Kritiken und Rants

Williams, Tad: The Dirty Streets Of Heaven. A Bobby Dollar Novel. New York: DAW Books, 2012.

Das Buch, das hier besprochen werden und dergestalt auch gleich die Kritikenreihe eröffnen soll, ist der erste Teil der dreiteiligen „Bobby Dollar“-Reihe um einen eigenwilligen Engel namens Doloriel vulgo Bobby Dollar, der als himmlischer Anwalt menschlichen Seelen beim Gericht nach ihrem Tod beisteht. Mehrere Punkte haben mich zu dem besagten Buch hingezogen: es wurde mir von einer respektierten Kollegin empfohlen, und ich konsumiere im Moment alles an Kultur, was sich mit der abrahamischen Mythologie beschäftigt (darunter eben auch so Schläge ins Wasser wie Angel Sanctuary), auch, um mir Anregungen für die eigenen Engel und Dämonen zu holen. Der Autor war mir vorher nur dem Namen nach bekannt, und ich bin in das Buch eingetaucht, ohne große Ahnung von dessen Plot zu haben; auf dem hinteren Umschlag befindet sich keine Inhaltsangabe, sondern nur „Praise for The Dirty Streets Of Heaven“. Die besagte Kollegin warnte mich zwar, dass Tad Williams‘ Charaktere viele Ähnlichkeiten mit Pappaufstellern aufwiesen, aber das war schon im Großen und Ganzen, was ich von dem Werk wusste.
Was den Plot betrifft, werde ich nicht mehr verraten, als dass Doloriel/Bobby, der auch als Ich-Erzähler fungiert, in Ermittlungen um verschwindende Seelen hineingezogen wird. Die Leichen sind da; doch die Seelen, welche eigentlich gerichtet und zwischen Himmel und Hölle verteilt werden sollten, sind unauffindbar. Doloriel/ Bobby ist der Erste an einem Ort, an dem dergleichen geschehen ist; richtig Fahrt nimmt die Geschichte jedoch erst auf, als ein Agent der Gegenseite tot aufgefunden wird.

POSITIVES:
Die Konzeption des Himmels.
Es gibt vieles, für das man Tad Williams zweifellos loben kann und muss, zumindest in dieser Arbeit (wie gesagt kenne ich keine andere). Seine Konzeption des Himmels wirkt gleichzeitig akkurat als auch ziemlich beklemmend: es ist ein Ort absoluten Glückes, wo man nicht genau weiß, warum man so glücklich ist. Man findet den Ort, an den man bestellt worden ist, schon; aber man wird ihn weder vorher gesehen haben noch nachher wieder hinfinden.
Auch, wie Williams das „Seelengericht“ gelöst hat, finde ich persönlich sehr ansprechend und akkurat: jede Seele besitzt einen Schutzengel und einen Verführer von der „Opposition“ („[…] something the size of a fat little spider, but much less attractive […]“, Williams 2012: 14), und im Todesfalle stehen beide mitsamt der Seele einem Richter gegenüber. Inwiefern es zielführend ist, dass der Richter in diesem Falle ein Engel war, lässt sich sicherlich diskutieren, aber das hat hier keinen Platz. Allein schon, weil ich mich frage, was dem Stepford-artigen Himmel als höllisches Gegenstück beigestellt wird, würde es wohl interessieren, zu „Happy Hour In Hell“ zu greifen.

Die Recherche.
Das ist ein großer Punkt; ein sehr großer Punkt. Zwar möchte ich gerne wissen, wie Mr. Williams von den jeweiligen Beschreibungen der Ars-Goetia-Dämonen Sitri und Adramelech zu seinen jeweiligen Versionen* gekommen ist, aber allein die Tatsache, dass die klassischen Dämonen hier auftauchen neben seinen selbst Erdachten ist für mich ein großer, großer Pluspunkt. Wie ich mich gefreut habe (wie ein kleines Kind!), als Eligor „The Horseman“ aufgetreten ist! Und das nicht nur, weil er mich an meinen eigenen, wenn auch sehr viel sanfteren und komischeren Elly erinnert hat. Nebenbei bemerkt finde ich es toll, dass hier die Engel genauso Freaks und Sonderlinge sind, wenn man sie mit Menschen vergleicht, wie die Dämonen. Alle sind gruselig. Gefällt mir.

Bobbys Sarkasmus.
Dafür, dass man mich gewarnt hat, dass Tad Williams‘ Figuren nicht sonderlich viel Profil aufwiesen, ist zumindest Doloriel/ Bobby eine Figur mit eigenem Humor, Sarkasmus und viel, viel welterfahrenem Zynismus. Nun, zumindest wenn es nicht um den Punkt geht, der unten angesprochen wird. Für alle anderen mag es stimmen: zumindest Doloriels/ Bobbys Engelsfreunde und –freundinnen verschwimmen schon ein wenig, wenn man sie nicht mehr im Auge hat. Selbst Haraheliel/ „Clarence“ und Sammariel, die eigentlich wichtige Figuren sind, wirken auf mich etwas weichgezeichnet.

NEGATIVES:
Casimira, sowie ihr gesamter Subplot.
Davon abgesehen, dass ich es nicht schätze, wenn der Plot unterbrochen wird, damit einige Figuren für ein oder mehr Kapitel ungestört miteinander vögeln können, war Cassie eine gigantische Enttäuschung für mich. Aber rollen wir das Ganze von Beginn an auf.
Mit Doloriel/ Bobby Dollar tritt uns ein abgebrühter, kaum aus der Ruhe zu bringender Protagonist entgegen, der alles gesehen hat, was ein Engel so sehen kann, und vor allem einen eisernen Grundsatz hat: „[…]never trust the Opposition“ (Williams 2012: 14). Er sagt auch, warum: „Because this is Hell we’re up against, and they’re going to lie and cheat and stretch every truth tot he screeching point“ (ibid.).
Auftritt Casimira. Casimira ist zwar eine kleine Frau, aber sie wirkt mächtig und führt zwei gigantische Leibwächter bei sich. Besser bekannt ist sie unter dem Titel „Countess of the Cold Hands“ (Williams 2012). Ich muss gestehen, ich fand sie toll. Ich fand diese Frau von ihrem ersten Auftritt an toll, weil ihre Haltung, ihr Auftreten, alles suggerierte, dass sie ‚jemand ist‘, dass sie Macht hat und sich eine Position in der Hölle erarbeitet. Aber Mr. Williams konnte mir diese Freude, einmal eine Villain-Frau zu lesen, die nicht Kanonenfutter und nicht Expy und nicht hirngewaschen ist, nicht lassen. Casimira wird nach diesem ersten Auftritt vollkommen entgleist.
Aus irgendeinem Grund war der Autor leider der Meinung, er müsste aus der toughen, mächtigen und ehrfurchtgebietenden Casimira, oder „Countess“, ein armes kleines Mädchen machen, das beschützt und gerettet werden muss. Das nehm ich ihm übel. Nicht nur heißen ihre Bodyguards brechreizerregenderweise „Cinnamon“ und „Candy“; Tad Williams war auch der Meinung, es wäre eine gute Idee, in ihrem geheimen Hideout das Opium Den aus dem Video zu Kamelots „Rule The World“ zu rekonstruieren, nur ohne die bewusstlosen Musiker und die tätowierten Tänzerinnen. Es wäre außerdem die bessere Idee, dachte er wohl, wenn sie ihren ganzen Erfolg und all ihre Macht ihrem sie missbrauchenden Partner Eligor verdankte, und außerdem müsste er aus dem abgebrühten Engel und der überheblichen Dämonin ein Paar machen.
Ich hasse alles, was mit Casimira in diesem Buch passiert.
Gut, Doloriel/ Bobby hat ja bei seinem ersten Zusammentreffen mit Cassie schon ausgedrückt, dass sie ihm gefällt. Aber ich finde, es hätte aus zwei Gründen nicht so passieren dürfen: zum einen hat Doloriel/ Bobby Prinzipien, die er von Anfang an klargestellt hat. Wieso würde er sie nun brechen? Wieso fängt er auf einmal an, Cassie zu vertrauen, ganz entgegen der eigenen Persönlichkeit? Und Cassie, zum zweiten? Darf ich wiederholen, dass sie eine Dämonin ist? Was will sie mit dem weichgespülten Engel? Ich habe nichts gegen Engel/ Dämonen-Romanzen, wie man vielleicht an meinen eigenen Arbeiten sieht; aber ich habe etwas dagegen, wenn zwei Kontrahenten sich zuerst an die Gurgel gehen wollen und schließlich draufkommen, eigentlich wollen sie lieber ficken, und danach draufkommen, eigentlich sind sie ja verliebt ineinander. Weil Sex = Liebe. Entweder, du willst jemanden töten oder ficken: ENTSCHEIDE DICH! Ich hasse diesen Tropus.
Ganz egal. Bis ganz ans Ende des Buches hab ich gehofft, dass sie Theater spielt. Dass sie Doloriel/ Bobby einlullt, um ihm im letzten Augenblick lachend den Hacken ins Kreuz zu werfen. Aber natürlich verschleppt Elly sie in die Hölle zurück, woraus Doloriel/ Bobby sie (selbstverständlich) retten muss. Das ist schließlich der Plot von „Happy Hour In Hell“, Dante-Referenzen inklusive (wurde mir gesagt).

Fazit? Ein gutes, unterhaltsames und sehr gut recherchiertes Buch, wenn man sich nicht auf Frauenfiguren freut, die von sich aus etwas sind und können und schaffen, und wenn es einen nicht stört, dass die Geschichte teilweise für vier bis fünf Kapitel unterbrochen wird, damit das Hauptpaar Zeit hat, in aller Ruhe das Biest mit den zwei Rücken zu machen. Und zu reden. Und wieder zu vögeln. Und mir die Hintergrundgeschichte der einen zu erzählen, die mich nicht im Mindesten interessiert. Und wieder zu vögeln. Argh. (Any time you want to return to the plot, Williams. Any time.)

*Vergleicht: Sitri in der Ars Goetia und in Williams 2012: 341: „He was huge – five-hundred-pounds-plus-huge – and if he had a neck, the weight of his immense bald head had shoved it well down his torso. He looked like nothing so much as the world’s largest bullfrog wrapped in a beige silk suit the size of a Mini Cooper”.

Carrisi, Donato: Der Todesflüsterer. München: Piper Verlag, 2010. Originaltitel „Il Suggeritore“; aus dem Italienischen von Christiane von Berchtolsheim und Claudia Schmitt.

