Fuck you all – eine Abrechnung

Ich bin…mein Chef

Ich mache gute Miene zum bitterbösen Spiel und zeige mein blankpoliertes Gewinnerlächeln. So geglänzt wie heute hat es nicht immer, da wurde nachgeholfen, denn mein wahres Ich muss ich in meinem Metier verbergen. Den verfaulten Kern darf niemand zu Gesicht bekommen.
Wenn ich mir den neusten Schnickschnack zulege und meine Wohlstandswampe hinter das Lenkrad eines überteuerten SUV-Stadtpanzers zwänge, vergesse ich manchmal selbst, was für ein selbstgefälliges Arschloch ich eigentlich bin.
Nach oben buckeln habe ich nicht nötig, denn ich bin mein eigener Boss. Dafür trete ich umso heftiger nach unten, andere Menschen sind mir egal. An Macht interessiert mich Macht und nicht etwa die Verantwortung, die ich mit ihr übernehme.
Eigentlich habe ich von nichts richtig Ahnung, aber was soll man machen? Um Chef zu sein, benötigt man kein Zeugnis der IHK. Mein Defizit an Wissen relativiere ich durch Gewinn. Wer erfolgreich ist, hat automatisch Recht.
Zustimmung ist käuflich, genau wie ich. Ein guter Mensch zu sein, ist in meinen Kreisen noch nie ein Trend gewesen. Dabei bedarf es gar nicht viel Anstrengung, um die meisten zu täuschen.
Sein wir ehrlich, ihr wollt doch verarscht werden. Ihr bettelt förmlich darum.
Niemand sieht das ausgebeutete Personal in meiner modernen Dienstleistungssklaverei, das mit den zahllosen Überstunden und Mindestlohn. Wenn denen irgendwas nicht passt, sollen sie eben woanders anschaffen und wenn es nicht zum Leben reicht, können sie beim Jobcenter ihre Würde in Zahlung geben und aufstocken. Schön, wenn man sich auf den Staat verlassen kann.
Kunden sehen keine übernächtigten Mitarbeiter, die sich nur verschwommen an den letzten freien Tag erinnern; sie sehen engagierte Arbeitnehmer, die ihren Unterhalt allein bestreiten und dem Staat nicht auf der Tasche liegen. Im Gegensatz zu diesem ganzen Hartz-IV-Pack.
Jemand wie ich hat einen stillschweigenden Pakt mit der Gesellschaft geschlossen. Ich nehme einigen Menschen ohne nennenswertes Kapital auch noch den letzten Rest Selbstwertgefühl und dafür bilde ich als mittelständischer Unternehmer das Rückgrat dieser Nation. Fairer Deal, oder?
Wenn einer meiner Sklaven meint, mir seine angeblichen Rechte unter die Nase reiben zu müssen, wird er die Tricks und Kniffe meiner Anwälte zu spüren bekommen und im Anschluss meine Rache. Angestellte müssen wissen wo ihr Platz ist, dass sie ans untere Ende dieser Nahrungskette gehören. Sie sind keine Lebewesen, sondern Wirtschaftsfaktoren.
Mein Geiz wird lediglich von Skrupellosigkeit übertroffen. Glücklicherweise kümmert das niemanden. Die Leute sind zu dumm, um zu begreifen, dass ein Kaufmann nicht immer ein Edelmann ist.
Heute setze ich noch ein wenig Arbeitskraft frei, danach verzocke ich die sauerverdienten Kröten im Kasino und anschließend genehmige ich mir einen edlen Tropfen als Absacker. Natürlich auf Kosten des Hauses. Zum Schluss bette ich mich bequem und schlafe friedlich wie ein Baby.
Wir alle sind gleich, aber manche sind gleicher. Das Leben kann so schön sein.

Ich bin…Kunde

Mein Leben ist dem Zeitgeist unterworfen. Hektisch und laut, aber vor allem individualisiert und einsam. Der Erhalt von Bestätigung und Zuwendung geschieht online, ist digitalisiert und erfolgt in Form von Klicks und Likes.
Der vorherrschenden Trostlosigkeit setze ich Konsum entgegen. Ich gönne mir etwas, um die schwache Ahnung zu spüren, dass wenigstens ich mich gernhabe.
Oft fühle ich mich einsam inmitten der Pendlerherde. Arbeitsschafe, die morgens um sechs zur Weide und abends zurückpilgern. In der Zwischenzeit beschäftige ich mich mit…Zeug. Zeug eben.
Soziale Hetzwerke, Shopping und am allerwichtigsten ist es, dabei keine Schwäche zu zeigen. Das ist lustig und unterhaltsam, es lenkt vom grauen Alltag ab. Wenn bloß diese Einsamkeit nicht wäre, deren Existenz ich hartnäckig leugne oder selbst nicht wahrhaben will, denn das wäre Schwäche.
Egal wie sehr ich mich anstrenge, meine Fehler kann ich nicht ausmerzen, sie brodeln unter der Oberfläche. Es sticht und kratzt, denn als menschliches Wesen bin ich auf soziale Kontakte angewiesen.
Evolutionär betrachtet existiert das Smartphone noch gar nicht, genau wie das Internet. Nicht genug Zeit, um sich anzupassen. Mein virtuelles Eigenbrötlertum ist unnatürlich und an dieser Stelle kommt der Dienstleister ins Spiel.
Mein Glück ist sein Ziel, heutzutage herrscht All-inclusive- Mentalität. Ich kaufe nicht nur ein Produkt, sondern erhalte gleich eine ganze Reihe weiterer Annehmlichkeiten hinzu. Und ich erwarte einiges.
Man soll mir den Hof machen, jeden Wunsch von den Augen ablesen und sich am besten in den Staub werfen, damit ich mir selbst nicht mehr ganz so erbärmlich vorkomme. Ich bin schließlich jemand, der es würdig ist, bedient zu werden. Macht steigt einem schnell zu Kopf.
Das Personal soll spuren, sonst werde ich schnell ungemütlich. Ich sitze am längeren Hebel, denn der Kunde ist König. Diese Überlegenheit ist ein wundervolles Gefühl.
Wenn mir etwas nicht passt und das Personal mich trotz Gehorsamkeitspflicht nicht wie einen Kaiser bedient, lasse ich ordentlich Dampf ab, indem ich mich an die Vorgesetzten wende. Ich opfere tatsächlich etwas von meiner knappen Freizeit und beschwere mich bei einem Chef, der noch schlimmer als mein eigener ist, weil ich nicht ausreichend gepampert wurde. Es interessiert mich nicht, dass Verkäufer Menschen sind und ich mit meinem quersitzenden Furz möglicherweise ihren Job und damit ihre Existenz gefährden könnte.
Selbst schuld, wenn die mit ihrem Job nicht zufrieden sind. Hätten sie in der Schule halt besser aufgepasst. Dann könnten wir gemeinsam auf solch minderwertiges Pack herabblicken und mit einer einzigen Mail ganze Leben ins Wanken bringen.
Als Kunde ist es meine heilige Pflicht, mich so lange und penetrant zu beschweren, bis auch der letzte Kellner begreift, dass er die Schnauze zu halten und mir die Füße zu küssen hat.

Ich bin…der entfesselte Kapitalismus

Euch Menschen zeichnet Gier aus, die weit über das normale Maß an Selbsterhaltungstrieb hinausgeht. Einzigartig im Tierreich. Kein anderes Lebewesen unter der Sonne kann nie genug bekommen, obwohl es bereits alles hat. Das spielt mir in die Karten, früher oder später mussten wir zueinanderfinden, ihr und ich.
All die Schattierungen eures Daseins gefallen euch nicht, ihr braucht Gut und Böse. Arm und Reich. Polarität kann ich euch bieten, denn unter meinem Einfluss seid ihr entweder etwas oder nichts, irgendwann gibt es keine Zwischenstufen mehr.
Um jeden Widerstand im Keim zu ersticken, habe ich euch mit der schlimmsten Droge aller Zeiten angefixt: Geld. Es ist der Kraftstoff meines Motors, es regiert die Welt. Wer am meisten davon besitzt, kontrolliert alles, sogar die Kontrollmechanismen.
Für ein Tier mit eurem Verstand ist Abgrenzbarkeit ausgesprochen wichtig und lässt sich kaum besser als mit Besitz definieren. Dass Reichtum ohne Armut wertlos ist, habt ihr ziemlich schnell vergessen. Der Rücksichtsloseste trumpft auf, nie zuvor seid ihr besser auf etwas angesprungen.
Ich lulle euch mit Halbwahrheiten über Aufstieg, Fleiß und harte Arbeit ein. Vom Tellerwäscher zum Millionär – das alte Märchen.
Nachts, wenn du in deinem Boxspringbett liegst, -oder auf der Pritsche im Obdachlosenasyl- flüstere ich süße Lügen in dein Ohr.
Es gibt mehr zu holen, wenn du dich nur anstrengst, wenn die Produktivität steigt, wenn du einen Prozess noch ein klein wenig effizienter machen kannst. Ich spreche von ewigem Wachstum bei endlichen Ressourcen und du glaubst mir. Ihr alle tut es und vergesst verweichlichtes Gutmenschentum, Solidarität und die Werte der Demokratie.
Wenn du nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehst, hast du etwas falsch gemacht. Dann bist du selbst schuld und verdienst den Spott und die Häme der anderen. Das Prinzip der Selbstreinigung.
Bei mir bekommt jeder, was ihm zusteht und nicht, was er verdient. Aus welchem anderen Grund sollte den narzisstischen Milliardär mit Diamantenmine in Sierra Leone ansonsten nicht der Blitz beim Scheißen treffen, obwohl ein Menschenleben für ihn nicht mehr als eine weitere Zahl in der Statistik ist? Es gibt keine ausgleichende Gerechtigkeit, kein Karma oder Schicksal. Das sind Tagträume verblendeter Sozialromantiker.
Die Angst vor Abstieg wiegt schwerer als die Hoffnung auf Aufstieg, dafür sorge ich. Wirf einen Blick auf die sich ausdehnende Unterschicht. Abzustürzen ist einfacher als du denkst, zumindest unter einer gewissen Vermögensklasse machst du schneller die Biege, als du dir vorstellen kannst. Jeder ist ersetzbar.
Es hätte nicht so weit kommen brauchen, hättet ihr meine Ketten nicht gelockert und eure Aufsichtspflicht missachtet. Doch nun bin ich ein selbstzerstörerisches System geworden, das sein eigenes Kartenhaus durch Hilfsmaßnahmen am Einsturz hindert. Ich kontrolliere mich und das ist im Sinne von Recht und Ordnung noch niemals eine gute Idee gewesen. Ich fresse mit Vorliebe die eigenen Kinder und kranke an mir selbst. Zukunft, die über die nächste Rendite hinausgeht, interessiert mich nicht.
Wie lange das funktioniert? Keine Ahnung. Schon morgen kann alles vorbei sein, wir werden sehen.
Ich bin der entfesselte Kapitalismus und die nächste Generation kann mich mal.