Essays und Kritiken zu den Serien Simpsons + Futurama

Vorbemerkung

Im Nachfolgenden einige Kritiken und Essays von mir zu den Serien „Simpsons“ und „Futurama“. Die Texte sind teilweise etwas älter, teilweise aber auch aktuell (siehe Kritik zum Simpsons-Kinofilm) und stammen aus dem Foren- bzw Usenetbereich. Dies ist natürlich nur eine kleine Auswahl von Arbeiten aus diesem Bereich. Da es sich etwas an „Hardcore“-Fans wendet, tauchen wohl auch diverse Fachausdrücke auf, des weiteren werden Folgen mit englischen Originaltiteln oder Produktionscodes bezeichnet. Ich hoffe, dass es trotzdem auch allgemein verständlich bleibt und Interesse findet. Meine generelle Meinung ist gegenüber aktuellen Entwicklungen der Serie kritisch eingestellt und sieht die wahre Glanzzeit in den ersten Jahren.

Noch kurz zu div. Abkürzungen: der Begriff OFF (Our Favourite Family) bezeichnet schlicht die Simpsons, mit F3K ist Futurama gemeint. Zahlen wie 7G11 bei Simpsons oder 4ACV bei Futurama etc. sind Produktionscodes, die Folgen bestimmten Staffeln zuweisen.

Kritik zum Simpsons-Kinofilm

Hier also nun von mir die lange erwartete (?) Kritik zum OFF-Film. Ich muß jedoch warnend vorausschicken, daß ich ihn nun nur einmal gesehen habe und auch das bereits vor 3 Tagen. In der Regel schaue ich mir Folgen vor Reviews natürlich mehrfach an und auch parallel zum Schreiben. Das geht nun nicht. Sollte ich also im Text wichtige Dinge übersehen oder falsch interpretiert haben, bitte korrigieren.

Um gleich eines vorauszuschicken: ich mag den Film durchaus und bin keinesfalls der Meinung, daß er grob mißlungen ist. Er ist nett und auch für den klassischen Fan zum mehrfachen Ansehen zu empfehlen – wobei man sich allerdings den kritischen Geist bewahren und nicht zu sehr auf die Fassade aus netten Einzelgags und bunter Animation vertrauen sollte. Denn „unter der Haube“ ist der Film doch relativ deutlich ein Kind seiner Zeit und seines Staffelumfeldes.

Sehen wir uns also einige Aspekte an bzw. stellen wir einige Fragen.

Trotz all der positiven Einzelideen und eines Ergebnisses, daß sicher besser ist, als von vielen erwartet: ist das wirklich *der* Film, an dessen Story die einstmals besten Autoren der Branche nun jahrelang gearbeitet haben, bis sie einen Plot hatten, den sie für die große Leinwand als würdig empfanden? Kommt der Film nicht viele Jahre zu spät und zeigt er nicht in zuvielen Bereichen auch die Handschrift aktueller Staffeln, um in das moderne Schema der Serie zu passen?

Die Charakterisierung ist bemüht, gerade aber auch bei Homer IMO arg sprunghaft. So wechselt er ziemlich abrupt zwischen klassisch-nettem Homer, S1x-Jerkass, Volltrottel und Prügelknabe. Er gewinnt Sympathie in vielen Szenen, verspielt sie aber kurz darauf auch schnell wieder, meist zugunsten eines Gags. Geistreiche Homerismen waren auch selten.

Emotion ist zwar immer wieder da, aber es wird auch deutlich, daß die Macher Homer und Marge schon lange nicht mehr den Status des „realen Paares“ in der Art von „Life on The Fast Lane“ zugestehen. So dürfte es auch bezeichnend sein, daß selbst eine Liebesszene der beiden zu einem langen Parodiegag über Disney-esquen Kitsch umgestaltet wird, nur um keine Laufzeit für allzu menschlich-reales zu vergeuden.

Wie ich schon erwartet hatte, kommt Lisa im Film auffallend kurz und fällt zu oft in die einseitige Charakterisierung vieler neuer Folgen. Sie schwankt zwischen Moral-Blabla und kicherndem Kindchen, ohne daß von der klassischen Vielschichtigkeit dazwischen viel zu bemerken ist. Eine der interessantesten Szenen ist der emotionale Ausbruch, als sie mit den Worten „You monster…“ in hilfloser Wut Homer angreift. Aber das ja nur für Sekunden, dann wieder zurück zum gelben Stichwortgeber und zum braven kleinen Colin-Plötchen.

Es wurde auch kritisiert, daß von vielen Nebencharakteren zu wenig zu sehen ist bzw. diese oft nur Einzelsätze haben. Zu dieser Kritik sage ich aber eher „Jein“. Der Film ist über OFF und fokussiert daher auf die Familie bzw. auf den Zusammenhalt der dysfunktionalen Familie vor dem Hintergrund einer noch schrägeren Welt. Zuviele Szenen mit Nebencharakteren wären daher eher störend bei der doch begrenzten Laufzeit.

Das Problem bei der familiären Thematik ist dabei weniger der stärkere Fokus auf Homer, sondern mehr die Ansammlung bekannter Plotmuster dazu: Bart sucht sich eine neue Vaterfigur. Lisa findet die erste (?) Liebe. Homer und Marge entfremden sich voneinander und Marge weiß nicht mehr, ob sie Homer wirklich noch liebt. Am Ende finden sich alle wieder und erkennen dabei, daß ihr Zusammenhalt am wichtigsten ist. So weit, so klassisch, so altbekannt. Wenn ich zu jedem dieser Plotmuster sofort eine „kleine“ TV-Folge nennen kann, die es besser gemacht hat, dann ist das zumindest kein überzeugend innovativer Aspekt des Films.

Ein weiteres Problem des Films: der handlungstragende „Schurke“ namens Russ Cargill. Und allein schon der Name hat hier irgendwie den Beiklang all jener charakter- und motivationsarmen Einmalcharaktere der modernen Staffeln. Wer ist Russ Cargill? Was will Russ Cargill? Warum zum diddly hasst er Springfield und verfolgt die Simpsons? Trotz schöner (jedoch auch altbekannter) Sprecherarbeit von Al Brooks wird aus dem Charakter doch niemals mehr, als ein Aufhänger für Gagszenen.

Nur eine bescheidene Idee: warum wurde als Schurke nicht Sideshow Bob verwendet? Sideshow Bob, der sich in die Rolle des Präsidentenberaters geschlichen hat und der nun auf manipulative Weise Rache nehmen will an Springfield und an den Simpsons. Voila – da wäre ein lustiger Charakter mit ernsteren Seiten, mit Stil und vor allem mit Motivation. Was hätte uns Kelsey Grammer für filmwürdige Tiraden und für kulturpessimistische Monologe liefern können. Nun könnte man sagen, daß Bob den Machern wohl als Figur zu sehr mit der Serie verbunden war. Okay, aber dann wäre ein bißchen mehr Hintergrund für Russ Cargill zumindest hilfreich gewesen.

Die klassische Stärke der Serie war doch, daß die Ereignisse im kleinen Kosmos der Familie und in der kleinen Heimatstadt so dargestellt wurden, daß sie ein satirischer Spiegel der großen Ereignisse auf der Welt waren und somit stets eine Darstellung und Hinterfragung des Großen im Kleinen möglich wurde. Und das trotz satirischer Überzeichnung und Freiheiten in der Cartoonrealität. Das hat auch viel mit der „Suspension of Disbelief“ zu tun, die IMO für animierte Satire ungemein wichtig ist.

Ich glaube, daß in der Welt der Serie eine Kleinstadt einen Antrag auf Ausweisung der Emmigranten stellen kann. Ich glaube, daß eine Protestgruppe von Eltern eine gewalttätige Trickserie in ein arg langweiliges Gegenteil verkehren kann. Ich glaube, daß eine simpel gezeichnete und fremdartig aussehende Figur tieftraurig sein kann, weil ihr Aushilfslehrer die Stadt verläßt. Ich glaube meinetwegen sogar noch an einen großen Sonnenblocker, der als schräger McGuffin einer Handlung dient.

Ich glaube in der Welt der Serie aber nicht an ca. 850 CGI-Hubschrauber, die eine Riesenglaskuppel aus irgendwelchen Gründen auf eine komplette Stadt stellen, welche von einem eindimensionalen Schurken im „Auftrag“ eines fiktiven Präsidenten dann zerstört werden soll. Wo ist hier der Spiegel des Großen im Kleinen, wo das Ziel der satirischen Freiheiten?

Es gibt sicher immer wieder gute satirische Versatzstücke und einzelne Ideen, aber was will uns der Film denn als Gesamtkonzeption (und genau das war doch die Stärke klassischer Folgen) sagen? Ist es eine Satire zum Thema Überaktionismus im Umweltschutz? Zum Thema Manipulation der Regierung? Zum Thema Isolation anstatt Lösung von Problemen? Warum ist das Thema (Umweltschutz) überhaupt so harmlos und unverfänglich?Hätte es keine schärferen Themen für den großen Film gegeben oder wollte man auf der sicheren Schiene der aktuellen Staffeln bleiben?

Das ganze Problem zeigt sich vielleicht auch noch am Schluß, der dann nach der Aktschn einfach da ist, ein paar schöne Szenen bietet, etwas Emotionen, ein paar (gute) nachgesetzte Gags Marke Jean. Gibt es einen fragenden Ansatz zum Schluß oder sogar einen pessimistischen Unterton? Lisa geht mit Colin Eisessen, Homer hat seinen Sohn zurück, Marge und er radeln in Serienanlehnung aus dem Bild. Schön. Alle Probleme gelöst und niemandem zu sehr auf die Füße getreten.

Wie wäre es mit einem Schlußbild, in der eine mutierte Tierart aus der nun zerstörten Kuppel entkommt und sofort damit beginnt, die heimische Tierwelt zu dezimieren? Wie wäre es mit dem Schlußbild des Präsidenten, der die Krise als gelöst betrachtet und von einem neuen, manipulativen Mitarbeiter das nächste Gesetz zur Umweltzerstörung/Rechteeinschränkung etc. vorgelegt bekommt und sofort unterschreibt? Wie wäre ein Schluß in der Reihenfolge „Gag – glaubwürdige Emotion im Kleinen – ernsteres Bild über die Lage im Großen“ als Abschluß eines Simpsons-Films gewesen? Vor etwa 10 Jahren hätte ein solcher Schluß sicher eine Chance gehabt.

Was die technische Umsetzung betrifft: sehr schöne Sprecherarbeit aller Beteiligten, inklusive der eher dezenten Gaststars. Der visuelle Stil ist sicher für moderne Zuschauer beeindruckend und stützt den Plot. Es wäre wohl auch für meine Verhältnisse ein allzu schräges Argument, wenn ich nun sage, man hätte den Film im S2-Stil animieren und zum Ausgleich mehr auf andere Werte achten sollen. Trotzdem wird die Welt der Serie für mich allein durch ausgefeilte Mimik und Details nicht lebendiger, da gibt es noch andere Dinge. Und gewisse Einstellungen und Schwenks wirkten in der Tat übermäßig steril und unpassend im OFF-Kosmos.

Um zum Ende hin auch nochmal das Positive zu betonen: ich fühlte mich von dem Film gut unterhalten und er war trotz obiger Probleme oftmals sogar näher an den Wurzeln der Serie, als gewisse S1x-Folgen. Ein paar krude Gags, viele nette Gags, manche zu kurz, manche zu lang. Bei den Autoren ist noch immer viel Potential da, es sollte sich nur nicht zu sehr hinter Harmlosigkeiten und Cartoon-Konventionen verstecken. Der Serie stand mal ein Welt offen, die größer war, als die Popkultur und der Versuch, bewährte Schemen in ein Mainstream-Kinoformat zu bringen.

Mit die schönsten Gags waren die kleineren Sachen, die Dialoggags, die aus den Eigenheiten der Charaktere entstanden. Es gibt da eine richtig schöne Szene (nach Humer-Quälerei) als die eingesperrte Familie leise das Geräusch der Abrißkugel gehört hat. Bart sagt „It was probably just a moth“ und Marge sagt in mitfühlendem Ton „I hope it´s okay.“ Und das ist IMO lustiger, als so manch CGI-gestützter Haudrauf-Gag. Auch viele andere Szenen verdienen natürlich Lob, es sei nur die NSA-Szene und die beste Russ-Cargill-Szene mit der Manipulation des Präsidenten erwähnt.

Leider schien den Machern kurz vor dem Film das übereifrige Marketingstreben etwas durchzugehen, denn viele Szenen waren so bereits bekannt oder in Trailern zu sehen – was das Überraschungspotential untergräbt, siehe z.B. den Schniedelgag mit Bart. Das war IMO ungeschickt. Auch die Ankündigung über all die falschen Spuren und unechten Szenen etc. waren am Ende nur Phoney Baloney, denn alle Trailerszenen kamen im Film vor. So war letztlich auch diese Werbestrategie bezeichnend konventionell.

Fazit: es gäbe sicher noch mehr zu sagen, aber kommen wir zu einem Ende dieses arg unstrukturierten Reviews. Ist der Film zu empfehlen? Ja. Er ist zu empfehlen, weil trotz seiner Defizite IMO manch schöne Idee und gute Leistungen aller Beteiligten dahinterstehen. Ist er aber als *der* OFF-Film zu empfehlen, auf den nun jahrelang gewartet wurde? Hier wäre ich mit Zustimmung etwas vorsichtiger, denn zu sehr fehlt dem Plot die wahre Innovation und Schärfe, den Charakteren die klassische Tiefe, die über den Gagträger hinausgeht. Zu sehr ist er ein Kind seiner Zeit und des Kinomediums geworden und zu sehr kommt er viele Jahre zu spät.

Auf eine Bewertung mit Notenwerten der Serie möchte ich nun verzichten, nach all der Tipparbeit würden mich aber einige Kommentare aufbauen.

Chris

Review zu Folge 7G11 „Life on the Fast Lane“

Okely-Dokely, ich schreibe mal wieder ein Review zu einer klassischen Folge. Und wenn ich sage klassische Folge, dann meine ich es auch so: Episode 7G11 „Life on The Fast Lane“ aus S1, Erstsendung 18.03.1990.
Im Moment läuft auf NHC gerade mal wieder eine Abstimmung über die je besten Folgen pro Staffel und beim Thema S1 gab es dort auch mehrfach Lob für „Fast Lane“. Es ist gerade in der heutigen Zeit interessant, daß es noch Leute gibt, die aktuelle Folgen nicht einfach ignorieren und sich ihnen kritisch stellen, die auf der anderen Seite aber eben auch die wirklichen Klassiker so hoch einschätzen und loben. Das ist im deutschen Sprachraum (zumindest online) IMO kaum noch anzutreffen.

