Ist Harry Potter Literatur?

20./23. April 2010

Angeregt durch eine Debatte im Forum zum Wesen der unlängst beendeten Heptalogie mit dem Namen „Harry Potter“ möchte sich die Verfasserin heute demselben Problem widmen:

Ist Harry Potter Literatur?

Ein einfaches Ja wäre wohl angebracht, wenn dieses Ja nicht einen wahren Rattenschwanz an Erklärungen und Assoziationen mit sich bringen würde. Ein einfaches Nein schiene ebenso angebracht, wenn diese Möglichkeit nicht einen ebensolchen Rattenschwanz an Erklärungsbedarf nach sich ziehen würde.
Denn egal wie die Antwort ausfallen wird, würde oder werden möge, sie kann nur dann glaubhaft und nachvollziehbar sein, wenn eine entscheidende Frage beantwortet wurde. Die Frage, um die sich die gesamte Thematik dieser Seite dreht. Nämlich:

Was ist Literatur?

Das ist ein weltbewegendes Problem. Eindeutig zu definieren, was Literatur ist und was nicht, gelingt nicht einmal dem Literaturtheoretiker an sich. Was der eine zur Literatur zählt, wird der andere lediglich als thematisch orientierten Text zur schlichten Unterhaltung der breiten Masse rechnen. Es kommt darauf an, welcher Strömung er angehört und ob er sich als schlichter Theoretiker ansieht oder als Praktiker der Literaturwissenschaft. Oberflächlich betrachtet scheint es dort keinen Unterschied zu geben. Doch während es sich beim ersteren lediglich um eine Teildisziplin handelt, umfasst das letztere die Gesamtheit dessen, womit sich bereits der Schüler in Ansätzen im Literaturunterricht der Schulen herumschlagen muss.
Literaturtheorie ist eine Teildisziplin der Literaturwissenschaft und widmet sich der Definition des Werkzeugs und des Materials mit dem sich die Literaturwissenschaft in ihrer Gesamtheit befasst. Wenn die Verfasserin sich einfach ausdrücken möchte, so liefert die Literaturtheorie die Begründung für eine Wissenschaft, die es ihr erst ermöglicht überhaupt in Erscheinung zu treten. Es ist eine philosophische Frage: Wie jene nach dem Ei und der Henne. War die Literaturtheorie vor der Literaturwissenschaft da? Oder bedingt das Vorhandensein der einen die Existenz der anderen? (Interessierte mögen einen Blick in Terry Eagletons Abhandlung zum Thema „Was ist Literatur“ werfen.)

Nun, die Theorie ist nötig um den Rest praktizieren zu können. Methoden der Kritik, der Analyse, der Interpretation, die kleinen aber feinen Unterschiede der einzelnen Genres und der Großformen, in denen sich Literatur entfalten kann, müssen schließlich eindeutig festgehalten werden. Wann wird ein Drama zu einer Komödie und wann zu einer Tragödie und seit wann ist ein Drama nur traurig und ein Garant für die Aktivierung der Tränendrüse? Seit wann und warum sind Romanzen mehr als eine Variante der spanischen Versepen des ausgehenden 14. Jahrhunderts? Und wieso unterscheidet sich das Sonett eines Shakespeares in Form, Thematik und Inhalt vom Sonett eines Andreas Gryphius? Warum sind mittelalterliche Versepen des 12./13. Jahrhunderts tiefsinniger als die Romane der Moderne, obwohl sich letztere rühmen, individuelle Charaktere geschaffen zu haben?
Was genau ist ein Epos? Was eine Ballade? Was ist ein Held und seit wann gibt es den Antihelden und warum zum Teufel beharren acht von zehn angehenden Autoren darauf, dass eine Geschichte nicht funktioniert, wenn sie als Basis den guten alten Dualismus von Gut und Böse hat? Fragen über Fragen.

Leider bringt Bömmels „Da stellen wir uns mal ganz dumm“ in dieser Phase der Überlegungen keinen geeigneten Einstieg, denn wenn es um die Frage nach dem Wesen der Literatur geht, dann kann mit Dummheit – selbst mit vorgeschobener – oder Naivität nicht wirklich ein Blumentopf gewonnen werden. Dummheit ist schön, wenn Dummheit eine unschuldige Unwissenheit ist, die durch Naivität zur eindeutigen unvoreingenommenen Antwort führt. Sie ist schön, wenn sie durch ein naives Verständnis von Moral getragen wird und sich in der Äußerung des Kindes aus „Des Kaisers neue Kleider“ widerspiegelt, dass der Kaiser ja nackt sei. Sie ist demnach praktikabel und angemessen, wenn etwas Offensichtliches zu benennen ist. Doch Dummheit ist schrecklich und unzureichend, wenn sie das Resultat einer krankhaften Ignoranz ist. Und diese Ignoranz, diese Form von Dummheit erinnert doch stark an Dr. Hiob Prätorius gesuchte Mikrobe der menschlichen Dummheit, die Curt Goetz seinen Protagonisten so anschaulich suchen lässt. Doch die Verfasserin schweift wieder einmal ab und befürchtet, dass sich der eine oder andere durch diesen Leichtsinn der Verfasserin auf dem falschen Fuß erwischt fühlen könnte.

