Die jahre 82-78

Sullas Gewaltakte und die Prokriptionen

Sulla erkannte, da? der romische Staat nicht durch eine Waffenruhe und Ruckkehr zur ursprunglichen Verfassung zu retten sei. Rachedurstig war er entschlossen, eine radikale Restauration eines Staates herbeizufuhren, der fur seine Gegner keinen Platz mehr bot. Er wollte die physische Vernichtung seiner Feinde, besonders in den Reihen des von ihm als eigentliche Belastung des Staates angesehenen Rittertums, das bis zuletzt dem Sulpicius Rufus seinen Beistand versichert und aus den Ereignissen der letzten zehn Jahre okonomischen Profit geschlagen hatte.

Die nachsten sieben Monate waren erfullt vom Geschrei der Opfer von Sullas Gewaltherrschaft. Er lie? die Gebeine des Marius ausgraben und in den Anio streuen, machte alle Verfugungen Marius´ ruckgangig und entfernte Bilder oder Saulen mit dessen Ruhmestaten aus Rom. Tausende seiner Feinde, ausschlie?lich Aristokraten und Ritter, fielen den Proskriptionen zum Opfer, einem Edikt, das jeden von ihnen in Form offentlicher Listen zu einem Vogelfreien erklarte und dem Dolche eines Morders reiche Beute versprach. Dieses Verfahren war an sich zwar tief aus dem Schatten der Rechtlosigkeit herausgetreten, doch heiligt der Zweck bekanntlich die Mittel. Die Guter der Ermordeten oder Verbannten wurden an Sullas Anhanger versteigert, deren Sohne und Enkel von allen Ämtern ausgeschlossen. Gleiches galt sogar fur die im Kampf gefallenen Gegner Sullas. Durch gelegentliche Erweiterungen der Listen herrschte daruber hinaus eine standige Existenzangst in den fuhrenden Kreisen Roms. Sulla bezweckte eine grundliche Verschiebung in der herrschenden Oberschicht des romischen Volkes zu seinen Gunsten, um seine Erlasse auf Dauer zu etablieren. In den ca. 10000 Sklaven der Proskribierten, die ganzlich als seine personlichen Freigelassenen galten und die von ihm adoptiert und mit dem Gentilnamen der „Cornelier“ versehen wurden, fand er neben seinen Gunstlingen und Veteranen eine weitere, treue Klientel.

Wahrend in Rom nur die Oberschicht Sullas Rachezorn zu spuren bekam, mu?te das geringe Volk Italiens, im Bereich der ehemaligen Bundner, ein noch viel schwereres Joch ertragen. Die Italiker wurden von Sulla trotz Anerkennung ihrer neuerworbenen Rechte wie auswartige Feinde behandelt, nie gesehene Massenabschlachtungen, Vertreibungen und Grenzverschiebungen mu?te Italiens blutdurchtrankte Erde erblicken. Die Samniten wurden vollends ausgerottet und weite Landstriche Italiens derart verwustet, da? sie sich nicht mehr zu erholen imstande zeigten. Diese Bestialitaten erwiesen sich jedoch fur Sullas Position in mancher Hinsicht als vorteilhaft, er konnte nun ungehindert seine ungefahr 100.000 Veteranen auf italischem Boden ansiedeln, befriedigte damit ihre elementaren Erwartungen an ihren Feldherrn und besa? in ihnen ein gro?es Reservoir von Anhangern und standig verfugbaren Kampfgenossen, die, uber ganz Italien verteilt, zusatzlich eine ausgezeichnete „Wachterfunktion“ uber die Italiker besa?en. Dabei bediente er sich auch des Gedankengutes der Gracchen, wenn er untersagte, die zugewiesenen Parzellen eigenmachtig zu verau?ern.

Die Diktatur Sullas

Diese Situation der uneingeschrankten Gewaltherrschaft konnte aber bei einem so stark in Rechtsformen denkenden, auf eine lange republikanische Tradition zuruckblickenden Volk wie dem romischen nicht lange aufrechterhalten werden. Deshalb bemuhte sich Sulla um eine nachtragliche Legitimation seines Tuns. Er erkannte die Bedeutung einer formellen, rechtlichen Basis seiner nach Kriegsrecht erworbenen Macht, um ein dauerhaft zuverlassiges Funktionieren der neuen Ordnung zu gewahrleisten. Da beide Konsuln im Burgerkrieg gefallen waren, lie? er den Senat verfassungsgema? einen Interrex bestimmen. Die Wahl fiel auf den princeps senatus L. Valerius Flaccus, dem gescheiterten Vermittler zwischen Sulla und den Popularen zur Zeit Cinnas. Ihn uberzeugte Sulla von der Wichtigkeit eines Diktators fur das Staatswohl anstelle von den ublichen, neuen Konsulwahlen unter seiner Aufsicht. So wurde Sulla durch ein von Flaccus eingebrachtes Gesetz zum dictator legibus scribundis et rei publicae constituendae (Diktator zur Abfassung von Gesetzen und zur Ordnung des Gemeinwesens) ohne zeitliche Begrenzung, alle rechtliche Gewalt wurde auf Sulla ubertragen und seine gesamten Handlungen und Verfugungen nachtraglich als rechtskraftig anerkannt. Unmittelbar darauf setzte Sulla Flaccus als magister equitum ein und gab uberraschend die Erlaubnis zu Konsulwahlen. Es wird deutlich, da? Sullas Diktatur nicht derjenigen der ursprunglichen republikanischen Verfassung entsprach, vielmehr ubernahm er nur die au?ere Form der fruheren Diktatur, beispielsweise die Ernennung durch einen Interrex.

Sulla baute daraufhin mit tief konservativer Einstellung die romische Verfassung mit der Ambition um, das den Staat tragende aristokratische Herrschaftsinstrument wiederherzustellen und zu erhalten. Dabei wollte er die Verfassung fur zukunftige Angriffe stabiler gestalten und bewirkte unter anderem eine entscheidende Schwachung des Volkstribunats, welches fur ihn die Wurzel allen Übels darstellte. Einem Volkstribunen war furderhin jede weitere Betatigung in einem kurulischen Amte versagt, was bedeutete, da? die Bekleidung dieses Amtes eine zukunftige politische Karriere zerstorte. Auch die unvermeidlich engen Bindungen der romischen Kommandeure zu ihren Heeren und die damit einhergehende Revolutionsgefahr unterband er durch die Verfugung, da? die Magistrate cum imperio wahrend ihrer regularen Amtszeit Italien nicht verlassen durften und somit keinen Kontakt zu einem Heer bekamen. Nach dem Amtsjahr sollten sie als Promagistrate in die Provinzen abkommandiert werden, die sie unter Strafe nicht mit einem Heer verlassen durften. Um die Zahl der Magistrate den Provinzen anzugleichen, erhohte er die Zahl der Pratoren auf acht. Weiterhin reformierte Sulla beispielsweise das Strafrecht durch Vermehrung der stehenden Gerichtshofe und erlie? Gesetze zur Verbesserung der Sitten sowie gegen Ehebruch und Verschwendungssucht.

Sullas Etablierung der Reformen und sein letztes Jahr

Sullas diktatorische Gesetzgebung fand im wesentlichen im Jahr 81 statt. Um die reformierte Verfassung mitsamt den staatlichen Mechanismen in Gang zu setzen, erkannte Sulla klug und umsichtig, da? er sich von seiner Machtposition nach Vollendung seines Werkes allmahlich losen mu?te, um der republikanischen Ordnung ihre Eigendynamik in nun neuen (alten?) Bahnen wiederzugeben. Im Jahre 80 bekleidete er zusammen mit Q. Caecilius Metellus Pius das Konsulat und ein Jahr spater legte er jegliche staatliche Wurde, namentlich seine Diktatur, nieder.

Das Privatleben auf seinem cumanischen Landgut bot Sulla zahlreiche Reize, ahnlich denen seiner Jugend, und er brauchte mogliche Repressalien seiner Gegner aufgrund seiner gewaltigen Klientel nicht zu furchten. Als er im folgenden Jahr (78) starb, geleiteten ihn seine ehemaligen Soldaten in Reih und Glied, wie sie unter ihm gedient hatten, zur letzten Ruhestatte. Sulla, der gro?e, vom Gluck verwohnte romische Staatsmann und Feldherr, konnte die Fruchte seiner Bemuhungen nicht mehr miterleben. In der Nachwelt aber verankerte sich die Erinnerung an seine unerme?lich grausamen Taten tiefer als seine Verdienste um den romischen Staat.