Die prozeßeröffnung

Der Proze? wurde am 20.11.1945 mit dem Verlesen der Anklageschrift durch Lordrichter Geoffrey Lawrence, dem Vorsitzenden des Internationalen Militargerichtshofes in Nurnberg eroffnet. Nach dem die Anklageschrift im vollen Wortlaut vorgetragen worden war, wurden die Angeklagten aufgefordert, sich fur „schuldig oder nicht schuldig“ zu erklaren. Alle Angeklagten mit Ausnahme des abwesenden Bormann erklarten sich fur „nicht schuldig“. Darauf folgte Robert Jacksons Eroffnungsrede fur die Anklagebehorde. Diese Rede wurde weithin geruhmt, haufig abgedruckt und wird oft zitiert. Hier ein kurzer Auszug:

“ …Die Untaten, die wir zu verurteilen und zu bestrafen suchen, waren so ausgeklugelt, so bose und von so verwustender Wirkung, da? die menschliche Zivilisation es nicht dulden kann, sie unbeachtet zu lassen, sie wurde sonst eine Wiederholung solchen Unheils nicht uberleben. Da? vier gro?e Nationen, erfullt von ihrem Siege und schmerzlich gepeinigt von dem geschehenen Unrecht, nicht Rache uben, sondern ihre gefangenen Feinde freiwillig dem Richterspruch des Gesetzes ubergeben, ist eines der bedeutsamsten Zugestandnisse, das die Macht jemals der Vernunft eingeraumt hat.“ Wenig spater stellte sich Jackson offen der Frage der „Siegerjustiz“:“ Bevor ich auf die Einzelheiten des Tatbestandes eingehe, mussen noch einige allgemeine Überlegungen freimutig erwogen werden, die das Ansehen des Prozesses in der Meinung der Welt beinflussen konnten. Anklager und Angeklagte sind in einer sichtlich ungleichen Lage zueinander. Das konnte unsere Arbeit herabsetzen, wenn wir nicht bereit waren, selbst in unbedeutenden Dingen gerecht und gema?igt zu sein. Leider bedingt die Art der hier verhandelten Verbrechen, da? in Anklage und Urteil siegreiche Nationen uber geschlagene Feinde zu Gericht sitzen. Die von diesen Mannern verubten Angriffe, die eine ganze Welt umfa?ten, haben nur wenige wirklich Neutrale hinterlassen. … Wir durfen niemals vergessen, da? nach dem gleichen Ma?, mit dem wir die Angeklagten heute messen, auch wir morgen von der Geschichte gemessen werden. Diesen Angeklagten einen vergifteten Becher reichen, bedeutet, ihn an unsere eigenen Lippen zu bringen. Wir mussen an unsere Aufgabe mit so viel innerer Überlegenheit und geistiger Unbestechlichkeit herantreten, da? dieser Proze? einmal der Nachwelt als die Erfullung menschlichen Sehnens nach Gerechtigkeit erscheinen moge.“ (11) Und an anderer Stelle: „Die Gefahr, die wir im Angesicht des sittlichen Urteils der Welt zu gewartigen haben, besteht darin, da? die Welt diese Verhandlungen als politischen Proze? betrachtet, den der Sieger dazu benutzt, sich an den Besiegten zu rachen. … Wir mussen allen Deutschen klar machen, da? das Übel, fur das ihre geschlagenen Fuhrer vor Gericht stehen, nicht die Tatsache ist, da? sie den Krieg verloren haben, sondern da? sie ihn begonnen haben.“

Einen Gro?teil seiner Rede widmete Jackson anschlie?end einem Überblick uber das Beweismaterial, auf das sich der Vorwurf der Verschworung zur Einleitung und Durchfuhrung eines Angriffskrieges stutzte.

Aus den Beweisvortragen der Anklagebehorde