Wie gesagt, bringt Bömmels Prämisse, sich ganz dumm zu stellen, den Interessierten in Fragen der Literatur nicht weiter, denn unvoreingenommen kann niemand an diese Frage herangehen. Wir sind vorgeprägt. Schon in Kindertagen wird das Bild, was der Mensch von Literatur hat durch die Gesellschaft, in der sich das Kind bewegt, beeinflusst. Zuerst sind es die Eltern, die ihren Nachkömmlingen ein Bild von kindgerechten Märchen, Geschichten und Begebenheiten vorlesen. So wird dem Kind suggeriert, was gut und was böse ist. In der kindlichen Welt muss die Hexe brennen, damit die Bedrohung des Bösen von der Bildfläche verschwunden ist. Der eine oder andere Psychologe wird dieser Aussage zwar vehement widersprechen, doch ist diese Aussage nicht das Resultat einer Studie an Einzelbeispielen, sondern eine allgemeingültige anerkannte Tatsache. Wenn einem Kind Hänsel und Gretel vorgelesen wird, würde ein anderes Ende, als das geschriebene, das Kind in Angst und Schrecken versetzen, da die Hexe als Bedrohung weiterhin vorhanden wäre.
In der kindlichen Welt muss der Held strahlend schön sein, auch wenn er die Rüstung erst am Ende erhält. Das gute moralische Handeln wird belohnt, das schlechte unmoralische wird bestraft. Doch schwebt über allem die Möglichkeit der Gnade. Das ist mit Sicherheit ein Bild, das fragwürdig ist und dennoch kommen selbst Eltern, die das deutliche Nebeneinander von Gut und Böse, Weiß und Schwarz hinterfragen und nicht gutheißen – die Weltfremdheit dieser Dualitäten liegt auf der Hand – selbst diese Eltern kommen um moralische Aspekte wie dem Du-Sollst-Nicht-Lügen und dem Du-Sollst-Nicht-Petzen nicht herum. Dieses schlichte klare Weltbild hatte jeder, der mit den Märchen der Brüder Grimm in Berührung kam, wobei es nicht zwingend erforderlich ist, dieses Verhalten anhand der Märchen kennenzulernen und es vollkommen irrelevant ist, ob sich diese Kenntnis über die ersten zehn Jahre des Lebens hinaus erhält.
Und in Berührung kommen heißt nicht unweigerlich Rotkäppchen und Dornröschen vorgelesen bekommen zu haben, sondern in Berührung kommen heißt schlichtes in Kontakt geraten. Durch Freunde, durch andere Medien wie Fernsehen oder die schlichte gestalterische Darstellung in Form eines Bildes. Der erste Gang in die Buchhandlung oder die Bibliothek – in den Augen der Verfasserin eine herrliche Einrichtung, die unter keinen Umständen in Vergessenheit geraten darf – bringt den Menschen mit Literatur in Berührung. Mit Literatur in allen Schattierungen, von Klassikern der Weltliteratur über Klassiker der Trivialliteratur bis hin zu Werken, die das Potential zu Klassikern in beiden Bereichen haben und zu Werken, die nach einem kurzen Strohfeuer der Liebhaberei wieder ins Nirgendwo verschwinden werden. Die Märchen der Grimms sind Literatur.

Der Frage nach dem Wesen oder dem Sein von Literatur kann also nur auf intellektueller Ebene im weitesten wie im engsten Sinne erhellt werden.

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Debatte im Forum zum Wesen der unlängst beendeten Heptalogie mit dem Namen „Harry Potter“ möchte sich die Verfasserin heute demselben Problem widmen:

Ist Harry Potter Literatur?

Ein einfaches Ja wäre wohl angebracht, wenn dieses Ja nicht einen wahren Rattenschwanz an Erklärungen und Assoziationen mit sich bringen würde. Ein einfaches Nein schiene ebenso angebracht, wenn diese Möglichkeit nicht einen ebensolchen Rattenschwanz an Erklärungsbedarf nach sich ziehen würde.
Denn egal wie die Antwort ausfallen wird, würde oder werden möge, sie kann nur dann glaubhaft und nachvollziehbar sein, wenn eine entscheidende Frage beantwortet wurde. Die Frage, um die sich die gesamte Thematik dieser Seite dreht. Nämlich:

Was ist Literatur?