Ab und zu brauch auch ich, obwohl ich mich beim Lesen gerne gefordert sehe, einen strunzdämlichen, geradlinigen Krimi oder Thriller, lieber zwar ein Horrorbuch, aber auch davon gibt es schließlich nicht unendlich Nachschub. Zum Entspannen und Abschalten, wenn die Realität zu viel wird.
„Der Todesflüsterer“ von Donato Carrisi ist kein solches Buch, und dennoch eines von der Sorte, die mich in meiner Zuneigung für Grabbeltische und Bücherflohmärkte bestärken – nach Auffinden auf einem der Ersteren habe ich diesen „Thriller“ erstanden. Entgegen des ersten Eindrucks durch den nicht besonders spannenden Titel (ganz ehrlich, ist das so was Ähnliches wie der Pferdeflüsterer?), der mich nicht mehr als einen einfach gestrickten, geradlinigen Krimi oder Thriller erwarten ließ, muss man schon mit Aufmerksamkeit lesen, wenn man jedes kleine Detail aufnehmen möchte. Es gibt auch mehr Plotschlingen, als man zählen kann, unterschiedliche Drehungen und Wendungen, es werden mehr Serienmorde untersucht und geklärt, als man eigentlich in die knapp 500 Seiten pressen können sollte, und natürlich sind auch die Kollegen und -innen nicht immer das, was sie zu sein scheinen.
Zuerst einmal der Plot: es geht um einen Serienmörder, der sich per Proxy, also über manipulierte und vermutlich ‚gehirngewaschene‘ Menschen, seiner Opfer entledigt. Der Roman folgt „Profiler Goran Gavila und Sonderermittlerin Mila Vazquez“ (Carrisi 2010: hintere Umschlagseite, wobei der Nachname der Dame im Buch selbst Vasquez lauten wird) auf der Jagd nach diesem Mann, der sechs Mädchen entführt und ihre abgetrennten linken Arme als Hinweise zurückgelassen hat. „La Repubblica“ lobt den Bösewicht des Buches durch einen Vergleich mit Hannibal Lecter. Vermutlich Grund genug, einmal hineinzulesen.

Das Positive.
Vorneweg einmal die positiven Aspekte des Ganzen. Trotz der Drehungen und Wendungen im Plot liest sich alles relativ flüssig, man kann Plot und Charaktere (halbwegs) nachvollziehen, auch, wenn es an den Figuren nicht die Welt nachzuvollziehen gibt. Mir gefällt der Gedanke eines Big Bad, der nicht selbst agiert und sich die Hände schmutzig macht, sondern andere vorschiebt, sich hinter ihnen versteckt und selbst unentdeckt bleibt. Das psychologische Unter-die-Lupe-Nehmen der Figuren endet nicht bei den bösen Gejagten; auch die guten Ermittler weisen teilweise Untiefen auf, die im Verlauf des Romans ausgelotet werden. Manchmal wirkt alles etwas sehr extrem und übertrieben, doch das mag täuschen, da diese Beobachtungen von einer psychologisch nicht Geschulten stammen.
Durch die verschiedenen Einzelmordserien, die in der Geschichte bearbeitet werden, hat man alle ungefähr fünfzig bis siebzig Seiten neues Personal, neue Umstände und einen neuen Handlungsstrang, dem man folgen muss, aber Signor Carrisi bekommt es ganz angemessen hin, sein Lesepublikum mittels zersplitterter und aufgespaltener Erzählteilstücke zu führen und auf die jeweils erneuerten Umstände einzustellen. Neben der Haupthandlung, die sich um das Ermitteln und Einfangen des „Albert“ getauften Marionettenspielers dreht, gibt es auch Schnipsel aus der Sicht eines gefangenen Mädchens und der Nachforschung eines Unbekannten, der sich mit einem Gefängnisdirektor über einen seiner Insassen und dessen Zwang, keine organischen Spuren zurückzulassen, austauscht. Dadurch wirkt die ganze Angelegenheit zeitweise zerfahren und einige Schlussfolgerungen sind auch (meiner bescheidenen Meinung nach) an den Haaren herbeigezogen, aber im Großen und Ganzen muss man den Thriller vermutlich wohlwollend beurteilen. Er leistet zumindest ganze Arbeit dabei, dem Lesepublikum kaum Verschnaufpausen von dem einen zu dem nächsten Mörder zu lassen. Vieles wirkt durcheinander und aus dem Zusammenhang gerissen, und wenn man hört/liest, wie es zusammenhängt, wird man zuerst wohl die Augenbraue heben, aber meistens kann man es akzeptieren.

Das Negative.
Negativ sind in diesem Fall die übernatürlichen Elemente anzuführen, die in dem Roman verwendet wurden: Hypnose, durch die ein wichtiges Detail eines früheren Ereignisses in das Bewusstsein der Erlebenden zurückgekehrt ist, sowie eine Nonne, die offenbar Geister von Toten sehen und mit ihnen sprechen kann. Davon abgesehen, dass die Zweitere eine Dea ex Machina ist, ohne die der Plot ganz gut hätte auskommen können, wirkt die Hypnoseszene auf mich vollkommen unnötig. Warum bringt man in seinen Psychothriller, in dem es um den menschlichen Verstand geht, das Paranormale hinein? Ich bin der Meinung, ein Krimi oder Thriller, bei dem das Übernatürliche nicht direkt zu der Prämisse gehört, sollte sich auch an den Leitlinien der Realität bewegen und nicht mitten in einer psychologischen Analyse mit so Dingen wie Kommunikation mit Toten* und Hypnose daherkommen.
Davon abgesehen wirken auch teilweise einige Wendungen, wie oben beschrieben, recht unwahrscheinlich bis an den Haaren herbeigezogen: zwei der Arme weisen eine identische Punktwunde am Daumen auf. Die Konklusion? Die beiden Mädchen waren „Blutsschwestern“. Aha. Miteinander? Das wissen wir genau? Könnten sie nicht jeweils ihre „Blutsschwesternschaft“ mit einem anderen Mädchen geschlossen haben? Ein aufgetauchtes Mädchen wird falsch identifiziert, und bis zum Ende des Buches weiß niemand, warum. Eine der Enthüllungen über Mila ist, dass sie keine Empathie empfinden kann. Dann sieht man sie der Gerichtsverhandlung des Mannes, der sie missbraucht hat, beiwohnen, und auf einmal empfindet sie doch welche? „Es war das letzte Mal gewesen, dass Mila Vasquez Empathie für jemandem empfand“, Carrisi 2010: 467. Care to explain? Ich weiß ja nicht exakt, wie das Fehlen von Empathie funktioniert, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas zuerst mal da ist und dann mit einem Schlag verschwindet. Wenn, sollte es entweder überhaupt nicht da sein oder aber graduell verschwinden.
Als letzten Punkt möchte ich noch anführen, dass Signor Carrisi zwei unschöne Angewohnheiten hat: einerseits, gewisse Sachverhalte und Bemerkungen ohne Einführung oder Nachwirkung aus dem Hut zu ziehen, wodurch man sich als LeserIn etwas überrumpelt fühlt, und andererseits, Sätze und Passagen aus vorhergehenden Kapiteln zu zitieren, was mich ab und zu einmal hat die Zähne knirschen lassen. Ich habe das Buch gelesen. Ich weiß, was Goran vor drei Kapiteln gesagt hat. Aber das ist nur eine Fußnote.

Fazit? Um ehrlich zu sein, ich bin mir noch unsicher. Der Roman hat seine Momente, aber er hat auch Passagen, die sich ziehen. Ich bin geneigt, dem Autor hier Welpenschutz zuzugestehen, weil dies sein erster Roman ist, so großkotzig das auch klingt. Klar, einige Plotschlingen wirken gekünstelt, klar, ab und zu vergisst er, dass seine LeserInnen sich merken können, was er vor drei Kapiteln geschrieben hat, klar, die paranormalen Elemente wirkten auf mich reißerisch und deplatziert in ihrem plötzlichen, unerklärten Auftauchen. Ist „Der Todesflüsterer“ deswegen ein schlechter Roman? Ich meine nein. Trotz all der obigen Kritikpunkte ist dies ein hübsch aufgebauter und gut zu lesender Thriller, der sich bemüht, psychologisch zu sein, dabei zwar ab und zu über das Ziel hinausschießt, aber sonst wirklich ein angenehmer Zeitvertreib ist.

*Es sei denn, sie sind Harry Keogh. Aber der Herr ist ohnehin ein eigenes Kapitel. Wenn man es so nennen will.

Aus aktuellem Anlass will ich mich diesmal mit einer Jugendbuchreihe beschäftigen. Es handelt sich um Ransom Riggs‘ dreibändiges Werk „Miss Peregrine’s Home For Peculiar Children“, das von Tim Burton unter dem deutschen Titel „Die Insel der besonderen Kinder“ verfilmt wurde.
Ja, mir fällt auf, dass hier das Zitat fehlt. Mein Exemplar des ersten Bandes ist momentan verborgt; das Zitat wird nachgetragen, sobald das Buch zurückkommt.

Fangen wir an, indem wir das Buch besprechen. Später werde ich auf die Trailer der Verfilmung zu sprechen kommen, welche ich gesehen habe. Vorweg: „Miss Peregrine’s Home For Peculiar Children“ und seine beiden Nachfolger „Hollow City“ und „Library Of Souls“ sind keine vollkommen normalen Romane. Der gebotene Text ist unterfüttert mit authentischen, alten Fotografien, die alle in gewisser Weise seltsam oder ungewöhnlich sind; merkwürdige Menschen, merkwürdige Umgebungen, Doppelbelichtungen, all das. Dies war vermutlich der erste Punkt, der mich überlegen ließ, den Schuber mit allen drei Bänden zu kaufen (was ich schlussendlich auch getan habe): zwar war ich mir nicht sicher, wie Bilder und Text zusammenspielen würden oder auch nicht, und daher ein wenig skeptisch, aber durchaus willens, die Probe aufs Exempel zu machen.
Der Plot, der sich durch die drei Bände zieht, ist einfach und schnell erklärt: der junge, sich unverstanden und ausgestoßen fühlende und außerdem unter „Halluzinationen“ leidende Jacob findet durch Erzählungen und Fotografien seines eben verstorbenen Großvaters Abraham auf einer abgelegenen Insel ein Waisenhaus voller „Besonderer“ unter der liebevollen Aufsicht ihrer Ymbryne Miss Peregrine. Eine „Ymbryne“ (so etwas gibt es nur in weiblich) ist eine Art Aufseherin oder Schützende, in diesem Fall die Betreuerin der Kinder. Ihre Fähigkeiten sind einerseits, sich in einen Vogel zu verwandeln (praktischerweise immer denjenigen, nach dem sie heißt; ein ‚peregrine‘ wäre zumindest Google zufolge ein Wanderfalke), und andererseits die Zeit zu manipulieren. Das wird noch wichtig. Schwierig wird es schließlich, als Miss Peregrine von den bösartigen „Hollows“ und „Wights“, die Jagd auf „Besondere“ machen; entführt wird; die Suche nach der Ymbryne füllt alle drei Bände.