Gerade in der heutigen Zeit, in der „Beziehungskrisen“ zwischen Homer und Marge fast nur noch zur Standardformel für flache Comedy geworden sind, ist ein Rückblick auf die Substanz von Klassikern des Subgenres interessant. „Life On The Fast Lane“ ist die erste gesendete Episode mit diesem Thema, die erste produzierte war jedoch mit 7G10 „Homer´s Night Out“, welche aber 1990 eine Woche später gesendet wurde. „Fast Lane“ ist von beiden Folgen IMO eindeutig die bessere.

Während sich „Night Out“ etwas zu sehr in eine versuchte Mischung aus Humor und (letztlich vorzitierter) Moral verzettelt, verläßt sich die zuerst gesendete und damit grundlegende Ehekrisen-Folge mehr auf ihre charakterlichen *und* dramatischen Qualitäten. Durch das Fehlen eines humoristischen Subplots, wie wir ihn z.B. bei „Moaning Lisa“ durchaus hatten, dürfte 7G11 sogar die ernsthafteste Folge der Serie überhaupt sein. Und gerade das macht sie in den aktuellen Tagen von plumpem und schnellem „Fun“ so beeindruckend und interessant. Ein Anachronismus heute? Ein Anachronismus oder gewagtes Cartoon-Experiment damals?

Einer der früher in Interviews von den Machern geäußerten Grundsätze der Serie lautete in etwa: „Explore the inner being and the emotions of these cartoon characters“. Das ist eine Qualität, die in S2 dann zur Perfektion gelangte und bis mindestens S7 eine mehr oder weniger grundsätzliche Qualität der Serie blieb. Daß diese Qualität bis auf wenige Ausnahmen nun verloren gegangen ist (und „just to be funny“ nun als die Hauptmaxime gilt) ist trotz Offenheit für mich mit ein sehr wichtiger Kritikpunkt an aktuellen Staffeln.

Aber zurück zu „Fast Lane“. Die Story über Homers schlechtes Benehmen beim Kauf des Geburtstagsgeschenks für Marge, deren „Offensive“, sich tatsächlich am Bowling zu versuchen, das Treffen mit Jacques und auch die folgende Versuchung und Krise klingen auf den ersten Blick nicht wirklich einfallsreich. Ein wichtiger Punkt ist hier aber, daß diese Handlung mit Zeichentrick-Charakteren dargestellt wird – und zwar in einer Weise dargestellt wird, daß man nach kurzer Zeit gar nicht mehr darauf achtet, daß es „nur“ gezeichnete Figuren sind, sondern Anteil an ihrem Verhalten und ihren Entscheidungen nehmen kann.

Das war damals neu und ist bis heute IMO eben so beeindruckend gerade an den frühen Jahren. „Moaning Lisa“ war hier der Pionier, zur wahren Perfektion gelangte er natürlich wieder in S2 mit Folgen wie „Lisa´s Substitute“ (der wohl besten Charakterfolge aller Zeiten). Man beachte in 7G11, wie sehr sich die Folge Zeit für die Charaktere und deren stille Momente nimmt: siehe etwa Homer, als er die Bowlinghandschuhe findet, die generelle Darstellung von Marges Unsicherheit gegenüber Jacques, auch den kleineren Subplot, in dem Bart und Lisa die Stadien von Matt Groenings „Childhood is Hell“ durchlaufen. Man beachte auch die Darstellung von Barts und Lisas Verhalten als reine Kinder, die sich nicht irgendwie konstruiert einmischen, sondern auf ihre eigene Art vom kindlichen Blickwinkel aus damit umgehen. Gerade Lisas Verhalten hat hier essentielle Aspekte für den Charakter.

Ein wichtiger Faden in der Geschichte ist auch die Unfähigkeit zur Kommunikation. Homer will Marge etwas wichtiges sagen, bringt aber nur ein Lob über peanut butter und jelly sandwiches heraus. Marge will sich von Bart und Lisa quasi verabschieden, bringt dies aber nur in Form von Überkompensation mit Süßigkeiten zustande. Hierbei kann man übrigens wieder Parallelen zu „Moaning Lisa“ ziehen, bei der Kommunikationsprobleme auch ein wichtiges Thema sind („Ride the Homer horsey“, Marge und Lisa bei der Fahrt zur Schule.)

Am Schluß der Folge entscheidet sich Marge an der Weggabelung für Homer. Wenn man ihrem Verhalten während der ganzen Handlung folgt, dann war die „ironic street“ letztlich doch das Argument, das sie gebraucht hat (ein Argument außerhalb verbaler Kommunikation), um mit ihrer Unsicherheit aufzuräumen. Das kann man zwar als relativ plump, sitcomig und konservativ bezeichnen, aber es funktioniert hier (IMO deutlich besser als die morality speech in „Night Out“) Und während Jacques Marge nur als neue Nummer in seinem Erfolgsregister sieht, hat Homer die wichtigsten Dinge vielleicht doch schon in seinem gemurmelten „peanut butter“-Satz gesagt.

Zuletzt auch noch ein Blick auf die technischen Qualitäten: der Stil der Animation hatte sich fortlaufend verbessert – speziell die Traumsequenzen in ihrer gelungenen Kolorierung sind hierbei erwähnenswert. Auch die Qualität der Mimik und Gestik hat einen Level erreicht, der zu komplexeren Charakteren passend ist. Die Sprecher fanden ebenfalls immer mehr Zugang zu den Charakteren. Dan Castellaneta fand sich nun in der Situation, Homer nun nicht mehr nur als lustigen „Dad“ und „Mr. Simpson“ (wie noch in den Shorts) darzustellen, sondern als Figur mit Emotionen – was ihn später zum Verlassen der Walter-Matthau-Sprachschiene führte.

Fazit: eine der besten S1-Episoden und IMO der wahre Klassiker des Themas Ehekrise. Das Beeindruckende an der Folge ist, daß sie sich (zusammen mit „Moaning Lisa“) bereits in den Anfangsmonaten der Serie auf ein ernsthaftes Charakterthema einläßt und einen wichtigen Grundaspekt der klassischen Jahre betont. Auch ohne gelben „Fun“ eine Folge, die man sich immer wieder gerne ansieht und die immer wieder einen Eindruck hinterläßt.

Ich sollte das Band mal wieder einlegen. Manche (bzw. viele?) Leute werden die Folge als langweilig, kitschig und schlecht gezeichnet ansehen. Aber die werden dann vermutlich auch das Season Finale von S17 als herausragende Folge sehen. Und der Erfolg gibt den Machern heutzutage wohl Recht. 7G11 ist eben eine Folge aus besseren Zeiten, als die einzelne Episode noch Relevanz außerhalb der Masse hatte. Und dafür gibt es trotz der gewissen S1-Probleme von mir auch die Note 1.
Chris

Review zu Folge 7F02 „Simpson & Delilah”

Okely-Dokely, schreibe ich halt mal wieder ein Review Ich habe mir für heute eine Folge aus S2 ausgesucht, die inhaltlich und vom Stil her IMO sehr gut gelungen ist, die aber in Bestenlisten und Abstimmungen (siehe auch wieder NHC) nicht oder nur selten auftaucht: nämlich 7F02 „Simpson and Delilah“. Erstsendung 18.10.1990, geschrieben von einem meiner OFF- Lieblingsautoren, Mr. Jon Vitti.

Ich habe die Folge schon etwas länger nicht mehr gesehen, denn gerade Staffel 2 sollte man IMO relativ selten anschauen, um die Wirkung der Folgen aufrecht zu erhalten. Einmal im Jahr sollte hierzu genug sein. Ich hoffe dennoch, daß ich das Review noch halbwegs zusammenbringe ;-). Habe ich schon mal ein Review zu der Folge geschrieben? Falls ja, dann ist der folgende Text auf jeden Fall unabhängig davon und neu.

Warum wird 7F02 oft wenig beachtet, wenn es um herausragende Folgen der Staffel geht? Nun ist die Konkurrenz in der besten Staffel aller Zeiten natürlich enorm. Was die Folge vielleicht etwas weniger einprägsam als andere Satiren aus jener Zeit macht, ist eine gewisse Zurückhaltung in der Aussage. Die satirische Ebene bezieht sich (klassisch überzeichnet) darauf, wie Oberflächlichkeit in der Gesellschaft dazu führt, daß ein Aufstieg in der Gesellschaft rein durch Äußerlichkeiten bewirkt werden kann – wie Homer nur durch neue Haare und neuen Look sogar Monty Burns Ablehnung des „gewöhnlichen Arbeiters“ für kurze Zeit überwindet.

Was diese Aussage in ihrer Schärfe vielleicht dezent abschwächt, ist schlicht die Tatsache, daß die Folge außerdem sehr viel Wert auf die Charaktere selbst legt und auch darauf, Sympathie für die Charaktere zu betonen. Das ist IMO eine typische Eigenschaft der Vitti-Episoden in den frühen Jahren. Hätte die Schärfe der sozialen Kritik in 7F02 besser funktioniert, wenn die Folge weniger nett gewesen wäre? Unter Umständen, aber gerade der „menschliche Faktor“ neben der Satire ist hier wieder ein wunderbar klassischer S2-Aspekt.

Nun finden wir diesen Aspekt neben Homer in der Folge ja speziell in einem sehr interessanten Kurzzeitcharakter – Homers Assistenten Karl. Ohne plumpe homosexuelle Klischees im S1x-Stil (aber mit einigen für die damalige Zeit wohl etwas gewagten Andeutungen in diese Richtung) zeigt uns die Folge Karl als einfach unglaublich guten Menschen, der Homer ohne ersichtlichem Grund beisteht und in der intriganten Welt des SNPP dadurch wie ein Fremdkörper wirkt. Besonders gelungen ist die Szene, als er Homer im strömenden Regen seinen Schirm überläßt.

Ein weiterer Charakter, der Aufmerksamkeit verdient, ist sicherlich auch wieder Monty Burns. Selbst wenn seine Auftritte nun nicht ganz so bemerkenswert sind, wie etwa in „Two Cars“, zeigt er doch wieder alle seine klassischen Eigenschaften – seinen Stil, seine wunderbar blumige Sprache („Blast his hide to Hades“), seine sehr eigene Form von Kultiviertheit („I was watching the Dumont last night, when I happened to catch a fascinating documentary on Rommel, the Desert Fox…“), aber auch seine Abgehobenheit im Executive Washroom und seine ständige Verachtung der Arbeiterklasse („Cretins“, „Let the fools have their tar-tar sauce…“)

Überhaupt ist jener Executive Washroom die vielleicht brillanteste satirische und visuelle Idee der gesamten Folge. Man beachte hier auch den schönen Szenenwechsel von den Bodenkacheln auf die Außenfenster des Gebäudes – die Qualität der Animation ist beachtlich. Aber nochmals zurück zu Monty Burns: die Folge zeigt uns auf eine glaubhafte Weise noch eine weitere Facette – als er Homer am Ende seinen alten Job wiedergibt (und uns sogar die Motivation erklärt) sehen wir auch bei ihm jene Qualität, die die Episode durchzieht: Menschlichkeit. Ein Monty Burns aus besseren Tagen, bevor er zur stereotyp altmodisch-babbelnden Witzfigur wurde.

Nebenbei bringt uns der Schluß natürlich auch zum Status Quo der Serie zurück, aber eben mit Stil. Die Szene mit Homer und Marge im Bett erinnert wieder an „Two Cars“, und auch wenn die düstere Komponente hier eher fehlt, ist die Aussage ähnlich: Homer kann zuhause glücklich sein, wo er als Glatzkopf akzeptiert wird, an der Oberflächlichkeit der Welt draußen kann der Einzelne jedoch nichts ändern. Hier scheint trotz des positiven Tons eben auch wieder der auf die Welt bezogene Pessimismus mancher S2-Folgen wie „8th Commandment“ oder „Itchy & Scratchy & Marge“ durch.

Was gibt es noch zu sagen: sehr schöne Animation – neben dem schon genannten Executive Washroom ist auch noch jene Szene zu erwähnen, in der Burns von Smithers über den Versicherungsbetrug informiert wird (was visuell später von der Judas-Szene in „Blood Feud“ noch übertroffen wird.) Astreine Sprecherleistung von Dan Castellaneta, Harry Shearer und Gast Harvey Fierstein. Wie alle Leute, die bei OFF mitgemacht haben, bevor es popkulturelle „Pflicht“ für Stars wurde, verdient er natürlich besondere Erwähnung. Viele gelungene Gags, Dialoge, Details und natürlich die nette visuelle Referenz auf Frank Capras „It´s A Wonderful Life“.

Fazit: obwohl 7F02 relativ selten mit zu den besten Folgen von Serie und Staffel gezählt wird, sollte sie IMO jedoch auf jeden Fall ganz vorne mit dabei sein. Eine vielleicht dezente Zurückhaltung in der Schärfe der Satire wird durch Sympathie und Aufmerksamkeit für die Charaktere ausgeglichen. Vieles läßt sich auch wieder zwischen den Zeilen finden. Im Endeffekt kann man doch wieder nur zur in S2 noch sehr häufigen Bestnote greifen. Note 1

Chris

Review zu Folge 7F13 „Homer vs Lisa and The Eigth Commandment“

Ohne besonderen Anlaß war mir heute nach dem Schreiben eines kleineren Reviews. Natürlich nicht zu einer aktuellen Episode, sondern zu einem Klassiker. Ich habe mich für Folge 7F13 entschieden, „Homer vs Lisa and The Eigth Commandment“ – Erstsendung am 7. Februar 1991. Sorry, falls das Review etwas holprig wirkt, meine Motivation ist natürlich gering mit Blick auf den desaströsen Zustand von sowohl drts, als auch NeSp

BTW, die Capsule erklärt in recht umfangreicher Weise die Unterschiede in der Nummerierung der Gebote (sieben <=> acht) in verschiedenen Konfessionen – und auch weitere religiöse Implikationen der Folge. Dies nur am Rande.

Nun ist 7F13 eine Episode, die man vermutlich leicht als moralinsaure Sitcomstory mit Religionsthematik betrachten könnte, wenn man sich die Sache denn einfach machen will bzw. in der Serie generell nicht mehr als gelbe Trickfiguren sehen will. Bei genauer Betrachtung ist es IMO aber eine Folge, die so reich an Subtext und Details ist, daß ich bei jedem Ansehen noch neue Dinge entdecken kann und daß ich mir über die Möglichkeiten der Interpretation bis heute nicht sicher bin. Die nun folgende Betrachtung ist daher auch nur ein kleinerer Ausschnitt und eine eher unsortierte Denkanregung, die ergänzt werden müsste.

Die Folge zeigt uns IMO zwei elementare Probleme im Bezug auf Moral und deren Argumentation und Durchführung in der Gesellschaft.

Das erste Problem ist eine Unvereinbarkeit von „biblischen“ Geboten mit einer Realität der (Erwachsenen-)Welt. Während die Kinder in der Sonntagsschule von der freundlichen Lehrerin mit düsteren Geschichten über die Hölle erschreckt werden („Maggots are your sheet, worms your blanket […] You´ll be tormented day and night for ever and ever…“) und dadurch das Befolgen der Gebote indoktriniert bekommen, folgt die bigotte Welt der Realität schon lange anderen Regeln – was jedoch nur Lisa aus ihrer kindlichen Perspektive zu bemerken scheint.