Das ist ein weltbewegendes Problem. Eindeutig zu definieren, was Literatur ist und was nicht, gelingt nicht einmal dem Literaturtheoretiker an sich. Was der eine zur Literatur zählt, wird der andere lediglich als thematisch orientierten Text zur schlichten Unterhaltung der breiten Masse rechnen. Es kommt darauf an, welcher Strömung er angehört und ob er sich als schlichter Theoretiker ansieht oder als Praktiker der Literaturwissenschaft. Oberflächlich betrachtet scheint es dort keinen Unterschied zu geben. Doch während es sich beim ersteren lediglich um eine Teildisziplin handelt, umfasst das letztere die Gesamtheit dessen, womit sich bereits der Schüler in Ansätzen im Literaturunterricht der Schulen herumschlagen muss.
Literaturtheorie ist eine Teildisziplin der Literaturwissenschaft und widmet sich der Definition des Werkzeugs und des Materials mit dem sich die Literaturwissenschaft in ihrer Gesamtheit befasst. Wenn die Verfasserin sich einfach ausdrücken möchte, so liefert die Literaturtheorie die Begründung für eine Wissenschaft, die es ihr erst ermöglicht überhaupt in Erscheinung zu treten. Es ist eine philosophische Frage: Wie jene nach dem Ei und der Henne. War die Literaturtheorie vor der Literaturwissenschaft da? Oder bedingt das Vorhandensein der einen die Existenz der anderen? (Interessierte mögen einen Blick in Terry Eagletons Abhandlung zum Thema „Was ist Literatur“ werfen.)

Nun, die Theorie ist nötig um den Rest praktizieren zu können. Methoden der Kritik, der Analyse, der Interpretation, die kleinen aber feinen Unterschiede der einzelnen Genres und der Großformen, in denen sich Literatur entfalten kann, müssen schließlich eindeutig festgehalten werden. Wann wird ein Drama zu einer Komödie und wann zu einer Tragödie und seit wann ist ein Drama nur traurig und ein Garant für die Aktivierung der Tränendrüse? Seit wann und warum sind Romanzen mehr als eine Variante der spanischen Versepen des ausgehenden 14. Jahrhunderts? Und wieso unterscheidet sich das Sonett eines Shakespeares in Form, Thematik und Inhalt vom Sonett eines Andreas Gryphius? Warum sind mittelalterliche Versepen des 12./13. Jahrhunderts tiefsinniger als die Romane der Moderne, obwohl sich letztere rühmen, individuelle Charaktere geschaffen zu haben?
Was genau ist ein Epos? Was eine Ballade? Was ist ein Held und seit wann gibt es den Antihelden und warum zum Teufel beharren acht von zehn angehenden Autoren darauf, dass eine Geschichte nicht funktioniert, wenn sie als Basis den guten alten Dualismus von Gut und Böse hat? Fragen über Fragen.

Leider bringt Bömmels „Da stellen wir uns mal ganz dumm“ in dieser Phase der Überlegungen keinen geeigneten Einstieg, denn wenn es um die Frage nach dem Wesen der Literatur geht, dann kann mit Dummheit – selbst mit vorgeschobener – oder Naivität nicht wirklich ein Blumentopf gewonnen werden. Dummheit ist schön, wenn Dummheit eine unschuldige Unwissenheit ist, die durch Naivität zur eindeutigen unvoreingenommenen Antwort führt. Sie ist schön, wenn sie durch ein naives Verständnis von Moral getragen wird und sich in der Äußerung des Kindes aus „Des Kaisers neue Kleider“ widerspiegelt, dass der Kaiser ja nackt sei. Sie ist demnach praktikabel und angemessen, wenn etwas Offensichtliches zu benennen ist. Doch Dummheit ist schrecklich und unzureichend, wenn sie das Resultat einer krankhaften Ignoranz ist. Und diese Ignoranz, diese Form von Dummheit erinnert doch stark an Dr. Hiob Prätorius gesuchte Mikrobe der menschlichen Dummheit, die Curt Goetz seinen Protagonisten so anschaulich suchen lässt. Doch die Verfasserin schweift wieder einmal ab und befürchtet, dass sich der eine oder andere durch diesen Leichtsinn der Verfasserin auf dem falschen Fuß erwischt fühlen könnte.