Nun liebe ich an diesem Buch besonders seine Charaktere und da nochmals besonderer die Nebencharaktere mit ihren besonderen Fähigkeiten: die Kleinen Olive (leichter als Luft) und Claire (hat einen Mund am Hinterkopf. Ja.), die verwilderte Fiona (grüner Daumen, um es milde auszudrücken), den unsichtbaren Millard, den düsteren Enoch (Re-Animator), den hochnäsigen Horace (Seher), den später auftretenden, sprechenden Hund Addison oder die nicht trennbaren Zwillinge Joel-and-Peter, um nur einige zu nennen. Mr. Riggs entwirft einen liebevoll gestalteten Cast an liebenswerten Sonderlingen; besonders schön finde ich die Idee, neben besonderen Menschen auch besondere Tiere zu haben: Addison, eine Emuraffe (genau das), den Grimbear. Mit dem Ich-Erzähler Jacob konnte ich schon von Beginn an wenig anfangen, er kam mir egoistisch und hochnäsig vor, aber daran bin ich gewöhnt. Helden und Heldinnen scheinen nicht mein Typ Charakter zu sein. Auch die Schauplätze sind phantastisch genug, um mit den sie bevölkernden Figuren mithalten zu können: ich sage bloß Eisschloss, Punishment Loop oder das Anwesen von Myron Bentham. Eigentlich die allerbesten Prämissen für eine unterhaltsame Fantasy-Jugendbuch-Reihe.
Grundsätzlich muss ich sagen, dass vom Lesegefühl her der erste Band der Unangenehmste ist. Es wirkte alles ein wenig trocken, wenn nicht gar mühsam im ersten Band; trotz meiner Sympathie für zumindest die Nebenfiguren fiel es mir zu Beginn schwer, mich in die Welt hineinzudenken. Das wird schon in „Hollow City“ merklich besser, bis es in „Library Of Souls“ zu einer merkwürdigen, nicht absehbaren Explosion von Witz und Sarkasmus kommt. Seltsam eigentlich, da die Situation schließlich mit jedem Band nur schlimmer und dramatischer wird. Also: durch den ersten Band durch, dann rein ins Vergnügen mit den anderen beiden.

Der Plot allerdings… nun, vielleicht geht es nur mir so, aber mit den ganzen Loops und Zeitreisen und hin und her und wer ist jetzt wo und was hat das für Auswirkungen wurde mir die ganze Sache irgendwann ziemlich konfus. Irgendwann habe ich dann aufgehört, mich zu fragen, wer jetzt eigentlich gerade wie alt sein sollte. (zur Erklärung: die Kinder sind noch immer Kinder beziehungsweise Teenager, weil sie in einem sogenannten „Loop“ leben: einer Zeitschleife, errichtet und aufrecht erhalten von der Ymbryne, durch welche die Insassen ein und denselben Tag immer wieder erleben und daher auch keinen Tag altern. Physisch zumindest. Wenn der Loop zusammenbricht oder sie ihn verlassen, hat das eine Konsequenz, die sich „to age forward“ nennt: sie würden in wenigen Sekunden ihr ‚richtiges‘ Alter erreichen. Bei diesen Betreffenden würde das wohl dazu führen, dass sie rasch zu Staub zerfallen würden, manche von ihnen sind weit über 100 Jahre alt.) Es ist alles sehr spannend und einfallsreich, aber die Zeitreisegeschichte, die immer im Hintergrund darüber schwebt, verdirbt mir das Ganze ein wenig, weil ich daraus keine anderen Schlüsse ziehen kann als: ihr solltet eigentlich alle tot sein.
Eine weitere Sache, die ich noch als negativ anbringen muss, ist das gekünstelte und doch sehr an den Haaren herbeigezogene Ende; es klang zumindest für mich, als habe Mr. Riggs sich mit Krampf noch ein „Happy End“ ausdenken wollen/müssen, und nichts ist schmerzhafter als ein gekünsteltes, gestelltes, gestelztes und vor allem unnötiges „Happy End“. Mehr werde ich dazu nicht sagen; außer der Tatsache, dass ich es schon irgendwo bedenklich finde, wenn der junge Jacob auf seiner Reise mit Emma (kann mit den Händen Feuer erzeugen) anbandelt, mit der Opa Abe schon Liebesbriefchen getauscht hat. Auch wenn sie physisch und sichtbar nicht gealtert ist. Jake, Liebling, das hätte deine Oma sein können. Schüttel.

Soweit zu der Buchreihe. Wollen wir uns nun den Filmvorschauen widmen, die nun durch YouTube und meinen Verwandten und Freunden zufolge auch durchs Fernsehen geistern. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich habe das eine oder andere Problem mit diesen Trailern; warum, werde ich nun auseinandersetzen. Es könnte länger werden. Ich denke, ich werde mir den Film irgendwann ansehen (vielleicht), aber ich erwarte mir nicht viel davon. Warum?
Ein erster Punkt ist, dass die Trailer sich viel Zeit nehmen, um die Figuren vorzustellen (zu ihnen mehr später), aber mir keinen richtigen Hinweis geben, was eigentlich die Geschichte ist. Ja, es gibt diese ganzen begabten Kinder (auch dazu mehr später). Ja, es gibt die schwarzgekleidete Miss Peregrine, die sich in einen Vogel verwandeln kann, und den starr blickenden Jake, der neu dazukommt und irgendwie speziell ist. Ja, es gibt Morgan Freeman mit spitz gefeilten Zähnen, den token black guy, der natürlich böse ist. Ja, es gibt diese grauslichen Viecher mit den Tentakeln am Mund. Aber was geschieht, was tun all diese Leute? Was ist die Geschichte? Als jemand, der/die die Bücher nicht gelesen hat, wird man mit dieser Frage etwas im Regen stehen gelassen, meiner Meinung nach.

Ein zweiter Punkt ist, dass es mich aus irgendeinem Grund stört, dass es sich bei den besonderen Kindern wirklich um – Kinder handelt. Und zwar ausschließlich Kinder. Niemand von ihnen scheint älter als zehn oder zwölf zu sein. Dabei fand ich es in den Büchern gut, dass Age Diversity vorhanden war: Fiona, Hugh (eine Art lebender Bienenstock) und Bronwyn (eine Art Wonder Woman oder Supergirl mit mehr Kleidung) schienen alle eher erwachsener zu sein, nicht nur den Bildern nach, die ja schon im Buch gegeben werden, sondern auch von ihrem Handeln her. Millard eventuell auch. Jake dürfte ja auch keine elf mehr gewesen sein. Ich kann mir nur denken, dass die Charaktere jünger gemacht wurden, damit das Ganze Kinder mehr anspricht, aber das ist nur eine Mutmaßung.

Als dritten Punkt – und das möchte ich besonders hervorheben – hat mir in der Buchreihe genau eines sehr gut gefallen: die Anomalien, wenn man so will, der „Kinder“ sind keine Superkräfte. Meistens sind sie sogar sehr eingeschränkt und spezifisch, oft offensiv oder defensiv völlig nutzlos, und trotzdem finden sie immer wieder Möglichkeiten, sie nützlich zu machen. Olive, um ein Beispiel zu nennen, ist einfach leichter als Luft; das kann sie einsetzen, manchmal ist es hilfreich, manchmal weniger, aber sie hat kein „Element“, wie es im Trailer dargestellt wird von dieser blonden Dame (ich weiß nicht mal, ob ich sie Olive oder Emma nennen soll. Wieder mal: später mehr). Millard ist unsichtbar. Das kann er nicht ein- oder ausschalten, wie es ihm beliebt. Claire hat diesen Mund am Hinterkopf. Sehr nützlich? Fiona hat einen Draht zu Pflanzen, Hugh zu Bienen. Es gibt einen „Folding Man“ namens Sergei, die oben angesprochenen Zwillinge Joel-and-Peter, ein Mädchen, das jede Wunde verkraftet et cetera pp. Kurz, die Besonderen sind erfinderisch mit dem, was sie haben, und das meiste ist dezidiert unspektakulär. Da finde ich es nicht gut, da eine hinzustellen, die sagt „Mein Element ist die Luft“ und dann damit alles anstellen kann, was ihr gerade einfällt. Olive kann nur schweben, basta. Und das ‚kann‘ sie auch nicht so sehr, als dass sie es einfach tut, weil sie eben leichter als Luft ist.

Und zuletzt weiß ich nicht genau, was ich mit der Mischung aus Olive und Emma machen soll, die der Film an Jacobs Seite stellt (das weißblonde Mädchen). Was genau… war an Emma so falsch? Beziehungsweise, warum ist Olive auf einmal kein kleines Mädchen mehr, und wie kommt es, dass sie Wasser aus unterseeischen Schiffen saugen kann? Vielleicht hilft mir der Film da weiter, aber im Moment sehe ich nicht ein, warum die beiden miteinander verschmolzen wurden beziehungsweise warum Emma zugunsten einer gealterten und aufgeputschten Olive herausgeschrieben wurde. Vielleicht aus demselben Grund, den ich oben angegeben habe, dass es doch etwas komisch wäre, wenn Enkel und Großpapa mit derselben Dame anbandeln würden.

Man darf doch wohl noch träumen, oder?

