Ein Mann muss tanzen können

Hollywood lebt uns vor, wie die Rollen in der Gesellschaft aufgeteilt sind. Insbesondere Blockbuster wollen uns ein Bild davon vermitteln, was typisch männlich und was typisch weiblich ist, wodurch Charakterstärke geschaffen wird und wie sie sich manifestiert.

Da laufen sie rum: Mit Testosteron gespickte Muskelmaschinen, die körperliche Verletzungen wegstecken, als wäre es das fünfte Stück Kuchen bei Oma. In der Linken ein Maschinengewehr, das unentwegt rattert, und in der Rechten ein Säbel, das bedrohlich klappert. Drei Bösewichte hat er schon vor dem ersten Frühstücksbissen abgemurkst, die nächsten fünf folgen nach der Mittagspause – oder währenddessen, wenn man ein bisschen Abwechslung rein bringen will. Dabei verzieht der selbsternannte Held natürlich keine Miene, selbst wenn er zuvor ein Lamm war, das durch widrige Umstände zum Panther mutierte.

Emotionale Verletzungen hingegen schaffen es noch nicht einmal an der Oberfläche dieses Prachtexemplars von Möchtegernmännchen zu kratzen. Denn für einen Mann von Filmindustrie gehört es sich nicht, Gefühle zu zeigen, die auf ein eventuell tiefer liegende Persönlichkeit schließen lassen könnten. Oder gar zu offenbaren, dass ein Menschenleben irgendetwas wert ist. Es sei denn, das Lieblingshaustier wird in einem Akt sinnloser Gewalt niedergestreckt, dann, ja aber nur dann, dürfen Niagarafälle fließen.

Stört ja niemanden, dass dieser Abklatsch eines Protagonisten genau die gleichen Akte sinnloser Gewalt fortführt. Nein, politische Korrektheit wird heutzutage anders ausgedrückt: Die dicke Zigarre zwischen den Zähnen hat man ihm im Zuge der Politisierung entfernt, damit der Film noch eine ordentliche Jugendfreigabe bekommt.

Doch das sind keine Männer, die uns da als das Non-Plus-Ultra maskuliner Eigenschaften vor den Latz geknallt werden. Das ist das, was übrig bleibt, wenn man einen Neandertaler in die heutige Zeit versetzt. Ein wahrer Mann ist so viel mehr!

Denn obwohl diesen verkappten Hornochsen von oben so ziemlich die Hälfte aller Qualität fehlt, die ein Menschenwesen ausmachen, geschweige denn einen Mann, konzentriere ich mich hier auf eine Fähigkeit, die jeder Mann besitzen sollte: das Tanzen. Weil ein Mann, der nicht tanzen kann, immer nur ein halber Mann bleiben wird. Die Gründe hierfür sind vielfältig, drum hört mich an.

Zivilisation basiert auf Kultur und egal, wohin man sich auf unserem Planeten wendet, ist der Tanz immer da. In einer Form oder einer anderen findet man ihn einfach immer wieder. Ein Mann der tanzen kann, hat also einen bedeutenden Teil seines kulturellen Erbes nicht vermittelt bekommen oder schlichtweg nicht verinnerlicht. Damit macht er sich selbst schnell zum Ausgestoßenen. Da der Mensch ein Gesellschaftswesen ist, ist die Bildung zu einer Gemeinschaft nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für Kleinstgruppen, z.B. Paare oder Familien, von äußerster Bedeutung. Viele soziale Ereignisse erfordern nämlich die Interaktion von Mann und Frau in einem kodierten Rahmen: Geburtstag und Hochzeit sind nur die größten Beispiele.

In diesem sozialen Rahmen ist Musik immer dabei, und mit der Musik folgt der Drang sich zu bewegen. Natürlich ändert sich die Musik je Anlass und Epoche, trotzdem ist sie grundsätzlich präsent. Damit ist die Grundlage für den Tanz auch schon gegeben.

Historisch betrachtet war der Tanz sogar noch mehr wert, denn an dieser Fähigkeit erkannte man die Zugehörigkeit einer Person zu einer sozialen Schicht. Das Bauernvolk hatte andere Tänze als der Adel. Bis heute wird in der Diskothek anders getanzt als beim sechzigsten Hochzeitstag der Großeltern. (Eine Errungenschaft, die heutzutage in Vergessenheit zu raten droht.) Und doch: alle gesellschaftlichen Schichten konnten irgendwie tanzen. Es ist einfach ein Grundbedürfnis des Menschen.

Männer mussten tanzen lernen, um sich ihrer Angebeteten zu nähern, um auf sich selbst aufmerksam zu machen und um in einem geschützten und gesellschaftlich nicht herabgewürdigten Rahmen Zeit mit ihr zu verbringen – ohne dass irgendeine Stigmatisierung folgte. Man durfte sich sogar anfassen. Oftmals war es sogar die einzige Möglichkeit einer privaten Unterhaltung zwischen verschiedenen Geschlechtern, weil alles andere schon zu Tratsch führte.

Tanzen ist demnach seit Jahrhunderten, wenn nicht gar seit Jahrtausenden fester Bestandteil menschlichen Balzverhaltens. Und es gibt gute Gründe dafür.

Im Tanz drückt der Mann gleichzeitig zwei Fähigkeiten aus: Einfühlungsvermögen und Führungsqualitäten. Beim Tanz wird vom Mann verlangt, dass er führt, also die Schritte vorgibt und den Weg lenkt. Gleichzeitig muss er sich auf seine Tanzpartnerin einstimmen, um die richtigen Impulse zu geben – stärker oder schwächer, je nach Bedarf.

Das erleichtert die Entscheidung der Dame. Denn wenn sie weiß, was für eine Art Partner sie haben will, offenbart sich der Charakter ihres Gegenübers in seinem Tanzstil. Es liegt nahe, dass die Art zu Führen sich vom Tanz in das restliche Leben übertragen lässt. Immerhin muss der Mann auch willens sein, sich auf einen anderen Menschen einzustellen.

Wenn jemand sehr forsch und dominant auf dem Parkett ist, wird er das wohl auch am heimischen Herd sein. Wenn er sich hingegen nicht traut, seine Rolle als Führungspersönlichkeit einzunehmen, wird das wahrscheinlich auch so im Alltag laufen. Natürlich kann das Pendel auch irgendwo zwischen diesen beiden Extremen liegen – und das ist meistens der Fall. Was so oder so Bestand hat, ist die Tatsache, dass man im Tanz sehr gut ablesen kann, wie man im Alltag harmonieren wird. Denn alles ist in Ordnung – so lange beide Seiten damit einverstanden sind.

Außerdem ist es eine hervorragende Gelegenheit, sich einmal nahe zu kommen. Wenn man nur einen Arm weit voneinander entfernt ist, kann man schnell feststellen, ob man sich riechen kann oder nicht. Hinzu kommt die körperliche Betätigung, die bindend oder abstoßend wirken kann. Unter Umständen kann man sogar etwas über die persönliche Hygiene des Tanzpartners erfahren.

In einer Epoche, die sich mehr und mehr als zivilisiert betrachtet (auch wenn Europäer das schon immer von sich behaupteten), kann man einfach nicht auf das Tanzen verzichten. Mehr denn je ist er das Sinnbild für eine gelungene Partnerschaft. Auf dem Parkett zeigt sich erst, welcher Mann sich im Neandertalerkostüm pudelwohl fühlt und welcher sein volles Potenzial entfalten möchte. Letzteres ist die Art von Mann, von der die Welt mehr braucht.

Drum, liebe Leute, tanzt!