Wie gesagt, bringt Bömmels Prämisse, sich ganz dumm zu stellen, den Interessierten in Fragen der Literatur nicht weiter, denn unvoreingenommen kann niemand an diese Frage herangehen. Wir sind vorgeprägt. Schon in Kindertagen wird das Bild, was der Mensch von Literatur hat durch die Gesellschaft, in der sich das Kind bewegt, beeinflusst. Zuerst sind es die Eltern, die ihren Nachkömmlingen ein Bild von kindgerechten Märchen, Geschichten und Begebenheiten vorlesen. So wird dem Kind suggeriert, was gut und was böse ist. In der kindlichen Welt muss die Hexe brennen, damit die Bedrohung des Bösen von der Bildfläche verschwunden ist. Der eine oder andere Psychologe wird dieser Aussage zwar vehement widersprechen, doch ist diese Aussage nicht das Resultat einer Studie an Einzelbeispielen, sondern eine allgemeingültige anerkannte Tatsache. Wenn einem Kind Hänsel und Gretel vorgelesen wird, würde ein anderes Ende, als das geschriebene, das Kind in Angst und Schrecken versetzen, da die Hexe als Bedrohung weiterhin vorhanden wäre.
In der kindlichen Welt muss der Held strahlend schön sein, auch wenn er die Rüstung erst am Ende erhält. Das gute moralische Handeln wird belohnt, das schlechte unmoralische wird bestraft. Doch schwebt über allem die Möglichkeit der Gnade. Das ist mit Sicherheit ein Bild, das fragwürdig ist und dennoch kommen selbst Eltern, die das deutliche Nebeneinander von Gut und Böse, Weiß und Schwarz hinterfragen und nicht gutheißen – die Weltfremdheit dieser Dualitäten liegt auf der Hand – selbst diese Eltern kommen um moralische Aspekte wie dem Du-Sollst-Nicht-Lügen und dem Du-Sollst-Nicht-Petzen nicht herum. Dieses schlichte klare Weltbild hatte jeder, der mit den Märchen der Brüder Grimm in Berührung kam, wobei es nicht zwingend erforderlich ist, dieses Verhalten anhand der Märchen kennenzulernen und es vollkommen irrelevant ist, ob sich diese Kenntnis über die ersten zehn Jahre des Lebens hinaus erhält.
Und in Berührung kommen heißt nicht unweigerlich Rotkäppchen und Dornröschen vorgelesen bekommen zu haben, sondern in Berührung kommen heißt schlichtes in Kontakt geraten. Durch Freunde, durch andere Medien wie Fernsehen oder die schlichte gestalterische Darstellung in Form eines Bildes. Der erste Gang in die Buchhandlung oder die Bibliothek – in den Augen der Verfasserin eine herrliche Einrichtung, die unter keinen Umständen in Vergessenheit geraten darf – bringt den Menschen mit Literatur in Berührung. Mit Literatur in allen Schattierungen, von Klassikern der Weltliteratur über Klassiker der Trivialliteratur bis hin zu Werken, die das Potential zu Klassikern in beiden Bereichen haben und zu Werken, die nach einem kurzen Strohfeuer der Liebhaberei wieder ins Nirgendwo verschwinden werden. Die Märchen der Grimms sind Literatur.

Der Frage nach dem Wesen oder dem Sein von Literatur kann also nur auf intellektueller Ebene im weitesten wie im engsten Sinne erhellt werden.

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Woher kommt Literatur?

Am einfachsten nähert es sich dieser Frage über die schlichte Etymologie des Wortes. Woher kommt der Begriff Literatur und hier würde Bömmel wieder greifen: Stellen wir uns mal ganz dumm und dröseln das Wort einfach mal auf: In Literatur steckt das lateinische Wort littera oder dessen Plural litterae. Buchstabe bzw. Buchstaben oder als Pluralwort auch Literatur; im weitesten Sinne steht dieses für die Aneinanderreihung von Buchstaben zu sinnvollen Wörtern und diese wiederum zu sinnvollen Texten. Wobei sich über sinnvoll streiten ließe. Wie über alles, was nicht mit der Etymologie des Wortes zu tun hat. Hier greift wieder der Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Ein Satz wie: Der Ofen kommt morgen zu Besuch. Ist grammatikalisch vollkommen richtig, nur rein inhaltlich sinnlos, da ein Ofen im Hier und Jetzt sicherlich keinerlei Besuche macht. Ja, es kann metaphorisch gemeint sein, ja, der Herr vom Lieferservice kann ein humorvoller Mann sein, der den Ofen als Lebenwesen behandelt und damit seine Verbundenheit mit seinem Produkt nach außen trägt.

Also, wenn Literatur nichts anderes ist, als alles, was je geschrieben wurde und auf den Inhalt, die Form und den Aufbau keine Rücksicht nimmt, rückt das schlichte Ja auf die eingangs gestellte Frage wieder in greifbare Nähe. Doch das wäre in der Tat zu einfach.