Interessant daran ist, daß sie zwar einerseits die quasi unschuldige Position des hinterfragenden Kindes als moralische Instanz vertritt, auf der anderen Seite aber letztlich auch selbst eher „Produkt“ einer Manipulation ist – nämlich jener durch die Gruselstories der Sonntagsschule. Daß die Folge dennoch wunderbar funktioniert und Motivationen und Emotionen derart plausibel bleiben, zeigt die Klasse der Autorenarbeit und Charaktertiefe in jenen Tagen. Aber weiter im Text.

In der Realität der Erwachsenen wird gegen zahlreiche Gebote verstoßen, einschließlich natürlich des Stehlens. Wir sehen dies zum Teil in mehr oder weniger offensichtlichen Szenen (wie etwa Jimbo, der sich mehrfach nach Art des Vierfingerdiskounts bedient), zum Teil aber auch subtiler.

So „stiehlt“ in gewisser Weise auch Monty Burns – und zwar Gesellschaft und fremde Atmosphäre – in dem er für sich in Anspruch nimmt, während des Boxkampfes umsonst an der Atmosphäre der (ihm sonst so verhassten) Arbeiterklasse teilhaben zu können. Was er ja in seiner wunderbaren S2- Ausdrucksweise bereits durch seine Vorbeschreibung eines Arbeiterhauses unterstreicht „The screen door rusting off its filthy hinges, mangy dog staggering about, looking vainly for a place to die…“ Der klassische Großkapitalist Monty Burns – ich vermisse ihn sehr.

Das zweite, elementare Problem ist die moralische Argumentation über den Versuch der Umsetzung von „Geboten“ in der realen Welt. Das ist bei der genaueren Betrachtung ein eigentlich noch komplexeres Thema der Episode.

Beispiele:

– Die Broschüre zum Kabelklau hält z.B. für jedes moralische Argument ein (oft sicher arg wackeliges) Gegenargument bereit.

– Als Marge versucht, für Lisa ein gutes Beispiel zu sein und sich die zwei Weintrauben berechnen läßt, wird sie zum „Weirdo“ in der normalen „who cares?“-Gesellschaft im Supermarkt.

– Als Lisa versucht, Homer auf die Diskrepanzen in der Gesellschaft anzusprechen, argumentiert dieser auf absurde Weise, daß Lisa durch die Tatsache, daß sie umsonst in seinem Haus verpflegt wird, selbst im moralischen Glashaus sitzt.

– Auch Reverend Lovejoy als Vertreter der organisierten Religion kann Lisa die Frage nach Moral nicht konkret beantworten und sagt unsicher, daß ein Mann, der ein Brot für seine hungernde Familie nimmt, ja wohl nicht stiehlt -außer vielleicht, wenn er Gelee drauf streicht.

Gerade das Beispiel mit Lovejoy zeigt IMO den deutlichen Unterschied zu religiösen Moral-Cartoons. Der Zuschauer ist angehalten, auch den Hintergrund der (religiösen) Moral in die Betrachtung mit einfließen zu lassen. Man kann u.U. auch davon ausgehen, daß zu diesem Zeitpunkt auch Lisa die „Gruselstories“ der Sonntagsschule kritischer ansieht, nun jedoch aus grundsätzlichen, ethischen Gründen für das Seelenheil der Familie und speziell Homers eintreten möchte. Der Zusammenhang mit christlichen Motiven ist zwar da, ist aber ambivalent zu sehen.

Der Protest von Lisa ist in klarer Gandhi-Anlehnung gehalten, und hier weit kraftvoller als in späteren Mini-Erwachsenen-Folgen, in denen sie zu oft das liberale Sprachrohr der Autoren wird bzw. eher eine Parodie auf übersteigerten Liberalprotest. Besonders S2 hat diese Szenen stets mit Bravour gemeistert, während bereits ab S7 mit Folgen wie „Lisa The Vegetarian“ ein Einseitigkeitsproblem auftritt, dass dann zum Phrasendreschen ab den Scully-Jahren geführt hat. In 7F13 kann Lisa noch mit einem einzigen schweigenden Blick so viel mehr vermitteln.

Obwohl man das Thema der Folge nicht unbedingt mit der organisierten Religion verbinden muß, ist das Schlußbild mit Homer, der die Stufen des Mastes hinaufsteigt, eine recht klare Metapher über sein Seelenheil und seinen Aufstieg nach „oben“ – wohin auch immer („Dad, we may have saved your soul.“ – „Yeah, at the worst possible time…“).

Ansonsten ist die Folge natürlich angereichert mit jeder Menge feiner Gags und Details, man beachte z.B. Bart, der durch Überkonsum Figuren aus Filmen nur noch auf Filmtitel reduziert („Ooh, this is where Die Hard jumps through the window.“ „…Ho ho, this is where Wall Street gets arrested, ha ha…“) und vieles mehr an TV- und anderen Details. Auch die Qualität der Animation und die Leistung der Sprecher ist wie damals üblich von einer herausragenden Art, die unterstreicht, daß es noch keine digital bearbeitete Fließbandproduktion von Folgen gab.

Eine subtilere Beobachtung soll noch erwähnt werden, die mir auch erst durch die Capsule ersichtlich wurde: in seiner Fantasiesequenz, in der sich Homer im Gefängnis sieht, trägt er die Häftlingsnummer 7734. Wenn man jene Nummer in einen Taschenrechner eintippt und dann auf den Kopf stellt, wird das Wort HELL daraus (mit kleinem h).

Kommen wir zu einem Ende, obwohl sicherlich längst nicht alles zur Folge gesagt ist. IMO eine der besten Folgen in der besten Staffel überhaupt – da bleibt nicht viel Spielraum für die Benotung. Note 1+

Chris

Futurama besser als Simpsons

Ich bin gestern wieder über einen älteren drts-Beitrag von mir aus dem Jahr 2005 gestolpert, den ich hier (glaube ich) noch nicht gepostet hatte, den ich aber durchaus gelungen finde. Er gehört theoretisch eigentlich in den Futurama-Bereich, aber dort ist ja überhaupt nichts mehr los. Da es auch um OFF geht, also hier in den generellen Diskussionsbereich damit.

An untenstehender Meinung hat sich eigentlich nichts geändert, wobei ich im Moment nach einigem OFF-Staffel-2-Konsum wieder mehr in die Richtung tendiere, daß doch die OFF-Staffel 2 die herausragendste Leistung im Animationsbereich darstellt (also inhaltlich, nicht technisch). Aber F3K kommt oftmals nahe dran, zumindest weit, weit näher als so ziemlich alles Simpsons-Material nach S8.

Hier also nochmal der alte Text von 2005. Beschwerden über zuviel Superfan-Fachchinesisch bitte an mich.

Da ich in letzter Zeit wohl schon mehrfach geschrieben hatte, daß ich Futurama nun für die beste Animationsserie aller Zeiten halte (womit ich meinen früheren Aussagen, daß F3K nicht an klassische OFF heranreicht, widerspreche) mal einige Worte dazu.

Ich hoffe, das dies kein Apfel/Birnen-Vergleich wird, schließlich sind beides Animationsserien mit ähnlichen Grundansätzen. Ehrlich gesagt bin ich mir selbst nicht zu 100% sicher, welches die beste ist. Da ich mir aber momentan nur diese beiden Serie ansehe, hier einige Gedanken dazu. F3K ist zumindest schon mal der einzige Aspekt des 21. Jahrhunderts, auf den ich nicht verzichten möchte – und das will was heißen ;-).

Wenn Leute in den Reviews auf gotfuturama.com zu Folgen wie „Jurassic Bark“, „The Sting“ oder „Devils Hands“ noch immer schreiben, daß sie nach der Folge geheult haben oder sich seit Tagen damit beschäftigen und vom Inhalt immer noch beeindruckt sind, dann spricht das für eine ganz spezielle Eigenschaft. Wenn eine Trickserie in der heutigen Zeit noch etwas derartiges bewirkt, dann muß etwas da sein, das sogar die Qualität von klassischer OFF erreicht oder manchmal übersteigt.

Die Hauptstärke von F3K liegt nicht in der subtilen Satire, hier hat OFF klar die Nase vorn – „Two Cars“ ist eine bessere Politsatire als etwa „A Head in The Polls“, „I&S&Marge“ eine deutlich bessere Mediensatire als etwa „Bender Should Not Be Allowed on TV“. Es fällt aber auf, daß die Mehrzahl der überlegendsten OFF-Satiren IMO tatsächlich in den Jahren vor 1993 zu finden sind. Im Kontext zum heutigen Zeitgeist war auch die satirische Leistung von F3K oft überragend.

Das Problem der Satire bei F3K war wohl meist, daß sich die heutigen Probleme oft nicht adäquat in ein futuristisches Setting übertragen ließen und oftmals etwas zu deplatziert wirkten – besonders, wenn sie zu bemüht waren, aktuellen Themen den futuristischen Touch zu geben. Das ging in seltenen Fällen etwas auf Kosten der Charakterintegrität oder überdehnte selbst den weiten Spielraum an surrealem Humor. Das vielleicht beste Beispiel ist die zu überdrehte Persiflierung eines aktuellen Themas (Napster, Internet) bei „I Dated A Robot“.

Die Hauptstärke von Futurama liegt in den Charakteren und auch in der Bereitschaft der Autoren, den Charakteren Tiefgang, Emotionen und vor allem echte Motivationen zuzugestehen. Diese Eigenschaft gibt es auch bei OFF, dort wurde es aber speziell ab S5 eher zur Regel, ernsthafte Szenen meist etwas (zu?) schnell mit Humor zu korrigieren oder einen für Zuschauer leichter „verdaubaren“ Weg aus dem Konflikt zu nehmen. Ein Schluß wie bei „Jurassic Bark“ wäre bei OFF daher IMO undenkbar.

Futurama hat zwei zugrundeliegende Hauptschemen: der Ersatzfamilienaspekt und die Sympathie für Außenseiter – und beide werden während der ganzen Serie konsequent eingehalten. Auch die Weiterentwicklung von Charakteren wurde schlüssig verfolgt, „Lerneffekte“ oder größere Veränderungen bei Figuren waren nicht nur auf eine Folge beschränkt und wurden danach nicht wieder vom Status Quo ausgebügelt. Die Welt der Serie und auch das Innenleben der Figuren war somit lebendiger.

Hierfür gibt es viele Beispiele, ein recht interessantes und meist eher übersehenes ist vielleicht Amy. Am Anfang häufig noch als arg oberflächliche und hedonistische Figur dargestellt (siehe etwa den 1ACV-Satz in der Art „Sometimes you think a guy´s a jerk, but then you find out he has a great body“) wird diese Einstellung in ihrer ernsthaften Beziehung zu Kif quasi umgedreht. Hier trifft auch das Schema der Sympathie für Außenseiter wieder zu.

Um nochmal auf den IMO „einfacheren Weg aus dem Konflikt“ bei OFF zurückzukommen: eine von mir hochgeschätzte OFF-Folge war und ist die ernsthaftere „Round Springfield“ aus S6. Im Vergleich mit der komplexen Story und Auflösung von „The Sting“ wirken die Emotionen in der OFF-Folge aber irgendwie flüchtiger und speziell der Schluß mit dem wolkigen „Alles wird gut“-BGM wohl auch irgendwie naiver, die Auflösung des Themas leichter verdaulich.

Der Vergleich hinkt natürlich, da die Folgen inhaltlich ja komplett verschieden sind – es zeigt aber gut, wie F3K IMO einen dauerhaften Eindruck beim Zuschauer hinterlassen kann (und aus dem ernsten Thema noch eine genial-surreale Charaktererforschung par excellence macht) während OFF auch in ihrer Glanzzeit eher auf die leichtere Auflösung bei ernsteren Themen abgezielt haben. Das ist keine S1x-Eigenschaft, ist aber bei Scully natürlich noch drastisch verschlimmert worden.

Die übergreifende Kontinuität und die subtilen Verflechtungen sind ebenfalls hilfreich. Wie in einem Interview gesagt wurde, hatten die Autoren ja noch weitere Pläne für „epische Storylinien“, die sich nach der Absetzung nicht mehr realisieren ließen. Eine Folge wie „The Sting“ oder „The Why of Fry“, die an etlichen Punkten in der Handlung Verbindungen zu Vergangenheit und Zukunft hat, wirkt individuell wichtiger, als viele OFF-Folgen, die für sich stehen und am Ende erwartungsgemäß ohnehin einen Status Quo herstellen.

Ein weiterer großer Pluspunkt von Futurama ist auch ihr sprühender Einfallsreichtum bei Handlungen, Gags und Referenzen. Die Episoden waren oft so gut und durchdacht geschrieben, daß die Autoren selbst mit den gewagtesten Ideen Erfolg hatten. Ein schönes Beispiel dafür ist vielleicht die seltsame „Time Keeps On Slipping“, die ich (wenn auch erst nach mehrmaligem Ansehen) trotz schrägstem Unfug nun als eine der interessantesten Folgen ansehe – auch wieder wegen ihres ernsten Schlusses, der nach 20 schnell-surrealen Minuten plötzlich Emotionen und Substanz in einer brillanten Szene greifbar macht.

Es gäbe sicher noch mehr zu schreiben, aber um zum Ende zu kommen: ich könnte die herausragendsten Momente von F3K nun aufzählen und dazu Folgen wie „Luck of The Fryish“, „Parasites Lost“, „Godfellas“ und viele weitere nennen. Es gibt aber wohl auch einen speziellen Geist, der sich durch alle Folgen zieht und der F3K im Gesamtbild zur (vielleicht?) besten Animationsserie aller Zeiten gemacht hat.

Wie sich dieser „Geist“ jetzt im Detail beschreiben läßt, ist schwer zu sagen. Ich habe zumindest einige Ansätze aufgeführt. Ähnlich wie bei klassischen OFF läßt er sich in gewisser Weise wohl auch wieder auf einen Satz bringen, indem man sagt „Das Ganze war mehr, als nur die Summe seiner Teile“. Vielleicht hat mich (und andere, siehe die Reviews auf gotfuturama) F3K ab einem bestimmten Zeitpunkt auch auf einem Level angesprochen, den es bei OFF so nie gegeben hat.

Kommentare und Meinungen sind willkommen.

Chris

Betrachtung Staffel 9 der Simpsons

Hier mal an längerer Beitrag von mir aus drts. Vielleicht interessiert er ja jemanden, zumindest könnten längere Beiträge zu OFF-Themen auf NeSp sicher nicht schaden.

Das folgende Thema ist vermutlich nicht neu, aber in einer Zeit, in der nun kurz vor dem Kinofilm sicher wieder alle möglichen Schreiberlinge auf den „Simpsons ist halt Kult“-Zug aufspringen, sich kurz 2 aktuelle Folgen ansehen und in den Medien Hurra-Rufe verbreiten, kann etwas gezielte Kritik nicht schaden.