Ich bin im Grunde kein Serienmensch. Das hat mehr als einen Grund: zum Beispiel lasse ich mir ungern von einem Medium diktieren, mich immer zu derselben Zeit vor den Fernseher einzufinden. Manchmal möchte ich eventuell auch am Abend weggehen oder bin im Dienst, da will ich dann andere Dinge im Kopf haben, als dass ich meine Lieblingsserie verpasse. Aber das ist eigentlich einer der weniger schlagenden Gründe. Meine Hauptprobleme mit der Form der TV-Serie sind weniger real-life-technisch als der Konzeption des Mediums verhaftet: es geht mir hauptsächlich um die Konzeption der Geschichte. Weil ich Geschichten mag.
Nun gibt es üblicherweise in TV-Serien eine von zwei Möglichkeiten, wie die „Geschichte“ konzipiert sein kann: entweder sie entspinnt sich über mehrere Episoden hinweg zu einem mehr oder minder kohärenten Ganzen, oder die einzelnen Episoden funktionieren Soap-Opera-haft auch als Stand-Alones ohne die Vorhergehenden, mit eigenem, geschlossenem Spannungsbogen. Den letzteren Fall brauchen wir nicht weiter besprechen; mangels eines serienübergreifenden Spannungsbogens kann auch nichts weg- oder verfallen. Nachdem dies aber vor allem auf Comedy-Serien wie Two and A Half Men, The Big Bang Theory oder How I Met Your Mother zutrifft, stellt sich da die Frage des Ernstnehmens vermutlich gar nicht so sehr. Der erste Fall jedoch zieht es in aller Üblichkeit, wenn die Serie Erfolg hat (man betrachte „Revenge“ als Beispiel), nach sich, dass die Geschichte schmerzhaft auseinandergezerrt wird, bis sie so dünn ist, dass man Zeitung durch sie lesen könnte. Und selbst dann, sollte der Erfolg nicht abreißen, wird die Story weiter gedehnt, bis sie ausfasert und reißt. Die Handlung wird immer absurder, „Fakten“ aus vorherigen Episoden/Staffeln werden grundlos und an den Haaren herbeigezogen revidiert, plötzlich ist doch wieder alles anders, neue Figuren werden ohne Sinn und Zweck in das Biotop geworfen, um das Ganze am Leben zu erhalten, solange es noch Geld bringt, und verschwinden so schnell, wie sie aufgetaucht sind. Damit wir uns verstehen, ich sage nicht, dass dergleichen mit Filmserien nicht geschieht; als Beispiel sehe man sich Fluch der Karibik 4 an. (Oder auch nicht; der Film hat mit Fluch der Karibik recht wenig zu tun. Aber ich schätze, man muss die Cash Cow melken, solange sie noch auf ihren Hufen stehen kann.) Ich sage nur, dass es meiner Meinung nach vor allem ein Serienproblem ist.

Hier kommt American Horror Story ins Spiel.

Aus den oben ausgeführten Gründen und weil mich alles, was Horror ist, anzieht wie Honig den Bären habe ich mich dieser Serie schon vor einiger Zeit gewidmet; gesehen habe ich bis hierher Staffeln 1-3, also Murder House, Asylum und Coven. Mir gefällt das Konzept einer geschlossenen Geschichte pro Staffel; dadurch ist der Strudelteig-Effekt kaum noch ein Thema. Mein Interesse an American Horror Story hat auch sicher nichts damit zu tun, dass Staffel 3, Coven, so ziemlich das großartigste Cover hat, das ich je gesehen habe. Leider hat sich diese Awesomeness in den Covern nicht weiter durchgesetzt, auf denen für Staffel 4, Freakshow, und 5, Hotel, wird man nur noch von seltsamen Geschöpfen angeschrien.
Was ich bei Staffel 1 noch nicht wusste, war, dass sich die Besetzung durch die folgenden Staffeln so ziemlich gleich bleibt; mir wurde gesagt, das hat irgendeine Bedeutung, die in einer der kommenden Staffeln aufgedeckt wird. Ich bin sehr gespannt. Oder auch nicht; gut möglich, dass es, wenn es aufgelöst wird, ziemlich an den Haaren herbeigezogen wirken wird. Oder es gibt gar keine Verbindung. Damit kann ich leben.

Ich muss sagen, nach Staffel 1 war ich skeptisch. Es schien mir alles nicht gar so innovativ und neuartig, wie mir American Horror Story angepriesen worden war. Vor allem mit der Darstellung der Damenfiguren hatte ich Probleme: die hilflose Mutter Vivien (Connie Britton), die von den Geistern genarrt wird, die psychisch labile Hayden (Kate Mara), die Mann und Baby nachjagt, vor allem das Klischee der sexy Hausangestellten in der jungen Moira O’Hara (Alex Breckenridge). Unbelastet erscheint Constance (Jessica Lange), aber zu ihr fand ich kaum Zugang. Das hat sich irgendwie abgeschwächt dadurch, dass die Männer nicht viel besser wegkommen (der besessene Larry Harvey (Denis O’Hare), der untreue Ben (Dylan McDermott), der psychopathische Tate (Evan Peters)). Man könnte wohl sagen, im Horror ist niemand unbelastet. Außerdem habe ich schon in dieser ersten Staffel einen Narren an Frances Conroy gefressen, die auch in den folgenden Staffeln immer wieder großartig sein wird, obwohl ihre Rollen schrumpfen. Ich habe auch Addie (Jamie Brewer), die Tochter der Nachbarin und Strippenzieherin Constance, gemocht und mich sehr gefreut, dass die Schauspielerin in Staffel 3 wieder aufgetaucht ist.
Allgemein war Staffel 1 ein Spiel mit Klischees und Altbekanntem, gemischt mit Neuem, das mich immer wieder unsicher zurückgelassen hat, ob ich es jetzt verurteilen oder als Teil einer Aufarbeitung sehen soll; ein Tanz auf dem Grat zwischen „aha“ und „ew“. Positiv hervorzuheben ist auf jeden Fall der Vorspann, der in seinem einheitlichen Farbschema, seinem Knacken, Rauschen, kaum entzifferbaren Flüstern und dem raschen Wechsel der makabren Bilder eine wundervolle Einstimmung auf den zu kommenden Horror bildet. Es gab zwar lose Enden (die vorhergesagte Apokalypse durch ein Kind von Geist und Mensch blieb aus; die Black-Dahlia-Episode), aber wo gibt es die nicht? Der Gross-out-Faktor war teilweise relativ hoch (nicht unerträglich hoch für mich), aber das lenkt kaum ab von dem, was im Hintergrund vor sich geht. Auf jeden Fall war Murder House spannend und interessant genug, dass ich es gewagt habe, mich aus dem Fenster zu lehnen und Staffeln 2 und 3 in einem Aufwasch zu kaufen.

Staffel 2, Asylum, ist bis hierhin wohl der düsterste, grimmigste, beklemmendste, abweisendste Zyklus des Ganzen. Auch hier hat man wieder starkes Spiel mit Klischees: die Irrenanstalt und deren Insassen, sicher schon vor Outlast ein Stock Image der Horrorkultur, die nicht ganz so christlichen Nonnen, die sich mit ihrer Sexualität und nicht zuletzt mit böswilligen Dämonen herumzuschlagen haben, den so halb-halb rehabilitierten Altnazi Dr. Arden (James Cromwell) und dessen grauenhafte Experimente an Menschen. So weit, so bekannt. Zu der Darstellung der PatientInnen, sowie der Behandlungsmethoden kann und will ich mich hier nicht weiter verbreitern, da ich mich damit nicht auskenne. Was ich jedoch beurteilen kann und sehr stark finde, ist die Figurenentwicklung der Oberschwester Sister Jude (Jessica Lange). Ihre Geschichte ist ein scheinbar endloses Auf und Ab, von Ermächtigung und Verlieren ihrer Macht, und es gelingt der Schauspielerin, jede Station glaubhaft zu verkörpern. Sie hat sehr echte Dämonen, die sie jagen, und die sich dennoch grundlegend von den Dämonen unterscheiden, die Sister Mary Eunice (Lily Rabe) in ihren Klauen halten. Es ist eine Geschichte von Auf- und Abstieg, davon, dass einen nichts jemals verlässt und dass alles gerächt wird; man betrachte nur den Mamikomplex des Serienmörders, der nicht mal so der Big Bad ist. Das ist er vor allem deswegen, weil hier, wie auch in Staffel 1, jeder und jede Dreck am Stecken hat. Niemand ist sympathisch, nicht einmal die Heldin Lana (Sarah Paulson), auch nicht ihre Sidekicks Kit (Evan Peters) und Grace (Lizzie Brocheré). Wobei: die noch am ehesten.
So ziemlich der einzige helle Moment der ganzen Staffel ist eine Gesangs- und Tanzsequenz, die relativ am Ende aus dem Nichts kommt und allein durch ihre Anwesenheit und ihr schnelles Vorübergehen das Fehlen von Hoffnung, Licht und Zuversicht schmerzlich bewusst macht. Sonst ist hier alles ziemlich blank, hoffnungs- und farblos und in einer ausweglosen, furchterregenden Atmosphäre. Funktioniert also sehr gut. Auch der Vorspann hält das vorgegebene Niveau.
Frances Conroy taucht herrlich kühl schwarz gekleidet als Todesengel auf, der den umgehenden Dämon konfrontiert. Dennoch bleibt der Himmel-Hölle-Zwist bemerkenswert im Hintergrund. Ebenso auch der Alien-Subplot; man weiß am Ende, dass Kit und seine Freundin Alma, die tot ist, aber irgendwie auch nicht (wie üblich), von Aliens entführt wurden. Weiter wird dieser Handlungsstrang nicht ausgeführt. Ich bin kein Science-Fiction-Fan, kann also sehr gut ohne Aliens auskommen, aber wenn man sie einbaut, sollte man sie eventuell auch erklären. Davon abgesehen sollte man meinen, dass die Staffel mit gesellschaftlichen Motiven, psychischer Krankheit, Serienkiller „Bloody Face“, Todesengel und Dämon, Menschenversuchen und untoten „Raspers“, zwischen gut und böse alternierenden Nonnen und Altnazis eigentlich schon zu voll ist, um noch Platz für Aliens zu bieten. Das alles muss auch mal auserzählt werden.