Literatur ist im weitesten Sinne alles, was geschrieben wurde und umfasst damit Sachwerke, Fachwerke (bitte nicht in architektonischer Bedeutung), Prosa, Lyrik etc. Die Reihe wäre beliebig fortzusetzen, da dadurch auch schlichte Artikelbeschreibungen Literatur im weitesten Sinne wären, von Werbetexten ganz zu schweigen und was passiert mit mündlichen Texten? Im Zeitalter der Hörbücher können diese kaum von der Liste der geschriebenen Werke gestrichen werden, nur weil sie transportabel vorgelesen werden. Ein Tagebuch fiele ebenso wie E-Mails, Briefe, Postkarten unter die Rubrik Literatur, wenn die Definition, es handle sich um alles, was geschrieben steht, die aussagekräftige wäre. Also muss Literatur etwas anderes sein.

Literatur ist im engeren Sinne alles das, was geschrieben wurde, auf einen geschriebenen Text basiert und worüber diskutiert bzw. debattiert bzw. disputiert wird. Sprich, sobald Inhalt, Form, Stil, Thema, Protagonisten, Publikationsform etc. den Drang zur Debatte in der Masse der Konsumenten auslösen, ist es Literatur. Dann wäre das Problem aber nicht vom Tapet, da immer noch Schriftstücke unter diese Definition fallen, über die definitiv debattiert wird: Gesetze, Verträge, Zeugnisse … es ist Geschriebenes und dennoch wird niemand die Großspurigkeit besitzen, das bürgerliche Gesetzbuch als Literatur zu bezeichnen oder den Versailler Vertrag oder das Vertragswerk von 1648. Niemand … es sei denn, es handelt sich um einen Literaturwissenschaftler, der anhand der Sprache der Zeit eine Kulturgeschichte der Rechtssprache entwickeln will, um den Rückgang der Verwendung lateinischer Begriffe ad absurdum zu führen oder aber das Aufkommen umständlicher Beschreibungen oder aber über die barocke Ausprägung der Formulierungen in Vertragswerken des 17. und frühen 18. Jahrhunderts darzulegen. Dann werden auch diese Schriftwerke zur Literatur, da über ihren sprachlichen Wert befunden wird. Sobald über einen Text als Text geredet wird, wird er Gegenstand der Sprach- oder Literaturwissenschaft und damit zur Literatur, im wissenschaftlichen Sinn. Sobald der Nährboden für eine wie auch immer geartete Debatte gegeben ist bzw. sich offenbart, definiert sich das geschriebene Werk als Literatur. Originalität, Kreativität, Komplexität, Sprache, Thematik etc.

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dieser Frage über die schlichte Etymologie des Wortes. Woher kommt der Begriff Literatur und hier würde Bömmel wieder greifen: Stellen wir uns mal ganz dumm und dröseln das Wort einfach mal auf: In Literatur steckt das lateinische Wort littera oder dessen Plural litterae. Buchstabe bzw. Buchstaben oder als Pluralwort auch Literatur; im weitesten Sinne steht dieses für die Aneinanderreihung von Buchstaben zu sinnvollen Wörtern und diese wiederum zu sinnvollen Texten. Wobei sich über sinnvoll streiten ließe. Wie über alles, was nicht mit der Etymologie des Wortes zu tun hat. Hier greift wieder der Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Ein Satz wie: Der Ofen kommt morgen zu Besuch. Ist grammatikalisch vollkommen richtig, nur rein inhaltlich sinnlos, da ein Ofen im Hier und Jetzt sicherlich keinerlei Besuche macht. Ja, es kann metaphorisch gemeint sein, ja, der Herr vom Lieferservice kann ein humorvoller Mann sein, der den Ofen als Lebenwesen behandelt und damit seine Verbundenheit mit seinem Produkt nach außen trägt.

Also, wenn Literatur nichts anderes ist, als alles, was je geschrieben wurde und auf den Inhalt, die Form und den Aufbau keine Rücksicht nimmt, rückt das schlichte Ja auf die eingangs gestellte Frage wieder in greifbare Nähe. Doch das wäre in der Tat zu einfach.

Literatur ist im weitesten Sinne alles, was geschrieben wurde und umfasst damit Sachwerke, Fachwerke (bitte nicht in architektonischer Bedeutung), Prosa, Lyrik etc. Die Reihe wäre beliebig fortzusetzen, da dadurch auch schlichte Artikelbeschreibungen Literatur im weitesten Sinne wären, von Werbetexten ganz zu schweigen und was passiert mit mündlichen Texten? Im Zeitalter der Hörbücher können diese kaum von der Liste der geschriebenen Werke gestrichen werden, nur weil sie transportabel vorgelesen werden. Ein Tagebuch fiele ebenso wie E-Mails, Briefe, Postkarten unter die Rubrik Literatur, wenn die Definition, es handle sich um alles, was geschrieben steht, die aussagekräftige wäre. Also muss Literatur etwas anderes sein.