Weil ja nun meines Wissens nach auch die Schnickschnackscheiben zur Staffel auf dem Markt sind, werfen wir doch nochmal einen Blick auf die berüchtigte Staffel 9. Es ist die erste Staffel mit Mike Scully als Executive Producer, andererseits aber auch die Staffel, die zum Teil selbst von S1x-kritischen Fans noch relativ wohlwollend gesehen wird. Und dennoch zeigt sich (gerade rückblickend gesehen), daß eben gerade S9 IMO der „ultimative“ Scheideweg war, ab dem die Serie über zuviele Jahre – und teilweise leider auch irreparabel – den falschen Weg gegangen ist. Sehen wir uns also die Entwicklung nochmals an.

Interessanterweise findet man (wenn man z.B. zur S9-Erstaustrahlung in Deutschland auf drts zurückblickt) zum damaligen Zeitpunkt meist noch kaum Kritik oder nur verhaltene Kritik. Ich erinnere mich, mal per google ein Zitat von Christian Heller aus drts gelesen zu haben, der doch schon in S9 ein Ende empfahl und dies mit „Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende“ begründete. Aber in der Regel war Kritik mit Herbeisehnen des Serienendes noch recht selten und eher ein Weg, um sich in Fankreisen unbeliebt zu machen ;-).

Was wohl auch daran liegt, daß man S9 beim Erstsehen noch harmlos als kleinen Durchhänger sehen konnte bzw. als Neuorientierung der Serie, ohne den Weg gefunden zu haben. Erst rückblickend aus den S1x-Jahren (einschließlich heute) zeigt sich wohl, wie sehr auch S9 und die dort gegangenen Wege für das Kommende prägend waren.

Nun ist S9 eine Mischung aus verschiedenen P-Codes: 4F aus S8 (mit Oakley & Weinstein), der Spezialcode 3G (ich glaube Jean & Reiss) und die echten S9 mit dem 5F-Code als Folgen mit Mike Scully als EP. Allein um dies aufzuzeigen, ist die Nennung des P-Codes stets hilfreicher, als die simplere Methode, z.B. nur von S9xE10 zu sprechen.

Leider ist es auch so, daß selbst die Folgen mit Non-5F-Code nicht mehr sonderlich herausragend in der Staffel wirken, auch wenn sich die negative Entwicklung zum Ende der Staffel hin sicherlich immer deutlicher abzeichnete. Aber selbst O&W-Folgen wie „Principal and The Pauper“ wirken in ihren „kreativen“ (?) Themenansätzen seltsam unpassend und sind IMO deutliche Hinweise auf jenen (ja schon in S8 zum Teil präsenten)Ideenmangel, der dem Sitcombrei den Weg ebnete.

Selbst die vielleicht beste S9-Folge, die 3G „Lisa´s Sax“, hat bei genauerem Blick gewisse Schwächen, die sie nicht mehr zu 100% mit klassischen Homer/Lisa-Folgen gleichziehen lässt. Auffallend an der von Al Jean geschriebenen Episode ist in jedem Fall der Schluß, der uns ein Problem zeigt, das später geradezu symptomatisch für Folgen in der Jean-Ära werden wird: der an unpassender Stelle nachgesetzte Schlußgag, der uns erinnert, das wir nur einen lustigen Fun-Cartoon sehen – im Fall von „Sax“ also der platte Grampa-Spaß ganz am Ende.

Der „Irrglaube“ (?) der hier in die Serie kam und bis heute leider weiterbesteht, ist IMO, daß man den Zuschauer wegen der Natur der Serie stets mit einem Lacher entlassen muß, damit er beim nächsten Mal wieder einschaltet. Das läuft der grundsätzlichen Absicht der klassischen Jahre zuwider, aber die waren ja nun vorbei. Der Stil wurde zur Grundregel von OFF und vieler anderer Serien. Eine der wenigen Ausnahmen war(bisweilen) eigentlich nur Futurama – dort wurden den Zuschauern auch ernstere Schlüsse zugestanden, die Stimmung und Absicht einer Folge nicht aus Prinzip auflockerten.

Kommen wir jedoch zu den 5Fxx-Folgen und S9 in Reinkultur. Es ist eigentlich recht erstaunlich, daß jemand wie Mike Scully, der als Autor mit Folgen wie „Marge Be Not Proud“ in S7 durchaus gelungene Inhalte abgeliefert hat, nun als Executive Producer zu einer Serie führt, die auf viele langjährige Fans mehr und mehr fremdartig und abgeflacht wirken wird. Andererseits haben IMO ja auch schon Folgen wie seine „Team Homer“ in S7 gezeigt, wie er u.U. die Serie und die Charaktere sieht (man beachte den S7-Audiokommentar dazu.)

Die Liste der Probleme der 5F-Folgen ist lang. Eine der deutlichsten Änderungen gegenüber den klassischen Jahren (in S8 aber vorbereitet) ist die Reduzierung der Charaktere von Persönlichkeiten mit Facetten auf Figuren mit wenigen, grundlegenden Charaktereigenschaften, die für die Funktion als Spaßfigur und Comedy-Werkzeug ausreichen. Ab und zu hingen in S9 noch einige Facetten nach, aber sie waren Nebeneffekte.

Eine sehr „schöne“ Folge (aber bei weitem nicht die einzige) um dies treffend aufzuzeigen, ist IMO 5F08 „Bart Carny“. Homer macht Unfug auf dem Rummelplatz, Hausgäste vom Rummel besetzen sein Haus, Homer wird sie wieder los. Ende. Das ist die Handlung. Die Simpsons ließen sich im Grunde durch jede andere Sitcom-Familie ersetzen. Homer ist der Spaßmacher in Sketchen, andere Figuren (inklusive Bart und eben der Rest der Familie) sind nur dazu da, Homer seine Gags zuzuspielen. Daß der hier favorisierte Humor u.A. aus Stereotypen und sprechenden Kamelen besteht, sei dabei nur am Rande erwähnt.

Ein anderer Charakter, den es spätestens ab S9 sehr „übel“ getroffen hat, ist leider auch Lisa. Die Reduzierung des Charakters lief hier auf genau das Ergebnis heraus, das für eine leichte Unterhaltung mit dem Anschein von Satire gebraucht wurde: die kleine Nörgeltante nach dem einseitigen Mini-Erwachsenen-Moralitäts-Schema. Daß das mit einer klassischen Lisa aus Folgen wie „Substitute“, „Wedding“, „Iconoclast“ oder „4 Ft 2“ nicht mehr viel zu tun hat, sollte jedem aufmerksamen Zuschauer ersichtlich sein. Und dennoch springen gerade viele „Lisa-Gegner“ auf dieses grob einseitige Charaktermodell der Scully-Jahre auf, um zu begründen, warum Lisa als Charakter langweilig sei. Meh.

Folgen, die dieses Problem in S9 besonders deutlich aufzeigen, sind z.B. „Girly Edition“ und „Lisa The Skeptic“. Natürlich verdient auch das berüchtigte „Who needs College? Let´s buy dune buggies“ von Lisa aus „Trouble with Trillions“ als anderes Extrem Erwähnung. Was dabei am Beispiel Lisa sehr schön zu sehen ist, läßt sich auch auf viele andere Charaktere anwenden: Reduzierung der Charaktereigenschaften auf das humoristisch Wesentliche und Verlust der Balance (wenn man es Hochtrabender nehmen will: auch Verlust einer gewissen „Würde“, die nun nicht mehr in das Schema der Serie passte.)

Nun waren komplexe Charaktere nicht die einzige Qualität der Serie, daneben war sie ja stets auch eine subtile und treffende Satire zu den verschiedensten gesellschaftlichen Themen gewesen. Als jedoch der Serie mit der Komplexität und der Sympathie für die Charaktere quasi der „Mittelpunkt“ genommen wurde, folgte der Qualitätsverlust der Satire umgehend (automatisch?) nach. Die Themen wurden harmlos, sitcomig, einseitig oder formelhaft. Selbst „bessere“ Beispiele wie z.B. „Joy of Sect“ oder die IMO überschätzte „Trash of the Titans“ zeigen dies an vielen Schwachstellen auf.

Die Serie folgte damit weder ihrer Vergangenheit, noch entwickelte sie sich innovativer weiter, sondern wurde eher Strickmuster und Vorlage für Plagiate und für Pseudo-Satiren im Trickserienbereich. Das diese (zumindest für mich) niemals wirklich erfolgreich werden konnten, liegt somit wohl auch daran, daß sie begonnen haben, OFF zu einem Zeitpunkt zu kopieren, als schon das Original kein echter Ansatz für Klasse mehr war. Die einzige Serie, die die wichtigsten Eigenschaften klassischer OFF für sich verwenden konnte, war denn erstaunlicherweise wieder das „zukunftsgewandte“ Futurama.

Ein nettes Beispiel am Rande: 5F04 „The Two Mrs. Nahasapeemapetilon“. Charakterfolge? Oder gar Satire über kulturelle Unterschiede bzw. die Reaktion der US-Öffentlichkeit darauf? Näh. Lustige Homer-Sitcom, in der Homer auch durch jeden anderen Spaß-Daddy ersetzt werden kann. Es geht alibiweise um Apu als Charakter, objektiver geht es um Apu, der Homer die Gags zuspielt und Homer, der sie ausführt. Interessanterweise hat Manjula am Schluß der Folge mit ein paar Sätzen ihre besten Szenen überhaupt, was kein gutes Licht auf ihre späteren Auftritte wirft.

Wenn ich mir nun eine Liste der S9-Folgen ansehe, dann finde ich dort irgendwie überhaupt keine Folge, der ich ohne Kritik völlig zustimmen würde, nicht mal „Lisa´s Sax“ (siehe oben). Und bei vielen 5Fxx-Folgen nimmt der Kritikfaktor eher noch zu, gerade rückblickend gesehen. Den Tiefpunkt sollte der P-Code bei den Nachzüglern in S10 erreichen, man denke an „Lard of The Dance“ (unsympathische Lisa, lustiger Homer-Job mit Sidekick Bart, Auge raussaugen mit Staubsauger etc.) und natürlich an 5F19 – jene Folge, die für viele doch den ersten, wahren S1x-Effekt verkörpert – „When You Dish Upon A Star“.

Und trotz aller Jean-Ära-Probleme würde ich persönlich auch weiter bei meiner Aussage bleiben: S15 war besser als S9.

Was mich interessieren würde: wie wirken die S9-Audiokommentare mit Mike Scully auf die Zuhörer? Auf NHC liest man, daß Scully zwar bei den Kommentaren sympathisch ist, daß aber auch recht deutlich wird, daß meist nur über die Produktions- und Schreibarbeit geredet wird und die Serie in seinen Worten halt wie ein „weiterer TV-Serienjob“ für ihn klingt. Ihm fehlt der Schwung von Mirkin und erst recht das Engagement für Tiefe und Substanz von Oakley & Weinstein. Insofern sehen sich auf NHC also viele in ihrer Scully-Meinung bestätigt und in dieser Einstellung den (Mit)Grund für den Niedergang. Kann das von den deutschen Schnickschnack-Guckern jemand so bestätigen?

Soviel mal kurzgefaßt zu diesem Thema von mir. Natürlich ist das Thema weit umfangreicher und es wäre zu einfach, die „Schuld“ an der Entwicklung nun Scully oder S9 allein zu geben. Daß sich in der Serie Probleme aufsummierten, zeigte ja bereits S8, die trotz des Engagements von O&W IMO nicht mehr an S7 gleichwertig anschließen konnte. Generell Schuld ist ja sowieso das Laser-Eichhörnchen ;-).

Chris

Vorwort

Hier eine Fortsetzung mit weiteren Essaytexten und Kritiken speziell zu den Simpsons. Es ist alles älteres Material aus dem Usenet/Webforen und durch die Zusammenstellung werden sich verschiedene Aussagen in den Texten wiederholen. Ich hoffe, dass es dennoch Interesse findet.

Kurzzeitcharaktere bei den Simpsons – früher und heute

Es gibt ja nun sehr viele Kritikpunkte, was bei der Serie seit S1x alles falsch läuft und nicht mehr dem ursprünglichen Stil und Geist der Klassiker entspricht – oft eben aus Gründen des „Massenappeals“ und des oberflächlichen Zeitgeistes im 21. Jahrhundert.

Aus diesen vielen Problemen möchte ich eines herausgreifen, das IMO relativ selten erwähnt wird, aber recht deutlich auftritt. Es kommt leider immer noch (oder auch gerade) in aktuellen Jean-Staffeln vor und scheint sich als Dauerproblem etabliert zu haben.

Ich rede von völlig uninteressanten und flachen Kurzzeitcharakteren, die niemanden kümmern und die quasi „Wegwerf“-Charaktere sind.

In klassischen Jahren gab es Charaktere, die zwar nur in einer einzigen Folge auftraten und nicht mal in den ganzen ca. 20 Minuten der Laufzeit zu sehen waren. Es waren Charaktere, die in sich oftmals weder hip noch prominent oder cartoonig waren oder mit dem „Humer“ ihre Späßchen gemacht haben. Und trotzdem sind diese Charaktere noch nach sovielen Jahren bei den Langzeitfans in bleibender Erinnerung geblieben und nur anhand des Namens „fällt der Groschen“ und man kann Episoden, Szenen und Dialoge beschreiben – teilweise sogar emotionale Aspekte dieser Figuren.

Ich denke hier an Namen wie Mr. Bergstrom, Homers Assistenten Karl, Lurleen Lumpkin, Lyle Lanley, Mindy Simmons, Detective Don Brodka, Chester J. Lampwick, die Kinder in „Summer of 4 Ft 2“, natürlich auch (noch) Hank Scorpio, Shary Bobbins, Rex Banner und andere.

Nun sind das sicher von Art und Absicht her recht unterschiedliche Figuren (ich würde Rex Banner als Charakter z.B. kaum mit einem Mr. Bergstrom vergleichen), dennoch sind sie als feste Begriffe in die Geschichte der Serie eingegangen und haben bis heute Wirkung.

Irgendwann im Laufe der Serie passierte aber etwas Seltsames. Da waren wieder Kurzzeitcharaktere. Nur waren diese neuen Charaktere anders, als ihre einprägsamen Vorgänger. Sie standen rum, da war ein Witzchen, sie spielten Homer einen Gag zu, sie standen etwas mehr rum, schienen irgendwas zu tun und dann lief da der Abspann plus Namen des Gastsprechers. Wer war das noch mal, der da heute mit Homer zusammen in der Folge rumgelaufen war?

War es früher eine Stärke der Serie gewesen, auch Charakteren, die nur einmal auftraten, wirkliche Substanz (oder zumindest Witz und Funktion) zu geben, traten nun Pappkameraden an jene Stelle, deren Namen oft ähnlich uninteressant waren, wie ihre Auftritte.

