Deutsche hausaufgabe literarische charakteristik

Christoph DorschAufgabenstellung: 08.04.2002

Abgabetermin: 19.04.2002

Hans Christian Andersen: Der Schatten

Charakterisiere die Figur des gelehrten Mannes und die seines Schattens. Gehe dabei besonders auf deren jeweilige Beziehung zur Konigstochter ein und deute davon ausgehend die Rolle und Funktion der Konigstochter im Bezug auf die beiden Figuren. Belege wesentliche Aussagen am Text.

Verfasse auf einem gesonderten Blatt auch eine Gliederung zu deinem Aufsatz.

Gliederung

1. Kurze Inhaltszusammenfassung des Marchens (Seite 1)

2. Charakteristik der Hauptpersonen und deren jeweilige Beziehung zur

Konigstochter (S.1-5)

2.1 Charakterzuge des Gelehrten (S.1-3)

2.2 Charaktereigenschaften des Schattens (S.3-5)

2.3 Die Beziehung des gelehrten Mannes zur Prinzessin (S.5)

2.4 Verhaltnis des Schattens zur Konigstochter (S.5)

3. Deutung der Rolle und Funktion der Prinzessin im Bezug auf die beiden Haupt-

personen (S.5/6)

4. Erklarungsversuche zum Schreibstil von Hans Christian Andersen (S.6)

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In seinem Marchen „Der Schatten“ erzahlt der beruhmte danische Autor Hans Christian Andersen von einem gelehrten Mann, der von den kalten in die hei?en Lander zieht. Dort befiehlt er seinem Schatten im Spa?, er solle in das mysteriose gegenuberliegende Haus gehen und nachschauen, wer dort wohne. Dieser jedoch nutzt die erworbene Freiheit, um sich im Laufe der Zeit mit geschickten Erpressungen Geld zu „verdienen“ und zum Menschen zu werden. Als der Schatten seinen Herrn nach einigen Jahren besucht, erzahlt er seine Erlebnisse. Bei einem zweiten Besuch nimmt der gelehrte Mann das Angebot des Schattens, mit ihm zu reisen, an. Dieser heiratet bei ihrer Ankunft die Konigstochter. Am Tag der Hochzeit bietet der Schatten seinem ehemaligen Herrn an, in seinem Schloss als Diener seinen Lebenunterhalt zu verdienen. Die folgende Drohung des Gelehrten, der Konigstochter uber die Vergangenheit des Schattens aufzuklaren, benutzt der Schatten, um ihn einzusperren und schlie?lich ermorden zu lassen.

Zuerst lasst sich erkennen, dass die beiden Hauptdarsteller des Marchens, der Schatten und der gelehrte Mann, vollig unterschiedliche Charakterzuge besitzen. Bereits zu Beginn des Textes wird der gelehrte Mann vom Autor als jung und klug charakterisiert (vgl. Z.9). Das kann man unter anderem daran erkennen, dass er, wenn auch nicht sehr erfolgreich, selbst Bucher schreibt. Der gelehrte Mann leidet nach seinem Umzug in die hei?en Lander an der gro?en Hitze. Diese ungewohnt hohen Temperaturen belasten den Mann so sehr, so dass er „ganz mager“ (Z.10) wird. Er wohnt in einer schmalen Stra?e mit Hochhausern (vgl. Z.6). Die Stille in dem mysteriosen Haus gegenuber macht den Gelehrten neugierig, jedoch scheut er sich, nachzuforschen, wer in dem Haus wohnt. Die Musik, die er aus dem Inneren des Zimmers vernimmt erscheint ihm „unvergleichlich schon“ (vgl. Z.30). Jedoch relativiert Andersen dies, indem er zugibt, dass der Mann au?er der Sonne alles als „unvergleichlich schon“ empfindet (Z.31). Als er seinen Schatten eines Abends im Spa? zu dem gegenuberliegenden Altan schickt, bemerkt er erst am folgenden Tag, dass dieser spurlos verschwunden ist. Der gelehrte Mann bezeichnet die Situation nur als „unangenehm“ (Z.64), was verwundert, da der Schatten seine einzige Bezugsperson darstellt. Der Gelehrte beschlie?t, in seiner Heimat, den kalten Landern, nichts von dem Vorfall zu berichten. Somit verzichtet er auf den Spott der Einwohner, die schon des ofteren solche Geschichten gehort haben.