Literatur ist im engeren Sinne alles das, was geschrieben wurde, auf einen geschriebenen Text basiert und worüber diskutiert bzw. debattiert bzw. disputiert wird. Sprich, sobald Inhalt, Form, Stil, Thema, Protagonisten, Publikationsform etc. den Drang zur Debatte in der Masse der Konsumenten auslösen, ist es Literatur. Dann wäre das Problem aber nicht vom Tapet, da immer noch Schriftstücke unter diese Definition fallen, über die definitiv debattiert wird: Gesetze, Verträge, Zeugnisse … es ist Geschriebenes und dennoch wird niemand die Großspurigkeit besitzen, das bürgerliche Gesetzbuch als Literatur zu bezeichnen oder den Versailler Vertrag oder das Vertragswerk von 1648. Niemand … es sei denn, es handelt sich um einen Literaturwissenschaftler, der anhand der Sprache der Zeit eine Kulturgeschichte der Rechtssprache entwickeln will, um den Rückgang der Verwendung lateinischer Begriffe ad absurdum zu führen oder aber das Aufkommen umständlicher Beschreibungen oder aber über die barocke Ausprägung der Formulierungen in Vertragswerken des 17. und frühen 18. Jahrhunderts darzulegen. Dann werden auch diese Schriftwerke zur Literatur, da über ihren sprachlichen Wert befunden wird. Sobald über einen Text als Text geredet wird, wird er Gegenstand der Sprach- oder Literaturwissenschaft und damit zur Literatur, im wissenschaftlichen Sinn. Sobald der Nährboden für eine wie auch immer geartete Debatte gegeben ist bzw. sich offenbart, definiert sich das geschriebene Werk als Literatur. Originalität, Kreativität, Komplexität, Sprache, Thematik etc.

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Klassiker vs. Weltliteratur vs. Trivialliteratur

An dieser Stelle liegt die Antwort auf die Eingangsfrage auf der Hand: Ja, Harry Potter ist Literatur, da über den Text im Hinblick auf Inhalt, Gestaltung, Rezeption, Quellen und Sprache kontrovers diskutiert wird. Über Harry Potter verfassen nicht nur Fans pseudo-wissenschaftliche Aufsätze, um die durch Rowling aufgeworfenen Probleme und Lücken zu beleuchten, zu schließen oder zu lösen. Über Rowlings Quellen wird ebenso ernsthaft in Fachkreisen – die Verfasserin meint damit unter Literatur- wie Kulturwissenschaftlern – wie in Fanforen diskutiert. Fragen nach den Grundlagen werden gestellt, nach der Gestaltung, nach der Psychologie der Protagonisten … es werden Fragen an die Buchreihe gestellt, wie sie sonst nur an die sogenannten Klassiker der Weltliteratur gestellt werden. Absichtlich liegt hier die Betonung auf Klassiker der Weltliteratur, denn was Klassiker ist und was nicht, was Weltliteratur ist und was nicht, ist noch zu klären.

Eines ist sicher, zumindest für den Moment, der sich aus dem Hier und Jetzt definiert: Harry Potter ist zwar Literatur, doch keine Weltliteratur, obwohl die Geschichte um die Welt gegangen ist und noch geht. Ein wahrer Hype, der mit dem Erscheinen des letzten Filmes in zwei Teilen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen weiteren Höhepunkt erleben wird.

Harry Potter ist das, was man Trivialliteratur nennt, ohne die negative Intention des Wortes überhaupt auch nur in Erwägung zu ziehen. Was sich hinter diesem Terminus nach Ansicht der Verfasserin verbirgt, kann sie nur dann erklären, wenn sie vorher deutlich macht, was sie unter Weltliteratur versteht.

Weltliteratur ist ein kulturelles Erbe, das von Volk zu Volk variiert, auf den Begriff Nation möchte die Verfasserin hier verzichten. Es gibt Überschneidungen, die mal mehr mal minder relevant oder weitschweifig sind. Kulturelles Erbe bedeutet in dem oder mit dem kulturellen Gedächtnis eng verknüpft. Kulturelles Erbe betrifft Themen ebenso wie Formen oder Genre. Die englische Sonettform ist ebenso einzigartig prägend wie die normative, derer sich die Sonettdichter ansonsten bedienten – der Unterschied zwischen der Shakespeare‘schen Sonettkunst und der eines Andreas Gryphius wurde bereits erwähnt.
Die deutsche Kurzgeschichte der 50/60er Jahre ist nach wie vor für deutsche Autoren von Kurzgeschichten prägend. Nicht allein aufgrund ihrer Schulbildung, schließlich hat jeder Schüler die wesentliche Merkmale einer Kurzgeschichte auswendig lernen müssen, sie erkennen müssen und das nicht nur im Unterricht, sondern auch in den Klassenarbeiten und Prüfungen. Es wäre einfacher die english Shortstory als maßgeblich für eine kurze Geschichte egal welchen Inhalts anzunehmen.

Mit jedem Volk wird ein bestimmtes Gut an Literatur verbunden. Es ist bezeichnend für dieses und der eine erwartet vom anderen, dass dieser diese Werke auch gelesen hat. Die Verfasserin möchte hier jedem Interessierten das Buch von Italo Calvino ans Herz legen „Warum Klassiker lesen?“. Hier geht es zwar hauptsächlich um das Lesen von Klassikern und das Wiederlesen selbiger, doch wird der Begriff Klassiker häufig mit dem Begriff Weltliteratur synonym verwendet, was definitiv den Kern der Sache nicht erfasst.
Karl Mays Erzählungen – die Verfasserin lehnt die Bezeichnung Romane hier ab, selbst wenn der Umfang der Werke eine solche zulassen würde – sind keine Weltliteratur jedoch Klassiker der Reise- und Abenteuerliteratur.
Weltliteratur sind Goethe, Schiller, Shakespeare, Flaubert, Tolstoi etc. Ohne die Autoren mit ihren Biographien und Bibliographien näher zu kennen, sind sie bekannt. Bei Tolstoi werden aus dem Stegreif Assoziationen deutlich wie: Russland und „Krieg und Frieden“, als eines seiner Werke. Bei Flaubert wird an Frankreich gedacht und an „Madame Bovary“. Bei Shakespeare erinnert sich auch der Nichtinteressierte an England, „Hamlet“ und „Romeo und Julia“. Wenn er gut ist, wird noch Elizabeth I. von England als Wurfgeschoss dem Zuhörer präsentiert. Bei Goethe und Schiller denkt man an „Faust“ und „Die Räuber“. So hat jedes Volk seine eigene Weltliteratur und, egal wohin man kommt, wenn die Rede auf die Literatur des Landes kommt, wird der Tourist mit intellektuellen Brocken beworfen.

Jener Italo Calvino reagierte darauf sinngemäß, dass von einem Franzosen nicht erwartet werden kann, den gesamten Molière zu kennen, nur weil er Franzose und Molière ein Klassiker sei oder so ähnlich. Der geneigte Leser, der die Geduld bis an diese Stelle nicht verloren hat, mag der Verfasserin diese schaurige Zitierweise nachsehen. Es ist Ewigkeiten her, seit sie den Calvino gelesen hat und zum Nachschlagen bestünde nur die Möglichkeit, eine abenteuerliche Exkursion in den Keller zu unternehmen, um in den unzähligen Bücherkisten nach jenem Exemplar zu suchen, das sie ihr eigen nennt.

Dem Deutschen gegenüber wird mit Kenntnis eines Goethes oder Schillers geprahlt, dem Franzosen werden Brocken aus Flaubert oder Zolà entgegengeschleudert, der Italiener muss sich mit Dante bombardieren lassen, der Spanier bekommt Cervantes serviert und vom Russen wird erwartet, dass er alles von Tolstoi und Dostojewski gelesen hat. Dabei ist dies eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit.

Solange also der Malteser vom Briten nicht erwartet, dass dieser Harry Potter gelesen hat, ist Harry Potter also keine Weltliteratur?
Falsch. Ob Harry Potter Weltliteratur wird, wird sich mit der Zeit zeigen. Im Augenblick ist er es nicht und wie die Dinge liegen, wird er auch nicht in den illustren Zirkel aufgenommen werden. Doch hat Potter nicht nur das Zeug zum Helden, sondern auch das Zeug zum Klassiker, jedenfalls zum Klassiker der Trivialliteratur.

