Die neuzeitliche alchemie:

In der Renaissance bluht das Interesse an der Alchemie wieder auf. Das Hauptmerkmal ist zunachst auf den spirituellen Aspekt gerichtet. Es wird eine Verbindung zur Kosmologie gefordert, welche in Geist, Seele Bindeglieder zwischen Gott und der Schopfung sieht.

Wichtigster Vertreter dieser neuen Alchemie ist wohl Paracelsus. Fur ihn zahlt die Kenntnis der unsichtbaren, Natur der Dinge, im Verstandnis jener geistigen, korperlosen Essenzen, die uberall im Kosmos fur das Wesen und die Krafte der Stoffe verantwortlich sind. Fur Paracelsus ermoglicht die Alchemie das Eindringen in die innere Natur der Dinge und die Trennung ihrer geistigen Wesensmerkmalen von der materiellen Schale. Da die von Natur aus vorhandenen Dinge sich mit den Begriffen der Alchemie deuten lassen, kann das naturliche Schopfungswerk mit ihrer Hilfe vervollkommnet werden.

Libavius hingegen entkleidet die Alchemie aller ihrer mystischen und religiosen Elemente und fuhrt sie auf chemische Vorschriften und Arbeitsmethoden zuruck. Seine ist ein Handbuch fur laborpraktische Beobachtungen, Darstellungsvorschriften und Arbeitsmethoden. Auch Francis Bacon trennt mystische von praktischen Aspekten, kritisiert die unmethodische Forschungsweise, anerkennt aber, dass viele grundlegende, lehrreiche Erkenntnisse im Zuge der Transmutationsversuche entstanden seien. Er sucht selbst nach dem fur eine erfolgreiche Metallumwandlung.

Protestantische Kreise betrachten die Alchemie als Transporteur christlicher Symbole und Inhalte. Martin Luther preist sie, weil sie die Mysterien des Christentums widerspiegelt. Paracelsus gibt eine alchemische Interpretation der biblischen Genesis, wonach die Schopfung als Abscheidungsvorgang im Sinne der Trennung des Guten und Bosen, des Mannlichen und Weiblichen verstanden wird. Den setzt man nur mit Christus gleich, das mit einem allgemeinen Reinigungsprozess des Menschen und der Natur, also mit einer Wiederholung des Erlosungswerkes Christi. Im 17. Jahrhundert wird die Bibel selbst als alchemischer Text verstanden, Moses gilt als von agyptischen Priestern geschulter Alchemist.

Viele Furstenhofe unterstutzten die Alchimisten in ihren Forschungen und begunstigen daher die Verbreitung der Lehre. Das Interesse der Fursten ist dabei auf den materiellen Vorteil, den eine Golderzeugung mit sich brachte, gerichtet, in zweiter Linie ist es aber auch spiritueller Natur.

Die Moglichkeit zur Metalltransmutation wird selbst im Zeitalter der wissenschaftlichen Revolution noch nicht ausgeschlossen. Die schon am Beginn der Alchemie postulierte Auflosung und Ruckfuhrung der Materie in eine Urform und deren drauffolgende Neubildung ist nun im Lichte atomistischer Materiemodelle zu diskutieren. Fur Robert Boyle liefert das korpuskulare Materiekonzept eine neue theoretische Begrundung fur die Umwandlung von Metallen, welche er als Neuordnung der Metallstruktur auffasst, d.h. als Änderung der Gro?e, Gestalt und Bewegung der Teilchen der Urmaterie. Er betrachtet die Metallumwandlung, einschlie?lich des Abbaus von Gold zu unedleren Metallen, als Beweis fur den korpuskularen Materieaufbau.

Isaac Newtons Alchemie steht im engen Zusammenhang mit der Korpuskulartheorie. Er befurwortet die Zerlegung von gro?eren Metallteilchen in kleinere Grundbausteine, aus denen eine Transmutation erfolgen soll. Praktisch geht er von Antimonerzen und Metallen aus, die er mit einem , vermutliche einer konzentrierten Saure, aufzuschlie?en sucht. Ein anschlie?endes Zusammenfugen soll die Umwandlung abschlie?en.

Trotz dieser korpuskularen Deutung der Alchemie hielten sowohl Boyle als auch Newton an den Vorstellungen von , , und fest, Begriffen, die aus der mittelalterlichen Alchemie stammten. Newton war uberzeugt, dass durch (Verwesung) eine chaotische, ungeformte Materie gebildet wurde, aus der neue Substanzen entstunden. Gott wolle von Anfang an diesen Wechsel von Chaos und Neuschopfung.

Mit Paracelsus entfernte man sich allmahlich von der Golderzeugung zu einer Reform der Medizin und einer Sichtung der Arzneimittel. Er gilt als Begrunder der Chemiatrie oder Iatrochemie. Fur Parcelsus sind die Vorgange im Korper auf den , den , zuruckzufuhren. Chemisch synthetisierte (nicht aus Naturstoffen extrahierte) Arzneien werden zum Kennzeichen paracelsistischer Medizin. Das Hauptaugenmerk liegt auf den Metallen als Ausgangsstoff.

Erst in der zweiten Halfte des 18. Jahrhunderts verlor die Alchemie ihre bis dahin noch starke Bindung zur Naturphilosophie und wurde Gegenstand der Aktivitaten geheimer Gesellschaften. Noch immer hatte man sich nicht ganz von dem Glauben an eine mogliche Transmutation losen konnen. Erst die Entwicklung der quantitativen naturwissenschaftlichen Chemie durch Antoine Laurent Lavosier (1743-1854) nahm der Alchemie den Status der Wissenschaft. Den endgultigen Schlusspunkt setzte der moderne Elementbegriff und die Erstellung des Periodensystems.