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Offensichtlich hat er Angst, sich lacherlich zu machen. Der Autor bezeichnet ihn hierbei als „vernunftig“ (Z.69). Der Gelehrte versucht nun, seinen Begleiter wieder

herbeizulocken. Jedoch scheint es, als interessiere ihn nicht genau dieser, sondern der Gelehrte ist vielmehr darauf aus, uberhaupt im Besitz eines Schattens zu sein. Das zeigt auch seine Freude, als ihm kurze Zeit spater ein – wesentlich gro?erer – neuer Schatten wachst. In den kalten Landern schreibt er nun an seinen Werken „uber die Wahrheit in der Welt und uber das Gute und Schone“ (Z.80/81). Eines Tages besucht der alte Schatten seinen Herrn, wird von diesem zunachst jedoch nicht erkannt, da der ehemalige Untertan des Gelehrten sich sehr verandert hat. Als dieser sich zu erkennen gibt, freut sich der Mann ausgesprochen, obwohl der Schatten in keinster Weise zuvorkommend oder erfreut scheint. Dieser erzahlt ihm nun seine Erlebnisse und der Mann ist fasziniert und beeindruckt von der Tatsache, dass der Schatten ihm als Mensch besucht. Seine ehemals gute Beziehung zum Schatten wird deutlich als er seinen Untertanen als alten Freund (vgl. Z.110/111) bezeichnet. Der Gelehrte ist sehr interessiert und neugierig auf die Geschichten seines fruheren Schattens, was man auch an den Fragestellungen des Gelehrten erkennen kann: „Erzahle, erzahle! Du warst also auf dem Altan, gingst in die Tur hinein und dann – ?“ (Z.138/139). Au?erdem sind keine Anzeichen von Neid beim Gelehrten feststellbar, als er die Goldkette und die Diamantringe des Schattens sieht, was seinem „guten Charakter“ entspricht. Im Verlauf eines weiteren Besuchs erklart ihm der Gelehrte seine Sorgen. Er ist sehr verzweifelt und traurig, da sich seine Bucher uber das Gute schlecht verkaufen lassen. Dies qualt ihn und er leidet sehr darunter, was in einem Monolog besonders deutlich zum Ausdruck kommt: „Ich bin ganz verzweifelt, denn ich nehme es mir so zu Herzen.“ (Z.192/193) Der Mann willigt in seiner Verzweiflung dem Angebot ein, den Schatten auf einer Reise zu begleiten. Jedoch belasten ihn die Sorgen so stark, dass er krank wird. Sogar den Mitburgern fallt auf, dass er mittlerweile wie ein Schatten aussieht (vgl.Z.206), was ihm Angst macht. Als nun der Schatten ihn auf seine Reise mitnimmt, nehmen sie die Rolle des jeweils anderen ein. Somit unterwirft der Mann sich dem Schatten und es ist ihm auch gleichgultig, dass stets der Schatten an der Herrenseite reitet. Sein gutes Herz und seine sanfte, freundliche Natur (vgl. Z.216) lassen ihn nicht daruber nachdenken. Jetzt unternimmt der gelehrte Mann einen Versuch, um den Schatten als Freund zu gewinnen, was der Schatten jedoch ablehnt. Von nun an redet er ihn mit „du“ an, wahrend der Mann ihn siezen muss. Auch hier protestiert er nicht, und

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zeigt damit, dass er offensichtlich zu gutmutig ist und sich fur die Experimente des Schattens ausnutzen lasst. Als sie an ein Bad gelangen, wo der Schatten sich einen Bart

wachsen lassen mochte, begegnet er zum ersten Mal der Konigstochter. Der Gelehrte lasst es nun sogar soweit kommen, dass seine Intelligenz zum Vorteil des Schattens wird, in dem dieser die Klugheit seines ehemaligen Herrn als „Lockmittel“ fur die Prinzessin gebraucht. Am Tag der Hochzeit schlie?lich wird dem gelehrten Mann vom Schatten angeboten, ihm in seinem Schloss zu dienen. Zu spat erkennt er erst jetzt das Vorhaben des Schattens. In seiner Verzweiflung will er die Vergangenheit des Schattens der Konigstochter preisgeben, doch niemand schenkt ihm Glauben. Als irre eingestuft wird der Gelehrte schlie?lich eingesperrt und ermordet.

Der gelehrte Mann muss also letztendlich durch seine Gutmutigkeit und seinen schwachen Willen, gegen den Schatten vorzugehen, sein Leben lassen.

Das genaue Gegenteil des Gelehrten stellt der Charakter des Schattens dar. Zu Beginn, als er beim Mann wohnt, hat er ein gutes Verhaltnis zu seinem Herrn, ist aber noch machtlos. Doch bereits da kommt er durch das Strecken auf dem Altan, das damit verbundene Wachstum und das Aufleben am Abend zu Kraften und somit zu ein wenig Macht, die er kontinuierlich ausbaut. Als der Mann ihn hinuber zum Altan schickt, erlangt der Schatten die ersehnte Freiheit. Schon zu Beginn des ersten Besuchs kann man das arrogante, angeberische und wichtigtuerische Auftreten des Schattens ausmachen. Er erzahlt von seinen Reichtumern und prahlt mit seinen Diamantringen, Berlocken und der Goldkette. Auch ist er nun als Mensch im Besitz von Kleidern. Doch am Anfang des Besuchs nennt er den wichtigsten Grund seines Kommens: „Ich bin in den allerbrillantesten Umstanden, aber es kam eine Art Sehnsucht uber mich, Sie noch einmal zu sehen, ehe Sie sterben, denn Sie mussen ja sterben!“ (Z.110/111) Er redet bereits zu diesem fruhen Zeitpunkt des Gesprachs vom Tod seines Gegenuber, der dies jedoch nicht ernst nimmt. Hier wird also bereits der Grund des Besuchs, die Ermordung des Gelehrten, erwahnt. Denn der Mann ist der Einzige, der ihn, durch sein Wissen von der Vergangenheit des Schattens, auf dessen Weg zur Macht aufhalten kann. Der Schatten besitzt nun die Frechheit, den Gelehrten zu fragen, ob er ihm was zu bezahlen habe (vgl. Z.107), was wiederum seine Wichtigtuerei und angeberische Art erkennen lasst. Der Schatten zeigt aber auch, dass er noch Angst vor seinem Herrn hat, da dieser ihm versprechen muss, nichts von seiner Vergangenheit zu erzahlen (vgl.Z.114/115). Die Angeberei findet in der kostbaren Kleidung ihren Hohepunkt, denn der Schatten

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erscheint in feinstem Tuch, ganz in schwarz und tragt einen Hut sowie hochwertigen Schmuck (vgl. Z.120-124). Die Kleidung verhilft ihm zur unerkannten Ausubung seiner

Schandtaten. Wahrend der Schatten von seinen Bestechungen erzahlt, unterdruckt er den neuen Begleiter des gelehrten Mannes, in dem er mit den Stiefeln auf dessen Arm tritt. Auch den ehemaligen Herrn demutigt er, indem er von ihm verlangt, ihn zu siezen. Jedoch hilft ihm dabei die Gutherzigkeit des Gelehrten, der dies widerstandslos akzeptiert. Nun erzahlt er seine Lugengeschichten, was man daran erkennen kann, dass er bei den konkreten Fragen des Mannes im Bezug auf das gegenuberliegende Haus, in dem der Schatten behauptet, die Poesie gesehen zu haben, geschickt ausweicht. Er berichtet au?erdem von seinem Unbehagen, dass ihm das Dasein als Mensch bereitet: „Ich wurde nicht Mensch sein wollen, wenn die Annahme nicht feststande, da? es etwas bedeutet, einer zu sein.“ (Z.176/177) Allein diese Aussage verdeutlicht, dass er nur darauf aus ist, als Mensch getarnt Erpressungen durchzufuhren. Diese gibt er sogar zu: „Die Professoren machten mich zum Professor, die Schneider machten mir neue Kleider, ich bin gut versorgt! Der Munzmeister schlug Munzen fur mich, und die Frauen sagten, ich ware so schon.“ (Z.183-185) Bei seinem zweiten Besuch offenbart sich eine weitere Unverschamtheit des Schattens, der, als er die Not des Gelehrten, der nur ma?igen Erfolg mit seinen Werken hat, erkennt, ihm noch Vorwurfe macht. Er bietet dem gelehrten Mann frech eine Reise an, die er bezahlen mochte, was eine weitere Demutigung fur den Mann darstellt. Im Laufe der Zeit entzieht er dem Mann so jegliche Macht, denn von nun an reist der Mann als Schatten und umgekehrt. Der eigentliche Grund fur die Reise zu einem Bad ist ein Bart, der ihm fur das „perfekte Aussehen“ eines Menschen fehlt. Dies zeigt die egoistische Haltung des Schattens, der nicht etwa den Mann wegen seiner Sorgen auf andere Gedanken bringen mochte, sondern nur auf seinen eigenen Vorteil aus ist. Er lernt er die Prinzessin dort kennen, durch die er sich den Zugang zur Macht erhofft. Jetzt stellt er seinen Schatten als etwas Besonderes dar, da er sehr intelligent ist und nutzt ihn schamlos aus, um damit die Konigstochter zu beeindrucken. Auch sein Tanztalent gefallt der Konigstochter, so dass sie bald beschlie?en zu heiraten. Nun sieht der Schatten seine Chance, den Mann endgultig „aus dem Weg zu raumen“. Er demutigt den Gelehrten ein weiteres Mal, indem er ihm das Angebot unterbreitet, ihm an seinem Hof zu dienen. Als der Mann sich entsetzt weigert und droht, die Konigstochter von seiner Vergangenheit in Kenntnis zu setzen, nutzt der Schatten die Gelegenheit und bezeichnet den Gelehrten, dem

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niemand mehr glaubt, als „verruckt“ (Z.304). Unter diesem Vorwand lasst er ihn einsperren und kurz darauf in seinem Machtwahn ermorden.

Der Schatten lasst sich somit als arrogant, machtgierig und hinterhaltig beschreiben, da er ohne Rucksicht auf andere nur seinem Ziel, der Macht, nachgeht. Dabei scheut er auch nicht davor zuruck, andere zu erpressen oder sie auszunutzen.

In diesem Zusammenhang ist auch das Verhaltnis zwischen dem Gelehrten beziehungsweise dem Schatten und der Konigstochter interessant.

Der gelehrte Mann begegnet der Prinzessin nur kurz als Schatten und fuhrt ein Gesprach mit ihr. Jedoch reicht dies aus, um die Prinzessin zu beeindrucken. Sie respektiert den klugen Schatten, der auf Grund seiner Intelligenz als Mensch behandelt werden will. Jedoch versteht es der machtgierige Schatten geschickt, es nie soweit kommen zu lassen, dass die beiden sich naher kennenlernen. Und doch spiegelt sich das gute Bild der Prinzessin von dem gelehrten Mann auch am Schluss wieder, als die Konigstochter Mitleid mit dem „Schatten“ ihres Verlobten empfindet und der Gelehrte als „verruckt“ abgestempelt wird: „Armer Schatten!… er ist sehr unglucklich. Es wurde eine wahre Wohltat sein, ihn von dem bi?chen Leben zu befreien, das er hat. Wenn ich es recht bedenke, glaube ich, es wird notwendig sein, es mit ihm in aller Stille abzumachen!“ (Z.308-310).

Der kaltblutige Schatten hat auch bei der Konigstochter nur deren Ausnutzung im Sinn. Dies wird im erheblich erleichtert, als sich die Prinzessin in ihn verliebt. „Blind vor Liebe“ bemerkt die Prinzessin nicht dessen bose Absichten, lasst sich von dem Wahnsinnigen ausnutzen. Der Schatten gaukelt ihr seine Liebe vor, hat damit Erfolg und erreicht schlie?lich sein Ziel, die Konigstochter zu heiraten. Er hat durch ihre Liebe zu ihm so gro?en Einfluss auf sie, dass er das gute Verhaltnis zwischen Prinzessin und Gelehrten zerstort. Er bringt es soweit, dass selbst die Konigstochter es fur besser halt, den „Verruckten“ „…von dem bi?chen Leben zu befreien, das er hat.“(Z.309).

Die Prinzessin stellt so die Richterin fur den Gelehrten dar, da sie als Einzige in der Lage gewesen ware, das Unheil von dem Mann abzuwenden. Dies wird nur durch den starken Einfluss des Schattens auf die Konigstochter verhindert und da der Gelehrte eine Gefahr und das einzige Hindernis fur den Schatten auf dem Weg zur Macht ist,

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muss dieser schlie?lich durch dessen Wahn sterben. Dagegen steht die Prinzessin fur das Erreichen des Ziels. Fur die Erfullung dieses Ziels nimmt er alle Strapazen auf sich

und ist am Ende sogar bereit „uber Leichen“ zu gehen, nur um sich den sehnlichsten seiner Traume, die Macht uber ein ganzes Volk inne zu haben, endlich zu erfullen.

Viele der Marchen von Hans Christian Andersen haben einen schlechten Ausgang fur mindestens eine der Hauptfiguren, wie zum Beispiel in „Der standhafte Zinnsoldat“ oder in „Die kleine Meerjungfrau“. Dies konnte von seiner Kindheit her ruhren, in der er viele schlechte Erfahrungen gemacht und schlimme Erlebnisse hatte. Da er in armlichen Verhaltnissen aufwuchs und seine Eltern relativ fruh starben, musste er sich mehr oder weniger alleine durch das Leben schlagen. Moglicherweise fugte er deshalb immer wieder tragische Szenen ein. In „Der Schatten“ konnte die Hauptfigur aber auch fur das Durchsetzungsvermogen stehen, dass er wie Andersen an den Tag legte und auch er, wie der Autor, der sein Ziel, Schriftsteller zu werden, mit gro?em Ehrgeiz verfolgte, nach der Überwindung zahlreicher Hindernisse sich seinen gro?en Traum erfullte.