Gehirnwäsche

Im Fernsehen läuft ein Model über den Laufsteg. Ihre langen dünnen Beine wirken wie Stelzen auf mich und ihr Gesicht wirkt eingefallen. Ihre Kleidung ist Bauchfrei und ich bin mir nicht sicher ob dieser dürre Körper noch gesund ist oder bereits der Norm entspricht.
Das kleine Mädchen neben mir sieht sich selbst an. Ihre gesunde Figur betrachtend. Ihr Gesichtsausdruck beschreibt ihre Gefühlswelt. Ich weiß wie sie sich fühlt. In ihrem Alter habe ich mir auch immer wieder diese Fragen gestellt. Leider weiß ich aber auch, dass viele in meinem jetzigen Alter immer noch nach genau jenem Ideal streben. „Bin ich auch wirklich hübsch?“, „Ich könnte so was niemals tragen… was würden denn die Leute denken“, „Ich habe zu dicke Oberschenkel“…

Diese ganze Szene vor mir im Fernsehen ist doch nichts weiter als eine Gehirnwäsche. Die Kinder und die Jugendlichen unserer heutigen Gesellschaft werden in Schubladen gesteckt und versucht in stereotypen eingeteilt zu werden. Passen sie nicht in ein Schema werden sie als Außenseiter betitelt oder als nicht zureichend abgestempelt. Ich habe genug von dem ganzen Druck den Kinder, Jugendliche aber auch Erwachsene erleiden müssen. Ich möchte nicht das dieses Kind neben mir genauso denkt wie alle anderen und auch wie ich früher. Ich würde ihr am liebsten die Augen öffnen.

Ich lehnt mich zurück auf das Sofa und betrachtete das Mädchen neben mir noch mal genauer. Ich kenne sie bereits ihr gesamtes Leben und es ist meine Aufgabe ihr zu sagen das sie perfekt ist, wie sie ist. Aber wie soll ich das anstellen? In dem Alter hört man doch nicht auf das was Erwachsene sagen. Ich bin mir aber sicher, dass ich ihr Selbstbewusstsein schenken kann. Als meine Mutter damals immer zu mir sagte, dass ich hübsch sei, glaubte ich ihr nicht. Ich bin aber nicht die Mutter dieses Kindes. Ich bin ihre Tante und manchmal habe ich das Gefühl, sie bewunderte mich. „Zozi? Ich finde du bist ein sehr hübsches Mädchen.“, höre ich mich auch schon sagen. „Diese Menschen im Fernsehen folgen einem Extrem um aus der Masse herauszustechen. Aber nimm dir kein Beispiel. Das ist nicht gesund. Denn du hast tolle große Augen und die süßeste Nase die ich kenne. Deine Figur entspricht deinem Alter vollkommen und was nicht ist wird in der Pubertät kommen. Bitte glaube mir. Ich finde dein Aussehen perfekt. Und was noch viel wichtiger ist,“, ich machte eine kurze Pause und grinste sie an: „dein Charakter ist einzigartig und wundervoll. Du bist unglaublich klug. Du bist immer verantwortungsbewusst. Deine kleinen Geschwister können sich auf ihre große Schwester verlassen. Deine Kreativität kennt keine Grenzen und ich kenne kein anderes 10 jähriges Mädchen mit dem ich so reden kann, wie mit dir. Nein wirklich. Du bist viel verständnisvoller als die meisten Frauen in meinem Alter. Du diskutierst, debattiert und bist schlagfertig.“

Als ich aufhörte zu reden wurde es ruhig um mich herum. Zozi hatte Tränen in den Augen. Sie war schon immer sensibel und emotional. Ich nahm sie in den Arm. „Danke..“, flüsterte sie. Ich war mir zwar nicht sicher ob es nur für den Moment an Worten reichte oder ob sie auch noch in ein paar Jahren daran dachte. Ich wusste nur, dass ich ihr für den Moment ein wenig geholfen habe, sich besser zu fühlen. Kein Stereotyp zu sein und sich selbst wert zu schätzen. Das ist doch auch schon viel wert, oder?

Kinder und Jugendlicher aller Art, dies ist eine ausdrückliche Bitte an euch. Ihr seid perfekt wie ihr seid und solltet aufhören besser werden zu wollen. Die Normen und Werte dieser heutigen Gesellschaft verändern sich sehr schnell und ihr werdet nicht hinterher kommen und immer perfekt sein. Lebt gesund und hört auf euren Körper. Dieser weiß nämlich, was das beste für ihn ist. Macht was ihr für richtig haltet und lasst euch keine Normen und Werte aufdrängen. Denn es ist gut wie ihr seid.

Carl Gustav Jung sagte einmal: „Normalität ist das Ideal des Mittelmaßes.“
Wer möchte denn schon mittelmäßig sein?