Staffel 3, in der es um einen Hexenzirkel mit angeschlossener Schule und dessen Existenzkampf geht, muss ich zugeben, hatte bei mir schon einmal einen schlechten Start, da die neue Hauptfigur Zoe (Taissa Farmiga) eine Fähigkeit hat, die bei mir hauptsächlich eine gehobene Augenbraue verursacht hat. Death by Sex halte ich nun weder für eine erstrebenswerte Fähigkeit noch für etwas, das man einer (weiblichen) Figur gern umhängen will. Dass das Ganze im Folgenden nur noch einmal angesprochen wird und schließlich von der Bildfläche verschwindet, bessert die Sache nur marginal. Es wird anfangs angeführt, ihre Fähigkeiten sind das, was eine junge Frau als Hexe definiert, und jede hätte nur eine bestimmte Fähigkeit – bis auf die Oberhexe, die „Supreme“. Wenn man die Hexen über ihre Fähigkeiten definieren will, dann soll man ihnen bitte auch welche geben, die ihnen a) weiterhelfen, die sie b) nicht kompromittieren und lächerlich machen und die c) nicht nach zweimaliger Verwendung unter den Teppich gekehrt werden. Ich frag mich bis heute, ob diese Fähigkeit nicht irgendein nicht komischer Scherz der Macher war. Um noch einen Satz zu Zoe zu sagen: für eine Hauptfigur, mit der man eigentlich mitfühlen und mitfiebern sollte, finde ich die Hübsche erstaunlich blass.
Die wichtigsten Bestandteile von American Horror Story sind auch in Staffel 3 vorhanden: niemand ist sympathisch, niemand ist unbelastet, nichts, was tot ist, bleibt tot. In diesem Fall, finde ich, wird das angemessen auf die Schippe genommen von der hiesigen Inkarnation von Evan Peters, Kyle, der das Pech hat, mit Teenagern befreundet zu sein, die Madison (Emma Roberts) vergewaltigen, und der in einer Frankenstein-artigen Aktion von Zoe, die sich in ihn verliebt hat, und Madison aus Leichenteilen zusammengenäht und von Misty Day (Lily Rabe) zurückgeholt wird. Von der Atmosphäre und dem Aufbau der Geschichte her ist diese Staffel wohl die am wenigsten horrorgeprägte, die ich bis hierhin gesehen habe; selbst der Vorspann hat meiner Meinung nach nachgelassen. Es geht weniger um Grusel, sondern mehr darum, dass diese Figuren zueinander finden und sich zum Wohle des Zirkels zusammenschließen. Dadurch ist die Staffel auch weniger überladen als zumindest Asylum.
Zugute halten muss man dieser Staffel, dass die Frauenfiguren hier eindeutig den Vorsitz bekommen haben, in all ihrer Vielfalt: nicht nur die Anführerinnen Fiona (Jessica Lange), Delphine LaLaurie (Kathy Bates) und Voodoopriesterin Marie LaVeau (Angela Bassett), auch die Schülerinnen und das Hexenkonzil, das über Recht und Ordnung entscheidet, sind gut gezeichnet. Sympathie für die Figuren erwarte ich nicht mehr, wobei ich durch Misty Day, die ich wirklich sympathisch fand, positiv überrascht wurde. Staffel 3 geht nicht mehr so sehr unter die Haut wie vorherige Staffeln, es gibt nicht mehr die großen Bedrohungen wie das Haus in der ersten oder Bloody Face, die Schwestern Jude und Mary Eunice oder den Nazidoktor in der zweiten Staffel. Hier sind es mehr persönliche Konflikte wie der allgemeine Rückgang der Zahlen bekannter Hexen, Verfolgung durch Hexenjäger, Fionas Durst nach Unsterblichkeit, Delphines Rassismus, Queenies Zugehörigkeit, die Frage nach Fionas Nachfolge als „Supreme“ oder Nans (Jamie Brewer) Gefühle für den christlich erzogenen Nachbarjungen, die das Narrativ vorwärts treiben. Dazu mag auch angemerkt werden, dass Coven von allen Staffeln, die ich kenne, das versöhnlichste und positivste Ende hatte. Als Geschichte funktioniert Coven; als Horrorgeschichte? Meiner Meinung nach weniger. Allerdings haben wir für Gore-Freunde einige Abstecher in Delphines Dachboden, eine Halloween-Folge voller Zombies und Taissa Farmiga mit Kettensäge, Cordelia (Sarah Paulson), die sich dem Zirkel zuliebe die Augen aussticht, und den obligaten Axtmörder (wieder Denis O‘Hare). Warum? Der gehört halt dazu. Frag nicht; ist so ‘ne Tradition im Horrorfach.
Für mich ist wiederum Frances Conroy dabei, diesmal als ausgeflippt wirkende Konzilshexe mit bunten Pullovern und schrägem, altmodischem Brillengestell, die diesmal die Ehre hat, sogar zweimal zu sterben. Amazing!

Eine Sache, die mir über alle drei Staffeln hinweg aufgefallen ist: wo Frauen wichtig werden, gibt es auch Babies. Staffel 1? Viviens Zwillingsschwangerschaft, die quasi den Dreh- und Angelpunkt der gesamten Staffel bietet, und Nora und Hayden, die unbedingt Babies wollen und Vivien daher terrorisieren. Staffel 2? Lana wird schwanger von dem Mann, der sie entführt hat; eine große Frage ist, ob sie das Baby behalten will oder nicht und wie sie damit umgehen will. Übrigens übt sich Staffel 2 auch in Ansprache von sozialen Problemen, indem sowohl Kits Beziehung zu einer dunkelhäutigen Frau als auch Lanas Homosexualität gezeigt werden – beide problematisch im Amerika der 60er Jahre. Dass Kit nach dem Tod seiner Frau überraschend schnell fähig ist, sich neu zu verlieben, soll beiseitegelassen werden. Staffel 3? Cordelia sucht Marie auf, um sie um einen Fruchtbarkeitsspruch zu bitten. Um ihre Unsterblichkeit und ewige Jugend zu behalten, ist Marie LaVeau außerdem gezwungen, der Gottheit Papa Legba jedes Jahr ein unschuldiges Leben zu opfern. Dafür müssen meistens Babies herhalten. Was ich aus diesem Muster machen soll, weiß ich nicht, aber es scheint auf jeden Fall, dass American Horror Story ein Muster hat, was die Darstellung von Damen angeht.

Fazit? Teilweise originelles, teilweise eher bestätigendes Spiel mit Klischees (das verfluchte Haus, Geister, Zombies, Sex = Horror und das besonders auf die Damen bezogen, das verfluchte Spukhaus mit der dunklen Geschichte, das Irrenhaus, der Serienkiller, der in unterschiedlichen Verkleidungen überall auftaucht, die Nonne, Dämonen und Engel, Aliens, Hexen unterschiedlichster Couleur), teilweise hoher Squick-Faktor, Figuren, die sich um Sympathie nicht kümmern. Manchmal ist alles so überladen, dass man einfach nicht alles zu Ende erzählen kann, das ist ein Minuspunkt, aber da muss man dann wohl die eigene Phantasie einschalten. Ich habe besonders Asylum bis hierhin sehr genossen (Coven auch, aber auf eine andere Art und Weise) und freue mich sehr, wenn ich dazu komme, Freakshow und Hotel zuerst zu kaufen und dann zu sehen.
Dann gibt es ja auch noch Roanoke…

Kleines PS? Wenn Ihr Zeit und Lust habt, schaut Euch die Teaser an (die gibt es per Staffel gebündelt auf YouTube). Manche davon sind weit gruseliger als alles, was in der Serie selbst vor sich geht, behaupte ich jetzt einmal.

Gruber geht. Nach einem Roman von Doris Knecht. Regie & Drehbuch: Marie Kreutzer. 2015.

Ich bin unschlüssig. Nicht, was mein Urteil über den oben angeführten Film betrifft, sondern wem beziehungsweise was ich selbiges ankreiden soll.

Erst einmal grob die Handlung umrissen – oder, die Handlung, wie sie dem unkundigen Publikum verkauft wird. Es geht um den arroganten Yuppie Johannes „John“ Gruber (Manuel Rubey), der unter dem Einfluss einer Krebserkrankung sein Leben überdenken muss, in dem das Geld regiert und menschlicher Kontakt höchstens ertragen wird. Es sei denn, es geht um Bettgeschichten.
Schon aufgrund dieser Prämisse ging ich mit gemischten Gefühlen in den Film, der gestern Abend im österreichischen Rundfunk ausgestrahlt wurde. Nennt mich zynisch, aber ich denke nicht, dass eine Krebserkrankung, sich damit auseinandersetzen müssen oder den nahenden Tod begreifen müssen jemanden zu einem besseren Menschen macht. Warum sollte er auch? Außerdem halte ich realen Krebskranken gegenüber das für eine ganz schön zynische Prämisse. Hey, du wirst wohl durch diesen bösartigen Tumor in deinem Körper bald sterben, aber wenigstens hast du dieses tickende Zeitlimit, das jeden Augenblick in deinem Leben, der dir noch verbleibt, golden macht. Du wirst so viel lernen aus dieser Zeit, aus all den Dingen, die du erfährst! Möchte gerne wissen, wie ein sterbenskranker Mensch auf so etwas reagieren würde.

Aber: die Ausnahme soll die Regel bestätigen. Und ich mag düstere Filme so oder so. Ich lasse mich also auf die Prämisse ein. Jetzt verkauf sie mir, Film. Lass mich Mitleid mit diesem reformierten, sich reformierenden Gruber empfinden. Lass mich fiebern und hoffen, dass er seine „70 Prozent“ Überlebenschance einlösen und als Geläuterter, Gebesserter weiterleben kann.

Soll ich Euch was sagen? Es funktioniert nicht. Ich weiß nicht, ob es am Drehbuch liegt oder an Manuel Rubey, der John Gruber blass, skelettiert und vollkommen desinteressiert an allem spielt. Ich konnte von Beginn an keine Verbindung zu dieser Hauptfigur herstellen, und später, als er seine so ziemlich einzige „gute Tat“ des ganzen Films vollbringt (eine Nacht lang auf die drei Kinder seiner Schwester aufzupassen, damit sie endlich wieder mal mit ihrem Mann ausgehen kann), habe ich schon lange aufgehört, es zu versuchen. Gruber bleibt weit entfernt, und wo er sich nähert, wird er unsympathisch. Ich weiß nicht, warum mich treffen und mitnehmen soll, was (zweifellos Schreckliches) mit ihm geschieht, weil er weder mit mir zu tun hat noch mit mir zu tun haben will. Höchstens ärgere ich mich darüber, dass – ja, dass die Kurzbeschreibung nicht erfüllt wird. Gruber denkt nicht um. Gruber hat keinen lebensbejahenden Knochen im Leib, er treibt nur weiter so auf den Tod zu, unfähig oder unwillig, sich am Dasein festzuklammern. Gruber hängt nicht vermehrt am Leben, weil er erfährt, dass es bald zu Ende sein soll. Nein, er lässt weiterhin seine Behandlungstermine entfallen und sich von niemandem helfen.
Die Krebsgeschichte wird überdeckt von Dosendrama um eine Frau (Bernadette Heerwagen), die ihn liebt und mit ihm zusammen sein will, dann aber auch nicht, die schwanger von ihm wird, dann aber das Kind verliert, und deren Handlungsstrang im Nichts endet. Wozu war das nun alles gut?