Ich könnte jetzt Namen aufzählen, aber mir fallen wirklich kaum welche ein. Ein besonders schönes Beispiel für das Problem wird übrigens das Season Finale von Staffel 17 sein – aber ich will da nicht vorausgreifen. Sagen wir einfach, eine Folge, die darauf aufbaut, dass man Interesse für Pappfiguren empfindet, hat ein Problem. Mehr dazu nach Ausstrahlung der Folge.

Damit aber nicht genug: selbst Kurzzeitcharaktere, die in früheren Jahren interessant waren, wurden nun in lustiger Kontinuität wieder zurückgeholt, nur um als leere Comedy-Hüllen zu funktionieren. Man denke hier an Senatorin Mary Bailey, die in der vielleicht besten Politsatire der Seriengeschichte echte Funktion hatte, die wir nun in den Jean-S1x jedoch bereits mehrfach als auffallend wirres Zeug babbelnde Randfigur gesehen haben. Wen kümmert es? Niemanden mehr.

Solange man den Zuschauern 5 „brillante“ Gags pro Sekunde um die Ohren hauen kann und der Zuschauer jubelt, braucht man doch keine Charaktere vom Schlage eines Karl oder Mr. Bergstrom mehr 🙁

Wann und mit wem hat das Problem begonnen? Wann verlor die Serie ihre Stärke, aus Gastfiguren mehr zu machen, als Zeitfüller und sitcomige Gagzuspieler? Schwer zu sagen. Das Problem ist nun in sehr ausgeprägter Form zu sehen, hat aber auch Wurzeln. Und ich bin geneigt zu sagen, daß Larry Burns in S8 eine jener Wurzeln ist. Dieses mal ohne Begründung, aber mit Bitte um Meinungen.

Diese Bitte um Meinungen gilt natürlich für den ganzen Beitrag.

Chris

Review von Simpsons-Folge 3F22 „Summer of 4 Ft 2“

Ich werde mich heute einer meiner absoluten Lieblingsfolgen zuwenden, der IMO genialen 3F22 „Summer of 4 Ft 2“, dem Season Finale der letzten großen Staffel, S7.

Die Episode ist wieder mal so komplex, daß das folgende Review nur einen Teil der konzeptuellen Breite abdeckt, weitere Meinungen und Interpretationen können gerne genannt werden. Ich werde mich im folgenden Text auch nicht mit normalen Referenzen (hierbei ist „American Graffiti“ ja im Referenzspektrum der Folge häufiger vertreten), offensichtlichen Handlungsebenen und dem natürlich brillanten Humor beschäftigen. Ich empfehle, die Folge nach dem Review nochmals zu schauen, um die erwähnten Bezüge (und mehr) zu entdecken.

Obwohl das Subversionsbuch viele meiner Lieblingsfolgen etwas vernachlässigt, wird gerade 3F22 als herausragende und raffinierte Folge gelobt, ohne jedoch wirklich konkret auf genaue Qualitäten einzugehen. Ich will versuchen, das im Review nachzuholen.

Ein Kernpunkt der Folge ist der Unterschied zwischen dem festen (stereotypen) Rollenschema der (Kinder)gesellschaft in Springfield und dem weit offerenen Konzept der Kinder im Urlaubsort mit dem langen Namen. Die Folge ist somit nicht nur tiefergehendes Charaktermaterial, sondern auch Sozialparabel.

Aber der Reihe nach. In Springfield (als Ort der satirischen Überzeichung sozialer Rollenbilder) gilt eine strikte Gruppentrennung – Nerds gehören zu Gruppen von Nerds und hippe Kids gehören zu Gruppen von hippen Kids (oder zu „nihilistischen dudes“, wie es das Simpsons-Buch „Subversion zur Primetime“ ausdrückt.) Nerds erfahren nur unter sich Bestätigung durch Wissen, hippe Kids erfahren ebenfalls nur unter sich Bestätigung durch „Kewlheit“. Die Grenzen sind abgesteckt.

Wichtig für das Verständnis der Ep => Kein Nerd oder Intellektueller würde in einer Gruppe hipper Kids der Popkulturgesellschaft in Springfield als gleichwertig gelten. Der Auftakt der Folge mit den Szenen am letzten Schultag ist deshalb essentiell wichtig und zeigt uns eben nochmal genau dieses „Springfield-Rollenschema“ – in dem natürlich auch Bart und Lisa stecken.

Lisas Ausgrenzung durch ihr „erwachsenes“ Verhalten wird hier thematisiert. Sie hat kompetent (und völlig gegen ihr Alter) gehandelt, als sie die Ausgabe des Schuljahrbuches übernommen hat. Dadurch erfährt sie zwar Bestätigung durch ihre eigene „Sozialschicht“ (die Nerd-Mädchen, die Lisa bei dem Projekt helfen) wird aber von den anderen Kindern automatisch ausgegrenzt. Die symbolische Szene, als Lisa allein auf dem leeren Schulgang steht und ein Jahrbuch ohne Einträge in der Hand hält, ist hier symptomatisch => Lisa erfährt keine echte Anerkennung durch die Masse auf den Gängen.

Barts Zugehörigkeit zur hippen Riege der Grundschule wird als Gegenpol thematisiert – Kinder aller Klassen stehen an, um Autogramme vom berühmten „Underachiever and Proud of it“ zu bekommen (hier klingt sogar ein gewisser Meta-Bezug an). Barts Rolle wird sogar deutlich satirisch überbetont, als ihn selbst Rektor Skinner um ein Autogramm bittet. Das mag auf den ersten Blick als bizarr und out-of-character erscheinen, es unterstreicht hier aber doch gekonnt die Rollenverteilung in Springfield.

Bei genauerer Betrachtung fällt auf, wie raffiniert diese Szenen sind und wie stark sie bereits auf den weiteren Verlauf der Handlung vorbereiten. Einen Vergleich mit den nutzlosen und überlangen Gag-Reihen in der S1x-Leere spare ich mir lieber.

Die folgende Urlaubsreise (geniale Idee) ist in gewisser Weise gar ein Novum in der Serie. Diese Reise dient nicht etwa dazu, die Familie einfach in lustige Situationen an neuen Orten zu bringen, die Reise ist hier durchaus metaphorisch zu sehen, als Symbol für Lisas Weggang aus dem alten Rollenschema zu ihrer Hinterfragung des eigenen Charakters. In Springfield wäre sie weiter „gefangen“, im Urlaub können sich aber neue Facetten entfalten und weiterentwickeln. Für Lisa ist die Fahrt auch eine Art von Selbsterfahrungstrip in eine andere (jugendsoziale) Welt als das gewohnte Springfield, ihr „Aufbruch“ wird in ihrem Satz „Goodbye Lisa Simpson“ bei der Abfahrt deutlich.

Nach der Ankunft in der „neuen Welt“ ist sich Lisa noch unsicher über ihre Aktionen, was in der einzigen surrealen Szene der ansonsten komplett realistischen Folge betont wird – Lisa sieht sich selbst mit den „Geistern“ ihres Intellekts konfrontiert – den Figuren, die aus Büchern steigen und versuchen, sie in die Bibliothek zu locken (ein brillanter und wohldosierten Einsatz von Surrealität, der nicht für billige Gags im Hintergrund dient, sondern zur Unterstreichung einer emotionalen Situation.)

Durch hippe Kleidung hat sie sich bereits visuell von ihrer alten Rolle getrennt und als sie endlich auf andere Kinder trifft, versucht sie es auch durch verbale Anpassung. Hier zeigt sich aber wieder ihr eingeschränktes Denken nach Springfield-Spielregeln, da sie die Kommunikation mit den Kindern zum Einen mit einer gestellten Phrase beginnt („Like you know whatever…“) und außerdem (nach freundlicher Aufnahme) sofort nach gewohntem Sarkasmus scannt.

Dieses Denken – die Angst als „Nerd“ nicht zur Gruppe zu gehören – zieht sich weiter durch diese Folge und stellt sich erst am Schluß als völlig unbegründet heraus. Aber soweit sind wir noch nicht. Lisa entwickelt sich als Charakter, sie adaptiert aber zum Teil auch Fremdverhalten und verleugnet ihren eigenen Charakter, z.B. durch Anwendung von Barts „Don´t have a cow, man.“

Bart denkt nach wie vor in den festen Rollenschemen von Springfield und ist daher überzeugt, das ihn seine Skateboardnummer sofort beliebt machen wird, denn hippe Kids gehören schließlich zu hippen Kids und beeindrucken sich durch Kewlheit. Hier irrt Bart, denn die Kinder am Urlaubsort sind nicht die nihilistischen Dudes aus Springfield, sondern in gewisser Hinsicht weit freiere Charaktere. Daher kommt seine Vorstellung nicht an und wird als „Anbiederung“ durchschaut. Dieses Verhalten übersteigt Barts Horizont und er vermutet, das die Kinder wohl einen Nerd gesehen haben und ihn nur deshalb ablehnen (er sagt daher sofort zu Milhouse „They must have seen you…“).

Milhouse´ Rolle in der gesamten Handlung unterstreicht, das Nerds unter hippen Kids in Springfield niemals als gleichwertig gelten können. Milhouse fungiert als untergebener Charakter, er muß sich in Büschen verstecken, wenn es Bart verlangt und bekommt sogar noch die Schuld am Versagen von Barts Anbiederung, denn bei sich (er ist schließlich hip) sucht Bart diese Schuld nicht. Das Milhouse von Homer beim Brettspiel als „Dud“ bezeichnet wird, betont hier nur seine Funktion im Plot, anders als Lisa ist er nämlich nicht in der Lage, im Urlaub mit seiner Rolle gegenüber Bart zu brechen.

Bart macht im Folgenden zwei Fehler – er vermutet sowohl, das ihre neuen Freunde Lisa natürlich sofort fallenlassen, wenn sie im Jahrbuch die Wahrheit sehen (die Kinder in Springfield würden es tun) und er vermutet, das sich Lisa dann ihrer alten Rolle wieder bewußt wird und sich eingliedert und alle Dinge wieder so werden, wie sie seiner Meinung nach sein müssen. Er hat nicht mit Lisas Frustration gerechnet, die er sich zuziehen wird – der Automatismus, mit dem sich alle Nerds in Springfield in ihre Rollen fügen, ist nämlich durch ihre Charakterentwicklung ausgesetzt worden.

Um zum Ende zu kommen – Lisa will sich unter Tränen gerade wieder in ihre Rolle fügen, als ihr die Kinder zeigen, das sie eben „mehr“ sind als sie erwartet hatte und das sie über dem Rollenverhalten stehen, das Lisa gewohnt ist. Es zählt nicht, ob sie in Springfield als „Nerd“ gilt, es zählt, was sie für ein Mensch ist und was sie für die Freunde getan hat. „Lisa rules“ ist in diesem Sinn auch wieder als eine Selbstfindungsbotschaft zu sehen. Sie muß sich nicht ändern oder verleugnen, sie ist gut so wie sie ist. You are Lisa Simpson.

Die DV habe ich eine Weile nicht mehr gesehen, die Übersetzung dürfte annehmbar sein. Ein Fehler, der mir noch einfällt – „flag fearing“ heißt in der DV wohl „Flaggen fütternd“ (?). Es gibt glaube ich sogar ein BART-File zur Folge. Ein paar Sachen sind in der DV sicher nicht deutlich zu erkennen (z.B. das „Don´t have a cow“) und Frau Bohlmann reicht natürlich mal wieder nicht an die coole Brillanz von Yeardley Smith ran. Stellen wie „I´m the sister of a rotten, jelaous, mean little sneak“ sollte man auf jeden Fall im Original hören.

Fazit: Ein kleines Meisterwerk in der Tradition von „Lisa´s Substitute“ und IMO die beste Folge der mittleren Staffeln, eine wunderbare Charakterfolge, die auch die typischen Cartoonkonventionen von Stereotypen zugunsten einer dreidimensionalen Charakterisierung ad absurdum führt. Darüber hinaus ist es auch eine Sozialparabel über (Kinder)gesellschaft und Rollenschemata und mehr. Ein Novum unter den Urlaubsfolgen und vielleicht eine der letzten wirklich großen Folgen. Note 1+

Die Simpsons und Citizen Kane

Folgendes Gefasel ist nun aus dem Stegreif geschrieben, ich bitte inhaltliche Fehler und dezente Abschweifungen zu verzeihen.

Ich hatte vor ein paar Tagen die Erfahrung, an einem Abend „Plan 9 from Outer Space“ zu schauen und am nächsten Abend dann „Citizen Kane“. Also das ist doch mal echtes Kontrastprogramm 😉

Nun ist es zum Anschauen von OFF natürlich nicht notwendig, jede Film-Referenz im Detail zu (er)kennen, man kann die Serie auch so genießen. Es erhöht die Freude am Ansehen allerdings ungemein, wenn man all die detailreichen Referenzen und Parodien (auf Filme, Musik, Kunst, Kultur, Geschichte etc.) auch als solche erkennt und OFF somit als das mediale und vielschichtige Referenzwerk einordnen kann, das es ist.

Im Gegensatz zu unschönen (und leider öfter zu hörenden) Aussagen der Art „Zuviel analyieren und zu genaues Ansehen von Folgen macht ja den gelben Fun kaputt“ ist IMO eigentlich das genaue Gegenteil der Fall – ein tieferer Einblick in Folgen kann einem soviel mehr geben, sei es nun Interpretation, versuchter Einblick in Charaktere oder eben auch das Flechtwerk der Referenzen. Im Subversionsbuch wird ja speziell im „Method Acting“-Kapitel recht umfangreich darauf eingegangen.

Nun gehen die Referenzen bei klassischen OFF natürlich durch alle Jahrzehnte – auch im Filmbereich. Man denke z.B. an jene Referenz auf „Public Enemy“ aus den 30ern in „Brother From Another Series“, als Bart Homer die Grapefruit ins Gesicht drückt. Und wer sich mit Filmreferenzen bei OFF auch nur halbwegs mit Einblick beschäftigen will, kommt um die Kenntnis von Filmen wie „Wizard of Oz“, „It´s a Wonderful Life“, „The Godfather“, „2001“ etc. IMO gar nicht herum – mit dem Pro7-Blockbuster des Monats ist es nicht getan.

Auch „Citizen Kane“ (1941) gehört zu dieser Sorte von Filmen und gilt IMO zu recht als einer der besten Filme aller Zeiten. Das Debüt Orson Welles als Regisseur und gleich ein Meisterwerk in vielerlei Hinsicht. Ein solches Hauptwerk des amerikanischen Films kann natürlich an den klassischen OFF-Autoren nicht vorbeigehen – so ist wohl auch der Name Charles in Charles Montgomery Burns eine direkte Referenz auf Kane.

Die Referenzen auf den Film sind zahlreich, es gibt aber drei Folgen, in denen sehr speziell und/oder eindeutig darauf eingegangen wird:

– Two Cars in Every Garage, Three Eyes on Every Fish (S2)
– Marge Gets A Job (S4)
– Rosebud (S5)

In „Two Cars“ wird der Film mehrfach im Dialog und visuell zitiert. Montys Wahlkampfauftritt vor dem riesigen Plakat ist ein Zitat auf Kanes Auftritt mit dem selben Ziel. Der Dialog zwischen Homer und Bart „Is your boss governor yet?“, „Not yet, son.“ wird in beinahe identischem Wortlaut im Film zwischen Kanes Sohn und seiner Mutter geführt. Montys Reaktion auf sein Verlieren der Wahl („You can´t do this to me. I´m Charles Montgomery Burns“ + versuchte Randale im Haus der Simpsons) ist auch eine Zusammensetzung verschiedener Sätze und Taten von und über Kane im Film.

Neben all diesen Referenzen (die niemals aufgesetzt wirken oder eine Kenntnis der Films voraussetzen) ist die Folge nebenbei ja noch die vielleicht beste OFF-Politsatire überhaupt, da sie auf mehreren Ebenen brillant funktioniert. Die wohl zweitbeste Politsatire „Sideshow Bob Roberts“ bedient sich ebenfalls der Referenz mit dem riesigen Plakat hinter Bob.

In „Marge Gets A Job“ ist die Referenz zwar nur auf wenige Szenen beschränkt, aber dafür um so deutlicher. Smithers Song für Monty ist in Text und Darstellung eine teilweise exakte Kopie des Songs für Charles Foster Kane. Im Film ist das Lied und Kanes Tanz mit den Mädchen trotz fröhlicher Stimmung übrigens einer der Momente, in denen (zuerst noch zögerlich) angedeutet wird, daß Kane von Macht korrumpiert werden und seine Ideale verraten könnte.

Die hauptsächliche Referenz auf den Film ist aber natürlich die Folge mit Titel „Rosebud“ (deutscher Titel wohl irgendwas mit „Teddy Bobo“, oder?), die auch hält, was der OV-Titel verspricht. Bereits am Anfang ist die Fahrt den Zaun von Burns Manor rauf direkte Referenz, ebenso die komplette Schneekugelszene. Zwischendurch baut die Folge mit den marschierenden und singenden Wachen übrigens noch eine 100%ige Kopie einer Szene aus dem „Wizard of Oz“ ein. Und alles völlig im Einklang mit der Story und ohne aufgesetzt zu wirken.

Im weiteren Verlauf der Folge werden die Referenzen forgesetzt, so nimmt der Teddy Bob die Funktion eben jenes berühmten Objektes aus dem Film ein. Die Rückblende auf Montys Kindheit, sein Spielen im Schnee, der „heartless millionaire“ – alles direkte Bezüge. Wobei das Ende jener Rückblende in einem typischen ironic twist bei OFF natürlich ein klein bißchen anders ist, als im Film ;-). Letztlich sind noch Montys Spaziergang mit Smithers zwischen all den Kisten und Reichtümern (die ihn nicht glücklich machen) Bezüge auf Leben und Streben von Charles Foster Kane.

Soviel mal in Kürze zu den Referenzen. Es gibt natürlich weitere Bezüge in anderen OFF-Folgen. Allein um sich mit „Citizen Kane“ in ausreichender Weise zu beschäftigen, müsste man wohl mehrere Seiten schreiben, aber das wäre dann irgendwie OT. Es geht auf jeden Fall eine Empfehlung raus. Filme dieser Klasse findet man (wie sollte es anders sein) in der Wühlkiste im Mediamarkt :-(.

Chris

Einstellung der Serie nach Staffel 9

Ein öfter zu hörender Kommentar zu aktuellen Staffeln ist ja, daß man mit der Serie schon vor langer Zeit hätte aufhören sollen. Nun stellt sich da IMO natürlich die Frage, wann genau man hätte aufhören sollen.

Wenn Leute wie Matt Groening & Co in Interviews oder kommenden DVD-Kommentaren ab S9 wieder von „still as fresh as ever“ sprechen oder den Wandel zum Spaßcartoon mit leicht satirischen Tendenzen als die notwendige Entwicklung beschreiben, so geht das IMO an der Realität vorbei und ist auch nicht die Form einer künstlerischer Integrität, die ich mir von Serienschöpfern/machern erwarte. Aber ich bin dabei wohl zu idealistisch für diese Welt.

Was mich wieder mal etwas verärgert hat, war der Aufdruck auf dem Cover-Text der S3-DVD, der davon spricht, dass „…diese Staffel Season 2 bald genauso dilettantisch aussehen läßt, wie Season 1“. Das mag zum Teil ja an der tatsächlich dilettantischen deutschen Übersetzung des Covertextes liegen (was steht da auf der US-DVD?) aber auch wenn es nur im Ansatz zutrifft, ist das keine Aussage, die man vom Serienschöpfer über seine Entwicklung lesen mag.

Aber ich schweife ab. Hier mal der Versuch eines theoretischen Zeitplans, wie ich mir eine Einstellung der Serie zum passenden Zeitpunkt hätte vorstellen können. Das Folgende ist natürlich alles meine Meinung und (leider?) reine Fiktion:

Meiner bekannten Ansicht nach war S7 die letzte Staffel, die wirklich durchgehend klassische Qualität hatte. Spätestens ab S8 macht sich in der Serie eine gewisse Comedy-Routine oder just-for-fun-Entwicklungen in die falsche Richtung bemerkbar. Auch Bill Oakley und Josh Weinstein als Executive Producer haben auf NHC gesagt, dass sie S7 für ihre etwas bessere Staffel halten und in S8 nicht alle Folgen so gelungen waren, wie es hätte sein können oder ursprünglich gedacht war.

Natürlich hatte S8 noch zahlreiche gute Folgen, aber irgendwie war es nicht mehr die Klasse der vorherigen Staffeln. Es waren noch immer die gleichen Executive Producer und viele Autoren, aber irgendwie war das Resultat nicht mehr das Gleiche. Das zeigt sich durchgehend, IMO auch recht schön im Qualitätsvergleich zwischen genialer „Summer of 4 Ft 2“ am S7-Ende und dem seltsam uninspirierten S8-Finale „Secret War“.

Und wenn es tatsächlich um Kreativität und das Aufrechterhalten von echtem Stil und Qualität gegangen wäre, hätte man sich also am Ende von S8 hinsetzen und objektiv feststellen können, daß jetzt nach 8 Staffeln und fast 180 Folgen die Abnutzung und das Anpassen an den nach gelbem Spaß rufenden Mainstream-Markt eine Stufe erreicht hat, die der Integrität der Charaktere und der Serie entgegenläuft.

Nun kann man natürlich mit dieser Erkenntnis nicht abrupt aufhören, also sollte man sich sagen „Wir machen jetzt eine neunte und letzte Staffel – und dafür bleiben Oakley & Weinstein Executive Producer, wir rufen jetzt alle guten Leuten aus den letzten Jahren zusammen, die wir bekommen können, mobilisieren alle kreativen Kräfte, setzen uns an die besten Storyideen – und machen eine neunte Staffel, die der Serie nach über 200 Folgen einen würdigen Abschluß setzt.“

Mit der real existierenden S9 und ihrem sitcomigen Einerlei hätte eine solche letzte Staffel wohlgemerkt kaum etwas zu tun gehabt.

Und weil es die letzte Staffel der Serie würde, kann man satirisch, humoristisch und auch von „experimentellen“ Folgen her so ziemlich alles wagen, was der FOX-Zensor durchgehen läßt und alles bringen, was die Serie speziell gemacht hat: den satirischen Geist von S2, den schrägen Humor von S5, die surreale Experimentierfreude von S7 und natürlich auch eine spezielle „neue“ Eigenschaft der Staffel. Und irgendwie bräuchte diese letzte Staffel auch mindestens eine Zeitungsmeldung der Art „Trickserie verärgert US-Regierung“ ;-).

Und wenn die Serie somit nach 9 Staffeln mit „wehenden Fahnen“ und einer herausragenden, emotionalen und/oder gesellschaftskritischen letzten Folge gegangen wäre, hätte man sich gerne an eine Planung von OFF-Filmen z.B. im 2-Jahres-Rythmus machen können – damit wäre auch gewährleistet, daß Charaktere und Fandom weiterleben.

Die kreativen Kräfte der Serie hätten sich außerdem ganz Futurama widmen können (was viele ja sowieso getan haben), vor allem hätte man engagiert verhindern sollen, daß Futurama von FOX so schlecht behandelt wird. Dann hätte auch das anders ausgehen können.

Wäre es so gelaufen, dann könnte ich mir heute die Simpsons eben als Gesamtwerk in 9 Staffeln in das Regal stellen (acht Staffeln so, wie wir sie kennen und eine fiktive, brillante S9 als Abgang mit Stil) und nebenbei ja auch die neuen OFF-Filme im passenden Zeitabstand kaufen. Neben dem Simpsons-Gesamtwerk sortiert man dann die inzwischen 7 oder 8 Futurama-Staffeln mit im Regal ein und freut sich auf neue Abenteuer in der nächsten F3K-Staffel.

Und sollte Futurama vielleicht ab den 8ACV auch Anzeichen einer Abnutzung zeigen (spätestens nach der 5. oder 6. Zeitreise und/oder Erdenrettung wäre das der Fall ;-)), dann wäre der Weg für eine frische und andere Idee u.U. schon am Horizont sichtbar.

Tja, so hätte die Sache IMO laufen können, wenn es um kreative Integrität gegangen wäre. Und sollte ich mit dem Serienkonzept jemals Erfolg haben, würde ich rechtzeitig aufhören, wenn sich Abnutzung bemerkbar macht. Zumindest behaupte ich das jetzt ;-).

Ich kann das auch gerne schriftlich hinterlegen – das allerdings ohne Gewähr, ob ich dann am Ende nicht einen auf Charles Foster Kane mache, und den mahnenden Regular, der nach kruden Staffeln an die Tür meine Villa kommt, um mich daran zu erinnern, mit den berühmten Worten „Release the hounds…“ begrüße ;-).

Wie dem auch sei. Liege ich mit meinen obigen Wünschen zu einem Ende der Serie nach 9 Staffeln falsch? Würden einem die besseren bis guten Folgen aus S14 – S17 abgehen oder wäre man bereit, auf sie zu verzichten, wenn es der Serie als Gesamtwerk zugute käme? Ich bitte um Meinungen zu diesem langen Gefasel.

Chris

Die kritische Mitte bei deutschen Simpsons-Fans

Zurück zu meinem Lieblingsthema: die Lethargie in der deutschsprachigen OFF-Fanszene (siehe drts und NeSp) und ihre Ursachen. Und jene Ursachen sind IMO nicht nur in der Qualität der Folgen zu suchen.

Ich habe mir mal wieder Gedanken zu dem Thema gemacht und bin dabei zu Folgendem gekommen: es gibt mittlerweile im deutschsprachigen Raum zwei Gruppen von OFF-Fans: die eine auf der allzu positiv/unkritischen und die andere auf der allzu negativ/desinteressierten Seite des Spektrums – aber fast keine kritische und aktive Mitte mehr dazwischen.

Auf der einen Seite die Gruppe, die sowieso alles kewl findet, was gelb ist und die Kritik und längere Review nicht nachvollziehen kann. Es ist schwer, hier von Serientreue oder Begeisterung zu sprechen, da sich IMO in dieser Gruppe sehr viel Beliebigkeit und Flüchtigkeit findet.

Auf der anderen Seite die Gruppe, die (bisweilen inobjektiv?) von der Serie desillusioniert und/oder durch Konsum anderer Serien übersättigt ist bzw. keinen motivierten Fokus mehr auf OFF richtet.

Beispielhafte Zitate aus diesem Bereich:

– Zu S15/S16 sage ich prinzipiell nichts mehr.
– Es gibt soviele andere und mittlerweile bessere Serien.
– Ich habe von den neuen OFF-Folgen fast nichts gesehen.

Was hier im deutschsprachigen Raum fehlt, ist inzwischen leider die kritische Mitte: Leute, die sich der Probleme der Serie bewußt sind, die sich aber trotzdem Motivation erhalten haben und (mit oder ohne anderen Serien nebenher) einen gewissen, dauerhaften Fokus auch auf aktuelle Staffeln und ihre Entwicklung richten.

Man erinnere sich an die häufiger auftauchende Aussage zur Kritik in S11-Zeiten: „Wenn es euch nicht mehr gefällt, dann seht es euch halt nicht mehr an.“ Als Gegenantwort von mir und anderen kam dann immer sinngemäß „Wenn man sich die Serie nicht mehr ansieht, dann kann man nicht mehr über Entwicklung und Probleme mitreden.“ Irgendwie haben wir mittlerweile aber genau diesen Status erreicht.

Mit wem soll man diskutieren, wenn man ein Review schreibt, zu dem viele Leute die Folge entweder nicht gesehen haben (etwa weil sie nach Folge xy das Interesse an der Staffel verloren haben und sich lieber dem „besseren“ Programm zuwandten) oder wenn sie die Folge zwar „mal gesehen“ haben, aber null Interesse dafür aufbringen?

Persönlich halte ich viele S15-Folgen (und etwas weniger S16-Folgen) für absolut diskussionswürdig und inhaltlich und von den Ambitionen her weit (weit) über dem Level der Scully-Jahre. Auch S16 hat mich zum Ende hin wieder mehr positiv überrascht. Zu anderen „besseren“ Serien kann ich nichts sagen, da ich diese nicht oder kaum kenne.

South Park hat aktuell wohl durchaus manch guten Einfall, andererseits mißfällt mir bei SP die allzu aufdringliche Satire und das Vorzitieren der Moral. Subtilität ist keine Stärke dieser Serie – aber durchaus eine von OFF-S15/S16 in ihren guten Momenten. Was mir persönlich bei SP auch mißfällt (man korrigiere mich, falls nötig), ist, dass immer sehr stark negative Töne überwiegen, während OFF und F3K durch ihren Sarkasmus hindurch immer Serien über das Gute im Menschen waren.

Prinzipiell bin ich der Meinung, dass OFF auch im momentanen Status immer noch in der Lage ist, mit einem Großteil der modernen Medienlandschaft den Fußboden zu wischen – wenn sie denn wollen. Was uns das über den Zustand dieser Landschaft sagt, sei mal dahingestellt. Zumindest sollte OFF immer noch weit mehr sein, als nur ein Krümel im beliebig verfügbaren (digitalen) Medienozean.

Außerdem hatte ich schon in der S16-Gesamtbetrachtung geschrieben, dass OFF (trotz öfters mangelnder Schärfe und Stil) immer noch die Serie ist, die wichtige „issues“ an eine Primetime-Öffentlichkeit bringt. S16 hat hier durchaus einige gute Punkte gemacht, die für längere drts/NeSp-Threads Substanz bieten würden.

Um zum Ende zu kommen: ist es tatsächlich so, dass eine kritische Mitte – die eben Kritik und Fachwissen mit Motivation oder sogar mit Freude an der Serie und deren längerer Besprechung verbunden hat – im deutschsprachigen Raum nun fast verschwunden ist?

Chris

Interesseverlust an den Simpsons – Ursachen

Der folgende Beitrag stammt aus einem drts-Thread zum Thema Nachlassen der Beteiligung in der NG bzw. auch zur generellen Lethargie im Bereich des deutschen OFF-Fandoms. Da sich dies ja auch auf NeSp anwenden läßt (wie sich im Hinblick auf die Beteiligung an Diskussionen und Reviews hier leider allzu deutlich zeigt) kommt der Beitrag hier nochmals.

Ein Problem, das sowohl drts, als auch Webforen betrifft, ist denke ich auch die nun immense Verfügbarkeit von anderen Serien bzw. speziell die damit verbundene Reizüberflutung und der Verlust von Aufmerksamkeit für eine bestimmte Einzelserie.

Früher wurde OFF als herausragende Serie (egal ob wegen Komplexität und Tiefgang oder einfach nur wegen des Humors) von allen geschätzt. Damit hatte es einen speziellen Status, der Beteiligungen an Kommentaren und Analysen und Diskussionen über Qualität etc. stark gefördert hat. Viele Leute haben OFF als herausragende Facette im persönlichen Serienkosmos gesehen – und das IMO noch bis vor gar nicht allzu langer Zeit.

Heute ist der deutsche Markt (TV, DVD, PC) mit Serien übersättigt – sei es nun Family Guy oder auch South Park oder eben die neue, total hippe XYZ-Serie aus Amerika, die bald kommt, von der im Web all die kewlen Leute sprechen und die man bestimmt demnächst per Download komplett ziehen kann.

Die Aufmerksamkeit, das Interesse und vor allem auch die Motivationsspanne für OFF werden dadurch immer mehr eingeschränkt. Leute, die die „Erwachsenenqualität“ der Serie noch nie an ihren subtilen Aspekten gemessen haben, orientieren sich eher in Richtung von Serien wie South Park, weil das doch „more edgy“ und echt für Erwachsene gemacht ist.

Auch die digitale Verfügbarkeit trägt dazu bei. Wie viele Leute haben heute x Filme und Serien auf ihren Rechnern? Eine Serie kann IMO noch so brillant und herausragend sein – wenn man sie auf einem PC auf der siebten 500-GB-Festplatte im 78. Verzeichnis hinten links („Serien R bis S komplett“) findet, dann verliert sie ihre Individualität und wird zu einem beliebig verfügbaren digitalen Krümel im Ozean.

Wie soll man dieser Serie noch die passende Wertschätzung entgegenbringen? Wie soll man noch Motivation haben, darüber zu diskutieren, sie sich anzusehen, sich hineinzudenken etc. wenn im TV schon wieder die nächste hippe Animation läuft, die nächste DVD-Kollektion schon auf den Käufer wartet oder im PC-Verzeichnis links neben der Serie wieder ein paar Gigabyte an kewl-neuem Material liegen?

Ich habe da ein anderes Verständnis. Wenn ich mir z.B. englische S2 auf VHS ansehe, dann schätze ich eine bestimmte Kassette, weil dort eben 4 richtig gute Folgen drauf sind. Ich schätze auch die Folgen als individuelle Güter, weil sie einzeln und überschaubar sind.

Wenn aber eine beliebige Verfügbarkeit und Überflutung da ist, dann geht das auf Kosten des Interesses. Das betrifft denke ich Webforen und Usenet und mag zum Teil eine Erklärung für das Phänomen ständig nachlassender Beteiligung sein.

Wie sind eure Meinungen?

Chris

Da ich im Moment nicht zum anderweitigen Schreiben komme, hier als kurze Ergänzung zwei weitere Kritiken/Essays zu Simpsons-Folgen. Eine Arbeit davon ist aktuell und bezieht sich auf die Folge, die in Deutschland an Sonntag gelaufen ist, die andere ist etwas älter und außerdem auf Englisch. Es gibt davon auch eine deutsche Fassung, aber die englische ist neuer und erweiterter – ich hoffe daher, dass der kurze Abstecher in die Fremdsprache hier kein Problem darstellt.

Was mich generell interessieren würde: liest jemand diese Essays und Kritiken hier mit Interesse? Die Statistik zeigt mir eigentlich eine größere Leserzahl an, Kommentare dazu kamen jedoch bisher keine. Falls Interesse besteht, kann ich die Beiträge natürlich gerne fortsetzen, ich habe da einen recht großen Bestand an Material zu dem Thema.

Natürlich ist es in Deutschland immer schwer, zu argumentieren, dass eine „Zeichentrickserie“ eine derart umfangreiche Betrachtung verdient, aber es ist ein durchaus interessanter Punkt (auch meine fiktive Animationsserie zielt ja darauf ab, dass Animation als Medium für ernsthafte Kritik und soziale Hinterfragung betrachtet werden sollte.). Außerdem steht der Qualitätsverlust der Simpsons über die letzten Jahre (im Grunde seit der zweiten Hälfte der 90er) IMO auch generell für ein Problem des aktuellen Zeitgeistes, ist daher also auch metaphorisch zu sehen.

Langer Rede kurzer Sinn: über ein paar Kritiken und Rückmeldungen zu den Arbeiten würde ich mich natürlich freuen, gerne auch zu meinem eigenen Konzept für eine satirische Animationsserie.

Und nun zwei Reviews: 1 x aktuelle Arbeit vom Wochenende und 1 x ältere Arbeit auf Englisch.

Review zu JABF15 „You Kent Always Say What You Want“

Um wenigstens einer Folge aus S18 noch ein Review zu widmen, werde ich mich etwas zum heutigen Season Finale äußern.

Eigentlich wollte ich schon zur deutschen Folge von letzter Woche ein Review schreiben (da es Teil des US-Finales war), konnte jedoch keine wirkliche Motivation dafür finden. Die Parodie auf „24“ war sicherlich nett geschrieben, gut animiert und durchaus unterhaltsam, aber mir ist die parodierte Serie unbekannt. Wie ich mal irgendwo gehört hatte, ist diese „24“-Serie wohl eher konservativ, was auch kritische Seitenhiebe durch liberale OFF-Autoren ermöglicht hätte. Zu sehen war davon wenig, die Folge wirkte eher wie ein amüsierter Werbespot für das Original.

Wenden wir uns der heutigen Folge JABF15 zu, die von beiden Episoden im Prinzip sicher die engagiertere ist. Man könnte sagen, daß die Autoren mit der „24“-Folge ihre popkulturelle Pflicht erfüllt hatten, und sich jetzt mit der medienkritischen Kent-Folge der satirischen Kür zuwenden. Leider wäre das IMO zuviel des Lobes, denn trotz guter Ansätze hat die heutige Folge im Detail einfach zuviele Probleme.

Fangen wir mit den negativen Aspekten an.

Und ein großes Problem der Folge ist das altbekannte: Zeitmangel und diesmal besonders auffallend schlechtes Timing. Es dauert in der Tat fast exakt 10 Minuten Laufzeit, bis die Folge zum eigentlichen Punkt mit Kent Brockman kommt. Was passiert in diesen 10 Minuten? Parodien mit Marge, Gagreihen beim Zahnarzt, sogar „lustige“ Skinner-Quälerei und Homer-Unfug. Meh. Wozu? Wenn man einen engagierten Inhalt zeigen möchte, dann komprimiert man ihn doch nicht auf die halbe Laufzeit – oder aber man widmet dem Thema die Laufzeit einer Doppelfolge.

Im weiteren Verlauf holpert die Folge dann mehr oder weniger durch ihre interessanteren Teile und hat kaum Zeit, eine Szene oder eine wichtige Frage konkret zu formulieren oder zu rechtfertigen. Warum wohnt Kent Brockman nochmal bei den Simpsons? Hat er mit seinem Job auch sein Haus verloren bzw. schläft er nun freiwillig und nur auf Marges Einladung hin auf Homers Couch? Fehlen hier Szenen, für die einfach keine Zeit mehr war nach rappenden Zahnarztvideos und Co?

Kleine Anekdote am Rande dazu: man beachte die Waffe, die Ludacris in der Hand trägt, als er am Gang an Bart vorbeigeht. Ursprünglich hatte er (wie jemand auf NHC zu berichten wusste, der die Folge in einer 400th-Episode-Vorab-Präsentation gesehen hatte) mit der Waffe den Zahnarzt bedroht. Nun war dies IMO zwar ein lausiger Witz, der, auf wessen Wunsch auch immer, entfernt wurde. Man könnte allerdings nun mutmaßen, was noch alles gekürzt und verändert wurde.

Ein Wort zur negativen Charakterisierung von Ned Flanders, die einmal mehr einen S1x-Tiefpunkt erreicht (besonders in seinem Dialog mit Rod und Todd): man könnte sagen, daß die platte Charakterisierung von Ned für die Autoren hilfreicher ist, um Seitenhiebe auf rechtskonservative Fundamentalisten zu verteilen, als es seine Rolle als religiöser, aber letztendlich netter (und vielschichtigerer) Nachbar gewesen war.

Gut und schön. Die Frage, die sich stellt, ist aber, warum man diese Möglichkeiten in Folgen wie „Monkey Suit“ mit unverfänglichem Wischiwaschi (und erneut Laufzeitgeholper) verstreichen lässt. Nur um damit niemandem wirklich auf die Füße zu treten? Auf der einen Seite werden also die Möglichkeiten zur liberalen Kritik an Fundamentalimus & Co kaum genutzt, auf der anderen Seite haben die Autoren aber scheinbar eine besondere Freude daran, einen einst sympathischen Charakter wie Ned Flanders in eine negative Selbstkarikatur umzuschreiben. Meh.

Zurück zur Folge: geht es nur mir so, oder erwartet man nach Ende des dritten Aktes noch einen vierten Akt, der einen ordentlichen Abschluß oder eine Aussage oder Anregung zur Satire bringt? Diese knappen zehn Minuten sollen alles gewesen sein? Man beachte nur, wie hastig selbst die everything-back-to-normal-Auflösung daherkommt – der gesamte Plan der Republikaner besteht darin, Kent mehr zu bezahlen, was dieser in einer sekundenkurzen Sequenz fröhlich annimmt – und von dannen fährt.

Hier scheitert die Folge auch noch an einem anderen, wichtigen Punkt: sie schafft es IMO niemals wirklich, Sympathie für Kent Brockman als Charakter zu erzeugen, bzw. ihm mehr Tiefe zu geben. Er bleibt in der kurzen Zeit seiner Auftritte ein Stichwortgeber für Mini-Liberal-Lisa und letztlich eine austauschbare und uninteressante Figur. Schade.

Der surreale Schluß mit dem plumpen FOX-Voice-Over und Homers direkter Ansprache des Zuschauers bricht mit jeder Form von Subtilität und dem üblichen Stil der Serie. Ist es denkanregend? IMO nicht wirklich, da die Folge im Vorfeld viel zu unentschlossen war, um einen derartigen Schluß als echte Hinterfragung tragen zu können. FOX ist böse. Ha Ha. Das haben wir schon so oft gehört und es hat hier kaum mehr Wirkung.

Kommen wir zu den positiven Aspekten.

Und hier muß man der Folge natürlich zugute halten, daß sie zumindest versucht, wichtige Themen anzusprechen. Nach dem arg banal-sitcomigen Finale von S17 („Homer and Marge Turn a Couple Play“) bietet uns das Doppelfinale von S18 zumindest einen erkennbaren Versuch, ausgesuchte Inhalte an einem besonderen Sendeplatz zu zeigen – es ging schließlich um die 400ste Folge und das Season Finale vor dem Kinostart des Films.

Die Folge wirft im Detail durchaus interessante Themen auf (wieso ist FOX-News konservativ und „sauber“, FOX auf der anderen Seite aber ein Sender, der gerne mit dem „lowest common denominator“ arbeitet?). Auch in anderen Bereichen parodiert die Folge im Detail politische Korrektheiten. Problem ist, daß diese Anregungen fast nur bloße Versatzstücke bleiben und man im Endeffekt den Eindruck hat, daß man eigentlich keine OFF-Folge braucht, um derart altbekannte Themen anzusprechen und wenig mehr zu bieten, als die bloße Erwähnung an der Oberfläche.

Was bleibt, sind einige recht amüsante Gags und Meta-Kommentare – man beachte die unvollständige Wand mit Kurzzeitgästen bei OFF („Apu sang us a song.“) oder meinetwegen auch die nett animierte Laufsequenz von Marge am Anfang der Folge. Der ganze Ullman-Short als „Aufmerksamkeit“ zum 20jährigen Jubiläum ist eine nette Geste – wenngleich auch wieder eine auf Kosten der eigentlichen Laufzeit der Folge.

Fazit: ambitionierte, aber im Endeffekt ziemlich halbgare Mediensatire als Season Finale. Besonders das Timing wirkt hier noch holpriger, als in S1x üblich – was gerade mit Blick auf das ernstere Thema bedauerlich ist. Im Detail einige nette Gags und satirische Anregungen, die aber in der episodenhaften Struktur eher Beiwerk bleiben. Als die Folge endlich etwas Schärfe bekommen könnte, blendet sie in einem obksuren Schluß aus und hinterläßt eher ein Achselzucken. Freundliches Mittelmaß. Note 3.

Als weitaus bessere S1x-Mediensatire kann ich natürlich „Fraudcast News“ als Season Finale von S15 empfehlen. Dort wurden weit mehr Dinge richtig gemacht, u.A. Timing, Subtilität (positiv wirkender Schluß mit negativem Unterton anstelle negatives Vorzitieren) und auch Sympathie für die Charaktere und deren Motivationen fehlte nicht. Vergleichendes Ansehen der beiden Folgen sei empfohlen.

Review about 7F19 „Lisa´s Substitute”

Here comes another review, this time about one of my favorite episodes, namely 7F19 „Lisa´s Substitute“. Although the review is again pretty long, it covers IMO only some parts of the true conceptual range of main- and subplot.

It wasn´t easy to translate, I hope (as usual) everything is understandable.

The snpp capsule to 7F19 begins with the unusual words „I laughed, I cried, it became a part of me“ – a line that already shows the immense emotional power of the episode. No other capsule on snpp begins with a comment like that as far as I know.

Already the Bart subplot contains some remarkable satirical elements, for example the sex poster (…now that we´ve got your attention), the well-done parody („Simpson Defeats Prince) of the wrong headline that Dewey beat Truman in the 1948 presidential election, Martin who bad-mouthes Ray Bradbury, the fact that both Martin and Bart use the same slogan „A Vote for Bart is a Vote for Anarchy“ to attract voters (brilliant idea), the satire about voters behaviour, the re-count etc. – all these are well-done examples of ambitious and smart satire even in the subplot.

The social implications about voters behaviour and about the serious fact, that elections could be won by unexpected groups if people do not vote or not enough people vote (everyone cheered for Bart but nobody cared to vote, so Martin won) are clearly thought-provoking material for further discussion but I´ll concentrate the review on the Lisa plot. As we will see, the Bart plot still is an essential part of the entire story, at least on a more conceptual level.

The episode is basically a sequel to 7G06 „Moaning Lisa“ from season 1 and has clearly more style and story depth than its sometimes too much in-your-face season-1-counterpart. We see again the classic concept that Lisa tries to find a person she can intellectually (and emotionally) relate to. At first sight, the episode seems to be about a simple childish crush on a teacher (as seen in various other shows/sitcoms) but at second sight it goes IMO way deeper. Lisa is searching for a substitute *father*, a person she could relate to, a person who seems equal to her, a person who could help her to „escape“ from the suppression of her creativity. In S1 and 7G06, BGM was that person for her musical creativity and in 7F19 it´s Mr. Bergstrom for her intellectual and emotional creativity.

It is always difficult to define the term in an animated show, but I´d say that´s true character depth. The episode isn´t really about a simple crush (that is just the story on the surface) but about Lisa´s old childhood angst – namely the fear of being somehow alone in a world without person she can really relate to. We´ve already seen in 7G06 that Homer and Lisa often don´t communicate on the same level (when Lisa tried to tell him about her angst, Homer was only able to reply with „Ride the Homey horsey“. He tried to understand, but he couldn´t <= important.) and the conflict is continued in 7F19 on a more complex and subtle level.

In both episodes, but especially well done in 7F19, Lisa is shown as a child (not as an annoying morality-mini-adult) but also as a child with an emotional and intellectual „core“ that is beyond her years. She acts like a child in certain scenes (notice the great scene when she refuses to play the sax in class but plays it later for Mr. Bergstrom when she realizes that he understands her) but she also wants to be treated like an older person.

Lisa tries to be equal to Mr. Bergstrom, she tries to change him, she tries to change herself and thus she also tries to leave her old life behind – and that is the main „tragic“ element of the episode. Lisa tries to distance herself more and more from her family during the episode, she sees her luck in other places (why should she be just Lisa Simpson with „bad“ father Homer if she can be Lisa Bergstrom with a real person she can in various ways relate to.) That´s pretty clear in a couple of scenes, for example and maybe best when she and Marge fold the laundry and Lisa argues, that her „love“ and empathy for Mr. Bergstrom is so much different (and also better) than Marge´s love for Homer. Marge reacts of course angry and Lisa doesn´t understand why – at least not yet.

Lisa also tries to distance herself from Bart and from his run for class president and comments one of his more crude actions with „You’ll never go broke appealing to the lowest common denominator“ (a line that describes the style of many episodes in the Scully era). Mr. Bergstrom notices that Lisa is on a wrong way of denying her roots and he says to her that she´ll miss Bart one day, when she will be on other and better places. The little scene is very important – another person (namely her „bad father“ Homer) will later use almost the exact same words. A brilliant emotional complexity.

At the end, Lisa loses Mr. Bergstrom and during the excellent scene at the train station, she has to understand that she has chosen the wrong father. Mr. Bergstrom even reveals himself to her in a way that he would normally never show to any other child – he reveals himself as a fraud, as a person that has to be sometimes here and sometimes there and that has to take on the form and identity that is needed. „That’s the problem with being middle-class. Anybody who really cares will abandon you for those who need it more.“

The scene at the train station is maybe one of the deepest emotional moments of the entire show (what a difference to the usual „plastic emotion“ of too many episodes past season 9), especially the note The note gave IMO Lisa back what she thought she had lost – her own identity. She is not alone. She isn´t Lisa Bergstrom, who has to live now without a person she can relate to. She has a family. She has a person she can relate to, a person she has refused to believe in. You are Lisa Simpson.

However, Lisa doesn´t understand the message of the note yet and her fear of being alone (again) transforms into sadness and anger and there´s only one person that anger can be focussed on. You may notice that her emotional outburst takes place at the dinner table, when Marge points to Homer and says to Lisa „Tell your father“. That leads to the famous „Baboon“ scene, but all her anger is so empty and fleeting that the sadness immediately breaks through and she runs off in tears.

The following dialogue between Homer and his daughter repeats several parts of the concepts Mr. Bergstrom has tried to show to Lisa and in the very same way Mr. Bergstrom revealed himself as a fraud to Lisa at the train station, Homer reveals himself now as her father (and „Monkey Man“) who is not intellectually equal to her, but who will always be there for her in his very own (and also very unique) emotional way. It´s not even really clear why Lisa decides to forgive Homer, maybe it was because of the similarity between what he said and what Mr. Bergstrom said. Maybe she finally understood the meaning of the note. The honesty of the scene is maybe what makes it work so outstandingly well – which can be said about various other scenes as well.

Mr. Sam Etic, the voice of Mr. Bergstrom, was of course Dustin Hoffman. And great guest voices who appeared on the show before it was „hip“ to be there always have my deepest respect. To pay some tribute, the episode refers partly to „The Graduate“, for example in the scene when Edna tries to seduce Mr. Bergstrom and we see a camera angle through her legs. BTW, the final scene of the episode (Homer talks to Marge) is recycled in episode 8F03 „Bart The Murderer“.

It doesn´t matter anymore in DVD times but just for the record: there were some 93 seconds cut in syndication, over 1 1/2 minutes of partly essential scenes were completely missing. I guess that´s what happens if an episode is clearly not funny enough to deserve running time that is better used for more commercials.

What else can I say about 7F19? It´s IMO a masterpiece of character depth and plot design and the complete opposite of many mainstream episodes of the later days of the show. It is still fascinating how much empathy and identification with the characters and how much substance and depth can be found in just around 20 minutes story (a lot of big budget animated CG movies with their perfect animation seem IMO often pretty weak in comparison to that.) There are so many little things in the episode and its scenes that make it more than the sum of its parts.

I haven´t written about the outstanding voice acting by the regular cast (especially when compared to today), maybe someone else wants to say something about that.

7F19 is the kind of episode that is able to stir a wider range of emotions (much different from other animated TV entertainment) and to send shivers down your spine. And whoever thinks it´s weird and pointless to say such things about a „crudely drawn“ nonsense cartoon, allright, you´re free to think that. 7F19 is one of the best episodes ever and of course grade A+.

Let me finish with the first line of the capsule „“I laughed, I cried, it became a part of me.“ And that´s pretty much it.

Comments are as usual welcome.

Chris

P.S. There´s an interesting comment by Paul Kornreich about the episode in the SNPP capsule. I recommend the comment, it shows some further thoughts I haven´t mentioned – see http://www.snpp.com/episodes/7F19.html

[Ein aktueller Forenbeitrag von mir zum Thema, den ich hier gerne ergänzen möchte, da er verschiedene Probleme gut auf den Punkt bringt. Etwas viel „Fan-Chinesisch“, mit Begriffen wie S15 etc. sind z.B. einfach Serienstaffeln gemeint. Ich hoffe, das Anliegen des Textes ist ansonsten auch generell verständlich, da es auch über das Simpsons-Problem hinausgeht bzw. dies als nur eine Facette ansieht.]

Die große Simpsons-Misere

Nochmal generell zum Problem, das Thema macht mir gerade irgendwie Laune zum Posten: ich bemühe mich ja auch stets, freundlich zu aktuellen S1x-Staffeln zu sein und in den vergangenen Jahren (besonders im Mittelfeld der Jean-Ära, also S15/S16) gab es auch gute Entwicklungen. Da gab es IMO Folgen, die eben durchaus das Potential hatten, sowohl Langzeitfans, als auch die neue Zielgruppe zu „bedienen“. Sicher nicht mit dem Stil der klassischen Jahre, aber ich hatte den Eindruck, daß die Macher um Al Jean bemüht waren, so manch spezielle Eigenschaften der Serie (den Stil, die Vielfältigkeit, den Respekt für Zuschauer und Charaktere) halbwegs zu würdigen.

Seit etwa Staffel 17 habe ich aber wieder den deutlichen Eindruck, daß das alles zugunsten des größtmöglichen Marktes vernachlässigt wird. Das Motto scheint mir zu sein: wofür noch Fans der ersten Stunde und/oder Freunde von Tiefgang und durchdachter Handlung ansprechen, wenn der kritikfaule Gelegenheitszuschauer und all die ROTFL-Kiddies die Quote genauso füllen? Gerade Staffel 19 ist IMO ein perfektes Beispiel für die erneute Zuwendung an den Massenmarkt. Und das geht soweit, daß ich Folgen aus der Staffel neulich buchstäblich in den Mülleimer geworfen habe, weil ich sie kein zweites Mal mehr sehen wollte. Das ist kein gutes Zeichen.

In den klassischen Jahren war die Serie ein riesiger Schatz (jepp, ein weit größerer Schatz als ein kewles Autogramm von Matt Groening) von Zitaten und Referenzen auf Literatur, auf Kunst, auf klassisches Kino etc etc., das Ganze durchdrungen von echtem Respekt für die Charaktere, von Denkanregung, von scharfer Sozialkritik auf subtilste Weise, von Tiefgang. So ganz nebenbei fügte sich all das zusammen mit dem storybezogenen Humor flüssig in echte Handlungen ein, die uns etwas Ambitioniertes zu erzählen hatten.

Wobei die Ambition eben nicht nur Humor und Sozialkritik war, sondern auch jene, Dinge zu tun, die im US-Cartoonwesen einfach Neuland waren, wie z.B. das Seelenleben der Charaktere und deren Ängste und Hoffnungen zu erforschen („Moaning Lisa“, „Fast Lane“, „Substitute“ und viele mehr bis rauf zu „4 Ft 2“ in S7) Und das Ganze in Balance mit guten Spaß- und Humorfolgen, auch diese natürlich mit Stil und dem Geist der frühen Jahre. Die letzten Produzenten, die das richtig erkannt und umgesetzt hatten, waren IMO Oakley und Weinstein in S7/S8.

Und trotz all dieser Zitate und Verbindungen war die Serie bei Zuschauerschichten jeden Alters beliebt. Man musste die Zitate und Anregungen nicht erkennen, um Freude an der Folge zu haben (das berühmte laterale Apropos), aber sie waren immer der große Bonus. Nur was passierte jetzt in den letzten Jahren und speziell in Staffel 19? Etliche Gags sind reinkonstruiert, irrelevant für die Handlung, überdehnt und wiederholt, fast alles ist für den größtmöglichen Zuschauerkreis „dick unterstrichen“, lasche (Popkultur-)Referenzen und Gags werden sofort und umfangreich erklärt. „Handlungen“ sind bis auf wenige Ausnahmen Standardschemen oder ziellose Anhäufungen von Gags und Laufzeitvergeudung zugunsten seichter Unterhaltung – siehe z.B. mein Review zu „You Kent Always Say“.

Dies alles wohlgemerkt nicht immer, aber gerade in den letzten Jahren immer öfter. Es gibt in S19 durchaus auch mal eine Citizen-Kane-Referenz, die unerklärt bleibt, oder einen schönen Charaktermoment, aber all das droht nun in einer Flut von „Massenmarkt-Qualitäten“ erneut unterzugehen. Ein gutes Beispiel sind hier auch die Schlüsse bei Al Jean: gab es früher Schlüsse, die den Zuschauer einfach emotional beeindrucken wollten („Mother Simpson“ & Co) und dadurch Wirkung hatten oder Schlüsse, die auch dunklere Töne und Denkanregungen hatten („Two Cars“ & Co), ist der Schluß heute fast aus Prinzip ein Gag oder eine lustige Szenenmontage. Warum? Damit die Zuschauer mit einem leichten Lacher gehen und beim nächsten Mal sicher wieder Teil der Quote sein werden.

Und das zeigt einen groben Mangel an Respekt, sowohl für das Potential der Serie, als auch für die Charaktere und deren Eigenschaften und Vergangenheit – last but not least natürlich auch Mangel an Respekt für den Zuschauer selbst. Und das betrifft selbst die ROTFL-Kiddies, denn auch die bekommen halt nun vorzitiert, wo der gelbe Spaß sitzt und wo sie zu lachen haben. Die stört das nur eben nicht und daher sind sie nun die große Zielgruppe. Und schon haben wir die beste Staffel aller Zeiten. Sehr, sehr schade.

Und ich glaube nicht, daß wir aus dieser Misere nochmal rauskommen. S15 wäre IMO die große Chance gewesen, mittlerweile ist die verspielt. Trotzdem hoffe ich halt weiter und versuche es zu vermeiden, Folgen in den Mülleimer zu werfen (bei S19 hat das leider nicht geklappt.) Es gibt zwei oder drei interessantere Folgen in der Staffel und ein paar treffende Anregungen und Bezüge, aber die Simplifizierung und Abwärtstendenz bzw. die Stagnation ist mir zu überdeutlich. Es wäre wohl auch an der Zeit für einen neuen Executive Producer, aber ob das noch was bringt?

In Deutschland haben wir darüber hinaus auch das Problem, daß gerade die Leute, die neue Folgen aus Prinzip gut finden, oft mit grobem Unverständnis und aggressiv auf Kritik daran reagieren. Als echter und loyaler Fan muß man die neuen Folgen gut finden, man darf die kewlen Gelben nicht kritisieren, alles ist so lustich und so muß es auch sein. Und Folgen, in denen es anders war und die nicht so lustich waren, sind von früher und langweilig. Bläh. In den USA ist das IMO etwas anders, auf NHC gibt es z.B. durchaus auch Leute, die neue Folgen und Staffeln auf bestimmte Weise gut finden, dies aber auch ausführen und begründen können und wollen.

Und das ist mit ein Grund, warum dort noch traffic und Leben ist, drts und NeSp dagegen am Ende sind. Und da spielt auch wieder die deutsche Mentalität mit rein, die Trickserien als Kinderformat betrachtet. Ein Sender wie Pro7 tut da natürlich auch nichts dagegen, dies zu hinterfragen, sondern stopft halt alle quotenschwachen Programmlücken mit den „gelben Chaoten“ voll und übersättigt das TV-guckende Publikum. Deswegen quittieren viele Langzeitfans aktuelle Folgen nur noch mit einem untätigen Achselzucken (mit Blick auf die S19-Qualität kann man ihnen das auch nicht verdenken) und haben generell auch keine Lust mehr, ältere Folgen und Klassiker oder positive S1x-Aspekte aktiv anzugehen und zu diskutieren. Die Medienüberschwemmung im Digitalzeitalter, in der selbst ein brillanter Staffel-2-Klassiker nur noch ein Krümel im digitalen Terabyte-Ozean ist, trägt sicher auch mit dazu bei. Aber das ist ein anderes Thema.

Was bleibt, sind Kurzzeitfans und die junge Zielgruppe, die gerade hierzulande durch die Mentalität von jugendbezogener Unterhaltung auch keine Motivation für „mehr“ hat und Kritik als langweiligen Verrat am Spaß betrachtet. Die werden sicher auch älter, laufen dann aber vermutlich eher zu den krasseren (In-)Serien, als sich für die Simpsons-Qualitäten hinter der Unterhaltung offen zu zeigen. Und daher bleibt die neue kritische Mitte hierzulande wohl weiterhin eine Utopie.