Die Verfasserin bittet darum, die negativen Assoziationen des Terminus Trivialliteratur außen vor zu lassen. Trivial bedeutet nichts anderes, als allen zugänglich. Das bezieht sich in erster Linie auf die Pubklikationsform. Als Paperback, Broschiert oder in dermaßen hoher Auflage erscheinend, dass der Erwerb mit verhältnismäßig wenig Kosten verbunden ist. Allen zugänglich in Sinne von auch für den kleinen Geldbeutel erschwinglich.
Alexandre Dumas ist demnach mit all seinen unzähligen Romanen nichts anders als ein Trivialautor. Seine Schreibwerkstatt bediente den Mainstream, jene historischen Romane, die man im Frankreich der Zeit so gerne las, im Hinblick auf die Publikationsform waren die Werke an ein breites Publikum gerichtet. Seine Romane sind in der Regel als Fortsetzungsromane in Zeitungen und Zeitschriften erschienen. Somit allen zugänglich und kostengünstig zu erwerben. Nur dumm, wenn eine Ausgabe nicht ergattert werden konnte. Die als Buchform erschienenen Romane sind zumeist überarbeitete Varianten der Zeitungsfassung. Ähnlich handhabte das auch Francis Hogdson Burnett. Ihr „Little Princess“ erschien als Fortsetzungsroman, dann als Roman und es existiert auch ein Bühnenstück. Little Princess und Secret Garden ebenso wie Little Lord Fauntleroy sind keine Weltliteratur, doch Klassiker der Kinderliteratur. Immer wieder gern gelesen auch über Generationen hinweg.
Ein Klassiker ist also ein Dauerbrenner und Dauerbrenner haben die Angewohnheit in der einen oder anderen Fassung bzw. Neuauflage immer wieder einmal auf der Bildfläche aufzutauchen.

Doch trivial bedeutet auch noch etwas anderes als allen leicht im Erwerb zugänglich zu sein. Leicht zugänglich hat zweierlei Intentionen. Zum einen das erwähnte finanzielle Problem und zum anderen leichte Verständlichkeit. Das Problem an vielen sogenannten Werken der Weltliteratur ist der hochgelobte tiefere Sinn, der durch mühevolle Interpretation aus dem Text gezogen werden muss, egal ob er enthalten ist oder nicht. Dem einen fällt es leicht, dem anderen nicht. So werden viele Weltliteraturen dem geneigten Leser verdorben, da stets auf einen tieferen Sinn beharrt wird. Die Verfasserin hat grausige Erlebnisse mit einem Klassiker der Weltliteratur, den sie mittlerweile wieder zu lieben gelernt hat.
Manns „Die Buddenbrocks“ würden eventuell häufiger gelesen, wenn – abgesehen vom Mann‘schen verschachtelten Stil als ausreichender Abschreckung – nicht stets auf den Untergang der Familie, den tiefen Sinn, die Bedeutung der einzelnen Personen als beispielhaft für die Zeit oder singulär ausbrechend aus der Gesellschaft gepocht werden würde. Weltliteratur, so hat es den Anschein, lässt reinen Lesegenuss kaum zu. Lesen um des Lesens Willen ohne den Anspruch, den vom Autor angeblich hineingewobenen tieferen Sinn verstehen zu müssen: das scheint bei der Weltliteratur nicht möglich zu sein und wenn es ein eifriger Leser dennoch tut, die anmaßende Arroganz besitzt, einen weltliterarischen Klassiker um des Genusses Willen zu lesen, wird er belächelt und sein Tun für absurd erklärt.

Der Genuss am Lesen sollte an erster Stelle stehen und wer seinen Spaß in der Lektüre von Sachbüchern zur Ornitologie findet oder zur Geschichte der Wasserversorgung seines Heimatortes, soll dieses Vergnügen haben.

Ja, Harry Potter ist Literatur, die Reihe ist Trivialliteratur mit dem Zeug zum Klassiker. Warum? Harry Potter regt zu Diskussionen an. Harry Potter bringt Menschen dazu, sehr junge Menschen, zu lesen. Die Buchreihe verbindet und schlägt Brücken über Generationen hinweg. Großmutter redet mit dem Enkel über Literatur. Warum? Weil beide das gleiche Buch gelesen haben. Wenn Literatur zwei Dinge vermag, dann diese: Polarisieren auf der einen und Verbinden auf der anderen Seite.

Die Frage ist demnach schlicht und ergreifen mit einem Ja zu beantworten. Die Argumentation mag nicht allen einleuchtend genug sein, vielleicht ist sie das auch nur für den Moment. Die Argumentation ist alles andere als vollständig und sie hinkt an einigen Stellen, doch mit der Schlussfolgerung, dass Literatur polarisieren würde, liegt die Verfasserin so falsch nicht. Sobald über ein geschriebenes Werk in den Ausmaßen debattiert wird, wie Harry Potter es zeigt, kann es sich nur um Literatur handeln.

Gleiches trifft übrigens auch auf die Biss-Reihe zu, mit einem Unterschied: Die Biss-Reihe wird aufgrund des Mangels an Originalität in einigen Jahren in der Versenkung verschwunden sein, gleich den vielen Schauerromanen des späten 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts, als unzähligen schreibende Damen und Herren sich auf der Welle der Schauerlichkeit einen Namen zu machen versuchten. Ob die Verfasserin mit dieser Prognose recht hat, wird sich erst in einigen Jahrzehnten erweisen, bis dahin … Man fasse den Begriff Literatur so weit als möglich und so eng als nötig.

~ Ende ~