Eine Frage, die man sich auch bei dem Ende der ganzen Geschichte stellen könnte. Man erfährt, dass Gruber nicht im Geringsten krebskrank ist, weiterleben wird können. Hooray? Die Endszene des Filmes zeigt ihn, wie er mit der charakteristisch desinteressierten Rubey-Stimme (ja, ich geb’s zu, er sagt mir nicht sonderlich viel, und seine Darstellung in diesem Film fand ich unterdurchschnittlich) eine Frau abschleppt. Da war ich dann wirklich sauer. Mit nicht mehr als einem Fingerschnippen ist jede Minute des Vorhergehenden gelöscht, entfernt, gleichgültig gemacht worden. Wozu war nun all das Klimbim davor gut? Wozu erzählst du mir das alles, wenn daraus nichts folgt?
Es ist, als habe die Autorin/Regisseurin auf den Reset-Knopf gedrückt, als wäre nichts, was davor geschehen ist, noch relevant. Gruber danach ist Gruber davor. Ich habe mir überlegt, ob ich nicht ähnlich streng mit dem Film ins Gericht gegangen wäre, wenn er ein typisches Kitsch-Endbild von dem geläuterten, lebensfrohen und menschenfreundlichen Gruber gezeigt hätte, aber ich glaube, dann wäre er mit einem Augenrollen davongekommen. So frage ich mich, wozu ich die eineinhalb Stunden aufgebracht habe, um diesen durch und durch lauen Film zu sehen, der sich tief und profund geben will, aber dessen Endzustand exakt der Anfangszustand ist, von dem ich also nicht das Geringste mitnehmen kann. Gruber streift das Leid und die Angst seiner falsch diagnostizierten Erkrankung ab und ist wieder derselbe, der er zu Beginn war. Es gibt keine Entwicklung, kein Dazulernen, keine Epiphanie, gar nichts. Was ist die Moral von der Geschicht? Menschen sind unverbesserlich? Jede Phase macht nur so lange Eindruck, bis sie vorbei ist? Unkraut vergeht nicht? Die Katze lässt das Mausen nicht? Das sind ja alles valide Aussagen, nur sollte man den betreffenden Film wohl im Vorhinein nicht als die große Reformations- und Carpe-Diem-Geschichte anpreisen, in der es darum geht, dass ein schnöder Materialist die kleinen, nicht monetären Dinge zu schätzen lernt. Von wegen „muss sein Leben überdenken“.
Dennoch: tief will dieser Film sein, oh ja: mit immer wieder eingeschnittenen Bildern vom verschneiten Friedhof will er das dräuende Kommen des unbarmherzigen, stillen, kalten Todes illustrieren, sowie einmal (als Gruber mit der Familie seiner Schwester (Doris Schretzmayer) am Esstisch sitzt) mit Erbsen, die durch eine sanduhrartige Enge rollen. Einer der witzigeren Momente des Filmes. Außerdem verstehe ich nicht, warum ich immer explizite Bilder davon brauche, wann jemand Sex hat; das passt nun wirklich nicht in diesen Film, in dem es um den nahenden Tod gehen soll. Das davon abgesehen, dass ich so etwas ohnehin nicht sehen will.

Kurz, „Gruber geht“ funktioniert einfach nicht. Auf keiner Ebene. Dieser Film sabotiert sich selbst, auf unterschiedlichen Ebenen, von unsympathischen, weit entfernten Charakteren bis hin zu der völlig inkonsequent und lustlos aberzählten Handlung. Hat mir nicht gefallen.

Barker, Clive: The Hellbound Heart. New York/ London/ Toronto/ Sydney: Harper 2007. Zuerst publiziert 1986.

Hellraiser. Nach der Novelle von Clive Barker. Regie & Drehbuch: Clive Barker. Entertainment New World, 1987

Eines im Voraus: Subtilität ist nicht unbedingt Mr. Barkers Metier. Wer nach dem dunklen, zurückgezogenen, psychologischen Horror sucht, der sich hintergründig in jemandes Gehirn schleicht und dort die Hebel von Mitleid, Angst und Widerwillen bedient, wird sich von ihm nicht bedient fühlen. Mr. Barker trägt gerne dick auf, und wer Geschmack an recht offen und in-yer-face gehaltenem Blut-und-Beuschel-Horror hat, wird an Mr. Barkers Arbeit seine helle Freude haben.

Fangen wir mit der Novelle an, da ich auch, meinem Gusto gemäß, mir zuerst das literarische und schließlich das filmische Erzeugnis zu Gemüte geführt hatte. Es war vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis ich als jemand mit Geschmack für Horror mir dieses Gustostückerl mal zu Gemüte führen würde. Ich bin zwar sonst weniger klassikergebildet, suche mir lieber meine eigenen Highlights, aber nun ja, irgendwo muss man sich offenbar dann doch wieder dem Mainstream beugen.
Man muss zugestehen, dass Mr. Barker bei aller Eindimensionalität seiner Figuren, die ich jetzt einfach mal unterstellen will, weiß, wie man schreibt. Er versteht es, Atmosphäre zu erzeugen. Das erste Kapitel des „Hellbound Heart“ hat meine Augen ziemlich fest auf die Seite fixiert, es war eine Art und Weise, zu erzählen, Umstände und Gedanken zu vermitteln, die mich unruhig gemacht hat, auf eine seltsame Art und Weise. Frank ist einem augenblicklich unsympathisch; zumindest ich habe mir ein Grinsen nicht verkneifen können, als die Cenobites sich seiner angenommen haben. Er bekommt genau, was er verdient: so viel von dem, wonach er giert, dass seine Gier nachhaltig – nicht nur versiegt, sondern gar vertrocknet. Man kann seine Gier nach-, ja mitempfinden, seine selbst verschuldete innere Leere und seine frenetische Flucht davor, seine Jagd nach jedem Kitzeln in den Nervenenden, doch das ändert nichts daran, dass er zumindest mir in seiner Gier abstoßend wurde, und ich denke, genau das ist es, worum es Mr. Barker ging. Julia ist mir nicht vollkommen grün – sie ist sehr kalt, unnahbar und abweisend, was sich interessanterweise nicht in den Szenen zeigt, die sie mit Frank bestreitet -, aber ich denke, ich kann sie akzeptieren aus demselben Grund, aus dem ich Frank akzeptiere. Ich brauche sie überhaupt nicht mögen. Sie sind zwei triebgesteuerte Figuren, die die eigene Triebsteuerung sichtbar machen und anklagen.
Es ist eine einfache, eine schnörkellose, geradlinige und trotz der Aliens (oder Dämonen, oder was auch immer sie sind) sehr geerdete Geschichte, die die Probleme von Gier und überbordendem Verlangen aufs Korn nimmt. Und das ist es ja, woraus sich der Horror entwickelt hat: Cautionary Tales. Das kann man gern abstreiten, ich glaube aber nicht, dass es greift. Warum schließlich soll man sich Mühe machen, jemanden zu ängstigen, wenn nicht, um ihn/sie zu warnen?
Wobei, vielleicht stimmt das mit der eindimensionalen Charakterzeichnung auch nicht ganz. Zumindest war ich die ganze Novelle über fest überzeugt, dass Kirsty nichts weiter als Kanonenfutter ist, ein hilfloses Opfer, noch während sie spricht und läuft und bittet mehr tot als lebendig.

Der Film, „Hellraiser“ ist da etwas Anderes – wobei ich denke, dass er hauptsächlich an seinem niedrigen Budget und an seiner Entstehungszeit leidet. Spezialeffekte aus den Achtzigern kommen uns heute eben goofy vor – wobei ich ehrlich sagen muss, die Szene, in der das Herz unter den Dielen wieder zu schlagen beginnt und der halbtote Frank sich aus dem Holz erhebt, die hat mir sehr gut gefallen. Dafür sind die Funken und Blitze, die Lemarchand’s Box beim Öffnen von sich gibt, recht witzig anzusehen, und bei dem Viech, das Kirsty kopfunter durch einen Korridor jagt, habe ich einen ziemlichen Lachkrampf bekommen. Auf der anderen Seite wieder kann man zugestehen, dass der Ekel für die Verfilmung ein paar Stufen höher gedreht wurde: es gibt grausam unecht aussehendes Kunstblut literweise, aufgeschnitten werdende Ratten, Grashüpfer essende Alte, Großaufnahmen des im Werden begriffenen Frank inklusive bloß liegender Organe, Muskeln und Sehnen und Haken, die sich in gummiartig aussehende Fleisch und Haut bohren.
Es gab einige wohldosierte Änderungen zum Buch – Kirsty ist nun Larrys (im Buch Rory) Tochter, die Musik, die beim Öffnen von Lemarchand’s Box erklingen soll, war abwesend, Franks Vorgeschichte und Gefühlsleben werden nicht so extensiv auserzählt. Letzteres finde ich sehr schade, da gerade aus dieser verbissenen und ihn ins Unglück führenden Suche des Mannes, dem die Welt nichts mehr zu bieten hat, sehr viel von der fiebrigen Aufregung und Fassungskraft resultiert ist, die die Novelle für mich hatte. Besonders vermisse ich das einleitende Gespräch zwischen Frank und den Cenobites, da es so viel erklärt und so gut den Boden bereitet hat.
Außerdem ist eine religiös angehauchte Komponente hinzugetreten, von der ich noch nicht genau weiß, was ich von ihr halten soll. Und dann gab es da diesen komischen rauschebärtigen Alten, der bei dem komplett lächerlichen und unnötigen neuen Ende der Filmversion, das ich für die wenigen unter Euch, die „Hellraiser“ noch nicht gesehen haben, nicht spoilern werde, die Hauptrolle spielt. Kirsty ist eine viel tollere Figur im Film, als sie im Buch die Chance bekam, zu sein, da ihre unerfüllte Liebe zu Rory (Larry) hier wegfällt und sie sich ohne diesen Ballast entfalten kann.

Aber kommen wir zu dem Grund, weswegen Film und Buch so herrlich zu betrachten sind: es geht um die Cenobites. (Fun Fact: in der Novelle wird der berühmt-berüchtigte Pinhead vielleicht zweimal am Rande erwähnt und sagt kein Wort. Und jetzt ist er eine Horrorikone…) Ich habe ein Motivational Poster gesehen, auf dem stand: „Cenobites – because it just does not get any better than SM demons“. Ich bin geneigt zuzustimmen, wenn ich auch glaube, dass es erklärungsbedürftig ist. Die Cenobites beeindrucken mich einfach, weil sie monströs und abstoßend sind, aber auch extrem würdevoll. Erhaben beinahe. Weil sie nicht grunzen und brüllen, Zähne fletschen und Krallen wetzen, sondern einfach dastehen mit ihren langen, schwarzen Gewändern und ihren verschiedenen Deformitäten und durch ihre bloße Anwesenheit, ihren bloßen Anblick gruselig wirken. Die müssen nicht drohen und giften und schreien, keine Kapriolen schlagen, um sich verständlich zu machen. Das sind die Sorte Bösewichte, die zwei Mal mit den Augenbrauen zucken, bevor sie die good guys mit ihren Haken durchbohren und sie vollkommen humorlos fragen, ob sie schon etwas spüren. Sie sind kalt wie Stein, sie sind distanziert und abgehoben, sie verstehen die Menschheit nicht und brauchen das auch gar nicht zu tun, und sie klatschen allzu heiß verlangenden Gemütern kaltes, giftiges Wasser ins Gesicht. Sie sehen menschlich aus und sind es dann doch wieder nicht. So lieb ich meine Bösewichter! Dass sie auch noch grandios dabei aussehen, muss wohl nicht dazugesagt werden.

Alles in Allem: schöne, intensive Novelle, die einen trotz Blut-und-Beuschel-Geladenheit irgendwo beim Leben packt, und nicht weniger offensiver Film. Nicht ganz so packend, aber dafür viel grauslicher. Ich könnte jetzt keine Empfehlung abgegeben – davon abgesehen, dass ich immer das Buch empfehlen würde, weil lesen den Geist einfach mehr fordert als sich von einem Film am Patschehändchen führen zu lassen, Ausnahmen bestätigen die Regel – mir hat beides auf unterschiedliche Art ganz gut gefallen.

Exodus – Götter und Könige. Originaltitel: Exodus – Gods and Kings. Drehbuch: Steven Zaillian, Jeffrey Caine, Bill Collage, Adam Cooper; Regie: Ridley Scott. 20th Century Fox, 2014

Ich weiß nicht genau, was ich sagen soll. „Exodus“ war auch wieder so ein Film, den hat’s halt gestern im Fernsehen gespielt. Und es war noch so ein Hollywood-Historien-Bibelschinken. Wie diejenigen, die meine Arbeiten ein bisschen verfolgen, vermutlich wissen, kann man mich mit mythologischen Geschichten gut ködern, also hab ich mir die zwei Stunden genommen, mir diesen Film anzusehen.
Und ganz ehrlich: obwohl ich den Film wohl nicht weiterempfehlen würde, weil er sich wirklich in die Länge zieht, waren diese zwei Stunden keine verschwendete Zeit. Ich glaube, ich hatte seit Jahren nicht mehr solchen Spaß dabei, einen Film auseinanderzunehmen. Als wir bei der Roten-Meer-Stelle angekommen waren, hatte ich bereits den Impuls, jede ernste Faser aus diesem Film herauszuparodieren, einfach, weil er sich selbst so wahnsinnig ernst nimmt und dabei mehrere Steilvorlagen für Spott bietet.

ÄgypterInnen, die so dick angezogen sind, dass sie eigentlich einen Hitzschlag bekommen sollten im ägyptischen Klima? Check.

Eine Figur, die „Miriam“ heißt, aber dennoch als mustergültige Ägypterin durchgeht/ durchgehen soll? You bet.

Geschminkter John Turturro mit Glatze? Aber absolut.

Der Pharao, ein von den Göttern eingesetzter absoluter Herrscher, der sich darum scheren soll, wie es dem Volk geht? Klar doch.

Galgen im alten Ägypten? Nein, das ist kein Anachronismus* , warum fragst Du?

Herrscher und Herrscherinnen, die voll geschminkt ins Bett gehen? Aber sicher doch.

Eine Verheiratung, nachdem man einander vielleicht einen Tag kennt? Gang und gäbe. Das haben wir doch immer so gemacht!

Und schließlich: Gott als rotziger kleiner Junge? Hundertprozentig.

Zuerst allerdings etwas weniger Witziges: warum werden ÄgypterInnen und HebräerInnen von Weißen gespielt? Klar, ich weiß, first world problems und Zugkräftigkeit der Damen und Herren am box office und es ist nur ein Spielfilm, keine Dokumentation. Trotzdem, verdammt nochmal. Ein bisschen Akkuratesse wird man ja noch verlangen dürfen, auch, wenn ich keine Ägyptologin bin und mir viele Dinge nicht auffallen. Selbst ich als eine, die nicht vom Fach ist und nur ganz entfernt Ahnung von der Zeit hat, weiß, dass die Damen und Herren in Ägypten und auch in Kanaan damals keine Alabasterweißen waren, und man sollte doch auch anderen als den arrivierten Größen manchmal eine Chance geben.

Ich muss zugeben, ich glaubte nie, dass unser Herr abrahamischer Gott sich mit dieser ganzen Exodus-Geschichte, mitsamt den ganzen Plagen und dem Kinder Ermorden, einen großen Gefallen getan hat, besonders in Hinblick auf den Gott des neuen Testaments, der mit Mord und Totschlag nicht mehr gar so a-okay ist. Aber gut, das hat er wohl damals noch nicht gewusst. (Schenkelklopfer!)
Eher ernst betrachtet: Natürlich muss man sich dabei vergegenwärtigen, dass diese Geschichten nicht vom Himmel gefallen, sondern von Menschen geschrieben worden sind – ich finde, solche biblischen Geschichten (Torah-, Korangeschichten) sagen viel mehr über die Menschen aus als über irgendeinen nebulösen Gott, dem das alles zugeschrieben wird. Nun, da das gesagt wurde, kann ich noch hinzufügen, dass ich nicht glaube, in „Exodus“ einen sonderlich religiösen Film vor mir gehabt zu haben – er will eine Geschichte erzählen, und dabei liegt es ihm nicht daran, das, woraus später einmal unser judäo-christlicher Gott werden sollte, als besonders sympathisch oder erstrebenswert oder gar das einzig Wahre darzustellen. Das muss man dem Film wohl zugutehalten – ich glaube, darin sehr wenig religiöse Agenda zu sehen, was ich für gut halte, weil Hollywood-Unterhaltungskultur das bleiben soll, was sie ist. Eben „Unterhaltungskultur“ ohne erhobenen Zeigefinger, ob moralisch, religiös oder sonstwie. Wenn ich etwas lernen oder mich geistvoll beschäftigen will, setze ich mich nicht zu einem Hollywoodschinken vor die Mattscheibe.
Also: das moralisch Ambige und die Tatsache, dass dies kein „das-Christentum-ist-alles“-Film ist, ist schön. Darf man sich behalten. Aber wenn ich sage, dass dieser Film vor allem eine Geschichte erzählen will, sage ich nicht, dass er das einwandfrei hinkriegt. Da sind Dinge wie z.B. eine Revolte der Sklaven, und ich frage mich, wo die all die Pferde und das Metall für ihre Waffen, die sie herstellen, herkriegen, und warum niemandem auffällt, dass sie immer in kleinen Trossen wegziehen, um mit den ungewohnten Gerätschaften zu trainieren – Dinge, die einfach hint und vorn keinen Sinn ergeben, Mythologie hin oder her. Ich mein, ich bin immer dafür zu haben, dass sich Unterdrückte auflehnen, aber bitte so, dass es im Narrativ Sinn macht.
Zum einen das, und zum anderen hat es mich eben über weite Strecken so gelangweilt, dass ich zu einem der Bots aus MST3K wurde und alles, was sich geboten hat, durch den Kakao gezogen habe. Alles. Lautstark. Und mit Begeisterung. Besonders den rotzigen Halbwüchsigen-Gott. Den würde ich gern mal auf Bartleby und Loki aus „Dogma“ treffen lassen, mal sehen, was die Herrschaften dazu zu sagen hätten. Oder meine eigene Engelsbelegschaft, aber das ist ein Thema für einen anderen Tag.

Schlussendlich glaube ich, ist mein Urteil hier dasselbe wie das über „Darksiders – The Wrath Of War“ (das ich hauptsächlich in meiner Parodie auf den Stoff ausgedrückt habe): es ist alles so verdammt ernst und dramatisch und (im Falle „Darksiders“) so testosterongeladen, dass es mich einfach bettelt, es ein wenig zu veräppeln. Gerade der in Rätseln sprechende Kindergott, bei dem ich nur auf eine herablassende Antwort auf Moses‘ Rufen und Flehen gewartet habe, oder die Blitzheirat oder Ramses‘ „Du schläfst so ruhig, weil du weißt, dass du geliebt wirst…“ an seinen Sohn geben so viele nette Vorlagen zu ziemlich dümmlichen Kommentaren oder Handlungen. Oder die Froschplage. Froschschenkel für alle! Oder die Friesenviecher (Pferde, und zwar recht stämmige, breite mit üppigem Langhaar. Davon abgesehen glaube ich auch, zu wissen, dass der Sattel und erst recht der Steigbügel spätere Erfindungen waren), die dort herumrennen, die aber sehr rasch einen Hitzschlag bekommen oder verhungern würden, weil sie weder an das Klima noch die in der Wüste kategorische Futter- und Wasserknappheit angepasst sind.
Ich könnte dabei über die Anachronismen und sonstige Ungereimtheiten in der Recherche hinwegsehen, wenn die Geschichte spannend wäre und zusammenhalten würde. Aber so…? Ich weiß nicht.

Kurz, es ist ein schönes Vergnügen, wenn man, wie ich, großen Spaß daran hat, Filme auseinanderzunehmen und an allem, was einem als irgendwie schlecht, fragwürdig oder sinnlos auffällt, laut und ungebremst herumzumeckern. Wer sich einfach nur einen Abend lang nett und ohne Gehirnkrämpfe unterhalten will, sollte sich nach etwas Anderem umschauen.

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* Eine kurze Recherche hat ergeben, dass der Galgen in unser heute bekannten Form erst seit der Zeit der Regentschaft Karls des Großen existiert. Ja.

Easton Ellis, Bret: American Psycho. Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1991/1993 (Originaltitel: American Psycho)
Easton Ellis, Bret: The Rules Of Attraction. London: Picador 2011

Viele von Euch werden mich jetzt vermutlich fragen: Moment mal, warum heißt der Typ mit Vornamen wie ein flaches Stück Holz, und wie unterscheidet sich ein Easton Ellis von einem Weston Ellis? (Schenkelklopfer!) Auf beides muss ich sagen: keine Ahnung, tut mir leid. Was ich jedoch weiß, ist, dass Bret Easton Ellis‘ Werke mich faszinieren, und ich weiß auch genau, warum.

Ich nehme an, sehr viele von Euch werden eher den Film ‚American Psycho‘ gesehen haben als das Buch gelesen. Ich muss auch sagen, ich bin mehr zufällig über die Schwarte gestolpert: auf einem Flohmarkt gesehen, gedacht ‚Hm, das sagt mir was, ist das nicht berühmt?‘, gekauft, gelesen. Ich denke, nichts hätte mich darauf vorbereiten können, was für eine Wucht dieser Roman ist. Ich betrachte mich doch als relativ hartgesotten von dem vielen Horror, den ich lese, aber diesen Roman konnte ich mir auch nicht anders zu Gemüte führen als in mundgerechten Happen zu maximal vierzig Seiten auf einmal. Das liegt zum einen an der endlosen Aufzählung von Markennamen und Ähnlichem, aus der Großteile des Romans bestehen, und zum anderen an der lakonisch dargestellten Gewaltanwendung. Wenn Bohrmaschinen und Ratten angewandt werden, um anderen Menschen wehzutun, glaube ich, ist es auch für eine wie mich angemessen, mal eine Atempause zu brauchen. Trotzdem – oder eben deswegen – „American Psycho“ erfüllt seinen Zweck. Es zeigt eine leere, hoffnungslose, materialistische Welt, in der leere, gedankenlose, zynische Charaktere herumlaufen, die zueinander und teilweise auch zu sich selbst keine Beziehungen aufbauen können, und aus der es keinen Ausweg geben kann (der letzte Satz lautet ja berühmterweise „This is not an exit“/ „[…] kein Ausgang“ (Easton Ellis 1991/93: 549)). Dabei hat das Buch auch seine witzigen Momente: wenn der famose Patrick Bateman zum Beispiel mit seinem Date spricht, die ihn fragt, in welchem Bereich er eigentlich tätig sei, und er erwidert, er arbeite in „murders and executions“. Das Date fragt ihn nur, wie er es finde, und fügt hinzu, die meisten, die in „mergers and acquisitions“ tätig seien, hassten es. (Sorry, ich weiß jetzt wirklich nicht mehr, wie sie das übersetzt haben.) „American Psycho“ ist so ein Roman, bei dem man verstohlen hinter der Hand lacht, aber immer lauter und unkontrollierter, je weiter sich Patrick in den Wahnsinn hinabschraubt, und sich am Ende etwas dafür schämt; oder eine heiße und kalte Dusche, bei der sich beißender Humor und kalte Grausamkeit abwechseln.
Kurz: „American Psycho“ ist ein Buch, bei dem es einem die Eingeweide zusammenzieht, aber ich habe guten Grund, anzunehmen, dass genau das auch die Begründung dafür ist, dass ich, als ich es zuklappte und weglegte, mich automatisch fragte: so… und hat Mr. Easton Ellis auch noch etwas Anderes geschrieben?

Natürlich hat er das. Zum Beispiel „The Rules of Attraction“, sogar etwas früher erschienen als der große Durchbruch mit „Psycho“, mit Patricks jüngerem Bruder Sean Bateman in der Hauptrolle, im College-Umfeld, mit weniger Gewalt, dafür mehr Sex und etwa der gleichen Menge innerer Leere. Dabei war ich zu Beginn noch skeptisch, als ich das Buch bei einem anderen Flohmarkt (ich beginne, ein Muster zu sehen) aus der Menge gepickt habe, da der Klappentext mich weniger als enthusiastisch gestimmt hat. Da heißt es: „Lauren, who changes the man in her bed even more often than she changes course, is dating Victor but sleeping with Sean. Sean – cool, ambivalent and deeply cynical – might be in love with Lauren, but he’s not going to let that stop him from bedding Paul. Paul, as shrewd as he is passionate, is Lauren’s ex-lover and the final point in this curious triangle” * (Easton-Ellis 2011: Klappentext). Unter anderen Umständen hätte ich wohl Etikettenschwindel geschrien; doch hier war es ein Glück, dass das Buch schlussendlich anders war, als der Klappentext versprach. Die Dreiecksgeschichte gab es im Roman weder zentral noch am Rande.
Es geht auch um Sex, aber nicht in der Beziehungshinsicht: was der Klappentext versucht hat, ist allein deswegen schon sinnlos, weil die Sexualpartner aller Beteiligten hier so rasch wechseln wie die Windrichtung. Das ist es eher, worum es geht: kein Sinn, nichts Beständiges, keine Zukunft, nur der schnelle Rausch, die schnelle Erregung zählen. Kurse? Pfffffft. Unnötig. Niemand denkt weiter als bis zur nächsten Party, Drogen und Alkohol beherrschen den Campus-Alltag. Nichts hat Konsequenzen, und wenn, kann man sie hinweglachen. Die Zukunft – das Leben außerhalb des College gibt es nicht. Very no future, wenn Ihr mich fragt.
Ich persönlich habe mich gerade von „The Rules of Attraction“ bei etwas Zentralem gepackt gefühlt, weil ich in einer Situation bin, in der ich halbwegs bald ein Studium abschließe und mich fragen muss: was dann? Niemand in dem Roman tut das.
Aber das ist ein Thema für einen anderen Tag.

Was diese beiden Werke nun miteinander verbindet – und was der Grund ist, dass ich Mr. Easton Ellis hier so enthusiastisch empfehle? Zynismus, würde ich sagen. Mr. Easton Ellis betrachtet sowohl die College-Welt Sean Batemans als auch die Wall-Street-Welt Patrick Batemans mit einem ungeschonten, beißenden, staubtrockenen Zynismus, der nichts verbirgt und nichts beschönt. Gut, manchmal übertreibt er vielleicht ein wenig, ich kenne weder amerikanische Colleges noch Wall-Street-Büros, aber ich kann sie mir so ganz gut vorstellen. Zugegeben, Mr. Easton Ellis schreibt keine Lektüre für depressive oder hoffnungslose Phasen oder Menschen, nichts für Menschen, die mit schwarzem Humor nichts anfangen können und erst recht nichts für solche mit schwachem Magen. Easton Ellis ist makaber, düster und schwarzhumorig, das Lachen, das er hervorruft, wird immer verschämt sein, aber Himmel, ist es herrlich. Für mich, die ich Zynismus herrlich finde, ist sein Werk bis hierhin immer ein Faszinosum gewesen. Sowohl „American Psycho“ als auch „The Rules of Attraction“ haben mich immer gelockt, sie weiter und wieder zu lesen.
Also, ihr Leute da draußen mit starken Nerven – greift zu einem Easton Ellis. Es lohnt sich. Das ist alternative Unterhaltung, aber es hat auch eine Message. Zwei Dinge, die selten zusammengehen, es auch nicht müssen, und selten so gut zusammengehen. Ich bin absolut dafür.

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*Für die Damen und Herren, die des Englischen vielleicht (noch) nicht so mächtig sein sollten, hier eine grobe Übersetzung: „Lauren, die noch öfter als den Kurs den Mann in ihrem Bett wechselt, geht mit Victor, schläft aber mit Sean. Sean – cool, ambivalent und zutiefst zynisch – ist vielleicht in sie verliebt, doch das hindert ihn nicht daran, mit Paul ins Bett zu gehen. Paul, so scharfsinnig wie leidenschaftlich, ist Laurens Ex-Liebhaber und der letzte Bestandteil in diesem seltsamen Dreieck“.

ACHTUNG SPOILER!!!!!!!!

Levin, Ira: Rosemaries Baby. Aus dem Englischen von Herta Balling. Hamburg: Lizenzausgabe des Verlages Hoffmann und Campe, unbekanntes Jahr. [Originaltitel: Rosemary’s Baby]

Ja. Ziemlich ungenaues Zitat da oben. Die Kunst des Impressum-Schreibens hat sich wohl etwas verändert, seitdem diese Ausgabe erschienen ist. Oder ich kann einfach nicht lesen und Verlag und Jahreszahl schwirren irgendwo herum, wo ich sie nicht gesehen hab. Shit happens.

Nun, zum Eingemachten. „Rosemary’s Baby“ (ich werde den englischen Titel verwenden) ist ein Klassiker. Wenn man sich für Horror interessiert, kommt man früher oder später nicht darum herum, sich dieses Werk zu Gemüte zu führen. Der Plot ist einfach erzählt: Hausfrau Rosemary Woodhouse und ihr Schauspielerehemann Guy ziehen in das Haus ihrer Träume, schlagen sich mit etwas überaufdringlichen Nachbarn herum und entschließen sich, ein Baby zu bekommen. Während der Schwangerschaft häufen sich merkwürdige Ereignisse – oder auch nicht? Bildet sich die gute Rosemary etwa alles nur ein? Wem kann sie überhaupt noch trauen?
Der Roman ist schmal und angenehm zu lesen (bis auf die in meiner zugegeben etwas älteren Version teilweise komischen Übersetzung) und trotzdem hat es für mich nicht ganz den angestrebten Effekt gehabt. Warum, führe ich später aus. Übrigens: wisst Ihr, dass Ira Levin auch der Kopf hinter „The Stepford Wives“ ist? Da hat offenbar jemand etwas gegen Normalität.
Das ist auch der größte und wichtigste Punkt, den ich an unserem heutigen Roman positiv anführen will: „Rosemary’s Baby“ funktioniert, weil nichts, was geschieht, sich der Erklärung mit gesundem Menschenverstand voll und ganz entzieht, bis hin zum Schluss. Man ist bis zum letzten Abschnitt unsicher, ob Rosie (oder „Ro“, wie Guy sie nennt) vielleicht nur überempfindlich ist oder Dinge sieht, die es gar nicht gibt. Dazu trägt auch der vollkommen emotionslose, trockene und distanzierte Stil bei, in dem das Buch verfasst ist. Selbst in der Zeremonienszene, die Rosie später als Traum abtun wird (oder war es doch real?! Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll!!!!!) wird das Ganze nicht blumiger, sondern bleibt auf seiner trockenen Realitätsebene.
Es ist also auf jeden Fall ein sehr straff komponierter und diszipliniert geschriebener Roman, in dem sehr effektiv mit Informationen hausgehalten wird. Ganz ehrlich: er hätte auch ohne den Big Reveal am Ende auskommen können, denn so voll und ganz der Kontrolle über alles, selbst den eigenen Körper, enthoben zu werden, wie es Rosie geschieht, nicht wissen zu können, wem man trauen kann und wem nicht, wem man sich anvertrauen kann und wem nicht, ob man die Nachbarn und den eigenen Ehemann eigentlich je gekannt hat, das ist meines Erachtens nach auch ohne SatansanbeterInnen erschreckend genug. Zudem muss ich sagen, dass „Rosemary’s Baby“ für mich insbesondere gut funktioniert, weil es meine Angst vor schon Themen wie Schwangerschaft und Geburt ausnützt. Die Frage „verdammt, was wächst da in mir?????“ konnte ich aus vollstem Herzen nachvollziehen. Also, nein: „Rosemary’s Baby“ ist sicherlich kein Roman, in dem man erwarten kann, dass einem das Böse mit geschärften Klauen und verzerrter Ungeheuerfratze ins Gesicht fährt. Es ist ein Roman über die unterschwellige Bosheit und das Gruselpotential in unserem Alltag und unseren Mitmenschen.

Was mich zu den Charakteren führt – von denen die meisten traurigerweise nur Namen auf Papier sind. Nur über Guy und Rosemary, unsere Hauptfiguren, kann und will ich mich weiter auslassen.

Guy ist… wie soll ich’s sagen, ein Unsympathler. Vermutlich von Mr. Levin so intendiert, aber trotzdem. Es sagt sicher einiges aus, dass ich ihn und Rory/Larry aus „The Hellbound Heart“ im Kopf irgendwie zusammengeworfen habe. Wie abgebrüht und rücksichtslos muss man sein, um gegenüber seiner Frau zu sagen, ja, ich habe mit dir geschlafen, als du ohnmächtig warst – und geil war’s, hatte was von Nekrophilie? (Levin S.92) