Die Kolonie: Realität und Fiktion

Für den heutigen deutschsprachigen Leser ist das Wort „Kolonie“ aus der Allgemeinbildung heraus meist schwer vorbelastet.
In der Regel zaubert es sofort das Klischeebild vom Weißen Mann, der aus schierer Gier und Bosheit das Land der nicht-weißen Völker stiehlt, um diese ausbeuten oder auszurotten. Dies passierte in der Tat leider sehr oft, gerade im Imperialismus vom 18. ins 20. Jahrhundert. Allerdings war das welthistorische Gesamtbild noch ganzes Stück komplexer und wir lernen in der Schule oft nicht das WARUM und andere wichtige Details.
Man muss sich zunächst klar machen, dass sich der Begriff der Kolonie, wie viele Begriffe, über die Jahrhunderte wesentlich in seiner Bedeutung gewandelt hat.
Das Wort zugrunde liegende lateinische Wort „colonia“ bedeutet nichts anders als „Siedlung“ und leitet sich vom „colere“ ab, was die Urbarmachung von Land bezeichnet.
Im weiteren Sinne bezeichnet der Begriff Kolonisierung also die Landnahme durch eine bestimmte Gruppe außerhalb ihres bis dato üblichen Siedlungsgebietes.

Zu den frühsten bekannten Beispielen gehören die antiken Kolonien der Phönizier in Nordafrika (darunter der spätere Stadtstaat Karthago) und der Griechen in Kleinasien. Auch das Römische Reich betrieb durch die Gründung sogenannter Tochterstädte (etwa Colonia Claudia Ara Agrippinensium/Köln und Londinium/London) in seinem Machtbereich Kolonisierung.
Die skandinavischen Nordmänner („Wikinger“) gründeten im Frühmittelalter unter anderen Kolonien auf den Britische Inseln, entlang der Wolga bis zum Schwarzen Meer, sowie auf Island und auf Grönland.
Auch die Ulster Plantation, die groß angelegte Ansiedlung englischer, schottischer und walisischer Kolonisten in der irischen Provinz Ulster (dem heutigen Nordirland) während des 17. Jahrhunderts, ist klar als inunereuropäischer Kolonialismus zu verstehen (und Quelle des Nordirland-Konflikt).
Es finden sich weiterhin diverse nicht-europäische Beispiele, wie die Kolonisierung des ostafrikanischen Sansibar-Archipels durch das Oman-Sultanat, welches durch Sklaven-und Elfenbeinhandel sowie Gewürznelken-Plantagen derart wirtschaftlich wichtig wurde, dass das Sultanat im frühen 19. Jahrhundert seine Hauptstadt dorthin verlegte.
Japan wiederum wurde im Verlauf des späten 19. Jahrhunderts faktisch eine Kolonialmacht, mit Oberherrschaft und Siedlungsprogrammen in Korea, Taiwan, der Mandschurei und auf verschiedenen Inseln im Südpazifik.
Überhaupt muss so eine Kolonie keinesfalls durch das Meer von der alten Heimat getrennt sein. Die Eroberung und Besiedlung von Sibirien (damals bereits von unzähligen anderen Völkern wie Yakuten, Daur und Tataren bewohnt) durch das Russische Zarenreich und die Kosaken im 17. und im 18. Jahrhundert etwa stellt eines der bedeutendsten Beispiele für Binnenkolonialismus dar. Ähnlich die seit Jahrhunderten schrittweise stattfindende Expansion der Han-Chinesen in Gebiete wie Tibet, Xinjiang, die Mandschurei und die Mongolei (Stichwort: Sinisierung).
Nichtsdestotrotz konzentriert sich dieses Essay vornehmlich auf die europäische Kolonisierung Nordamerikas, die aufgrund ihrer vielfältigen Geschichte besonders anschauliche Beispiele liefert.

Völlig aus dem Kopf schlagen müssen wir uns das Hollywood-Bild wonach Kolonisten massenweise auf dem ersten Schiff sprangen, mit ihren überlegenen Waffen innerhalb von Wochen die Ureinwohner vertrieben und innerhalb von Monaten blühende Städte aus dem Boden stampften. Vielmehr sah die Realität so aus, dass die erste Generation von Kolonisten in der Regel ein harsches Leben in schäbigen, unterversorgten Siedlungen fristete, immer nur ein paar Schritte von einem Dutzend verschiedener Arten eines frühen Todes entfernt. Allein die Überfahrt über den Ozean war zu diesen Zeiten ein Unterfangen, bei dem Krankheiten und unzureichende Ernährung unter den Jungen und Alten, Kranken und Schwachen ihre Opfer einforderten.
Und was die ersten Kolonisten an ihrem Ziel vorfanden für sie verstörend fremdartige neue Welt; mit Klima- und Wetterbedingen, an die sich nicht gewöhnt waren; neue und tödliche Krankheiten; unvertraute Pflanzen und Tiere, über deren Giftigkeit bzw. Genießbarkeit sie nichts wussten; mitunter blutige Konflikte mit den Einheimischen und ganz allgemein die Knochenaufgabe mit oft völlig unzureichenden Vorräten und Werkzeugen eine komplett neue Zivilisation aus dem Nichts erschaffen zu müssen. Mitunter lagen die Probleme schlicht darin dass sich in dem unerforschten Siedlungsgebiet keine ausreichenden Vorkommen an sauberem Trinkwasser fanden oder Klima/Böden für das mitgebrachte Saatgut ungeeignet waren. Was Wunder dass in den ersten Jahrhunderten der europäischen Kolonisation Nordamerikas zahlreiche frühe Siedlungsversuche scheiterten (etwa die von Mythen und Gerüchten umrankte Roanoke-Inselkolonie im heutigen North Carolina, deren Einwohner spurlos verschwanden) und man oft händeringend mit allen möglichen Anreizen nach Freiwilligen für neue Siedlungen suchte, bis hin zur Zwangsdeportierung von (oft für geringste Vergehen) verurteilten Strafgefangenen. Teilweise vergingen zwischen der europäischen „Entdeckung“ bestimmter Gebiete und ihrer ernsthaften Kolonisierung Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte.

Tatsächlich stellten Gründung und Aufbau neuer Kolonien für die europäischen Regierungen im 17. und 18. Jahrhundert einen solchen finanziellen und verwaltungstechnischen Aufwand dar, dass die Chartas dafür nicht selten an private Personen oder Organisationen übertragen wurden. Im Gegenzug dafür diese Privatvermögen investierten, die Anwerbung von Siedlern übernahmen und die Kolonie im Namen des Mutterlandes verwalteten erhielten die Charta-Halter entsprechende politische und wirtschaftliche Privilegien in der jeweiligen Kolonie (eine sogenannte Chartered Colony).

Gängig waren dafür Handelskompanien (Joint-Stock Companies), in denen der Gouverneur der Kolonie aus den Reihen der Shareholder kam, was als Joint-Stock Colony bezeichnet wurde. So wurden die ersten britischen Kolonien in Nordamerika durch die Plymouth Company und die Virginia Company of London begründet, welche die Überfahrt der Siedler finanzierten. Namentlich die Hudson’s Bay Company (Ruperts Land im heutigen Kanada), die Honourable East India Company (British-Indien) und die Vereenigde Oostindische Compagnie (Niederländisch-Ostindien, das heutige Indonesien) wurden so wichtig und machtvoll, dass sie die ihnen zugeteilten Kolonialgebiete politisch, wirtschaftlich und sogar militärisch weitgehend eigenständig verwalteten. Insofern ist die Science-Fiction –Idee von Weltraumkolonien unter der absoluten Herrschaft eines bestimmten Konzerns keinesfalls weit her geholt.

Doch auch im Kontext außerhalb einer Handelskompanie konnten Privatpersonen die eigenständigen Verwaltung und Besiedlung einer Kolonie übertragen werden. Dieses Konzept ist im Englischen als Proprietary Colony bekannt und entsprach im Wesentlichen der feudalen Landübertragung des Königs an einen Vasallen.
Der Aufbau der englische Kolonie Georgia etwa wurde 1730 durch die britische Krone dem privaten Komitee der Trustees for the Establishment of the Colony of Georgia in America übertragen, aus dessen Reihen der bekannte General und Parlamentarier James Oglethorpe als Gouverneur ernannt wurde.
New York hat seinen Namen daher, dass die Kolonie nach ihrem Wechsel von niederländischen in englischen Besitz dem Duke of York übertragen wurde.
Die Kolonie Pennsylvania wiederum konnte 1681 als Privatprojekt von William Penn begründet werden, weil die englische Krone dessen reicher Familie eine bedeutende Geldsumme schuldete und diese für die Übertragung einer kolonialen Charta für ein bestimmtes Gebiet in Englisch-Nordamerika beglich, wodurch Penn zum Gouverneur dieses Territoriums wurde.

Doch selbst wenn eine Kolonie ganz offiziell unter der Verwaltung der Regierung des „Mutterlandes“ stand, etwa als Kronkolonie (Royal Colony/Crown Colony), so muss klar sein dass es den entsandten Gouverneuren mit einer kleinen Handvoll Soldaten und Beamten in den meisten Fällen ziemlich unmöglich war, vollkommene Kontrolle über diese Kolonien auszuüben. Vielmehr waren sie in der Regel realpolitisch gezwungen im unterschiedlich hohen Maße den Einheimischen und/oder Siedlern vor Ort Zugeständnisse zu machen und diese in die koloniale Regierung einzubeziehen, sei es durch Räte/Versammlungen (vor allen in Nordamerika) oder durch gewisse Autonomie für die lokalen Eliten/Adeligen (vor allem in Asien).
Dies trieb mitunter kuriose Blüten, wie etwa den offenen und regen Warenschmuggel zwischen den britischen, französischen und spanischen Kolonien im Nordamerika des 18. Jahrhunderts, welcher nach Gesetzen des Merkantilismus zwar absolut illegal war, doch von vielen Gouverneuren weitgehend ignoriert wurde, da der tatsächliche Warenbedarf der Kolonisten oft nur so gedeckt werden konnte.

Warum trotz all dieser Probleme und Gefahren dennoch Menschen das Risiko eingingen, in Übersee praktisch mit Nichts neu anzufangen? Die Antwort darauf besteht tatsächlich nur aus vielen Antworten, die von Kolonie zu Kolonie und von Siedlergruppe zu Siedlergruppe stark variieren.
Armut und soziale Ungleichheit, politische und religiöse Konflikte sowie grundsätzliche Hoffnungslosigkeit auf bessere Umstände in der Heimat waren allgemeine Motivationen für zahlreiche Siedler und zogen sich dabei durch alle sozialen Klassen.
So finden sich die Ursprünge der spanischen Konquistadoren und dem Kolonialreich, das sie in den Amerikas gründen sollten, in der Region Extremadura. Zur Herrschaftszeit Isabellas I. von Kastilien und Ferdinands II. von Aragon war die Extremadura ein hoffnungslos verarmter Landstrich mit weitgehend unfruchtbaren Böden. Die Berichte einer neuen Welt mit unbeanspruchtem Land und voller märchenhafter Schätze schienen dort wie ein Gottesgeschenk. Söhne des bescheidenen Landadels, die Zweit- und Drittgeborenen und die unehelich Gezeugten kratzten ihre Mittel für Schiffe und Ausrüstung zusammen und scharten junge Glücksritter und Abenteurer (Begriffe, die man nicht im heutigen romantisierten Kontext verstehen sollte) um sich, in Hoffnung auf Ruhm und Reichtum jenseits des Ozeans. Hernando de Soto, Francisco Pizarro, Pedro de Alvarado, Hernán Cortés, Pedro de Valdivia…sie alle und der Großteil der Männer unter ihren Kommando stammten aus der Extremadura. Für manche der Überlebenden zahlte das Wagnis sich am Ende tatsächlich aus, denn unter dem Encomienda-System wurden sie zum neuen Adel der von ihnen eroberten Territorien und bezogen entsprechende Einkünfte aus ihren Ländereien,mit den Ureinwohnern als versklavte Arbeitskräfte zum Bewirtschaften besagter Ländereien.
Der Mythos der Neuen Welt als Ort mit endlos viel angeblich unbeanspruchten Land und Ressourcen (die seit Jahrtausenden bereits ansässigen Natives wurden dann meist erst bedacht, wenn man auf ihr Land vorrückte) , wo jeder tüchtige Mann es ungeachtet seiner Herkunft zu etwas bringen konnte (wobei sich tatsächlich sehr schnell eine neue soziale Hierarchie von Reich bis Arm bildete) sollte ein prägender Anreiz für zahllose Generationen künftige Siedler sein und schlug sich unter anderem auch später in der US-amerikanischen Manifest-Destiny-Doktrin nieder.

Das wirtschaftliche Rückgrat eines jedes langfristigen Kolonial-Projektes bleibt natürlich die Aussicht auf neue Waren, Märkte und Ressourcenquellen. Insbesondere im Angesicht innereuropäische Konflikte schien die Möglichkeit eines wirtschaftlichen Ausweichens nach Übersee attraktiv. Doch so etwas passiert auch nicht über Nacht.
Vor allem in Afrika und Asien aber auch in den Amerikas begannen die späteren Kolonialreiche der Europäer zunächst nur als Handelsposten, sogenannte Faktoreien. Hier konnten die europäischen See-und Kaufleuten die Waren aus ihrer Heimat gegen die regionalen Rohstoffe und Erzeugnisse tauschen und ihre Schiffe für Weiterfahren zu entfernteren Zielen mit Vorräten, Trinkwasser und gegebenenfalls auch einheimischen Seeleuten bestücken. Diese frühen Handelsposten konnten ausschließlich durch den Willen der einheimischen Eliten und Kaufleute bestehen, die ihrerseits Interesse an den europäischen Waren hatten und ihren westlichen Geschäftspartnern dabei in der Regel auf Augenhöhe oder sogar aus einer überlegenen Position heraus begegnen konnten. So musste etwa der Silberhandel zwischen Spanien (über Peru und Mexiko) und China von ca. 1500 bis 1800 lange Zeit primär über den Hafen von Manila abgewickelt werden, da europäischen Schiffen die chinesischen Häfen verboten waren. Ein anderes Beispiel ist die künstliche Insel Dejima in der Bucht von Nagasaki, während der Edo-Zeit der einzige Ort in Japan, wo europäische See-und Kaufleute sich aufhalten durften. Die Errichtung jener ausgedehnte Kolonialreiche, welche die europäische Außenpolitik im ab dem 18. Jahrhundert bestimmten sollte, fand in starker Wechselwirkung mit der Industriellen Revolution statt. Während die damit einher gehende Innovation neuer Technologien (etwa im Schiffbau und der Warenproduktion, aber natürlich auch in Sachen Waffen) und die wachsende Bevölkerungszahl die europäischen Nationen in eine zunehmend stärkere Position brachte wuchs damit aber auch der Bedarf an Rohstoffen (etwa Baumwolle, Indigo, Teer, Pech, Holz und später Baumwolle, Kautschuk und Erdöl) und Nahrungsmitteln (etwa Weizen, Mais, Reis, Rindfleisch und Kabeljau) aus den Kolonien immer weiter an. So war Großbritannien bereits zum Ende des 18. Jahrhundert derart von Importen an Getreide, Salzfisch und schiffbautauglichen Holz aus Nordamerika abhängig, dass selbst in Folge des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges die junge USA langfristig der wichtigste Handelspartner ihrer ehemaligen Kolonialmacht blieben. Die koloniale Plantagenwirtschaft in den Amerikas, Asien und Afrika wiederum machten über die Jahrhunderte schrittweise Tabak, Zucker (dadurch auch Melasse und dadurch auch Rum), Kaffee, Tee und Kakao von Luxusgütern des reichen Adels über Statussymbole des wohlhabend-aufstrebenden Bürgertums zu erschwinglichen Genussmitteln für die städtischen Massen der westeuropäischen Bevölkerung
Ironischerweise war der berüchtigte Transatlantische Sklavenhandel ausschließlich durch die Kooperation westafrikanischer Königreiche und Stammesnationen als Geschäftspartner und „Zulieferer“ möglich. Vorsichtige Schätzungen in der modernen Forschung nehmen an, dass rund 90% aller aus Afrika verschleppten Leute von anderen Afrikanern gefangenen genommen wurden, um sie in den europäischen Handelsposten und Kolonien an der Küste zu verkaufen (noch in den 1870er Jahren standen gerade mal 10% von Afrikas gesamter Landmasse unter europäischer Kontrolle was sich erst 1880-1913 mit dem „Wettlauf um Afrika“ sprunghaft änderte, insbesondere in Folge der sogenannten Kongokonferenz 1884/1885). Unter anderem waren das Königreich Oyo, das Königreich Dahomey, das Kong-Reich und Khasso bekannt dafür, stetig Kriegszüge gegen ihre Nachbarn zum Gewinn von Gefangenen zu unternehmen.

Allerdings war die Gründung von Kolonien nicht in jedem Fall komplett materialistisch motiviert. Die Entdeckung einer Neuen Welt, deren Einwohner noch etwas vom Wort Gottes gehört hatten war für die Katholische Kirche eine klare Mission, auf dem für die Europäer noch weitgehend unerforschten Doppel-Kontinent die „frohe Botschaft“ zu verbreiten, insbesondere da man vermutete dass dort der biblische Garten Eden zu finden wäre und dass die dortigen Menschen womöglich die Verlorenen Stämme Israels wären (Woher die Tradition kommt Native Americans trotz ihrer asiatischen Wurzeln mit mediterranen Gesichtszügen zu zeichnen).
Die „Eroberung der Seelen“ in den Amerikas war in vielerlei Hinsicht eine logische Fortsetzung der Kreuzzüge im Nahen Osten (Wo mit der Errichtung der Kreuzfahrerstaaten; des Königreich Jerusalem, des Fürstentum Antiochia, der Grafschaft Edessa, der Grafschaft Tripolis und des Königreich Zypern; ebenfalls einer Art frühen europäischen Kolonie gegründet worden waren) und der Reconquista auf der Iberischen Halbinsel (Wo die Oberherrschaft des muslimischen Mauren-Reiches von Al-Andalus über rund sieben Jahrhunderte stückweise durch die christlichen Königreiche León, Kastilien, Navarra, Aragón und Portugal verdrängt wurde), insbesondere mit dem durch die Vereinigung der Königreiche Kastilien und Aragón frisch gegründeten Königreich Spanien als wichtigstem weltlichen Gönner.
Ein sehr wichtiger Teil dieses Unterfangens waren die von den Jesuiten-und Franziskaner-Orden überall in Nueva España und Nouvelle-France begründeten Missions-Siedlungen, über welche die katholischen Geistlichen den Katholizismus und die europäische Lebensart unter den indigenen Völkern der Amerikas zu verbreiteten suchten (oft freilich gewaltsam) und aus den später mitunter bedeutenden Städte, wie etwa San Francisco, wurden. Insbesondere die sogenannten Reduktionssiedlungen der Jesuiten in Südamerika erlangten eine solche politische und wirtschaftliche Selbstständigkeit, dass diese Territorien auch als Jesuitenstaaten bekannt waren, bis sie aus wirtschaftlichem Kalkül von der spanischen Krone aufgelöst wurden.

Umgekehrt passierte es aber auch überraschend oft dass religiöse Minderheiten ihre Heimat verließen und speziell deshalb Kolonien errichteten, um dort ihrerseits als Mehrheit voll nach ihrem Glauben leben zu können. Für dieses Konzept ist der Begriff der Kult-Kolonie gängig geworden.
Als zwei der frühsten englischen Kolonien in Nordamerika wurde etwa die Plymouth Colony (1620) und die Massachusetts Bay Colony (1628) durch Angehörige der in England unterdrückten religiösen Minderheit der Puritaner begründet, welche die ersten dauerhaften englischen Siedlungen im heutigen Neuengland aufbauten. Ihr langfristiges Ziel war nicht nur die Errichtung einer Gesellschaft die vollkommen nach ihren religiösen Regeln lebte, sondern auch die Demonstration einer reinen und perfekten Zivilisation dank des Puritanismus an den Rest der Welt.
Interessanterweise führte die rigide Intoleranz der herrschenden Puritaner in der Massachusetts Bay Colony und der 1636 gegründete Connecticut Colony gegen andere religiöse Konfessionen (einschließlich Anglikaner, Quäker und Baptisten) dazu, dass unter Federführung des Baptisten Roger Williams die kolonialen Siedlungen Providence Plantation, Portsmouth und Newport im Jahr 1644 die gemeinsame Colony of Rhode Island and Providence Plantations als neue Kolonie mit absoluter Religionsfreiheit ausriefen und damit Unterstützung bei der englischen Krone fanden.
Ähnlich motiviert wie Roger Williams war der bereits erwähnte William Penn, welcher die Kolonie Pennsylvania nicht nur als Lebensraum für die Quäker und einer von ihnen beherrschten Gesellschaft gründete, sondern dort auch volle Religionsfreiheit und Zuflucht für alle verfolgten Minderheiten Europas garantierte. In dieser Folge wurde das koloniale Pennsylvania sehr stark von verschiedenen in ihrem Heimatländern verfolgten Minderheitenkonfessionen; wie etwa Hugenotten, Mennoniten , Amischen und Juden sowie britischen Katholiken; besiedelt (wobei die Quäker freilich dauerhaft die politisch-wirtschaftliche Führungsschicht stellten).
In Russland wiederum wichen ab im 1667 im Zuge der Nikon-Reformen in der Russisch-Orthodoxe Kirche und Verfolgungen von Gegnern dieser Reform unzählige der sogenannten Altorthodoxe (auch Altgläubige oder Altritualisten genannt) in das dünn besiedelte Sibirien aus, wo sie fernab ihrer alten Heimat neue Gemeinschaften gründeten.
Modernere (und berüchtigtere) Beispiele für Kultkolonien sind die von deutschen Mitgliedern einer namenlosen christlichen Sekte gegründete Colonia Dignidad in Chile (bekannt für schwere Menschenrechtsverletzungen während der Pinochet-Diktatur) und das von dem amerikanischen Peoples Temple gegründete Jones Town in Guayana (Schauplatz des Jonestown-Massaker).

Auch für bestimmte ethnische Gruppen wurden schon spezielle Siedlerkolonien als neue Heimat beabsichtigt (meist mit dem humanitären Problem, das dort schon Leute lebten, die dann entsprechend verdrängt wurden).
So wurden die westafrikanischen Staaten Sierra Leone durch die britische Sierra Leone Company/später African Institution und Liberia durch die US-amerikanische American Colonization Society als Kolonien gegründet, in denen die aus Afrika stammenden Ex-Sklaven in ihrer „ursprünglichen Heimat“ (ungeachtet der Tatsache dass viele von ihnen aus völlig anderen Regionen Westafrika stammten oder bereits in den amerikanischen Kolonien geboren waren) wieder Fuß fassen sollten. Tatsächlich siedelten sich dort zehntausende befreite und frei geborene afrikanisch-stämmige Amerikaner und Kanadier an, die langfristig starken Einfluss auf die Entwicklung beider Ländern nehmen sollten, auch wenn dies nur ein Bruchteil der afrikanisch-stämmige Bevölkerung in den Amerikas war. Zwar war dieses Projekt auch wesentlich als kolonialer Brückenkopf für britisch-amerikanische Geschäftsleute in Westafrika und durch die Intoleranz gegen freie Schwarze in den nordamerikanischen und karibischen Staaten motiviert (in der Tat wurden diese Projekte von zahlreichen Sklavenhaltern mit finanziert), dennoch handelten viele Unterstützer (insbesondere religiöse Abolitionisten, darunter viele Quäker) aus der ehrlichen Überzeugung dass die Siedler in Afrika bessere Chancen auf Freiheit und Gleichberechtigung hätten als in den Amerikas.
Ein modernes Beispiel ist die Gründung des Staates Israel als Siedlerkolonie für Juden aus aller Welt, basierend auf der Idee des Zionismus und unter Eindruck des Holocaust. In der Sowjetunion war bereits 1928 im östlichen Sibirien der Jüdische Autonome Oblast begründet worden (Primär motiviert mit dem Ziel die jüdische Immigration in ein abgelegenes und dünn besiedeltes Gebiet der UdSSR umzuleiten), der auch im modernen Russland noch existiert, obgleich die jüdische Bevölkerung dort niemals eine Mehrheit ausmachte und seit Jahrzehnten konstant abnimmt.

Weniger freiwillige Siedler finden sich in einer Strafkolonie (Penal Colony), deren Kolonisten hauptsächlich aus verurteilten und zwangsweise deportierten Personen bestehen. Die Etablierung einer solchen Kolonie kann zweierlei Gründe haben.
Zum einen kann es sein, dass die Lebensumstände in einer Kolonie derart unattraktiv für Siedler sind, dass zum Bevölkern derselben sprichwörtlich Leute zwangsweise dorthin geschickt werden müssen.
Zum anderen kann es schlichtweg dazu dienen Kriminelle, politische Dissidenten und die Ärmsten der Armen in großer Zahl an einen entlegenen Ort abzuschieben, vorzugsweise für immer.
In jedem Fall hat es für koloniegründende Regierungen den zusätzlichen Anreiz dass man die Einwohner einer Strafkolonie als Arbeitskräfte ausbeuten kann, ohne auch nur vortäuschen zu müssen dass sie irgendwelche Recht hätten.
Im 18. Jahrhundert etwa dienten in Nordamerika die Kolonien in der Chesapeake Bay (im heutigen Virginia und Maryland) Großbritannien und in Louisiana (im heutigen Louisiana, Mississippi und Alabama) Frankreich teilweise auch als Strafkolonien, aufgrund einer Kombination von beiden genannten Gründen. James Oglethorpe plante die ihm unterstellte Kolonie Georgia explizit als Siedlungsort für die Insassen von englischen Schuldgefängnissen, damit diese dort als Bauern ein neues Leben beginnen und durch den Verkauf ihrer Ernte ihre Schulden abtragen könnten, was in dieser Form allerdings niemals realisiert wurde.
Im 19. Jahrhundert verlagerten sich die britischen Strafkolonien dann nach Australien und Tasmanien, wo man von stehlenden Straßenkindern über Prostituierte bis hin zu irischen Freiheitskämpfern alle Arten von unerwünschten Personen verbannte. Auch in Bermuda, Indien und Singapur gab es britische Strafkolonien, deren Gefangene oft zum Bauen und Abwracken von Schiffe, dem Bau von Straßen und Bahnstrecken, dem Roden von Dschungeln und ähnlichen Knochenarbeiten eingesetzt wurden.
Frankreich etablierte Strafkolonien in Melanesien und Französisch-Guayana, von denen insbesondre die Teufelsinsel (Île du Diable) es durch schreckliche Lebensumstände und deren Darstellung in diversen Romanen und Filmen zu trauriger Berühmtheit brachte.
In Russland wiederum wurden in Sibirien und dem russischen Fernen Osten zahlreiche Siedlungen als Strafkolonien gegründet, deren Insassen unter anderem zum Bau von Straßen und Bahnstrecken, in Minen und zum Holzfällen eingesetzt wurden. Ein Brauch der sich vom Katorga-System des Zarenreiches in das Gulag-System der Sowjetunion übertrug.

Im Zusammenhang mit unfreier Arbeit in Kolonien ist die Sklaverei, insbesondere die Versklavung afrikanischer Personen in den Amerikas weithin bekannt. Genauso häufig, wenn nicht sogar noch häufiger fand sich jenes heutzutage weitaus weniger bekannte System, das als Vertragsknechtschaft oder Indentur (Indentured Labour) bezeichnet. In diesem System verpflichtete sich der Arbeitende vertraglich für eine im Vertrag festlegte Zeit unentgeltlich für seinen Arbeitgeber zu arbeiten.
In diesem Zusammenhang konnten (Indentured Servant) faktisch selbst verkauft und gekauft werden, indem ihre Arbeitsverträge an andere Personen verkauft wurden.
Weiterhin hatte ein Vertragsknecht in der Regel zwar Anspruch auf Nahrung, Kleidung und Unterkunft durch seinen Vertragshalter, konnte aber nicht über deren Menge und Qualität Ansprüche stellen, hatte kein Mitspracherecht über Arbeitszeiten und Art der Arbeit und war im Übrigen auch nicht vor Hunger-und Prügelstrafen oder sonstigen Misshandlungen geschützt.
Todesfälle unter Vertragsknechten waren häufig und im Grunde unterschieden ihre Lebensumstände sich von Sklaverei nur dadurch dass ihr Dienst nicht lebenslänglich war, wobei es jedoch diverse Winkelzüge gab, mit denen Vetragshaltern die Verträge verlängerten konnten.
Vertragsknechtschaft fand in den europäischen Kolonien in den Amerikas intensive Anwendung. Gerade in den englischen Kolonien wurden im 17. und 18. Jahrhundert unzählige englische und irische Vertragsknechte auf den Zuckerrohr- und Tabaksplantagen, aber auch allgemein als Farmarbeiter und häusliche Dienstboten eingesetzt. Viele von ihnen waren arme Immigranten, die damit die teure Schiffspassage von Europa bezahlten oder Schuldner, die damit den Schuldgefängnissen zu entkommen suchten. Andere, darunter viele Kinder, wurden schlichtweg in den Städten Englands, Irlands, Frankreichs und Deutschlands von der Straße entführt und auf die Schiffe verschleppt, wo man sie mit erpressten oder gefälschten Unterschriften in den Dienst zwang.
In grausamer Ironie waren es gerade Rebellionen von europäischen Vertragsknechten, welche die Plantagenbesitzer in den Kolonien ab dem 18. Jahrhundert zunehmend dazu bewogen stattdessen verstärkt afrikanische Sklaven als Arbeitskräfte zu nutzen.
Noch schlimmere Ironie war die Tatsache dass gerade zunehmende weltweite Verbote der Sklaverei im 19. Jahrhundert dafür die Vertragsknechtschaft wieder intensivierten.
Nachdem im Jahr 1807 der Import weiterer Sklaven und im Jahr 1833 die Sklaverei im Britischen Empire verboten wurde, begann man stattdessen damit unzählige chinesische und indische Vertragsknechte, sogenannte Kulis, in alle Winkel des Empires zu verschiffen, von Australien und Fidschi über Süd-und Ostafrika bis in die Karibik und nach Kanada, wo deren Nachkommen in vielen Ländern immer noch bedeutende Anteile an der Bevölkerung stellen. Auch hier wurden diese asiatischen Vertragsknechte oft mit Täuschung und falschen Versprechungen, mit Erpressung und Drohungen, mit Entführungen und Verschleppungen rekrutiert und lebten unter elenden, Sklaverei-ähnlichen Bedingungen mit hohen Todesraten. In dieser Folge spezialisierten sich in den Hafenstädten der chinesischen Provinz Guangdong und der portugiesischen Enklave Macau gut organisierte Banden auf die Entführung von Kulis, die bis zur Ankunft der britischen Schiffe zu hunderten in Baracken festgehalten und später auf den Schiffen festgekettet wurden.
Auch in anderen Ländern wurde nach dem Wegfall der Sklaverei starker Gebrauch von chinesischen Kulis gemacht, so etwa auf den Zuckerrohrplantagen von Kuba, in den Guano- und Silberminen von Peru, auf den Kakao-Plantagen von Deutsch-Samoa und beim Bau der transkontinentalen Eisenbahnstrecken in den USA. Die niederländische Regierung wiederum schloss im Jahr 1870 Verträge mit der britischen Regierung über die Einschiffung indischer Kulis nach Suriname und Niederländisch-Indonesien. Eine weitere beliebte Bezugsquelle für solche Arbeitskräfte im 19. Jahrhundert war das Blackbirding auf den Pazifikinseln, wo zehntausende Polynesier, Melanesier und Mikronesier durch Täuschung, Erpressung und Entführung zu Vertragsknechten (genannt „Kanaken“, abgeleitet vom hawaiischen „Kanaka“ für „Mensch“) für die Zuckerrohrplantagen auf Australien, Fidschi und Hawaii gemacht wurden.
Gleichzeitig wurden verschiedene Formen von Indentur weiterhin bei europäischen Einwanderern angewandt, insbesondere der Menschenhandel zu Prostitutionszwecken war so intensiv, dass die US-Regierung im Jahr 1910 mit dem sogenannten White-Slave Traffic Act dagegen vorging.
Erst im frühen 20. Jahrhundert wurde nach diversen Enthüllungsberichten auf öffentlichen Druck durch weitere Gesetzte und deren schärfere Durchsetzung stärker gegen Vertragsknechtschaft vorgegangen.

Ein wichtiger Punkt für einen ausgewogenen und detaillierten Blick auf eine Kolonie sind die Beziehungen zwischen Kolonisten und Ureinwohnern im kleinen Maßstab. Während das Verhältnis im großen und langfristen Maßstab leider oft tatsächlich durch Kriege, Vertreibungen, Ausbeutung oder gar Völkermord geprägt war, so ist doch ebenso auch wahr dass im normalen Alltag in allen Kolonien zwischen Siedlern und Einheimischen auch freundliche Interaktionen passierten, namentlich Handel und gemischte Beziehungen mit Kindern. In südöstlichen Nordamerika etwa waren in den Grenzgebieten Beziehungen von Trappern und Händlern mit indigenen Frauen nicht ungewöhnlich, oft genug aus politischem Bestreben um gute Beziehungen. Berühmte indigene Führungspersönlichkeiten des 18./19. Jahrhunderts mit teilweise europäischer Abstammung waren unter anderem Peter McQueen (Creek), Osceola/Billy Powell (Creek-Seminole), William McIntosh (Coweta-Creek), William Weatherford (Creek), John Ross/ Koo-wi-s-gu-wi (Cherokee), Major Ridge/Ganundalegi (Cherokee), Joseph Vann (Cherokee), Sequoyah/George Guess (Cherokee), Peter Pitchlynn/Hat-choo-tuck-nee (Choctaw), George W. Harkins (Choctaw), Greenwood LeFlore (Choctaw), Holmes Colbert (Chikasaw) und Levi Colbert/Itawamba (Chikasaw). In Kanada und dem Nordwesten der heutigen USA wiederum entstanden durch solche Kontakte zwischen verschiedenen indigenen Völkern und europäischen Jägern/Händlern die sogenannten Métis, welche vor allem im mittleren Kanada des späten 19. Jahrhunderts eine kulturell und politisch überaus signifikante Volksgruppe darstellten, aus deren Reihen die berühmten Führungspersönlichkeiten Louis Riel (Chipewyan/französisch) und Gabriel Dumont (Sarcee/französisch) hervorgingen.
Ebenso fand zwischen verschiedenen Gruppen von Siedlern und Einheimischen im Grenzland an verschiedenen Regionen des Kontinents oftmals stetiger Handel statt, wobei zu den wichtigsten Beispielen der Biberpelz-Handel im Nordosten, der Rehfell-Handel im Südosten, der Comanchero-Handel im Südwesten, der Pemmican-Handel in den Great Plains und die Hudson’s Bay Company im Einzugsgebiet der Hudson Bay zählten.
Namentlich die sogenannten „Five Civilized Tribes“ im Südosten, die Cherokee, Creek, Seminole, Choctaw und Chickasaw konnten mit einigem Erfolg die Technologien, Formen der Regierungsvertretung und Methoden der Landwirtschaft von den Europäern übernehmen….bevor sie ab 1812 unter schrecklichen Verlusten auf der „Trail of Tears“ durch die US-Regierung ins heutige Oklahoma zwangsumsiedelt wurden. In den Great Plains wiederum übernahmen verschiedene Völker (vor allem die Nez Percé, aber zum Beispiel auch die Sioux und die Navajo) die von den Spaniern (wieder)eingeführten Pferde als integralen Teil ihrer Kultur und konnten damit teilweise ebenfalls Handel treiben. Die Navajo übernahmen zusätzlich die Schafzucht, welche ihre Kultur über die nächsten Jahrhunderte mit prägen sollte.
Unbestreitbar ist dass die meisten Verträge über Frieden und territoriale Anerkennung zwischen Kolonisten und Einheimischen langfristig von ersten gebrochenen wurden, doch bedeutet dies nicht automatisch dass diese Verträge stets von Anfang an mit betrügerischen Absichten von Seiten der kolonialen Vertreter geschlossen wurden. Der schiere Zustrom ständig neuer Siedler (von denen viele ohnehin nicht über diese Verträge Bescheid wussten) und die faktisch erstaunlich geringere Kontrolle der kolonialen Autoritäten über diese in den Grenzgebieten (zwischen den Kolonien verschiedener Nationen waren Grenzverletzungen durch Siedler an der Tagesordnung und selbst zwischen den Kolonien des gleichen Landes gab es Konflikte, wie den New York – New Jersey Line War) veränderten die Umstände einfach zu schnell und zu radikal. Berühmtere Beispiele der nordamerikanischen Geschichte sind der Vertrag von Shackamaxon zwischen William Penn und Tamanend von den Lenape; das Abkommen zwischen James Oglethorpe und Tomochichi von den Yamacraw; und der Vertrag von San Saba zwischen Otfried Hans von Meusebach und zwanzig Häuptlingen der Comanche.
Auf der anderen Seite sind namentlich Bacon’s Rebellion, die Fair Play Men, die Paxton Boys und die Black Boys Beispiele für Siedlermilizen, welche Verständigungsverträge zwischen den Kolonialregierungen und den Natives offen verurteilten und illegal jenseits der vereinbarten Grenzen siedelten.
In den spanischen Kolonien der Amerikas wiederum bemühte sich die spanische Krone in einer Mischung aus Zweckdenken und Moral durchaus um rechtlichen Schutz der Einheimischen im Derecho Indiano. So war durch die Leyes de Burgos bereits ab 1512 die Versklavung und Gewaltanwendung gegen die indigene Bevölkerung durch ihre Kolonialherren offiziell verboten, doch aufgrund der kaum durchsetzbaren Kontrolle waren die Zustände faktisch weiterhin wie in der Sklaverei. Infolge der Leyes Nuevas von 1542 konnte das Verbot gegen die Versklavung der indigenen Einwohner im spanischen Kolonialreich zumindest teilweise umgesetzt werden. Hierbei stießen die Befehle aus dem spanischen Mutterland auf sehr starken und anhaltenden Widerstand der Gutsbesitzer in den Kolonien.
Das Britische Empire wiederum konnte die Kontrolle über Indien nur durch Unterstützung einheimischer Fürsten, die in den sogenannten Fürstenstaaten (Princely States oder Native States) starke Souveränität hatten, und durch starke Rekrutierung einheimischer Hilfstruppen behalten. Bestimmte Gruppen, wie Sikhs und nepalesische Gurkhas wurden dabei beim britischen Militär sogar als angebliche „Kriegerrassen“ so beliebt, dass sie in beiden Weltkriegen an vielen Fronten gegen deutsche und japanische Streitkräfte eingesetzt wurde. Der indische Aufstand von 1857 gegen die Herrschaft der British East India Company wurde wiederum unter offener Beteiligungen von Truppen aus 21 Fürstenstaaten (darunter Kaschmir, Bharatpur, Hyderabad und das Königreich Nepal) auf Seiten der britischen Fremdherrscher nieder geschlagen.

In der Umkehr können sich dagegen auch Siedler den Feindseligkeiten von ihresgleichen ausgesetzt sehen. Wenn eine Kolonie über mehrere Jahrzehnte und Jahrhunderte verschiedene Siedlerwellen empfängt, so bildet sich mit der Zeit praktisch zwangsläufig ein Überlegenheitsgefühl der ersten Siedler und ihrer Nachkommen gegen die „Spätankömmlinge“ heraus. Diese als Nativismus bekannte Denkweise führte in Kanada und den USA des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu aggressivem gesellschaftlichen Rassismus; nicht nur gegen Gruppen wie Chinesen und Juden, sondern etwa auch gegen Polen, Deutsche und Italiener. Namentlich irische Einwanderer waren zu dieser Zeit in Kanada und den USA derart schlecht gelitten, dass Karikaturen von versoffenen und gewalttätigen Iren mit affenartigen Gesichtern dort in den Zeitungen ständig zu sehen waren.

Doch ob Ureinwohner oder Siedler, in jedem Fall kann es oft so kommen, dass eine Kolonie aus den verschiedensten Gründen ihre Abhängigkeit zum Mutterland abbricht und als selbständige Nation ihren eigenen Weg geht. Dies kann durch diplomatische Bemühungen geschehen, wie im Fall der kanadischen, australischen und indischen Unabhängigkeitsbewegung oder durch einen offenen Krieg, wie im Fall von Haiti, der USA, Mexiko, Indonesiens, Algeriens; um nur einige Beispiele zu nennen. Man sollte sich jedoch bei allen positiven Veränderungen für viele Leute davor hüten solche Ereignisse gedankenlos zu glorifizieren, wie es häufig in den Massenmedien stattfindet. Tatsächlich waren praktisch alle kolonialen Unabhängigkeitskriege zugleich auch Bürgerkriege, da stets bedeutende Teile der kolonialen Bevölkerung aus verschiedenen Gründen (von persönlichen Vorteilen im Bestehen den System bis hin zu ideologischen Unstimmigkeiten mit den Pro-Unabhängigen) gegenüber dem „Mutterland“ loyal waren. Ein erfolgreicher Unabhängigkeitskrieg bedeutete oft auch Tod oder Exil für zehn-oder hunderttausende von angeblichen und tatsächlichen Loyalisten oder sonst wie „unerwünschte“ Bevölkerungsgruppen.
So etwa der Massenexodus von Kolonisten sämtlicher Hautfarben aus Haiti nach Louisiana; die massenhaften Enteignungen und Ermordungen oder Vertreibungen britischer Loyalisten aus den USA nach Kanada; die Vertreibung fast der gesamten jüdischen und französisch-stämmigen Bevölkerung Algeriens nach der Unabhängigkeit des Landes und der unfreiwillige „Bevölkerungsaustausch“ von Millionen Hindus, Muslimen und Sikhs zwischen Indien und Pakistan als Nachfolgestaaten Britisch-Indiens.

Verlassen wir nun die Erde und blicken in die Tiefen des Weltraums. Die Idee, dass die Menschheit fremde Planeten besiedelt, also kolonisiert, hat sich in der Science Fiction weit verbreitet und zu unzähligen fiktionalen Werken inspiriert. Warum nicht dabei auch einige der Faktoren einbauen, die bei Kolonien auf der Erde wichtige Faktoren waren?
Hier, von der Interseite „TV Tropes“ entliehen vier meiner persönlichen liebsten Ideen-Begriffe für so eine interstellare Kolonie.

*Settling the Frontier
Die Siedler kommen in einer völlig neuen Welt an, in der noch keinerlei zivilisatorischen Infrastrukturen aufgebaut sind. Das fällt nun ihnen zu, mit dem was sie eben gerade dabei haben.
Im schwierigen Fall bedeutet dass keine High-Tech zu haben (siehe „We Will Use Manual Labor in the Future“) oder das diese in bestimmten Situationen nutzlos ist. Das bedeutet auf sich allein gestellt mit Faktoren wie ungünstigem Klima, gefährlicher Fauna und Flora, neuen Krankheiten und einem allgemeinen Mangel von lebenswichtigen Dingen auskommen zu müssen. Langfristig geht es um den Aufbau einer neuen Gesellschaft, aber kurzfristiges schlicht ums Überleben. Es ist eine völlig neue Welt und der Platz dort wird einem nicht geschenkt, man muss dafür arbeiten und kämpfen.
Gut beschrieben ist so ein Szenario in dem Roman The Long Earth, in dem ein Großteil der Menschheit plötzlich die Fähigkeit erhält ohne technische Hilfsmittel in eine schier unendliche Zahl von menschenleeren Parallelwelten mit teilweise unterschiedlicher Entwicklungsgeschichte überwechseln zu können. Dabei kann jedoch nur mitgenommen werden, was die Person direkt am Leib trägt und nichts ab einem bestimmten Eisengehalt (also auch viele gängige Werkzeuge, Maschinen und Waffen nicht). Die Tatsache dass die Menschen einer einzigen Welt sich in kurzer Zeit über sehr viele Welten verstreuen sorgt zusätzlich für kleine Siedlungen mitten in der Wildnis als neue Standardlebensart.
Als TV-Serien wurde dieses Konzept unter anderem in Earth 2 auf einem anderen Planeten und in Terra Nova durch Zeitreisen umgesetzt.

*Space Western
In der Welt sind nun feste Siedlungen einigermaßen sicher etabliert, doch das Leben ist immer noch harsch. Die Sicherheiten und Annehmlichkeiten, die in großen Städten normal sind, bleiben hier immer noch weitgehend unerreichbar. Hier am Frontier herrschen weniger Recht und Gesetz als Waffen und Geld. Die örtlichen Bürgerinstitutionen sind entweder weitgehend ohnmächtig oder grauenhaft korrupt. Vigilanten und Kopfgeldjäger machen die Städte eher noch unsicherer. Außerhalb der Stadtgrenzen liegen bestenfalls noch Farmen und Minen, deren Bewohner zur eigenen Sicherheit stets die Waffe in Griffweite brauchen. Ansonsten ist man von gefährlichen Badlands umgeben, wo skrupellose Banditen, unfreundliche Ureinwohner und aggressive Tiere jede Reise zum Risiko machen. Misstrauen oder gar Feindseligkeit gegen Fremde und Auswärtige sind normal.
Doch hin und wieder gibt es doch mal Leute, die für andere einstehen…
Der Wilde Westen, in einer Mischung aus nostalgischer Romantisierung und hartem Realismus, macht eine Rückkehr in den Sternen. Und als Sahne auf dem Kuchen kommen dann vielleicht noch diverse visuelle Elemente aus dem 19. Jahrhundert vor.
In der Serie Firefly lebt die Bevölkerung in vielen der erst unlängst terraformten Rand-und Grenzwelten tatsächlich in einem so sprichwörtlichen Space Western Setting, dass dort regelmäßig Leute in Staubmantel und mit Revolvern zu Pferd durch westernmäßige Eine-Straße-Städtchen aus kleinen Holzhäusern reiten.
Die Serie Defiance wiederum hat dieses Konzept auf einer postapokalyptischen Erde angesiedelt, die nach einem langjährigen Krieg gegen Außerirdische und versehentlichen Terraforming zu weiten Teilen unkenntlich geworden ist. Hier leben nun zahlreiche Menschen und Außerirdische in auf sich allein gestellten, von Armut und Kriminalität geplagten Siedlungen, umgeben von Wildnis, die von Plündererbanden und aggressiven Aliengeschöpfen unsicher gemacht wird.

*We Will Use Manual Labor in the Future
Nur weil das Setting futuristisch ist, bedeutet es keineswegs dass Roboter, Replikationen und Anti-Gravitations-Fahrzeuge das Arbeitsleben der Kolonie bestimmen müssen. Vielleicht kam es zu einem rapiden Technologie-Rückschritt durch Kriege, Naturkatastrophen, religiöse Dogma o.ä. Vielleicht ist der Import solcher Technologien extrem unpraktisch oder gar unmöglich. Vielleicht ist die Herstellung/Wartung/Reparatur der Technologien einfach zu teuer und aufwendig. Vielleicht erlauben gar gewisse Umweltbedingungen der Kolonie wie etwa extremes Klima oder Magnetfelder die Nutzung bestimmter High-Tech nicht. Kurz, die Nutzung traditioneller manueller Arbeit ist praktischer oder notwendig. Für Minen, Plantagen, Fabriken, Bauprojekte und dergleichen werden daher massenweise Arbeiter benötigt, deren Kosten natürlich so weit wie nur möglich runter gedrückt werden. In Folge dieses Bedarfes an billigen Arbeitskräften können Methoden wie Sklaverei und Indentured Labour wieder attraktiv werden, oder vielleicht auch Leibeigenschaft oder Frondienst, abhängig von den gesellschaftlichen und rechtlichen Zuständen in der Kolonie.
Beispiel ist das erwähnte Firefly wo die meisten Bewohner zahlreicher Rand- und Grenzwelten durch Armut und Tech-Import-Verbote im Alltag auf einem Low-Tech-Level leben und Sklaverei/ Indentured Labour auf mehreren dieser Welten perfekt legal zu sein scheint.
In dem Weltraum-Imperium in Dune ist das religiös-gesellschaftliche Dogma gegen künstliche Intelligenzen derart rigide dass nicht nur in dessen unzähligen Welten traditionell manuelle Arbeit in all ihren freiwilligen und unfreiwilligen Formen dominiert, sondern auch genetisch veränderte und hoch trainierte Menschen, wie Mentaten und Navigatoren, speziell eingesetzt werden um die Arbeit von „denkenden Maschinen“ zu erledigen.

*Feudal Future
Ein Science Fiction Setting kann auch sehr gut mit archaischeren Regierungsformen funktionieren, namentlich Feudalismus. In so einer Weltraumkolonie, die vielleicht von anderen Zivilisationen sehr weit entfernt oder gar abgeschnitten ist, macht die Entwicklung eines solchen Systems durchaus Sinn.
Im Grunde Bedarf es dafür nur einer Gruppe von Siedlern, welche in der Kolonie ein größeres Stück Land unter ihre persönliche Kontrolle bekommen, dessen Besitz ihnen Macht und Reichtum garantiert. Diese Privilegien geben sie an ihre Nachkommen weiter und in ein paar Generationen hat sich so eine neue Adelsschicht gebildet. Vielleicht kehren dann zusätzlich noch diverse Adelstitel aus der Vergangenheit bei diesen Familien zurück, die dem Ganzen noch einen leichten History/Fantasy-Anstrich geben. Gerade in einem Verbund von verschiedenen Planetenkolonien, die aus erwähnten Gründen nicht wirklich zentral regiert werden können, fördert dies die Entstehung von Weltraumfeudalismus noch. Vielleicht werden diese Kolonien sogar von Anfang an einer Familie übertragen.
Eine Möglichkeit liefert das Universum von Warhammer 40.000, wo die über die Galaxis verstreuten Planetenkolonien der Menschheit über Jahrtausende voneinander isoliert waren und in dieser Zeit technisch/gesellschaftlich auf Level zurück gefallen sind, die von Steinzeit über Mittelalter bis 20. Jahrhundert reichen.
In der Serie Killjoys dagegen werden die Planetenkolonien im Quad-System von einem Wirtschaftsunternehmen beherrscht, dessen neun Shareholder-Familien sich über ihren Landbesitz faktisch zum Adel dieser Gesellschaft entwickelt haben und exklusiv in der Luxus-Kolonie Qresh leben, während die Mittel-und Unterschicht auf Westerley (Minen-und Industriekolonie) und Leith (Argrar-und Handwerkskolonie) siedelt.

So weit, die Science Fiction, doch auch Fantasy hat in dieser Richtung Potenzial.
Auf so einem (ohnehin auf die eine oder andere Art von der Erde inspirierten) Fantasy-Planeten bleiben schließlich auch nicht alle Völker bis in alle Ewigkeit am gleichen Ort und die Gründe einer Kolonisierung neuer Gebiete sowie deren stetiger Entwicklung gelten hier ebenso.
Ein schönes Beispiel findet man etwa in der Romanreihe A Song of Ice and Fire mit den Neun Freien Städten, welche als Kolonien des Valyrischen Freistaates gegründet wurden: Volantis und Tyrosh als militärische Außenposten; Lys als Vergnügungskolonie; Pentos und Myr als Handelsposten; Qohor, Lorath und Norvos als Kult-Kolonien sowie Braavos als eine Kolonie entflohener Sklaven. Nachdem das Kernland des Valyrischen Freistaates in einem Kataklysmus vernichtet wurde, entwickelten diese neun Kolonien sich zu eigenständigen Stadtstaaten mit jeweils einzigartiger Kultur und Politik. Zudem sollte die Kolonie Dragonstone auf den Nachbarkontinent Westeros später die Grundlage für die Errichtung eines Großreiches auf diesem Kontinent bilden.
Ein anderes Beispiel ist die Romanreihe Sturmwelten von Christoph Hardebusch, deren Setting ein tropischer Archipel unzähliger großer und kleiner Inseln ist, das an die Karibik in der frühen Kolonialphase gemahnt. Neben den dunkelhäutigen indigenen Völkern finden sich dort Kolonien zweier Großmächte von einem entfernten Kontinent (an England und Frankreich angelehnt); ein kleiner Bund von Inselkolonien, die ihre Unabhängigkeit ausgerufen haben; eine machtvolle Handelskompanie mit Kontrolle über eigene Kolonien (eindeutig an die East India Trading Company aus Pirates of the Caribbean angelehnt) und natürlich haufenweise Piraten und Freibeuter; kurz eine überraschend diverse Auswahl von Fraktionen in so einem Szenario.
Eher enttäuschend muss in dieser Hinsicht die beliebte und in anderen Punkten sehr gute Animationsserie Avatar: The Last Airbender bewerten. Weder wird dort ein glaubhafter Grund für den Kolonialismus der Feuernation angegeben (stattdessen schlicht nationalistischer Größenwahn von drei Generationen Feuerlords) noch wird sonderlich viel vom Leben in diesen Kolonien gezeigt (etwa mögliche Vermischung von kolonialen und einheimischen Kulturen oder wachsende Unzufriedenheit mit der Herrschaft des weit entfernten Mutterlandes). Schade, dieses Potenzial zu nutzen hätte eine gute Serie noch besser gemacht.

Ich hoffe dass diese Übersicht für meine Leserschaft von einigem Interesse war und vielleicht manchen zu eigenen neuen Ideen anregen wird. Neuland und dessen Besiedlung in all ihre vielfältigen und komplexen Formen bieten einem Autor schier unendliche Möglichkeiten.