreben. Als Kritiker will ich, dass deine Kulturentwicklung wirklich umfangreich und tiefschürfend gerät und nicht in seichten Abziehbildern mit bloßen Andeutungen verharrt. Gerade als Träumer will ich groß und lang träumen, Pfade beschreiten, die nur selten betreten wurden. Daher kritisiere ich dich, um dich anzutreiben, dich zu motivieren, es noch besser zu versuchen – solange, bis du auf ein Niveau gerätst, bei dem es egal ist, ob du jetzt links oder rechts abbiegst, weil beide Wege meine lesenden Augen zum Leuchten bringen.

Ab einem gewissen Niveau kannst du seitenlang über den Inhalt einer Mülldeponie schreiben und es gerät so spannend und fesselnd wie das Endspiel einer Fußball Weltmeisterschaft. Dieses Niveau erreichst du jedoch nicht über Nacht und schon gar nicht ohne fremde Hilfe. Du kannst es auch mit Malen vergleichen. Niemand käme auf die Idee, zu sagen, Dali hat keine Kunst gemacht. Sein Stil muss dir nicht gefallen – trotzdem siehst du auf den ersten Blick, dass da ein gewisses, nicht von der Hand zu weisendes Können in seinem Schaffen steckt. Um dieses ’nicht von der Hand zu weisende‘ in die Texte von Autoren zu bringen, gibt es Kritiker. Selbst, wenn du die Reviews zu deinen eigenen Geschichten nicht liest, so werden doch andere Autoren deine Geschichten (Texte) lesen, und sie werden die Kritik lesen, und dann aus deinen Stärken und Schwächen lernen.

Damit hilft dein Text dann anderen, besser zu werden, selbst, wenn du nicht besser werden willst. Da es diese intertextuellen Bezüge und Autoren /Kritiker – übergreifenden Spannungszentren gibt, sollten Reviews nicht abgeschafft werden. Ganz platt gesagt, sind Reviews ein Teil des Progressiven. Und welcher Mensch mit gesundem Menschenverstand stellt sich gegen den allgemeinen Fortschritt? Wer negiert von vornherein die Möglichkeit auf positive Veränderung? (Dass es auch negative Veränderung geben kann, ist auch klar – aber genau dafür gibt es dann wieder – wie zum Beispiel auf fanfiktion – Feedback zur Evaluation)

c) Ein Dialog zwischen Autor und Leser
Abseits der Wege, etwas noch besser zu schreiben, bleiben die Fragen. Warum hast du dieses oder jenes geschrieben? Woher stammt die Motivation? Was willst du erreichen? Woher hast du dein Wissen? Wie haben sich so manche deiner Einfälle ergeben? Am Ende eines Reviews, oder dann eben in Kommentaren oder Mails, Briefen, Gesprächen, an welchem Ort auch immer, würde ich eventuell gerne mehr über dich und dein Schreiben in Erfahrung bringen wollen. Manchmal mag ich einen Text nicht und antworte nicht darauf, weil mir dann der Autor und sein Text völlig schnuppe sind. Manchmal hat schon vor mir jemand in der Öffentlichkeit einen erschöpfenden Dialog verfasst, der erstmal alle Fragen beantwortet, die mir spontan auf der gedanklichen Zunge brannten. Manchmal geschieht es, dass ich intuitiv verstehe, wie und warum ein Autor einen Text so und nicht anders geschrieben hat. Bei all dem muss aber immer die Chemie stimmen und eine verständliche Wellenlänge im Textradio eingestellt sein. Wenn ein Autor eher ein Puddingmensch ist und ein Leser eher ein Sauerkrautmensch, dann werden Annäherungen umständlich und schwierig. Wenn es überhaupt Annäherungen gibt, und nicht etwa Abnäherungen oder gar Ignorierungen.

Wie gehe ich mit Kritik um?

1. Nimm Kritik niemals persönlich. Bleib ruhig.
2. Versuch, deine Emotionen auszuschalten und rein logisch zu denken, wenn dir jemand Kritik schreibt.
3. Werte die Kritik analytisch aus. Welche positiven Dinge wurden genannt? Welche negativen Dinge wurden genannt?
4. Entscheide selbst, ob die genannten Dinge berechtigt sind. Nicht alles muss man hinnehmen, da manches einfach Geschmack ist.
5. Die Dinge, die du hinnimmst, notierst du dir am besten in einer Pro/ Contra Tabelle. Wenn du ein Ding nicht verstehst, frage nach und bitte den Kritiker, dieses Ding weiter auszuführen. Dadurch lernen du und der Kritiker besser, was eine gute Kritik ausmacht. Du lernst nämlich, wie du Kritik richtig auswertest, und außerdem lernen du und der Kritiker anhand der vorhandenen Kritik, was an der Kritik gut und schlecht war, und was man noch an der Kritik an sich verbessern könnte. Vorausgesetzt, du merkst dir das alles, kannst du schon beim nächsten Versuch eine umfangreichere und fundierte Kritik abliefern.
6. Sei dir niemals zu schade, eine Kritik zu kritisieren, wenn die Kritik inhaltlich wirklich mies und nichtssagend ist.
7. Bedanke dich bei dem Kritiker. Wenn du es vergisst, dann bedanke dich beim nächsten. Kritik ist nämlich auch eine Textform, und Kritiker-Autoren freuen sich wie du über Rückmeldungen.

Wie schreibe ich Kritik?

Verabschiede dich von strammen Modellen, wie man sie in der Schule oder der Universität lehrt. Die Dinger sind zwar in vielen Fällen richtig nützlich – vor allem im wissenschaftlichen Bereich – da sie auf engem Raum viel Gehalt bieten, aber für eine Kritik, wie Autoren sie gerne hören oder besser lesen möchten, kann es hinderlich sein. Man sollte also erstmal verlernen, nicht alles nach gut, schlecht, 1-10 Punkte und Fazit einzuteilen. Alles, was man dadurch erreicht, ist ein gekünsteltes Etwas ohne Seele, das weder den Autor noch andere Leser weiterbringt. Eine Einladung zum Schwafeln oder starken Abweichen vom Wesentlichen soll es jedoch gleichzeitig nicht sein. Man darf sich nicht nur auf einen Aspekt beschränken, während die interessanten Punkte nur gestreift oder gar nicht angesprochen werden.

Hier versuche ich jetzt zu umschreiben, was ich in den letzten drei Jahren (Januar 2014 bis Januar 2017) beim Kritisieren von Geschichten gelernt habe.

Man nehme sich Zettel und Stift zur Hand, notiere Autor, Geschichte und Datum, und mache sich beim Lesen hin und wieder Notizen. Was man genau notieren sollte, dürfte sich beim Lesen der nachfolgenden Absätze ergeben:

Zum Einstieg empfiehlt es sich immer, dem Autor mitzuteilen, wie man auf seine Geschichte gestoßen ist. Wenn es, wie so oft, purer Zufall ist, sollte man es dennoch erwähnen, da der Autor so Dinge ausschließen kann. Ist man aufmerksam geworden, weil ein Autor irgendwo etwas Tolles geschrieben hat und dann auf eine Verlinkung geklickt hat, sollte man präzise beschreiben, wie dieses ‚etwas Tolles‘ heißt, warum man es toll fand und wo und weshalb man auf den Link geklickt hat, und warum man gerade diese Geschichte – und nicht irgendeine andere – angelesen oder durchgelesen hat. Ist man auf die Geschichte aufmerksam geworden, weil die Kurzbeschreibung oder ein Teaser oder das erste Kapitel beim Anlesen Lust auf mehr gemacht hat, sollte man das genau so schreiben.

Bevor man nun seine Kritik weiterschreibt, notiert man auf seinem Notizzettel, dass man dem Autor ganz am Ende noch mal eine Höflichkeitsfloskel zukommen lassen wollte. Also etwas in der Art von: Entschuldige, falls das jetzt zu viel/ zu wenig, zu aufdringlich/kritisch war; ich wünsche dir weiterhin viel Spaß beim Schreiben und würde mich freuen, wenn ich auch in Zukunft Texte von dir lesen darf. Man kann auch eine Frage stellen in der Form von: Fandest du mein Review hilfreich? Auf diese Weise hilft einem der Autor weiter und man wird als Kritiker besser und kann mit dem neuen Wissen zukünftige Reviews angehen.

Der erste Punkt darf niemals vergessen werden. Ich schreibe es mir selbst immer wieder auf die Kappe, da ich gerne mal ausführlich ins Detail gehe und, ohne mit der Wimper zu zucken, Texte chirurgisch analysiere. Auch wenn es wehtut. Daher ist es eine gute Übung für Demut, Höflichkeit, einen guten Willen und eine gewisse edle Sitte, sich immer mal wieder zu entschuldigen – auch wenn man es eigentlich nicht muss – und nachzufragen, was die andere Seite denkt. Man muss sich immer klar machen, dass man keinem Roboter schreibt, sondern einem Menschen mit Gefühlen. Einem Menschen wie du und ich. (Ob ein Roboter wie du und ich sein kann, ist eine ganze andere Frage. Wer weiß, am Ende träumen sie womöglich noch von elektronischen Schafen …)

Der zweite Punkt ist sogar eine Sache, die viel zu selten ehrlich gewünscht wird. Schreibt jemand exzellent, nehmen das die Leser scheinbar als gottgegeben hin und verlangen taktlos nach mehr, ohne dabei nette Dinge zu schreiben. Und gerade bei jemandem, den man harsch kritisiert hat, damit seine Texte besser werden, sollte man klarmachen, dass er weiterhin ein wunderbarer Mensche bleibt, auch wenn sein Text vielleicht im Moment auf grausame Art schlecht ist. Andere mögen das anders sehen, aber ich bin persönlich kein Freund von Texten, die blutrot glühen, und nur noch die Kritik übrig lassen. Auch diesen Menschen muss man Hoffnung machen, wenn also jemand richtig furchtbar schreibt, freue ich mich dennoch, den nächsten Versuch lesen zu dürfen. Die Lernkurve kann in so einem Fall nur nach oben gehen. Und wenn du niemanden motivierst, gibt es sonst keinen, der motiviert.

Irgendwie muss man es schaffen, denjenigen, den man kritisiert, zu motivieren, auch danach noch am Ball zu bleiben und stur weiterzumachen (mit dem neuen Wissen), damit in Zukunft bessere Texte entstehen. Wie oft hätte ich es mir gewünscht, wenn mir diverse Menschen einfach mal gesagt hätten, ich soll bitte weitermachen. Das kann ich an einer Hand abzählen. Also sollten wir alle – auch du, der du das liest – damit anfangen, andere Leute für ihr Hobby namens Schreiben zu loben und zu motivieren, auch und gerade, wenn das Niveau noch kläglich ist.

Wir haben also den Einstieg, wie weiter? Mach dir zunächst bewusst, dass du oft genug nicht die perfekt lektorierte Druckfassung eines Textes im Vorabexemplar in der Hand hältst. Es ist eher so, dass die meisten Leute begrenztes Wissen haben, und daher eben Schwächen in Grammatik, Layout, Typografie und all diesen Dingen aufweisen. Daher solltest du zunächst einmal ein Auge zudrücken. Gerade Rechtschreibfehler hat man schnell korrigiert, da reicht ein Office Programm für die gröbsten Fehler und das kritische Auge eines Lektors für die Feinheiten. Inhaltliche Schwächen, die sogenannten handwerklichen Schwächen, sind viel entscheidender. (Du findest diese Punkte im Zweiten Teil)

Ein großer Teil der Kritik wird sich also mit Charakteren, Handlungsorten, Beschreibungen, Pacing, Plot, Dialogen und all diesen Dingen herumärgern, wird das benennen, was da ist, und wie man es, selbst, wenn es bereits gut ist, noch besser machen kann. Noch dringender sind die Punkte, die fehlen. Hat also jemand tolle Dialoge, glaubhafte Charaktere, aber der Plot kommt nicht voran und die Handlungsorte sind viel zu schwammig beschrieben – als ein typisches Beispiel von vielen – dann solltest du das so und nicht anders schreiben. Die Kür ist, wenn du mit Samthandschuhen an den Text herantrittst und Vorschläge unterbreitest, wie man aus einer Geschichte mehr herausholen könnte. Um bei dem Beispiel zu bleiben: Wie kann man den Plot konkret besser machen? Wie schreibt man bessere Beschreibungen, die der Leser mit allen Sinnen wahrnehmen kann, ohne, dass es ihn ermüdet?

Eine gute Kritik macht aber noch viel mehr. Es kann helfen, wenn du angibst, zu welcher Uhrzeit du den Text gelesen hast, in welcher Stimmung und Gefühlslage du dich vor dem Lesen, beim Lesen und nach dem Lesen befandest. Es kann helfen, wenn du schreibst, was du normalerweise sonst so liest, welchen Hobbys du nachgehst, welchen Beruf du ausübst, wie dein Leben so verläuft. Dadurch kann der Autor Rückschlüsse ziehen, wie sein Text bei bestimmten Lesergruppen da draußen wahrscheinlich ankommt. Gerade, wenn ein Autor nicht weiß, für welchen Adressatenkreis er eigentlich schreibt, ist das ein Wert, den man in Diamant aufwiegen kann. Hat der Autor nämlich einmal seine Zielgruppe erkannt, bekommt er mehr Leser, mehr Rückmeldung, mehr von allem. Nur das Schreiben bleibt zeitlebens eine immense Anstrengung.

Nützlich ist eine bewusste Multi-Perspektive. Wie denkt der Leser? Der Kritiker? Der Lektor? Der Autor? Andere Künstler? Der Dumme, der Normalo, der Intellektuelle? Der Junge, der Alte, Reiche, Arme, der Vielleser mit über tausend gelesenen Büchern und derjenige mit weniger als hundert gelesenen Büchern. Als einfaches Beispiel kann gelten, dass eine Kritik von meiner Seite aus Dinge anspricht, die manchen Lesern überhaupt nicht auffallen, während mich Experten für meine Ansätze loben, aber meine Oberflächlichkeit in der Ausführung bemängeln würden.

Vergessen darf man bei allen Dingen, die den Inhalt betreffen, nicht, dass es simple, aber weitreichende formale Aspekte gibt. Neben dem Pacing, also der Geschwindigkeit, in der die Geschichte selbst abläuft, gibt es noch einen kongenialen Mitspieler, auf den offensichtlich die wenigsten Kritiker achten: Die konkrete Lesezeit. Beides sollte im Idealfall aufeinander abgestimmt sein. Als Faustformel sollte man sich merken, dass ein Leser ab dem ersten Kapitel abgeholt werden muss. Wenn die Geschichte erst ab Seite 200 wirklich toll wird, dann sind diese ersten 200 Seiten Verschwendung und gehören gnadenlos gestrichen.

Um noch einen draufzusetzen, sollte ein Kritiker einem Autor immer die Leserperspektive erklären. Da kommt also irgendjemand und liest den Text. Meistens sind es keine idealen Bedingungen, Stress auf Arbeit und in der Familie, zu wenig Schlaf, mit dem falschen Bein aufgestanden, gebrauchter Tag. Das heißt, ein Text muss es irgendwie schaffen, trotz allem, trotz aller Widerstände zu überzeugen. Die einfachste Methode der Welt ist es, wenn der Leser folgenden Gedanken entwickelt: Wow, der Autor nimmt mich ab dem ersten Kapitel mit, sehr schön. Jetzt lese ich weiter. Und nach der ersten Lesesession von ein bis zwei Stunden muss der Leser das starke Gefühl entwickeln, dass es sich lohnen wird, an diesem Text weiterzulesen, irgendwann, zum Beispiel am nächsten Abend.

Stellt man als Kritiker beim Lesen eines Textes fest, dass man gelangweilt ist, dass man kaum Lust verspürt, weiterzulesen, oder man merkt, dass Potenzial da ist, aber nicht an den richtigen Stellen, gehört das alles in die Kritik hinein. Gewisse Dinge sind dabei Geschmackssache, beispielsweise die Wahl eines schnellen (vor allem Action und Thriller) oder langsamen Erzähltempos (meistens Romanzen und Drama). Im ersten Fall bietet sich eine stringente Handlung an, das heißt, die Dinge geschehen Schlag auf Schlag, ruhige Momente werden nur sparsam eingesetzt und vor allem kurz. Im zweiten Fall lässt sich die Handlung viel Zeit, um Charaktere zu entwickeln und auszubauen. Persönlich bin ich ein Freund des etwas langsameren Erzähltempos, seit ich damit anfing, Serien zu schauen. Wenn verschiedene Charaktere zusammen in einem Raum aushalten müssen und Dialoge stattfinden, geht mir das Herz auf. Wenn man es versteht, diese Extrazeit sinnvoll zu nutzen, taucht der Leser (oder Zuschauer, Zuhörer) noch tiefer in die Welt ab, weil sie aufgrund der Charakterinteraktionen glaubwürdiger wirkt.

Doch selbst bei der ruhigen Erzählweise darf der Autor es nicht vergessen, Ereignisse einzubauen. Es müssen keine Schusswechsel und Explosionen, Mord und Totschlag sein, aber irgendetwas muss passieren. Da ich am liebsten Animeserien mag, ist mir aufgefallen, dass in den nicht brutalen Serien, ohne krasse Psycho- und Horrorelemente gerne auf Veranstaltungen zurückgegriffen wird. Da steht dann auf einmal der Klassenausflug in eine andere Stadt mit Sehenswürdigkeiten auf dem Programm, irgendjemand will in den Freizeitpark, in den Zoo, ins Schwimmbad oder das jährliche Sportfest oder irgendein anderes Schulfest findet statt. In der Kritik muss man also dem Autor mitteilen, ob in seiner Geschichte zu viel oder zu wenig passiert.

Und ganz wichtig ist, wie der Text insgesamt vom Lesefluss her auf einen selbst gewirkt hat. Der Autor hat zwischen einzelnen Kapiteln oder Sinnabschnitten womöglich wochenlang andere Dinge getan, und weiß somit nicht, dass auf einmal ein Stilbruch stattgefunden hat, die Atmosphäre nicht mehr die selbe ist, Charaktere sich merkwürdig verhalten oder die Geschwindigkeit völlig unpassend ist – wenn der Actionkracher plötzlich langsam wird oder umgekehrt, wenn die gemütliche Geschichte unvermittelt gehetzt wirkt. Zwar kann und sollte ein Autor seine unfertige Geschichte immer mal wieder komplett von Anfang bis Ende lesen, um selbst zu prüfen, wie das Gesamtpaket wirkt, jedoch ist es eine echte Hilfe, wenn ein Kritiker diese wichtigen Informationen direkt an den Autor weitergibt. Der Kritiker erspart dem Autor damit Lesestunden, und manchmal ist ein Autor für bestimmte Sachen betriebsblind. Da kann eine zweite Meinung von außen nützlich sein. Oder eine dritte. Oder vierte …

Erster Teil – Leicht

Kapitel 7

Recherche
(Wie recherchiere ich richtig?)

Es gibt mehr Texte als ein Mensch in seinem ‚kurzen‘ Dasein lesen könnte. Hinzu kommt, dass man nicht alles glauben darf, was man liest. Vieles ist zeitgenössischer Unfug, und gerade in der Politik äußerst einschlägig, und muss immer mit äußerster Vorsicht genossen werden. Manchmal hat man immenses Glück und ein Kollegium aus mehr als zehn ‚Professor Doktor sowieso‘ hat ein Buch zusammen geschrieben. Da kann man dann davon ausgehen, dass man eine saubere Abhandlung in Händen hat, die einen auch weiterbringt. Gerade für Geschichte kann ich zwei Bücher empfehlen, die ich hier im Regal stehen habe – für den ersten groben Überblick:

a) dtv-Atlas Weltgeschichte, Von den Anfängen bis zur Gegenwart, ISBN: 978-3-423-08598-4.

Dieses Buch gibt in zahlreichen Daten, Fakten, Definitionen und Karten auf mehr als 600 Seiten einen Überblick der Menschheitsgeschichte vom Paläolithikum (Altsteinzeit) bis in den Zeitraum 2000 nach Christus-Geburt (nach katholischer Zählweise, die ja bei uns im Westen den Maßstab vorgibt, sucht man in anderen Kulturen nach Informationen muss man möglicherweise nach der Geburt Mohammeds oder der Einteilung von Kaiser-Dynastien rechnen – also nicht wundern, wenn zwei Quellen aus einem ähnlichen Zeitraum zwei völlig verrückte Zahlen wie beispielsweise 1438 und 344 angeben. Die einen rechnen vielleicht nach einem Typen, der mal in Jerusalem ans Kreuz genagelt wurde, die anderen rechnen nach der Erleuchtung seiner Majestät, des Oberbefehlhabers des Regengottes im Steppenland – um es mal überspitzt darzustellen) Ein ähnliches Werk, das ich aufgrund der Ähnlichkeiten nicht besitze ist: Der große Ploetz, ISBN: 978-3869414188, da wird einem dann ein Backsteinbuch mit Umfang von über 2000 Seiten an die Hand gegeben.

b) dtv-Atlas Philosophie, ISBN: 978-3-423-03229-2, gibt einen Überblick über die Ideengeschichte der Menschheit von der Antike bis heute. Wer also keinen blassen Schimmer von historischem Materialismus auf Grundlage einer materialistischen Dialektik hat oder nicht weiß, was so bahnbrechend an Kants Dekonstruktion des Erkenntnisgewinns durch a priori Beweisführungen ist (und warum man Empirismus und Rationalismus zusammen denken muss, und Zeit eine Sache ist, die man nur durch den Raum bemerkt) usw. sollte dieses Büchlein dringend anschaffen. Ähnliche Taschenbücher gibt es für Politik, Medizin, Ernährungswissenschaften, Topographie usw. Besonders schätze ich auch Weltkarten an der Zimmerwand in Reichweite vom Schreibtisch und den Diercke Weltatlas für den schnellen Überblick des Planeten Erde.

c) Bundeszentrale für politische Bildung. Die haben Querverlinkungen zu so ziemlich allem.

d) Universitätsbibliotheken. Nur hier findet man nicht nur ein Buch zum Spezialthema, sondern muss in Regalmetern denken. Dort stehen dann die Monographien, Sammelbände, Bibliographien (sozusagen analoges Google-Verzeichnis von anno sowieso), Einsteiger-Überblickswerke usw. – wobei für ein schönes Einsteigerwerk das Interesse da sein muss. Wer sich z.B. grob über die Römische Republik informieren möchte oder über Interpretationen zu den peloponnesischen Kriegen in der Darstellung von Thukydides, der wird Regalmeter an Büchern finden. Vom Feinsten. Sucht man dagegen nach dem Alltagsleben der Nubier (bzw. derjenigen Menschen, die dort gelebt haben, unabhängig von der Bezeichnung) in Zentralafrika 3300 v. Chr. so wird es schon verdammt schwer.

e) Es ist immer von Vorteil, Schulbücher, Fachbücher und Karten zu sammeln, wenn man die Möglichkeit dazu hat. Gerade ein Weltatlas kann mit seinen diversen Angaben über klimatische Bedingungen oder wirtschaftliche Verflechtungen ein wahrer Augenöffner sein.

Allerdings: Alle diese Bücher sind grobe Überblickswerke und leiden an enormer Verknappung. Im Zweifelsfall muss man an die Quelle und Grundlagenforschung betreiben. Hier ergeben sich jetzt zwei Probleme:

1.) Autoren sind unzuverlässig. Jeder Autor, selbst, wenn er Prof. Dr. Dr. ist, hat nur einen begrenzten Wissensschatz, jeder Mensch ist der Politik, der Kultur und dem Wissensstand seiner Zeit ausgesetzt. Wenn also ein Historiker des Mittelalters sagt, die Erde ist nach Aristoteles und Augustinus eine Scheibe, dann ist es Blödsinn, selbst, wenn es in wunderbarem Latein oder gar grammatikalisch perfektem Altgriechisch mit überzeugendem Layout und viel Lob von zeitgenössischen Universitäten versehen ist. Theoretisch muss man jeden einzelnen Satz eines Autors auf faktische Wahrheit überprüfen. Dafür fehlt meist die Zeit, das Geld und vor allem das Können.

2.) Wenn man an die Quelle will, muss man Sprachen beherrschen. Aber wer spricht schon im beginnenden 21. Jahrhundert gleichzeitig: Deutsch, Englisch, Französisch, Russisch, Italienisch, Spanisch, Chinesisch, hat ein Latinum, ein Graecum, lernt dazu noch leidenschaftlich Maya-Hieroglyphen, sumerische Keilschrift etc.

Im Kleinklein sieht man ja schon, was in unserer derzeitigen Globalpolitik nicht funktioniert: Da können dann Amerikaner und Deutsche kein Russisch und hacken auf den Russen rum, oder Japaner wollen kein Englisch lernen und kapseln sich ökonomisch ab (E3 Pressekonferenz per Video auf Japanisch mit englischen Untertiteln) oder Deutsche, die keine Lust haben, Englisch zu lernen, und dadurch nicht mitbekommen, was auf den anderen Kontinenten vor sich geht, fangen an ‚besorgt‘ zu werden und wollen Zäune aufbauen. Was heißt das für die Recherche? Grundlegend muss alles erst einmal als Spekulation, Behauptung, Lüge, Manipulation und Selbstdarstellung eingestuft werden. [Nachtrag: Ich hätte es im Oktober 2016 nicht für möglich gehalten, dass wir im Jahr 2017 fadenscheinige Deflection, also gezielte Ablenkung und Verbreitung von Lügen oder ‚alternative facts‘ nicht nur von den üblichen Verdächtigen wie Russland, China, Nordkorea, Saudi Arabien abbekommen, sondern unter Präsident Trump die USA kräftig mitmischen. Das Positive an der rechten Dauerhetze 2015 und 2016 ist, dass sich die Rechtsprechung jetzt schneller auf das Internet ausdehnen wird und dass Faktenchecker in Mode kommen]Dann muss man super kritisch und mit viel Reflexion (Wieso? Weshalb? Warum?) alles bis ins kleinste Detail durchleuchten. Und nach und nach stößt man dann eventuell auf das wahre Bild, das sich aus tausenden Mosaiksteinchen zusammensetzt. Wenn man z.B. das Viktorianische England als beliebten Handlungsort für historische Romane nimmt, stellen sich sofort einige Fragen:

Wer hat politische Macht? Wer hat Geld und Kapital? Wer nicht? Wer ist interessiert daran, den Status Quo aufrecht zu erhalten und wer will etwas verändern? Wie leben die Armen? Wie der Mittelstand und wie die Reichen? Wie sieht es mit der allgemeinen Bildung und Infrastruktur aus? Als Faustformel kann man sich grob merken: Von 10 000 v. Chr. bis etwa 1918 haben Frauen keine Rechte und müssen dem Mann gehorchen (Fachwort: Patriarchat)(in Saudi Arabien immer noch der Standard im Jahr 2017 …), eine Frauengeschichte, in der Frauen fragen, was Frauen in der Geschichte alles gemacht haben, eine Alltagsgeschichte, die erforscht, wie der kleine Mann abseits der großen Politik und der Militärschlachten gelebt hat, eine Mikrogeschichte, die sich nicht die Wirtschaft eines gesamten Staates, sondern zum Beispiel nur Aufstieg und Fall von Bauer Müllers Wassermühle ansieht, gibt es erst grob seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Um da Einblicke zu bekommen, braucht man gute Englischkenntnisse und muss wissenschaftliche Fachzeitschriften zu Rate ziehen. Da kann es aber sein, dass eine Zeitung von 30 Seiten über hundert Euro kostet. Wissen ist nach wie vor Macht, und dieses Wissen, vor allem topaktuelles über den Nahostkonflikt oder Chinas wirtschaftliche Handlungen sind heiß begehrt und somit kostspielig.

Fazit: Vertraue keiner Quelle (z.B. absichtliche Propaganda-Fotos), sei kritisch gegenüber Sekundärliteratur (Institut XY erhält Geld, um zu schreiben, wie toll das neue Medikament ZB ist) und generell: Kopf einschalten! Selber denken! Wer selber denkt, kommt zum Beispiel auf ganz neue Suchstrategien. Wenn ich zum Beispiel weiß, dass Frauen in jener Zeit an jenem Ort keinen Zugang zum Buchmarkt, zur Politik usw. hatten, dann schaue ich nicht dort nach, sondern frage mich z.B., ob es Tagebücher gibt oder Fragmente von Frauengeheimbünden. Und wo es keine Schriftquellen gibt, muss man ein Meister der Analyse sein, um alles aus Mauern, Scherben, Löchern im Boden, Veränderungen des Ökosystems usw. herauszuholen, damit man ein Bild dafür bekommt, wie ein Mensch wie du und ich in früherer Zeit gelebt haben muss. Hilfreich ist auch Empathie. Man stelle sich vor, man trage Kleidung xy, sei z.B. in der Wüste, es gäbe Probleme mit Wasser, die Schule sei streng und einseitig, das Essen sehr selektiv usw., da bekommt man ganz schnell einen Blick dafür, was hinter den Kulissen der Geschichte wirklich ablief. Und für Spezialthemen ab dem 19. Jahrhundert gibt es Sachbücher, wissenschaftliche Fachbücher und wissenschaftliche Fachzeitschriften zu allem. Man muss die dann nur noch lesen, durcharbeiten und verstehen.

Wichtig ist hier nur, dass manche Themen schneller altern als andere. Geschichtsbücher aus der Antike sind beispielsweise immer noch interessant, wenn man sie unter gewissen Fragestellungen untersucht. Geht es um Medizin, ziehe ich moderne Fachbücher aus dem 21. Jahrhundert vor, denn Aderlass und Amputation sind in vielen Fällen heutzutage genauso unnötig, wie das Austreiben teuflischer Geister. Die Naturwissenschaften sind spätestens ab dem 20. Jahrhundert auf einem Stand, der für die meisten Menschen ausreichend ist, und werden vom Prinzip her nur noch laufend ergänzt. Was auch wichtig ist, damit zum Beispiel Krebs und Aids besiegt werden oder Fleisch künstlich im Labor gezüchtet werden kann oder menschliche Organe aus dem Drucker kommen können usw. – wobei man sich folgendes klarmachen muss: Erst seit Ende der 1980er Jahre kommt der Personal Computer richtig in Schwung, in den 1990er Jahren setzt sich allmählich das Internet in der Masse durch, und erst seit rund 10 Jahren gibt es Smartphones und Tablets – wenn du diesen Text also gerade lesen solltest, liegt das an der fortlaufenden Entwicklung von Technik. Das fanfiktion Forum selbst ist erst seit 2004 wirklich aktiv, also gerade erst aus den Kinderschuhen heraus gewachsen. Viele Zufälle sind also der Grund, dass dieser Text selbst als Recherchematerial dienen kann, weil er nicht in einer Schublade verschwindet, sondern im World Wide Web. Unheimlich? Ja, das ist typisch für Recherchen.

Erster Teil – Leicht

Kapitel 8

Knappe Lebenszeit, schnelle Schreibentwicklung
(Wie werde ich im Schreiben schnell besser?)

Ein Mensch wird in die Welt hineingeboren. Das hat nicht der Mensch selber zu entscheiden, sondern hängt von den Eltern des Menschen ab. Aus Sicht des Menschen kommt es einem Zufall, einem Rätsel und einem Wunder gleich. Ist der Mensch erst einmal in der Welt, wird er direkt mit seiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Da die Menschheit fernab von den Unsterblichkeitsphantasien der Science Fiction lebt, liegt die Sterblichkeit bei 100%. Ab dem Moment, da der Mensch kraft seines gesunden Menschenverstandes nachdenken kann, wird er mit dem Problem seines eigenen Todes konfrontiert.

Bis zu dem fernen Tag, an dem Wissenschaftler dieses Problem gelöst haben, bleibt es dem einzelnen Menschen überlassen, wie er mit der Gewissheit seines eigenen Todes umzugehen gedenkt. Ein Autor ist im Besonderen ein Mensch, der viel Zeit benötigt, weil es viel Zeit kostet Texte, ja ganze Bücher von hoher Qualität zu schreiben. Die Frage lautet hierbei: Wie kann es ein Autor schaffen, entgegen seiner begrenzten Lebenszeit, ausgelöst durch die Gewissheit des eigenen Todes in der Zukunft, sein volles Potenzial im Schreiben umfassend zu verwirklichen?

Bis ein Mensch ein Bildungsniveau erreicht, das der allgemeinen Hochschulreife entspricht und bis er die charakterliche Integrität und Reife entwickelt hat, um das Problem des eigenen Todes in seiner vollständigen Konsequenz zu durchschauen, mag der Mensch gut und gerne zwanzig Jahre alt sein. Aufgrund hoher medizinischer Entwicklung und Versorgung, aufgrund gesunder Ernährung und Sport, und mit dem Wissen über Lebenserwartungen in Europa, setzen wir das Höchstalter pragmatisch auf 90 Jahre. Bis der Mensch weltweit standardmäßig die 120 Jahre erreicht, wird es noch Jahrzehnte, wenn nicht eher Jahrhunderte dauern.

Theoretisch bleiben einem Menschen, der sich entschließt, Autor zu werden, etwa 70 Jahre Zeit, sein Schreiben für die Nachwelt zu archivieren. Pragmatisch gesehen, vielleicht sogar mit einem ordentlichen Schuss Pessimismus, stehen wohl eher 50 Jahre zur Verfügung. Die ständige Gefahr durch plötzliche tödliche Umstände wie zum Beispiel Unfälle oder geistiger Extremismus oder Verfall im Alter, geben zusätzlichen Anlass zu einem Erwerb der nötigen Kenntnisse in Zeiten, in denen der lernende Nachwuchsautor noch jung und fit ist. Gleichwohl kann sich aus einem sorgfältigen Training mit Glück der Zustand ergeben, dass der Autor noch in hohem Alter in Topform ist und dann die besten Texte seines Lebens kurz vor dem eigenen Ableben schreibt. Ein solcher Fall muss wahrhaftig die höchste aller Freuden, Hoffnungen und Genugtuungen eines Autors darstellen.

Es bleibt nun allerdings die brennende Frage: Wo beginnen? Immerhin gibt es soviele Bücher und soviel Wissen, um mehr als ein Menschenleben in Anspruch zu nehmen. Die Antwort kann nur lauten, dass es nicht möglich ist, alles mitzunehmen, was da an Gedanken kreucht und fleucht. Es sollte einem Autor jedoch gleichzeitig Mut machen, bedeutet es doch, dass es immer Verbindungen von Texten gibt, die andere Menschen nicht lesen konnten und die sich in das Schreiben des Autors einbringen und damit ein faszinierendes Unikat schaffen, das es dem Autor ermöglicht, selbst Texte zu verfassen, die für einen Leser interessant ausfallen.

Ein allgemeiner Ratschlag für einen Autoren lautet: Lies so viele Bücher, wie du kannst. Aber eigentlich müsste es heißen: Lies so viele sinnvolle Bücher, wie du nur kannst. Wie definiert sich hier ’sinnvoll‘? Um ein Gefühl dafür zu entwickeln, sollte der Autor Grammatik, Logik und Stil pauken, damit er sich schriftlich präzise und auf den Punkt auszudrücken vermag, damit er das, was er in seinem Gehirn an vagen Ideen und Gedankengängen vorbereitet, in der schriftlichen Niederschau umfassend ausarbeiten und perfektionieren kann. Niederschau meint dabei diejenigen Worte, die letztlich schwarz auf weiß auf dem Papier stehen. Erst dann ist es dem Autor möglich, durch Beobachtung und Analyse der eigenen Niederschau Stärken und Schwächen im eigenen Denken und im stilistischen Aufbau zu enthüllen.

Zu Grammatik und Stil gehört ein sprachlich sauberer Ausdruck, der einen angenehmen Klang im Satzbau ermöglicht, sodass ein jeder Leser mit Allgemeinwissen den Gedanken und dem Inhalt dessen, was der Autor ausdrücken möchte, mit möglichst geringen Verständnisproblemen folgen kann. Dazu gehört auch die Verpflichtung, möglichst viele Vokabeln zu erlernen, um im Zweifelsfall das Wort wählen zu können, das in der jeweiligen Situation den durchschlagendsten Effekt erzielt. Gleichzeitig bedarf es eines Fingerspitzengefühls, um positive oder negative Nuancen von Wörtern, und deren häufig voneinander abweichende Bedeutungen im Subtext eines Textes, sofort zu erkennen und somit eine Kontrolle über das unterschwellige Mitklingen eines Tons im Text zu erlangen. Ein Autor muss wissen, ob sein Text warm oder kalt, neutral oder polemisch, natürlich oder wissenschaftlich, einfach oder komplex, bierernst oder humoristisch-satirisch wirkt.

Eine Beschäftigung mit Logik, vor allem Sprachlogik und Argumentationstheorie, hilft dem Autor, sich erstens besser, das heißt verständlicher auszudrücken, zweitens, auf den Leser überzeugend zu wirken, da Entwicklungen von Argumenten logisch gültig und damit nachvollziehbar werden, und drittens, die Texte anderer zu durchschauen. Damit ist gemeint, die Phrasen eines anderen Autoren zu lesen, sich nicht von Polemik provozieren zu lassen, nicht auf Rhetorik hereinzufallen, und Schwachstellen anderer Texte gnadenlos zu erkennen und analytisch zu sezieren. Im Allgemeinen bedeutet das, Fehler in der Entwicklung von Argumentationsgängen zu finden, was zum Beispiel nützlich ist, um hilfreiche Intelligenz von schadenbringender Dummheit zu trennen. Geht es ans Besondere, ist es dem Autor durch Nachfragen, die er dank Logik, Stil und Vokabular messerscharf stellen kann, möglich, klassische Fehler wie einseitige Betrachtungen, mangelnden Umfang, einschlägige, bewusste Selektion oder schwammige, beziehungsweise nicht vorhandene Definitionen als solche zu erkennen und anzusprechen.

Ist der Nachwuchsautor mit den Waffen aus Logik, Stil, Grammatik und Vokabular ausgestattet, kann er sich ans genussvolle Studium der Geistes- und Naturwissenschaften machen, da er gegen jede Form von Dummheit, Hass, Neid, Unwissenheit und Manipulation gewappnet ist. An und für sich ergibt sich die Pflicht eines lebenslangen Lernens und Studierens bis hin zum Todestag, da es mehr Wissen gibt, als ein Mensch alleine in seinem kurzen vergänglichen Leben aufnehmen kann. Eine Nichtbeschäftigung mit Büchern ebnet den Weg zu Dummheit, Hass, Leid, Unzufriedenheit und einem Dasein, das von untugendhaftem Handeln vergiftet und zerfressen wird.

Auch und gerade für einen Autor, der den Geisteswissenschaften verbunden ist, empfiehlt sich eine Beschäftigung mit Mathematik, Physik, Biologie, Chemie und Geographie, da Wissen über den eigenen Körper, vor allem die Ernährungs- und Sportwissenschaften, und Wissen über Aufbau, Funktion und Wirkweise der Welt bis in Details hilft, den Autor körperlich und geistig fitzuhalten, sein Wissen zu mehren, sowie für Ökonomie und Ökologie zu sensibilisieren. Außerdem ist es hilfreich, wenn man weiß, welche Medikamente tatsächlich wirken oder wenn man für sich selbst einen Haushaltsplan erstellen kann, damit das liebe Geld nicht fremdgeht. Um gleichfalls in Bereichen wie Politik, Kunst und Kultur mitreden zu können, ist ein Durcharbeiten oder vielmehr effektives Querlesen des dtv-Atlas Weltgeschichte und des dtv-Atlas Philosophie sinnvoll, damit der Nachwuchsautor versteht, wie zum Beispiel Ländergrenzen, Staaten, Gewaltenteilung oder ideengeschichtliche Strömungen über mehrere tausend Jahre entstanden sind; zumal es zu Fragen anregt wie: Liegt Krieg in der Natur des Menschen?

Wichtig ist dabei der Überblick, das Begreifen vom Großen und Ganzen, gerade, wenn es um Themen wie Rechtsprechung geht, die sich gerne in unzählige Kleinstthemen zersplattern können – trotzdem kann sich der Nachwuchsautor bei Interesse gerne in Spezialinteressen stürzen und diese erkunden, wenn er auf Wissen stößt, das ihn neugierig macht. Immerhin befeuert Neugier die Motivation, und Motivation ist die Triebfeder der Konstanz für das lebenslängliche Wollen zur Bildung des Menschen.

Erster Teil – Leicht

Kapitel 9

Richtig lesen
(Was sollte ich lesen, um besser zu werden?)

Um ehrlich zu sein, solltest du erstmal aufhören, den Mist zu lesen, der sich da draußen in der Welt fleißig ansammelt, auftürmt, und böse Zwingfesten der Unvernunft bildet. Nach Möglichkeit solltest du Angebotsblättchen, kostenlose Regionalzeitungen, und generell alles, was es irgendwie kostenlos in Textform gibt, tunlichst meiden. Ein Autor braucht Zeit, um Qualität abzuliefern, und dazu braucht es nun einmal Geld. Vor allem Onlinetexte in den sozialen Netzwerken sind mit Vorsicht zu genießen, da dort jeder schreiben kann. Auch derjenige, der nicht lange nachdenkt.

Negativdefinitionen sind zum Einstieg immer knifflig und tragen einen Beigeschmack des Ausweichens mit sich; aber bevor ich dir erkläre, was wirklich sinnvoll ist, solltest du wissen, was nicht in Ordnung ist. Eine gewisse Ähnlichkeit kann man bei der Ernährung finden. Bevor ich dir also sage, dass du gefälligst Äpfel, Bananen, Brokkoli und Blumenkohl benötigst, weise ich dich daraufhin, dass Limonade, Zigaretten, Kekse und Pizza zu meiden sind.

Es geht hier jedoch nicht um den Aufbau eines Dogmas und Flexibilität ist ein sinnvolles Werkzeug für jeden Autoren. Selbstverständlich darfst du deshalb sündigen. Allerdings sollte die Werbung der Zeugen Jehovas oder der Bericht über den alljährlichen Ostergottesdienst im Wochenblatt das Letzte sein, was du nach deinem eigentlichen Lesepensum am Tag so liest. Jemand, der sich gesund ernährt, wird auch ab und zu zur Schokolade greifen, aber er ernährt sich eben nicht nur ausschließlich davon. Das ist ein Unterschied. Und Unterschiede trennen gute Autoren von schlechten Autoren.

Es gibt drei Gruppen von Texten, die du auf jeden Fall lesen solltest: Weltliteratur, wissenschaftliche Fachzeitschriften und Bücher, die dir Vielleser empfehlen, wenn du sie fragst, was du auf jeden Fall mal lesen solltest. Die Weltliteraur zeichnet sich durch einen schönen Schreibstil, begnadete Beschreibungen, psychologisch tiefgründige Charakterzeichnungen und universalgültige Themen wie Liebe und Hass, Leben und Tod, Krieg und Frieden aus. Daher kann man als Nachwuchsautor immer etwas von den großen Büchern lernen, die so bekannt sind, dass ihre Namen überall auf allen möglichen Kanonlisten zu finden sind. Es kann nie verkehrt sein, mal etwas in die Hand zu nehmen und zu lesen, wenn Homer, Shakespeare, Goethe, Kafka, Austen, Twain usw. drauf steht. Im Internet, in den Bibliotheken und Buchhandlungen finden sich immer Listen und Klassikerabteilungen. Wichtig ist dabei vor allem, immer mal wieder den Autor, das Genre oder Land zu wechseln, um ständig von anderen und neuen Einflüssen zu lernen.

Macht man das nicht, kommt man vielleicht auf fatale Annahmen wie zum Beispiel, dass Männer immer so schreiben und Frauen immer so. Erst auf der Ebene der richtig hochwertigen Bücher stellt man fest, dass es sich um eine Handwerkskunst handelt, und dabei Alter und Geschlecht und Hautfarbe völlig einerlei sind. Vor allem stellt man dann beim Lesen fest, dass nicht alles gleich sein muss und es viel Spielraum für die Individualität, den Ausdruck und die Erscheinungsform gibt. Je nach Interessengebiet, nach Kultur, Ideologie, Vorlieben in Umfang und Geschwindigkeit, aber vor allem je nach verwendetem Vokabular können Texte enorm voneinander abweichen.

Es ist vergleichbar mit verschiedenen Musikstilen. Sie hören sich unterschiedlich an, haben aber je nach Tageszeit und Gefühlskurve ihren eigenen Reiz. Nur weil man gewisse Genres mag und andere nicht, bedeutet das nicht, dass diese anderen Genres immer schlecht sein müssen. Und es bedeutet ebenfalls nicht, dass in den gemochten Genres immer alles super ist. In jeder Stilrichtung ist die gesamte Bandbreite von pubertären Gehversuchen bis hin zu reifen Werken vertreten. Wer sich auf die Suche begibt, der hat schon gefunden, weil er bereit ist, seinen Erfahrungshorizont zu erweitern.

In jedem Wissensgebiet, mit dem sich Menschen beschäftigen, finden sich Experten. Und diese Experten studieren ihr Fach gründlich und arbeiten darin Jahrzehnte. Sobald es also speziell wird, sollte man sich an die ganzen Professoren und Doktoren halten. Meisten haben diese Leute tatsächlich recht, und man lernt einiges dazu. Es gibt Verzeichnisse, die auflisten, welche Fachzeitschriften welcher Fachgebiete es in welcher Sprache gibt. Dort sollte man sich hin und wieder mal reinlesen, um auf dem aktuellen Stand zu sein.

Naturgemäß sind manche Themenfelder aus der Tradition heraus sehr gut ausgearbeitet, andere Themenfelder ringen mit kleiner Auflage, kaum vorhandenen Redaktionsteams und wie immer und überall – mit dem Geld. Daher kosten viele Fachzeitschriften massiv Geld, obwohl es im Sinne der Bildung für alle Menschen eigentlich ziemlich schade ist, denn meiner Meinung nach sollten gerade diese nützlichen Bündel an Wissen in großer Zahl kostenlos verteilt werden.

Da es sich bei den Autoren dieser Fachzeitschriften um Experten mit wissenschaftlicher Ausbildung handelt, findet der Nachwuchsautor hier Texte von hoher Qualität, sowohl, was die Form, also Grammatik und Schreibstil betrifft, als auch, was Umfang und Intelligenz des Inhalts angeht. Als ungeschriebenes Gesetz gilt, dass es zu jedem Thema Spezialisten mit tiefgründigen Ansichten gibt. Man muss sie nur finden, und dann erstmal verstehen lernen.

Für Themenfelder, die nicht immer und grundsätzlich von der Wissenschaft ausgehen – zum Beispiel diverse Sportarten oder ganz spezielle Handwerkszweige – ist es sinnvoll, solange Ausschau zu halten, bis man einen Meister auf diesem Gebiet gefunden hat. Dem sollte man dann zuhören oder sein Buch kaufen – falls er eins verfasst hat. (Da gibt es dann womöglich Abstriche im Schreibstil, aber in solchen besonderen Fällen ist der Inhalt erstmal wichtiger)

Der dritte Punkt sind die Bücher, die einem andere Menschen, die gerne und oft lesen, empfehlen. Im Internet ist derzeit goodreads die weltgrößte Plattform für diesen Zweck. Zeig mir bitte dein Bücherregal und deine Empfehlungen und ich erkläre im Gegenzug meine Leseliste. Für alle Beteiligten ist das praktisch, denn es gehen einem so erstens nie die Buchtipps aus, und zweitens kommt man auf die Art an Bücher, von denen man vorher noch nie etwas gehört hat.

Von wikipedia ausgehend kann es nützlich sein, die Seite zur Literatur eines bestimmten Landes durchzugehen. Das heißt, man startet mit einem Kontinent und schaut dann welche Länder auf diesem Kontinent welche Art von Büchern hervorgebracht haben. Dadurch lernt der eifrige Leser nebenbei viel über Geographie, Topographie, Politik und Kultur. Und das ganz ohne Noten, Unterricht und Leistungsdruck! Interessant ist hierbei vor allem die Metaebene, wenn man anfängt darüber nachzudenken, welche Literatur aus welchem Land und welchem speziellen Zeitabschnitt besonders gerne bei Feierlichkeiten hervorgekramt wird und was im Stillen vor sich hin dümpelt.

In kapitalistisch geprägten Ländern wird gerne die Kapitalismus-Kritik totgeschwiegen, in Ländern wie Japan, Russland und China wiederum wird gerne ein Mantel des Schweigens über diverse Kriege gehüllt und Aufarbeitung ist nur schwer möglich. Dann wiederum gibt es Länder aus dem Nahen Osten oder aus Afrika, die geistig noch auf dem Stand des Mittelalters sind und es als problematisch ansehen, wenn jemand zum Beispiel Religion hinterfragt, sich mit Sexualität beschäftigt oder ganz schlimm: Wenn eine Frau es wagt, zu schreiben. Nachdem man erkannt hat, was der etablierte Mainstream innerhalb der Buchszene eines Landes ist, kann es nie schaden, sich nach den Büchern der vielfältigen Minderheiten umzuschauen.

Und dann gibt es immer wieder Autoren, die außerhalb jeder Kategorie schreiben. Da fällt es dann schwer, einen Autor auf ein Land, ein Genre und eine literarische Strömung festzunageln. Wer würde es beispielsweise wagen, Elfriede Jelinek in eine Schublade zu stecken? Handelt es sich doch um eine Person, die in der ‚Literatur-Szene‘ so umstritten ist wie Cristiano Ronaldo im Fußball oder Justin Bieber im music business.

Erster Teil – Leicht

Kapitel 10

Füller VS Tastatur
(Ist Haptik nur Schall und Rauch?)

Haptik ist kein Schall und Rauch, und deshalb sollte jeder Autor Füller und Papier zur Hand haben, auch wenn der Großteil der Texte am Computer entsteht. All die Leute, die es nicht schaffen, im Internet 300 Worte ohne Fehler in die Kommentarsektionen zu tippen, werden nie verstehen, worum es in diesem Kapitel gehen wird. Jemand, der hingegen – trotz allem – immer auf sprachlichen Ausdruck Wert legt und sich im Zweifel noch ein wenig Zeit lässt, um mehr Gedanken in einen Textabschnitt einzubauen, wird dem Problem schon begegnet sein. Da draußen gibt es mehr Bücher als ein Mensch in seinem kleinen kümmerlichen Leben jemals lesen könnte. Alles ist voll von Zeitungen, Fernsehsendungen und Videos im Internet. Es ist im beginnenden 21. Jahrhundert problemlos möglich, von morgens bis abends vor dem Bildschirm zu hängen und die Muskeln verkümmern zu lassen, da man nur noch die Hände zum Bedienen von Maus und Tastatur benötigt.

Wir Menschen leiden unter Fragmentierung unseres Alltags, wir müssen mit allem und jedem reden, diskutieren, die Nachrichten im Auge behalten, den Beruf zur Religion erklären. Wir lesen mindestens fünf verschiedene Bücher parallel und wollen dann noch in Sachen Serien und Kinofilme auf dem Laufenden sein. Und alle wollen sie woanders – also nicht in der eigenen Messiwohnung – mit coolen Leuten abhängen und chillen, während viele andere Leute – nur nicht man selbst – von all den Reisen und Erfolgen erzählen, die sie im Leben durchlaufen haben. Dabei ist es nötig, die eigene Mündigkeit wieder zu erlangen und trotz permanenter Verbindungsmöglichkeit zu allen Kontinenten und Ländern zu jeder beliebigen Zeit, die Ruhe zu trainieren.

Früher, zum Beispiel im 19. Jahrhundert, haben sich Nachwuchsautoren umfangreiche Briefe geschrieben. Die wurden dann vom Adressaten gelesen, liegen gelassen, wieder gelesen, und vielleicht ein oder zwei Wochen später kam dann die ausführliche Antwort. Gerade in Zeiten von always online und keiner will etwas Sinnvolles schreiben und jeder ist auf schnellen Spaß und Vergnügen aus, muss die Reflexion und Kultivierung der eigenen Textproduktion wieder auf die Lernliste der jungen Autorengeneration gesetzt werden.

Anstatt, dass wir alle meckern und maulen, weshalb keine Reviews und Rezensionen erscheinen, die lang, ausführlich und intelligent sind, sollten wir selbst damit anfangen, genau solche Kommentare zu verfassen. Im Übrigen bin ich mittlerweile der Ansicht, dass selbst Journalisten dem Krebs des Clickbaits unterlegen sind, und so sehr damit beschäftigt sind, aktuell zu sein, dass keine Zeit mehr für Inhalt übrig bleibt. Auf der anderen Seite wird die hohe Qualität, zu finden in den Fachzeitschriften, die nicht in den Buchhandlungen und Kiosken ausliegen, einfach nicht gelesen.

Wirklich hervorragende Gegenwartsliteratur geht einfach unter, weil nur diejenigen Aufmerksamkeit bekommen, die irgendwann irgendwo von einer obskuren Jury einen belanglosen Preis erhalten haben. Doch selbst die werden nicht gelesen. Jedenfalls nicht, wenn man Buchhandelsinsidern glaubt, die hier und da mal durchsickern lassen, welche Bücher ungelesen zu hunderten direkt in den Müll wandern, weil die Entsorgung billiger ist als die dauerhafte Lagerung. Was kann man konkret gegen dieses System tun? Wie schreibt man bessere Texte, die mehr Menschen helfen? Und was hat das mit Haptik zu tun?

Um im Schreiben von Kommentaren und von Texten generell besser zu werden, ist es zwingend erforderlich, sich gegen die Fragmentierung des Lebens, aufgezwungen durch Stress der Wirtschaft, der Arbeit und des always on Internet zu wehren. Schreiben darf nicht allein als Reaktion auf etwas interpretiert werden, sondern als Erschaffen von etwas ohne jeden Nutzen. Nur, wenn das Schreiben frei ist, als raue Tätigkeit losgelöst von allen Beschneidungen und Rahmen existieren zu dürfen, kann das Schreiben zur vollständigen Entfaltung gelangen. Das beginnt damit, dass jeder Nachwuchsautor mit Zugriff auf das Internet übt, dem Drang zu widerstehen, immer das Neueste vom Neuesten kommentieren zu müssen, dass es förderlich ist, Texte zu schreiben, an Orten, an denen gerade nicht die Party abgeht.

Wir müssen Mammuts an die Wände schreiben und malen, selbst, wenn draußen mal wieder ein unsinniger Krieg Bomben und Leichen für den Frieden schafft. Doch an der Stelle gibt es ein schlimmes Strukturproblem. Autor ist kein klassischer Ausbildungsberuf mit Dokument, Siegel, Unterschrift und Duckfaces, die in Kleidchen oder Anzug dümmlich in ein Selfie kichern, wenn die Abschlussfeier ansteht. Die Tätigkeit des Schreibens lässt sich auch nicht weg feiern oder schön saufen. Man kann nicht schummeln, nicht abkürzen. Es ist wie Sport. Man muss es einfach machen. Tag um Tag um Tag um Tag.

Die klassische Literaturszene ist voll von Konservativen, Traditionalisten und anderen arroganten Kleingeistern. Es gibt zahlreiche Nischen, diejenigen die Heftromane schreiben, diejenigen, die dpa News copy pasten und sich wundern, wenn Leute in den Kommentaren, den Redaktionen aller Nachrichtensender Naivität und mangelnde Reflexion vorwerfen, diejenigen, die Krimis schreiben, egal, ob Wohlfühlseifentatort oder anderen Schund. Was macht man aber, wenn man einen Lovecraft und Kafka Hintergrund hat, keine Lust verspürt, vor irgendwelchen Menschen zu buckeln und zu heucheln, nur, um wahrgenommen zu werden? Schreibe deinen Text massenkonform, brav, berechenbar und nicke alle Änderungen ab, dann wirst du vielleicht eines Tages gedruckt. Und verschwindest zurecht in der Belanglosigkeit, weil jeder Leser auch ohne Schulung instinktiv spürt, dass du dich verbogen hast und das Herz deines Textes aufgehört hat, zu schlagen.

Es ist ekelerregend, wie viel Schreibseminare kosten, wenn man es sich doch viel leichter machen kann. Einfach Bücher aus der Bibliothek ausleihen oder Klassiker zu kleinem Preis kaufen, regelmäßig fleißig schreiben und in einem kostenlosen Schreibforum im Internet mitmachen. Dadurch erlangt man zwangsläufig druckreifes Schreibniveau. Über was man dann konkret schreibt, ist wie Sex oder Musikgeschmack. Jeder hat Freude an seiner kleinen bekloppten Welt.

Schreiben ist etwas enorm Intimes, es also in Seminaren auf einer Bühne herauszuprügeln, ist so, als müsse man sich im Unterricht nackt ausziehen und lüstern stöhnen. Es ist demnach nicht verwunderlich, dass es auf diese Weise niemals funktionieren kann. Autoren brauchen vor allem einen abgelegenen Schreibraum, einen Rückzugsort vor der Welt, und dann vor allem eine gesunde Stille.

Das handschriftliche Schreiben trägt seinen Teil dazu bei, die Fähigkeit der Meditation zu erlangen, in der man seine Gedanken klar genug macht, um bewusst auswählen zu können, worüber man eigentlich nachdenken und dann auch schreiben möchte. Es lässt sich mit dem hochwertigen Musikhören über gute Bauteile vergleichen. Eine gut produzierte CD oder Schallplatte – vor allem im Blues oder Jazz Bereich wirkt sich nach Dauerbeschallung von minderwertigen Streams mit ständiger Werbeunterbrechung und Jitter als Wohltat auf das eigene Gehör aus. Danach erlangt man auf einmal ein ganz anderes Lebensgefühl, wenn man Musik hört. Ähnlich verhält es sich, wenn man regelmäßig Sport treibt und durch Dehnen und immer wieder auftauchenden Muskelkater ein intensives Gefühl für jede Faser des eigenen Körpers aufbaut.

Wer regelmäßig viel schreibt, wird über einen Computer erfreut sein, denn es entfällt das lästige Abtippen, um das Analoge ins Digitale zu retten. (Kleiner Exkurs: Es gibt kein günstiges Programm, das handschriftlichen Text einfach einscannt und möglichst fehlerfrei in eine Textdatei überträgt. Lediglich Bibliotheken mit antiken Texten nutzen Software und Hardware, die soviel kosten wie ein Laster mit mehreren neuen Autos. Für Laien gibt es nur die Möglichkeit, einen Spezialstift zu verwenden – wodurch sich die Sache direkt erledigt, denn es geht ja gerade um den Kontakt zwischen Fingern und Füller als sensorisches Erlebnis. Und mittels Mikrofon den Text noch einmal für den Computer einzulesen ist enorme Zeitverschwendung)

Außerdem hat Computerschrift den Vorteil, dass sie immer leserlich ist, das bedeutet, Freunde können die eigenen Texte direkt lesen und auf inhatliche Fehler und Schwächen prüfen, ohne sich an den Flüchtigkeitsfehlern in der Rechtschreibung und Zeichensetzung zu stoßen. Ohne alle paar Minuten nachhaken zu müssen, was dieses oder jenes denn nun eigentlich bedeuten soll, weil es kaum zu entziffern ist. Doch gerade diese Allerweltslesbarkeit stiehlt einem Text die Seele. Wie soll man denn durch Times New Roman und andere Schrifttypen den Ausdruck des Gefühls im Schwung jedes einzelnen Buchstaben nachvollziehen? Es fehlen die Passagen, die durchgestrichen wurden, die Passagen, die kräftig oder blass, übergroß oder klammheimlich verengt aufgeschrieben wurden. Niemand kann mehr nachvollziehen, welche Textstücke im Schreibrausch entstanden und welche mühselig, Satz für Satz, zusammengeklebt wurden.

Durch Selbstversuche ist mir aufgefallen, dass das Schreiben mit Füller und Tinte auf weißes Papier eine eigene Welt für sich ist. Gäbe es bereits brillante Scanner, die meine Handschrift per einfachen Foto in Text umwandeln könnten oder unterstünden mir strebsame Schreibsklaven, die meine Texte immer abtippen würden – ich würde nur noch handschriftlich schreiben. Kein Surren mehr von meinem Laptop, wie leise auch immer es ausfällt. Kein Geräusch mehr vom Klackern der Tastatur (auch wenn ich bereits möglichst flache Tasten nutze; auf meinem Laptop oder per externer Tastaur), kein unnötiger Stromverbrauch. Aber das Wichtigste ist der sichtbare Produktionsprozess. Wenn ich Text in eine Datei eintippe, dann ist es immer noch eine Datei. Ich schließe sie und fühle mich klein und unbeholfen, so, als hätte ich nichts erreicht. Und wenn ich den Text dann irgendwann ausdrucke, beschleicht mich das Gefühl, dass diese seelenlose Maschinenschrift unmöglich von mir stammen kann.

Großartig ist beim handschriftlichen Text dagegen der Aha-Effekt. Ich habe einmal in zwei Sitzungen 16 DIN-A4 Seiten meines Blocks vollgeschrieben (ca. 250 Worte pro Seite). Wenn man das dann weglegt, dann ist es ein Stapel Papier, von oben bis unten vollgeschrieben mit blauer Tinte, von einem selbst. Ohne Noten, ohne Zensuren, ohne Kommentare in roter Tinte, ohne, dass sofort alle Menschen um einen herum Senf verspritzen, der bereits in der Dose abgelaufen war. Ich denke, der Aha-Effekt kommt durch die direkte Fassbarkeit in der physischen, analogen Welt. Wenn ich wollte, könnte ich dieses Papier anzünden und alles wäre weg, wäre umsonst geschrieben worden. Dadurch wird der Text unendlich kostbar, will gehütet und bemuttert werden. Jeder Satz, der durch Sonnenlicht verbleicht oder durch Regentropfen, Suppenkleckser und ähnliche Miseren in Mitleidenschaft gezogen wird, fühlt sich wie ein besudelter Grabstein eines edlen Vorfahren an.

Vergleichen lässt sich das nur mit einem Foto, das man ausgedruckt in einem tapferen Bilderrahmen im Regal stehen hat. Im Vergleich mit einem Foto aus einem Ordnersystem liegen da Lichtjahre zwischen. Denn das Foto im Ordnersystem darf niemals alt werden und sich mit Staub einkleiden. Es bleibt eine Belanglosigkeit in der nicht greifbaren Welt. Ein klagendes Echo in der Digiwelt, ohne Aussicht, dass jemals in tausend Jahren ein Tamer vorbei spaziert.

Für die Massenproduktion von Text ist das handschriftliche Schreiben somit kaum zu gebrauchen. Es sei denn, Geld und Bedienstete sind jederzeit verfügbar. Dafür ist analoges Schreiben wie Meditation. Die Finger halten das Ding, indem Tinte auf eine Feder läuft und sich auf Papier ergießt. Man macht einen Schwung mit der Hand und bemerkt sofort, welchen Effekt das hat.

Und da man es nicht ohne weiteres rückgängig machen kann, schreibt jeder Fehler, einer Narbe gleich, seine eigene Geschichte in der Geburt eines Textes. Dadurch sieht man sich gezwungen, erst nachzudenken und dann zu schreiben. Man formuliert im Kopf einen Satz, prüft dabei sofort, ob er sinnvoll erscheint und schreibt ihn dann auf. Mit diesem Verfahren verringert man auf natürliche Weise Plattitüden und Redundanz, was sich mit genug Training auf das digitale Schreiben übertragen lässt.

Wer seine Gedanken trainiert und versucht, bewusst zu schreiben, erspart es sich auf Dauer, umfangreiche Streichungen vornehmen zu müssen. Damit wird Zeit frei, die man nutzen kann, um über den fachgerechten Gebrauch einzelner Wörter innerhalb eines Satzes zu grübeln. Anstatt dem Selbstmord einzelner Sätze beizuwohnen, lauscht man nun dem Harakiri einzelner Worte, zum Beispiel Verben. Das eine Wort stirbt, das andere erblickt den Unsinn des Textes. Doch selbst der gewiefte Autor ist nur Zuschauer, wenn Worte melancholisch ihre Pest aushauchen. Es ist dann Aufgabe des Lesers mit dieser Atmosphäre umzugehen.

Zweiter Teil – Mittel

Kapitel 1

Sujet und Prämisse
(Was ist ein Sujet?)

Ein Roman ist das Ergebnis eines genüsslichen spekulativen Ausarbeitens von vagen Ideen, Ereignissen und Stimmungen. Derjenige, der ausarbeitet, sowie die Ideen in spezifischer und umfassender Weise für sich selbst und die Nachwelt auf Papier bannt, ist der Autor. Es ist dabei völlig einerlei, ob der Autor männlich oder weiblich, jung oder alt, religiös oder atheistisch, politisch oder unpolitisch ist. Es spielt nicht einmal eine Rolle, ob er ein sympathischer, netter Mensch ist oder ein herzloser Bastard, den andere Menschen ausgrenzen und verschmähen. Einzig und allein stellt sich die Frage: Versteht der Autor sein Handwerk?

Der Autor sollte in Grammatik, Logik und Stil bewandert sein und so viele Vokabeln wie möglich in der Sprache kennen, in der er auch schreibt. Der Autor muss in der Lage sein, mit kühler Logik Herr seines freien radikalen Denkens im Sinne der Aufklärung zu bleiben. Er darf sich nicht von politisch oder religiös motivierten, einschlägig bewanderten Menschen vor den Karren spannen lassen, und er darf generell niemals blind hinter einer Ideologie, einem Dogma oder einem beliebigen -ismus herlaufen. Zur Auswahl für das Schreiben stehen kurze, mittlere und lange Texte. Dabei reicht das Niveau von knappen Hassbotschaften und Beleidigungen, über Groschenromane und allgemeine Blogeinträge, bis hin zu reifer Literatur und wissenschaftlichen Publikationen.

Ein Autor, der das Schreiben ernst nimmt, sollte den Anspruch haben, immer die höchste Qualität abzuliefern, ganz egal, wie lang und umfangreich ein Text formal sein mag und welche Themen der Text inhaltlich streift. Entscheidet sich der Autor für einen Roman, also nicht für ein Sachbuch oder eine journalistische oder wissenschaftliche ausführliche Ausarbeitung eines bestimmten Stoffes, so stellt sich die Frage: Fiktion oder Non-Fiktion? Bei Non-Fiktion muss der Autor länger und intensiver recherchieren, da Fakten über reale Menschen, reale Orte und Zeitumstände nachprüfbar sind. Bei Non-Fiktion fließt mehr Zeit in den Weltenbau, da Handlungsorte erst erfunden werden müssen.

Bevor der Autor ansetzt, um ein längeres Projekt zu starten, sollte er sich zunächst mit Gedankenexperimenten und Schreibübungen in das Sujet der Geschichte hineinfühlen und hineinfinden. Zwar kann das in der Form von Gedankenspielen passieren, doch sollte sich ein Autor immer ausreichend Notizen mit Datumsangaben zur besseren Übersichtlichkeit anlegen. Autoren sind Künstler, und jeder wahre Künstler neigt zu Hochsensibilität, Melancholie und Verdrängungssucht. Dabei kann sich die Verdrängungssucht in verschiedenen Formen zeigen, je nachdem, ob es sich direkt um Drogen handelt, die unmittelbar den Körper angreifen, wie zum Beispiel Alkohol und Zigaretten, oder, ob es sich um das Verschwinden handelt.

Verschwinden meint dabei kein Versteckspiel und auch keine Flucht, Abschottung und Isolation vor der Öffentlichkeit. Vielmehr bleibt der Autor stets erreichbar – selbst, wenn es zu seinem persönlichen Ärger sein sollte – kapselt sich dabei allerdings in fremde Textwelten ab, und liest so viel und intensiv – oder hört Musik oder schaut Filme und Serien, dass er so viele Stimmungen anderer Künstler aufsaugt, wie sein Gehirn gerade noch eben verkraften kann. Problematisch wird das Prozedere, wenn die ursprüngliche Essenz des Sujets für den geplanten Roman des Autors verloren geht, wenn es sich mit den Aussagen anderer Künstler vermischt und den individuellen Instinkt überdeckt. Gerade, weil dieses Prozedere in der Natur des Menschen liegt, weil der Mensch stets älter wird und Lebenserfahrung und Wissen sammelt, ist es wichtig, Wegmarken zu setzen. Diese Wegmarken sind die Notizen, das Sujet, das Exposé, Charakterübersichten, Ideen zu Handlungsorten und allgemein sämtliche Dinge, die im direkten Bezug zum geplanten Roman stehen.

Nicht nur das Bewahren der ursprünglichen Essenz ist ein angestrebtes Ziel des Autors, sondern auch der stete Kampf gegen die nostalgischen Irrwege und Verwirrungen des eigenen Gehirns, das gerade bei einem Autor Probleme macht. Schon aus Gründen des Studiums, der steten Verbesserung und Kritik ist es für einen Autor unabdingbar so viel zu lesen, wie er nur kann. Um dabei jedoch den Überblick zu behalten, muss der Autor es sich zur Angewohnheit machen, alle seine Gedanken, sollten sie auch noch so schal und unreif sein, aufzuschreiben. Ebenfalls zur Angewohnheit werden sollte es für den Autor, diese Notizen messerscharf zu analysieren, um das Wesentliche aus ihnen herauszufiltern und mit der Präzision eines Uhrwerks Ideen voll und ganz herauszuarbeiten.

Je umfassender und komplexer diese Ideen mit Hilfe von treffenden Vokabeln ausgearbeitet werden, desto besser ist es für den Autor, weil er dabei lernt, selbst bis in die tiefsten Schichten seiner Projekte vorzustoßen. Gleichzeitig muss der Autor dabei üben, einen Schreibstil anzuwenden, der bei aller inhaltlichen Dichte und Anhäufung von Details flüssig lesbar bleibt. Der Zweck der Übung ist es, den Autor dazu zu bringen, regelmäßig zu schreiben, einen qualitativ hochwertigen Stil zu erlernen und sich entgegen der Bequemlichkeit aller Nicht-Autoren dazu zu zwingen, Themen tiefgründig zu durchdenken. Oberflächlichkeit in der inhaltlichen Auseinandersetzung mit einer Geschichte ist eine Todsünde für den Autor, weil ein Leser ein untrügliches Gefühl dafür entwickelt, ob der Autor etwas Interessantes mitzuteilen hat oder nicht.

Um eine Garantie für das Interessante zu haben, braucht der Autor ein Sujet, damit er kritisch prüfen kann, ob sein Projekt etwas taugt. Gehen wir davon aus, das Projekt sei ein Roman, muss das Sujet bereits Skelett und Herzschlag der Roman-Geschichte andeuten. Ein Sujet ist dabei die konkrete schriftliche Ausarbeitung von Gedankenspekulationen in kompakter und inhaltlich auf Schwerpunkten basierenden Art. Ein bis zwei Seiten sollten ausreichen, um ein erstes Bild von Charakteren, Handlungsorten, Stimmung und möglichen Plotentwicklungen vorliegen zu haben. Der Weg hin zu einem interessanten, da gehaltvollem Sujet führt den Autor zwangsläufig an Bücherregale, an Filme, Musik, an Zeitungen, Nachrichten und vor allem an Gespräche mit Menschen heran.

Gespräche sind vor allem dann äußerst intensiv und ergiebig, wenn sie nicht nur als mündliche Unterhaltung über mehrere Stunden stattfinden, sondern auch und vor allem als Brief- oder E-Mailwechsel. Solche Schriftwechsel haben den Vorteil, dass sie erstens sehr umfangreich und tiefgründig sind, weil die Briefschreiber länger Zeit zum Nachdenken haben, und zweitens, dass sie immer wieder gelesen werden können, was es dem Autor leichter macht, schwierige Angelegenheiten beliebig oft neu zu durchdenken. Ist die kritische Masse an Informationen, die auf den Autor einprasselt groß genug, ergibt sich ein Denken in Assoziationen und Quergedanken wie von Zauberhand selbst. Langes vor sich hin sinnieren, tagträumen, träumen und plötzliche Einfälle aus dem Nichts erzeugen nach einer Weile einen Gedankendrift, den der Autor nur noch notieren muss. Sammeln sich diese Notizen an, findet sich mit kritischer Betrachtung ein Themenfeld aus unterschiedlichen Interessen.

Für das Sujet sollte diejenige Prämisse verfolgt werden, die im Autor die höchste Emotionalität auslöst und ein Gefühl der Echtheit, der Wahrheit, der Essenz oder des Wesens in sich trägt. Ein Sujet muss beim mehrfachen kritischen Lesen ein Gefühl von Beseeltheit und Abgründen auslösen, die unter der Oberfläche zu lauern scheinen. Ein Sujet scheint gleich einem Traum selbst an verworrenen Stellen einen Sinn zu ergeben, und gleich einem Traum öffnet es die Tür zu einer anderen Welt gefüllt mit einem Kaleidoskop von fantastischen Regungen und Zuckungen, die jedoch trotz Exotik und Mystik stets die Menschlichkeit im Herzen des Lesers ansprechen.

Wenn ein Roman ein fertiger Bildband ist, dann ist das Sujet mit jenen seltsamen und gleichermaßen faszinierenden ersten Fotos gleichzusetzen, die den Fotografen dazu veranlassten, einen gesamten Bildband zu erstellen. Da ein Sujet wie ein Gemälde den Nährboden für wilde Spekulationen bietet, ist die Fertigung des Romans von hier an lediglich eine Fleißarbeit für den Autor. Gleichwohl muss der Autor mit Herzblut, Leidenschaft und strenger Gründlichkeit agieren, wenn er am Ende keine Qualitätseinbußen haben möchte. Aus den Impressionen eines Sujets lassen sich bereits Orte, Charaktere und vielleicht erste Elemente der Handlung extrahieren.

Wenn ein Handlungsort vorliegt – zum Beispiel ein verwunschenes Schloss – fällt es leichter, dazu passend Charaktere zu finden, die sich in die Szene mit ihrer ganz eigenen Stimmung und Atmosphäre einfügen. Wenn ein oder mehrere Charaktere bekannt sind, folgt die Überlegung, an welchen Orten sich diese Charaktere bewegen, wo sie weite Teile ihres Daseins verbringen. Sind Charaktere und Handlungsorte bekannt, ist es ein leichtes, sich eine Abfolge von Ereignissen einfallen zu lassen, die für Spannung in der Geschichte sorgen. Um beim Beispiel mit dem Schloss zu bleiben, hieße das, vielleicht Vampire und Gespenster unterzubringen, um die anderen „normalen“ Charaktere unter Druck zu setzen, und für Konflikte zu sorgen, bei denen es schließlich immer um die Ehre geht, um Intrigen und nicht zuletzt um Leben und Tod.

Alle Menschen sind von Leben und Tod, Liebe und Hass betroffen, deshalb sind es universalgültige Themen, die einer Geschichte selbst in abgeschwächter, milder Form helfen, Leser auf Ebenen ihres Bewusstseins anzusprechen, zu denen die Leser gar keinen direkten Zugriff haben. Dennoch werden sie die Botschaften intuitiv aufnehmen und daran Gefallen finden. Womit sich ein Plot inhaltlich beschäftigt ist egal, und es ist ebenfalls egal, ob viel passiert oder wenig, ob der Plot sich über mehrere Romane entwickelt, vielleicht gar eine Serie erschafft, oder ob es sich um eine abgeschlossene Geschichte in einem Band handelt.

Als Richtlinie können für einen Einzelband oder den Auftakt zu einer Serie 80.000 – 120.000 Worte herhalten, sollten jedoch nicht überbewertet werden. Zwanzig Seiten, die mit Seelenfeuer geschrieben wurden, werden immer mehr Klasse haben, als zweitausend Seiten geschwätziger Arbeit, der man den Hang zu schlechter Qualität bei viel Textmasse deutlich anmerkt. Ein Plot sollte eine Einleitung, einen Hauptteil und einen Schluss haben, muss aber nicht chronologisch angeordnet sein. Viel wichtiger als ein altes Modell ist dabei, ob die Geschwindigkeit passt und ein Leser die Chance hat, auf den ersten fünfzig bis hundert Seiten ein Gefühl für die Art der Geschichte zu entwickeln.

Gerade dieses Momentum schlägt alle beabsichtigten Funktionen und Wirkungen eines Textes. Da kann sich der Autor noch so sehr auf die Undeutbarkeit von Kunst beziehen – es hilft nicht, wenn der Leser keinen Grund mehr sieht, warum er weiter lesen sollte. Grundsätzlich gilt: Je mehr passiert und je mehr Action und Dialoge es gibt, desto eher rückt der Schreibstil in den Hintergrund. Nur verschachtelt und schwer zu lesen sollte er nicht sein. Eher einfache, anspruchslose Sätze spielen bei genug Aktionen in der Handlung eine unbedeutende, weil nicht entscheidende Rolle. Der Leser wird so in die Geschichte vertieft sein, dass er den Stil gar nicht mehr wahrnimmt.

Umgekehrt gilt: Je weniger passiert, je mehr Monologe, Beschreibungen, Reflexionen, Träume und Rückblicke es gibt, desto wichtiger wird der Schreibstil. Der an sich bereits gelangweilte und strapazierte Leser dreht durch, wenn zum Anspruch des Inhalts eine Unverständlichkeit der Form tritt. Am Einfachsten ist es, wenn ein Autor sich Szenen überlegt, die ähnlich wie beim Theater Charaktere, Dialoge, Kostüme und Bühnenbild beinhalten, nur, dass Bühnenbild hier die Beschreibung im Allgemeinen und Kostüm die Beschreibung des Aussehens der Charaktere im Speziellen ist. Für diese Szenen muss klar umrissen sein: Welche Charaktere treten auf? An welchem Ort treten sie auf? Was erzählen sich die Charaktere und bringen diese Dialoge oder eventuell Monologe die Handlung voran?

Szenen, die immens wichtig sind, sollten gedehnt und in aller Weitschweifigkeit erzählt werden. Dazu zählen die Charaktereinführungen des/der Protagonisten, Liebesschwüre, Hochzeiten, Mord und Totschlag, Gespräche, die wichtige Informationen geben, entscheidende Duelle oder Schlachten und generell jede neue Art von Action oder jeder Dialog in einer Charakterkonstellation, die bis dahin noch nicht ausführlich gezeigt wurde. Geschehnisse und Ereignisse, die nichts grundlegend Neues bereithalten, sollten dagegen knapp gehalten und auf das nötige Neue beschränkt bleiben. Gerade Beschreibungen leben davon, dass sie nicht ständig wiederholen, was der Leser schon weiß, sondern stets neue Wetterlagen oder neue Kleidung oder Gemütszustände aufzeigen.

Wichtig sind in der Handlung auch Szenen, die einfach nur das ganz spezielle Gefühl einer Geschichte vermitteln, egal, welche Ereignisse in diesen Szenen eintreten. Der Autor hat die Verantwortung, eine Balance zu finden, die sich wie eine ganz natürliche Entwicklung der Dinge anfühlt, nicht zu schnell, und doch ohne zu bummeln. Ein Leser muss das Gefühl haben, im Roman passiere jede Menge, ohne, dass es zu viel wäre, ohne, dass es zu verrückte Sprünge gäbe. Wenn die Geschichte den Leser fesselt, ihn gefangen hält, und er mehr lesen möchte, ist das ein sicheres Zeichen, dass die Geschichte von der Art der Maschine her erstmal läuft. Ob die Maschine ein schickes Design, mit toller Farbe und Form hat, kann der Autor ab diesem Punkt in der Feinjustierung herausfinden.

Zweiter Teil – Mittel

Kapitel 2

Charaktere
(Wie erschaffe ich Charaktere?)

Ein Autor erschafft einen Charakter, indem er einen Steckbrief erstellt und dabei sein gesamtes Wissen einfließen lässt. Einen Charakter zu erschaffen, hat etwas zutiefst Schöpferisches, funktioniert in der Praxis jedoch als Beseitigung einer negativen Definition – ein Autor bemüht sich, einen schlechten Charakter zu vermeiden. Ein schlechter Charakter wirkt konstruiert, seltsam leblos, befremdlich, unecht und schablonenhaft. Seine Handlungen sind teilweise nicht nachvollziehbar oder dem Leser völlig gleichgültig. Bei einem gut ausgearbeiteten Charakter verhält sich der Autor wie ein guter Schiedsrichter im Fußball – er fällt kaum auf, weil alle Augen auf das eigentliche Spiel gelenkt sind. Der Leser fiebert mit dem Charakter mit oder ist angewidert von diesem, lobt ihn, schimpft ihn, sieht ihn als Freund, Konkurrenten, Idioten, was auch immer – erst hinterher stellt der Leser fest, dass es sich um eine Fiktion handelt und irgendein Mensch sich das alles ausgedacht hat.

(Wenn ich selber ein Buch lese, versuche ich in der Lesezeit, den Autor komplett zu vergessen und mich nur auf die Geschichte zu konzentrieren, so als wäre sie einfach irgendwo auf einer verlassenen Bank am Wegesrand aufgetaucht. Selbst, wenn man als Leser Opfer von gemeinen Menschen geworden ist, die einem den Inhalt eines Buches verraten haben, sollte man als Leser einfach so tun, als sei man ahnungslos. Man arbeitet sich von Absatz zu Absatz vor und findet gefallen an einzelnen Satzgefügen im Gesamtwerk der Geschichte – und entdeckt damit häufig Details, die vielen anderen ’schnell überfliegenden Lesern‘ verborgen bleiben. Generell ist es ein Anzeichen für ein schlechtes Buch, wenn es nach Spoilern nicht mehr lesenswert ist. Ein gutes Buch ist mehr als nur Plot!)

Anstatt also zu versuchen, aus dem Nichts eine Liste abzuarbeiten, was ein Charakter haben muss, geht es dem Autor darum, die schlimmsten Fehler zu beseitigen und dann behutsam Natürlichkeit in die Entfaltung des Wesens einzuarbeiten. Wenn ein Leser einen Charakter nicht eindrucksvoll findet, fehlt dem Charakter die Substanz. Zur Charakter-Substanz gehören ein Name, die Essenz des Körperbaus, eine Biographie, ein Kleidungsstil, Fähigkeiten und Wissensschatz, Sprache und typische Handlungsmuster. Fehlt etwas in der Substanz des Charakters wirkt ein Charakter blass und unscheinbar, ist die Substanz stark ausgebaut, fühlt sich der Charakter an, als könne er jeden Moment durch ein Portal in unsere Welt gelangen.

Nicht zur Substanz gehören alle anderen Dinge, die einem Autor zu einem Charakter einfallen, und die auf einem Steckbrief fein säuberlich notiert werden. Zu diesen Angaben gehören: Alter, Geschlecht, Körpergröße, Augenfarbe, Hautfarbe, physische Stärke, politische Einstellung, religiöse Einstellung, Einstellung zur Sexualität, eine Liste aller erlernten Berufe und Hobbys, alle Beziehungen, Familienstammbäume, Geburtstag, Lieblingsfarben, Lieblingsmusik/bücher/filme/theaterstücke usw. Zur Orientierung sollte ein Autor Charakterbögen von verschiedenen Pen und Paper Rollenspielen vergleichen. Bei den Videospielen sind vor allem Rollen- und Strategiespiele zu beachten, da diese häufig in einem sauberen Layout einen Avatar eines Charakters mit den wichtigsten Umschreibungen und Beschreibungen beinhalten.

Besonders wichtig sind alle Informationen, mit denen man als Leser innerhalb von einer Minute in etwa weiß, mit welchem Charakter man es zu tun hat. Auch gut zur Orientierung sind Mangas und Comics, da es dort zum Konzept dazugehört – vor dem Start einer neuen Serie – Figuren zu zeichnen und mit allen wichtigen Informationen zu versehen. Es dient dem Ziel, schon vorab zu untersuchen, ob das überlegte Sujet mit den vorliegenden Figuren in die Tat umgesetzt werden ‚könnte‘. Wenn also ein kleines gallisches Dorf gegen die Römer widerstand leistet, ist es von Vorteil, wenn bereits vorher klar ist, dass Asterix, Obelix und das Hündchen Idefix Protagonisten sind, und immer wieder Nebenfiguren wie etwa der Druide Miraculix, der römische Kaiser Cäsar oder eine Horde Piraten auf dem Meer auftauchen.

Beschreibt man einen Charakter also zum ersten Mal, sollte man als Autor so vorgehen, als sähe man diesen Charakter rein zufällig an einer Wegkreuzung oder auf einem Marktplatz. Was fällt als erstes auf? Was sind die ersten drei bis fünf Dinge, die ich persönlich bemerkenswert finde und an die ich mich daher später erinnere? Vielleicht sehe ich einen kleinen, untersetzten Mann, mit Halbglatze, rotem Bart und Muskeln wie ein Schmied oder Gewichtheber. Mir fällt die Augenklappe über dem linken Auge auf, ich sehe Narben auf einer nussbraun gebrannten Haut, die verrät, dass sich dieser Mensch häufig unter freiem Himmel aufhält. Ich bemerke einen fehlenden rechten Ringfinger und ein merkwürdiges blassrosa Amulett, dass der Mann an einer dünnen Schnur um den Hals hängen hat. Doch werde ich später kaum über Halbglatze und Muskulatur reden, wenn ich einem Bekannten von meiner Begegnung berichte. Nach der Erwähnung des roten Bartes, des fehlenden Fingers und des Amulettes fallen mir nämlich noch zwei Dinge ein, die mir sonderbar erscheinen.

Entgegen der Art diverser anderer Zwerge ist dieser hier nicht extrovertiert und laut, er gibt nicht an, macht generell nicht viel aufhebens um seine Person. Er trinkt nicht, raucht keine Pfeife und tüftelt nicht an seinem Rüstzeug oder seinen Waffen herum. Die sind nämlich alle bereits poliert und in bester Verfassung. Das hier ist ein Profi, der mit allen Wassern gewaschen ist. Und zu meiner Beunruhigung habe ich von diesem stillen Mann kaum ein Wort gehört, und obendrein seine Standarte gesehen, auf der geschrieben steht: Tod allen Bronsengbar-Zwergen. Als ich diesen Zwerg flüchtig ansehe, da nimmt mich ein stummes, aber energiegeladenes Auge ins Visier, das mich am liebsten in die Hölle selbst katapultieren würde, wenn das nur möglich wäre. Die gesamte Luft um ihn herum scheint vergiftet zu sein, und irgendwie weht immer ein kalter Wind dort, wo er steht, und das mitten im Hochsommer.

Für den Autor sollte bis hierhin klar sein: Charaktererstellung ist vergleichbar mit Poesie, denn mit möglichst wenigen Worten soll sehr viel ausgesagt werden. Dabei nicht alles auf einmal zu erklären und vielfältige Möglichkeiten zur Interpretation zu lassen, ist beabsichtigt. Auf die Art, wie ich hier einen mysteriösen Zwerg aus dem Nichts erschaffen habe, lassen sich alle nur denkbaren Charaktere erschaffen: alt und jung, dumm, intelligent, böse, lieb, gutaussehend, abstoßend, Helden und Schurken, zwielichtige Gestalten und Luftikusse – alles ist denkbar. Charaktere sind sogar etwas für faule Menschen, denn von der Kunst des Weglassens und Andeutens kann man als Autor großen Nutzen ziehen.

Im Falle des mysteriösen Zwerges wüsste ein Leser jetzt sehr viel über die optische Erscheinung. Aber wie hat der Zwerg seinen Finger verloren? Warum die Augenklappe? Woher kommt der unnatürlich kalte Wind im Sommer und weshalb umgibt den Zwerg eine solch üble Aura? Was ist mit diesem Charakter passiert? Welche Geschichte steckt dahinter? Diese langsam zu enthüllen, könnte bereits der Plot einer Geschichte sein. Oder es wird nie in aller Fülle erklärt, vielleicht stirbt der Charakter unterwegs auf einer Quest mit dem/den Protagonisten der möglichen Geschichte und nimmt sein Geheimnis mit ins Grab. Wer weiß? Ein prominentes Beispiel für einen solchen Charakter ist Kapitän Nemo in 20.000 Meilen unter dem Meer von Jules Verne. Als Leser erfährt man nie etwas über die Vergangenheit dieses Mannes – bis auf ein paar sehr vage Andeutungen.

Was viele Geschichten auf beinahe absurde Weise falsch machen, ist der Umgang mit Charakteren, die immer wieder auftauchen. Es gibt selbstverständlich Archetypen, also Basis-Charaktere, die immer wieder in allen möglichen Geschichten verwendet werden. Dazu gehören zum Beispiel: Der naive Waisensohn, der in die Welt hinaus zieht und sein Schicksal im Kampf mit dunklen Mächten erst noch herausfinden muss; der alte Lehrmeister, der mit Rat und Tat zur Seite steht; der zwielichtige Gauner, der eigentlich ein gutes Herz hat; der erzböse Gegenspieler, der die Welt vernichten will; die Femme Fatale, die mit Leichtigkeit hunderte intelligente und starke Männer in den Staub drückt und dabei immer einen coolen Spruch übrig hat; der gebrochene Mensch, der irgendetwas aus der Vergangenheit überwinden muss und nach neuem Sinn im Leben sucht, sich dabei vielleicht verliebt usw. Ohne all diese Archetypen wäre es nicht möglich, Geschichten zu erzählen.

Dabei verhält es sich wie mit den Dingen, zu denen alle Menschen eine direkte Verbindung herstellen können. Jeder wurde irgendwann einmal von irgendjemanden in die Welt hineingeboren, jeder war im Kindergarten, in der Schule, in Ausbildung, hatte einen Beruf, Freunde, Rivalen, Feinde, Besuche im Kino, im Zoo, die erste große Liebe, Liebesschmerz, den Tod eines Mitmenschen usw. Der springende und lustig winkende Punkt ist jedoch, dass kaum jemand exakt das Gleiche erlebt hat. Billionen von Möglichkeiten, vielleicht noch mehr, ändern ähnliche Geschichtsverläufe in so vielen Details, dass am Ende jede einzelne Geschichte ihren eigenen Reiz entwickelt.

Es ist also nicht nötig, als Reaktion auf einen Archetypen gleich einen unfassbar abgedrehten Charakter im Sinne des Jokers oder des verrückten Hutmachers aufzubauen – am besten noch ausgestattet mit blauen Haaren, rosa Kleid und Einhornlolli-Zauberstab. Zwar kann man solche Charaktere in Geschichten verwenden, allerdings muss es dann ins gesamte Sujet der Geschichte und zu den anderen Charakteren passen. In jeder Geschichte, in der ein abgedrehter Charakter in Erinnerung bleibt, liegt es daran, dass er von einem Netz aus ‚geerdeten‘ Charakteren umgeben ist, die ihn in seiner Abgedrehtheit scheinen lassen. Wären alle total verrückt und exotisch, würde der spezielle Charakter als Teil der langweiligen Norm nicht mehr auffallen.

Um einen Charakter also in Szene zu setzen, braucht es kein Freakverhalten. Alles, was ein Autor machen muss, ist entweder einen Archetyp zu verwenden und dann zu individualisieren oder einen Charakter zu nehmen, der so noch kaum in Erscheinung getreten ist. Wenn sich Nachwuchsheld Nummer 3886 der zwölften Legion der größenwahnsinnigen Jugendlichen auf den Weg macht, dann hat er vielleicht einige Besonderheiten, die ihn unterscheidbar machen. Das müssen nicht einmal weltbewegende Dinge sein. Vielleicht hat Nummer 3886 ein Faible fürs Angeln, schneidet sich mindestens einmal im Monat beim Rasieren und hat solide Kenntnisse im Jagen und Kochen in der Wildnis. Vielleicht ist er gut in Politik und Diplomatie und schafft es so, sich immer wieder aus brenzligen Situationen herauszureden oder wertvolle Unterstützung zu bekommen. Möglicherweise ist er ein Frauenheld, schafft es dabei aber nicht, eine Beziehung aufzubauen, weil er keine Ahnung von Dingen wie Romantik hat. Er ist womöglich begnadet im Umgang mit dem Schild, hat aber kein Interesse als Verteidiger zu agieren und nutzt lieber seinen Bogen, obwohl er der schlechteste Schütze aller Zeiten ist.

Es gibt unbegrenzte Möglichkeiten, wie man einen Charakter, der in vielen Geschichten auftaucht, mit Eigenleben füllen kann. Man stelle sich zum Beispiel einen Ermittler vor, der in seiner Freizeit leidenschaftlich gerne Theater spielt und sich daher sehr gut in die ganzen Verbrecher hineinversetzen kann, die er jagt. Oder wie wäre es mit dem Fußballprofi, der einen Reiseblog führt, weil er gerne liest und wegen des Sports viel in der Welt herum kommt? Der außerdem eine Leidenschaft für das Brotbacken hat und sich in einer kleinen Stadt – in der sein Verein ein Trainingslager abhält – auf der Suche nach neuen Rezeptideen und Storys für seinen Blog in einen kleinen Shop verirrt. In diesem Shop, der nur Honig anbietet, trifft er eine verträumte junge Frau, die sich für seinen Reiseblog interessiert und ihrerseits privat gerne koreanische Filme schaut, Glasharfe spielt und einen Kater namens d’Artagnan bei sich wohnen hat.

Und wenn man tatsächlich mal über den Tellerrand hinaus essen möchte, dann kann man auf Charaktere zurückgreifen, die sonst nur Nebencharaktere sind oder eher selten am Rand auftauchen. Man stelle sich zum Beispiel eine epische Fantasy-Saga mit einem Ornithologen als Protagonisten vor. Dieser muss dann natürlich untersuchen, warum die Vogelzüge so merkwürdig verlaufen und warum das der Vorbote einer Katastrophe sein könnte. Oder was ist mit dem alten Schuster, dessen Laden schlecht läuft und dessen Frau vor kurzem gestorben ist? Vielleicht zieht er in die Welt hinaus, um allen noch mal zu beweisen, dass er mit seinen eigenen Schuhen sehr weit kommt.

Egal, welchen Charakter man nimmt und wie man diesen in allen Details ausstattet – letztlich braucht jeder Charakter einen Antrieb, eine Art Sinn, den er verfolgt. Auch wenn dieser Antrieb nur für den Charakter allein sinnvoll ist und für niemanden sonst. Dabei kommt es nicht mal darauf an, dass dieser Antrieb besonders clever, kühn oder nützlich ist. Vielleicht gibt es diesen seltsamen Kauz, der immer wieder an der Küste entlangwandert und in die Bucht hinaus fährt, weil er gerne eine Meerjungfrau sehen möchte. Aber selbst das reicht bereits als Antrieb, da es für diesen Menschen nicht kauzig und entrückt erscheint, sondern so sinnvoll wie organische Chemie oder Ernährungswissenschaft. Alles, was ein Autor jetzt machen muss, ist, genau diesen Charakter mit Worten auf Papier zu bannen – nicht mit Erklärung, nicht mit Rechtfertigung, sondern einfach nur wie dieser Charakter ‚ist‘, wie er ‚vor sich hin existiert‘, ganz so, als würde man in aller Seelenruhe ein Mandala malen.

Zweiter Teil – Mittel

Kapitel 3

Handlungsorte
(Wie finde ich Handlungsorte?)

Um eine Geschichte plastisch zum Leben zu erwecken, um einem Roman ein solides Fundament zu geben, braucht es einen oder mehrere Handlungsorte. Unabhängig vom Genre der Geschichte hält ein spezifischer Ort die Geschichte zusammen – ganz egal, ob sie konventionell im Kriminalroman, Thriller, Liebesroman, Historischen Roman, Fantasy Roman, Science Fiction Roman, Gesellschaftsroman und deren Untergruppen verordnet ist oder in einem neuen Genre, das eben erst in Mode kommt. Ausnahmen bilden Biographien, da sie eine Person, nicht einen Ort als Fixpunkt haben, ideologische Bücher (zum Beispiel politisch oder religiös), da sie Theorien beinhalten und Sachbücher, da sie keine spannende, packende Geschichte erzählen, sondern ein bestimmtes Themengebiet, mit dem sich Menschen beschäftigen, möglichst umfangreich, fachgenau und ohne Fehler beschreiben und erklären sollen.

Ein Handlungsort ist ein spezieller Ort innerhalb eines vorher mehr oder weniger definierten Raumes, indem sich ein Teil der Handlung der Geschichte abspielt. In einem Fantasyroman gibt es oftmals eine ausgedachte Phantasiewelt mit erfundenen Meeren, Ländern, Bergen, Wäldern und Seen. In dieser Phantasiewelt tummeln sich Staaten oder vage beschriebene Gebiete, in denen sich Charaktere befinden und bewegen können. Ein Handlungsort könnte hier zum Beispiel eine spezielle Stadt, ein spezielles Dorf oder ähnliche Archetype Orte wie Zeltlager irgendwo in der Wildnis, Friedhöfe, Katakomben, Berge, Täler, Wälder sein. Dies kann man noch weiter verfeinern. Handlungsort in einer Stadt könnte der Marktplatz sein oder das Haus eines Händlers, im Wald könnte es eine Lichtung geben oder eine Ruine oder einen Zugang zu einem Königreich von Zwergen im Berg. In einem entlegenen Tal könnte sich ein Portal in eine andere Welt befinden oder ein höchst sonderbares Häuschen, indem exotische Charaktere ihr Dasein fristen.

Für Science Fiction gilt dasselbe, doch kommen hier meistens noch Raumschiffe, Raumstationen, und vielerlei Orte der super modernen Technik wie Eingangsportale zu Wurmlochreisen quer durch das Universum zum Einsatz. Es muss also nicht nur eine Weltkarte erstellt und bedacht werden, sondern ein ganzes System von Planeten, die sich bis in die Unendlichkeit forsetzen können, aber nicht müssen. Das hängt allein davon ab, wie lange der Autor seine Geschichte vorantreiben möchte.

Für fiktionale Romane, die in der realen Welt spielen (historische Romane, Krimis) oder in einer Welt, die der realen Welt bis auf entscheidende Details ähnlich ist (zum Beispiel Urban Fantasy mit Werwölfen, Vampiren, Zauberern usw. oder alternative Universen unserer eigenen Welt wie in Bioshock oder Der goldene Kompass) gilt: Man übe sich in Topographie und recherchiere alles, was man über einen bestimmten Ort herausfinden kann. Im Prinzip sind beide Varianten aufwändig. Bei Fantasy und Science Fiction muss eine Eigenleistung erbracht werden, weil der Autor Welten erfindet. Bekannte Beispiele: J.R.R. Tolkien (Mittelerde), George R.R. Martin (Westeros), im deutschsprachigen Raum: Walter Moers (Zamonien).

Bei Historischen Romanen oder Krimis (als Beispiele) besteht die Leistung darin, so lange Recherche zu betreiben, bis jedes Detail korrekt ist. Wer also eine spezielle Stadt beschreibt, sei es Dallas, Wuppertal oder Yinchuan, der benötigt Informationen über: Bauweise der Stadt, gerade, was Straßennetzte, Häuser, Plätze, Stadtzentrum, Peripherie und so weiter anbelangt. Aber auch Informationen über die Klimazone, über Niederschlag und Temperatur in den verschiedenen Monaten und Jahreszeiten, über die ortsansässige Politik, Wirtschaft, Gesellschaft sind notwendig, und natürlich muss man sich über die dort lebenden Menschen mit ihren Meinungen, Ansichten, Problemen und Gewohnheiten erkundigen.

Gerade, wenn es um grundlegende Dinge geht, fallen viele Romane inhaltlich auf die Schnauze, weil zum Beispiel der Status Quo der allgemein als richtig empfundenen politischen Einstellung missachtet wird oder weil Anachronismusfehler auftauchen. (Anachronismus= moderne Denkweisen auf ältere Zeitepochen übertragen und dadurch mit der Brille des 21. Jahrhunderts Begebenheiten aus früheren Epochen in einer Weise darstellen, die so schlichtweg falsch sind). Beispielsweise gibt es erst in einem Zeitraum ab 1915-25 ein Wahlrecht für Frauen und seit etwa den 1970ern/80ern eine Frauenbewegung für Frauengeschichte, Genderstudies, feministische Ideale etc. (Vorher eher als avantgardistisch-radikale Minderheiten im Untergrund) Und auch die allgemeine Erklärung der Menschenrechte stammt aus einer Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und die parlamentarische Demokratie, in der sich jeder Bürger, auch arme Menschen und Minderheiten politisch einbringen können, ist noch vergleichsweise jung. In vielen Staaten der Erde sind zudem noch im frühen 21. Jahrhundert Systeme wie Monarchien, Diktaturen und autokratische Bürokratien oder ideologische Fundamentalisten aktiv.

Schreibt man also über Orte in der realen Welt, muss klar sein, dass verschiedene Rechtslagen, politische und religiöse Sichtweisen vorherrschend sind. Und die Komplexität und Vielschichtigkeit in der Geschichte der Menschheit erschwert das gesamte Unterfangen, einen plausiblen Roman zu schreiben, noch. So absurd es dann auch erscheinen mag, muss man sich zwangsläufig daran halten, um den Roman glaubwürdig zu gestalten. Das schließt dann mitunter ein, dass der Protagonist im Historischen Roman möglicherweise niemals eine Spitzenposition einnimmt, weil er als armer Bauer im Ständesystem kein Anrecht auf Geld und Bildung hat und als Ausgestoßener gefangen genommen oder gar getötet wird. Das schließt mit ein, dass einer Frau in einer Geschichte vor 1910 kein Gehör geschenkt wird, weil sie ja „nur“ eine Frau ist, und damit dem Mann nicht gleich gestellt ist. Das schließt mit ein, dass Charaktere vor dem 20. Jahrhundert an Lungenentzündungen oder bei Geburten sterben, oder teilweise schon an einer Beinverletzung krepieren.

Wenn in bestimmten Gegenden zu bestimmten Zeiten Dinge als „normal“ akzeptiert werden, dann ist es höchst fragwürdig, dass ausgerechnet der Protagonist derjenige ist, der alles hinterfragt und das System durchschaut. So einen Protagonisten kann es geben, er braucht dann aber eine Erklärung. Hinterfragt ein Charakter in einem Roman, der beispielsweise im Deutschland des Nationalsozialismus spielt, das faschistische System, dann handelt es sich mutmaßlich um eine Person aus der politischen Opposition oder um einen höheren Amtsträger in Wirtschaft oder Militär, vielleicht gar einen Intellektuellen, der die geistige Kapazität mitbringt. Dass der 12 jährige Karl Heinz aus dem Ferienlager das System dagegen reflektiert, logisch durchdenkt und seine Schlüsse zieht, anstatt einfach alles mitzumachen und mit seinen gleichaltrigen Kameraden zu spielen, erscheint dagegen recht unglaubwürdig.

Der Autor einer Geschichte hat meist ganz zu Beginn eines neuen Schreibprojektes vage Ideen von möglichen Charakteren und deren Erlebnissen, und eine ungefähre Vision von dem Raum und den vielen Orten in denen sich diese Charaktere bewegen und ihre Taten erleben. Um hier einen besseren Überblick zu erhalten, empfiehlt es sich, sämtliche Gedanken und Spekulationen als Notizen festzuhalten, um

a) Gedanken zu archivieren und Ideen nie zu vergessen.
b) um den Kopf freizumachen für neue Gedanken.
c) bereits bestehende Gedanken systematisch auszubauen und mit anderen Gedanken zu verknüpfen.
d) um kritisch prüfen zu können, ob es Punkte gibt, die bereits ausführlich skizziert sind, während andere Punkte noch ungenau sind, bzw., um weiße Felder, Leerstellen und fehlende Dinge zu bemerken, die eigentlich wichtig sind.

Mit diesem System lässt sich herausfinden, ob Handlungsräume und Handlungsorte überhaupt vorhanden sind, und ob es die passendsten Räume und Orte für die Handlung sind, und ob sie bereits ausreichen oder noch weitere Räume und Orte nötig sind. Generell müssen es nicht immer spektakuläre Orte sein, an denen die Szenen einer Handlung spielen. Es kann bereits ausreichend sein, eher ’normale‘ Räume, zum Beispiel Wohnungen oder öffentliche Verkehrsmittel, Einkaufspassagen usw., zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten und bei unterschiedlichen Wetterbedingungen zu zeigen oder mit unterschiedlichem Dekor auszustatten. Gerade Privatwohnungen bieten Möglichkeiten für die verschiedensten Einrichtungsstile, da Menschen aufgrund ihrer verschiedenen Geschmäcker jeweils eigene Kombinationen von Farben und Formen verwenden.

Steht dieser ’normale‘ Aufbau, gesellen sich die eher ausgefallenen Orte wie ein verlassener Freizeitpark oder ein Mausoleum innerhalb eines Friedhofs dazu. Allerdings muss man das nicht als strenge Regel festmachen, denn hat ein Autor die Idee, die Handlung einer Geschichte in praktisch einem Raum darzustellen, kann er das auch machen. Dann allerdings benötigt der Raum genügend Potenzial, um noch über hunderte von Seiten zu fesseln. Ein Beispiel hierfür wäre das Metro 2033 Universum oder generell beliebte Räume, wie die ‚Zone‘ russischer Science Fiction, ‚Der Wilde Westen‘, ‚Das verwunschene Schloss‘, ‚Der Großstadt-Moloch‘ usw. Eben Räume, die genug Substanz besitzen, um Details in immer neuem Licht erscheinen zu lassen.

Stehen die Charaktere und die Orte, stellt sich dem Autor die Frage, welche Orte in welcher Reihenfolge am besten greifen. Ein Patentrezept gibt es hierfür nicht. Ein guter Anhaltspunkt ist jedoch, wenn der Autor das Gemüt der Charaktere mit einem Ort ausdrücken kann (oder umgekehrt abschwächen oder kontrastieren kann), wenn ein Ort einen ganz bestimmten Charme hat, der in genau dem Moment mit den Ereignissen innerhalb der Handlung harmoniert, wenn ein Ort schon von sich aus nach einer Geschichte schreit, und es sich nur wie das Natürlichste ergibt, dass gerade hier und jetzt Charaktere vorbeikommen, irgendetwas bestimmtes sagen und irgendetwas konkretes machen.

Zweiter Teil – Mittel

Kapitel 4

Plot/Handlung
(Wie baue ich einen organischen Plot?)

Du solltest William Shakespeare lesen, um zu verstehen, wie man auf wenig Raum und mit wenig Lesezeit viel Handlung unterbringt. Alternativ eignen sich die Zusammenfassungen von Shakespeares Hamlet bzw. – um noch ein anderes Beispiel mit hinzuzunehmen – von dem Videospiel Final Fantasy 7 auf wikipedia, um sich sofort bewusst zu machen, was Handlung eigentlich ausmacht.

Eine Geschichte hat tolle Dialoge, tiefgründige Charaktere, eine gut beschriebene Welt, Atmosphäre, Spannung, vielleicht sogar Erotik und Humor – aber was bringt das alles, wenn sich der Leser fragt: Wo führt das hin? Warum lese ich das hier gerade? Was ist das Ziel? Was möchte mir der Autor mitteilen? Um diese Fragen gar nicht erst aufkommen zu lassen, benötigt eine Geschichte einen Plot oder auch Handlung genannt.

Eine Handlung ist eine Abfolge von Ereignissen, die irgendwann ihren Anfang nehmen und irgendwann enden. Dass dabei ein Mittelteil vorkommt ist logisch, und dass es mehrere spannungsgeladene Höhen und langsame Täler gibt, liegt in der Eigenart der Geschichte und variiert immer. Bei einem Ereignis handelt es sich um eine Sache, die eintritt und die eine Geschichte sofort beeinflusst, weil sie Einfluss auf den Inhalt der Dialoge hat, auf die Handlungen der Charaktere und die Darstellung der Welt, in der die Geschichte spielt.

Ereignisse können prinzipiell alles Mögliche sein, von banalen, kaum zu erwähnenden Dingen, wie zum Beispiel, dass ein Charakter furzt und ein anderer Charakter seinen Standort wechseln muss, um saubere Luft zu atmen, bis hin zu solchen Szenarien wie: Auf allen Kontinenten erscheinen über Nacht blaue Monolithen, und obskure Priester in wachsartigen Roben fordern die Bevölkerung auf, pro Monolith 100 Neugeborene zu Opfern, ansonsten würden sie Meteoriten herbeirufen und zwei Metropolen zerstören.

Ein Plot muss sich bereits deutlich auf den ersten hundert Seiten eines Romans entwickeln, sodass der Leser immer mitdenken kann und trotz aller Ungereimtheiten und unaufgelöster Handlungsstränge immer weiß, was in etwa gerade geschieht. Ein Leser muss demnach immer wissen, um welche Charaktere es geht, wo diese Charaktere sich befinden und was in etwa die Ziele sein könnten. (Siehe Neon Genesis Evangelion; lange Zeit weiß man nicht, warum Engel angreifen oder was es mit dem Projekt zur Vollendung der Menschheit auf sich hat. Dennoch kennt man die Charaktere und weiß, dass diese in ihrer Welt leben wollen, auch ohne von Evangelions und Geofront abhängig zu sein). Lässt ein Autor ein Element im Dunkeln, sollten die anderen Elemente soweit ausgebaut sein, dass der Leser dennoch eine vage Ahnung hat, wohin die Reise geht.

Wenn also ein Leser zu Beginn der Geschichte nicht weiß, wie die Charaktere heißen und was die Geschichte der Charaktere ist, so sollte der Hintergrund der Welt interessant genug sein und im Idealfall irgendetwas stattfinden, dass die Neugierde weckt und Lust auf mehr macht – zum Beispiel eine Flucht vor etwas oder eine Abfolge von Ereignissen in der Art eines Rachefeldzuges (siehe den koreanischen Film Oldboy) bei der ein Leser bzw. Zuschauer bzw. Zuhörer einfach wissen möchte, was es denn nun mit allen Einzelheiten der Charaktere auf sich hat und wie alles zusammenhängt und wie es schließlich Sinn ergibt.

Bei Liebesgeschichten wird der Köder in der Form genutzt von: Wer ist das Paar? Wie kommt das Paar zusammen? Kommen sie überhaupt zusammen? Gibt es Hindernisse? Wartet ein Happy End, ein Mixed End oder ein Bad End? Gibt es ein Liebesdreieck oder noch mehr involvierte Personen? Wie gehen die Intrigen aus? Bei Kriminalromanen wird gerne der „Whodunit“ Köder genommen, das heißt, irgendwann geschieht ein Verbrechen und ein Ermittler muss dieses nun aufklären. Der Leser bleibt bis zum Schluss dran, weil er wissen will, wer der Täter ist, wie die Tat genau ausgeführt wurde und warum sie stattfinden musste. (Der Manga Detektiv Conan ist ein Musterbeispiel hierfür).

In neuerer Zeit wird das Genre gerne mit einzelgängerischen „hard boiled“ Antihelden-Ermittlern aufgemischt oder die Ereignisse stehen nicht in der richtigen Reihenfolge (anachronistisch) und müssen erst in den richtigen Zusammenhang gebracht werden (bis hin zu: die gesamte Geschichte wird nicht chronologisch erzählt und enthält Zeitsprünge – siehe Garden Of Sinners) oder die Beziehungen und persönlichen Probleme der Ermittler nehmen neben dem Fall eine starke Stellung ein. Seltener ist der Krimi aus der Sicht des Täters, oder der Fall, indem der Mörder bereits bekannt ist, sich die Spannung jedoch durch das Herausfinden der Motive und des allgemeinen Warum ergibt. (Bei Donna Tartt – ‚Die geheime Geschichte‘ wird der Leser dazu gebracht, die Mörder sympathisch zu finden und zum Schluss zu gelangen, dass das Opfer es nicht anders verdient hat und die Tat die einzig vernünftige Lösung war. Ich musste mich mit Gewalt dazu zwingen, das Ganze sachlich nüchtern zu betrachten: Als kalt durchgeplanten Mord.)

Die packendsten Geschichten werden heutzutage meist durch Action unnd Thriller geboten, da bei Action ständig blockbustermäßig Dinge explodieren und Kampfszenen auftreten und bei einem Thriller der Protagonist in Lebensgefahr schwebt (löse das Rätsel oder der Vatikan wird mittels Antimaterie während der Papstwahl in die Luft gesprengt …) Problematisch ist es mit allen anderen Geschichten da draußen, denn wie hält ein Autor eine Geschichte unterhaltsam und interessant, die z.B. eher langsam vor sich hin plätschert und in der es nicht zwangsläufig um die große Liebe, den freilaufenden Jack the Ripper oder den Angriff durch Aliens geht? Die Antwort lautet Plot!

Ein Autor könnte eine Geschichte z.B. damit starten, dass ein Charakter bitter arm ist und unbedingt diesen Job in der alten Villa am Abhang unterhalb einer Ruine annehmen muss. Was der Charakter natürlich erst nach und nach erfährt ist, dass Ruine und Villa ein grässliches Geheimnis bergen, im Volksmund als verflucht gelten und gemieden werden. Und dass er scheinbar der Einzige ist, der mit der Schwester des Arbeitgebers geredet hat. Man will dem Charakter vielleicht sogar erklären, dass der Arbeitgeber gar keine Schwester hat …

In so einem Gruselplot will der Leser wissen, was es mit all diesen Episoden auf sich hat und was letztlich der Wahrheit entspricht und was nur Einbildungen und Illusionen sind. Hat ein Autor erstmal den Leser an der Angel, kann er genüsslich jedes Kapitel ausdehnen und Beschreibungen und Dialoge einführen, den Leser mehrfach auf falsche Fährten locken, ihn hereinlegen und foppen. Der Leser wird dennoch durchhalten, weil die Auflösung und Erklärung auf ihn warten.

Hat ein Autor das Worldbuilding, die Charaktere, die stimmige Atmosphäre etc., dann ist es das Ziel, mit präzise eingestreutem Infodumping das allgemeine Interesse hochzuhalten. Infodumping bedeutet, wesentliche Informationen geben, damit neue Ereignisse eintreten können; z.B. im Herrn der Ringe die Erklärung, was es mit dem Einen Ring auf sich hat, warum er zerstört werden muss und wie er zerstört werden muss – wodurch die gesamte Reise der Gefährten ihren Sinn erhält; oder aktuell bei Attack On Titan mögliche Antworten auf Fragen wie: Was hat es mit den Titanen auf sich und was kann man gegen sie machen, damit die Menschheit vielleicht doch noch eine Chance zum Weiterleben erhält? Wodurch es dann auf einmal Sinn ergeben würde, dass Erkundungstruppen von A nach B wollen – und zwischendurch um Leben und Tod kämpfen – weil es womöglich an Punkt B neue Erkenntnisse gibt oder Dinge verändert werden können

Konkreter kann ich das nicht fassen, woran man merken sollte, dass gut ausgearbeiteter Plot anfällig für Spoiler ist, da es nun einmal etwas gibt, was man aus Versehen verraten könnte. Dieses ‚etwas‘ ist Plot. Wenn also Attack On Titan irgendwann vollständig fertiggeschrieben und gezeichnet sein wird, kann ein Leser alle Fragen nach der Lektüre beanworten, weil die Handlung zu Ende erzählt wurde. Plot/Handlung ist also immer die Summe der Ereignisse innerhalb einer Geschichte, also die Antwort auf die Frage: Was passiert alles in der Geschichte? Unterscheiden muss man das jetzt nur noch von den Fragen: Wie wird die Geschichte erzählt? Wann finden Ereignisse statt? Wann und wie oft kommt Infodumping und wann folgt der Rest wie Charakterentwicklung und Weltbeschreibung?

Es geht eben nicht nur darum, ob man Plot hat und ob man als Autor den Plot vorantreibt. Viel wichtiger ist es, wie man die Handlung erzählt und wann man gewisse Schlüsselmomente platziert, wann man das Tempo anzieht und wann man die Geschichte einfach ein wenig vor sich hin dümpeln lässt. Erst dadurch, dass ein Autor die geballten Informationen über den Plot mit viel erzählerischem Geschickt, Trara und Drumherum inszeniert, wird eine Geschichte unterhaltsam und bisweilen richtig packend. Ansonsten wäre jedes Buch so spannend wie die nackte Zusammenfassung eines wikipedia Artikels (also, wer lebt und wer stirbt am Ende? Wer kommt zusammen? Wer ist der Täter etc.?) Daher ergibt sich auch: Wenn eine Geschichte nur das WAS behandelt, aber nicht das WIE, ist die Geschichte nicht lesenswert, nicht hörenswert und nicht sehenswert. Jeder kennt das Geheimnis von Dr. Jekyll und Mr. Hyde, dennoch ist die Geschichte enorm packend – eben weil die Art WIE die Handlung rübergebracht wird, von Gesprächen, Gerüchten und Rätselraten, bis hin zu den alles erklärenden Bekenntnissen aus Jekylls Tagebuch, grandios ist.

Zweiter Teil – Mittel

Kapitel 5

Dramaturgie/Spannung
(Wie baue ich Spannung auf?)

Es gibt zwei verschiedene Arten von Spannung, den sofortigen Knalleffekt und die langgezogene Spannung, die sich erst über einige Zeit aufbaut. Für eine gelungene Geschichte sollte ein Autor beide Arten von Spannung verwenden, um die Dramaturgie voll ausschöpfen zu können. Dramaturgie ist so etwas wie ein Klimadiagramm, nur, dass es nicht Temperatur und Niederschlag über die Monate eines Jahres anzeigt, sondern die Spannungshöhe in jedem Kapitel oder Sinnabschnitt eines Buches. Ist der Ausschlag ganz hoch, findet in der Geschichte gerade ein Höhepunkt statt – ein Charakter kämpft z.B. um Leben und Tod oder endlich tritt ein Ereignis ein, auf dass die Geschichte seit mehreren Kapiteln zusteuert – z.B. findet nun endlich der große Wettbewerb statt, auf den sich der Protagonist seit dem halben oder fast ganzem Buch vorbereitet.

Ist die Kurve gerade ganz unten, plätschert die Handlung ruhig vor sich hin (Reisen von A nach B, Gespräche, Beschreibungen, Informationen wie z.B. Training für ein Turnier, die einen Spannungshöhepunkt in der Zukunft bereits andeuten – manchmal auch ‚foreshadowing‘ genannt). Beim Knalleffekt beliebt sind z.B. weitere Morde innerhalb eines Krimis, ein Charakter, der über Nacht plötzlich schwer verletzt oder verschwunden ist, oder Schlachten, die unerwartete Ereignisse in Gang setzen und dabei den bisherigen Handlungsverlauf auf den Kopf stellen.

Bei der langgezogenen Spannung wird endlich enthüllt, wer Täter ist, wie das Liebespaar letztlich zusammenkommt, wie sich die Horrorgeschichte auflöst, wie das Böse nun besiegt wird etc. – Fragen werden beantwortet, die sich gerne mal über ein gesamtes Buch aufbauen können. Manchmal nutzen Autoren das für einen Cliffhanger, das heißt, gewisse Informationen, Erkenntnisse und Ideen darüber, wie es weitergeht, werden nur angedeutet, damit sich der Autor eine Hintertür für einen Nachfolgeband offenhalten kann.

Immerhin plant nicht jeder Autor durch, wie viele Bücher er in einer Reihe schreiben will, bzw. manchmal ergeben sich Handlungselemente aus der Intuition und dem Schreiben heraus. Doch sollte sich kein Autor zu viele Gedanken darüber machen. Im Zweifelsfall kann man eine zu hohe Wortanzahl auf mehrere Bücher aufteilen. Also angenommen, ein Buchprojekt umfasst 300.000 Worte, kann der Autor versuchen, durch Streichungen aller Nebensächlichkeiten seine Geschichte auf 250.000 zu trimmen, nur um dann zwei Teile daraus zu machen, vielleicht einen Teil mit 110.000 Worten und einen Teil mit 140.000 Worten – wie genau man das jetzt umsetzt, hängt einzig und allein davon ab, wo es einen guten Punkt für eine Unterbrechung gibt.

Am meisten gefällt mir die Aufteilung japanischer Light Novels, bzw. Kinderbücher im Allgemeinen. Geht die Wortanzahl deutlich über 120.000 Worte, folgt der Einschnitt, und die Geschichte wird in mehrere Bände mit jeweiligen Teilüberschriften gegliedert. An sich ist das nichts Schlimmes, ganz im Gegenteil, wenn alle Leser begeistert sind, dann wollen sie mehr lesen und werden sich sicherlich nicht beschweren. Von meinem eigenen Leseverhalten weiß ich, dass mich eine Unterteilung einer Geschichte noch nie davon abgehalten hat, die Nachfolgebände ebenfalls zu lesen. Schwierig ist es eher bei Wälzern über tausend Seiten, die bereits nach 150 Seiten nicht viel bieten. Warum sollte man da dann weiterlesen?

Tatsächlich ergeben sich Vorteile bei geringerem Wortumfang für alle involvierten Partien: Der Autor muss weniger schreiben und kann daher die Qualität des Textes an sich erhöhen und hat generell einen besseren Überblick über seine Manuskripte; der Leser hat weniger Lesezeit und muss sich niemals quälen, weil mit jeder Lesestunde neue, interessante Textabschnitte folgen, und Lektoren, Drucker usw. werden nicht mit Textmasse erschlagen. Besonders schön ist es, meiner persönlichen Meinung nach, wenn sich ein Autor für jedes Kapitel oder jeden Sinnabschnitt Gedanken macht, damit keine Filler entstehen oder gar reihenweise Sinnabschnitte, in denen nichts Wesentliches passiert (Qualität geht über Masse).

Und der Ritterschlag eines jeden Buches ist es, wenn ein Illustrator mit meisterhafter Technik ein Buch mit zahlreichen Bildern veredelt. Mein bisheriges Higlight – zwar keine Geschichten, sondern Rezeptbücher – sind die super coolen Bücher des Otus Verlages, – ‚Hexenküche‘, ‚Glücksküche‘, ‚Hexenapotheke‘, ‚Traumspeisen und Trank der Eisprinzessin‘ usw. Bei mir im Regal steht „Zaubertränke – Magisches aus dem Druidenkessel“. Aber eigentlich müsste man alle sammeln, da es die vielleicht kitschigsten, zuckrigsten, dekadentesten, verschwenderischsten designten Bücher überhaupt sind. Das soll kein Marketing sein, sondern einfach nur ein Verweis darauf, was möglch ist – jenseits von schwarzem Text auf weißem Papier.

Manche Szenen eignen sich hervorragend, um ein Buch ruhig ausklingen zu lassen (die Schlacht ist geschlagen, nun steht der Ritt in den Sonnenuntergang oder das Festmahl innerhalb eines kleinen gallischen Dorfes an – bzw. das Liebeswirrwar hat sich erstmal erledigt, weil eine Person tot ist oder weggezogen), während andere Szenen wie dafür gemacht scheinen, ein Buch einzuleiten (man denke an Tolkiens Faible, gleich drei Geschichten damit einzuleiten, dass ein alter Zauberer des Weges kommt und mürrischen Blickes geheimnisvoll seine Pfeife hin und herwendet. Auch gut ist immer der alte Ich-Erzähler, der es trotz Angst und Schmerzen für moralisch geboten hält, endlich sein persönliches Albtraum-deck-dich zu erklären und noch ein letztes Mal jene mysteriöse Geschichte zu erzählen, die sich vor etlichen Jahrzehnten zutrug und nie wirklich aufgeklärt werden konnte … wuhu … geheimnisvolles Geheimnis ist aufregend …)

Bei Videospielen und Horrorfilmen werden Knalleffekte gerne in der Form von Jumpscares verwendet – Licht an, niemand da, Licht aus, immer noch keiner, Licht wieder an, ein Monster zwei Centimeter vor dem eigenen Gesicht, also der Spielerperspektive. Ebenfalls beliebt sind Schusswechsel, Explosionen oder Rennen auf verschiedensten fahrbaren Untersätzen. Serviert man diesen Effekt immer mal wieder zufällig, ist die Wirkung enorm, nutzt man den Effekt andauernd, verliert er jede Wirkung. Wenn in einem Buch von 500 Seiten (je nach Papier, Schriftart, Schriftgröße, Satzspiegel, Absätzen, Einschüben, Flattersatz oder Blocksatz etc. – irgendwo zwischen 150.000 und 190.000 Worten, nach grober Schätzung) nach 310 Seiten ein wichtiger Charakter stirbt, schockt das den Leser. Sterben Charaktere andauernd, kann es passieren, dass der Leser keine emotionale Bindung mehr eingeht, weil er sowieso schon weiß, dass die Charaktere alle sterben werden (was genauso langweilig ist, wie die Gewissheit, dass die Protagonisten auf jeden Fall überleben werden – ganz gleich, wie viele Stormtrooper Zielschießen üben …)

Um den Leser also nicht in den Zustand der Dauer-Langeweile zu bannen, sollte ein Autor immer eine langgezogene Spannung einbauen, damit sich ein Leser Fragen stellt, die ihn bei der Sache halten und die Motivation zu lesen, hochhält – denn schließlich winkt am Ende der Lektüre eine Antwort (oder mehrere) und der Leser kann zufrieden das Buch beiseite legen und vielleicht noch ein wenig über die Auflösung am Ende nachdenken und reflektieren. Interessanterweise muss diese langgezogene Spannung nicht zwingend aus krassen Fragen und spektakulären Enthüllungen bestehen. Je nachdem, wie es der Autor zu erzählen vermag, kann schon die Suche nach einer seltenen Pflanze oder nach dem „richtigen“ Kuchenrezept spannend zu lesen sein.

Auf keinen Fall darf eine Geschichte aus einem permanenten Feuerwerk oder einer gemächlichen Kaffeefahrt bestehen. Im ersten Fall wird die Action für den Leser als Dauerzustand langweilig und verspielt damit jede Möglichkeit, Adrenalin auszuschütten, im zweiten Fall war nie irgendeine interessante Frage im Raum, weshalb es für den Leser hart wird, einen triftigen Grund zum Weiterlesen zu finden. (Einfaches Beispiel für Fragen: Alice im Wunderland. Gelangt Alice zurück in ihre Welt? Was muss sie für eine Rückkehr tun? Welche Erfahrungen, Abenteuer, Wunder und Gefahren warten im Wunderland auf Alice? Der Leser möchte wissen, was passiert, und bleibt daher dabei).

Wie ein Autor seine Dramaturgie aufzieht und was der Leser bevorzugt, ist Geschmackssache. Die einen legen mit einem Knall los und lassen dem Leser kaum Zeit zu atmen, die anderen bauen aus einem Hügel einen Berg, wodurch die Geschichte alle 100 Seiten noch an Spannung zulegt, bis der Leser das Ende unbedingt erfahren möchte. Es scheint tatsächlich äußerst sinnvoll, eine Geschichte in Sinnabschnitte und Wortanzahl zu zergliedern, die Lesezeit zu stoppen, die ein Leser zum Lesen einzelner Abschnitte benötigt, damit geprüft werden kann, wie aufschlussreich, gelungen, spannend, erklärend, beschreibend oder actionreich ein Abschnitt pro Lesezeit eigentlich ist.

Das soll nicht in Strukuturalismus und nie endenden Perfektionismus ausufern, aber es wird einem Autor helfen, überflüssige Absätze loszuwerden. Dramaturgie kann zwar bedeuten, dass eine Spannungskurve durch unglaublich lange Beschreibungen auf die Spitze getrieben wird, es kann aber gleichfalls bedeuten, an den entscheidenden Momenten das Messer anzusetzen, um mit präziser Kürze auf den Punkt zu kommen. Beides muss jedoch eine organische Symbiose eingehen, damit die Spannung natürlich und nicht künstlich wirkt. Wieder andere nutzen kleine Zwischen-Höhepunkte mit Cliffhangern am Kapitelende (oder am Ende vom Sinnabschnitt), um den Leser mit kleinen Ködern zwischendurch bei Laune zu halten. Im Idealfall muss die Dramaturgie sitzen wie die Atmung bei einem Ausdauerlauf, von Anfang an in der Lage, Tempo zu machen, ohne es zu hart oder lasch anzugehen, damit am Ende des Laufs eine Zeit steht, die ein positives Gefühl hinterlässt

Wir Autoren befinden uns zum Glück nicht mehr in der Strenge des klassischen Theaters oder dürfen nur Skripte für zweistündige Filme schreiben, wodurch sich gewisse Muster und Funktionsweisen irgendwann zu vertraut anfühlen, um noch zu überraschen. Nein, ein Autor hat alle Optionen, Varianten und Möglichkeiten in seiner Hand, und sollte, darf und muss davon Gebrauch machen, um eine glaubhafte Geschichte zu präsentieren, die den Leser in eine andere Welt einsaugt. (Wie immer gilt: Dramaturgie lernt man, indem man viele Bücher liest und viele Serien schaut).

Zweiter Teil – Mittel

Kapitel 6

Point Of View
(Was sollte ich über Erzählperspektiven wissen?)

Erzählperspektiven sind Schall und Rauch. Lebst du immer noch in einer Welt, in der man zwischen Ich-Erzähler und auktorialem Erzähler und diesem ganzen verzahnten, in sich unlogischen System denkt, das immer dann Fragen aufwirft, wenn es versucht, Antworten zu liefern? In der modernen Wissenschaft ist das bereits veraltet, das Zauberwort nennt sich jetzt ‚Fokalisation‘. Dabei handelt es sich um eine Art Temperaturregler – von ganz kalt, also so neutral und unpersönlich wie möglich, bis hin zu so intim und persönlich, dass man als Leser Angst hat, sich in einem anderen Ich zu verlieren, sein eigenes Ich ungewollt verfremdend umzudefinieren.

Diese „neue“ Regelung (jeder Text ist schon während seiner nagelneuen Veröffentlichung ganz alter Schnee von gestern und hält den Vergleich mit der Zukunft des Lesers nicht mehr stand) ist viel sinnvoller als die alte, denn sie erklärt Phänomene, die vorher immer mysteriös waren. Eine unpersönliche Ich-Perspektive ohne Emotionen? Ein geradezu intimer allwissender Erzähler? Mehrere Er-Perspektiven, von denen manche intimer und privater sind als andere? Ist das alles denn möglich? Ja, ist es!

Jeder Leser hat eine spezifische Lesezeit, wobei Menschen, die regelmäßig lesen meist schneller mit Texten durch sind als Menschen, die nur ab und zu sporadisch ein Buch in die Hand nehmen. Anders ist es mit schweren wissenschaftlichen Büchern – da können sich auch Professoren mit jahrzehntelanger Leseerfahrung innerhalb ihrer Privatbibliothek die Zähne ausbeißen. Gerade philosophische Fachbücher brauchen längere Zeit, damit jedes Argument auch verstanden werden kann. (Und Manches versteht man nie, das ist auch nicht weiter schlimm, denn es gibt für solche Bücher extra andere Bücher, die das erste Buch erklären. Ob wiederum das erste Buch gut gemacht ist, wenn man es erst erklären muss, ist aus philologischer und didaktischer Sicht wieder ein anderes Thema. Ist es verwerflich, wenn man einen Witz immer erst dann versteht, nachdem man eine Vorlesung zur Pointe besucht hat?)

Wie lange ein Leser für ein Buch oder einen Text auf einem beliebigen Medium braucht (Briefpapier, Online-Forum, Smartphone, Lehmtafel, E-Book usw.), hängt von der konkreten Wortanzahl, von der Verständlichkeit des Textes und von der inhaltlichen Schwere eines Textes ab. Da es mir jedoch im Großen und Ganzen um Geschichten geht, und nicht um wissenschaftliche Sekundärliteratur, kann ich von der Sache her diejenigen Bücher rausstreichen, an denen man ein Leben lang lesen kann. (z.B. Das Kapital von Marx, Die Bibel, Bücher von Sartre oder Foucault oder Kant, Das wahre Buch vom südlichen Blütenland, Das Daodejing usw., es gibt zu viele Schriften aus Philosophie, Psychologie, Esoterik und Politik an denen man ein Leben lang mitwächst, sich den Kopf zerbricht, mal alles für Schwachsinn hält, nur um es wenig später als den heiligen Gral des eigenen Buchregals darzustellen. Topaktuell ist die wohl umkämpfteste Schrift – Der Koran – immerhin sterben im Buchdiskurs Menschen, wenn sie es wagen, eine Interpretation zu wählen, die bestimmten Diktaturen nicht genehm sind).

Laut Praxistest und weiter gedachter Theorie benötige ich für ein Buch mit 100.000 Worten ca. 8 Stunden aktive Lesezeit, die sich meist über mehrere Tage verteilt. (Gemessen an 25.000 Worten innerhalb von zwei Stunden; bereits mehrfach auf fanfiktion beim Testlesen ausprobiert; man muss lediglich beim Start und Stopp die Uhrzeit im Auge behalten).

Warum ist innerhalb dieser achtstündigen Reise die Erzählperspektive (im englischen Raum immer ‚pov – point of view‘) so wichtig?

Weil die Erzählperspektive angibt w i e die Geschichte erzählt wird. Die Erzählperspektive entscheidet fast automatisch darüber, aus welchem Vokabelpool ein Autor auswählen darf und welche Vokabeln tabu sind, sie gibt an, ob sich eine Geschichte warm, neutral oder kalt anfühlt, ob sie ironisch, höhnisch, altbacken, völkisch-nationaltümelnd, offen, ehrlich, witzig, episch, cool, traurig, verrückt, herzlich, kitschig oder was auch immer sonst ist.

Wenn du als Autor also eine Geschichte erzählst, dann stell dir immer die Fragen: Was ist das eigentlich für eine Art von Geschichte? Welcher Tonfall eignet sich am besten? Mit welchem pov unterstütze ich diesen Tonfall am besten, um am Ende das beste Erlebnis herauszuholen? Wer den Tonfall seiner Geschichte dem Zufall überlässt, ist ein Stümper, denn auf der einen Seite riskiert der Autor, dass sein Text womöglich unterschwellig höhnisch, satirisch, aggressiv, verachtend, dumpf, hohl klingt – obwohl er es so gar nicht beabsichtigt hat; auf der anderen Seite verschenkt ein Autor womöglich Potenzial, da er seine Geschichte noch sachlicher oder witziger oder wärmer oder was auch immer hätte schreiben können.

Wer den Tonfall als Nebensache empfindet und bisher nie darüber nachgedacht hat, der verfolge im Internet einfach mal typische Konversationen. Wie oft endet ein Diskurs im Streit, weil die Argumente fehlen, eine sachliche Ebene mit freundlichem Einschlag nicht vorhanden ist, und urplötzlich triefender Sarkasmus und verletzte Eitelkeit mit viel Pathos jedwede Logik und Stilistik wegbomben?

Als Autor möchte man seine Geschichte möglichst glaubhaft erzählen, man möchte, dass die Leser das eigene Buch nicht mehr aus der Hand legen, dass sie mitfiebern, mitdenken, mitleiden, sich in einer anderen Welt verlieren. Daher das eiserne Gesetz:

— Beleidige niemals deine Leser, egal, welchen Tonfall du für die Geschichte und deine Charaktere als angemessen empfindest. Du bist als Autor nicht der Tonfall deiner Geschichte und nicht der Tonfall deiner Charaktere —

Wenn du also einen Charakter Marke Mephisto, Bartimäus, Loki usw. schreibst, die nach Herzenslust beleidigen, polemisieren, kritisieren, einen feuchten Haufen auf die Welt legen; wenn du einen Tonfall anschlägst, der reudig, unsittlich und genüsslich antisozial ist – dann ist das Teil deiner Geschichte, hat aber niemals nichts mit dir als Autor zu tun. Einen Autor muss man sich als gelassen lächelndes Wesen jenseits von allen Emotionen vorstellen. Nur so ist es einem Autor möglich, auf Dauer professionell zu arbeiten, da er seinen eigenen Schreibstil und den Schreibstil aller anderen Autoren, Leser und Kritiker richtig einzuordnen vermag.

Die Erzählperspektive muss immer am Anfang eines Schreibprojektes stehen. Du hast ein Sujet, du hast einen groben Plan für deinen Plot ausgearbeitet, hast dir Charakterbögen/Steckbriefe erstellt, weißt schon welche Handlungsorte du einsetzt usw. – dann wird es höchste Zeit, sich über Tonfall und Erzählperspektive Gedanken machen. Am weitesten verbreitet sind aktuell (Stand 2017):

-> Ich-Perspektive, Tempus Präteritum.
-> Er-Perspektive, Tempus Präteritum.

Alle anderen Arten von Text können getrost als experimentell oder zumindest gewagt gelten, da sie vom ‚goldenen Standard‘ abweichen. Wenn du also unbedingt in der Du-Perspektive, Tempus Futur schreiben möchtest (Du wirst mir nicht glauben, doch deine Augen werden staunend über diese Zeilen wandern, ungläubig zu kapieren, dass es nicht nur mich, den Autor dieser Zeilen gibt, und nicht nur dich, den einen Leser, sondern dass wir eine Legion aus Lesern sind, die sich in einer kühn gedachten Zukunft alle noch begegnen werden), dann musst du damit rechnen, dass es sehr hart werden wird, ein komplettes Buch in diesem Stil durchzuhalten.

Die beiden natürlichsten Erzählformen sind übrigens die Ich-Perspektive und die Wir-Perspektive. Bist du alleine unterwegs und erlebst Abenteuer in deinem Leben, erzählst du deinen Freunden und deiner Familie in der Singular-Form davon. (Boah, ich war eben im Discounter, und du wirst es nicht glauben //…// zwei Kassen nicht besetzt, und die besetzte hatte einen schlecht gelaunten Kassierer? //…// Ja, auch, aber das meine ich gar nicht. Mir ist eben was Anderes aufgefallen, hast du schon ‚mal bemerkt, dass diese neuen Verpackungen von …) Und bist du mit einem Schwarm einiger Bekannter unterwegs, fällt es dir nicht schwer, mal eben für alle zu sprechen. (Also wir sind von Stüffelshausen mit der Bahn gefahren, Meier hat noch sein Ticket im Zug nachgelöst, es waren zum Glück diesmal keine schreienden Kinder dabei, aber diese eine Rentnergruppe hat so ein hohles Zeug gelabert. Naja, aber als wir dann spontan damit begonnen haben, unsere Rapzeilen für das Battle zu üben, haben sie auf einmal nichts mehr gesagt //…// naja, wir haben sie halt nicht mehr gehört, weil wir selbst so laut waren. Schade nur, dass wir da noch keine Lautsprecher für die Beats hatten …)

Kleine Warnung am Rande: Wenn du meinst, du kannst mit „wir“ für alle sprechen, kann es teilweise richtig brenzlig werden, schließlich sind wir ja alle Individuen, und kaum sagst du etwas, dass einer anderen Person so nicht in den Kram passt, erhältst du bei weniger disziplinierten Menschen eine Retourkutsche – also bei Menschen, die nicht wissen, dass ein „wir“ nicht gleichzusetzen ist mit: einzig wahre Warheit unserer Gruppe bis in alle Ewigkeit; sondern auch einfach mal ein rhetorisches Ich in Wir-Verkleidung sein kann, das soziale Annäherung durch den Bezug zur Gruppe herzustellen versucht, obgleich es dennoch nur eine Ich-Botschaft im logischen Sinne bleibt. Hat man das einmal durchschaut, ist das Leben gleich viel stressfreier. (Auch wenn man Politiker immer sofort fragen sollte, von welchem „wir“ sie eigentlich sprechen, denn immerhin produzieren diese Menschen nicht einfach nur Meinungen, sie gießen sie gerne auch in bindende Gesetze für alle – was oftmals mehr als problematisch ist, wenn eine schwammig definierte Wir-Gruppe, die in ihrer eigenen Lebensweltblase schwimmt, meint, was für ihre Wir-Gruppe toll sei, müsse automatisch für alle Ichs in der Welt toll sein. Ein Logikfehler, der seit Jahrtausenden zu Kriegen führt …)

Der Vollständigkeit halber möchte ich noch auf ein paar Erzählperspektiven hinweisen, die zu bestimmten Zeiten mal in Mode waren, und immer wieder geschrieben werden. In diesen Formen zu schreiben ist möglich, allerdings muss man sich dann im Klaren darüber sein, potenzielle Leser eventuell abzuschrecken.

-> Ich-Perspektive, Tempus Präsens.
Hat einen ganz eigenwilligen Effekt der unmittelbaren Direktheit, auch wenn es sich nach einiger Zeit schlecht lesen lässt, weil man als Leser irgendwann nicht mehr glaubt, dass jedes Ereignis in quasi Echtzeit abläuft. (Präteritum fühlt sich eher nach ‚erzählt‘ an und wirkt dadurch besser. Komplett verwirrend wird es erst mit dem ‚historischen Präsens‘; also einem Ereignis, das für uns im 21. Jahrhundert in der Vergangenheit liegt, für den jeweiligen Autor aber gerade Realität ist. Schreibe ich also: die Bundesrepublik Deutschland ist eine parlamentarische Demokratie, muss ein Mensch im Jahr 2517 das auch so schreiben, selbst, wenn aus seiner Sicht (wovon auszugehen ist) die Wahrheit lautet: war eine Demokratie. (Wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Stillstand und Ewigkeit wären ja arrogante Gedanken. Selbst, wenn sich zwischendurch mal ein paar süße kleine globale Diktaturen über mehrere hundert Jahre halten können, müssen sie dennoch irgendwann vergehen. Das ist der Lauf der Zeit, und die Vergänglichkeit von Raum).

-> Multiple Er-Perspektiven; bzw. Multiple Ich-Perspektiven, Tempus Präteritum oder Präsens. (Witzig wäre multiple Ihr- oder Wir-Gruppen mit unterschiedlichem Intellekt und Sprachniveau und sozialer Lage abzubilden)
Eine Erzählweise, die schwer zu erlernen ist, jedoch einen Roman unglaublich bereichern kann. Bedingung ist, dass ein Autor nicht nur einen interessanten Charakter hat, sondern vielleicht noch einen zweiten, dritten, vierten etc. (‚Das Bernstein Teleskop‘ von Philip Pullman als Beispiel). Wie immer gilt: Weniger ist mehr. Wenn also die zweite Perspektive keine neuen Erkenntnisse bringt, keine andere Sprache, Gefühlswelt, Denkwelt, Reise hinter sich hat, dann ist es fraglich, ob diese Perspektive Sinn ergibt.

Ein gelungenes Beispiel, wie man die Übergänge zwischen den Perspektiven hinbekommt, ohne, dass man als Leser vorblättern will, zeigt Kai Meyer in der Wolkenvolk-Trilogie, wenn er zwischen den Perspektiven von Nugua und Niccolo hin und her wechselt. In seiner Geschichte sind zu Beginn bei den Perspektivwechseln auch Ortswechsel mit inbegriffen, was dem Leser viele neue Einblicke in die Welt bietet, ohne, dass es gezwungen wirkt. Schließlich laufen die Perspektiven aufeinander zu, verweilen beieinander, und lösen sich wieder, sodass es nur zwischendurch mal dazu kommt, dass beide Charaktere am selben Ort sind, und die selben Dinge hören und sehen. Dennoch ist es durchaus spannend, wie unterschiedlich beide Charaktere diese Dinge dann verstehen, interpretieren und für ihre jeweiligen Handlungen ummünzen.

Ein gedanklicher Wahnsinn wird es, wenn man sich vorstellt, wie bereits veröffentlichte Romane in einer anderen Form wirken würden. Beispielsweise zerbreche ich mir immer den Kopf darüber, wie sich wohl ‚Der Herr der Ringe‘ läse, wenn er in multipler Er-Perspektive verfasst wäre – und zwar von allen wesentlichen Figuren. Gandalfs Kampf auf der Wetterspitze nicht als nachträgliche Erzählung im Rat von Elrond, sondern als Er-Perspektive, bei der die Leser live dabei sind, und jedes Gefühl von Gandalf, jeden Gedanken in der Entstehung miterleben können. Andererseits lebt gerade ‚Der Herr der Ringe‘ von der Technik der vorenthaltenen Informationen. Die Perspektive liegt immer genau auf denjenigen Figuren, die rätselratend durch die Lande ziehen, keine Ahnung haben, und dadurch alles wie ein Wunder erleben, bzw. in permanenter Gefahr schweben. Pippin hat keine Ahnung von Minas Tirith, so wie Merry nichts mit der Kultur Rohans anzufangen weiß, dadurch erfahren sie alles mit wissbegierigen Augen und Ohren, und auch mit Ehrfurcht. Wer weiß, ob Gandalf in Gedanken zwischendurch abfällig schnauben und lästern würde? In der Quest um Aragorn, Legolas und Gimli wissen die drei nichts über das Schicksal der Hobbits, wissen nichts über Gandalfs Handlungen, und müssen daher annehmen, von Saruman persönlich bespitzelt zu werden – was an einer Stelle sogar sehr wahrscheinlich, jedoch kaum zu klären ist. Wie an so manch anderer Stelle im Buch. Mit umfassender Nähe wäre Tom Bombadil nicht mehr rätselhaft. Daher bleibt bei multipler pov immer die Frage: Will man als Autor alles erklären oder lässt man gewisse Dinge im Dunkeln?

-> Der allwissende Erzähler, der mal allgemein erzählt, mal in die Perspektive der Charaktere geht, und sich dann wiederum an den ‚geschätzten‘ Leser wendet (eigentlich das Beste überhaupt, wenn es richtig ausgeführt ist, da es neben der eigentlichen Geschichte dermaßen viele Meta-Ebenen und Anspielungen zulässt, dass man anfangen kann, einen einzelnen Roman zu studieren; war früher mal total in Mode, wenn man sich Walter Scott, Cervantes, Swift, Defoe usw. anschaut; auf umständliche Art wird dann mehrfach die Erzählperspektive gewechselt, es gibt zahlreiche doppelbödige Vorworte und Nachworte, Zwischenspiele und ironische Anspielungen, dass man als Leser dem Autor irgendwann auf den Leim geht.)

Das spektakulärste Verwirrspiel, das ich bis jetzt in der Literaturgeschichte gefunden habe, ist die Wirkung rund um ‚The Narrative of Arthur Gordon Pym Of Nantucket‘ (1838) geschrieben von Edgar Allan Poe (1809-1849) – mit dem Geniestreich so zu tun, als habe er die Geschichte lediglich von einer anderen Person gehört und nur ganz bescheiden für die Nachwelt mitgeschrieben. Dass die Geschichte an der spannendsten Stelle abbricht, setzt dem noch die Krone auf. Wirklich phantastisch wird es dann aber, wenn man sich anschaut, was andere Autoren mit Motiven und Versatzstücken der Geschichte angefangen haben, wie sie mit neuen Figuren, und damit einem anderen pov dem Seemannsgarn so viel Energie einverleibten, dass die gesamte Geschichte schließlich eine Eigendynamik jenseits eines einzelnen, einfach zu definierenden Autors entwickelte.

So gibt es von Jules Verne (1828-1905) ‚An Antarctic Mystery‘ (1897), und von Charles Romeyn Dake (1849-1899) ‚A strange discovery‘ (1899) [witzig, dass Todesjahr von Poe und Geburtsjahr von Dake zusammenpassen, und beide auf spektakuläre Weise gestorben sind; genauso unheimlich wie die phantastische Literatur. Dake: „In early 1899 he discovered that he had lung cancer and committed suicide.“ (laut wikipedia); nunja, zu Poe gibt es viele schöne Verschwörungstheorien, wie sie ein Horrorautor selbst nicht besser erfinden könnte; Poes Todesumstände sind so faszinierend wie Shakespeares wahre Identität oder die Homer-Autorschafts-Frage, und letztlich genauso trivial, weil sie das von den Autoren hinterlassene Textmaterial ja nicht in ihrer Wirkung verändern]. Und schließlich reiht sich dann noch H.P. Lovecraft (1890-1937) mit ‚At the Mountains of Madness‘ (1931) ebenfalls in die Antarktis-Motiv-Horrorgeschichte ein. Wobei es sich nur um ein ähnliches Thema, aber vom Plot her um eine gänzlich verschiedene Geschichte handelt. Dazu gesellen sich diverse Anspielungen von diversen Künstlern in deren eigenen Werken, um eine verwirrende Meta-Ebene wie einen Zaubertrick aufrecht zu erhalten.

Um zu verstehen, was mit Perspektiven und Stimmungen durch den Klang der Geschichte alles möglich ist, sollte man verschiedene Stile einfach miteinander vergleichen. Wunderbarer Ansatzpunkt zum Lernen ist sicherlich ‚Der Wolkenatlas‘ von David Mitchell mit seinen Teilstücken: (1) Das Pacifiktagebuch des Adam Ewing; (2) Briefe aus Zedelghem [!! wow]; (3) Halbwertszeiten – Luisa Reys erster Fall; (4) Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish; (5) Sonmis Oratio; (6) Sloosha’s Crossin‘ un wies weiterging [!].

Für Nummer 1 kann man auch einfach alte Texte im allgemeinen lesen – oder Robinson Crusoe von Daniel Defoe. Für Nummer 2 empfiehlt sich Dracula von Bram Stoker als Musterbeispiel für einen Briefroman. (Übrigens auch eine Methode, um multiple Perspektiven unterzubringen) Nummer 3 und 4 gibt es wie Sandkörner in der Wüste, für Nummer 5 finden sich – vor allem in Zeitschriften – dutzende Interviews (vor allem die „legendären“ Playboy-Interviews). Und Nummer 6 ist gleichzeitig genial und super schlecht, da es sich kaum in andere Sprachen übersetzen lässt und extrem schwer zu lesen ist. Ähnliches gilt auch für Clockwork Orange von Anthony Burgess.

Aus meiner persönlichen Leseerfahrung heraus sind im Standardfall (rund 9 von 10 Geschichten) die Ich-Perspektive oder Er-Perspektive Präteritum zu empfehlen, da man diese Stile butterweich wegliest und ein Buch somit durchsuchtet. (Bei mir beispielsweise Patrick Rothfuss – Die Königsmörder Chroniken [Geheimtipp ist Rothfuss‘ Blog und die ganzen Querverweise, man lernt viel über das schreibende, brettspielende, lachende, singende, schauspielende, geekige, nerdige Amerika] oder John Steinbeck – Die Reise mit Charley – Auf der Suche nach Amerika oder Ernest Hemingway – Paris – Ein Fest fürs Leben). Die Ich-Perspektive mit Pauken und Trompeten eignet sich bei eindrucksvoll exzentrischen Charakteren; Jonathan Stroud – Bartimäus lebt davon. Experimentelle Stile müssen dagegen sorgfältig abgewogen werden. Funktioniert hat das nach meinem Leseeindruck sehr gut bei Arkadi und Boris Strugatzki – Die Wellen ersticken den Wind (eine Fülle aus Berichten, Protokollen, Briefen, Fragmenten etc., die dann aber doch ein hochspannendes Ganzes ergeben) [Ups, hab die Damen vergessen. Bevor mir jemand Gender Shaming vorwirft: Selma Lagerlöf, Mary Shelley, Astrid Lindgren, Ursula K. Le Guin, Margaret Atwood etc.]

Die Er-Perspektive hat auch bei einer multiplen Sicht den Vorteil, dass ein Autor denselben Stil und sein für den ganzen Roman festgesetztes Vokabular nutzen kann. Dadurch kann aber Individualität der einzelnen Charakter flöten gehen. Beheben kann man das, indem man in den jeweiligen Perspektiven die Gedanken der Charaktere beschreibt, die ja wieder eigen, garstig und individuell sein können; ebenfalls eignen sich Dialoge, um verschiedene Meinungen von Charakteren deutlich zu machen. Noch eine Möglichkeit sind Handlungen. Schreibt ein Autor immer seinen typischen Stil, veranlasst dabei aber einen Charakter dazu, Kröten über die Straße zu helfen, während ein anderer Charakter Katzen quält, schafft man als Autor damit sofort Sympathie bzw. Antipathie. (Gutes Beispiel ist Joanne Rowling mit Harry Potter. Gnadenlos sklavisch verbleiben wir als Leser immer in Harrys Sicht, aber weil andere Charaktere reden und handeln, entsteht trotzdem eine realistische Welt. Man braucht also nicht zwangsweise eine multiple pov; wobei ja der Wunsch nach andereren Sichtweisen unter anderem ein Antriebsmotor für fanfiction Autoren ist).

Zwei weitere Probleme der Ich-Perspektive (von denen ich gelesen habe): Ein Ich-Charakter stirbt angeblich nie, während das bei einem Er-Erzähler nicht der Fall sein muss. Ob diese Theorie tatsächlich stimmt, müsste man gewiss prüfen, aber klar ist: Wenn der Ich-Erzähler von einer berauschenden Stimme Marke Bartimäus abhängt, dann funktioniert die Geschichte ohne diese Stimme einfach nicht. Das ist wie bei einem dominanten Schauspieler – Fluch der Karibik ohne Johnny Depp? Schwer vorstellbar. Mit dem Tod jenes wichtigen Charakters wäre alles, was danach käme zwangsweise monoton und langweilig im Vergleich zur Extravaganz davor.

Außerdem wirkt ein sehr junger Charakter (z.B. Mädchen von sieben Jahren) in der Ich-Perspektive seltsam, wenn er spricht, als sei er aus Shakespeares Feder entsprungen. Andersherum wäre eine Geschichte mit der Stimme eines Grundschülers aufgrund des begrenzten Vokabulars kaum erträglich. In solchen Fällen eignet sich dann die Er-Perspektive besser, denn damit erzählt letztlich der Autor als Erzähler über die Figur und nicht die Figur selbst. Was beim exzentrischen Charakter Fesseln gleichkäme (niemand schafft es, den Teufel trefflicher abzubilden als er selbst in seiner eigenen unnachahmlichen Bescheidenheit und Selbstbemitleidung – vorgetragen natürlich in schüchterner Prosa, gereift über Jahrtausende, dreckig, aber mit gemeinem Biss), ist hier ein Kunstgriff, denn der Charakter handelt und spricht immer noch mit dem Intellekt und Wissen eines z.B. Mädchens von sieben Jahren; aber alles andere, zum Beispiel die Beschreibungen, kann der Autor mit all seiner Sprachkunst abdecken – nicht übertrieben, aber eben elegant genug, dass es dem Leser Freude bereitet.

Zweiter Teil – Mittel

Kapitel 7

Beschreibungen
(Wie beschreibe ich richtig? Geschickt texturieren)

Beschreibungen dienen dem Zweck, dem Leser etwas vorstellbar zu machen, was er selbst nicht in der Lage ist, zu denken. Musik hat eine höchst eigene Komponente, deren Atmosphäre sofort durch Tonhöhen, Harmonien, Melodien, Stimmfarbe der Instrumente, Klangfarbe der Stimme und durch das Tempo zu begreifen ist. Fotos und Videos haben das bildhafte Wesen der realen Welt für die Ewigkeit festgefroren. Nur im geschriebenen Text ergibt sich eine seltsame Abstraktion, denn der Autor schreibt Gedanken in Wörter um, transportiert also Assoziationen, und der Leser übersetzt das beim Lesen in eine Art Film, der im Kopf abläuft. Gedanken, Reflexionen, Gespräche und Plotanweisungen sind einfach zu schreiben

Kurzes selbst ausgedachtes Beispiel:
Varimet de Verve zog sein Schwert und trieb es schräg von unten durch die ungeschützte Fläche von Ropontos Bauch tief in die Innereien unterhalb des harten Brustkorbes hinein. Was einst so jugendlich frisch und unvergänglich schien, gluckerte jetzt als blutroter Saft ein letztes Mal aus einem gewaltigen Körper, der sich zitternd gegen den Tod behauptete. Dann war es zu Ende.

Was der Musik auf Anhieb gelingt, nämlich mit Gefühl einen Geschmack zu etablieren, den der Zuhörer annehmen oder ignorieren kann, das gelingt dem Roman nicht so schnell. In einem Film gibt es Straßen, Plätze, Märkte, Gebäude – von innen und außen – Wiesen, Parks, Wälder, Berge, Flüsse, Seen, das Meer. Ein Kameraschwenk von zwanzig Sekunden in der Totalen kann soviel Leben einfangen, das man mehrere Seiten Beschreibung anfertigen muss, um den selben Effekt einzufangen.

Besser als Beschreibung trifft es der Ausdruck „Textur“. Die Arbeit ist dieselbe wie die der Modeldesigner und Texturierer bei der Produktion von Videospielen. Der eine erstellt zum Beispiel ein Objekt mit Boden und Wand, der andere entscheidet, welche Farben, Formen und Muster konkret auf diesem Objekt zu sehen sind.

Man kann es auch mit schwarz-weiß Zeichnen und anschließendem Kolorieren vergleichen. Farben vermitteln bestimmte Gefühle, haben eine bestimmte Wirkung. Rot ist eher aggressiv und auffällig, blau und grün sind eher ruhig und weniger auffällig. In Geschichten geht es darum, die auffälligen und weniger auffälligen Beschreibungen, also Texturen, in angemessenem Umfang in die Geschichte einzubauen. Angemessen bedeutet, dass eine Verhältnismäßigkeit entsteht, ein Ausgleich zwischen Beschreibung, Plot, Dialogen und Reflexionen. Was nicht entstehen soll, ist ein Lexikonartikel. Der ist nämlich für den Leser langweilig zu lesen und im Vergleich zu einem richtigen Lexikonartikel aus einem Lexikon obendrein vermutlich oberflächlich, mit zu wenig Umfang ausstaffiert und voll von Fehlern.

Gutes Texturieren heißt also: Auf intelligente Weise die materielle Seite der Welt aufzeigen. Du hast einen oder mehrere Charaktere. Das ist schön. Wie sehen diese Charaktere aus? Welche Kleidung tragen sie am Körper? Tragen sie wochenlang immer das selbe Outfit oder gibt es Veränderungen? Wenn ja, ist es für den Leser sinnvoll, darauf einzugehen? Deine Charaktere reden? Das ist gut. Wie sieht ihr Gesicht aus? Was machen die Arme? Die Hände? Fliegen die Haare im Wind? Ändert sich der Ausdruck in den Augen? Wo sind wir eigentlich?

Ein Zimmer, nicht groß, zwei Fenster, Raufasertapete, vielleicht mit gelben Querstreifen, Poster mit Klebeband an der Wand, darauf Stars aus der Hip-Hop Szene, ein Teppich, beige, warm und sauber. Eine Kommode, vollgepackt mit Kleidung. Ein Bett, ungemacht, darauf ein Walkman samt Kopfhörern. Ein Plattenschrank, darin ein gutes Dutzend LPs. Die Fensterscheiben seit Ewigkeiten nicht mehr geputzt, aber egal, denn draußen weht eh nur Smog oder es regnet ein graugrünes Etwas, das kurz Erinnerungen an sauberes Wasser hervorruft, dann aber nur noch Ekel erzeugt.

Aus dem Nebenzimmer wabbert ein Bass angetrunken vor sich hin. Ein beißender, schwerer Geruch von frischgewaschenen Jeans, T-Shirts und Holzfällerhemden liegt in der Luft. Hinein mischt sich Chili Con Carne, von draußen Ruß, weil trotz Verbot jemand grillt. Dazu eine Andeutung von Party und Sex, denn irgendwo kommt eine Note von verdampften Gummibärchen her, die das Weinglas gefunden haben. Bis auf ein paar illustre Zeitschriften keine Bücher. Von Kochgeschirr oder anderen Haushaltsgegenständen ebenfalls keine Spur. Dafür ein hochmoderner kleiner Tresor, der massiv und uneinnehmbar wirkt, ein Fernglas am Fenster, dazu provisorische Vorhänge als Sichtschutz und ein Gerät, um die Gespräche der Luftpolizei abzuhören.

Wer könnte hier leben? Was haben sie vor? Wie reagieren Charaktere auf die Textur um sie herum? Ein Autor sollte es im realen Leben üben, sich Böden, Wände und Decken anzuschauen. Welche Farbe ist das? Welche Form? Wie lange ist es schon hier? Wie wirkt es? Neu, alt, billig, wertvoll, edel, dreckig, abgeranzt, gut gealtert, vintageartig? Wie heißt diese Struktur dort? Wie bezeichnet man jene Form des Dachs? Was ist das für ein Baum? Für ein Strauch? Für eine Blume? Farbenlehre, Bestimmungsbücher für Natur und Architektur – für einen Autor eine echte Hilfe.

Der Clou beim Beschreiben ist die ‚call und response‘ Technik, wenn also das Fühlen und Handeln der Charaktere in die Textur übergeht oder die Textur kontrastiert oder beides in Wechsel bringt und kunstvoll ineinander spiegelt. Selbstverständlich kann eine Textur andere Schwächen nicht ausgleichen. Alles wirkt plastisch und zum Anfassen, aber die Charaktere haben nicht wirklich etwas zu sagen? Schlimm! In der Geschichte passiert wenig – das ist machbar – aber wenn gar nichts passiert – schlimm!

Kann der Leser sofort in die Geschichte eintauchen oder muss er sich erst hineinkämpfen, weil die wesentlichen Fragen überhaupt nicht geklärt sind? Wo in Zeit und Raum und Multiversen, Fiktion und Non-Fiktion sind wir eigentlich gerade? Um wen oder was geht es? Und warum sollte mich als Leser das interessieren und kümmern?

Ich habe mal gelesen, dass in den meisten Fällen jeweils zwei bis drei entscheidende Informationen eine Geschichte besser, da anschaulicher machen können. Manchmal muss man womöglich weiter ausholen – ohne dabei ewig viele Dinge aufzuzählen wie in der Ilias von Homer. Ob die Schuhe dunkelblau oder grau sind, dürfte meist zu vernachlässigen sein. Wenn es sich jedoch um Schuhe handelt mit türkisfarbenen und leuchtend orangeroten Schnürsenkeln, wird es spannend. Die hat wirklich nicht jeder.

Wer „Weltliteratur“ liest, wird schnell bemerken, wie oft Kleidung, Mimik, Gestik, Sprechweise, Stimmfarbe, Aufbau und Möblierung des Raumes, Eindrücke der Städte und Landschaften auftauchen. Ein Text braucht mehr als 1000 Worte, damit er etwas sagen kann. Besonders geeignet zum Texturieren sind knackige Aufzählungen mit ausgewählten Adjektiven hier und da. John Steinbeck zeigt, wie es geht.

Texturen sind kein Wundermittel; sie sind wie das Bühnenbild beim Theater. Egal, ob spartanisch, gutbürgerlich oder in barockhafter, überladener Dekadenz – alles ist ein Statement des Autors. Und Geschmäcker sind so verschieden, dass sie sich selbst im Angesicht des Hungertodes nicht gegenseitig verspeisen könnten. Aber das, was der Autor nicht erzählt, kann sich der Leser nicht dazu erfinden; es ist für immer verloren.

Zweiter Teil – Mittel

Kapitel 08

Dialoge
(Wie klingen Gespräche natürlich?)

Zuerst die amtlich gültigen und daher wichtigen Infos:
Wie man Anführungszeichen im Text (in deutschen Texten in Deutschland wohlgemerkt) richtig einsetzt, darüber klärt einen der Duden in K7 bis K12 auf. Also bei wörtlicher Rede, bei Hervorhebungen, mit anderen Satzzeichen und bei halben Anführungszeichen. Die Beispielkästen werde ich hier nicht abtippen, da jeder einen Duden Zuhause im Regal stehen haben sollte.

Nur, um einmal die korrekte Anwendung zu demonstrieren:

Sie sah mich mit einem verschmitzten Lächeln an. Das Erdbeereis klebte verlockend auf ihren süßen Wangen.

»Es war eine wunderbare Idee heute in den Zoo zu gehen. Und es war eine noch bessere Idee, zum Elefantengehege zu spazieren. Ich wusste gar nicht (sie unterbrach sich kurz, um mit der Zunge heruntertropfendes Eis aufzufangen, das in der sommerlichen Hitze schnell flüssig wurde), dass es im Zoo so viele verschiedene Sorten Eis gibt.«

»Naja, immerhin müssen sie doch damit rechnen, dass hier solche Leckermäulchen wie du vorbeikommen. Ein Zoodirektor muss doch auch an die Zootiere denken, die außerhalb der Gehege im Zoo ihr Unwesen treiben«, sagte ich halb belustig und halb wachsam, um ihrer kleinen Faust auszuweichen, die sie bereits ballte (was für sie nicht so einfach war, denn mit der anderen Hand musste sie weiterhin ihr Eis gerade halten). Aber dem Funkeln in ihren Augen nach zu schließen, konnte sie sich selber nicht richtig zwischen empört aufgebauschter Wut und unfreiwilligem Lachen entscheiden. Ich nutzte die Gelegenheit, um etwas Sinnvolles zu sagen.

»Und so zerbröselt der Keks nunmal«, rief ich laut und energisch während sich alle Passanten zu mir umdrehten und mich verständnislos anstarrten wie einen Hirten beim Versuch, Schafe zu melken. Das war ein Fehler, nicht nur verlor ich einen kostbaren Schokoladenmandelkeks, sondern ich vergaß auch meine Abwehr für einen Moment. Und so lernte ich sehr schnell, dass auch Mädchenschuhe fies vors Schienbein treten können.

Ground Control to Major Tom. Triiihiir …
»Wir beide sitzen also in dieser Simulation fest. Ein Raum mit unendlichen Möglichkeiten zur plastischen und visuellen Gestaltung. Machst du das Licht an? Jetzt, wo es hell ist, sieht es ein wenig karg aus, alles so hart aufdringlich und weiß und dann dieses bedrückende Nichts. Fingerschnipp. Voila. So, jetzt sitzen wir auf Teppichen und Seidenkissen, die selbst für den Harem des Kalifen Luxus wären. Um uns herum bauen sich Bücherregale mit Klassikern der letzten fünftausend Jahre auf, da hinten steht ein großes Aquarium mit Nishikigois, da drüben Teekessel, Sieb, und loser Sencha. Sei doch so lieb, ein wenig Wasser aufzusetzen, ja?«

»Warum sollte ich?«, entfährt es dir in genervtem Tonfall.
»Ich bin doch bloß der Leser dieses Textes. Vielleicht will ich gar keinen Tee trinken? Und warum Bücherregale? Mann, bist du langweilig, selbst bei den ganzen Möglichkeiten der virtuellen Realität ziehst du dich in deine staubigen Bücher voller Eselsohren zurück. Warum können wir nicht eine Playboy Mansion mit Lustgrotte simulieren? Oder wie wär`s mit ’nem Bowlingclub, eh? Wie soll ich denn sonst meine Vietnamflashbacks ausleben, Alter?«

(Diese Leser heutzutage. Nicht mal ein Theaterstück können sie improvisieren und spielen. Das kommt alles von der Gesellschaft, die nicht mehr zum eigenständigen Denken anregt. Boah ey, wie soll ich mich denn sonst geheimnisvoll und altklug präsentieren, wenn es schon an diesen simplen Dingen scheitert. Yoda, ich brauche deinen Rat. Die Hoffnung schwindet langsam. *Stimme aus dem Äther* ‚Geduld haben du musst, wenn Steine aus dem Weg räumen du willst. Externe Stimmen in Gedanken innerhalb eines Dialogs nicht leicht zu erlernen sind. Mühsal und Schweiß verachten du nicht darfst.‘ Danke, Yoda. ‚In meinen Garten zurückziehen ich mich jetzt werde, bewusstseinserweiternde Kräuter aus der Pfeife auf mich warten, hehehe, hui.‘)

»Vietnam ist schon ein paar tausend Jahre her und spielt für uns hier keine Rolle. Dass ich Durst habe dagegen schon! Nur, weil wir unsterblich sind und nicht mehr essen und trinken müssen, heißt das nicht, dass ich mich in meinem Befinden einschränken muss. Vielleicht solltest duch auch erstmal nur eine Schale mit Lavendeltee füllen.«

Wie du bereits bemerkt haben solltest, habe ich hier schon ein fiktives Gespräch aufgeschrieben. Wie geht das? Nun, für ein Gespräch brauchst du mindestens zwei Charaktere, die sich in einem Dialog gegenüberstehen. Würde nur ein Charakter reden hätten wir einen Monolog. Und wenn mehr als zwei Charaktere sprechen – im Prinzip beliebig viele Teilnehmer möglich – dann haben wir es streng genommen nicht mehr mit einem Gespräch zu tun, sondern mit einer Konferenz.

Generell solltest du darauf achten, dass in derselben Szene nicht zu viele Charaktere durcheinander reden. Orientierung bietet das reale Leben. Dort hat man Gespräche mit vielen Teilnehmern meist in nicht privaten Umgebungen z.B. bei Plenarsitzungen in Landtagen oder dem Bundestag (in Deutschland), oder man denke an Konferenzen und Interviews vor großen Sportereignissen. Fußball Champions League, NBA, American Football und dergleichen. Auch, wenn neue Filme vorgestellt werden, ergibt sich rund um den ‚roten Teppich‘ gerne eine Menschenmenge.

Betrachtet man die klassischen griechischen Tragödien, dann steht dort der Monolog in epischer Versform im Vordergrund. Dann kommen als Erweiterung Dialoge und Gespräche in aufeinanderfolgenden Szenen mit unterschiedlichen Handlungsschauplätzen hinzu. Und heutzutage ist man dann in den Formen radikal offen – ähnlich wie beim free jazz – alles ist möglich, auch wenn sich nicht alles durchsetzen kann, und einige ’schräge‘ Sachen wohl immer im Underground bleiben werden.

Wir Autoren müssen uns also nicht mehr allein auf Theaterstücke beschränken, die jedesmal eine Laufzeit von um die zwei Stunden aufweisen und in Versform geschrieben sein müssen. Letztlich hat Shakespeare den Blankvers, also diese Zeilen mit abwechselnd zehn und elf Silben (wobei es da für die Action auch kürzere Zeilen gibt) ohne festen Endreim super populär gemacht. Und im modernen Theater wird auf der Bühne sogar in Prosa, in Alltagssprache, manchmal sogar bewusst mit Gossensprache, Jugendsprache, Fäkalworten und Dialekten und Mundarten aller Art gespielt und experimentiert.

Und wurde es bei Goethe noch als genial bezeichnet, dass sein weltkluger Faust ständig einen Mephisto gegenüber hat, damit er nicht immer nur intellektuelle Selbstgespräche führen muss, so ist das heute eine Selbstverständlichkeit. Wer heutzutage Schwierigkeiten hat, Dialoge zu schreiben, der sollte sich einfach mal ein paar Staffelboxen der guten amerikanischen Serien kaufen, wie sie überall in den Wühltischen der Fachmärkte für Unterhaltungselektronik in Masse zu finden sind. Meiner Meinung nach ist es sogar einfacher, Dialoge zu schreiben, als sich Handlung auszudenken oder Beschreibungen anzufertigen.

»Komm endlich zum Punkt, du langweiliger alter Sack! Du hast meine Zeit schon genug in Anspruch genommen. Wo sind die Infos, die ich nirgends sonst finde? Ich hab zwar kein Geld für deinen Text bezahlt, aber ich habe das Recht, mich zynisch-pessimistisch und aggressiv über dein Bemühen aufzuregen, anderen zu helfen. Raus mit der Sprache, sonst gibt es was aufs Maul, Junge! Kann ja wohl nicht wahr sein, dass es immer noch nette Menschen gibt, die anderen Menschen helfen. Du steckst bestimmt mit den chinesischen Juden und diesen finanzbolschewistischen Kameltreibern unter einer Decke!«

»Immer mit der Ruhe – mein Freund – Erklärungen benötigen ihre Zeit, damit man sie in vollem Umfang aufnehmen und danach sacken lassen kann. Ich sehe jetzt mal großzügig über deine merkwürdigen Ansichten hinweg und versuche noch deutlicher und konkreter zu werden, ok?«

Man kann sich leicht vorstellen, warum etliche Romane aus früheren Jahrhunderten so einen gestelzten Stil aufweisen. Wer immer nur mit Anzug und Zylinder aus dem Haus ging, daheim seine Haushälter und Dienstboten beschäftigte, der sah sich eben als privilegierter Mensch, als Adel, gegenüber dem gemeinen Gesindel und dem asozialen Pack in den Gossen. Es konnte ja niemand ahnen, dass es Menschen aus sozial schwachen Milieus mit wenig Geld und kaum vorhandener Bildung am Ende des Tages schwer fallen würde, sich in friedlichen Lesezirkeln zu organisieren, Demonstrationen zu veranstalten, Parteiprogramme zu analysieren und entsprechend zu wählen.

Ob wir als Gesellschaft da heute weiter sind, will ich hier gar nicht besprechen. Fakt ist aber, dass man nicht direkt mit Gefängnis oder Zuchthaus rechnen muss, nur, weil man den Kanzler, Kaiser oder König als stark beschmutzten Dieb von wehrlosen Äpfeln und Birnen bezeichnet. Wer sich den Spaß mal machen will, sollte einen Blick in aktuelle Satiremagazine werfen. Gerade bei den richtig derben Karikaturen werde ich den Eindruck nicht los, dass diese bewusst gezeichnet werden, um erzkonservative Rechtsanwälte zum wutschäumenden Orgasmus zu treiben.

»Schwafel, schwafel … mir … ist … langweilig!! Mehr Action, bitte! Sonst komm ich zu dir, binde dich an einem Stuhl fest, knebel dir den Mund, und dann spiele ich so lange ein schiefes hohes C auf der Blockflöte, bis du tust, was ich von dir will!«

Wir müssen heute nicht mehr in Versen schreiben, also nicht mehr:

O sage mir Spross des erdgeborenen Ubataja
Ob du mit göttlicher Erhabenheit gesegneter
Mir, dem Wurme im Angesicht deiner Sonne
Beistand leisten willst im Kampf eines Mannes
Gegen Unbill und Verrat, Nestraub und Plünderung
Der ich der Liebe deinetwegen versagte
Zu besinnen mich auf die wesentlichen Elemente
Mit Flammen aus Purpur und goldgelbem Kristall
All jene zu vernichten die da kamen und sagten
Wir widerrufen deiner unbestrittenen Herrscherkraft

»Oho, jetzt dreht er komplett am Rad und wird wolllüstig geil. Was hast du denn zum Frühstück geraucht? Schau mal lieber in die Glotze, da läuft gerad Bims Bums um halb eins, höhö.«

In unserer Zeit höchster Bildung käme eher sowas hier bei rum:

»Ey jo, Ubataja. Bock mal richtig zu knacken, Alter?«

»Gibbet auch was Geiles zu fressen? Bock zu saufen hab ich auch!«

»Ja klar, Dude, kein Ding Alter. Gönn dia ma so richtig was.«

Man merkt vielleicht schon, dass ich absichtlich übertreibe. In einem Roman schreibt man als Standard nun einmal in Prosa. (Prosa ist diese super banale Form, in der ein Großteil des Textaquariums geschrieben steht. Kein Theaterstück, kein Gedicht, keine Ballade, sondern einfach zu verstehender Gebrauchstext.) Die Technik oder besser der Trick ist jetzt folgender: Wenngleich der Romantext, zum Beispiel die Beschreibungen, in Prosa stehen, versucht der Autor dennoch durch einen möglichst hübschen Stil und geschickt platziertes Vokabular schöne Absätze zu bauen. So, als würde man einen Blumenkübel mit Alpenveilchen auf die Fensterbank stellen, um den Nachbarn zu zeigen, dass man mehr kann als weiße Hauswand, die von Autoabgasen vergraut wurde.

Und im gesamten Text verbieten sich Fäkalsprache oder ein übermaß an Umgangssprache. Wirklich im gesamten Text? Nein, ein kleiner gallischer Dialog leistet Widerstand. Und er ist mit Zaubertrank ausgestattet, dem Zaubertrank und der Magie der gesprochenen Sprache. Es ist nämlich Fakt, dass sich die gesprochene Sprache von der geschriebenen Sprache unterscheidet. Da meine Muttersprache das Deutsche ist, gehe ich also bei einem Großteil des Textes von Hochdeutsch aus. (Andere Sprachen behandeln das womöglich anders). Aber wenn jemand aus Ostfriesland auf jemanden aus Bayern trifft, kann es zu Schwierigkeiten in der Verständigung kommen. Oder wenn ein Facharzt für Neurologie anfängt, über bestimmte Symptome zu reden, versteht ihn der durchschnittliche Mensch nicht mehr.

Ein Autor muss nur wissen, dass jeder denkbare Charakter innerhalb einer Geschichte eine Berufung hat und ein Privatleben. Der Arzt wird abends, wenn er seine Kinder ins Bett bringt, mit Sicherheit anders reden, als tagsüber, wenn er eine Anamnese durchführt, um Patienten bei deren Problemen zu helfen. Andersherum darf ein Autor nicht jeden Charakter gleich darstellen und muss eben auf die Sprachunterschiede achten. Wer also über einen Arzt schreibt, darf diesem tagsüber auf Arbeit (oder nachts, je nach Einsatzgebiet) nicht einfach einen jugendlich naiven Tonfall geben. Und der Arzt muss selbstverständlich durchblicken lassen, dass er in seinem Berufsfeld Experte ist.

Da ein Autor jetzt nicht jeden Beruf erlernen kann, um einen Charakter glaubwürdig darzustellen, muss er Kompromisse eingehen. Oft genug reicht jedoch gründliche Recherche aus, da ein Roman auch nicht ewig lang ist, und der Autor niemals ein Lexikon schreiben möchte, sondern eine spannende Geschichte. Dementsprechend wird der Roman wohl nicht ausschließlich aus „Arztsprech“ bestehen. Das war jetzt nur ein Beispiel und lässt sich auf jeden Beruf übertragen.

Dann kommt noch hinzu, dass es in jedem Beruf von Idioten, bis hin zu begnadeten Genies alle Niveaustufen gibt. Es kannn also durchaus realistisch wirken, wenn in einer Geschichte dann auch mal der Arzt sagt: Tut mir leid, ich bin nur Neurologe, da sollten sie am besten mit dem Dermatologen reden, der kann ihnen mehr Details über ihre Hautprobleme geben. (Genauso wie man von einem Chemiker oder Physiker hört: Ich bin kein Mathematiker, so exakt kann ich das jetzt nicht berechnen und verallgemeinern. Oder ein Profifußballer wird beim Basketball oder Rudern oder Reiten usw. ebenfalls alt aussehen.)

Schließlich muss man noch bedenken, dass es nicht nur das Fachwissen im Beruf und das Verhalten im privaten Umfeld und das verschiedene Wissen und die unterschiedlichen Bildungsstufen gibt – sondern auch noch Hobbys und Interessen. Der eine Neurologe sammelt in seiner Freizeit vielleicht Hard Rock und Heavy Metal Alben und Fachbücher zum Thema und weiß dementsprechend viel darüber. Ein anderer Neurologe hat von Hard Rock keinen blassen Schimmer, interessiert sich aber vielleicht für Geologie und Edelsteine oder für seinen Gemüsegarten oder programmiert Software, um seine Modelleisenbahn perfekt steuern zu können. Es gibt Millionen von Möglichkeiten. Der Autor hat dabei die Aufgabe, aus all diesen Dingen, die ein Mensch wissen könnte – seinen Charakter zu formen und seinen Charakter eben auf diese Art sprechen zu lassen.

Manche Menschen sind Laberbacken, manche Menschen reden viel und sind dabei höchst eloquent und gebildet unterwegs. Andere Menschen reden dagegen mit kargen Sätzen und beschränken sich auf das Wesentliche.

Manche Menschen denken und fühlen so:
Erlauchter Baum, König der grünumschimmerten Wildnis
Der du leiden musstest durch unser menschlich Handeln
Ein letztes Mal werden wir dich begleiten
Du, der du den Kindern Schatten botest
An Sommertagen, die mit glitzernd Funkeln
Zu schnell vergessen machten des Winters Kummer
Empfange nun das sündige Werkzeug des Sensenmannes
Falle hernieder auf moosbewachsene Betten

Und so weiter und so weiter …

Manche Menschen denken und fühlen so:
Halt die Axt
Schwing zweimal krumm
Baum fällt um

Das muss man beim Schreiben von Dialogen einfach berücksichtigen! Der beste Rat zum Üben: Einfach die Ohren aufmachen und lauschen, wenn du das nächste Mal da draußen in die Welt gehst. Und vergiss nichts, das heißt, den konkreten Inhalt musst du dir nicht merken, aber achte auf die Satzlänge, auf die Lautstärke, auf das Ausstoßen von Atemluft, auf den Subtext. Viele Menschen bemerken gar nicht, wie gefangen sie in einem ganz spezifischen Tonfall sind. Einige grunzen und stottern mürrisch halblaut vor sich hin, ihre Zungen sind voll von Pessimismus und Zynismus. Andere bellen, keifen, schreien und brüllen andauernd. Andere reden so betont charmant ruhig und klebrig, dass sie zu Schleimschnecken mutieren. Andere sind in ungesundem Maß übermotiviert und begeistert, haben aber kein Auge für das konkrete Detail und die Tiefe einer Materie. Einige Leute haben das Lügen bzw. das nie konkret werden und in Halbwahrheiten drumherum reden gelernt. Ganz oft passt dazu dann fast schon unfreiwillig komisch Mimik und Gestik und der Kleidungsstil. All das muss man im Hinterkopf behalten. Und noch viel mehr.

Wenn ich Dialoge schreibe, verwende ich mittlerweile Guillmet:
» (Alt+0187)
« (Alt+0171)
Weil sie so schön aussehen. Ich finde, das hat was, schließlich liest das Auge ja auch mit. Ansonsten kann man die Standardanführungszeichen unten und oben verwenden. Allerdings empfiehlt es sich, bei wissenschaftlichen Texten die Standardanführungszeichen zu verwenden, um der Normierung zu genügen und die Dinge nicht unnötig kompliziert zu machen. Vor allem bei Zitaten in Zitaten, in denen dann noch mal zwischen Anführungszeichen mit zwei Strichen und Anführungszeichen mit einem Strich unterschieden wird (halbe Anführungszeichen; Duden K 12). Genaueres steht dann aber in den Vorgabe-Texten von Universitäten und Behörden. Grundsätzlich gilt: Hat man es nicht selbst zu entscheiden, sollte man sich nach dem Mainstream-Standard richten.

Was man im Zeitalter des Internets natürlich auch machen kann: Chat mitlesen – zum Beispiel auf twitch. Nach einer Weile bekommt man dann ein Gefühl dafür, wie echte Menschen Kommunikation betreiben, was tatsächlich geschrieben wird und was eher selten und was nie.

Zweiter Teil – Mittel

Kapitel 9

Pacing
(Wie nutze ich die Erzählgeschwindigkeit?)

Lesezeit ist Lebenszeit. Und die ist kurz. Mach dich also nicht des Verbrechens schuldig, die Lebenszeit anderer Menschen zu stehlen. Es wäre zudem eine Vergeudung von Schreibzeit, viel Zeit für nicht lesenswerte Texte zu verschwenden. Schreibzeit kostet Zeit und Energie, geht also von deiner Lebensspanne ab, und Lesezeit kostet Leser Teile ihrer Lebenszeit. Was bedeutet das? Du solltest keinen Schrott aufs Papier pinseln, um den Leser nicht zu ärgern. Wer ein Buch schon einmal nach 100-150 Seiten entnervt abgebrochen hat, weiß, worauf ich hinaus will und worauf ich abziele.

Qualität bleibt Qualität, alles ab Mittelmaß verschwindet im gnadenlosen Mühlrad der Zeit und ward nie wieder gesehen. Anstatt also 50 mittelmäßige Romane zu verfassen, wäre es sinnvoller, sich auf 5 Romane zu konzentrieren, diese dann jedoch richtig auszuarbeiten. Leser sind intelligente Lebewesen, genauso, wie hoffentlich der Autor selbst. Wenn ein Leser sich aufgrund der Thematik und des Genres opfert und eine Geschichte liest – obwohl die Geschichte offensichtlich krasse Schwächen hat – warum sollte dieser Leser dann davor zurückschrecken, die selbe Geschichte vom selben Autor in verbesserter Form zu lesen? Eben. Also kann man direkt all sein Können darauf verwenden, Qualität abzuliefern.

Da ich früher nie verstanden habe, wie man sich das mit den Agenten, Lektoren, Verlagen, Kritikern und Lesern so vorstellen muss, habe ich so einiges gelesen, um eine Vorstellung zu entwickeln. Intelligenter bin ich dabei nicht geworden, jedoch wissender. So pessimistisch und zynisch und böse manche Menschen auch kritisieren und dir jegliche Hoffnung und Motivation rauben – wenn du Qualität lieferst, wird sich niemand beschweren, aufregen oder dich in Grund und Boden diskutieren. Ist wie im Fußball. Hattest du als Stürmer eine Seuchensaison? Ist doch egal, wenn du den Verein wechselst und dann ein Tor nach dem anderen schießt. Beim Schreiben ist es genauso.

Wer hält dich davon ab, die Grammatik deiner Muttersprache zu pauken und am besten noch eine Fremdspache zu lernen? Hast du dieses Wissen über Sprache und die andere Kultur – neben deiner eigenen Muttersprache und Kultur – bist du bereits als Weltbürger ein bisschen mehr bewandert im Umgang mit den Dingen an sich. Wer hält dich davon ab, Schulbücher und Studienbücher zu kaufen? Wikipedia und ähnliche Seiten sind nicht immer Teufelszeug und beinhalten durchaus sinnvolle Seiten, von denen man viel lernen kann.

Wenn ein Profi ein Manuskript begutachtet, dann haben wir es mit einem Menschen zu tun, der mindestens 100 Bücher in seinem Leben gelesen hat, Schulbücher, Sachbücher, Kinderbücher, Jugendbücher, Erwachsenenliteratur, ästhetisch anspruchsvolle Literatur, Theaterstücke, Gedichtbände, Tagebücher, Reiseberichte, gesammelte Reden, wissenschaftliche Fachschriften mit tausend Fußnoten und so weiter. Wer mal in einer Buchhandlung war, in einer großen umfassenden Buchhandlung über mehrere Etagen wohlgemerkt; oder wer mal eine gut ausgestattete Bibliothek gesehen hat, der weiß sofort, was ich meine. Wer „Privatbibliothek“ googelt, findet zudem schöne Anregungen für die eigene Ausstattung Zuhause.

Aber: Die Minderheit der Leser sind promovierte Menschen. Und selbst die promovierten Menschen sind meistens ‚Fachidioten‘ auf einem Gebiet und haben von anderen Gebieten wenig Ahnung. Wie auch? Bei der ganzen Arbeit kann man sich nicht um alles kümmern. Das ist für uns Autoren jedoch die Trumpfkarte, denn wir können darauf bauen, es mit Lesern zu tun zu kriegen, die ein Allgemeinwissen mitbringen, nicht jedoch auf jedem Level Spezialwissen haben!

Die Menschen, die Zuhause tausende Bücher sammeln, um diese dann auch zu lesen, dürften sich gegenüber den ab und zu Lesern in der sehr viel kleineren Gruppe befinden. Alle Lesergruppen eint jedoch, dass sie Schulbildung und weitere Ausbildungen hinter sich haben; sie werden dir in deinem Roman also nicht jeden erstbesten Gedanken abkaufen, den du ihnen unverfroren und naiv präsentierst. Gleichwohl ist nicht jeder Mensch ein Autor, nicht jeder Mensch hat weitreichende Kenntnisse in Grammatik und einen angenehm lesbaren Schreibstil – und Schulbildung und weiterführendes Wissen hast du, mein lieber Autor, ja auch!

Was man zudem nutzen muss, ist die Tatsache, dass viele Leser nie über ihren Schatten springen und auf alle Zeit in ihren Interessen gefangen bleiben. Das, was sie nicht interessiert, lesen sie nicht, und das lernen sie nicht, das können sie nicht, und deshalb überrumpelt man sie damit. Wenn du, lieber Autor, dich mit den Grundlagen verschiedener Disziplinen in den Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften beschäftigst und durch die Bank einfach alles liest, was sich finden lässt, kannst du mit Inhalt und Stilen jonglieren und experimentieren.

Wie oft denke ich mir immer: Nimm doch einfach diesen wunderhübschen Stil und Weltenbau, wie man ihn in Fantasy findet, nimm dazu die Spannung aus Krimis, das Unbehagliche aus dem Horror, die Fakten und Ideen und Geniestreiche aus der Science Fiction, die tiefgründigen Charakterzeichnungen aus den Liebesgeschichten und die Versatzstücke und Mehrdeutigkeiten der Weltliteratur. Nur um dann im Vorwort oder Nachwort den ganzen Hokuspokus wissenschaftlich sachlich nüchtern zu kommentieren. So in etwa wie Tolkiens ‚Foreword to the second edition‘ im Herrn der Ringe. Egal, was du schreibst, am Ende bleibst du der ruhige Zeitgenosse, der sein eigenes Werk wie ein Journalist oder Kritiker im Fernsehen, Radio oder Internet besprechen kann, und zwar fachmännisch professionell.

Von meiner Leseerfahrung ausgehend können alle Erzählgeschwindigkeiten funktionieren. Egal, ob es der packende Thriller ist, den man nicht mehr weglegen möchte oder ob es sich um dieses Ding handelt, bei dem sich zehn Seiten wie hundert anfühlen. Keine Rolle spielt außerdem der Umfang. 100 Seiten können eine Qual sein, 600 Seiten verfliegen manchmal wie Regenwolken, und du sitzt da, mitten in der Nacht, und stellst fest, dass du von 19 Uhr bis 5 Uhr morgens durchgelesen hast. Und du bereust keine Sekunde. Woran liegt das? Wie kann man das lernen? Wie erklärt sich der Umgang mit den Geschwindigkeiten?

Das wichtigste Kriterium ist der Schreibstil. Wenn jemand sauber und flüssig und korrekt und leicht daherschreibt, dann macht es Freude zu lesen, dann singt, kreiselt, tanzt und musiziert ein Jahrmarkt mit anliegendem Zoo und Meeresbrandung in deinem Kopf. Du kannst nicht mehr aufhören, selbst wenn der Inhalt eher durchwachsen ist. Bevor du also hier auf fanfiktion oder anderswo Geschichten mit über 100.000 Worten hochlädst, solltest du besser Grammatik und Stil pauken und richtig gute Bücher lesen, um dir daran ein Beispiel zu nehmen. Grammatik lernt man, indem man ganz klassisch Grammatik mit Lehrbüchern paukt (am besten verschiedene Bücher, gerade, wenn man Fremdsprachen lernt, ist das eine unschätzbare Hilfe – denn man braucht keinen Lehrer mehr bzw. man hat mehrere Lehrer zur gleichen Zeit zur Verfügung). Um noch schneller das Niveau zu erhöhen, sollte man konsequent damit beginnen, seine eigenen Texte zu lektorieren. (Sollte es dabei jemandem langweilig werden, darf er gerne auch Texte anderer Autoren durchlektorieren. Oder man lektoriert Texte gegenseitig.)

Übrigens wirst du nicht nur besser in Grammatik und Ausdruck, erhöhst dein Vokabular und dein Melodieempfinden für den wohlklingenden Satzbau – du nimmst anderen Menschen Arbeit ab. Ein professioneller Lektor muss weniger Fehler korrigieren und wird daher dein Manuskript vorzugsweise behandeln, weil er nur noch den Feinschliff machen muss. Texte, die nur so vor Fehlern wimmeln – und dazu zählen oft Texte mit disharmonischem Satzbau voller peinlicher Mehrdeutigkeiten und Stilblüten – rücken so immer weiter weg vom Arbeitsstapel des Lektors. Bis der Lektor sich entschließt, diesen Text überhaupt nicht mehr zu behandeln. Und dann verblutet der Text unbeachtet auf einem Schreibtisch.

Und was meinst du, was ein Agent für Augen macht, wenn bei all den gewollten, aber nicht gekonnten Texten auf einmal Prosa auftaucht, die sich locker leicht liest und dabei einem Kunstwerk gleichkommt? Wo man die Liebe zum Satzbau, den lustvollen Umgang mit Syntaxen und Parataxen, Einschüben, Ellipsen, Andeutungen und frivolen Mehrdeutigkeiten in jedem Absatz merkt? Worum es inhaltlich geht, damit beschäftigt sich ein Agent sowieso nur oberflächlich. Da es nämlich in jedem Genre schon Millionen von Autoren gab, die vor dir kamen, und Milliarden, die nach dir kommen werden, ist es ein Ding der Unmöglichkeit, noch etwas Originelles zu schreiben. Es gab schon alles, und es war lustiger, lustvoller, dramatischer, spannender, packender, entsetzlicher, skandalöser, liebevoller, verspielter, umfangreicher, nachdenklicher, intelligenter, verwegener, schwachsinniger. Was sich ändert, sind die Leser; die sterben nämlich zwischendurch, und dann gibt es eine neue Generation mit neuer Sprache, die keine Ahnung von den alten Klassikern hat. Und die neue Generation liest womöglich lieber dich, weil du angenehm schreibst.

Beim Anstellen von Überlegungen hatte ich schon so oft den Gedanken: „Das ist es jetzt. Das muss es sein. Auf sowas kommt doch sonst keiner!“ Und dann stößt man wenig später in irgendeinem sehr trocken geschriebenen Handbuch auf einen Roman irgendwann um 1900 mit giftigem Efeu, der Männer in wolllüstige Werwölfe verwandelt und sie dazu treibt, in der flammendsten, leidenschaftlichsten Erzählweise, die man sich nur wünschen und denken kann, Orgien mit minderjährigen weiblichen Roboterpuppen abzuhalten, während Zaubereraliens vom anderen Stern dazu Fagott spielen und mit satanischen Umdeutungen Aristophanes ganz falsch zitieren, damit der Antigott der fünf unfesten Köpfe auf dem Mars erscheint.

Und das war jetzt nur schlecht ausgedacht. Es gibt Texte aus früheren Jahrhunderten, die unsere moderne Gesellschaft konservativ, prüde und sehr alt wirken lassen. Und wieder hilft dir, lieber Autor, der Stil. Sicher gab es schon viele Versuche, etwas aufzuschreiben, aber ob es auch in höchster Qualität ausgeführt wurde? Das beste Beispiel ist Goethe mit seinem Faust, denn den Fauststoff gab es schon vorher, nur nicht in der Art. Oder man schaue auf Tolkien, Mittelerde und Zwerge und so weiter hat er aus der nordischen Mythologie übernommen. Generell lassen sich in vielen guten Büchern Anspielungen auf frühere Literatur finden, nur eben nicht in der platten Form der dreisten Kopie, sondern als kunstvolle Umgestaltung und um acht Ecken abgewandelte Weiterführung im Geiste.

Die Erzählgeschwindigkeit leidet immer nur dann, wenn der Schreibstil träge und einfallslos ist. Wenn nicht zwischendurch eine Hexe brennend vom Himmel stürzt. Und kein einziger Gedanke so lästerlich obszön ist wie schweinische Schweinereien im Schweinestall, mal mit mal ohne Schweine. Aber immer mit Menschen ohne Kleidung. Es ist zwingend notwendig, dass du, lieber Autor, dir vorher einen Plan machst. Was soll in diesem Kapitel oder Sinnabschnitt passieren? Und wenn du dich beim Planen langweilst, den Inhalt wenig spannend und lesenswert findest – ja warum zum Henker schreibst du es denn dann? Und warum soll das ein Leser lesenswert finden?

Und wenn du dir Gedanken gemacht hast, so ähnlich wie bei einem Referat, Vortrag oder Kochrezept, dann hast du auf jeden Fall überlegten Inhalt, mit dem man die Gehirne der Leser füttern und beschäftigen kann. Danach wären wir wieder beim Schreibstil, der diesen Inhalt präsentiert. Und ob man es jetzt glaubt oder nicht, aber viel zu viele Autoren scheinen tatsächlich das aufzuschreiben, was ihnen als erstes einfällt, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob das irgendjemand jemals mit Genuss lesen würde. (Es gibt auch das andere extrem: Simon Winchester zum Beispiel. Aber will wirklich jeder Autor Non-Fiktion schreiben, dutzende Leute weltweit befragen und Bibliotheken sezieren, um einen Roman bis obenhin mit Fakten zu füllen? Wobei das mutmaßlich von der Passion abhängig ist. Wenn also z.B. ein Autor seit Jahrzehnten ein Hobby hat – sagen wir er mag Volkstänze – dann wird er vermutlich auf diesem Spezialgebiet verdammt viel Ahnung haben und kann dann sein Wissen und seine Erfahrung schreibend umsetzen).

Aus der Sicht des Lesers und des Kritikers gefallen mir bei den fitionalen Romanen am meisten diejenigen Werke, die mir in jedem Kapitel mit Stil und Inhalt ihre Aufwartung machen. Dabei darf das Ganze nie zu einfach, flapsig, dümmlich und locker daherkommen, noble Ritterlichkeit im Grundgerüst der Sätze gehört sich einfach! Andersherum sind vollständig überladene Texte manchmal zu viel des Guten, weil sie nicht gekonnt portionieren. An sich muss das nichts Schlechtes sein, aber ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, wenn ich mich wundere: Darf es denn Absicht des Autors sein, dass ich sein Buch nur über Etappen lesen kann, weil es sonst zu viel und zu anspruchsvoll ist? (Zumal ich schon Weltliteratur in der Hand hatte – und auch wissenschaftliche Texte! – die in verständlichem, leicht zugänglichem Stil gehalten waren und dennoch bleischwere Gedanken, Überlegungen, Theorien und deren Erklärungen bereithielten). Gebrauche einfache Worte, um schwierige Dinge aufzuschreiben.

Vom allgemeinsten Verständnis her kann man sich auf die Ohren schmieren, dass in einem Kapitel weder Zähflüssigkeit entstehen darf, noch Gehetztheit. Man darf als Leser nicht einschlafen und man darf nie das Gefühl entwickeln, dass der Text an jener Stelle zu oberflächlich war hinsichtlich Charakterentwicklung, Beschreibungen und so weiter. Ein klasse Beispiel wie man es richtig macht ist „H.P. Lovecraft – Der Flüsterer im Dunkeln“. In diesen Text wollte ich mich tatsächlich mal als Einschlafhilfe hineintasten, um herauszufinden, ob ich diesen Text in absehbarer Zeit lesen sollte. Am Ende hatte ich eine schlaflose Nacht samt Paranoia hinter mir. Kein anderer Autor hat es bislang geschafft, dass ich mich nachts nicht mehr traue, das Licht auszumachen. Und Lovecraft ist vermutlich Weltmeister darin, wenn es darum geht, einen Textanfang mit so vielen nebulösen Andeutungen zu versehen, dass man danach auf jeden Fall wissen muss, wie es weitergeht. Bei „Der Fall Charles Dexter Ward“ läuft es genauso ab. Nur schlimmer.

Übrigens kann man mit Zeitraffung und Zeitdehnung wunderbar spielen. Ich kann in viertausend Worten theoretisch nur beschreiben, wie ich morgens aufstehe, mich anziehe, frühstücke und zwischendurch im Bad hin und herlaufe und dabei über Leben und Lieben, Morden und Sterben, Glück und Pech, Schneekugeln und im Flur umherhopsende Sparschweine brüte und nachdenke. Ich kann diese viertausend Worte jedoch auch nutzen, um die Geschichte eines Landes mit den wesentlichen Eckpunkten der letzten Jahrzehnte oder Jahrhunderte zu erzählen. (Man lese sich unbedingt auf der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung die Seiten über Indien durch. Vor allem auch indische Literatur. Und die Seite: Afghanistan – das zweite Gesicht).

Wichtig ist dabei, dass man weiß, dass keine Erzählordnung einen Dominanzanspruch über eine andere hat. Man kann in einem Roman tausend Jahre Menschheitsgeschichte durchlaufen und dabei Charaktere verwenden – wie z.B. Vampire – die ihr intellektuelles Vermögen über den Verlauf mehrerer Jahrhunderte entwickeln. Man kann aber auch einen Roman über einen arbeitslosen Pizzabäcker schreiben, der durch eine Stadt schlendert, einen herumstreunenden Hund liebgewinnt und am Ende des Tages Freikarten für ein regionales Fußballspiel gewinnt, und sich bei Sonnenuntergang, Fangesängen und Bier über den Verlauf seines bisherigen Lebens klar wird, sich dann aber dazu entscheidet, nicht länger drüber nachzudenken, sondern stattdessen den Moment zu leben. Er schwingt vielleicht eine Fahne, stimmt in den Gesang mit ein, lernt neue Freunde kennen und damit endet die Geschichte, obwohl nichts wirklich Weltbewegendes passiert ist. Sozusagen die literarische Version eines Jim Jarmusch Films.

Und solche liebevollen Detais in einer eher gemäßigten, langsamen Handlung mit regionalem Schwerpunkt unterzubringen, kann ihren eigenen Reiz entwickeln, sofern man die Form auf die höchsten Stufen treibt, sich also bei Satzbau, Beschreibungen, der Porträtierung des Pizzabäckers, des Hundes, der Fußballer und der Stadt mehr als nur Mühe gibt. Man darf aber auch gerne mit der Tür ins Haus fallen und die Unterscheidung von synthetischen und analytischen Urteilen einbauen, oder die Tatsache, dass sich Colombo auf Sri Lanka befindet, der Mackenzie im Nordwesten Kanadas durch die Erde schleicht und die Musik des Films Koyaanisqatsi von Philip Glass stammt. Und dass der Planet Erde einen Durchmesser von etwa 12.700 Kilometern hat und im siderischen Jahr innerhalb von sieben Minuten eine Strecke von der Größe seines Durchmessers zurücklegt.

Noch hat die Menschheit 500 Millionen Jahre Zeit, um zu flüchten, bevor der Treibhauseffekt instabil wird, die Ozeane verdunsten und aus Mutter Erde die Ödnis Bitch geworden ist. Nur warum schreibt ein Geschichtenerzähler sowas nicht andauernd auf? Ganz einfach: Weil es einen Stopp im Erzähltempo, mindestens aber Zäsuren hervorruft. Das Einmaleins der Fakten liest sich einfach nicht gut und flüssig weg. Aber eine Geschichte soll so gut schmecken wie Limonade und so gesund sein wie ein Kräutertee aus Melisse, Ingwer, Brennessel, Kornblumen, Nelken und Zitronen.

[Kurze Info am Rande: Soweit ich mit dem Textaquarium durch bin, will ich an meinen Geschichten weiterschreiben. Das hier ist alles nur Grundlage, und da ich keinen Zauberstab und kein Denkarium habe, kommt es hier hinein. Es muss raus dem Kopf. In Zukunft will ich mich dann auch mal „richtig“ der fanfiction widmen. Pokémon, ahoi!
Was mich sonst noch interessiert, und hier auf ff thematisch nicht hineinpasst, landet auf meinem Blog. Lest alle unbedingt den Manga „Sankarea“ :)]

Zweiter Teil – Mittel

Kapitel 10

Atmosphäre und Stimmung
(Woher kommt das „gewisse Etwas“?)

»Weißt du, ich werde dich jetzt umbringen.«

Meine Stimme hätte gebrochen klingen müssen, unsicher, schwach; stattdessen war ich so ruhig als würde ich gerade beim Italiener Rigatoni al Forno bestellen. Die Moorlandschaft umgab uns mit ihren matschig grünen und braunen Teppichen; ein böiger Novemberwind kühlte meinen Kopf trotz der speziellen Thermomütze aus; meine Beine zitterten schon nicht mehr, weil sie vor der Kälte kapituliert hatten. Ich konnte in seinem Gesicht ablesen, dass er jetzt erst merkte, dass meine Ruhe kein Zeichen der Versöhnung war, sondern einstudierte Zweckmäßigkeit eines kaltblütigen Plans.

»Was ist nur los mit dir?«

Seine Augen weiteten sich nicht, aber in ihnen spiegelte sich die Gewissheit des nahenden Todes, ein Leuchten und Flackern, Furcht gepaart mit Wahnsinn. In der Ferne konnte man eine Krähe hören, die ihren Missmut gegen das Wetter in den Wind krächzte. Es war noch ein Rest Tageslicht vorhanden, aber die Sonne sank jetzt rasch. Man konnte sie zwar durch die milchiggraue Schicht gebackener Wolken nicht wirklich sehen, dafür wurden die Schatten länger, die Luft kühler und die Umgebung schien ihre Tiefenschärfe zu verlieren.

Ich versuchte, die auffallend rote Jacke, die teuren original Levis Jeans und die wuchtigen braunen Outdoorboots nicht zu genau zu mustern. Sie waren wertvoller als mein gesamter Kleiderschrank. Ich sah durch ihn hindurch, als sei er eine Puppe, versuchte, das Menschliche durch das Künstliche zu ersetzen, um die Hemmschwelle zu senken. Dann war er für mich nur noch ein Vieh, das schnell und kompromisslos beseitigt werden musste, um die Population in einem gesunden Rahmen zu halten. Es war im Sinne des ökologischen Kreislaufes, präventiver Naturschutz sozusagen. Ich reckte das Kinn empor, damit der blaue Wollschal nicht meine Stimme schluckte.

»Ich habe mit Klara geschlafen. Sie hat dich nie wirklich geliebt. Sie weiß es, aber sie wird nicht herkommen. Verstehst du? Es sind Semesterferien, du bist 400 Kilometer von Zuhause entfernt, und bist generell nicht für deine Kontaktfreudigkeit bekannt. Wenn sie anfangen, dich zu suchen, ist es bereits Winter. Falls sie dich überhaupt finden. Ich war immer skeptisch, konnte dich nie wirklich leiden. Dumm, dass du die falschen Dinge weißt und die richtigen nie kennenlernen wirst. Kamasutra, weißt du, sie schnurrt wie eine Katze, hat es so wohl noch nie gefühlt.«

In seinen Augen flammten die Trümmer einer gebrochenen Seele auf; ich wartete nicht auf die Antwort und drückte ab. Es gab kein Zögern, es war nicht schwer den Hebel umzulegen und es zu erledigen. Der Schalldämpfer tat seinen Dienst und das Geräusch des ultraschnell fliegenden Partikels des Sensenmannes war so banal wie ein Magnet, der an die Seite eines Kühlschranks klatscht. Das Projektil konnten sie unmöglich in der Moorlandschaft wiederfinden. Ich sah zu, wie der Körper kurz zuckte und von der Wucht niedergerissen wurde. Um auf Nummer sicher zu gehen, drückte ich noch zweimal ab.

***

Atmosphäre ist das Prasseln und Knacken eines Lagerfeuers und die Suppenschüssel mit Linseneintopf und Speck. Ein Uhu meditiert in der Nähe, der Wind heult durch das Gehölz und einige Blätter von Buche oder Linde fallen auf deinen Schoß. Irgendwo raschelt es, vermutlich ein Kaninchen. Du pulst in Ruhe an einigen Bucheckern herum und ziehst die gefütterte Winterjacke enger über deine Zwiebelschicht aus T-Shirt, Wollpullover und Fleecejacke.

In einem halben Kilometer Entfernung seufzt ein Traktor vor sich hin, weil mehrere Schlaglöcher im Boden Kupplung und Anhängerdeichsel einen Schrei entlocken. Aus weiter Ferne hallen die Kirchturmglocken der umliegenden Dörfer um die Wette und ergeben einen gespenstich bimmelnden Klang, passend zur hereinbrechenden Dämmerung. Ein simpler Edestahlbecher einer Thermoskanne, gefüllt mit Ceylon-Assam Tee, wärmt dich von innen auf. Deine Haare kribbeln ein wenig, aber die Mütze kannst du nicht ausziehen, ansonsten gäbe es bestimmt einen fiesen Schnupfen in den nächsten Tagen.

Dein Fahrrad lehnt an einem Baumstamm in Sichtweite, dein Rucksack liegt direkt daneben, ebenso die Luftpumpe, die du brauchen wirst, bevor du weiterfahren kannst. Dumm nur, dass du vergessen hast, eine Taschenlampe einzupacken. Dann muss der karminrote Schein der sich verabschiedenden Glut wohl ausreichen. Zum Glück hast du an gefütterte Schuhe gedacht, so dass dir bei dem Herumgesitze am Feuer nicht die Zehen kalt werden. Du ärgerst dich zwar über die tausend Kletten, die du eben von der Jacke popelst, und du fluchst noch immer, ob der Fläche aus Dornen und Brennesseln, dafür hast du ein paar wirklich schöne Exemplare von geradezu urigen Farnen gesichtet. Und das grüne Moos auf der warmen Felsklippe am Hang des Tals, und die melancholisch gelbgoldenen Blätter der Birken, Erlen, Eschen und Eichen. Mit ein wenig Glück hast du sogar noch einen Apfelbaum gefunden, an dem nach der Erntesaison noch einige Äpfel hängen.

***

Transsibirische Eisenbahn, heimelige Atmosphäre. Dekor im Art Deco Stil, ein Butler serviert Kaffee und Kuchen, jemand spielt on board Klavier, jemand legt Karten, eine Séance; es gibt an Bord eine Bibliothek, alles magisch-surrealistisch. Du hast alles verloren. Beruf weg, Beziehung gescheitert, kein Kontakt mehr zur Familie, Freundeskreis ist auch Geschichte. In deinem Abteil, dir gegenüber, sitzt ein anderer Mensch, edel gekleidet, altmodisch, mit Stil, wie ein Magier oder Wissenschaftler. In seiner Garderobe hängt sogar ein Bowler.

Ihr vertsteht euch blind, vielleicht brecht ihr nach der Zugfahrt auf und gründet ein Unternehmen, wer weiß. Ihr fahrt also stundenlang Zug, während ihr Kaffee trinkt, dem Piano und dem murmelnd klagenden Sänger lauscht, irgendein introvertierter Jazz aus den 40ern oder 50ern. Ihr genießt den Kuchen, Schwarzwälder Kirsch, fachsimpelt dank der Zeitungen aus der Bordbibliothek über Weltpolitik, Architektur und Gärten. Besonders die subtropischen Raritäten in den Gärten Cornwalls entfachen ein lebhaftes Gespräch.

Nebenher erzählt ihr euch gegenseitig, wie euer bisheriges Leben grob verlaufen ist. Die banalen Dinge lässt du weg, ebenso die unangenehmen und hässlichen Dinge. Gewisse Szenen schmückst du aus, sonnst dich darin, andere beschreibst du auf trockene, schnelle Weise, da sie für das Verständnis notwendig, für dich jedoch nicht sonderlich spannend sind. Zwischen Kaffee, Kuchen, Gesang, klackernden Waggons und minimalen Rucklern, entfalten sich zwei verschiedene Vergangenheiten, verwoben mit der surrealen Art Deco Gegenwart.

Stell dir die Situation vor, so musst du immer erzählen, detailliert und doch sparsam, mit Bezug auf die Gegenwart und Begebenheiten an anderen Orten, die nichts mit dir zu tun haben. Auf deiner Jacke zeichnet sich Stoff in dunkelrot, blau und schwarz ab, du fühlst jede Faser, verschweigst aber, wo du sie gekauft hast. Stattdessen referierst du den Aufbau der Bahnstation, in der du eingestiegen bist, und des Zuges, in dem ihr euch gerade befindet. Nenn dabei immer nur das, was gerade nötig ist.

***

Atmosphäre bekommst du hin, wenn du nicht nur genau, sondern übergenau beschreibst, was sich in einer Szene abspielt. Farben, Formen, Geräusche, Gerüche, einfach alles. Je nachdem, welche Adjektive du einsetzt, kannst du die Stimmung massiv beeinflussen. Man denke nur an die karge Ödnis von Edgar Allan Poes „Der Untergang des Hauses Usher“: grau, lautlos, melancholisch, traurig, erdrückend schwer, unerträglich trüb, finster, einsam, einförmig, kahl, tot, leer, dürr. Das „trostlose Erwachen eines Opiumessers aus seinem Rausch, dem bitteren Zurücksinken in graue Alltagswirklichkeit, wenn der verklärende Schleier unerbittlich zerreißt.“

Und das ist nur das Beispiel für Horror oder allgemein rabenschwarze Tragödien aller Art. Aber nicht nur Horror lässt sich mit einem Pool aus Adjektiven steigern, auch alle anderen Formen. Süße Sommernachtsträume voll von geschriebenen Briefen, Rosenduft und lächelnden Chrysanthemen. Eine weißschäumende Gischt an der irischen Küste. Das schummrige Licht von Gaslampen oder Öllampen, durch das ein Kutscher mit Backenbart und Zylinder ein gewohnheitsmäßiges ‚Brr‘ in die verwinkelten Gassen von London oder Prag ruft. Der beißende Geruch von Spülwasser auf alten Planken, die Sonne erbarmungslos brennend im Nacken, und die Lippen rau vom Wind, der immer auch ein bisschen Salzwasser mit sich trägt. Dritter Teil – Schwer

Kapitel 1

Schreibblockade
(Was tun?)

In meinem bisherigen Schreibleben bin ich drei Arten von Schreibblockaden begegnet: 1. Der physisch-mentalen Verletzung, 2. der fehlenden Planung, die zu der Situation führt ‚ich weiß nicht, wie ich weiter schreiben soll‘, also eine technische Blockade im Handwerk und 3. der temporären Abneigung gegenüber der Tätigkeit des Schreibens an sich. Nummer 3 ist notwendig, damit sinnvolle Texte in den Gedanken eines Autors heran reifen können, Nummer 2 lässt sich mit analytischem Techniktraining beheben. Nur Nummer 1 ist ein enormes Problem, da es mit dem Verlust des Sexualtriebes oder dem Verlust der Lebensfreude gleichzusetzen ist.

Nummer 1 entsteht entweder aus einer physischen Einschränkung oder einer mentalen. Die physischen Einschränkungen treten durch Pech oder Absicht ein. Pech wäre, wenn zum Beispiel ein Stein auf den Kopf des Autors fällt, der Autor Opfer eines Überfalls, beispielsweise einer Messerattacke wird, oder wenn er sich irgendeine der vielfältigen Verletzungen am Körper zuzieht, sodass die Gedanken um nichts anderes mehr kreisen als um den Schmerz. Meistens hilft hier abwarten und bei stark einschränkenden Schmerzen ein Besuch beim Facharzt. Die Zeit arbeitet also für den Autor und bleibt temporär, führt vielleicht sogar dazu, dass der Autor Bücher liest, Fernsehen schaut, in Wiese, Wald und Stadt herumkommt und lange Gespräche mit allen schrägen Typen von Menschen da draußen in der Welt führt.

Höchst unangenehm, schwierig und komplex gestaltet sich die mentale Störung. Es muss geklärt werden, ob überhaupt eine Störung vorliegt, dann, wie lange eine Störung bereits schwelt, ob sie leicht, mittelschwer oder stark ist, flüchtig, vorübergehend oder lebenslänglich vorkommt. Diagnosen und Behandlungen können sich lange hinziehen und in ihrer Art sogar im schlimmsten Falle eine andere, neue Störung provozieren. Behandlungsansätze können starten mit: Stell deine Ernährung um, mach Sport, probier neue Hobbies aus – bis hin zu: Du nimmst am besten diese Medizin hier und bleibst erstmal zur stationären Behandlung an Ort X, damit sich deine Gesundheit nicht verschlechtert. Es klingt immens übertrieben, doch sobald wieder eine Dokumentation im Qualitätsteil des Internets über psychische Erkrankungen bis hin zu Suizid krasse Lebensläufe aufzeigt, sollte jedem Menschen bewusst sein, dass psychische Krankheiten gründlich observiert werden müssen, damit keine traurigen Umstände eintreten.

In dem Zusammenhang sollte jeder Autor – gerade, wenn er (noch) keine Probleme hat – prüfen, ob er über die Fähigkeit der Resilienz (=so hohe psychische Widerstandskraft, dass jedweder mögliche mentale Schaden abprallt und stattdessen positiv für die Zukunft mitgenommen wird) verfügt, bzw. wenn nicht, wie weit er mental gehen kann, wo seine Stärken, Schwächen und Grenzen liegen. Bei Nummer 1 ist es ein Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche, wenn man sich professionelle Hilfe bei den speziell dafür ausgebildeten Experten sucht (bei Tabuthemen helfen auch die richtigen Fachbücher, ganz anonym, wodurch kein Mensch bloßgestellt wird). Klärende Gespräche über mentale Probleme – selbst Kleinigkeiten – können sich positiv auf das Leben ausüben, oder in anderen Worten: Ein Autor ist dann wieder in der Lage, Texte zu schreiben, und das dürfte für jeden Autoren das gewünschte Ziel sein, falls er mal in eine „unangenehme Phase“ gerät.

Aus eigener Erfahrung kann ich festhalten, dass mir Aktivität gut tut, vor allem dann, wenn ich sie schriftlich festhalte, sodass ich nach einiger Zeit etwas Brauchbares in der Hand halte. Wenn man ein Schreibtagebuch führt, sieht man im Monatsrückblick immer an welchem Tag man wie viele Worte geschrieben hat. Wenn man Tagebuch schreibt oder einen Blog betreibt (oder beides) sammelt sich in etlichen Monaten Material an, auf das man zurecht stolz blicken kann. Ganz wichtig: Nicht von anderen Menschen emotional treffen lassen. Denn dass man immer Weltliteratur für die Ewigkeit verfasst, sobald man einen Stift zur Hand nimmt, ist nicht machbar.

Doch auch jemand, der zu Schreib-Olympia gehören möchte, braucht sein „langweiliges, unaufgeregtes Training“ und zwar jede Woche. Wer regelmäßig viel liest, rezensiert, kritisiert und schreibt, wird mit der Zeit sowieso ein Autor, der mehr Text von höherer Qualität verfasst. Wie von selbst wächst das Vokabular, und hat man erstmal ein Gefühl für Status Quo, Mainstream, die typischen Grenzen und die kleinen Details, die den Unterschied ausmachen, schreibt man nach und nach anders. Wer regelmäßig Sport treibt, stellt fest, dass er irgendwann schwierigere Übungen braucht, damit er nicht müde wird und sich langweilt. Beim Schreiben ist es genauso; zunächst geht es darum, überhaupt zu schreiben, dann darum, möglichst grammatisch korrekt zu formulieren, und schließlich das Vokabular zu erweitern, um sich von Standardphrasen freizuschaufeln.

Nummer 2 lässt sich problemlos verbessern, sofern man Kalender und Schreibzähler besitzt. Der Kalender zeigt immer Monat, Wochentage und Kalenderwoche an, und macht es damit leicht, den Überblick zu behalten. Mit dem Schreibzähler hat ein Autor einen Blick darauf, wie viele Worte er so Woche für Woche aufs Papier quält und schwitzt. Beim Schreibzähler geht es nur um die Anzahl der Worte und nicht um die Qualität. Sollte ein Autor an einem Projekt nicht weiterkommen, kann es dennoch hilfreich sein, irgendetwas zu schreiben, nur um sich selbst daran zu gewöhnen, dass man immer schreibt.

Vielleicht willst du nicht dein eigentliches Projekt erledigen, aber schaffst es, Tagebuch zu schreiben, E-Mails, Briefe, Forenbeiträge oder Blogbeiträge zu verfassen. Oder du spielst mit irrwitzigen Ideen herum und schreibst ins unmögliche Abenteuer hinein. All das darf Unsinn sein, und wird im Schreibzähler ernst und würdevoll eingetragen – ähnlich wie Sportübungen in ein Trainingstagebuch. Der nützliche Nebeneffekt – auf den du natürlich aus bist – ist der, dass du nach einer Weile raus hast, wann du am Tag oder in der Nacht gerne schreibst, welches Material du in der Regel gerne verwendest, und was dir tatsächlich am meisten Spaß macht zu schreiben.

Beispielsweise weiß ich nun selber, dass ich irgendwann auf jeden Fall mal eine Geschichte in der Art von „When Marnie Was There“ (Joan G. Robinson) schreiben möchte, weil es mir beim Lesen sehr gut gefallen hat und ich die Verbindung aus Slice Of Life und Phantastik überaus reizend finde. Für eine allgemeine Planung von Projekten muss ich wohl einen Extratext schreiben – einmal, weil es recht spannend ist, sich mit diesem Punkt einzeln auseinander zu setzen, und einmal, weil ich die Komplexität, die Tücken und Vorteile von Planung erst ausprobieren muss und dabei noch so einiges lernen werde.

Zwei Dinge weiß ich jedoch jetzt schon: A: Man sollte immer genau dann schreiben, wenn man Lust dazu hat, und genau dann nicht schreiben, wenn die Demotivation ihren Siedepunkt erreicht. B: Um auf lange Sicht ein Gleichgewicht zu erreichen, muss man es schaffen, dass man jede Woche etwas zu Papier bringt, und wenn es nur an einem oder zwei von sieben Tagen der Fall ist. Immerhin werden auch Wochen kommen, in denen man an allen sieben Tagen die Gedanken nur so aufs Papier quellen lässt.

Und wenn es um die Planung eines Romans geht, ist es hilfreich, vorab einen wesentlichen Plot auszuarbeiten (siehe meinen Beitrag dazu, der entweder noch kommt oder bereits in einer ersten rohen Version online ist). Knifflig ist die Bewältigung von Nummer 3, denn wie soll man etwas schreiben, wenn man keine Lust hat, zu schreiben? Wie soll man ein Paradox lösen? Hier hilft nur warten. Falls man nämlich wirklich Autor ist, dann kommt das Verlangen, zu schreiben, irgendwann wieder von selbst aus dem Dunkel gekrochen und klopft an die Pforten und Türen der Unvernunft.

Was durchaus helfen kann ist ein Zeitslotwechsel (z.B. um 14 Uhr schreiben statt um 21 Uhr), ein Raumwechsel (im Garten statt im Haus schreiben; oder ein Materialwechsel, z.B. Tastatur und Bildschirm weichen Füller und Papier – mache ich gerne). Falls andere Menschen für die Schreibunlust verantwortlich sind, sollte man die betreffenden Menschen ignorieren, sich allein an einen ruhigen Ort zurückziehen und dann dort ungestört schreiben. Sollte die eigene Stimmung der Grund sein, lässt sich diese mit Musik beeinflussen (meine Favoriten der letzten Zeit sind diverse youtube Kanäle mit: Ambient, ASMR, lofihiphop und OSTs).

***

Ergänzung 1: Wille und Motivation

Autor zu sein, ist ein undankbarer Job, und vergleichbar mit Spitzensportlern, Chirurgen oder Politikern. Investiere hunderte Stunden an Arbeitskraft, gehe bis an die Grenzen deiner psychischen Belastbarkeit, und alles was kommt, ist Desinteresse, wenn nicht gar Ignoranz. Vielleicht erhält man auch solche aufbauenden Worte wie ‚du hast da einen Kommafehler auf Seite 3‘ oder direkt so etwas Destruktives wie ‚hatte jetzt keine Lust, mir alles durchzulesen, fand es jetzt aber auch nicht so toll‘. Was heißt toll, wie definierst du das? Kannst du ein paar positive und negative Anmerkungen ausführlich gegenüberstellen? Und ist es so schwer, bei einem Kommentar, für den du fünf Minuten zum Schreiben gebraucht hast, wenigstens mal die Rechtschreibung und die Buchstabendreher zu korrigieren? Immerhin habe ich an meinem Text, den du so lieblos kommentierst, über acht Stunden gesessen. Hallo? Gibt es noch Gehirne auf diesem Planeten?

Es hat seine Gründe, warum nicht jeder Mensch zum Autor taugt, denn anders als in anderen Bereichen des Lebens erhält man als Autor nicht sofort Anerkennung von dutzenden Menschen, wird übermäßig gelobt und verhätschelt. Ehrlich gesagt, kann man froh sein, wenn man nicht ständig Hiebe und Tritte in die Seele erhält. Verstehen kann das womöglich nur ein Musiker, der Samstagabend in einer Bar experimentellen Art Rock spielen möchte, und dann von besoffenen Idioten zu hören bekommt, ob er nicht mal das Schalalala Lied spielen könne. An der Stelle kann man verzweifeln oder vernünftig sein und es alles sein lassen, wenn es einem nicht passt. Oder man gehört zur Art der verrückten Hutmacher und spielt erst stundenlang Schalalala zu Übungszwecken und setzt dann an mit dem experimentellen Teil. Und zwar so lange, bis sich irgendwann keiner mehr beschwert, und selbst die fiesesten Visagen anfangen, einen ins Herz zu schließen.

Man muss sich von unten hochschreiben, um auch nur ein kleines bisschen ernstgenommen zu werden. Hier hat Schreiben etwas von Sport oder gesunder Ernährung. Man muss es einfach machen, weil es gesund ist und zum Ziel führt. Fragen stellen darf man erst gar nicht, und diejenigen, die nicht mitmachen und sich sogar in verhöhnender Weise über einen lustig machen, muss man schlicht und ergreifend ignorieren. Doch woher nimmt man die Motivation dazu und wie baut man sich einen Panzer aus stahlhartem Willen auf?

Bei mir persönlich kommt die Motivation durch das Konsumieren von Kunst, seien es Bücher, Musik, Serien oder Videospiele. Wenn man ständig mitbekommt, was andere seltsame Leute mit Dachschaden da draußen so anstellen, dass sie es am Ende durchziehen, wunderbare Sachen kreieren, und die ganze Welt dabei überhaupt nicht ernstnehmen, wird einem warm ums Herz. Sofern man noch in der glücklichen Lage ist, ein Herz zu besitzen. Meins haben die Ziegen geklaut. Es wird mal wieder Zeit, dass ich meine Panflöte auspacke, eine muntere Melodie spiele, und die lustigen Gesellen von den Rübenfeldern vertreibe. Diese Zustände gehen einfach mal wieder zuweit.

Auch kann ich jedem nur raten, zum Pragmatiker mit optimistischem Einschlag zu werden, besonders dann, wenn man mal wieder den Glauben an die Menschheit verliert. Auf die Art hat man immer Augen für all die schlimmen Dinge auf der Welt, ohne die guten Aspekte zu vernachlässigen. Man gerät nie in Gefahr, sich nur noch in seiner eigenen kleinen Blase zu bewegen, und bleibt in Kontakt mit der Menschlichkeit des Weltganzen auf unserem schönen Planeten Erde.

Mit dem Willen ist das schon eine ganz andere Hürde, für die man Atlasgene braucht, um sie zu stemmen, und nicht unterzugehen. Ich gebe an der Stelle einfach mal zu, dass ich mein Leben verträumen würde, wenn ich ich mich nicht an Schreibzähler und Monatsübersicht für meinen Blog orientieren würde. Es gibt da draußen bestimmt Leute, die arbeiten können, ohne jemals Kalender zu verwenden. Ich gehöre nicht dazu. Allerdings würde ich zum Hulk mutieren, wenn jemand versuchte, mich für einen durchgetakteten Stundenplan zu begeistern. Meiner Meinung nach hat es Gründe, warum Spitzenpolitiker vor ihrer Zeit körperlich sichtbar altern. Stress frisst den Körper auf und kaum jemand ist sich dessen bewusst. Daher muss man Bewusstwerden und Reflexion ständig trainieren. Meditation und Teezeremonie sind für mich daher genauso wichtig wie Liegestütze oder Laufeinheiten.

Da ich seit September an diesem Blog schreibe, merke ich, was für ein schönes Gefühl es ist, wenn man eine Liste mit seinen bisherigen Blogeinträgen betrachten kann. Es gibt einem das Gefühl, etwas Produktives gemacht zu haben. Ein ähnliches Gefühl hatte ich beispielsweise als ich mal in dem Videospiel Minecraft mehrere Häuser beeindruckender Größe in die virtuelle Welt gezimmert hatte. Das heißt, man schafft sich selbst die Grundlage der Motivation, da man selber zu sich sagt ‚es werde Licht‘, und dann Dinge in die Dunkelheit des Nichts schreibt und sich damit etwas Nachhaltiges aufbaut. Hätte ich plötzlich viel Geld zur Verfügung würde ich wahrscheinlich mein eigenes Haus bauen, nur um mir am Bluten meiner Hände bewusst zu machen, dass ich existiere.

Und wenn man erstmal sieht, was man bereits geschrieben hat, dann ist da gleich die Motivation, noch mehr zu schreiben, Dinge zu ergänzen, dieses und jenes noch anzufügen. In Zukunft möchte ich beispielsweise einen Schwerpunkt auf Bücher setzen, einfach um noch mehr über die Magie des Geschichtenschreibens oder eher geschriebenen Erzählens zu erlernen. Wingardium Leviosa und ich verzaubere eure Gedanken, so dass sie fliegen lernen. Die anderen Punkte werden meine Vorliebe für die Art der Geschichten an sich ausdrücken. Nach und nach werde ich jedes kleine Detail, das man übers Schreiben in Erfahrung bringen kann, für sich genommen auskosten. Meine erste heimliche Freude ist übrigens das Zusammenrufen vieler lustiger Satzgesellen, die sich auf meine Bitte hin zu lesbaren Absätzen formen, und dann einen Texttanz aufführen. Diesen Reigen mit verwunderten Augen zu verfolgen, ist ein Genuss.

Ganz grob habe ich mich bereits Sujets und Handlungsorten gewidmet, Dialoge und Charaktere und der ganze Kram werden noch kommen. Und wenn ich das habe, geht es noch mehr in die Heimlichkeiten, die sich sonst in devotes Schweigen hüllen. Es wird also irgendwann darauf hinauslaufen, dass ich verschiedene Kulturen und Länder untersuche, gewissen Archetypen Platz mache, und mich dann den Dingen widme, die eher unter dem Radar laufen. Beispielsweise würde es mich beim Thema Handlungsorte interessieren, wie sich Tag und Nacht, Regen und Schnee, Wüste und Blumenfelder auf Atmosphäre, auf Charaktere, auf den Plot, und letztlich auf den Autor und den Leser auswirken. Oder wie viele Arten von Lachen und Weinen gibt es? Wann und wo setzt man diese am geschicktesten ein, um eine Geschichte noch wirkungsvoller zu machen?

Das Wichtigste bei diesen ganzen Überlegungen ist allerdings die Lockerheit im Umgang mit Erfahrungen, die sich nicht per Zwang untersuchen lassen. Manches kommt und geht wie es will. Manches kann man nicht direkt destillieren, sondern nur über vorsichtige Umwege in Erfahrung bringen. Beispielsweise wird es eine Herausforderung sein, die Entstehung von plötzlicher Wut oder die Entfaltung von schüchternen Charakteren zu verstehen. Wahrscheinlich öffnet sich das jedem Autor erst nach und nach, indem man ausgedehnte Spaziergänge im Garten macht, immer auf der Suche nach dieser einen Blume, die dort eigentlich nicht sein dürfte.

***

Ergänzung 2: Das erste und das zweite Ich. Ein Beispiel für radikales „Im Flow“ schreiben.

Der folgende Text ist eine Übung und dient als Beispiel, was dabei herauskommt, wenn man die Technik des Rauschschreibens oder auch ‚im Flow schreiben‘ anwendet. Die Idee ist einfach. Spuken dir ein, zwei Gedanken im Kopf herum, schreibe diese aus dir heraus, gnadenlos bis in den Grund, ohne den Sinn zu hinterfragen. Hauptsache, so viel Text und so ausführlich wie möglich. Hier das Ergebnis meiner Übung:

Die moralische Pflicht des Staates gegenüber den einfachen Leuten bügelt Individualität auf dampfende Weise blank, bis kein Funken Charisma und Andersartigkeit mehr übrig bleibt. Im Sinne des Schutzes des Staates vor Chaos und Gewalt ist das eine notwendige Sache, die selbst Grottenolme aus dem finstersten Schleimkeller nicht abstreiten können. Jeder Mensch in einem gesunden demokratischen Land wird auf ein zweites Ich hin erzogen. Verhalte dich still und höflich, sei immer nett und gehorsam, mache oberflächliche Komplimente und führe immer das aus, was dir gesagt oder besser befohlen wird, und du hast Erfolg. Damit hätten wir dann auch das Rätsel gelöst, woher das Übel in der Welt kommt, weshalb es Mörder und Vergewaltiger gibt, weshalb Populisten mit Wortpanzern gegen die Intelligenz anfahren. Die erste und damit wahre Natur des Menschen, sein wahres Ich, setzt sich letztlich immer durch. Was heißt es also, wenn man für Text und Kunst und Kunst und Text geboren wurde? Es heißt leiden.

Schule und Gesellschaft erziehen das Individuum zu Demut und Gehorsam, zu Pietät und Sittentreue. Es ist sinnvoll, sich an Rechtsprechung, an Menschenrechte und allgemein an einen würdevollen Umgang in Höflichkeit und Eleganz zu gewöhnen. Ein Mensch lebt dadurch einfacher und mit weniger Sorgen und Kummer. Die eigene Natur zu verneinen, ist dagegen eine Sünde gegen die eigene Freiheit und die Liebe zum Rausch des Seins. Daher kann die Lösung nur sein, sich selbst das zweite Ich anzutrainieren, und wenn das geschafft ist, in kleinen Dosen die wahre Natur zu ergründen.

Wenn du einen Menschen zum ersten Mal triffst, sei nett und freundlich zu ihm. Ist der Mensch dann nicht freundlich zu dir, jag ihn dahin, wo sich selbst der Teufel nicht hintraut. Lege einen möglichst ruhigen Tonfall an den Tag, wenn dich jemand etwas fragt. Antworte nach deinem Ermessen möglichst umfangreich mit gleichzeitiger Achtung der Kompaktheit. Die meisten Menschen interessieren sich nämlich nicht für dich und wollen eigentlich nichts von dir wissen. Sprache lässt sich damit als hervorragendes Gift einsetzen, wenn man sie in genussvoll gedehnter Zeit gegen die entsprechenden Menschen einsetzt. Andersherum wirkt Sprache wie ein Wundermittel gegen den Tod, wenn die richtige Stimme in der Welt spricht.

Versuche dich im Großen und Ganzen gesund zu ernähren, ohne dabei Tabus aufzustellen. Wirf dein schwitzendes Sein von Körperhülle in einen Sport, an dem du Freude findest. Benimm dich in der Fremde, wenn du das Gebiet nicht kennst, und sondiere lieber, strecke deine Fühler aus. Gib dein Bestes, anderen Menschen nicht ständig zur Last zu fallen. Vermeide Gewalt und rohe Sitten, und entschuldige dich, solltest du einmal Grenzen passiert haben. Gehe immer nur nüchtern und sachlich an deine Finanzen und Verträge heran, und du wirst weder reich noch arm werden, dafür zufrieden.

Und wenn du das alles machst, wird es Zeit, den ausgetretenen Pfad zu verlassen, und sich in den Dschungel auf den Wolken zu begeben. Als Mensch, der Texte mag, heißt das, du solltest das lesen, was sonst kaum einer liest, das schreiben, was allgemein untergeht und doch so sehr von Millionen Seelen herbeigesehnt wird. Im Anfang liegt das Wort und das Wort baut sich auf zu Sätzen. Stärkt man diese Satzmuskeln werden Texte geboren. Und mutierte Bastardkinder sind am eindrucksvollsten, wenn sie zu intellektuellen Schwänen in Anzügen heranwachsen.

Am eigenen Leib erfahre ich, wie sehr sich Schreibstiltraining lohnt, um das, was man an Gedanken im Kopf mit sich herum trägt, anderen Menschen begreiflich zu machen, ohne, dass man mit Händen und Füßen kommunizieren muss. Und wenn sich ein Dialog ergibt, weil eine Stimme in der Unendlichkeit des Stromes aus banalen Alltäglichkeiten durchdringt, dann hat dieser Dialog auch Potenzial, unbekanntes Land zu erkunden.

Es ist mir nunmal nicht möglich, in die Köpfe anderer Menschen zu schauen, daher kann ich nur mich selbst analysieren, um besser zu verstehen, wie Denken funktioniert und sich daraus Handlungen ergeben. Woher kommt es, dass ich manchmal Langeweile empfinde und manchmal Wut? Wie entsteht mein Humor? Woher kommt der Drang zum unbedingten Schreiben, wenn ich doch nie eine Antwort erwarte, und es mir nicht um Aufmerksamkeit, Beachtung und diese ganzen Dinge geht?

Was für mich als klarer Fakt leuchtend vor meinem inneren Auge steht, ist der Wunsch, meine Geschichten mit der Welt zu teilen. Nun gut, ich bin noch nicht weit, aber ich habe umfangreiche Pläne und ich bin fleißig dabei, diese in die Tat umzusetzen. Wir leben in einer Welt, die zu beachtlichen Teilen von Oberflächlichkeit und Dummheit bevölkert wird. Alles entfaltet sich in graue Landschaften aus geistiger Ödnis und sterbender Phantastik. Um diese Phänomene anzugehen, ist es notwendig, Wunder, Magie und Phantastik am laufenden Band zu erfinden. Wir alle zusammen müssen die Welt bunt machen, damit sie in Menschlichkeit zu immer neuem Glanz erstrahlt.

So viele Künstler, und damit auch Autoren, sterben irgendwann. Irgendjemand muss dann das Zepter übernehmen und den Legionen des quasselnden Schabernacks neue Kraft verleihen. Ich bemerke, dass ich offensichtlich in der Lage bin, Worte zu Sätzen zusammenzubasteln, noch bevor mich spontane geistige Verwirrung trifft. Ich suche nach Geschichten, die es so nicht gibt. Ich habe Ideen im Kopf, die in der Art sonst anscheinend niemand zu Papier oder auf den Bildschirm bringt. Das alles schreibe ich auf, weil ich zu der Kategorie Mensch gehöre, über die man sagt ’stille Wasser sind tief‘. Nun denn, ihr lieben Leser da draußen, ich hoffe, ihr könnt über diesen Blog herausfinden oder besser lesen, was es bedeutet, in der Tiefe zu sein.

Interessant finde ich an meinen eigenen Texten im Nachhinein immer, wie viele Formulierungen sich darin wiederfinden, die unüblich erscheinen. Ich liebe Wortneuschöpfungen mit Stil, und habe Gefallen daran gefunden, den Zauber der langsamen, aber majestätischen Erzählung zu weben. Mein Blog ist also nicht einfach nur ein Archiv für Auseinandersetzungen mit Büchern (allgemeiner Geschichten jeder Art, seien es Mangas oder Videospiele oder klassische analoge Bücher), sondern ein Denkarium für Muggel. Ich speichere meine Gedanken ab, in der Hoffnung, dass ich dadurch andere Menschen zum Nachdenken über sich selbst und die Welt anregen kann.

In meinem Fall ist das wahre Ich die Kunst des Sehens in der Tiefe. Manchmal ist es hilfreich, um Ideen zu entwickeln, die sonst keiner hat. Oft ist es ein Hindernis von besorgniserregender Kraft, da ich niemals das Denken über das Denken abstellen kann. Wie ist das bei dir da draußen, hast du etwas an dir, was andere aus deiner subjektiven Weltsicht heraus kaum haben?

Dritter Teil – Schwer

Kapitel 2

Inspiration wecken
(Wie komme ich auf Ideen?)

Man setze sich in einer ruhigen Minute, zum Beispiel in der Mittagspause oder Abends, mal hin und mache einfach gar nichts. Ja, richtig gelesen, das Geheimnis liegt im Nichthandeln – oder vielmehr dem daoistischen Verständnis davon. Schließlich soll nicht der totale Stopp eingeleitet werden. Vielmehr geht es darum, komplett runterzufahren, bis zu dem Punkt, an dem man alle Emotionen hinter sich lässt. Wer will, kann dazu auch Musik hören. Benötigt werden übrigens keine speziellen Entspannungs CDs, denn so gut wie jede Musik kann unter den passenden Umständen meditativ wirken. Empfehlenswert sind jedoch Videospiel OSTs und Ambient Music, da diese speziell für den Zweck des sich gehen Lassens, des sich Verlierens in einer fiktiven phantastischen Welt komponiert werden. Und plötzlich sitzt man da, und nachdem man den Alltag hinter sich gelassen hat, tauchen tiefsinnige Gedanken auf, von denen man gar nicht wusste, dass sie da waren.

Wenn einem solche Gedanken kommen, notiere man sie einfach auf Notizzettel, in Tagebücher, auf Blöcke, was auch immer. Wichtig ist nur, dass sie notiert werden. Nach einer Zeit, das können Stunden, Tage oder gar Wochen sein, kristallisiert sich etwas heraus, etwas das einen beschäftigt und regelrecht interessiert. Das kann zum Beispiel die Frage nach der Entwicklung des Menschen in der Zukunft sein oder ein aufflammendes Interesse für die Zusammensetzung der Natur oder vielleicht Fragen über die Eigenarten der Liebe oder darüber, wie die Ökonomie globale Konflikte beeinflusst. Jeder Mensch hat da so sein eigenes Steckenpferd.

Ich finde es beispielsweise faszinierend, über Hybride aus Mensch und Maschine in den Häuserschluchten riesiger Städte in der Zukunft zu grübeln oder mir vorzustellen, wie wohl Flora und Fauna, ja ganze Rassen in exotischen Fantasywelten mit anderen physikalischen Gesetzmäßigkeiten funktionieren würden, welche Interessen und welche Probleme die Bewohner dieser anderen Welten wohl hätten. Andere Menschen denken vielleicht oft darüber nach, ob es so etwas wie die große alles verzehrende Liebe gibt oder ob es möglich ist, den perfekten Mord zu begehen und was ein Ermittler unternehmen müsste, um der Sache dennoch auf die Spur zu kommen. Die Vorgehensweise bleibt dabei in allen Fällen gleich. Gedanken werden notiert, immer und immer wieder. Schließlich bilden sich Muster heraus, die verraten, was einen am meisten beschäftigt. Daraus bastelt man dann hypothetische Fragen, aber nichts, was man klar mit ja oder nein beantworten kann und nichts, was sich mal eben in fünf Minuten zu Ende denken lässt. Es muss tiefgründiger sein. Aus diesen Fragen ergibt sich schließlich ein konkretes Gedankenkarussell.

Dann braucht man sich lediglich noch zu überlegen, welches Genre von der Form her am ehesten dazu passen würde – es muss nicht ganz übereinstimmen – und aus welcher Perspektive geschrieben wird. Hat man das alles, kann man daraus ein Sujet oder Arbeitsexposé fertigen. Man sollte bei all dem allerdings immer das ewige Mantra von „Die Welt ist im Wandel“ beherzigen. Keine Sätze sind in Stein gemeißelt. Alles darf über den Haufen geworfen werden, sobald bessere Ideen und stärkere Argumente aus den Gehirnzellen krabbeln.

Wer nicht weiß, wie er seine Gedanken ordnen oder auf weiterführende Gedanken kommen soll, der kann sich an den Techniken versuchen, die Helga Esselborn-Krumbiegel aufzählt. Sie ist dabei nicht die Erfinderin dieser Techniken, doch sie vermittelt sie in einer Anschaulichkeit, die sofort offensichtlich wird und einen Aha-Moment hervorruft. Da wäre zunächst das simple Cluster, auch Mind Mapping genannt. Ein Begriff, zum Beispiel ‚Schreiben‘, wird in die Mitte eines Blattes geschrieben und umkringelt. Alles, was einem dann spontan dazu einfällt, kommt drumherum und darf frei miteinander verbunden werden. Interessant wird das Ganze, wenn man es dann noch mit Sinneseindrücken verknüpft, zum Beispiel alles zu dem Begriff notiert, dass unter Hören oder Riechen fällt. Als nächsten Schritt kann man das Ganze Wirrwarr dann in einem Flussdiagramm oder einem Strukturbaum nach Gesichtspunkten, nach Hierarchie, nach einem Zeitstrahl usw. logisch ordnen. Auf die Weise kann man sogar feststellen, ob man einen Aspekt stark getroffen hat und einen anderen eher weniger. Die Methode eignet sich sowohl zum Erweitern, wenn man das große Ganze in all seiner Vielschichtigkeit im Blick hat, als auch bei der Selektion, wenn es darum geht, ein Thema zu spezifizieren – gerade im wissenschaftlichen Bereich äußerst nützlich.

Eine weitere Möglichkeit bilden Analogieräder. Einfach zwei oder mehr Kreise mit genügend leerem Zwischenraum übereinander schachteln wie eine Zwiebel, dann Begriffe des Themas hineinschreiben und die einzelnen Scheiben ineinander drehen. Auf diese Art und Weise kann man unter Umständen Bezüge herstellen, auf die man im Traum nicht gekommen wäre. Theoretisch kann man auch diverse Schablonen nehmen oder Begriffe einzeln als Memory auslegen und versuchen, möglichst interessante Begriffspaare zu kombinieren.

Den Klassiker bilden Tabellen – wer kennt sie nicht? Falls sich ein Thema dafür eignet, kann man mit Pro und Contra Tabellen oder Interessant und Uninteressant verblüffende Gegenüberstellungen aus dem Hut zaubern. Sei es, um damit eine Erörterung zu schreiben, sei es, um einfach Argumente zu generieren, beziehungsweise im Hegelschen Sinne dialektisch auf neue Thesen, Antithesen und Synthesen zu stoßen, die man nicht auf dem Schirm hatte und die jetzt die Gedankenexperimente anfeuern. Simples Beispiel: Man überlege sich ein Argument gegen die Menschenrechte, weil man vorher nie darüber nachgedacht hat und schwups ist vielleicht die Grundlage für einen Politthriller oder einen dystopischen Roman entstanden.

Was ebenfalls hilfreich sein kann, ist die radikale Setzung des eigenen Wissensstandes auf Null. Ein einleuchtendes Beispiel ist hierfür das Spiel mit den Naturgesetzen. Was wäre, wenn die Zeit auf einmal wie in Einsteins Gedankenexperimenten in konzentrischen Kreisen abliefe oder in der Höhe langsamer würde, so dass der Sozialstatus einer Person dadurch stiege, wie hoch sie tatsächlich wohnte? – was zu einem Wolkenkratzerwettbau auf sämtlichen Bergen des Planeten führen würde. Was wäre, wenn man Schwangerschaft auf Maschinen auslagerte? Würde es den Frauen psychisch fehlen, in ihrer Lebensspanne das Wunder Geburt nicht mehr am eigenen Körper wahrnehmen zu können? Was wäre, wenn der Gott aus Bibel und Koran in Wahrheit ein und dasselbe Wesen wäre und verschiedene Schriften nur deshalb dulden würde, weil es sich gerne an Terror, Krieg und Verfall der Menschheit labt? Was wäre, wenn es Tiere gäbe, die Atommüll auffressen und in ein für den Menschen sauberes Produkt umwandeln könnten? Würde man diese Tiere artgerecht behandeln oder zum Wohle der Menschheit an zu viel Atommüll sterben lassen? Mal angenommen, der Mensch würde standardmäßig 600 Jahre alt werden und das Wahlrecht für Erwachsene läge bei 200 Jahren. Wie würde sich eine solche Gesellschaft verhalten, gerade die jüngeren Menschen unter 200 Jahren?

Esselborn-Krumbiegel, Helga: Von der Idee zum Text. Eine Anleitung zum wissenschaftlichen Schreiben im Studium, Schöningh UTB, Stuttgart 2014.

Lightman, Alan: Einstein’s Dreams: Und immer wieder die Zeit, erstmals veröffentlicht 1992, aktuell: Droemer TB 2015.

Dritter Teil – Schwer

Kapitel 3

Schreiben als Beruf VS Schreiben als Hobby

Betrachtet man es trocken und ökonomisch, dann ist ein Autor nichts anderes als ein Produzent in einem wirtschaftlichen System. Er selbst bezieht als Rohstoffe Ideen, Sprachregeln wie Grammatik, Rechtschreibung und Stil, Argumente und natürlich Worte. Aus diesen Rohstoffen formt er dann mittels des Einsatzes seiner eigenen physischen und psychischen Arbeitskraft ein Produkt: Den Text. Und selbstverständlich liegen jetzt die Annahmen nahe, dass ein Mensch diese Rohstoffe umwandelt, weil er es erstens einfach kann und sich nichts weiter dabei denkt oder er es zweitens einfach kann und dies nur macht, weil er an dieser, seiner Arbeit, Spaß hat. Der Arbeitsprozess fände also als Generierung von Freude statt. Philosophisch könnte man an dieser Stelle versuchen zu ergründen, was mit dem Begriff Freude genau gemeint ist. Aber es ist hier nicht das Ziel, ein Buch über die verschiedenen Arten von Freude zu schreiben. Hier in diesem Fall ist mit Freude etwas Positives gemeint, dass die emotionale Stimmung des Arbeiters beflügelt und ihm sowohl körperlichen als auch geistigen Genuss geben kann.

Interessant ist an dieser Betrachtung durch die ökonomisch geschärfte Brille sicherlich auch das Relationsnetz des Autors zu anderen Subjekten und Objekten. Da wäre einerseits die Konkurrenz bestehend aus anderen Autoren, die im steten Wettbewerb zu der Schaffenskraft des individuellen Autors stünde und da wäre andererseits der Markt, bestehend aus einer Nachfrage vom am Produkt interessierten Menschen, den Lesern, und dem Angebot in Form von den akkumulierten Textprodukten einer in Konkurrenz befindlichen Autorenschaft. Nimmt man diese Ideengänge als Grundlage, ergibt sich folgerichtig, dass ein Autor auf jeden Fall genau dann schreiben sollte, wenn er darauf angewiesen ist, ein Textprodukt zu erschaffen.

Dies ist der Fall, wenn der Autor vor hat, seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben zu verdienen, am Ende seines Arbeitsprozesses also einen Lohn in Form von Tauschwaren wie zum Beispiel Nahrungsmitteln oder aber einen realen Geldwert haben möchte. Ist dies der Fall, so kann man sagen, dass der Autor zum Schreiben genötigt ist, wenn er davon leben möchte. Und da es in der Wirtschaft immer auch einen Konkurrenzkampf gibt, würde sich der Autor mit seiner Schreibarbeit also in einen Konkurrenzkampf stürzen, von dem sein Lohnerhalt und damit im extremsten Fall seine materielle Daseinsvorsorge abhinge.

Entscheidend ist hierbei, ob ein Autor diese starke Abhängigkeit vom Schreiben als Daseinsvorsorge überhaupt möchte oder ob es nicht auch andere Wege gibt, das Schreiben auszuüben. Vergessen werden sollte dabei jedoch nicht, dass diese strenge Form des ökonomisierten Schreibens bei aller Abhängigkeit den Vorteil hat, dass sie den Autor zur Produktion zwingt, wenn er denn einen Lohn haben möchte, um beispielsweise ein in materieller Hinsicht sorgloses Leben führen zu können. Es mag zwar äußerst brutal und unmenschlich anmuten, doch braucht sich ein Autor in diesem Spezialfall keine Gedanken über Disziplin zu machen – der Wunsch nach Lohnerhalt zur Existenzabsicherung und die vielschichtigen und sich immer im Wandel befindlichen Mechanismen des Marktes zwingen ihn sozusagen mit der gedachten Pistole vor der Brust dazu, regelmäßig Text zu produzieren. Lebt ein Autor also vom Schreiben, ist für ihn die Frage „Was soll ich schreiben?“ existenzbedrohend, wenn er sie nicht beantworten kann.

Legt ein Autor dagegen Wert auf materielle Absicherung und ein stressfreies Leben ohne die ganz großen Sorgen – denn kein Menschenleben wird gänzlich ohne Probleme ablaufen, das wäre utopisch – muss er sich an der Wegkreuzung des Lebens nach einem anderen Pfad umschauen. Da wohl der durchschnittliche Nachwuchsautor in den meisten Fällen kein Millionärssohn ist oder das Glück hat, auf ein reiches Erbe zurückgreifen zu können, muss er zumindest eine materielle Grundabsicherung schaffen, wenn er nach seinen Vorstellungen und Wünschen professionell schreiben möchte. Dies bringt die Erkenntnis, dass das Leben nicht allein mit der Berufung des Autors allein ausgefüllt sein kann. Es bedarf mindestens eines zweiten Jobs, um die Existenzabsicherung zu gewährleisten, während die eigentliche Berufung – das Schreiben – als luxuriöses Hobby betrachtet werden darf. Luxuriös deshalb, weil der Autor, der auf diese Weise agiert, außerhalb des Marktes steht und somit nicht den strengen und bisweilen den Sozialstatus des Autors bedrohenden Mechanismen und Regeln jenes Marktes unterworfen ist.

Konkret bedeutet dies, dass ein Autor nicht an Termine also nicht an einen Zeitdruck gebunden bleibt und dass er nicht auf den Erfolg seines Produktes, also auf einen hohen Absatz seines Produktes angewiesen ist, da der möglicherweise ausbleibende Erfolg eben nicht seine Existenz bedroht. Nimmt man nun diese Perspektive an, ergeben sich mehrere interessante Beobachtungen. Erstens: Die Möglichkeit der Interpretation, zweitens: Das Problem der fehlenden Antriebsmotivation und drittens: Der problematische Balanceakt zwischen dem Luxushobby Schreiben und dem eigentlich existenzsichernden Beruf.

Zur Klärung des ersten Punktes sei gesagt, dass der existenzsichernde Beruf, der eben nicht das Schreiben als solches in reiner ungefilterter Form darstellt, die Option zulässt, dass einzelne Begriffe und komplette Systeme in ihren, von der Allgemeinheit zurechtgelegten, normativen Definitionen nicht mehr Bestand haben müssen. Wenn beispielsweise ein Autor als Hauptberuf sagen wir Bäcker, Schuster, Beamter oder vergleichbares ist, wo er höchst wahrscheinlich einen acht Stunden Arbeitstag und anschließend Feierabend hat, dann kann er diesen Feierabend nutzen, um zu schreiben. Geht man davon aus, dass ein geübter Schreiber ohne Probleme in ein bis zwei Stunden 1000 Wörter schreiben kann und geht man zusätzlich davon aus, dass der Autor sein Hobby auch ernst nimmt und nicht vor dem Fernseher versauert oder sich Tag für Tag von seinen Mitmenschen ablenken lässt, so kann er durchaus in einem Jahr ein Buch schreiben.

Dabei stützt sich der Schluss ein Buch pro Jahr auf die allgemeine Einsicht, dass ein Mensch keine Maschine ist und nicht jeden Tag in der Lage ist, Text zu produzieren. Dann kommt noch hinzu, dass kaum ein Mensch perfekt ist, das heißt oft genug müssen Texte nochmal geschrieben werden, weil der eigentlich angedachte Textoutput qualitativen Ansprüchen nicht mehr standhält. Hierbei sei es egal, ob der Autor diese Ansprüche an sich selbst stellt oder ob diese Ansprüche von einem oder mehreren Testlesern stammen. Fakt ist, sie werden da sein, wenn der Autor sein Hobby mit leidenschaftlichem Ehrgeiz betreibt und tatsächlich das Ziel verfolgt, nicht nur einfach Text zu produzieren, sondern vielmehr Text von hoher, vielleicht sogar höchster Qualität zu generieren.

Es stellt sich sogar die Frage, ob nicht genau diese Loslösung des Autors vom Markt mit seinen Angebotsforderungen und seiner Attitüde der Fließbandarbeit dafür sorgen, dass der Autor etwas völlig anderes schreibt, dass dann eben den Zeitgeist der Leser trifft, da es eben genau die Art von Text darstellt, die sich von dem allseits bekannten 0815 Einheitsbrei wohltuend unterscheidet. Oft genug kam es in der Literaturgeschichte schon vor, dass ausgerechnet die Andersdenkenden einen Trend auslösten, eben weil sie zum Beispiel die Formate Kriminalroman, Schauergeschichte oder Fantasy in der Art ihren Stempel aufdrückten und verfeinerten, wie wir diese Formate heutzutage immer noch erleben – auch wenn sie sich selbst ermüden, da sie sich den Zwängen des Marktes und dessen Nachfrage anpassen. Als einfaches Beispiel würde wahrscheinlich ein anachronistisch erzählter Kriminalroman ohne Loveinterest in der Nebenhandlung und ohne für jeden Vollpfosten nachvollziehbares, alles erklärendes Ende kein berechenbarer Erfolg. Und somit ergeben sich dann eben Texte, deren Erzählweisen ohne allzu verblüffende Handlungstwists aufwarten.

Somit hat der Autor mit dem Luxus, ein Hobby intensiv ausüben zu können, immer die Trumpfkarte auf seiner Seite. Denn wenn er es so möchte, kann er jederzeit einen marktkonformen Roman schreiben – er muss es aber nicht. Vielmehr kann er sich in seinen Texten verlieren, darin verschwinden und sich verträumen, da er sowieso davon ausgehen kann, dass sein Text kein Erfolg wird und keine große Leserschaft generieren wird. Er schreibt den Text für sich und die paar Leser, vielleicht Familienmitglieder oder gute Freunde, die daran ihren Gefallen finden. Falls sein Text aber völlig unerwartet doch Wellen schlägt und eine hohe Zahl an Lesern hervorruft, dann hat sein Text ein Alleinstellungsmerkmal: Der Text ist in seiner ganzen Art einzigartig und auf eine Weise detailverliebt, wie es eben nur der betreffende Autor selbst zu schreiben vermag und niemand sonst auf der Welt. Einfach, weil Menschen grundlegend verschiedene Individuen sind. Kein Ei gleicht dem anderen, um ein abgedroschenes Sprichwort noch ein wenig mehr zu quälen.

Dieses sich Verträumen, der Fall der intimsten Gedanken, Sehnsüchte und Wünsche oder auch das Ausleben krankhafter Horrorvisionen und schwindelerregender Boshaftigkeiten in einem Text funktioniert bei aller Loslösung vom Markt und bei allen kreativ avantgardistischen Absichten oder einem gemäßigten Abtasten von nur leicht befahrenen Randbereichen des Literaturverkehres nur, wenn dafür der Startschuss fällt. Hat der Autor im Abhängigkeitsgeflecht zum Markt gar keine andere Wahl und muss sich irgendetwas ausdenken, um sich über Wasser zu halten, so steht der Hobbyautor vor der Luxusfrage: Ja soll ich nun oder nicht?

Es gibt viele gute Gründe, mit dem Schreiben anzufangen, doch soll es hier nicht darum gehen. Wer sich nicht dazu entschließen kann, regelmäßig zu schreiben, der ist schlicht und ergreifend nicht als Autor geeignet. Denn genauso wie selbst der intelligenteste Sportler bei aller Techniktheorie einfach Trainingsstunde um Trainingsstunde hinlegen muss, genau so braucht der Autor seine Textarbeit. Wer nicht regelmäßig schreibt, wird nicht besser und wer nicht besser wird, dessen Texte werden nicht gelesen, was sich wiederum daraus ergibt, dass es genug Autoren gibt, die auf hohem Niveau schreiben und genug Texte generieren, um einen potenziellen Leser davon abzuhalten, seine Zeit mit dem Lesen von Texten schlechter Qualität zu vergeuden.

Es ist diese gnadenlos arbeitende Mühle der Wirtschaft, die aus jedem Zweig der Arbeit – und Schreiben ist bei weitem keine Spezialdisziplin wie etwa Bogenbau oder Glockengießen – ein florierendes Netz mit scheinbar unendlichen Produkten hoher Qualität hervorbringt. Wer an dieser Stelle nachlässig wird und nur gelegentlich schreibt und dann wieder sehr lange Zeit nicht, dessen Arbeit und dessen Texte werden in der Belanglosigkeit verschwinden, da sie aufgrund fehlender Arbeitspraxis einfach von mangelhafter Qualität sind. Selbst solide oder gar gute Texte fliegen hier hart auf die Schnauze, da es einfach zu viele sehr gute und überragende Texte gibt.

Daher scheint es sinnvoll, wenn ein Autor sich auf einen groben Zeitplan einpendelt. Eine gute Leitlinie (wohlgemerkt Vorgabe; alles kann, nichts muss; sonst gäbe es zuviel Stress) ist hierbei die Vorgabe, jeden Tag 700-1000 Wörter zu schreiben. Schafft man dies regelmäßig, wird es so gewöhnlich und selbstverständlich wie Zähneputzen oder Kaffeekochen, sich jeden Tag einmal oder mehrmals hinzusetzen und 60-90 Minuten zu schreiben. Nach einiger Zeit entsteht so Textmaterial, das man selbst oder unter Mithilfe von Gleichgesinnten redigieren kann. Somit wird man langfristig gesehen besser im Schreiben.

Dritter Teil – Schwer

Kapitel 4

Andere Arten von Texten
(Sachbücher, Biographien, Reden und co)

Das Textaquarium geht davon aus, dass du, lieber Mensch, einen Roman schreiben möchtest. Nicht wahr, liebes Textaquarium? Du bestätigst das doch, wenn ich dich mit einem Zollstock traktiere, oder? „Ja, mein Herr und Gebieter, wie der Herr und Gebieter meinen.“ Womit das bewiesen wäre. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der phantastischen Literatur, denn wer will sich sein ganzes Leben lang in der öden Realität bewegen, wenn er in Träumen atmen kann?

Doch gibt es als Textform nicht nur den Roman. Für Kurzgeschichten zwischen 1.000 und 10.000 Worten kann und will ich hier gar keine Anregungen vorgeben, denn das sind Wortspannen, die man innerhalb von ein bis zwei Wochen auf das Papier bringen kann. Im Notfall auch ohne Vorbereitung und Konzept, so wie eine Jamsession als wilde Improvisation unter Musikern. Und da man in einer Kurzgeschichte meist eine bestimmte Szene darstellt, braucht man kein umfangreiches Worldbuilding im Vorfeld. Nur, wenn die Wortanzahl einer Geschichte über die 10.000 Wortmarke geht, muss man anfangen zu planen, damit man keinen Blödsinn schreibt.

Sachbücher bringen es in ihrer Eigenart mit sich, dass sie eingeweihten Kreisen vorbehalten bleiben. Wer ein Sachbuch verfassen möchte, muss auf dem Gebiet, das er bearbeitet, umfassend vorgebildet sein. Ein Sachbuch kommt ohne Humor aus, ohne leeren Satz, ohne Vermutung oder Spekulation. Ein Sachbuch bringt korrekte Zahlen, Daten und Fakten. Jede Anleitung muss stimmen und ist im Idealfall vom Autor persönlich getestet worden. Es ist naheliegend, dass ein Sachbuch meist von einem Menschen geschrieben wird, der in genau diesem Beruf arbeitet.

Ein Landwirt kann über Bauhernhöfe schreiben, ein Gärtner über Hege und Pflege von Gärten, ein Mechaniker setzt sich z.B. mit Motorrädern auseinander. Würde man sämtlichen Humor aus dem Textaquarium streichen und jedes „Ich“ aus dem Text liquidieren und den Umfang des Textes verdoppeln, könnte das Textaquarium durchaus als Sachbuch durchgehen. So bleibt es ein flapsiges, pubertäres Werk mit Ecken und Kanten, ohne Anspruch auf religiöse oder politische Vormachtstellung.

Als Beispiel für ein gelungenes Sachbuch kann „Horst Stahl – Bonsai vom Grundkurs zum Meister“ (Kosmos; ISBN:978-3-440-12499-4) dienen. Rund 300 Seiten voll mit Informationen zum Thema, das Wichtige zum Wieso? Weshalb? Warum? Dazu Einkauf, Aufzucht, Hege und Pflege, umfangreiches Register, viele hochwertige Farbfotos, und eine Liste mit Adressen für den deutschsprachigen Raum. Da sogar die Philosophie hinter Bonsai erklärt wird, kann dieses spezielle Sachbuch sogar einen Menschen zum Positiven hin verändern. Damit geht es bereits über den Status „nur ein Sachbuch“ weit hinaus.

Theoretisch kann zwar jeder Mensch ein Sachbuch schreiben, allerdings ist davon dringend abzuraten, wenn man kein Experte ist. Während das Erzählen von Geschichten ja in gewisser Weise friedlich nebeneinander existieren kann – es z.B. hunderte Krimis zur selben Zeit gibt – definieren sich Sachbücher über den „Goldstandard“. Das bedeutet, dass es zu jedem Spezialthema meist nur eine endliche Fülle an Informationen gibt. Und ab diesem Punkt geht es nicht mehr besser. Und das Standardwerk wird immer das sein, das den größten Umfang aufweist, gleichzeitig den verständlichsten Text hat, die besten Fotos, Abbildungen, Anmerkungen, Register, Anhänge usw. Das beste Werk auf einem Gebiet wird so dafür sorgen, dass andere Werke auf diesem Gebiet schlicht überflüssig werden, weil sie mit der Qualität nicht mithalten können. Man erkennt diese Bücher gut daran, dass sie in der x-ten Auflage über Jahrzehnte aktualisiert und gepflegt werden.

Außerdem gilt: Themen, die ziemlich beliebt sind, werden völlig übersättigt sein. Wer also vorhat, ein Kochbuch zu schreiben, sollte bereits einen Plan haben, eine Nische für sich freischaufeln. Vielleicht ein Länder- oder noch besser einen regionalen Schwerpunkt innerhalb eines Landes, dazu Gerichte, die nun wirklich nicht in jedem Kochbuch stehen. Dazu herausragende Fotos und kleinere Infotexte und Geschichten drumherum. Dann könnte es was werden.

Man muss sich immer klar machen: Auf jedem Gebiet finden sich so unglaublich viele Experten, dass man es lieber lassen sollte, wenn man auf einem Fachgebiet nicht mindestens zehn Jahre tiefschürfende Erfahrungen gesammelt hat. Wissenschaftliche Schriften wie Essays, Fachaufsätze, Monographien werden von Experten für Experten geschrieben und beinhalten viele Fachwörter sowie eine eigene Fachsprache. Als Außenstehender hat man da keine Chance, irgendetwas zu verstehen, aber darum geht es dieser Textsorte auch nicht.

Wenn sich Menschen unterhalten, ja richtiggehend diskutieren und streiten – und dabei auf ihrem Fachgebiet seit Jahren studieren, dann müssen sie die Basics nicht immer und überall erklären. „Man“ kennt das dann schon. (Deshalb widmet sich das Textaquarium auch damit „wie“ man einen Romantext schreibt. Alles andere Wissen über die Buchbranche findet sich in mehr Fachbüchern als ein Leser jemals lesen möchte, geschweige denn kann.) Interessanterweise können aber selbst Experten oftmals von einfachen Handwerkskniffen profitieren, denn in genug Fachbereichen ist zwar die Fachkenntnis da, aber es fehlt eine vernünftige Grammatik mit angenehm lesbaren Stil. Oder häufig fehlen klare Vorgaben für Definitionen von Schlüsselbegriffen.

Als Beispiel für einen wirklich guten wissenschaftlichen Text, gebe ich folgendes Beispiel: „Herbert Franke, Rolf Trauzettel – Das Chinesische Kaiserreich; Nikol Verlag; 13. Auflage“. Selbstredend finden sich in allen Studienrichtungen gute Texte, jedoch ist mir beim Lesen aufgefallen, dass meistens diejenigen Autoren am besten schreiben, die von der Philologie her kommen. „Christa Agnes Tuczay – Geister, Dämonen – Phantasmen – Eine Kulturgeschichte“ zeigt eindrucksvoll, was jemand, der Germanistik studiert hat, aus der deutschen Sprache alles herausholen kann. (Natürlich gibt es mehr Bücher als Menschen, und man kann sich nicht in alle Fächer einarbeiten. Würde ein Mensch mit anderen Interessen einen ‚Schreibratgeber‘ verfassen, stünden hier vielleicht Verweise zu Texten über Gärten und Wälder, Aquarien, über Autos, Flugzeuge, Hardware und Software, Maschinen aller Art.)

Den einen entscheidenden Hinweis, den ich beim Thema wissenschaftliche Texte nur machen muss ist: Es gibt keine Freiheit, keinen individuellen Spielraum. Der Name ist nur noch notwendig für die Urheberschaft, denn stilistisch sind alle diese Texte homogen. Wenn ein Kompendium von zehn verschiedenen Autoren zusammengestellt wird, merkt man meist gar nicht, welcher Text von welcher Person stammt. Diese Texte sollen jedoch absichtlich objektiv, neutral, sachlich, nüchtern, unmenschlich, roboterhaft, analytisch und humorlos sein. Es gibt spezielle Vorgaben dafür, die jeder erhält, der in entsprechenden Institutionen arbeitet. Und Testleser auf hohem Niveau sorgen dann dafür, dass diese Texte so neutral und glattpoliert wie nur irgend möglich klingen. Mal ganz zu schweigen von den vielen Fußnoten, die auf andere wissenschaftliche Texte verweisen.

Das ist auch alles richtig und zwingend notwendig, damit sich alle Experten auf einem Gebiet untereinaner verstehen, und damit auch klar ist, wo, welche Thesen und Informationen, empirische Datensätze etc. eigentlich herkommen. Behauptungen, Gerüchte und Lügen sind auf diesem Niveau dann nicht mehr möglich. Worauf ich hinaus will: Während du problemlos dutzende phantastische Romane schreiben kannst, wirst du es in deinem Leben nicht schaffen, mehr als eine handvoll Sachbücher zu verfassen. Und selbst diese Fachbücher werden allesamt monothematisch sein. (Blick in die Buchhandlung: Der eine lebt vielleicht als Veganer und schreibt darüber, der nächste weiß sehr viel über das Zeichnen, wieder ein anderer kennt sich wie kein zweiter mit Kameras aus, wieder ein anderer ist Spezialist für ein spezielles Instrument oder eine konkrete Sprache. Oder schreibt über Recht oder Medizin.)

Bei Biographien sind Ghostwriter üblich oder diese Autoren sind im Feld bekannt und schreiben ihren Namen auf das Buch, weil sie schon mehrere gelungene Biographien verfasst haben. Ein Autor muss für das Schreiben von Biographien geboren sein, denn sonst schafft er es nicht, all die Infohappen über das Leben eines ganz bestimmten Menschen zusammenzufassen, ja geradezu in dieses Leben hineinzutauchen, um es voll und ganz darzustellen. Meist gehören diese Biographen, so wie auch die Sachbuchschreiber zu den ’sekundär Schreibern‘. Jedenfalls könnte man es wagen, Menschen so zu bezeichnen, wenn sie nicht selber etwas erschaffen – z.B. einen phantastischen Roman – sondern bereits vorhandene Quellen in Schrift, Bild und Ton zusammentragen, auswerten und verarbeiten. Das heißt, der eine Mensch lebt ein faszinierendes Leben – wie z.B. John F. Kennedy – und schreibt logischerweise nicht selber über sich, warum auch? Der andere Mensch, ein Journalist z.B. schreibt dann die gesamte Geschichte über John F. Kennedy auf. Und nutzt dabei Artikel anderer Journalisten, Archive mit Reden, Fotos von Kennedy, die Fotografen gemacht haben usw.

Dadurch ergibt sich eine allgemeine Entspanntheit, denn selbst in so einem Beruf wie „Autor“ gibt es zahlreiche Unterkategorien. Wissenschaftlich oder nicht wissenschaftlich, Fiktion oder Non-Fiktion. Letztlich muss man sich als Autor grob in eine bestimmte Schublade einsortieren, damit man innerhalb dieser Schublade etwas Vernünftiges aufschreiben kann. Beispielsweise kann ich nicht gleichzeitig das Leben mehrerer berühmter Menschen in Romanlänge aufarbeiten, gleichzeitig ein Fachbuch über Kostüme nähen verfassen und gleichzeitig Hobbits und den Ringkrieg erfinden. Ein Autor muss sich entscheiden und dann spezialisieren. (Die beste Methode ist wirklich, sich ab und an in einer Buchhandlung oder einer Bibliothek umzusehen, was es überhaupt in Buchform gibt. Letztlich kann jedes Hobby und jeder Beruf in Buchform verarbeitet werden. Also findet jeder was.)

Innerhalb einer Schublade gibt es immer noch genug Möglichkeiten zur Entfaltung. Der Chemiker kann vielleicht auch abseits etwas über Soziologie schreiben, der Fitnessfreak trainiert sich durch verschiedene Sportarten, der Biograph porträtiert vielleicht erst einen Musiker, dann einen Politiker, dann einen Schauspieler. Der Autor von Non-Fiktion widmet sich womöglich verschiedenen Ereignissen, aus verschiedenen Jahrhunderten in verschiedenen Lebensbereichen. Nur seine Methode, alles an Fakten darüber zusammenzutragen, bleibt gleich. Und der Autor von fiktionalen Romanen – also vermutlich jeder Leser des Textaquariums – kann innerhalb der Genres wechseln. Vielleicht mal einen Fantasyroman, dann einen Krimi, dann etwas Experimentelles, dann eine Liebesgeschichte. Obgleich es sich über wohl oder lang herauskristallisieren wird, welches Genre einem Autor von fiktionalen Romanen am meisten gefällt. Warum sollte er auch Geschichten schreiben, an denen er keinen Gefallen findet? (Bei mir selbst liegt die Tendenz eher bei der Fantasy. Ein anderer schreibt vielleicht lieber Thriller oder Horror. Wer weiß?)

Reden wiederum zielen immer darauf ab, dass ein Redner bei einer bestimmten Veranstaltung, vor ausgewähltem Publikum etwas ’sagen‘ soll. Da Menschen nicht ewig still sitzen und zuhören können, ist die Redezeit begrenzt. Je nach Themengebiet kann der Inhalt einer Rede grundverschieden sein. Der Redner hat lediglich das Ziel, den Zuhörern zu verkaufen: Hört alle her, ich bin ein intelligenter Mensch, ich sage viele kluge Dinge, begeistere euch damit und ihr klatscht und jubelt mir zu (typisch Politiker). Ob das, was in der Rede vorkommt, inhaltlich korrekt sein muss, in der Realität machbar, ja, ob es überhaupt in der Tiefe, beim längeren darüber nachdenken Sinn ergeben muss – Pustekuchen, geschenkt.

Viel wichtiger ist es, schick gekleidet zu sein, eine angenehme Stimme zu haben, selbstbewusst zu präsentieren und sich keinen Fauxpas zu leisten. Reden klingen daher meist nett, sind aber dermaßen oft glattgeschliffen, dass sie kaum noch etwas aussagen. Wie man Reden schreibt, dafür gibt es eigene Bücher. Nur soviel: Wenn man sich von den psychologischen Tricks nicht täuschen lassen möchte, achtet man nie auf den Redner, sondern liest sich die betreffende Rede im stillen Kämmerlein schwarz auf weiß noch einmal Absatz für Absatz durch. Auf diese Weise kann dich niemand reinlegen, und du lernst, stets eine gesunde kritische Haltung zu bewahren.

Dritter Teil – Schwer

Kapitel 5

Schreiben und Bildung

„Ein neuer Mythos kann jedoch nicht verordnet werden, er muss ‚von unten‘ wachsen. Dafür bedarf es neugieriger, verantwortungsbewusster Menschen, die an dem Entstehen dieser neuen Rahmenerzählung aktiv mitwirken. Wir brauchen neue Erzählungen – darüber, was es heute heißt, wenn wir sagen, dass unsere Kinder einmal ein gutes Leben haben sollen.“
(Bundeszentrale für politische Bildung, Narrative für eine nachhaltige Entwicklung, Herausforderungen und Zugänge für die politische Bildung, Was kommt nach dem „ökonomischen Mythos“?; 29.05.2012)

Du hast das Gefühl nicht dazuzugehören? Andere Menschen haben viele Freunde, gehen auf Geburtstage und Partys, üben coole Hobbies aus, sind modisch gekleidet, sind super gut in Schule, Ausbildung, Studium und Beruf? Du fühlst dich wesensverwandt mit der John Lennon Songzeile: „No one I think is in my tree, I mean it must be high or low“ (Strawberry Fields Forever)? Immerzu fragst du dich, warum andere Geld haben und du nicht, es ist dir ein Rätsel, warum du trotz deines Einfühlungsvermögens, deines Fleißes, deiner Geduld einfach nicht vorankommst und im Zweifelsfall noch von Menschen dumme Sprüche und dämliche Ratschläge hören musst, die dir aus deiner Sicht intellektuell unterlegen sind? Dann mein Freund, wird es Zeit, sich an die eigene Nase zu packen und zu sagen: Ja, bislang habe ich nicht den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit gefunden. Es gibt eine Antwort auf alle deine Fragen: Bildung!

Ich schreibe diese Zeilen, weil ich jahrelang selbst mitten im Kampf gegen die Dummheit der Welt vergeudet habe, meine Mitmenschen oft genug nicht verstand. Warum warfen Mitschüler Mäppchen durch den Klassenraum? Warum hat man mir oft Radiergummi und Stifte genommen, wie selbstverständlich benutzt und dann auch noch kaputt gemacht? Mit der dreisten Annahme, es würde mir schon nichts ausmachen und man müsse da nichts ersetzen. Und ich war immer so schüchtern und kleinlaut, nicht dagegen aufzubegehren. Mein erster Schritt in Richtung Selbstachtung war wohl meine körperliche Entwicklung. Wer das Glück hat, groß zu werden, und 1,90 Meter sind groß, und gerne aus der Freude heraus Sport macht, der empfindet ab einem bestimmten Zeitpunkt einfach keine Angst mehr vor seinen Mitmenschen. Bei mir war, glaube ich, mit sechzehn Jahren der Punkt erreicht, wo ich mir klammheimlich dachte: Wenn du mir jetzt dumm kommst, dann nutze ich deinen Kopf als Buchablage, denn dafür hast du genau die richtige Höhe (von meiner pubertär frechen Wolkenkratzer-Position heraus betrachtet).

Aber an sich ging das alles schon viel früher los. Kaum war ich in der Grundschule, dachten diverse Schüler wohl, sie könnten mich mobben, weil das bei meinem Bruder so gut funktionierte. Aus dem banalen Grund, dass er damals ein wenig moppelig war und einfach zu nett für diese Welt voller Raufbolde. Aber mit mir hatten sie sich den falschen ausgesucht. Man fängt keinen Wettkampf mit einer Person an, die im Sportunterricht besser ist als man selbst. Und so rannte ich ihnen hinterher, wenn sie meinten, sie müssten mir meine Mütze, meinen Schal oder meinen Ranzen klauen. Ich hetzte sie solange, bis sie keine Puste mehr hatten, nahm mir meine Sachen zurück und wehrte mich teilweise auch mit Beißen, Kratzen, Backpfeifen. Eben das ganze Programm. Mittlerweile verstehe ich ja, dass Lehrer nicht überall sein können, um solche Idioten zu maßregeln. Aus Perspektive des Kindes fühlt man sich da ziemlich verloren und die Erkenntnis, das Mitmachen und sich Bewähren im Raufen und später als Jugendlicher im Saufen exzellent funktoniert, weil man sich Achtung und Akzeptanz in der Gruppe erwirbt, ist honigsüßes Gift. Es bläut einem jungen Menschen, der sich noch nicht vollständig entwickelt hat, nämlich genau die falschen Ideale ein. Kämpfen statt Kommunizieren, Wettbewerb anstelle von Solidarität, an den richtigen Stellen Schweigen oder Verhöhnen, um sich selbst aus der Schussbahn zu nehmen.

Besonders brisant wird diese Situation noch, wenn man ‚gefühlt‘ ständig an Geldknappheit leidet und immer zu hören bekommt: Wie viel kostet das? Brauchst du das wirklich? Daraus ergibt sich, wie ich erst kürzlich erfahren habe, wissenschaftlich ausgedrückt ein Dasein, indem alles, was ein menschliches Subjekt denkt und tut, darauf abzielt, dass es einen Nutzen haben muss, sonst ist es wertlos. Und genau mit dieser Einstellung habe ich mich jahrelang schlecht gefühlt, wenn ich Bücher gelesen, Filme und Serien geschaut, sowie Videospiele genossen habe. Lümmel nicht den ganzen Tag auf dem Sofa herum, mach mal etwas Richtiges. Und Schule war natürlich nur da, um mit möglichst guten Noten später mal einen Job zu bekommen, mit dem man sich das Dasein finanzieren kann. ‚Lesen und Schreiben kannst du dann ja noch in deiner Freizeit, am Feierabend, vorher machst du halt etwas, was Geld bringt. Ist eben normal, dass Arbeit nur selten Spaß macht.‘

Aber das stimmt einfach nicht:
„Das Leben ist mehr als Erwerbsarbeit. Die Erträge von Bildung zeigen sich in fast allen Lebensbereichen: Gesundheit, Lebenserwartung, Glück, Partnerschaften, soziale Integration, Partizipation, Mobilität, Gestaltungsmöglichkeiten im Lebensverlauf. Menschen mit Hochschulreife rauchen weniger, leiden seltener an Übergewicht und an Krankheiten wie etwa Schlaganfall oder Diabetes, sie sind sportlich aktiver als Menschen mit niedriger Bildung. Ebenso sind Menschen mit höherem Bildungsstand häufiger politisch aktiv und sozial engagiert.“
(Bundeszentrale für politische Bildung, Bildungsgesellschaft, Über den Zusammenhang von Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe in der heutigen Gesellschaft; 03.05.2013)

Mittlerweile bin ich ausgeglichen und konnte mich zum Glück vom Nutzendenken lösen. Es ist völlig in Ordnung, sich auch einfach mal etwas zu kaufen, weil man es eben möchte und nicht, weil es unbedingt notwendig ist. Es bringt sogar Lebensfreude mit sich, sich einfach mal im Supermarkt treiben zu lassen, und all die bunten Produkte auf sich wirken zu lassen. Man muss nichts kaufen, und in den meisten Fällen nimmt man nur das mit, was man benötigt. Die Möglichkeit, ab und zu auch einfach mal etwas aus Genuss zu kaufen, zum Beispiel eine Flasche Wein, ist für mich jedoch ein großes Glück, ich würde es gar als Menschenrecht bezeichnen. Ich will es nicht mehr missen. Bildung lehrt einen sowieso den Umgang mit Geld, vor allem darin, sein Geld nicht gleich für jeden Mist in den Fleischwolf der Konsumwelt zu stecken.

Aber was ist, wenn ein Mensch im Laufe seines Heranwachsens feststellt, dass er ruhig und introvertiert ist? ‚Du gibst immer so gute Antworten, mach doch mehr mit, so kann ich dir nur eine 3 geben‘ Und ich lernte, dass mein Schweigen eine schlechte Eigenschaft war, und ich lernte, dass das unangenehme Zittern im Körper, das eintrat, wenn ich mich mal im Unterricht meldete, anscheinend die gerechte Strafe für meine dumme Stille war. Andere machten ja auch mit, sagten viele kluge Sachen, wurden dafür gelobt, hatten immer gute Noten. Eben die richtigen Lehrerlieblinge.

Nur hat die Gesellschaft jene Kinder und Jugendlichen aus den Augen verloren, die ohne Markenkleidung aufwachsen und die nicht in den Urlaub fahren, weil das einfach zu kostspielig ist. Urlaub gemacht habe ich dagegen im Land der Kultur. Filme als Mittel gegen den Frust. Interviews und Dokumentationen von Musikern, Regisseuren, Mangaka, Bands, Schauspielern, kreativen Überlebenskünstlern und so weiter haben mich genau da abgeholt, wo ich stand, und mir das Gefühl gegeben, das wird schon.

Was mir am meisten Nahe ging, war damals ein Zitat von Hayao Miyazaki, der in einem aus heutiger Sicht uralten Interview zu Laputa – Castle in the sky, auf die Frage, was denn sein Ziel sei mit dem Film oder wie er das alles sehe, sinngemäß antwortete: Ich will das Menschen den Film sehen und sich danach sagen, ja, ich kann mein Leben meistern. Von da an wusste ich, dass ich zwar zu einem anderen Schlag von Menschen gehöre, weil Buchhandlungen für mich keine Märkte, sondern Oasen sind, weil Musik für mich kein Hintergrundgedudel ist, sondern etwas, dass ich mir bewusst anhöre – so wie zum Beispiel Vangelis – dass ich also etwas merkwürdig und anders drauf bin, dass aber nur eine Frage der Perspektive ist. Die Erkenntnis, dass ich beruhigend durchschnittlich bin, weil ich Freude am Essen habe, Freude am Sport, Freude an gleichgesinnten Menschen und Freude an Arbeit, die mir sinnvoll erscheint, hat mir enorm dabei geholfen, in der Pubertät nicht durchzudrehen.

Wenn man abends im persönlichen Raum der Wünsche, im gemütlichen Kämmerlein oder der verträumten Laube im Garten wie im Traum vor sich hin schreibt, gibt es keine Epochalnoten. Und Texte schreiben, ist genau mein Ding. Zum ersten Mal in meinem Leben macht mir Bildung tatsächlich Spaß. Während andere im Stress krepieren und Medikamente nehmen, um durchzuhalten, weil es sonst ja nicht möglich ist, das, was frühere Generationen in zehn Jahren studiert haben, in drei Jahren zu schaffen, brauche ich keine Religion, keinen Workshop und keine Drogen. Oder andere Maßnahmen in Gruppensitzungen, um runterzukommen. Ich bin von Natur aus das tiefe Wasser. Was kümmert mich da das stürmische Gekräusel an der Oberfläche? Ihr erzählt mir im persönlichen Gespräch wie wichtig euch Ruhe und Harmonie, das Abschalten von der stressigen Umwelt sei. Die Werbung lehrt uns Naturverbundenheit, Stärkung des Individualismus zum aktiveren Nein-Sagen. Wir sollen uns alle gesund ernähren, auf dem Land zur Ruhe kommen, Sport machen. Folge deinem Herzen, mach, was dir gefällt, lass dir nicht immer alles sagen und vorschreiben, lebe dein Leben so, wie du es wünschst, denn es ist ja dein Leben und du sollst nicht für andere leben und dich dabei selbst vergessen.

Aha, ihr lieben Heuchler, und warum bin ich dann der Freak, wenn ich zu Geburtstagen oder Weihnachten allen absage, weil ich meine Ruhe, mein Recht auf Selbstentfaltung in Anspruch nehmen möchte? Wieso bin ich menschenscheu, wenn ich am Wochenende auch mal allein sein möchte? Und wenn ich dann kommunizieren will, werde ich auch nur wieder wie ein ominöses Exemplar aus der Zoohandlung angesehen. Facebook oder whatsapp Kommentare in korrekter Rechtschreibung und so lange, dass man erst einmal einige Minuten lesen muss – ich muss doch einer ekelhaften Krankheit unterliegen. Dazu gesellen sich dann immer die destruktiven Kommentare von wegen ‚Ach nee, du, das les ich mir jetzt nich alles duchr‘ Mit den Krebsmenschen aus den Kommentaren von youtube oder den Foren der Zeitungen brauche ich gar nicht erst anfangen. Verrückt wird es jedoch, wenn ich mir das andere Extrem anschaue. Menschen, die im Zweifelsfall mindestens vier Sprachen sprechen, gefühlt bereits auf jedem Kontinent unseres wunderschönen Planeten Erde zu Gast waren, in ihrem Leben schon über tausend Bücher gelesen haben, und mich dann in Texten, die doppelt so lang sind, wie meine eigenen, mit Gegenargumenten eindecken, deren Wortlaut ich erst einmal im Lexikon nachschlagen muss. (Falls ich mich tatsächlich mal traue, für etwas einzustehen und meine Stimme, wenn schon nicht laut, so doch in der Schrift, zu erheben) Hört lieber auf den König von Taka Tuka Land und seine bärenstarke Tochter. Die sagen wenigstens vernünftige Dinge!

Es ist natürlich absichtlich überspitzt und provokativ formuliert, was ich hier auszudrücken versuche, denn meine innere Natur lässt es kaum zu, dass ich laut und wütend werde. Tragischerweise bin ich anfällig für schweigsamen Spott, indem ich kaum noch jemanden ernstnehmen kann, der wenig, bis gar keine Bücher liest. Worüber soll ich mich mit solchen Menschen unterhalten? Was beschäftgt diese Menschen? Wie fühlen sie sich? Ich habe keinen blassen Schimmer, und erschwerend kommt hinzu, dass andere Menschen nicht automatisch so schreibbegeistert sind wie ich. Da stellt sich gleich die Frage: Warum sollte ich überhaupt schreiben, wenn meine Buchstaben in der Aufmerksamkeitsspanne von menschlichen Eintagsfliegen untergehen? Ui, mehr als drei Sätze, das ist mir zuviel. Auf der Gegenseite dann die Wissenschaft mit ihrer von Emotion und Gefühl abgekapselten Sprache, die ohne Humor und Liebe selbst die banalsten Themen breitschlägt und dabei das Wesentliche vergisst: Den Menschen.

Im beginnenden 21. Jahrhundert hat die Menschheit mit zwei gigantischen Problemen zu kämpfen. Wir stellen auf der einen Seite das Wohl der Wirtschaft über die Gesundheit der Natur, zerstören unseren Planeten und lachen dabei, weil uns die Empathie zum Trauern fehlt; auf der anderen Seite kämpfen wir mit einem Bildungsrassismus. Haben deine Eltern nicht genug Geld, sind deine Eltern nicht bereits hochgebildet, lebt in deiner unmittelbaren Nachbarschaft kein Lehrer, kein Autor, kein Musiker oder Maler, bist du umzingelt von Landwirtschaft, Handwerk und Industrie, gehst du als zartbesaiteter Mensch zugrunde. Und dann fragen sich hinterher die extrovertierten Menschen, die Bücher scheuen wie benutzte Kondome, warum sich mal wieder ein so kluger und talentierter Mensch das Leben genommen hat oder warum er in dieser und jener Sucht verkümmert, warum er in ein extremistisches politisches Weltbild abdriftet oder einfach ein unausstehlicher Mensch mit hässlichen Charaktereigenschaften wird.

Die einzige Möglichkeit ist hier der Rettungsanker. Es muss hochspezialisierte Leute geben, die Rettungsanker auswerfen, indem sie zeigen, dass auch andere Schwerpunkte im Leben möglich sind. In meinem Fall waren das Dokumentationen auf arte und zdfinfo. Leben ist nicht gleichbedeutend mit Geld, Wachstum, Macht und Sex. Du bist völlig in Ordnung, wenn du kein riesengroßes Haus kaufen möchtest, wenn dich luxuriöse Sportwagen kalt lassen, Fußball und Bier ganz gefällig, aber nicht das einzig wahre sind. Du bist okay, wenn du zwar an dem anderen Geschlecht sexuell interessiert bist, aber den Sinn von One Night Stands, Disco, Club und besoffen rumvögeln nicht verstehst. Wenn du erst einmal ganz klassisch ein paar Briefe oder heute eher Mails hin und her schreiben möchtest, um zunächst zu prüfen, wie denn der oder die andere vom Charakter, von der Denkweise und Weltsicht so eingestellt ist.

Mein Glück war es, dass ich aus einer Familie komme, in der Lesen so selbstverständlich ist wie Zähneputzen. Ansonsten wäre ich heute wahrscheinlich ein mit dem Leben unzufriedener Zyniker, der alles und jeden kritisieren und mit Gemecker überziehen würde. Ich wäre nie darauf aufmerksam geworden, dass Schreiben nicht nur negativ, sondern auch positiv konnotiert sein kann. Nur, wie kommt man auf das stilistische Niveau der Klassiker? Eben nicht, indem man in starrer Ehrfurcht verharrt und wie so viele sagt: Das waren Genies, vergiss es, das schaffst du eh nie. Nein sage ich, ihr liegt alle sowas von falsch!

Man wird nur zu einem Autor, wenn man schreibt, weil man sich für Dinge interessiert, weil man Neugierde und kindliche Freude nicht abtötet, sondern kultiviert. Die Grundlagen für das Schreiben lernt man zwar in Schule und Studium, aber das war es auch schon. Lebenserfahrung sammelt man woanders, Schreibstil lernt man nur, wenn man regelmäßig schreibt, und zwar abseits von Benotungen und Leistungsdruck. Schreiben heißt Freiheit, und wenn die Gedanken frei sind, dann ist das Schreiben der dazugehörige Mut, weil es die völlige Selbstaufgabe bedeutet, Dinge nicht in sich hineinzufressen, sondern aus sich herauszuschreiben.

Der wahre Grund, warum nicht jeder Mensch zum Autor taugt, ist nicht etwa im mangelnden Fleiß oder Wollen zu suchen. Ein wahrer Autor hat die Tugenden der Ehrlichkeit, der Selbstkritik und der Offenbarung in sich. Die Selbstaufgabe ist das Mutigste, was ein Mensch erreichen kann, und ein Autor muss genau das tun, wenn er seine Texte an die Öffentlichkeit weitergibt. Einen eigenen Text in die Welt zu senden, ist so, als würde sich der Autor nackt auf einen Marktplatz stellen; nur, dass es nicht um körperliche Nacktheit geht, sondern um seelische. Um diesen Akt zu vollbringen, muss sich ein Autor erst demütig selbst zerstören, damit er dann, nach der geistigen Feuertaufe, standhaft genug ist, um in gottgleicher Gelassenheit, ohne Schamgefühl vor der Gesellschaft bestehen zu können. Dann macht es dem Autor nichts mehr aus, dass viele anonyme Leute, die ihre eigenen Fehler und Sünden verschleiern, mit erhobenem Zeigefinger fröhlich auf die Fehler des einen zeigen, der auf dem Podium steht und ja so wunderbar als Projektionsfläche und Zielscheibe für alles Schlechte in der Welt steht.

Mein Interesse für Sprache und Geschichten kam nicht mit der Vermittlung der enorm trockenen deutschen Trümmerliteratur. Mein Interesse kam von den Beatles und den Rolling Stones, Kultur der Swinging Sixties, Vietnam War, The Doors, Flower Power, Hippie. Auf diese Art war es für mich selbstverständlich, mir Dokumentationen zum Thema anzuschauen, Artikel zu lesen, die Musik zu genießen und Songtexte zu analysieren. Gedichtanalyse im Deutschunterricht war damals so ziemlich das Bescheuertste, was ich je machen musste.

Wie man richtig zwischen den Zeilen liest, habe ich gelernt in der Auseinandersetzung mit Größen wie Paul Simon oder Bob Dylan. Wenn man da wissen möchte, worum es in den Songtexten geht, fängt man freiwellig an, Werkzeuge der methodischen Analyse zu erlernen. Die Boshaftigkeit eines Oscar Wilde lehrt mehr als pädagogischer Friede-Freude-Eierkuchen Unterricht, indem es moralisch verpöhnt ist, Dinge anzusprechen, die von der Mehrheit nicht erwünscht sind. Und wieder lernt man schweigen und das es an der Dummheit von einem selbst liegt. Die anderen haben Spaß, betrachten vieles oberflächlich, kritisieren Ansichten, mit denen sie erst vor wenigen Minuten konfrontiert wurden. Wüsste ich nicht, dass Schriften von Aristoteles bis Kant vorliegen, hätte ich schon den Glauben an die Menschheit verloren. (Gerade im Bezug auf Brexit und Trump)

„Das Spezifische literarischer Kompetenz im Vergleich zu anderen Formen von (Aus-)Bildung ist die damit grundgelegte Möglichkeit, sich Wissen selbstständig anzueignen. Damit trifft die literarische Bildung den Kern eines Bildungsverständnisses, welches kultureller Bildung seit dem 18. Jahrhundert bis heute zugrunde liegt: Kulturelle Bildung erfordert eine aktive Eigentätigkeit des sich bildenden Subjektes. Bildung ist ein Akt der Selbst-Bewusstwerdung in Auseinandersetzung zwischen Selbst und der das Individuum umgebenden (Um-)Welt. Eine gute Literaturvermittlung als kulturelle Bildung betrachtet, fördert damit das Eigeninteresse und regt an, sich selbsttätig mit Inhalten auseinanderzusetzen. Es geht dabei nicht darum, einen spezifischen kulturellen oder literarischen Kanon zu lehren, sondern neugierig zu machen auf die Möglichkeiten und Potenziale, die in unterschiedlichster Literatur und im Umgang mit Sprache verborgen liegen. Literaturvermittlung hat damit ihren Ort natürlich in der Schule, aber vor allem auch außerschulisch, da sich schulische Bewertungsmaßstäbe oftmals nicht mit einem sich je nach Individuum unterschiedlich entwickelnden Eigeninteresse vertragen.“
(Bundeszentrale für politische Bildung, Literaturvermittlung als kulturelle Bildung; 29.05.2012)

Sich Wissen selbstständig anzueignen, ist ein Prozess, den man erstmal mühsam erlernen muss, wird einem doch in der Schule alles vorgekaut, und gibt es doch Musterlösungen für jede Klausur, die man bloß auswendig zu lernen braucht. Literatur ist dagegen etwas, dass sich nicht auswendig lernen lässt, eben weil es die eigene Mündigkeit, die Rebellion gegen die Schranken der Konvention innerhalb der Gesellschaft voraussetzt. Und selbstverständlich muss der Autor mehr Wissen ansammeln als der Nicht-Autor, denn sobald ein Autor auf ein lesenswertes Thema stößt und beginnt, darüber zu schreiben, macht er fast immer ein Pulverfass auf.

Verteufeln muss ich rückblickend all jene Stimmen, die altersklug meinten, man solle sich ja nicht in Politik einmischen, denn das ergäbe nur Zank und Stress. Ja, aber wie soll ich mich denn sonst in die Gemeinschaft einbringen, an der Demokratie partizipieren, wenn ich mich doch fernhalten soll? Nur dann, wenn es Probleme gibt, dann ist es recht und billig, sich über Beamte, Vorstände und Politiker aufzuregen? Zu pöbeln und seiner Wut luftzumachen, weil man nie gelernt hat, in höchstmöglicher Ruhe über Leben und Tod zu reden? Ganz so, als würde man im Restaurant einen Nudelauflauf bestellen und eben nicht über die Lohnkürzung oder den Verlust des Arbeitsplatzes ausrasten. Vor allem dann, wenn es nur um Kleinigkeiten geht, die eine pöbelhafte Aufregung überhaupt nicht rechtfertigen.

Ist es womöglich diese Furcht, in der Öffentlichkeit Scham zu empfinden, die Angst davor, eigene Fehler einzugestehen, die Menschen zu Heuchlern macht? Die Menschen dazu treibt, sich nicht zu engagieren, nicht am Wohle der Gemeinschaft zu arbeiten? Ist das dann etwa der Grund, weshalb sich Menschen wegducken, nach dem ‚bloß nicht ich‘ Prinzip? Ich denke ja. Wer alles auf eine lebenslange Bildung setzt, wer den Mut hat, zu sich selbst zu stehen, wer seine Schwächen klar benennt und sich dadurch unangreifbar macht, wer Ehrlichkeit an den Tag legt und mitmacht, der wird Freunde finden und keine Feinde, der wird Glück finden und keine Unzufriedenheit, der wird sich mit eloquentem Wortzauber in die Politik einmischen und seiner Meinung vor den Ohren der Öffentlichkeit Ausdruck verleihen. Dass die Gesellschaft allerdings so anfällig ist für Populisten und Demagogen, zeigt dann nur auf, wie erbärmlich verkümmert das Ethos der lebenslangen Bildung in unserer Gesellschaft eigentlich ist. Mal ganz abgesehen von den Staaten auf der Welt, die noch nicht einmal eine Demokratie besitzen, und damit Menschen schon von vornherein den Pfad zum lebenslangen Lernen verbaut.

Egal, wer du bist, egal, wo du herkommst. Lies Bücher, fang an zu schreiben und such dir Gleichgesinnte, mit denen du schriftlich kommunizieren kannst. Es gibt in der Bildung keine Einbahnstraßen, kein Schicksal, kein ‚die da oben‘, keine ‚Eliten‘. Wer sich aktiv um Bildung bemüht, der kann mehr aus sich herausholen als er ahnt. Ich selbst habe mit Tagebucheinträgen begonnen. Simple Sätze auf Din-A5 Seiten. Heute traue ich mich, einen Blog über das Kreative Schreiben zu führen und schreibe über die Dinge, die meine Leidenschaft und mein Interesse wecken. Früher dachte ich immer, es sei bescheuert, Texte zu schreiben, in denen man seine Gefühle preisgibt oder über unangenehme Dinge schreibt, Dinge mal kritisch hinterfragt. Immer musste ich daran denken, wie jemand meine Texte finden könnte, wie er meine Texte, ohne mich zu fragen, in köstlicher Gehässigkeit vor der Öffentlichkeit (damals eben Schulklasse) herausposaunen würde. Wie erniedrigt ich mich fühlen würde, wie sie alle mit dem Finger auf diesen Trottel zeigen würden. Was für ein Idiot ich war!

Wenn man ehrlich ist, sich für wirklich sinnvolle Projekte wie Umweltschutz einsetzt, das Stärken von Solidarität in der Gemeinschaft, das Schreiben von Geschichten, den Spaß an Literatur, um nur ein paar spontane Beispiele zu nennen, dann muss man sich für überhaupt nichts schämen. Und wenn man Schamgefühle vermeiden möchte, sollte man von Anfang an Wert auf Qualität im sprachlichen Ausdruck legen, sodass im Zweifelsfall die Leute eher neugierig werden und nicht schadenfroh, weil der geleakte Text tatsächlich Niveau hat. Doch wie lernt man, auf ein solches Niveau zu kommen? Indem man schreibt und anschließend Kritik an seinem Geschreibe übt, und irgendwann seine Texte öffentlich macht, um die Rückmeldung anderer Menschen einzufangen. Man muss das Netz nur feinmaschig genug machen, damit die Antwortfischis eintreffen.

Bei mir persönlich gab es dann den Schritt vom Tagebuch zur Selbstreflexion, der Wunsch zum Besserwerden im Schreiben war geboren. Ich las erste Stilratgeber, fing an, längere Texte zu schreiben, und schließlich meldete ich mich auf fanfiktion an. Aus Unsicherheit und Wankelmut ist mittlerweile ein fester Bestandteil meines Lebens geworden. Ich muss mich nicht mehr zum Schreiben zwingen, es fließt ganz einfach, und ich lerne soviel von anderen Menschen, die ebenfalls viel schreiben.

Seit meiner Anmeldung auf fanfiktion vor knapp drei Jahren habe ich mich enorm weiterentwickelt. Ich plane und schreibe meine ersten richtig langen Texte, die richtige Romane werden sollen, und ich kenne nun vielfältige Dinge, die mir vorher verborgen waren. Ich hoffe, dass ich mit diesem Blog hier jeden da draußen bewegen kann, mit dem Schreiben anzufangen. Wir müssen in unserer Gesellschaft flächendeckend eine Kultur des Schreibens einführen. Und wenn es nur bei Tagebucheinträgen und längeren, privaten Mailwechseln bleibt (nicht jeder Mensch taugt zum Autor), es wäre ein Schritt hin zu einer lebenslangen Beschäftigung mit Bildung. Es unterstützt die Demokratie, macht Menschen glücklich, und nicht zuletzt kommt man mit sich selbst ins Reine.

[Ich bitte vielmals um Entschuldigung für die freche Melodramatik. Wie wir ja alle wissen, sind Gefühle wertlos, weil sie das Wachstum nicht ankurbeln. Und nur konservative Menschen dürfen bestimmen. Immer und überall. Es gibt dafür zwar kein Gesetz, aber allein schon die kühne Idee, unangenehme Dinge anzusprechen und die friedliche Ruhe zu stören, macht mich ja bereits zum Unmenschen. Ok, ernsthaft, Party all day long. Das hier ist lediglich Text aus der Perspektive eines sogenannten ‚Andersdenkenden‘. Sieh die Welt aus der Perspektive der International Space Station, und so ziemlich alles, was in den Medien läuft, ist plötzlich so Banane.]

Dritter Teil – Schwer

Kapitel 6

Literarische Texte
(Wann ist ein Text Literatur?)

Für die lesefaulen Menschen: „Close Reading“ von Klassikern bringt oft mehr, als sich durch Theorien und Ratgeber zu quälen. Vielleicht verstehst du, worauf ich in diesem Kapitel hinaus will. Wenn nicht oder wenn du ein praktisches Beispiel suchst: Lies einfach soviel von Franz Kafka wie du nur kannst. Als Beispiel zum Einstieg, weil es keine Seite umfasst, aber die Gesetze des Erzählens sprengt: „Franz Kafka – Die Brücke“. (Eine dreiviertel Seite Text aus der Sicht einer Brücke, irgendwo janz weit draußen in den Bergen; am Ende stürzt die Brücke ein, weil sie versucht, sich umzudrehen, um zu sehen, welcher Mann ihr den Stock mit der Eisenspitze in die Haare getrieben hat. – In einer Minute schnell gelesen. Man vergisst es bis zum Ende seines Lebens nicht mehr. Das ist Literatur).

***

Ein literarischer Text ist eine kunstvolle Verschmelzung aus Inhalt und Form. Ist Inhalt stärker als Form oder Form stärker als Inhalt (bzw. ist das eine schwächer als das andere), dann kann es sich zwar immer noch um Literatur handeln, allerdings wird dann die Schar der Kritiker niemals abreißen und den Status des Textes als Literatur alle paar Jahrzehnte erneut aggressiv hinterfragen.

Ein Autor muss sich im Klaren sein, dass es spätere Generationen an Lesern oder kommende Jahrhunderte nicht interessiert, ob der Autor zwischenzeitlich in seinem Leben körperlich oder geistig krank war. Es wird die Leser nicht interessieren, ob es eine despotische, unterdrückerische Regierung gab, ob Krieg herrschte, ob der Arbeitsmarkt gesund war oder litt. Am Ende steht der Text des Autors und dieser Text wird von immer neuen Augenpaaren kritisch durchgelesen, jeder Satz, jedes Wort wird auf alle verfügbaren Definitionen hin abgeklopft, und immer mit anderen Gesichtspunkten interpretiert.

Es ist möglich, dass kritische Leser mehr Inhalt, Intelligenz und Vieldeutigkeit in einen Text hineinlesen, als es der Autor jemals gekonnt hätte. Nach dem Tod des Autors verstummt die Stimme des Autors, das heißt, zu Themengebieten, zu denen sich der Autor nicht geäußert hat, lässt sich dann nichts mehr feststellen. Wenn ich beispielsweise schreibe: Ich bin Atheist, gemäßigt links, Buchliebhaber (Bücher sind mir oft lieber als Menschen), Teeliebhaber, sportbegeistert, Anhänger von Wissenschaft und Logik, Freund des Lichts (wer im Winter tagsüber vor die Tür geht, der lebt länger) und der Mutter Natur, heterosexuell in meiner sexuellen Ausrichtung – dann sind das alles Feststellungen, von mir selbst getroffen, und ich schaffe ein für alle Mal Klarheit. In 300 Jahren kann mich also niemand in eine extremistische Ecke stellen oder mich Nationalist nennen, wenn ich angebe, ich sei Kosmopolit. (Wer sich schon mal mit Biographien beschäftigt hat, in denen Autoren über Menschen spekulieren, über die man nur wenig gesichertes Wissen hat, der versteht sofort, worauf ich hinaus will).

Auch helfen ausführliche Tagebucheinträge und Blogeinträge, Briefe, Mails, Interviews dabei (falls man interessant genug ist; über bestimmte Musiker weiß man vieles nur dank fleißiger Journalisten), das eigene Gehirn für die Nachwelt zu erhalten. Nicht, um Narzissmus und Größenwahn zu fördern (solche Idioten liefern dann einfach Beweise für ihre Unfähigkeit; aktuell z.B. die archivierten tweets von Trump. Die Nachkommen werden noch in Generationen damit aufgezogen, garantiert), sondern um unsicheren jungen Menschen der Zukunft mit Rat und Tat zur Seite zu stehen – als moralische Stütze zur Stärkung der geistigen Kräfte.

Wie umgehen mit der eigenen Sterblichkeit? Wie vorgehen, wenn eine Liebesbeziehung endet und Schmerzen einen in Wahnsinn und Todessehnsucht versetzen? Wie umgehen mit Jobverlust? Mit hartnäckiger Krankheit? Mit schrecklichen politischen Umständen? Mit dem Erdbeben oder dem Feuer, das 30 Jahre Geschichte eines Hauses samt Familienbesitz zerstört? In solchen Fällen ist es sinnvoll, Erfahrungen von Menschen als Buch im Regal stehen zu haben, als gedruckte und für die Ewigkeit in Tinte ausgestopfte Gedanken. (Muss nicht einmal viel Platz wegnehmen, wenn man an Größen wie die Reclam Universal-Bibliothek denkt).

Viele Bücher widmen sich Spezialthemen und vernachlässigen das Wesentliche: Das Leben des Lesers mit seinen konkreten Sorgen und Nöten. Diesen Sorgen und Nöten, dieser Existenz der lebenden Menschen der Zukunft beizustehen, ist die Pflicht von uns Autoren, die jetzt, aktuell, heute leben (ganz gleich, ob hier und heute eine Welt in tausend Jahren oder eine Welt in einer Million Jahren oder noch weiter in der Zukunft meint; wer weiß; vielleicht baust du eben eine Zeitmaschine und kannst mir den Rest meines Textes geben, den ich selbst zwar noch nicht kenne, den mein Zukunfts-Ich aber geschrieben haben wird. Oder ich akzeptiere die Zeitlosigkeit und wir sind Nachbarn, du und ich, auch wenn in deiner Zeit die Milchstraßen-Galaxie nicht mehr der Hauptaufenthaltsraum der Menschheit sein sollte).

Darum schreiben wir Autoren: Um Menschen zu helfen. Gib ihnen Essen, Trinken, medizinische Versorgung, eine Wohnung, freundliche Mitmenschen, ganz viel Liebe, Zeit und Aufmerksamkeit. Beschütze sie vor Krieg, vor Hunger, vor Elend, Leid, Hoffungslosigkeit und Tod. Nun gut, nicht alle Kritik an einem Text lässt sich mit weiser Voraussicht abblocken und umlenken. Und wenn es nur der Punkt des Umfangs, der Punkt der Vollständigkeit ist, der Schwäche offenbart – da ein Mensch sterblich ist, bleibt der Textumfang begrenzt. Goethe oder Shakespeare oder Aristoteles hätten sicherlich gerne noch mehr geschrieben. Doch irgendwann ist immer ein Ende.

Es sei denn, der Mensch entkoppelt sich vom Einfluss der Physik und macht sich zeitlos – beispielsweise ein Android mit künstlich geschaffenem Gehirn, das alle Informationen des biologischen Gehirns vorher kopiert hatte. Denn solch ein künstlich geschaffenes Gehirn kann wie eine Festplatte gesichert und reproduziert werden – eine quasi Unendlichkeit des denkenden Seins. Doch dazu wird es vermutlich nicht kommen. Die Unsterblichkeit für alle Menschen würde die Herrschaft für wenige Menschen beenden. Es wird jedoch immer Menschen geben, die mehr Geld und mehr Macht haben wollen als ihre Mitmenschen. Um dieses Problem zu umgehen, müsste man den Menschen genetisch verändern, dann würden wir aber nicht mehr von Menschen reden, sondern von irgendeiner anderen Gattung. Hallo intelligentes Wesen aus einer anderen Dimension, das mich in 100.000 Jahren liest. Ich hoffe doch, du kommst mit dem Problem der Langeweile zurecht.

Ich werde mutmaßlich biologisch sterben. Und du vermutlich auch. Vielleicht haben wir unverschämtes Glück und schaffen es, die 100 Jahre vollzukriegen. Aber irgendwann werden wir beide einschlafen und nie wieder träumen. Schreiben wir also unsere Träume auf, solange wir noch wach sind. Vielleicht bist du, liebes Gehirn, in einer Million Jahren bereits als Baukastensystem nicht mehr in der Lage, zu sterben. Dann ist es dein Problem, eine Antwort auf die Frage zu finden: Wie beschäftige ich mich in der Ewigkeit, in der Unsterblichkeit? Wer weiß, vielleicht wird einmal Langeweile der Auslöser zum letzten großen Krieg sein, der die Menschheit vernichtet und auslöscht.

Um also Kritik an einem Text möglichst auf den mangelnden Umfang zu reduzieren (wer Qualität liest, der will immer mehr und mehr) empfehlen sich zwei Dinge: Bemerkenswert sauberer und klar verständlicher Schreibstil (wenn ein Literaturprofessor anerkennend nicken würde, nicht loben, das machen die nie, aber nicken, das reicht) und ein Textinhalt, der die Lesezeit belohnt. Es gibt nichts Schlimmeres als Leser, wenn man das Gefühl hat, man wurde für das Durchhalten nicht belohnt. Und wenn es nur der Plastikpinguin mit Vagina auf Seite 127 ist, der das Durchhalten bis Seite 127 belohnt, dann ist das ein Anfang. Und wie wir wissen, wollen Anfänge vom Mittelteil vergewaltigt werden, bis sie am Ende nicht mehr können.

Emotionen wie Wut, Trauer, Freude, Hoffnung sollen generiert werden, der Leser soll mitgerissen werden im Strom der Vokabeln, die den Regeln der Grammatik der jeweiligen Sprache gemäß korrekt angeordnet sind. Und es sollen Antworten fallen, und es sollen Beobachtungen und Ideen vorkommen und ganz viele Fragen, die die Neugier des Lesers entflammen. Wenn der Storch Kinder kriegt, wo kommen die her? Wer bringt sie?

(Der Storch muss einen Teil seiner Kinder einem Feueropfer übergeben, dann wird der Rest von Gott persönlich teleportiert. Wobei jeder weiß, dass am Ende die Arbeit an Jesus hängenbleibt, der beim Beischlaf auf den Wolken mit seinen Hoden – schmatz – einen Schalter umlegt. So nebenbei, denn er ist zu stark mit Wein und Halleluja beschäftigt.)

Wer? Wie? Was? Wieso? Weshalb? Warum? Wer nicht fragt, muss Worte in den Sand tanzen. Es muss immer wieder gefragt werden, und zwar in allen Bereichen, die mit Worten analytisch zu beschreiben sind. Und in den Bereichen, die mit Worten nicht zu beschreiben sind umso mehr. Den nötigen Inhalt für Literatur erhält der Autor, indem er intensiv lebt, sein Gehirn nutzt und Wissen sammelt und Wissen hinterfragt. (Diskutier doch mal mit Menschen aus deinem Umfeld über Nachrichten, über Filme, Serien, Musik und Bücher. Und zwar richtig. Wenn am Ende einer weint, seid ihr noch nicht geschult genug. Auf jeden Fall muss am Ende jemand beleidigt den Raum verlassen, weil seine Ansichten radikal gevierteilt, geteert und gefedert wurden. Alles andere ist Kaffeeklatsch und du wirst nie lernen, wie du einem bösen Buben Super Mario like – da dumm da dumm da dududumm – eins auf die Mütze bechern kannst.)

Alle Erfolge, alle Fehlschläge, alles Glück und alles Leid, jeder unglaublich tolle Zufall, jede Zeit der persönlichen Krise sollte streng beobachtet, durchdacht und analysiert werden – um sie dann einmal direkt für die Nachwelt festzuhalten, und um aus ihr in übertragener und gespiegelter Form Kunst zu formen. Zum Beispiel Musik, Poesie, Malerei, Bildhauerei usw. oder eben Text. Wer intensiv lebt, verschiedene Studienbereiche durchläuft, sich mit Naturwissenschaft, Geisteswissenschaft, Wirtschaft, Politik, Kunst, Kultur, Anthropologie beschäftigt (warum machen Männer seit 5000 Jahren Schwanzvergleich und führen Kriege gegeneinander?), der wird Dinge erahnen, deren höchstes Glück er als Destillat für nachfolgende Generationen festhalten möchte. Der Rausch des Schreibens …

Und um diese Potenz der Erfahrungen und des Wissens bestmöglich für alle anderen Menschen zu konservieren, sollte irgendwann im Leben des Autors die Beschäftigung mit Sprachen im Vordergrund stehen; um die Macht von Substantiven und Verben zu verstehen; um die einleuchtende Heiterkeit von Attributen und Adverbien in ein breitangelegtes Amüsement der detailverliebten Verständlichkeit zu gießen. Auf dass der Guss in transparente Sepiablasen die darin enthaltenen Gedanken bestmöglich konserviere und gegen das nagende Ungeziefer der Zeit schütze. Und dann kannst du immer noch hingehen und schmuzigen gothic-vampire porn schreiben. Nur wird es dann kein Schund mehr sein, keine beliebige Pulp Fiction, sondern ein Kunstwerk.

Liest ein Mensch Bücher, konsumiert er nur. Liest ein Mensch Literatur, entfalten sich vor ihm tausende Lebensläufe in tausenden Welten; er verliert sein Ich, depersonalisiert sich und wird zu einem kosmopolitischen Gott, der das Leben und Leiden, das Geborenwerden und Sterben, die Irrungen und Verwirrungen im Zustand ohne Zeit, milde lächelnd und Tee trinkend, beobachten kann. Ich gebe zu, die reale Welt ist nicht die aufregendste, die ich kenne.

Und was man sich immer klar machen muss: Es kommt gar nicht darauf an, wie viel man schreibt. Stell dir einfach vor, du säßest auf einem Felsplateau und auf einmal würde ein Busch neben dir brennen. Und da du eben auf Valium bist, würdest du glauben, eine Stimme zu hören. Jetzt bist du aber jenseits von Gut und Böse, hast nur eine feuchte Lehmtafel und einen Stock in Reichweite, um ein paar Fetzen des vermeintlich gehörten dort hinein zu ritzen. Bist du erstmal daheim, fällt dir auf, dass die eine Hälfte des Textes Bullshit ist und du die andere Hälfte noch einmal vollständig umarbeiten musst, damit sich überhaupt Absätze ergeben, die beim Klange des Wortes Schamgefühl nicht zu Tomaten werden.

Dritter Teil – Schwer

Kapitel 7

Die Psychologie von Lesern
(Wie schreibe ich für Leser?)

Wirf den Fernseher raus, schalte das Radio ab, ignorier Smartphone und Laptop mal für eine Weile und besinne dich neu in der Lautlosigkeit. Umgib dich mit Natur (und wenn es nur Zimmerpflanzen sind) vergrabe dich mit Perserteppich, Kissen und Decken zwischen vollbeladenen Buchregalen, lebe bewusst, mache gerade so viel Sport wie nötig, iss gut und gerne und bleibe hoffnungsvoll. Versetze dich in die nötige Ruhe, am besten mit Teeschale in der Hand, und lies jeden Tag mindestens eine Stunde konzentriert und ungestört am Stück. Und wenn du dafür auf die Nacht ausweichen musst oder den frühen Vormittag oder auf die Zeit im Bus oder in der Straßenbahn – dann ist das auch okay.

Natürlich verbiete ich dir Fernsehen und Radio nicht. Gerade bei Sportereignissen kann es richtig Laune machen, live dabei zu sein und mitzufiebern. Oder bei Konzerten oder historischen Ereignissen. (Wenn so etwas stattfindet wie Mauerfall und Wende, 9/11, Flüchtlingskrise – oder was auch immer – kann man nur schwer wegschauen; es passiert ja um einen herum, betrifft das eigene Leben, so wie das Leben Millionen anderer Menschen). Aber es ist einfacher, im Stillen zu lesen oder nebenher Musik zu hören, als zu versuchen, Fernsehen oder Radio mit Lesen zu verknüpfen.

Das fördert nur die Zerstreuung und am Ende liest du entweder gar nichts mehr oder du kannst dir nicht merken, was du da eben gelesen hast. Und wenn du ruhig und fast meditativ liest, hast du Zeit und Muße zum Lesen. Damit kennst du allerdings schon das erste große Problem: Die meisten Leser konsumieren Bücher – husch, husch – zwischen Tür und Angel, immer auf dem Sprung, lesen nicht richtig, lassen sich nicht darauf ein. Entweder, weil sie keine Zeit haben, längere Zeit am Stück zu lesen, oder weil sie überarbeitete Vielleser sind, die sich nicht mehr richtig konzentrieren können.

Ein Leser hat keine Zeit, keine Lust und keine Energie mehr übrig. Dein Text muss also wie Sex wirken oder wie eine stimulierende Droge oder wie eine schnurrende Katze auf dem Schoß, während du vorm prasselnden Kaminfeuer sitzt. (Wahre Könige regieren mit Pantoffeln an den Füßen vom Ohrensessel aus. Hat mir jedenfalls mal eine Meerjungfrau erzählt. Ob es stimmt, weiß ich nicht so recht, denn ich war damit beschäftigt, nicht zu ertrinken). Du schreibst also gegen die Unmöglichkeit an, immer bequem zu sein. Unmöglich deshalb, weil du auf der einen Seite nicht immer und überall einen gefälligen Stil schreiben kannst und auf der anderen Seite der Inhalt deiner Texte nicht immer lustig und unterhaltsam und nett ist.

Mancher Inhalt ist langweilig oder kompliziert oder harter Tobak. Schreibst du also über Möglichkeiten der Steuerreform oder über die Geschichte eines Kindes, das im Krieg seine Mama verloren hat, wirst du vermutlich nur wenige Leser haben. Die meisten Leser wollen beim Lesen in ihrer Freizeit ja gerade vor diesen langweiligen oder unangenehmen Themen flüchten, weil sie sonst die Realität nicht ertragen. Sich also in der Freizeit mit kaltem Realismus auseinanderzusetzen, würde Menschen nach einiger Zeit krank machen.

Grundsätzlich gibt es immer zwei Arten von Lesern: Die gezwungenen Leser und die freiwilligen Leser. Wenn also jemand einen Fachartikel schreibt, dann nötigt er seine Fachkollegen auf diesem Gebiet, diesen Artikel zu lesen, damit sie vollumfänglich informiert bleiben. Ähnlich ist es mit Jahresberichten der Wirtschaft in spezfischen Branchen oder mit aktuellen politischen Statements. Wer in solchen Arealen arbeitet, muss sich zwangsläufig informieren, weil er sonst als Unternehmen im Wettbewerb das Nachsehen hat oder einfach nicht aktuell auf dem Laufenden ist. Mir tun Journalisten und Satiriker immer ein wenig leid, denn diese Leute müssen sich permanent anschauen, wie viel Mist in der Welt geschieht, damit sie entweder darüber berichten oder sich darüber lustig machen können.

Was bei den gezwungenen Lesern immer gleich ist: Der Autor der betreffenden Texte kann theoretisch den letzten Rotz schreiben oder stilistisch den Würgereiz provozieren und die Nerven strapazieren. Das Publikum, die Adressaten müssen ja dennoch fleißig schlucken, dürfen nichts sagen, weil sie sonst im Beruf Probleme bekommen, und müssen immer artig lächeln, um dem gesellschaftlichen Knigge und der ‚political correctness‘ zu entsprechen. Ob sich die jeweiligen Autoren damit unbeliebt machen oder ihre Texte stilistisch hanebüchen sind – laden wir doch einen Schwamm zum Dinner ein, das ändert auch nichts an der Sache! (Gilt übrigens auch für diverse Vorträge. Da braucht man keinen Sandmann mehr. Der Sand findet am hellichten Tage seine willigen Schläfer!)

Bei den freiwilligen Lesern wiederum gibt es eben keinen Zwang. Wer also nicht gut schreibt, wird nicht gelesen und Punkt. Das war es, der Autor erhält keine Rückmeldung, und seine Texte verschwinden irgendwo ins Blaue. Und wenn ein Leser dann Jahrzehnte später wieder auf diesen Autor und seine Texte stößt, wird er nur bemerken und feststellen: Jaja, ich sehe schon, warum dieser Autor und seine Texte damals untergegangen sind und warum auch jetzt kaum jemand die Texte lesen wird: Sie waren nie gut geschrieben, nie vom Inhalt wirklich relevant und werden es nie sein. (Es hat seinen Grund, warum Aristoteles ewig abgeschrieben wurde, während Autoren, die nach ihm kamen – zum Beispiel bestimmte Römer – nicht erhalten geblieben sind. Es hat nichts damit zu tun, dass die älteren Griechen gegenüber den jüngeren Römern die besseren Methoden zur Konservierung, Archivierung und Erhaltung gehabt hätten. Schon damals war allen intelligenten Schreibern klar: Wenn wir schon einen Text abschreiben und erhalten, dann wenigstens etwas, das mit seinem Inhalt den Aufwand auch wirklich und wahrhaftig lohnt.)

Als Reaktion darauf gibt es zwei mögliche Methoden. Bei den gezwungenen Lesern ist es möglich auf höfliche Art und Weise die maximal boshafteste und heftigste Kritik zu äußern, die man aufbieten kann – und zwar mit vielen starken Argumenten, die auf Logik aufbauen. Und mit ein wenig Glück lesen die nächsten Leser nur noch die Standardkritik zum Text x und nicht mehr den Text x selbst. Und das so lange, bis niemand mehr Text x liest. Um solch eine harte Kritik zu schreiben, die wie der Wind die Felsen aushölt und wie das Wasser den Boden auswäscht, braucht man wiederum Kenntnisse in Grammatik, Logik und Stil. Und man sollte sehr belesen sein, damit man nicht ausversehen Blödsinn schreibt, wenn man es gerade nicht beabsichtigt.

Und bei den freiwilligen Lesern hält niemand den Autor von folgendem Gedanken ab: Ich werde also nicht direkt gelesen. So what? Mir egal, ich quäle mich von Anfang an zu Qualität. Biete verständlichen Schreibstil, den jeder Leser nachvollziehen und verstehen kann. Dazu Inhalt, der das Gehirn und die aktiv bemühte Intelligenz des Lesers nicht veräppelt und hereinlegt, sondern bemüht, vielleicht sogar lustvoll anstrengt. Du solltest immer davon ausgehen, dass deine Leser intelligenter, klüger, gerissener, erfahrener, weltbewanderter sind als du. Aber dennoch kannst du dich als Autor und Leser zum Vorbild nehmen.

Jeder Autor ist gleichzeitig Leser, denn er liest die „Konkurrenz“ einmal aus Vergnügen – sonst würde er keine Texte schreiben, wenn er selbst ungern Texte läse – und einmal, um den „Mainstream“ über die Jahrhunderte zu verstehen, um sich einordnen zu können. Qualität kann immer nur im direkten Vergleich mit der breiten Masse der hohen Qualität festgestellt werden. (Breite Masse hoher Qualität bedeutet: Von den zigtausenden Büchern, die jedes Jahr in jedem Land der Erde erscheinen, bleibt letztlich ein Bodensatz an Qualität übrig. Da die Menschheit aber im nächsten Jahr nicht urplötzlich mit dem Schreiben aufhört – und nebenbei bemerkt schon seit Jahrtausenden schreibt – kommt da nach etlichen Jahrhunderten eine bemerkenswerte Breite in der Spitze der Qualität zustande).

So ein Leser hat noch nie in seinem Leben von dir als Autor gehört. Warum auch? Bist du denn in irgendeiner Art wichtig und von Bedeutung? Bist du Präsident der USA oder Russlands oder Chef der KPCh in China? Hast du einen Nobelpreis gewonnen oder dich durch anderweitige Leistungen bekannt gemacht? Also musst du deine eigene Biographie und deinen eigenen Namen erstmal ignorieren. Kein Schwein interessiert sich dafür. Und Leser erst recht nicht, die interessieren sich eher für Schweine, denn die quieken im Vergleich zum Autor wenigstens aufrichtig fröhlich durch die Gegend. Du musst also mit deinen Texten überzeugen.

Tausend Worte kann ein geübter Leser in fünf Minuten durchlesen. Schulbücher, Studienbücher, Klassiker aus den Buchhandlungen und Bibliotheken sind hinlänglich bekannt. Auch wenn der Leser persönlich vielleicht nicht einmal drei Absätze ohne Rechtschreibfehler schreiben kann und sich auch ansonsten sehr gemein, hässlich und geistig verwirrt gibt, um seine eigene Dummheit zu kaschieren, so ist es dennoch möglich, dass er besser als der Autor weiß, was ein Text von hoher Qualität ist. Ich schlage ein Buch auf, lese zehn Seiten und weiß: Jawohl, Daniel Defoe, Walter Scott, Jonathan Swift und Mark Twain können schreiben, da wird sich das Lesen lohnen. Auch wenn man dafür im Hier und Jetzt womöglich keine Zeit findet. Ebenso ergeht es den Literaturnobelpreisträgern und den Avantgarde-Autoren – die sind vielleicht schräg, exotisch, anders, nonkonformistisch, abartig, kryptisch und mit geistigem Dynamit bestückt – aber – auch dort reichen dann hier zehn Seiten und dort zehn Seiten im schnellen Überfliegen und Querlesen, um festzstellen: Passt schon, die Leute können schreiben, wird für später reserviert.

Man darf Leser nie für blöd verkaufen. Einige lesen hunderte Bücher aus nur einem Genre, sind mit allen Wassern gewaschen. Alles, was dir spontan einfällt, hat schon mal ein anderer Autor vor dir aufgeschrieben, und zwar ausführlicher und unheimlicher, lustiger, gewiefter, spektakulärer, als du es je für möglich halten würdest. (Dieses Textaquarium ist auch nur ein unbedeutender Aufguss und der zigtausendste Versuch eines Schreibratgebers. Nur mit dem Unterschied, dass ich Kosmopolit bin und versuche, im Laufe der Jahrtausende die Fixsterne der Qualität zu begreifen; „Here am I floating round my tin can, Far above the moon. Planet Earth is blue, And there’s nothing I can do.“ [David Bowie – Space Oddity]).

Im Grunde ist ein Autor wie ein Zauberer. Er führt Zauberkunststücke auf, obwohl jeder Zuschauer weiß, dass Magie nicht existiert. Trotzdem sind immer wieder Zuschauer von einer Aufführung verblüfft. Wie kommt das? Ganz einfach: Der Magier weiß natürlich ganz genau, wie die Zuschauer in jeder Minute der Darbietung fühlen und denken. Der Magier hat viele Bühnen und fremde Orte gesehen. Und letztlich verlässt er sich immer darauf, was immer funktioniert. Egal, ob in der Schule, auf Arbeit, im Sport oder in der Kunst: Hausaufgaben machen, trainieren – nur um dann am Tag der Tage so zu tun, als sei es das Einfachste auf der Welt, was man eben so mit einer galanten Drehung um die eigene Achse und einem Fingerschnippen erreichen kann. So wie der Profi an der Violine, der es aussehen lässt, als müsse man nur zärtlich streicheln und das melancholische Seufzen und Klagen der Saiten und des Holzes käme von selbst.

Für den Leser muss es sich immer anfühlen, als sei der Text wie aus einem Guss entstanden, locker flockig weg erzählt, in einer Sitzung. Egal, ob der Text zehn, hundert oder tausend Seiten aufweist. Dass bei der Entstehung einer Geschichte im Leben des Autors Frühling, Sommer, Herbst und Winter stattfinden. Dass es drei Hochzeiten, zwei Todesfälle, mehrere Umzüge, Berufswechsel, große politische Erschütterungen, Krankheiten, Pechsträhnen, Gartenarbeit, Hausputz, rauschende Feste mit Familie und Freunden bis zur alkoholisierten Besinnungslosigeit gegeben hat – davon darf nichts zu spüren sein beim Lesen.

Wichtig ist immer folgendes Bild: Stell dir vor, du sitzt an einem Lagerfeuer mitten in der Pampa und hast gerade Suppe aufgesetzt, als ein abgehärmter und sichtlich erschöpfter Reisender des Weges kommt. Bestimmte Fragen werden erst gar nicht gestellt. Man ist froh, in der Ödnis einen Freund gefunden zu haben. Man isst, man trinkt, wärmt sich am Feuer, schaut in den Sternenhimmel. Und dann wird erzählt. Nicht geschrien, nicht angegeben, nicht glorifiziert, nicht übertrieben. Daran haben beide kein Interesse. Die Nacht schreitet voran, das Bett ruft, und am nächsten Morgen geht es weiter auf einem langen harten Marsch, und die magische Stimmung zum Erzählen wird verflogen sein. Also erzählt ihr hier und jetzt, müde, aber noch wach genug, um das letzte Quantum Anstrengung kurz vor der wohlverdienten Heia herauszukitzeln.

Du erzählst unaufgeregt, ruhig, umfangreich, in allen wichtigen Details, bist dir aber stets bewusst, dass ihr beide hundemüde seid und euch nach Schlaf sehnt. Im Ohr solltest du eine Erzähstimme wie „The Voice“ Christian Brückner im Deutschen oder David Attenborough im Englischen haben. Wenn du das hinbekommst, werden eines Tages selbst die harten Hunde aus der Knochenheide der Kritik aufhören, dich in den Papierkorb zu werfen. Loben werden sie dich nie, das wäre Verschwendung von Energie. Aber sie werden mit Hohn und Spott aufhören und in den neutralen Modus des geschäftsmäßgen ‚zur Kenntnis nehmen‘ wechseln. Das ist das Beste, worauf du hoffen kannst. Mit dem Gesichtsausdruck eines Charles Bronson beim Spiel mit der Mundharmonika irgendwo allein und vergessen in der Wüste – jedoch immer noch in aktiver Tätigkeit versunken.

Autoren waren schon immer Prügelknaben auf der Müllhalde der Zeit. Doch die klugen hörten irgendwann auf zu reden und wurden zu Feuer, Wasser, Erde, Luft. Naturverbunden, frei, unantastbar, immer da, wie der Lauf der Jahreszeiten, wie der Wechsel von Tag und Nacht. Mit eiserner Disziplin und Beharrlichkeit. Und genauso, wie sich der „normale“ Mensch, der „gewöhnliche“ Leser, der selber kein Autor ist, irgendwann daran gewöhnt hat, dass jeden Morgen die Sonne neu aufgeht, genauso wird er irgendwann registrieren, dass du, lieber Autor, da bist, und deine Texte schreibst. Und dann hast du gewonnen, ohne jemals gespielt zu haben, denn im Leben läuft alles auf den Tod hinaus. Darin gleichen sich alle Menschen. Nur, dass Autoren Verständnis für den Sensenmann haben und ihm Liebesbriefe schreiben.

Übrigens: Es führt zu keinerlei Vorteil, wenn du du gut aussiehst, wenn du dich schick kleidest, benimmst wie ein Snob, abgehoben daherredest sowie sehr experimentell und neugierdeerweckend wirkst und handelst. Man muss nicht wie ein modischer Künstler im Sinne eines Marylin Manson oder einer Lady Gaga nach außen hin wirken, wenn man als Autor tätig ist. Es ist nämlich problemlos möglich, sich auch mit Bluejeans und weißem T-Shirt vor ein Buchregal zu setzen und einfach nur zu lesen. Wer seine Grammatik verbessern möchte und nach einem größeren Wortschatz strebt, der benötigt dafür nicht Anzug und Krawatte. Viel wichtiger ist es, herauszufinden, wie intelligent man eigentlich ist, um sich nicht im Vorfeld an Dingen zu messen, die der eigene Verstand aufgrund der eigenen Begrenztheit niemals wird erfassen können.

Beziehungsweise, hat man erstmal erkannt, wer man ist, was man leisten kann und was nicht, kann man ganz genau eingrenzen, zu welcher Tageszeit man arbeitsfähig ist, und zu welcher Tageszeit nicht. Man kann außerdem feststellen, auf welchem Niveau man sich mit Blick auf Bildung und Kultur überhaupt befindet. Und dann fängt man auf seiner Stufe der ewigen Pyramide an und arbeitet in seinem eigenen Tempo, denn jeder echte Sisyphos rollt den Stein auf seine Weise.

Dritter Teil – Schwer

Kapitel 8

Introvertiertes Schreiben
(Und die Gegenmaßnahmen)

Warte, bis die Nacht dich mit ihrer grauen Stille in den Zustand der Meditation versetzt. Dann hör dir über Kopfhörer „Dark Side Of The Moon“ von Pink Floyd, „Blade Runner“ von Vangelis oder „Passion – Music For The Motion Picture: The Last Temptation Of Christ“ von Peter Gabriel an. Oder wie wäre es mit einem Nachtprogramm gefüllt mit The Dave Brubeck Quartet oder Tom Waits oder Kate Bush? Und lies diesen Abschnitt des Textaquariums. Wenn du ein extrovertierter Mensch bist, ständig auf Draht, vier Veranstaltungen am Abend jede Woche, gesegnet mit 1000 Freunden und 100 neuen Bekanntschaften jedes Jahr, dann ist das hier nicht dein Areal.

Das hier ist die Kathedrale der Kafkakäfer, ein Ankerplatz für Introvertiertheit, Hochsensibilität, übersprudelnde Phantasie, Schüchternheit und Zauber aus anderen Türen der Wahrnehmung. Wenn du also so drauf bist wie Nick Drake oder Kurt Cobain – die heilige Union der Stubenhocker! Du hasst Telefonieren, du hasst Chatten, hasst Autofahren, zu viele Menschen um dich herum machen dich nach einer Weile zu einem lebenden Umspannwerk. (Keine Angst, auch in der Isolation kann man Kontakt halten; Text ist letztlich ja nichts anderes als festgefrorene Gedanken. In gewisser Hinsicht kann Text also intimer sein, als wenn jemand neben dir sitzt, denn zwei Menschen im selben Raum sind dennoch durch ihre Gedanken getrennt. Anderen Menschen kannst du nicht in die „Seele“ blicken. Das geht nur mittels Text. Allein den Versuch zu wagen, sich verständlich zu machen, und Text zu schreiben, ist intensiver als eine zehnstündige Filibusterrede).

Bin ich anders? Verdiene ich das Leben? (Um es kurz zu beantworten: Ja, verdammt. Sterben müssen wir aus Altersschwäche sowieso irgendwann alle. Aber so bis 90 Jahre Minimum kann man es doch wenigstens versuchen. Genug hässliche Dinge wie Krebs grätschen sowieso schon dauernd dazwischen. Also muss man nicht auch noch selber nachhelfen. Also: Genieße das Leben, jeden Tag. Wie Mark Twain: „Gib jedem Tag die Chance, der beste deines Lebens zu werden“ (Falls das eine dieser Urban Legends ist, verweigere ich das Selbstbesäufnis und zähle Rentiere im Sternbild kleiner Idiot).

Wenn andere wegschauen und von hartem Tobak reden, fängt dein Denken erst an. Es ist leicht, mit wissenschaftlichem Logikkalkül, Überblickswerken und Seminargruppe über Existenzialismus zu diskutieren, wenn man danach zurück in sein „normales“ Leben gehen kann. Wie jemand, der mal eine Woche vegetarisch lebt und dann wieder zurück zum Fleisch findet. (Ich esse Fleisch, aber es gibt Entscheidungen, die muss jeder für sich selbst treffen. Ich warte zwar aus Fleisch aus dem Labor, aber bis dahin lebe ich mit den Konsequenzen meines Handelns. In diesem Bereich lebe ich Doppeldenk.)

Wenn du aber jeden Tag Existenzialismus lebst, läufst du dir deine Füße auf dem Rad des Schicksals wund, außerhalb von Zeit und Raum und gesellschaftlichen Normen. Gemäß Joy Division – Shadowplay „In the shadowplay, acting out your own death, knowing no more, As the assassins all grouped in four lines, dancing on the floor“. Wer in Bahnen von Jahrtausenden denkt, für den ist Tagespolitik, Arbeit, Freizeit, Feiertage und alle diese Dinge ohne Bedeutung. Ich feiere meinen Geburtstag nicht, kein Weihnachten, kein Kirschblütenfest, kein Thanksgiving und auch ansonsten nichts. Warum kann man nicht mit einem Kettcar durch ein Museum fahren, sich die Gemälde auf die Netzhaut kleben und anschließend Himbeertörtchen verspeisen? Bin ich deshalb verrückt?

Was zählt, sind Menschenrechte, Naturschutz und Logik. Wenn es im Leben schwierig wird, muss Logik Emotionen töten, und ein rein rational arbeitender Geist einen Körper zwingen, sich „richtig“ in der Welt zu bewegen. Einsen und Nullen, und die meisten Menschen sind Nullen, falls nicht das Nichts nicht vorher da war, also die Nichtbeschreibbarkeit einer Wertlosigkeit. Dass ich hier schreibe, und dass du hier liest, liegt letztlich auch nur am Zufall aus Materie und Dunkler Materie und Neutrinos und all diesen Dingen, die das Gehirn sublimieren, je länger man sich damit beschäftigt.

Und dieses „richtig“ muss jede Woche neu gedacht und neu gelebt werden. Wenn du dir gerade denkst: Maria Mutter Gottes, was im Namen aller Heiligtümer auf Erden sind das für Gedanken? Wie kann man nur „so“ leben? – dann hast du soeben instinktiv verstanden, was Literatur macht: Sie sprengt alle Strukturen, alle Bahnen, und macht dich frei von allen Konventionen, allen Normen und jedwedem: Das haben wir schon immer so gemacht. Allerdings folgt aus dieser Lebensweise ein lebenslanges Archivieren in Text, Bild, Film, Musik, Tanz oder Theater, für all die „Normaldenker“ auf diesem Planeten.

Wir sind gezwungen, uns im System zu bewegen und die Demokratie zu akzeptieren, da sie den Frieden sichert, den wir brauchen, um Kunst zu machen, um zu schreiben. Die Einwände werden lauten: Sei nicht zu hart zu dir selber, akzeptier das Mittelmaß; pass auf, dass du nicht manisch wirst und bei all dem Geschreibe das Leben verpasst. Daher die Ermahnung an alle Sonderlinge: Wir müssen hinaus in die Welt gehen und mit unseren Augen und Ohren festhalten, was nur wir hören und was nur wir sehen. Das ist keine elitäre Haltung, keine Arroganz, denn das, was wir sehen, kann und darf auch eher experimentelle Qualität haben. Hauptsache, es ist der Ausdruck einer Lebensweise aus einer Minderheit heraus.

Eine Stimme, die nicht länger stumm bleibt, sondern in allen Farben lebt und pulsiert und erschafft. Um das Leben erträglicher zu machen, solltest du dich mit Visual Novels beschäftigen, solltest du jede Woche gut und mit Genuss eine Tasse warmen Kakao aus Bioschokolade von Gras küssenden Kühen trinken, solltest du dich mit halbnackten und nackten Männern und Frauen in Comics auseinandersetzen, solltest du CDs und Vinyl in Hi-Fi Sound hören und solltest du ab und zu den Briefkasten gießen, damit er die Briefe von diesen albernen Menschen gut herunterspülen kann.

Keine Sorge, und dann ist dieses kurze Menschenleben auch schon aus und vorbei. Knall, Bumm, Peng, und Superman kommt nicht angeflogen, um dich in einen Bottich zu werfen und ins Leben zurückzuholen. Vielleicht setzt du Nachwuchs in die Welt, vielleicht auch nicht. Vielleicht gehst du in Wirtschaft auf oder in Politik oder in Wissenschaft oder in Sport oder als Tontechniker im Pornbusiness. Wichtig ist, dass du alles aus deiner Arbeit heraus holst, was du nur kannst. Du hast – nach momentanem Stand der Wissenschaft – nur dieses eine Leben. Lieferst du also nur mittelmäßige Arbeit ab, kannst du es auf die Ewigkeit gerechnet auch gleich lassen – wenn, dann schon richtig.

Wenn du also als Autor arbeiten möchtest, musst du dich mit Grammatik und Sprachen beschäftigen, und du musst auf gewisse Vergnügungen verzichten, um freie Zeit für das Schreiben zu schaffen. Du musst natürlich nicht ständig schreiben, aber eben immer wieder, bis zum Tod. Ein Leben des immer strebenden, sozusagen Faust, nur auf den kleinen Mann gedacht, in einem stressfreien, gemütlichen Leben – ohne Teufel. Blues, Jazz, Weltmusik, Folk, Formel 1, Fußball Champions League, NBA Finals, Super Bowl, Tour de France, Olympische Spiele, Fußball WM und so weiter – das Leben kann abseits all der unangenehmen Dinge so wunderschön sein – „we have all the time in the world“ (Louis Armstrong).

Selbst, wenn du tausend Mangabände liest, oder Kleidung nähst, die für die Gothic-Szene gedacht ist, oder mehrere Instrumente lernst oder zeichnest, malst, bastelst – du kannst dein Leben bis zum Schluss auf dem höchsten kulturellen Niveau verbringen, und das ist nicht verwerflich sondern erstrebenswert, weil es dich zu einem guten Menschen erzieht, der gute Dinge tut. (Und wenn es nur darin endet, dass du in einer russischen Datscha über den Samowar gebeugt endest, und ein wenig selbstvergessen Tschaikowskij rülpst, bevor du dir klar wirst, dass auch ein Schwan anwesend ist).

Bring die Kinder zum Lachen, damit sie im Krieg ihre Eltern nicht vermissen, kümmer dich um diejenigen, die allein und vergessen am Rande der Gesellschaft vor sich hin leben. „Radio Orchid“ – Fury In The Slaughterhouse (müsste es hundertfach geben, in jedem Land). In meinem Leben als Lurker tun es ja Let’s Plays und Streams und die ARD-Sportschau-Liveticker. Andere Menschen stehen womöglich auf Hörbücher oder spielen häufiger Brettspiele und Pen&Paper als ich. Das alles ist schon okay, so wie es ist. Nur, weil sich nicht jeder wie der amerikanische Trump verhält – oder besseres Beispiel, da wesentlich spektakulärer: wie ein Kaiser Nero in Rom mit sportlichen Wettkämpfen, Dichtungen, Lyraspiel, Mord und Intrige und Gärten und Architektur – muss das nichts Schlechtes sein.

Schone deine Nerven, halte deine Stimme im Alltag ruhig (dann klingt sie beim Singen schöner, weil sie nicht kaputt ist) und lebe abseits vom Mainstream. Tom Waits zeigt, dass so ein Leben möglich ist; das sollte uns allen Mut und Hoffnung machen. (Ich hoffe ja immer darauf, dass Marilyn Manson steinalt wird, einfach, damit alle konservativen Moralapostel aufhören zu aposteln). Oder man höre Kate Bush, auch eine Möglichkeit, ein Menschenleben zu verbringen. Aber: Nur, weil du zurückgezogen lebst und deine Stimme lieber schonst, heißt das nicht, dass du still und stumm und blind durchs Leben stolpern musst.

Text wie dieser hier zeigt ganz eindeutig, dass eine Stimme auch ohne Klang leben kann – durch die Wiedergabe von Gedanken in den Köpfen von Lesern. Vielleicht liest das hier nie jemand; vielleicht gebe ich tausenden Menschen aber auch das Gefühl, nicht allein zu sein, und vor allem, gesund zu sein. Nicht jeder möchte so viel schreiben, wie diese stumme Stimme hier. Und ungeduldige und gemeine Menschen wollen dieses Gelaber und Geschwafel hier gewiss verbieten. An euch gerichtet kann ich jedoch nur sagen: Husch, husch – kauft euch Schulbücher und wissenschaftliche Fachlektüre. (Manche Leute lesen in ihrem ganzen Leben weniger als einen Kubikmeter Bibliotheksregale).

Diesen Sender hier könnt ihr einfach ausstellen – einfach das Blatt weglegen, beziehungsweise das Browserfenster mit x oben rechts in der Ecke schließen und ihr seid mich los. Die Vorteile von introvertiertem Schreiben sind Geduld und Fleißarbeit, genau jene Elemente, die es braucht, um Grammatik zu pauken, Vokabeln zu erlernen, Wissen und Erfahrung anzusammeln. Schulen lehren nicht die Fächer Liebeskummer, Pechsträhne, Familienstreit, Leben in der Minderheit der Andersdenkenden, Demokratiekritik und Kapitalismuskritik. (Teilweise muss man Bergsteigen, um an wirklich gute Bücher zu gelangen – ohne religiöse oder politische Beeinflussung).

Niemand erklärt dir, dass du mit deinem Gehirn Kämpfe austragen musst, damit du glasklar und zielgerichtet denken lernst. Keiner bringt dir Disziplin und Ordnung bei, wie man ein Leben lang rank und schlank bleibt und den Haushalt führt. (Wären mehr Menschen so eingestellt wie ich, würden aus den Discountern geschätzt über die Hälfte der Produkte verschwinden, da sie niemand mehr kaufen würde, beziehungsweise, es gäbe weniger in höherer Qualität – und zwar zu „normalen“ Preisen. Dass man in den Städten in luxuriöse Edelläden gehen kann, ist zwar möglich, irgendwo aber auch sinnlos).

Die Themen Kochen, Backen (warmer Kuchenduft ist das Beste, was man im Haus haben kann), Putzen, Wäsche waschen sind arbeitsintensiv; aufgeräumt und so minimalistisch leben wie möglich, ist anstrengend, und wir leben nicht mehr mit Kolonialismus, Herren und Sklaven. Jeder Mann und jede Frau muss lernen, das eigene Bad und die eigene Küche sauber und rein zu halten. Das überträgt sich dann und hält auch den Geist sauber und rein. (Außerdem macht man keine Sauerreien, wenn man selbst schon mal schrubben musste; man möchte anderen Menschen ja nicht mehr Arbeit aufhalsen als unbedingt nötig).

Eigentlich sollte jeder Mensch bis zu einem gewissen Grad Prepper sein und eigenes Gemüse anbauen. Mit den Händen in der Erde wühlen, bringt mehr Verständnis für Mutter Natur als es jeder Klimavertrag je könnte. (Auf dem Land ist sowas sicherlich einfacher als in der Stadt; aber vielleicht hat man eine Fensterbank frei oder einen Balkon, um zu experimentieren).

Die Nachteile von introvertiertem Schreiben sind sicherlich die fehlenden Freunde. Simple Mathematik: Extrovertierte sind in der Überzahl, dominieren also in ihrer Lebensweise. Bist du dagegen eher ein Stubenhocker, kann es geschehen, dass du allmählich vereinsamst. Außerdem gerätst du andauernd in Erklärungsnot und wirst ständig in die Defensive gedrängt. Kurzer konkreter Rat und Gegenmaßnahme: Diamantpanzer aufbauen, mauern, ignorieren, sein eigenes Ding machen; aber: gleichzeitig nett und freundlich bleiben und durch Öffentlichkeit und Transparenz zeigen, was man als Stubenhocker macht.

Also konkret: Erstell dir einen Blog, wo du deine Texte zeigst, deine Rezensionen, oder, falls du was anderes machst: Wo du deine Gemälde, Comics, Skizzen, Häkelanleitungen, Kochrezepte, Fotos, deine Musikrezensionen und Beiträge für mixcloud und Freunde vorbereitest: Du entscheidest, was auf deinem Blog zu sehen ist, und was nicht. Um mal ganz ehrlich zu sein: Den meisten Menschen ist es komplett egal, was du machst, solange du sie nicht belästigst und nicht straffällig wirst und keine gesundheitlichen Probleme hast. Und sollte dir jemand böse Dinge unterstellen, kannst du wie ein fröhlicher Buddha mit einem schweigenden Lächeln auf deinen Blog verweisen. Psychologisch betrachtet ist das zwar eine verklemmte, narzisstische, defensive Taktik – aber solange es funktioniert. So what?

Fehlendes Marketing und das generelle Leben neben der Spur treffen einen introvertierten Sonderling meist besonders hart. Auch hier hilft ein Blog. Ich meine, in Institutionen schreiben Menschen sogar völlig belanglose Texte, meist Werbung für diese Institutionen. Als „Öffentlichkeitsarbeit“ kriegen diese Leute dann auch noch Geld dafür. In der Hinsicht dürfte das Führen eines eigenen Blogs mit Sicherheit helfen, den eigenen Individualismus zur Blüte zu treiben und „verdrehte Ansichten“ über einen selbst aus der Welt zu räumen. (Bin immer wieder beeindruckt, wenn ich im Internet über Regenbogen-Queer-Gruppen stolpere. Diesen Mut muss man erstmal haben!)

Wie mich Werbung anwidert, „super, toll, edel, einzigartig, neu, beste Qualität“; nein, einfach nein; keiner ist besser als der andere; alle Menschen sind gleich. Wer sich an Menschenrechten orientiert, braucht nie wieder Marketing, da er sich von sich aus für die stillen Menschen interessiert, für die abgeschiedenen, zurückgezogenen, „anderen“, kranken, schwachen und so weiter. Und wer laut rumschreit, ist bereits auffällig genug. Jeder Mensch arbeitet an irgendetwas, meistens reicht es aus, einfach nett zu fragen, an was denn genau. Meist finde ich die beste Musik und die besten Bücher und Filme, indem ich mir stundenlang einen Wolf suche und alle Wege abklappere. (nebenbei: Wenn du zufällig japanisch-deutsch Übersetzer bist, würdest du dann bitte so lieb sein, und japanische Light Novels ins Deutsche und Englische übersetzen? Aber wer weiß, vielleicht stabilisiert sich das noch über Crunchyroll, und die Verlage wie Carlsen und Tokyopop finden eine Finanzierungsmöglichkeit für Light Novel Übersetzungen. Für gute Übersetzungen; für sinnvolle Übersetzungen versteht sich).

Wie lernt man Menschen kennen? Durch den Austausch über Hobbys. Wie findet man Freunde? Indem man sie mit Netzen einfängt und in Käfige steckt. Nein, Spaß, dadurch, dass wir gegenseitig unsere Fehler, unsere Ecken und Kanten tolerieren. Für Menschen, die mich zum Beispiel näher kennen, bin ich das Gespenst, das häufig in der Nacht arbeitet und nie schläft, bin ich der Verrückte, der ganz viel unnötigen Blödsinn schreibt, über den man lachen kann. Und dann spiele ich Gitarre und die Leute freuen sich wieder.

Doch damit kann ich gut leben, denn ich lache über die Menschen, die ihre Lebenszeit nicht nutzen, um eine Ahnung von den tausend Dingen da draußen in der Welt zu erhaschen. Eigentlich sollte man jeden Morgen zum Aufstehen den Wecker aus dem Fenster werfen und Jack Johnsons „Upside Down“ hören; „who’s to say what’s impossible?“ Ich weiß, wovon ich schreibe, denn ich tue es mir immer wieder an und werfe mich immer wieder hinaus in den Moloch des Lebens. Das kann nur jemand nachvollziehen, der wie ich eine Phase hatte, in der er sich jeden Morgen mit Gewalt aus dem Bett quälen musste, weil die Todessehnsucht einfach stärker war. Der ewige Schlaf ist eine Verlockung, und er taucht in jeder freien Minute auf und lächelt süffisant. Schreiben hilft, und Jazz, und Erdbeermarmelade.

Weihnachstmarkt in der Großstadt? Lebkuchen ab September, wenn er in der Sonne schmilzt? Alles überfüllt, laut, bling, bling? Na dann, ab rein da, und wie Mephisto seine Späße treiben. Die ganzen Anspielungen versteht dann zwar kaum einer, weil die wenigsten Menschen wirklich alles lesen; aber für die paar eingeweihten glühenden und weinenden Flaschen, mit denen man dort hingeht, wird es mehr als nur Peter.

Damit kann man auch den Umstand negieren, dass introvertierte Autoren im kleinen Kämmerlein oder Kellerloch vor sich hin brüten. Auf durch Raum und Zeit, hinein in die Unendlichkeit, alles sehen, was Geographie, Topographie und Menschen zu bieten haben, und währenddessen Klassik hören oder zwischendrin Tangerine Dream. Um sich in andere Welten zu schießen, braucht man keine Drogen, sondern ein exzellentes Paar Hi-Fi-Kopfhörer. Man gewinnt außerdem eine gewisse Lockerheit, wenn man als Kosmopolit die Welt durchstreift. (Gut, momentan noch in Dokumentationen und Reiseberichten; aber das kann ja noch werden; Reisen bedeutet, mit Absicht nicht ein Ziel anzusteuern, sondern sich treiben zu lassen. Wer ins Gefängnis nach Mallorca fährt, dem ist eh nicht mehr zu helfen).

Nimm ausnahmsweise mal nicht Bus oder Straßenbahn, wenn du in der Stadt wohnst und lauf ziellos durch die Straßen. Man merkt vielleicht, dass ich ein großer Fan von Andrei Tarkovsky und Tom Waits bin (während ich die letzten Kapitel vom Textaquarium schreibe, läuft andauernd „orphans Brawlers, Bawlers & Bastards“; wobei Neil Young im Herbst beim Shitwetter auch sehr angenehm ist).

Und wenn du auf dem Land wohnst, geh tief in den Wald hinein. Vorher deckst du dich bitte wie ein Förster mit Werkzeug vom Militär ein – also nichts Gefährliches wie Waffen, eher Schweizer Taschenmesser, Kompass, Karte, Flachmann, Fernglas; eine Jacke, die auch wirklich Wasser abhält, Pullover und Mütze, die tatsächlich warm halten, natürlich irgendetwas, um Feuer zu machen, Wasser, Snickers gegen den Hungerast, und so weiter; aber immer schön Zettelchen hinterlassen, wann man wo hingegangen ist, und wann man gedenkt, zurückzukommen.

Es nimmt vielen Menschen Arbeit ab, wenn man sich fit hält wie ein Leistungssportler, Wissen anfuttert, denkt wie ein Wissenschaftler, Gesetze so gut kennt wie ein Richter und im Zweifel besser ausgestattet ist als die Polizei. Heutzutage ist man bereits Kosmonaut in der Pampa, wenn man an Kosmos-Naturführer, Heftpflaster, Taschenlampe samt Ersatzbatterien, Thermounterwäsche und diesen ganzen Kram denkt.

Und es kann wirklich Spaß machen, sich Essenspläne zu erstellen und phasenweise die Nahrung zu rationieren. Man muss nur aufpassen, dass man die Kohlenhydratzufuhr nicht zu weit senkt, sonst verliert man unnötig an Gewicht. Und Vitamine und Mineralien müssen drin sein. Wer also nachts arbeitet, muss sich bis zum Tagesanbruch quälen, mindestens eine halbe Stunde richtiges, echtes Sonnenlicht über sich ergehen lassen, Gemüse mampfen – und erst dann den Tag verschlafen! Bevor man dann seinen Biorhythmus wieder mit militärischer Disziplin anpasst.

Warum diese Ausführung? Erstens will ich, dass du lebend aus dem Wald zurückkommst, zweitens muss einer meiner Vorfahren als wortkarger Spezialist bei den Geodäten, Pionieren oder den militärischen Sondereinsatzkommandos gearbeitet haben – ansonsten ergibt es kaum Sinn, dass ich diese merkwürdige Ader in mir habe. Es sei denn, es ist die berühmt berüchtigte intelligente Faulheit, frei nach dem Motto: Wenn ich es schaffe, die Suppe unfallfrei aus der Küche durch den Flur neben meinen Computer zu tragen, und wenn ich es schaffe, zu essen, ohne dabei zu kleckern – dann muss ich nicht den Boden wischen und auch nicht den Schreibtisch. Wenn ich also langsam und vorsichtig meine Suppenschüssel trage und die Schüssel nie ganz bis zum Rand vollmache und meine Tasse oder Glas nicht drekt an den Rand des Tisches stelle, mich nicht ruckartig bewege, dann vermeide ich konstante Schusseligkeit. Um ehrlich zu sein: Mein größter Feind beim Saubermachen ist seine Majestät der Staub.

(Diesen einen anderen Gedanken möchte ich nämlich nicht zulassen: Du bist völlig normal. Das nennt sich Verstand einsetzen und vernünftig handeln. Aber sind dann Millionen Menschen da draußen Idioten? Ich meine, mehr als der halbe Bundestag ist voll von … oder in anderen Ländern … alles rechts. Oder lasse ich mich nur ständig von Schnorrern, Prahlhansen und Blendern täuschen? Ich hoffe, andere Menschen denken ähnlich kritisch, dann kommt man besser durchs Leben. Trick 17 der Lebensversicherung ist es ja, bei anderen Menschen zu prüfen: Haben diese Menschen Bücher? Wenn ja, welche Sorte? Hören diese Menschen Musik? Haben sie Humor? Und ganz wichtig: Sagen diese Menschen auch mal, dass sie von einem Thema keine Ahnung haben, beziehungsweise sich nicht wirklich sicher sind? Trick 17 funktioniert super, um bösen Menschen aus dem Weg zu gehen. Und manchmal findet man Unterstützung, wo man sie nie erwarten würde).

Du setzt dich also auf eine Lichtung oder kletterst auf einen Baum. Falls jemand vorbeikommt und Fragen stellt, sagst du einfach, dass dich der Waldboden beim Denken stört oder dass du Borkenkundler bist und hier ein ganz fantastisches Exemplar erkundest. Freiheit beginnt da, wo man sich Handlungen und Taten überlegt, die anderen Menschen nie in den Sinn kommen würden. (Falls du Milliardär bist und mitliest: Sehr gerne würde ich dich auf eine Woche Bora Bora begleiten und mit dir schnorcheln und Mantarochen beschnuppern. Falls das nicht drin ist, stehe ich immer noch für Pizza Tonno und Rum um vier Uhr morgens zur Verfügung. Dabei können wir ja Pingu schauen. Nuut Nuut).

Bequemlichkeit und Trägheit hindern sie, sowie die Fähigkeit, gute Argumente mit „wir diskutieren jetzt nicht weiter“ oder „ich beharre dennoch auf meiner Sichtweise“ zu beantworten. Damit also ein introvertierter Autor aus seinem Loch rauskommt, sollte er regelmäßig einen Blog füttern mit Text und Fotos, damit er aktiv gegen die Vergessenheit mit ihrem wuchernden Unkraut der fehlenden oder gefühlten Informationen ankämpft. Damit kann man übrigens wunderbar gegen blöde Medien vorgehen. Einfach in aller Ruhe die Fakten präsentieren.(Ich stelle mir ja immer vor, wie es wäre, wenn Kurt Cobain noch leben würde, und seinen Spaß daran hätte, aus dem Untergrund einen Blog mit Albumrezensionen zu all der Musik zu schreiben, die er so privat hört). Natürlich gibt es auch im Hier und Jetzt zahlreiche Blogs, aber ich bin mal so unbarmherzig: Das meiste ist so fürchterlich schlecht. Und wenn es in den professionellen Rahmen geht, tauchen meist wieder die Anzüge und die glattpolierte Korrektheit auf. Sich mal trauen und was anderes sagen oder schreiben, viel zu gefährlich, könnte ja das Wachstum und den Erfolg stören.

Und du musst nicht so einen Quark schreiben, wie ich hier, du kannst auch im Bronte „Haus“ Ponden Hall leben und einen Blog über Gartenarbeit und Besucher zusammenstellen. Oder du schreibst über Segeln, Golfen, Bohrköpfe, Lautsprecher, Dj-Equipment, enwirfst Baupläne für Burgen, Farmhäuser, Paläste und Mühlen in Minecraft. Oder vielleicht bist du begnadet im Zeichnen oder bist Bühnenbildner, Make-Up Profi. (Genauso, wie es ja Friseursalon und Herrensalon gibt, könnte man doch im Sinne eines gemäßigten Maskulinismus, auch mal Schminken für Männer von Männern erklären; inklusive Monokel, gezwirbeltem Schnurrbart, Earl Grey, gedämpfter Kammermusik, konkreten Angaben für die Chemie dahinter, genauen Millimeterangaben, wo man was auftragen muss. Mit einem Design wie im deutschen Kaiserreich, gemischt mit Hello Kitty und My Little Pony Tapete an den Wänden und ganz vielen Oscar Wilde Zitaten).
Die besten youtube Channel sind diejenigen, die sich mit Malen und Zeichnen und Basteln beschäftigen. Da hab ich zwar keinen Plan von, aber es sieht so schön aus.

Ignoranz ist eine sinnvolle Tugend, solange man nur die Dummheit ignoriert.

(^__^)/
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Dritter Teil – Schwer

Kapitel 9

Show don’t tell auf dem Prüfstand
(Muss jedes Buch 500+ Seiten haben?)

Ich fühlte mich unwohl, der Weltschmerz durchzuckte meine Augenlider. Würde ich meine Augen öffnen? Würde ich den neuen Tag begrüßen und mich einmal mehr in die weite Welt wagen, in der sowieso nur Leid und Kummer in kalter Boshaftigkeit auf mich warten würden? Hatten meine Freunde, die ich seit Jahren nicht gesehen hatte noch ihren Kaninchenstall, den ich nie gemocht hatte, den ich mir nie richtig angesehen hatte, über den ich mir aber dennoch ausschweifende Gedanken machte, um meine Geschichte mit ausladender Emotionalität auszustaffieren?

Und wäre es nicht günstig, in eben diesem Moment, das Sonnenlicht als dumpfes rotes Licht hinter verschlossenen Augen warnehmend, über meinen Nachbarn und dessen Hund zu sinnieren? Sicher, sie würden in meiner Geschichte keine weitere Rolle mehr spielen, aber wäre es nicht geschickt, gleich zu Beginn einer Geschichte ein wenig Schlafmittel zu verteilen, um auch den wütenden Menschen davon abzuhalten, mir blutige Worte in einer Review um die Ohren zu hauen? Könnte ich ihn, diesen unbekannten Koffer, nicht von mir überzeugen, ihm mitteilen, dass ich wichtig sei, wenn auch nur auf den ersten Blick und dann ohne Begründung?

Achtung: Zug kommt. Bahnschranke geht runter. Zeit mal Klartext zu schreiben.

Achm, hust, ein wenig Staub von der Jacke streichen, so, jetzt geht es. Guten Tag, Herr Leser, ich bin der Herr Text und ich möchte beim Amt für Ordnungspolitik mal Beschwerde gegen die Überlängerung der Textwelten einreichen. Es darf nicht sein, dass unsereins immerzu als Baldrianersatz herhalten muss. Ich möchte darauf hinweisen, dass man in wenigen Absätzen viel Handlung und Information in köstlicher Sprache unterbringen kann.

Und ob der namenlose Charakter jemals aufstehen wird, erfahren Sie, Herr Leser, sowieso erst in den nächsten dreitausend Worten. Bis der erste Konflikt einsetzt, dürfen Sie noch einige Stunden lesen. Legen Sie also das Buch als Einschlafhilfe auf den Nachttisch. In einem Jahr wissen Sie dann, was passierte, als der namenlose Charakter das Haus verließ: Er löste sich in Luft auf, so, peng, und blieb seither verschollen.

Deshalb, Herr Leser, hier mal ein Beispiel, vom ehrenwerten Herrn Jonathan Swift der da lebte von 1667 bis 1745 und stets nichts als die Wahrheit schrieb. Wer was anderes behauptet, der soll sich Kirschen um die Ohren hängen und auf Möhrchen knabbern, vielleicht sieht er dann besser. Nur Knoblauch sollte er meiden, das ist nicht gut für Menschen, die in der Nacht leben. Vampire erscheinen dann nämlich nicht zum Rendezvous und man muss sein Blut alleine kochen. (Moderne Vampire gehen übrigens mit der Zeit und haben nichts einzuwenden, wenn der geneigte sterbliche Bewunderer ein wenig Rum in die Flaschen füllt, bevor er das Blut dazugibt und ordentlich luftdicht verkorkt).

Aus den originalen Reisebüchern des Herrn Gulliver:

„Mein Vater besaß ein kleines Gut in Nottinghamshire; ich war der dritte seiner fünf Söhne. Mit dem vierzehnten Jahre wurde ich auf die Universität Cambridge geschickt, wo ich drei Jahre lang blieb und fleißig studierte. Die damit verbundenen Kosten waren jedoch für das kleine Vermögen meines Vaters zu groß, obgleich ich nur einen unbedeutenden Wechsel erhielt; deshalb wurde ich bei Herrn James Bates, einem ausgezeichneten Wundarzt der Hauptstadt London, in die Lehre gegeben, bei dem ich drei Jahre blieb.

Von Zeit zu Zeit schickte mir mein Vater kleine Geldsummen, die ich auf die Erlernung der Schiffahrtskunde und auf das Studium anderer mathematischer Wissenschaften verwandte, deren Kenntnis für die durchaus notwendig ist, die große Reisen unternehmen wollen; ich hegte immer ein gewisses Vorgefühl, dies werde früher oder später mein Schicksal sein. Als ich Herrn Bates verließ, kehrte ich ich zu meinem Vater zurück und erhielt von ihm, meinem Onkel James und einigen anderen Verwandten die Summe von 43 Pfund. Zugleich wurden mir 30 Pfund jährlich versprochen, so daß ich die Universität Leyden beziehen konnte. Dort studierte ich zwei Jahre und sieben Monate Medizin. Ich wusste, daß mir dies auf großen Reisen von Nutzen sein würde.“

Zitat nach: Erstes Kapitel, Reise nach Liliput; Reclam Universal Bibliothek; noch in der DDR Version, 4. Auflage 1971. Wer es nicht wusste: Die Reclam Universalbibliothek mit ihren DIN A6 kleinen gelben Heftchen gibt es seit dem Deutschen Kaiserreich. Damals gab es sozusagen Bücherschränke, so wie es später Jukeboxen oder Zigarettenautomaten oder Automaten für Süßigkeiten gab. Die Idee dahinter war simpel: Höchste Qualität zum billigsten Preis. Der kapitalistische Gedanke bewährte sich. Reclam überlebte das Deutsche Kaiserreich; natürlich war die erste Ausgabe „Goethe-Faust“ 1868; zur Erinnerung:

Da war noch nichts mit Demokratie hier in Deutschland. Reclam überdauerte den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik, den Zeiten Weltkrieg und die Hitler-Diktatur, die DDR-Honecker-Diktatur, Die Bonner Republik, den Kalten Krieg, und erfreut sich aktuell im Jahre 2017 weiter großer Beliebtheit. Wäre man gemein, würde man sagen, die Schulen seien die größten Kunden – denn preiswert bei höchster Qualität war schon immer Mode. Und der schlaue Mensch greift nicht zu Lederimitat-Einband und manuellem Druck nach der schwarzen Kunst eines Gutenberg, nein, lieber kauft er für drei Euro einen Text, für den ein Autor Jahrzehnte, Jahrhunderte oder Jahrtausende vorher sein Leben riskiert hat und überliest es geflissentlich, um nicht mit dem eigenen Verstand in Berührung zu kommen.

Einem Leser, der das Textaquarium bis hierhin aufmerksam gelesen hat, und seither Bücher sammelt und liest und studiert, dürfte nicht entgangen sein, dass die beiden von mir gewählten Absätze zu Beginn und die Absätze, die ich aus Swift zitiere, einen unterschiedlichen Aufbau in ihrer Struktur haben. Grundsätzlich lässt sich an Swift die Weltliteratur analysieren. Und dann noch einmal speziell bei ihm die Satire, denn wer den Subtext mitliest, der sieht sofort die Seitenhiebe auf Bücher wie Robinson Crusoe und andere Reiseberichte, real oder fiktiv, die mit Seefahrten in Zusammenhang stehen.

Wer aufpasst und mitliest, sieht, wie Swift nach Möglichkeit Worte mit möglichst wenig Silben verwendet, wie er versucht, die Sätze so zu leimen, dass sie stets verständlich bleiben. Und wie er sich bemüht, vielerlei Substantive in seinen Text einzubauen, um mehr Informationen vermitteln zu können; und wie er die Verben munter abwechselt, um dem Text, bei aller bemühter „Ernsthaftigkeit“ locker leicht und vor allem – lesbar – zu halten. Leseverständlichkeit ist wichtig!
Im weiteren Verlauf des Kapitels wird das dann weiter auf die Spitze getrieben, so dass ein dramatischer Akt, wie der Untergang eines Schiffes im Sturm, zu Slapstick gerät, bei dem der Leser lachen muss.

Show don’t tell kommt daher, dass die Leser es für gewöhnlich befremdlich finden, wenn ihnen der Lebenslauf einer Person samt den Geschehnissen sozusagen ‚lieblos‘ auf einigen Seiten nacherzählt wird wie in einem Lexikon. Dabei kommt dann angeblich keine Stimmung auf, der Leser kann sich nicht in die Figuren einfühlen, die Figuren bleiben blass, die Handlung gerät auf das Niveau einer distanzierten Schilderung. Egal, welcher Charakter lebt und liebt, leidet und stirbt, egal, was sich in der Geschichte an Feuersbrünsten, Erdbeben, Schlachten und Beziehungen ereignet – den Leser lässt es kalt.

Wenn ein Autor dagegen nicht erzählt, sondern gewissermaßen minutiös jedes Detail aufzeigt, jede Farbe und Form in der Beschreibung, jeden Gedanken eines jeden Individuums – fesselt und knebelt und kettet er den Leser mit glühendem Interesse an den Text. Im Extremfall haut der Autor wie ein Dostojewski ordentlich in die Gespräche, und die Charaktere tragen ihre intimsten Empfindungen und Regungen als Seelenstriptease auf der Zunge. Ebenfalls geeignet für dieses Verfahren ist bereits von der Form her der Briefroman.

Das lässt sich zudem für historische Texte aus unserer Realität anwenden. (Wenngleich die Geschichte Aventuriens mit ihrer Echsenmagie tausende Jahre vor Bosparans Fall spektakulärer daherkommt. So wie eigentlich alle Fantasy).
In Briefen galt schon immer Privatsphäre dank Briefgeheimnis. Anders als bei öffentlichen Anlässen musste niemand sein Gesicht wahren und konnte frei sprechen. Daher sind Briefwechsel, zusammen mit Tagebüchern, wertvoll für das Verständnis von Ereignissen innerhalb einer Gesellschaft. Für die Jetzt-Zeit des Lesers kann beispielsweise eine interne Diskussion auf facebook, reddit, einem x-beliebigen weiteren sozialen Netzwerk – oder ein geleakter whatsapp Verlauf – mehr über eine Partei oder ein Unternehmen aussagen, als es ein Parteiprogramm, ein Wahlkampfauftritt oder Unternehmens PR mit Flyern und Broschüren, Vorträgen und Tag der offenen Tür-Führungen je könnte.

Wichtig ist: Halte die Balance, lieber Autor. Wenn deine Geschichte in 30.000 Worten zu Ende erzählt ist, dann strecke sie nicht künstlich. Und wenn du einen Roman mit Überlänge hast, dann bleibe stur und lass dir keine unnötigen Kürzungen diktieren. Bei geeignetem Kleindruck mit 300 und mehr Worten im Blocksatz auf einer Seite, passen selbst Geschichten mit 150.000 bis 250.000 Worte bequem in ein Taschenbuch hinein. Allerdings sollte sich jeder Autor dann immer fragen: Verliert die Geschichte, wenn ich sie einfach in zwei mal 100.000 Worte aufteile? Verliert die Geschichte, wenn ich an bestimmten Stellen tatsächlich mit der Schere ansetze und schneide?

Man kann das gut mit Filmen und Serien vergleichen. Nicht jeder Film muss ein Monumentalfilm sein wie „My Fair Lady“ (1964) von George Cukor mit seinen 170 Minuten oder „Ben Hur“ (1959) von William Wyler mit seinen 222 Minuten. Ein guter Film hat etwa 120 Minuten Laufzeit und das ist fast immer die beste Zeit. Bei Serien, egal, ob als Realserie oder als Animationsserie, gibt es Klassiker mit nur einer Handvoll Staffeln. Manche Kultfilme und Kultserien haben gar keine Sequels oder Prequels, weil es sich nicht lohnen würde.

Manchmal möchte ein Geschichtenerzähler gerne mehr erzählen, manchmal gibt es Interesse von Seiten der Leser. In solchen Fällen kann man darüber nachdenken, den Umfang einer Geschichte zu erhöhen. Aber wo es keinen Zwang gibt, darf man nicht auf Biegen und Brechen eine Fortsetzung schreiben, denn darunter leidet letztlich die Qualität der gesamten Reihe.

Bei Show don’t tell gilt also das Mittelmaß. Nötige, aber uninteressante Nebensächlichkeiten kann man durchaus geschickt per Botenbericht unterbringen. Dann erhält der Hauptcharakter eben einen Brief von einem der Nebencharaktere, so dass der Leser bequem auf zwei Seiten erfährt, was sich in der Zwischenzeit woanders in der fiktiven Welt abgespielt hat – ohne, dass man jetzt den Leser damit langweilen müsste, jede andere Perspektive noch einmal in Echtzeit minutiös zu porträtieren.

Oft ist es Sache des Geschmacks und ein Bauchgefühl, was geht und was nicht. Fühlt sich ein Handlungsabschnitt gehetzt an, dann muss man eben noch mal innehalten, und diese Absätze mit Beschreibungen und jenes klärende Gespräch zwischen Charakteren eben doch noch schreiben. Andersherum sollte man diese total langweilige und überhaupt nicht wichtige Szene einfach mal streichen. Da klären die Charaktere also eben einen Kriminalfall auf, und gehen dann Kleidung kaufen, gemeinsam im Restaurant essen und reden über Tagespolitik. Sind das entscheidende Szenen, die dem Puzzle neue Teile hinzufügen? Erfährt der Leser mehr über die Charaktere? Über die Welt? Über den Fall? Entsteht diese gewisse Atmosphäre, die für jede Geschichte eine Bereicherung darstellt?

Manchmal kann es nötig sein, eine Szene ganz zu streichen und dafür eine andere Szene mit ausgewählten Momentaufnahmen zu erweitern. Da ist also diese Szene, in der unsere namenlosen Kommissare eine entscheidende Information erhalten. Möglicherweise arbeiten ein Mann und eine Frau zusammen, sie sind kein Liebespaar, aber doch mehr als gewöhnliche Arbeitskollegen; sie haben vielleicht Geheimnisse und unbequeme Wahrheiten, über die nicht geredet wird. Und dann platzt sie vielleicht früh morgens in sein Leben, er lässt sie in seine Wohnung, notdürftig in einen Schlafanzug und einen Bademantel gehüllt. Hier nun könnte der Autor sich überlegen: Welche Perspektive ist interessanter?

Natürlich die der Frau. Sie kennt die Wohnung noch nicht, genauso wie der Leser. Dialoge und Plotinformationen laufen mit, aber gedanklich schaut sich die Frau nebenbei die Wohnung an. Hier nun bemerkt der Autor, dass er die Wohung noch gar nicht richtig beschrieben hat, beziehungsweise, dass er die Wohnung noch konkreter und treffender beschreiben kann, dass es noch Details gibt, die man dem Leser auf jeden Fall zeigen sollte. Am Ende dreht der Autor die Perspektive um und fügt noch Absätze für die Beschreibungen hinzu. Das Kapitel ist dann vielleicht 1200 Worte länger, auch wenn der Autor eigentlich 2200 Worte ergänzt hatte. Es liegt nur einfach daran, dass er beim Redigieren und Umtauschen und Schneiden die Gelegenheit genutzt hat, 1000 Worte langweiligen Text über Bord zu werfen.

Aber egal, ob man viel erzählt oder viel zeigt oder beides miteinander mischt, wenn man klug ist – der Leser ist beim Lesen genauso unwissend wie du, als du die Szene entworfen hast! Der Leser möchte zusammen mit dem Charakter in die Geschichte eintauchen, und auch du willst in die Geschichte eindringen wie eine Kamera mit Hörsinn und Geruchsnerv. Wenn du es so schreibst, als wärst du selbst der Charakter, als würdest du deinem besten Freund oder besten Freundin eine intime Erklärung geben, was du alles gesehen und gehört und gefühlt und erlebt hast – dann machst du es richtig. Die Kunst ist es, mit jeder Seite Text den Eindruck zu erwecken, dass hier etwas „Besonderes“ vorliegt, eine Art Juwel, das sich von den Standardtexten da draußen wohltuend abhebt.

Außer dir und deinen paar Autorenfreunden muss ja keiner wissen, dass das nur eine Erzähltechnik ist, und überhaupt nicht aufregend. Denke wie ein Magier, schalte das Licht aus, entzünde Kerzen, hülle dich in einen Mantel und sag langsam, wie ein Onkel aus der Gruft: Abra Kadabra. Der Effekt macht den halben Trick aus. Und dann verhaspelst du dich ein paar Mal, sagst einige Worte auf Altenglisch in einer pubertären Weise, lachst über dich selbst; nur um dann plötzlich in eine (natürlich gespielte) Steifheit zu verfallen und mit lauter Stimme und Ausdruck ein gotisches Ritual zu zitieren (das du, ohne, dass es die anderen wissen; in qualvoller Arbeit monatelang auswendig gelernt hast). Wenn du darauf achtest, die „richtigen“ Menschen vor dir stehen und sitzen zu haben, wenn du auf das richtige Licht, die richtige Zeit und den richtigen Ort achtest – dann werden sie dich alle verstört anschauen und ein verwirrter Glanz wird kurz über ihre Gesichter flackern. Und dann, mit einem Fingerschnipp, zurück in den Normalo-Modus, als sei nie etwas gewesen. Damit macht man Eindruck; vor allem beim Schreiben.

Dritter Teil – Schwer

Kapitel 10

Schreibhöchstdauer
(Zombiesein vermeiden)

Schreiben ist Denken für die Ewigkeit. Worte zögern, ehe sie sich dem Kaiser, Pharao, Cäsar, Kalifen, Maharadscha oder Präsidenten zeigen. So wie Regen in ein Haus ohne Dach fällt, und die Bewohner die Wut des Sturmes fühlen, so fällt der Spott der Ungeborenen auf den Lebenden, der sein Dach nicht wetterfest macht. Wenn der Spruch schlauer ist als Salomo, hast hoffentlich du ihn geschrieben. Ansonsten erntet dein Nachbar, der Dieb, deinen Ruhm.

Ein Mensch ist an einem Tag nur begrenzt fähig zur Aufnahme. Er kann nur ein bestimmtes Maß an Text lesen und schreiben. Danach breitet sich der Wahnsinn aus. Der folgende Teil, soll, als Satire und Parodie, aufzeigen, wie weit der menschliche Verstand ins Tollhaus hinüber wandern kann, wenn er nicht rechtzeitig gepeitscht und gezüchtigt wird. Auch, wenn du sehr viel schreibst, solltest du an einem Tag oder in einer Nacht, niemals mehr als 3-4 Stunden am Stück arbeiten. Noch besser ist es, jeden Tag 30-90 Minuten mit Schreiben zu verbringen, dann jedoch auf Stil und Inhalt großen Wert zu legen.

Aus Sicht der Medizin ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass nach einer bestimmten Zeit die Leistungsfähigkeit des Gehirns nachlässt, die Augen glasig werden und stechen und brennen, und ein allgemeines Gefühl von Taubheit oder benebelt sein auftritt. Es fühlt sich dann an wie ein durch Drogen verursachter Rauschzustand auf nüchternem Magen. Grelles Licht blendet, Geräusche verwandeln sich in mörderische Raptoren.

Daher bedenke, Autor, gönne dir Pausen, gutes Essen, geh spazieren, atme den frischen Duft der Blumen auf grünem Gras unter blauem Himmel, und dann geh ins Bett und schlaf dich mindestens 6 Stunden lang ordentlich aus. So wie ein Leistungssportler! Ansonsten bringst du keine Leistung mehr, sondern vielmehr folgende Waschmaschinenphantastik:

[Achtung! Ein bisschen Spaß muss sein!]Ich liebe Bücher. Schreiben ist toll. Boah, schau mal, es gibt Pen und Paper, Das Schwarze Auge, Rollenspieler gebt acht! Questen, Städtebau, Charakterbögen, Würfeln, Heureka, Herr der Ringe nur in umfangreich. Da war Sacred, Castlevania, Zelda, The Witcher, Planescape Torment will ich noch, Batman Comics brauch ich vielleicht nie, dafür aber Alan Moore – Watchmen ein Genuss. Dann Langeweile, Stift und Papier, hey, Schreiben macht ja doch Spaß, und nein, ich bin deshalb nicht schwul. Überhaupt – wo doch überall Homophobie, Xenophobie und Rassismus blühen; und ja, Bücher kann man mehrmals lesen, und ja, stell dir vor, man kann Bücher sogar sammeln, sogar in mehreren Sprachen. Was geht ab in der Welt? „Das Parlament“, „The New York Times“, „Amerika21“, „The Asahi Shimbun“, „Russland Analysen“, „Länderbericht China“. Dazwischen eine dämonische Fratze, die wie die deutsche Reichsbahn durch Deutschsüdwestafrika donnert, auch heute noch vorbei an den Victoria Fällen. Und Passagiere bringen immer noch Kritik auf. Bei einer läppischen Reise für 15.000 Euro pro Person, hat ja heutzutage jeder.

Da stellst du fest: Hoppla, ich bin weiß, groß, männlich, hetero, aber ach nein, halt, stopp, kein Fußball, keine Sportwagen, keine „dummen Tussen und Zicken“ auf Dorfesten im Reigen des Alkohols und der Elektrobeatverson von „Nein Mann, ich will noch nicht gehen … lass uns noch ein bisschen tanzen.“ Wodka-O, wie ich hauche, bist du der Meister bin ich der Jäger, und wir schießen beide lustvoll durch die Gegend, Sekt entkorkt, auf Druck getankt. Heute noch nicht Schwenkbier gehabt? Bux de Luxe, Flankiball, Wikingerschach? Haben wir Ostern oder doch Weihnachten? Egal, irgendwas Religiöses wird es schon sein, mal sehen, wie viele Kästen Bier die Trinksportgemeinschaft dieses Jahr wieder bereitgestellt hat. Wir wollen die Hersteller von Hörgeräten unterstützen, denn wer unter 30 Jahre alt ist, und noch richtig hören kann, der macht etwas falsch in seinem Leben.

4 Uhr morgens, huch, wir sitzen hier schon wieder seit Jahren oder doch Stunden? Lass mal dem Sonnenaufgang entgegen urinieren. Vielleicht biegt sich der saure Regen zu einem Bogen. Auf gehts, ab gehts, drei Tage wach. Warte, ich habe meinen Partyhut verloren, und dein Buchsenstall ist offen Kumpel, haha, selber Idiot. Karneval ist nur einmal im Jahr, da wackelt der Boden immer so bedenklich und die Lichter der Fahrzeuge blinken doppelt und dreifach durch die Gegend. Und warum spucken mich alle an? Ey, na klar spring ich auf die Mauer und über das Gebüsch, für zwei Euro mach ichs. Bin auch dein Hund und hol die neue Runde Bier. Juchhe, wir sind jung und vogelfrei, uns kann gar nichts.

Wasser. Schlaf. Pissen. Wasser. Schlaf. Pissen. Kopfkissen. Wecker-Gehirnchirurg. Kalender ist noch da. Die Realität stinkt immer noch. Schulbuch sagt: Im Ausland gibt es für Austauschschüler tolle Gelegenheiten zusammen an Projekten teilzunehmen, in denen man zusammen Bowle trinkt und Patchworkdecken häkelt – für die achtjährigen Achtzehnjährigen. O, seit wann trinkst du denn auch ein Gläschen Sekt? (Wenn du nur vom Kastensaufen in der Happy Hour wüsstest … Traum von Amsterdam … Da hat das rote Pferd … Cotton Eye Joe … soo you face it with a smile, there is no need to cry for a trifle’s more than this …)

Cut

Es spielt für Sie Carl Orff (1895-1982) – Carmina Burana, Cantiones profanae, Fortuna Imperatrix Mundi, O Fortuna; mit dem San Francisco Symphony Orchestra unter Führung von Herbert Blomstedt; in der Reihe: Deutsche Grammophon+Decca+Philips=eloquence. „reflektiert die ganze Welt der Klassik in interpretatorisch überragenden Aufnahmen großer Werke unserer Musik aus vier Jahrhunderten“.

Es verhält sich gewiss so, mein Freund, dass das Mandat der arbeitenden Klasse wohl endlich einmal dafür Sorge tragen muss, dass die sich in legalen Steueroasen verkriechenden bourgeoisen Kapitalisten mehr als einen rot entflammten Hammer zu spüren bekommen. Bis 70 Jahre werden wir arbeiten, immer mehr Luxus werden wir herstellen, immer mehr Werbung wird es im Fernsehen geben. Die Coca Cola Grundschule klagt gegen das Puma Gericht, weil sie sich der Rufschädigung ausgesetzt sieht.

Es sei vernünftig und richtig, die Lese- und Rechtschreibsteuer anzuheben, da sich Leistung endlich wieder lohnen muss, und nur, wenn die Eltern fleißig zahlen, kann der Lehrer von McDonalds Lehrerverwaltung den Unterricht freier gestalten. Unsichtbare Hände werden sodann dafür sorge tragen, dass bis in alle Ewigkeit immer mehr Wachstum zu erwarten sein wird, und dass es immer neue Arbeitsplätze und immer weniger Urlaub geben wird. Leben ist Arbeit. Urlaub ist Sklaverei. Staat ist Verbrechen. Big Brother is already recording you – er weiß genau, bei welcher Stellung du dir den Tripper zugezogen hast. Die dreckige Lady wurde bereits liquidiert, sorry, vaporisiert, sie hat niemals existiert, unser Fehler, Verzeihung. (Wenn Sie den Text hier lesen und kommentieren, dann landen sie auf braunblauen Listen für Freiwillige zur Besichtigung neuer Heizanlangen).

Sieh das doch mal existenzialistisch postfaktisch, Mensch! Nicht die Materie bestimmt das Sein, der wie Gott unbeweisbare Weltgeist bestimmt in seinem ausgeprägten Bewusstsein, durch starke Führer wie Trump, Putin und Erdogan die Geschicke der Menschheit. Wir sind alle Ameisen, geboren, um in Hierarchie zu leben. Wie, du hast eine andere Meinung? Achso, du brauchst also diese Arbeit hier nicht, bitte, dann versuch doch, dich woanders zu bewerben, du neunmalkluger. Selbst die Gewerkschaften sind heutzutage neoliberal, Demos müssen gekürzt werden, würden wir mit zu vielen Menschen auf die Straße gehen und laut protestieren:

‚Blaue Nazis raus aus dem Bundestag, 70% Männer, 30% Frauen, pfui Teufel, bewaffnet euch mit Nudelholz, Femporn an die Macht!‘ – würde das ja Geld kosten, also lieber keine Demos, können wir uns nicht leisten. Und haltet die Klappe, wenn die Reichen über ihre Luxusjacht vor Bora Bora jammern. Nur mal nicht neidisch werden! Was über Generationen vererbt wurde, ist Leistung pur. Auch der dicke Junge, der dort in dem Rolls Royce in der Nase popelt, bringt seine Leistung, denn er gehört zum Finanzadel und ist besser als du. Deshalb ist er auch privat krankenversichert, weil er nicht so ein Opfer ist wie du und zwischen dutzenden schniefenden Menschen in der Arztpraxis warten muss. Der Onkel Doktor kommt immer zu ihm, ganz alleine, ohne Warteschlange, mit Kuchen und Geschenk.

Nun mal halblang, siehs doch mal postkolonialistisch, die Neger haben heute auch ihre Vernunft, und die Nutten werden doch jetzt auch mit Mindestlohn bezahlt. Das wiegt die moralische Beleidigung über tausende von Jahren locker wieder auf. Sie müssen sich die Haare nicht mehr gelb färben, und sie müssen auch keinen Stern mehr anheften und sich Sara nennen. Wobei, vielleicht bald wieder, was sind schon hundert Jahre? Krieg ist immer modern. Verkaufe Waffen, kriege Geld, töte Menschen, mache Arbeitsplätze frei, bombe Städte weg, siehe da, das Baugewerbe hat wieder Aufträge ohne Ende.

Viel zu oberflächlich, du kannst doch nicht die Lehrer/innen/xen und die Politiker/innen/xen und die Bäume und der Bäumer, die Marmelade, der Marmelader, der, die, das Nutella einfach so in ihren geschlechtsspezifischen Kategorien lassen. Ich bin Geschlecht Biber-Donut-Haselnuss-Krokant. Ich gestehe euch eure prüde konservative hetero, homo, bi, transgender, asexuelle Gesellschaft zu. Selbst eure verkrustete und längst verstaubte Monarchie der bunten Einhörner. Jetzt akzeptiert endlich, dass ich heterovampirisch bin, ein Recht darauf habe, Menschen aus dem Friedhof auszubuddeln, in meinen Gefrierfachsarg zu verfrachten und hemmungslos zärtlich zu lieben. Wir kommunizieren übrigens per Telepathie, ich spüre da einige esoterische Wellen – trotz eurer Chemtrails und der Reptiloidenandroiden.

Ich bin nämlich gleichermaßen heterophantomatisch, verstehe mich also auf den sexuellen Umgang in Gedanken mit Geistern und Gespenstern, wie postsexualistisch, kann also freie Liebe mit nackten Körpern und orgiastisch-dionysischen Schreien feiern, ohne auf so eine antike Kategorie wie Geschlecht zurückgreifen zu müssen. Sollen die Individuen doch mit Bäumen, Ponys, Ziegen und Puppen empfindsamen Umgang pflegen; solange der Facharzt regelmäßig überprüft, ob keine zu großen Fleischteile in zu schmalen Öffnungen stecken geblieben sind, oder sich irgendwann, irgendwo Splitter und Dreck eingenistet haben – who cares? Wenn man clever genug ist, gründet man eine Firma für spezielle Wünsche und kreiert Waldlichtungen der Lustbarkeiten mit künstlichen Ponys und Puppen, dazu Kostüme, Musik, Bars und Wellnessbehandlungen mit Erwachsenen-Schminken in der bösen Variante.

Cut

Besinnen wir uns, öffnen wir wieder die Augen und kehren zurück in die Welt des Verstandes, in der alles in Bürokratie und Regeln ausgearbeitet ist. Alle anderen Menschen haben immer recht und erklären einem die Welt. Es ist beinahe so, als müsse man niemals selber denken. Das ist auch gut und richtig so, immerhin tragen sie Anzug und Krawatte, haben amtliche Dokumente mit Brief und Siegel und Unterschrift und dürfen als Dienstherren über Schutzbefohlene verfügen. Und sie sind stets stocksteif, mürrisch, sehr ernst und Erfinder der positiven Erklärung von schlechter Laune.

Dass jeder einfache Mensch in seinem Zuhause alle wichtigen Schulbücher und Studienbücher sammeln, lesen und studieren könnte, ach, darauf käme ja niemand. Es ist wichtiger, sich über Werbung aufzuregen und Dschungelcamp zu glotzen, damit man sich – von seinem Thron aus – über diejenigen lustig und verächtlich machen kann, die noch ein wenig tiefer im Schlamm stecken als man selbst.

Aber: Werfen wir unsere Emotionen weg und werden wir ganz ruhig. Kein Fernsehen, kein Radio, keine plappernden Menschen.

Angenehm, oder? Und denke immer an die wesentlichen Dinge:

„Es rauschen die Wasser
Die Wolken zergehn
Doch bleiben die Sterne
Sie wandeln und stehn“

(Chinesisches Gedicht: Zeitalter der Tang [618-907]; aus: Die Litteraturen des Ostens in Einzeldarstellungen, Band 8 – Geschichte der chinesischen Literatur, Verlag Amelang; Leipzig, 1901-1920. Aus dem Internet Archive)

Dritter Teil – Schwer

Kapitel 11

Method Acting – Method Writing?
(Wenn der Beast Mode alle Regeln sprengt)

Das Textaquarium hat, wie jeder Ratgeber, der sich anschickt, etwas zu erklären, einen strukturierten Aufbau. Man liest sich die einzelnen Abschnitte durch und lernt vielleicht die ein oder andere Sache, die man so vorher nicht wusste oder nie richtig durchdrungen hatte. Im gleichen Atemzug handelt es sich beim Kreativen Schreiben jedoch nicht um Chemie oder Physik. Man kann keine klar umrissenen Regeln aufstellen, und dann jeden Idioten abkanzeln, der behauptet, Menschen würden Fotosynthese betreiben oder die Regierung würde es absichtlich künstlich regnen lassen, um die Bevölkerung zu vergiften.

Ich arbeite mich abseits vom Schreiben an sich gerne durch Bücher, zum Sprachen lernen und durch Gitarrenlernhilfen mit Noten und Tabs. Selbstverständlich besitze ich wissenschaftliche Bücher und hin und wieder kaufe ich mir in der Buchhandlung einen Ratgeber, wenn ich ein bestimmtes Thema nicht im Internet finde oder mir enorm unsicher bin. Bei Traingingstipps sollte man sich zum Beispiel an die Profis halten und keinen dubiosen Hinweisen aus den Tiefen des blöden Teils des Netzes folgen. Ansonsten macht man seinen Körper kaputt. Und das will ja keiner.

Schreiben ist teilweise wie eine Binsenweisheit, weil sich der Vorgang so leicht umreißen lässt. Man lernt und paukt und studiert ganz klasssisch Grammatik – in deutscher Sprache dann eben so, wie man es in einem guten Deutschunterricht unternehmen würde. Und dann liest man viel und sammelt Bücher aus allen Genres und allen Jahrhunderten, fügt noch hier und da eine Zeitschrfit oder Zeitung bei und liest den ein oder anderen Blog. Ja, und dann, weiß man wie man es macht, zumindest, was der Mainstream vorschreibt. Möchte ich schreiben und sprechen wie ein Journalist, sollte ich mich regelmäßig mit ARD und DeutschlandFunk auseinandersetzen. Möchte ich schreiben, wie die Autoren aus meinen Lieblingsgenres, sollte ich deren Stil, Satz für Satz, Wort für Wort untersuchen.

Aber ist das alles?

Dem ein oder anderen Leser meines Textaquariums wird mit Sicherheit – sofern er viel liest – Text unter die Nase gefallen sein, der einfach komplett anders war. Man könnte von Eigenwilligkeit, Exzentrik, unnachahmlicher Schreibweise sprechen. Wie macht man sowas? Und, ist das erstrebenswert? Von dem Wissen ausgehend, dass ich habe, sagt die Wissenschaft: Von allen Menschen, die leben, sind nur wenige hochbegabt und überaus intelligent. Die Mehrheit der Menschen ist dagegegen wie du und ich.

Schreibst du komplex und schwierig und gewunden und gestelzt, versteht dich kaum noch ein Leser. Und dann bricht der Leser den Text ab und liest ihn nicht. Ich bin da ganz ehrlich: Regelmäßig versuche ich, mich in Stil im Format eines Otto von Bismarck oder eines Immanuel Kant einzulesen. Und jedes Mal bin ich am Ende frustriert. Und dann lese ich Kafka oder noch besser klassische chinesische Texte über Ying und Yang, Wuwei und den Weg des Dao und mein Gehirn wird zu Vanillepudding.

Es gibt das Hamburger Verständlichkeitsprinzip und es gibt einen Leseverständlichkeitsindex. Mit Praxisbezug auf die aktuelle Lage in der Politik der USA: Wenn Obama rief: Yes – We Can; oder wenn Trump ruft: Make America great again – dann werden diese Sprüche von allen verstanden. Versuchen andere Politiker, egal ob konservativ oder progressiv, Inhalt vorzutragen, hört ihnen kaum noch jemand zu. Egal, ob Mutti, Sankt Martin, Veggie Day, Die Rente ist sicher – oder noch billiger, da plakativ: Die Frage, nach Merkels Halskette, die Frage, nach der Deutschlandflagge, und der Modelwahlkampf der FDP mit den Profilfotos in Dreiviertelvorderansicht in Schwarz-Weiß. Es geht nicht um Inhalt, sondern darum, beim Politk machen sexy auszusehen.

Und wer sich klassische Sprachen anschaut und klassische Texte liest, der wird feststellen, dass deren Grammatik beschränkt ist. Bestimmte Adjektive und Partikel gibt es nicht oder diese werden nicht eingebaut. Nicht: Mit Verlaub, womöglich machte ich einen Fehler, wer weiß, hehe, ich kam, also so ein wenig daran, dann sah ich auch etwas, was, weiß ich nicht so ganz genau, aber, wie auch immer, so wichtig ist das dann ja doch nicht, nicht wahr, denn ich siegte, obwohl mir da noch die Rückmeldung vom Verlierer fehlt, und wir alle wissen, dass man sagen kann, was man will und jeder hat seine Meinung und falsch gibt es nicht, also haben die Jungs und Mädels eventuell möglicherweise, unter Umständen, ähem, ja dann doch nicht verloren. Sorry, dass ich soviel geschrieben habe. Ich bin unsicher, stehe nicht zu meinen Worten, habe kein Rückgrat und möchte nur Anerkennung und Anbetung und keinerlei Kritik erhalten.

Wird man so in keinem guten Text finden. Ich kam, sah und siegte. Punkt. Kein eventuell vielleicht womöglich, sondern harte Aussagen klar und deutlich formuliert. Klartext reden, nennt man sowas. Und wenn Fäkalworte und sexuelle Anspielungen auftauchen, dann nennt sich das frei Schnauze reden, du Lutscher! Jedenfalls erscheint es sinnvoll, so einfach wie möglich zu schreiben, weil durch die herabgesetzte Schwierigkeit die Verständlichkeit vom Text steigt und man als Autor mehr Leser hat. Nur, wenn man zu simpel schreibt, klingt man recht hohl, um nicht zu sagen dumm. Und viele Autoren klingen ähnlich, verwechselbar und austauschbar.

Hier kommt nun das Method Writing ins Spiel. Bekannt geworden ist Method Acting besonders durch den Schauspieler Marlon Brando. Es geht nicht mehr zwingend darum, Text auswendig zu lernen und eine Rolle zu spielen. Ein Schauspieler ist in diesem Moment er selbst, er spielt nicht, sondern er lebt. Dadurch verhält sich dann auch jeder Schauspieler anders, weil die Charaktere verschieden sind. Manchmal kann das nach hinten losgehen, wenn der Schauspieler nicht so recht in die Geschichte hinein findet. Wenn es dann aber so passt wie bei Gary Oldman in Bram Stokers Dracula oder bei Heath Ledger in The Dark Knight oder Milla Jovovich in das Fünfte Element, dann wirkt die Geschichte authentisch.

Man kann nämlich für jedermann verständlich schreiben und gleichzeitig eine Schreibe entwickeln, die beim Lesen Spaß macht. Wer regelmäßig schreibt, der achtet pingelig auf die Satzlänge eines jeden einzelnen Satzes im direkten Bezug auf den ihn umgebenden Absatz. Da muss sich eine bewusstseinserweiternde Beziehung aufbauen. Wie Ahornsirup auf Eis, wenn Cousin und Cousine mit französischen Spielen kokettieren. Man pfeift beim Schreiben auf alle Regeln und Konventionen und schießt die Moorhühner ab, wie es die Erektion gerade zulässt. Ey, Bob, gib den Hollywood Vibe gerasselt im Schrecken der Midnight-Bar, wirf das crushed ice in die Gläser und mix es so wie dein Leben, nur nicht ganz so sauer. Und die Discokugel wirft Farbkleckse an die Wand, sie verschwimmen vor deinen Augen. Und die Ampeln drehn sich im Kreis, ähnlich wie beim Autofahren, wenn man auf der Kreuzung wendet, um nicht den Looping zu verpassen.

Ein Mädchen kommt herüber und tanzt mit dem Lächeln eines nicht bezahlten Fotos. Das Schicksal ist für jeden Menschen ein Spiegel, indem er den Sensenmann beim Plätzchenbacken beobachtet. Wenn ein Postbote klingelt, dann frisst ihn die Haustür, sonst zieht es durch die Fenster. Und dann geht der Kamin nicht, selbst, wenn man ihm Socken anzieht. Und es ist wichtig, dass der Kamin geht, sonst kommt Trudy und verlangt nach Marzipan. Wenn man ihr den nicht gibt, dann behüte das fliegende Nilpferd, das sich als fette Wolke hinter den blasseren Gazellen vor die Sonne schiebt. Dann regnet der Tag des Bakalabuuns über uns einher. Und Bakalabuun heißt Feuer, Wasser, Posaunen und Kohlsuppe. Kinder, die zu früh Kohlsuppe kriegen, sterben früher, und dann übernehmen die Mutanten, nicht wahr, Bob, ich sag es dir, Jesus Christ in heaven, und wir sind am Ende. Das war es, keine Fortsetzung, kein Epilog.

Beim Method Writing geht es nicht alleine darum, Wahnsinn einzufangen oder kranken Shit zu schreiben, nur, um kranken Shit in die Geschichte einzubauen. Wenn ein Charakter sich an einen Tisch setzt, vor sich einen Teller sieht, und Messer und Gabel und Pellkartoffeln und einmarinierten Hering, und ihm das Wasser im Munde zusammenläuft, während irgendwo im Hintergrund gerade ein Ice Hockey Spiel über Flachbildfernseher an der hinteren Wand der Kneipe lautlos flimmert – dann sollte ein Autor das auch so schreiben.

Dass sich die Gäste in der Kneipe bewegen wie Schneemänner in der Wüste und die Gespräche klingen wie übereinander gestapelte und verzerrte Radios, wäre dann ein Einstieg in die Originalität. Schließlich willst du nicht so schreiben wie alle anderen, und die Leser wollen was Packendes lesen. Deshalb ergänzt du noch, dass auf der Tischplatte aus Eichenholz Glasschälchen stehen, die wirken, wie geköpfte und eingefrorene Lotusse. Darin schwitzt das Wachs von blauen Kerzen unter dem Eindruck einer lieblichen kleinen Flamme und macht sich auf den Weg auf den Glasboden, wo es sich sammelt und abkühlt. In der Ecke steht eine Micky Mous Figur mit angebissenen Ohren und Kratzer über der linken Augenbraue. Dazu dudelt eine Playlist mit klischeehafter Pocahontasmusik. Irgendwo schreit ein kleines Kind und der Geruch von Pupu mischt sich mit Frittenfett, Parfum, Tomaten, Curry, Paprika und Schweiß.

Aber machen wir uns alle nichts vor. Lieber Autor da draußen, es kann immer passieren, dass du einen möglichst ruhigen Tonfall mit Würde wählst, nur um dann abgestraft zu werden, weil die Leute einen radikal subjektiven Standpunkt lesen wollen. Dann wiederum kann es sein, dass die Leser deinen nüchternen Tonfall erfrischend finden, obgleich du ihn selber uninspiriert und fade findest. Manchmal kann es vorkommen, dass du wie im Rausch schreibst, kaum über die Sätze nachdenkst, die du da zimmerst, und die Leser es toll finden. Dann magst du dir denken ‚Na toll, jetzt rotze ich hier schnell was hin und die Leute sind zufrieden, plane und organisiere ich meinen Satzbau, liest es wiederum keiner‘. Manchmal kann es verwirrend sein oder geradezu grotesk, denn nicht dein Geschmack und dein Leseindruck zählen, lieber Autor, sondern der Leseeindruck der Leser.

Es kann also sein, dass du an einer Textstelle herum operierst und dir angst und bange ist, während einem Leser diese Stelle überhaupt nicht auffällt. Dafür bemängelt er vielleicht inhaltliche Schwächen oder den Satzbau an einer ganz anderen Stelle, die du selbst wiederum nicht wahrgenommen hast. Man kann jedoch einen passablen Selbsttest machen, egal, ob Method Writing vorliegt oder geplantes und getaktetes Schreiben. Lies einfach deine Textblöcke durch, egal, ob dein Sinnabschnitt jetzt 1000, 2000, 5000 Worte … und so weiter lang ist.

Das ist so, als würdest du deine Stimme aufnehmen und dich selbst beurteilen. Ist es peinlich? Schmerzhaft? Ist es ganz okay, aber nichts Besonderes? Sobald dein Textabschnitt nach deinem Empfinden gut genug ist, als dass du diesen Textabschnitt auch deinen Freunden zeigen könntest, ohne dich zu schämen, bist du auf dem richtigen Weg. Und wenn du deinen eigenen Text interessant findest, du bei bestimmten Formulierungen mit der Zunge schnallst, an manchen Stellen lachst oder die vor Begeisterung die Hände reibst, weil sich dort Klugheit, Bosheit oder Witz zeigt, dann machst du eine Menge richtig.

Dritter Teil – Schwer

Kapitel 12

Persuasive Writing
(Wie manipuliere ich den Leser, damit er mich sympathisch findet?)

Du kennst mich nicht. Ich kenne dich nicht. Ich habe andere Ideen und andere Meinungen als du. Mein Wissensschatz ist ein anderer. Mein Handwerk ist ein anderes. Mein Vokabular und mein Stil sind anders. Ich schreibe Text. Du liest Text. Ich will, dass du meinen Text liest. Du willst, dass ich deinen Text lese. Wir sind keine Konkurrenten, aber wenn wir uns gegenseitig nicht leiden können, wird das nichts mit uns beiden. Ich lese dich nicht. Du liest mich nicht. Und da draußen gibt es tausende Autoren und Millionen Leser.

Was tun? Wie schaffe ich es, dass wildfremde Leute entgegen der Wahrscheinlichkeit gerade bei mir und meinen Texten hängenbleiben? Kann man irgendwie den Kontakt zu Miraculix herstellen, mit der Bitte nach ein wenig Zaubertrank? Kann mal einer Obama anrufen, um zu lernen, wie Swag und Coolness funktionieren? Kann man nicht einfach die fünf besten Autoren nehmen, die einem persönlich einfallen und einfach so schreiben wie sie? Gut kopieren und dann klappt das schon von alleine, ein echter Selbstläufer eben?

Die Antwort ist so einfach und doch so schwer: Selber machen. Man selbst sein. Tu, was du willst. Lebe deinen Traum. Wenn das Zitat wirklich von Oscar Wilde kommt, dann kann man noch ergänzen: Alle anderen gibt es ja schon, sind ja bereits da, und leben nach ihrem Rhythmus, auf ihre Weise, mit ihren Ansichten, ihren Fähigkeiten und Hobbys. Warum will man jemand anders sein, wenn man selber für sich denken und selber für sich leben kann?

Weißt du, jeder kann zur Schule gehen und dann zur Universität. Oder kann sich zu Hause seine eigene Schule samt Bibliothek aufbauen. Es gibt genug Experten, die Lehrbücher geschrieben haben. Oft genug ist es wie beim Malen oder Sport treiben. Muss ich erst irgendwo hin fahren, mich in ein Programm einschreiben und mit anderen Menschen zu einer festgelegten Uhrzeit und an einem unverrückbaren Ort üben? Oder kann ich auch einfach annehmen, dass der Lehrer, wenn er wirklich was auf dem Kasten hat, nicht irre ist, und in seinen Lehrbüchern genauso sinnvoll auftritt, wie bei seinen Liveauftritten im Kurs?

Meine Arme werden nicht stärker, wenn ich in ein Fitnessstudio gehe, und mir jemand, in einem auf Hochglanz polierten Raum mit verspiegelten Wänden, sagt, wie toll das alles ist. Wenn ich morgens nach dem Aufstehen oder abends ein bis zwei Stunden, bevor ich ins Bett gehe, noch einige Liegestütze mache und Hanteln hebe, oder andere schwere Gegenstände, dann bringt mich das voran. Es hört keiner, es bekommt überhaupt niemand mit, dass ich trainiere. Aber nach einer Weile sehen es die Leute und fragen, was man denn so speziell mache, welchen Trick man anwende. Ich gehe nicht trainieren. Mein Leben ist das Training.

Setze ich mich mehrmals die Woche selbstvergessen hin und versinke träumend über meiner Gitarre, kann ich irgendwann Barrégriffe greifen und ungewöhnliche offene Chords spielen, während meine rechte Hand so schnell zupft, dass ich gar nicht nachvollziehe, was ich da mache, wenn ich hinschaue. Wenn ich hier und da mal meditiere, viel lese und Grammatikübungen mache, dann kommt es von selbst, dass ich in Gesellschaft von anderen Menschen noch immer in diesem Modus verharre. Warum sollte man hektisch reden und sein Vokabular plötzlich begrenzen? Und auf einmal gilt man als erwachsen, als eloquent und belesen, als charakterlich gereift. Dabei würde ich mich immer noch als Graf Dracula verkleiden und von einem Baum springen, wenn die Situation mit ihren Hintergründen einem guten Zweck dienen würde.

Schön ist es auch, wenn Menschen, die aktiv in der Vergangenheit leben und einen als Träumer bezeichnen, plötzlich böse werden und grummeln. Was habe ich getan? Ach richtig, man kann in Gesetzestexte schauen, sich Verordnungen und Tagesordnungspläne durchlesen, und Satzungen und diesen ganzen Unfug, den aufgeklärte Menschen nur belächeln können. Was sind sie denn, wenn nicht Zwangsmaßnahmen, um ungezogene Kinder zur Zusammenkunft und Kommunikation zu zwingen? Theoretisch kann man sich über das Klima unterhalten, wenn man eben mit einer Schaufel im Sandkasten sitzt, einfach, weil man immer noch der beste Burgenbauer von allen ist. Oder du kannst mir erzählen, dass deine Schwester auf der Intensivstation liegt, und eine Stunde später schaue ich mir dennoch diese Sportübertragung an und habe ganz viel Spaß.

Was diskutieren sie nicht alle über Gelassenheit und Stressmanagement und über all die psychologischen Krankheitsbilder nach ICD-10 Standards. Dabei ist es so einfach. Geh in jeder Jahreszeit mal vor die Tür und freu dich, dass die Sonne auf dich scheint. Iss leckeres Brot und Reis und Nudeln und Kartoffeln. Dazu Gemüse und Obst. Manchmal ein bisschen trockenen Rotwein. Das Leben ist so simpel. Schlaf dich gut aus und lebe in den Tag hinein. In der Werbung und im Marketing tauchen immer nur Phrasen auf. Wenn du dann aber wirklich etwas Eigenes machen willst, schauen sie dich entsetzt an und ihre Augen und Münder werden zu brennenden Dollarscheinen und ihre Ohren hören nur noch kämpfende und dabei fauchende Katzen.

Wie überzeuge ich dich also, dass du bei mir bleibst? Bei meinem kleinen Text hier, der sich ganz unschuldig an den Wegesrand setzt und ein Schildchen neben sich aufstellt, auf dem geschrieben steht: Idiot zum Mitfahren gesucht. Für rabenschwarzen Humor gibt es Pizza und Bier, womöglich, an der nächsten Raststätte. Wenn du Geld hast. Ansonsten gibt es eben sattmachendes Gelächter.

Jeder kann sich in verschiedene Studienfächer begeben, kann fleißig lernen, nur um dann von den Klippen der Arroganz zu winken. Auch kann sich jemand aufplustern und sich für ganz wichtig halten und immer und überall Kommentare beisteuern, selbst, wenn es in dem Moment gerade nicht passt. Man kann die Menschen nicht zwingen, zu einem zu kommen, und den eigenen Text zu lesen. Es mag Berufe geben, in denen ein Mensch mit Macht andere Menschen mit weniger Macht zu etwas zwingen kann. Doch in solchen Konstellationen der Macht-Asymmetrie werden die Menschen auf Dauer nicht glücklich. Sie werden den Menschen, der bewusst Macht ausübt, in schlechter Erinnerung behalten und gemeine und fiese Dinge sagen. Und in die Geschichte wird dieser Mensch vielleicht als ungezogener Bastard eingehen.

Es hilft nicht, Polemik anzuwenden, zu brüllen und zu fluchen, sich zu beschweren, in Pessimismus und Zynismus zu verfallen. Jeder Mensch hat ein Gehirn, jeder Mensch kann denken und sich ein Urteil erlauben, nachdem er das, was er von der Welt gesehen hat, abschätzt und evaluiert. Das ist einfache Neurowissenschaft und grundlegende Psychologie. Dadurch kann es geschehen, dass Menschen manche Menschen ignorieren, obwohl diese Menschen eigentlich recht haben, mit dem, was sie sagen und machen. Und im selben Atemzug rennen Menschen bestimmten Menschen hinterher, die in Wahrheit üble Gesellen mit bestialischen Absichten sind. Es geht immer nur um Charme und Charisma, Inhalt kommt erst später, wenn überhaupt. Ist wie in der Politik, am Ende gewinnt nicht die Partei mit dem besten Wahlprogramm, es liest ja eh keiner mehr heutztutage. Es gewinnen einzelne Charakter mit viel Getöse und Hurra und kleineren Skandalen und Schlagabtäuschen – stellvertretend für eine Partei mit mehreren zehntausend Mitgliedern.

Im Sport ist es immer noch so wie im Kollosseum. Daumen hoch oder runter. Entweder ein Sportler ist Gewinner oder man schweigt über ihn, spricht dann von einem Drama, wo eigentlich keins ist. Gewinnt eine Mannschaft ein Turnier, sind sie Helden der jeweiligen Nation. Verlieren sie, dann hat das Turnier niemals stattgefunden, die Bevölkerung vergisst es ganz schnell. Kein Mensch möchte ans Scheitern und Versagen erinnert werden, denn in seiner Empathie kann er sich im Scheitern der anderen Menschen erkennen, wie in einem Scherbenhaufen des Lebens. Erkenntnis tut weh, und daher wollen Menschen dauerhaft auf Morphium sein, lügen über ihr Leben und kehren nur die Glanzseiten nach außen. Fotos von Sonnenuntergängen, Urlaub, leckerem Essen, Urkunden und Pokalen im Wandschrank, lachende Gesichter, legendäre Geschichten. Keiner zeigt sich freiwillig mit grimmiger Miene vor der Mülltonne im Regen.

Wenn man jemanden überzeugen will, dann muss man menschlich in Ordnung sein. Kein Streber, kein Oberlehrer, kein Idiot, kein Assi, kein Begriffstutziger. Ein intelligenter Mensch, der etwas Großartiges leisten kann, wenn er will, das aber nicht ständig muss. Man schreibt, weil man Freude daran hat, und weil man selber weiß, wie angenehm das ist, gut geschriebenen Text zu lesen. Um dieses Gefühl anderen Menschen ebenfalls zu geben, steuert man dann seinen kleinen Teil bei.

Beim persuasive writing geht es darum, dass man sich in den Leser mit Haut und Haar hineinversetzt. Man schreibt verständlich und wird damit einladend; man erklärt Dinge, die dann auch Sinn ergeben. Man strukturiert in einer Weise, die den Text nachvollziehbar macht. Man redigiert seinen Text, streicht, ergänzt, baut um. Wer sich beim Schreiben keine Gedanken macht, nicht mit jedem einzelnen Absatz ringt, alles hinterfragt und stets mit sich hadert, der darf nicht erwarten, dass andere seinen Text am Ende lesen.

Das Kunststück ist ja gerade, einen Text so wirken zu lassen, als hätte man ihn in einer Sitzung am Stück geschrieben oder munter beim Abendessen erzählt. Niemals käme ein Leser auf die Idee, ein Autor habe die Hälfte seines Textes gestrichen und vom Rest die Hälfte umgeschrieben. Sätze regnen vom Himmel wie Silberdornpfeile in einer Neumondnacht. Sätze hinterlassen Wirkung, wenn der Autor es ernst meint. Wenn ein Leser das spüren kann, überzeugt es.

Auf dem Niveau der Profis ist jeder Text lektoriert und lesbar gehalten. Doch bei vielen Autoren frage ich mich, ob sie vergessen haben, was ein Leser ist und wie sich ein Leser fühlt. Selbst einen Fachtext mit schwierigem Inhalt kann man durch Stil und Struktur lesbar halten. Das rauchende Gehirn, der zitternde körper und die bleischwere Stimmung im Raum kommen dann vom Inhalt. Die Form ist Schiedsrichter, man sollte sie nicht bemerken, sonst gibt es garantiert Fehler.

Was finden wir alle sympathisch? Wenn jemand nett und freundlich ist. Wenn jemand etwas kann und sehr gut darin ist, wenn er hilft und zuhört, wenn er trotz allen Qualitäten mit beiden Beinen auf dem Boden bleibt und sich in Bescheidenheit übt. Zickenkrieg und Mansplaining gibt es wie Wüsten. Aber man finde erstmal den lustigen Feigenverkäufer in der Wüste, der auf seinem Teppich sitzt und sein Kamel tätschelt. (Ein guter Autor ist natürlich ein Kamel auf einem fliegenden Teppich. Mensch sein kann ja jeder).

Nachwort

Warum Textaquarium?

Es gibt mehr als eine Bibliothek mit Millionen von Büchern. Ontologie und Epistemologie ergehen sich in separate Regalsysteme, wie man sich dieser Vielfalt der Informationen über die korrekte Anwendung der Sprache auch nur nähern kann. Ratgeber zum Kreativen Schreiben, für die Müllhalde der Belletristik, finden sich in allen Sprachen, die Menschen nicht nur sprechen, sondern auch schreiben. Hält man sich an die Vorschläge zur Lebensführung von Aristoteles und Konfuzius, nimmt man die dialektische Denkart des Daodejing hinzu, und versorgt sich mit dem aktuellen Wissen über Medizin, Ernährung und Sexualpädagogik, steht einem glücklichen Leben nur der bildungsfeindliche Mensch gegenüber.

Warum gibt es also dieses Textaquarium hier? Weil es nie genug Bildung in einfacher Sprache geben kann! Die Profis sprechen von Sprachspielen und Sprecherziehung. Dabei ist es doch einfacher, man übt sich, indem man Briefwechsel mit Freunden startet, indem man Essays über seine liebsten Filme, Serien, Anime, Manga und Videospiele verfasst; indem man Wettbewerbe im Fluchen und Beleidigen abhält, und das alles als Zwitter zwischen Stand-Up Comedy und Theater aufführt. Vielleicht interessieren sich deine Eltern nicht für das Schreiben, deine Freunde sind dafür auch nicht zu begeistern, und egal, ob in Schule, Ausbildung, Universität oder auf Arbeit: Du spürst instinktiv, dass du dieses Thema nicht anrühren darfst, weil du damit religiöse Gefühle oder politische Gefühle oder kapitalistische Gefühle oder sexuelle Gefühle verletzt. Du riskierst nur unnötig Schikane und Hass und Ausgrenzung.

Es gibt Länder auf dieser Welt im Jahr 2017, z.B. China, in denen würden die Behörden einen Text wie das Textaquarium auf den Index stellen und den Autor, also mich, wegen angeblichen Steuerbetruges, wegen angeblicher sexueller Nötigung, Aufruf zu Rebellion und Terrorismus auf Jahrzehnte ins Gefängnis sperren. Saudi Arabien und die Türkei sind ebenfalls eindringliche Negativbeispiele. Und in Nordkorea würde sich alles dem Ziel unterordnen, einfach nur am Leben zu bleiben, und auf schnelle Hilfe von außen zu hoffen.

Das Textaquarium soll dich aber nicht zur politischen Aktivität bringen – denn das könnte massiv auf dich zurückfeuern und dein Leben, lieber Leser, komplett vernichten. Es geht nur darum, dass du deine Intelligenz nutzt, und in ein Land gelangst, indem Demokratie mit funktionierender Gewaltenteilung herrscht, sodass du dann frei und unbehelligt schreiben kannst. (Nimm als Basis den Human Development Index und Englisch als Weltsprache). Ob du dich dann sozial engagierst oder neben dem Schreiben hier und da mal bei Spenden mitmachst und Kampagnen unterstützt, dich aber sonst weitestgehend heraushältst, bleibt dir überlassen. Nur solltest du immer Parteien wählen, die progressiv (im Politiksprech: Mitte-Links) ausgerichtet sind, damit es nie wieder zu einer faschistischen Diktatur samt Bücherverbrennung und Arbeitslagern kommt.

Sicher, du kannst auch den Martin Luther oder den Michail Bakunin machen (oder aktuell in viel schwächerer Form den Julian Assange mit seinem wikileaks Projekt). Nur, wie intelligent ist das letztlich für dein eigenes Privatleben? Als Ketzer hinter Gitterstäben zu leben, ist sicher nicht die Erfüllung des Lebens. Dann doch lieber second hand mainstream Kleidung anziehen, in der Öffentlichkeit die Klappe halten, wenn man als einziger Anwesender eine abweichende Meinung hat, und immer ein bisschen begriffsstutzig geben und mehrfach nachfragen. Auf diese Weise findet man sofort heraus, wer wirklich ein herzensguter, kluger und hilfsbereiter Mensch ist. Die Hirtentaktik des Odysseus funktioniert besser als Hamlets Wahnsinn. Ein psychologischer Knaller ist dann noch der Mut, sich gemächliches Sprechen anzugewöhnen. (Man lerne von Helmut Schmidt). Gerade in unangenehmen Gesprächssituationen kann man so Zeit schinden, während in Wahrheit das Gehirn viermal so schnell denkt.

Mir geht es speziell darum, all jenen zu helfen, die sich alleingelassen fühlen. Geh nicht zu den Rechtsextremen und auch nicht zu den Linksextremen. Geh lieber in eine Buchhandlung oder Bibliothek, lies soviel du nur kannst. Damit lassen sich selbst die finstersten Stunden im Leben in Kaskaden aus Bernstein umwandeln. Lesen gefährdet die Dummheit! Mach keine Randale, bring dich nicht mit Drogen in den Zustand von Zynismus, Pessimismus und andauernder Gereiztheit. Und im Zweifel schläfst du einfach mal 12 Stunden am Stück, um deine Nerven zu beruhigen.

Sicher, wenn du perfekt ins Leben startest und deine Eltern reich sind, weil schon ihre Eltern und deren Eltern reich waren, dann bekommst du selbstverständlich Privatunterricht und darfst später auf ein Eliteinternat im Ausland gehen, mit allem drum und dran. Aber auch dort, im Glanze aristokratischer Dekadenz, angetan mit Schuluniform und gespielter Würde, sitzen die Schüler ebenfalls nur an Tischen und lesen und studieren Bücher, und verinnerlichen all die Allgemeinheiten, Binsenweisheiten und Captain Obvious Bemerkungen, die hier im Textaquarium stehen.

Jetzt ist mir natürlich bewusst, dass es schon immer „working class“ heroes wie John Lennon gegeben hat, und dass diese Menschen häufig ein gigantisches Potenzial in sich bergen, eben weil sie aus einem anderen sozialen Milieu kommen. Unverblümt und überspitzt arrogant-dreist könnte man sagen: Wenn du in einem Haus ohne mindestens 30 Bücher lebst, wenn sich in deinem Schlafzimmer neben dem Bett keine Bücher ansammeln, dann lebst du auf einer Müllhalde oder in einer Wüste. Womöglich bist du sogar in den Netzen von Theologie und Ökonomie gefangen. Und andere Menschen sind beleidigt, wenn du nicht so lebst, wie sie es wollen, sondern so lebst, wie du es willst.

Bücher sind Raumzeitmaschinen, die dich an alle Orte und in alle Zeiten bringen können. Das sollte man nutzen, gerade dann, wenn man irgendwo, wie die meisten Menschen, in einer grauen Stadtwelt mit trostlosen Plattenbauten leben sollte. (Gentrifizierung, Deregulierung und Brain Drain, die Anbetung des heiligen Arbeitszwanges und die sklavengleiche Unterwerfung gegenüber den Reichen und Mächtigen sorgen dafür, dass sich alles Leben in den Megacitys sammelt, während auf dem Land die globalisierungskritischen Nationalisten und Populisten übrig bleiben).

Ich hatte das große Glück, auf dem Land groß zu werden. Ich habe Wälder im goldgelben Glanz des Herbstes gesehen, die mich an Lothlórien erinnerten. Ich weiß, was Tolkien inspiriert hat. Ich hatte den Geruch von Moos und feuchter Erde in der Nase, Farne und Kletten an meinen Knien, den unvergleichlichen Geruch von Stinkmorcheln aus der Ferne. Ich habe Eichhörnchen in den Baumkronen tanzen sehen, und mir ist mal ein Reh über den Weg gelaufen, in freier Wildbahn. Wenn man sich ruhig verhält, kann man häufig Kaninchen beobachten. In der geöffneten Hand nimmt eine Heuschrecke platz. Und nur, wer in geheimnisvoller Dämmerung ein Bataillon Fliegenpilze eine Lichtung hat erobern sehen, der hat eine Ahnung davon, was Wald ist.

Erst in der Stadt erkenne ich, warum so viele Erwachsene in Apathie, Freudlosigkeit und Verbitterung versinken, warum sie Neugier mit Wut vertauschen, und dann rechts wählen, Menschen den Mund verbieten und abschieben wollen. Es ist ein Ausdruck kindlicher Hilflosigkeit. Dabei brauchen wir doch mehr Menschen, die wie Peter Lustig in einem kleinen blauen Bauwagen leben und Spaß haben. Und auch in der nächsten Generation wird es Menschen geben wie Neil Young, Kate Bush, Roger Waters, Peter Gabriel, Tom Waits, Tracy Chapman, David Bowie, Etta James, Muddy Waters, Jim Morrison und so weiter. Es werden Menschen mit chaotischen Lebensläufen erscheinen, die eben nicht humanistisch klassisch nach Melanchthon ausgebildet sind.

Jetzt, wo ich das hier schreibe, fühle ich mich mit 24 Jahren beinahe altersschwach, dabei liegt meine gesamte Schaffensperiode noch vor mir, all die Romane, Novellen und Kurzgeschichten. Ich habe soviel Energie wie eine Sonne in mir. Und wer mir erwidert, mein Ich sei voll von narzisstischer Strömung, überbordend sprudelnd, aber innerlich hohl und nichtig, dem kann ich nur sagen: Menschen wie du sind daran schuld, dass Menschen wie ich in psychische Krankheiten verfallen (wenn man vor der offenen Kekspackung verhungert …) und letztlich dahin siechen.

Um mal kurz ernst zu werden: Die Webseite Freunde fürs Leben bietet einige alarmierende und traurige Fakten. Suizid ist bei jungen Menschen in Deutschland zwischen 15 und 29 Jahren die zweithäufigste Todesursache. Es sterben jedes Jahr 10.000 Menschen an Selbsttötung. Und was richtig krass ist: In Deutschland leiden etwa 4 Millionen Menschen an einer depressiven Störung. Übrigens, was dagegen hilft, wie ich an mir selbst feststelle, ist, sich in Aktivität zu stürzen. Manche Leute basteln und werkeln vielleicht oder lösen mathematische Probleme. Ich dagegen versuche, auf der Gitarre voranzukommen, bessere Prosa zu schreiben oder mich mit Fremdsprachen zu beschäftigen. Und Tätigkeiten wie Geschirrspülen zelebriere ich geradezu. Die Hände in das warme Wasser tauchen, den blauen Geschirrreiniger-Schwamm nehmen und in aller Ruhe das Geschirr vom Schmutz befreien. Dazu kann man dann Musik hören. Moby zum Beispiel. („In my dreams I’m dying all the time“ – Porcelain). Geht es ums Essen, dann ist Buttergemüse die beste Erfindung aller Zeiten. Zusammen mit Reis und Remoulade und Jasmintee.

Und um bessere Prosa zu schreiben, bedarf es der Übung. Daher vordere ich den Leser auf, sich einen Füller zu schnappen, den Kampf aufzunehmen und dagegen anzuschreiben. Die gesammelten Werke der Literaturnobelpreisträger kann man ja nebenher lesen und studieren. Es ist wie in der Musik: Warum sollte ich aufhören, Punk Rock zu hören, nur weil es Klassik gibt? Mozart, Beethoven, Chopin und Rachmaninow laufen doch nicht weg. Warum all die Begrenzungen, Vorschriften und festgesetzten Pläne? Ich hatte als Grundschüler einen pinken Scoutschulranzen, weil darauf Pandas abgebildet waren. Und wie jedermann weiß, sind Pandababys die süßesten Geschöpfe der Natur.

Ein freier Geist ist ungebändigt und fliegt wie ein Drache umher und spuckt Feuer! Nieder mit Unwissenheit und Trägheit. Wissen ist das wahre One Piece. Also solltest du wissenschaftliche Fachbücher sammeln und pauken, was das Zeug hält. Ein Menschenleben reicht dafür freilich nicht aus, aber man kann doch wenigstens den Versuch wagen, so wissend, intelligent und weise zu leben, wie nur irgend möglich. Dazu muss man auch nicht zwangsweise ein Stoiker in Anzug und Krawatte werden.

Theoretisch kann man im 21. Jahrhundert in einer Jurte in der mittelasiatischen Steppe Wurzeln schlagen, eine Bibliothek aufbauen und sich mit dem Internet verbinden. Auch die Gartenlaube kann ein leuchtender Ort der Erkenntnis sein. In welche Spezialthemen du dich stürzt, bleibt dir überlassen. Vielleicht imkerst du eben gerade oder baust Katapulte, um Nachbars Schildkröten auf Himmelfahrt zu schicken. Und wenn du dieses umfangreiche Wissen nur darauf verwendest, eine Geschichte zu schreiben, in der ein Kind mit Teddybär im Arm eine Vorstellung im Zirkus besucht und staunt – dann ist das okay.

Eine sinnvolle Kurzgeschichte wird die Jahrhunderte, die hoffentlich noch kommen werden, eher überleben, als Müdigkeit auf gestreckten tausend Seiten. Weg mit der akademischen Sprache, die keiner mehr versteht. (Es sei denn es geht um Leben und Tod). Als ob alle Kinder und Jugendlichen dumm wären. Als ob alle ‚gering gebildeten‘ Erwachsenen das bis an ihr Lebensende bleiben müssten. Einfach zu den ärmsten der armen Menschen gehen, und ihnen das Textaquarium in die Hand drücken. Und die Welt wird zittern, weil vergessene Stimmen vom Rand der Welt nicht länger vergessen bleiben, sondern literarisch brüllen. (Übrigens ist diese Idee steinalt. Schon im antiken Griechenland gab es die bukolische Dichtung, also noble Verse über das einfache Leben der Hirten. Das fanden die Gelehrten insgeheim spannender als Kriege, Wirtschaft und Politik).

Und wer empört aufschreit, was ich mir hier so denke und zurecht schreibe: Auch dieses Kapitel des Textaquariums ist einfach nur eine Schreibübung, die ich mir aus dem Ärmel geschüttelt habe. All diese Politiker dürfen schwafeln, Sportfans diskutieren über Abseits und Interception. Warum sollte ausgerechnet ein Autor seine Klappe halten? Zumal er lautlos ist und nur in deinen Gedanken erklingt …

Tekeli-li! Tekeli-li!

Und am Ende bist du einfach nur ein Typ mit blonden Haaren und grüner Kutte, der ein wenig verpennt hat. Auf einmal bist du auf einer Stage und man prügelt von allen Seiten auf dich ein, mit Hammer, Baseballschläger, Bomben – dann kommt ein riesiger roter Feuervogel des Weges geflogen – und dann bist du auf der finalen Plattform und wirst von der Hand des Meisters geweckt. Ding Dong, wuff wuff, und du sitzt wieder im Einkaufscenter, starrst auf ein Smartphone und kommst langsam wieder in die Realität zurück. Es ist Mittag, Menschen schwirren wie Honigwaben auf der Flucht vor Bienen herum; und in der zittrigen Novemberluft liegt eine Ahnung von warmem Abendessen.

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‚Der Winter bringt Kälte
Leise schläft der Schnee
Und wenn dann der Frühling
Neugeboren ist
Findet die Wärme
Manchmal nicht ihr Ziel‘
(Aus einem der Folk Songs an denen ich arbeite)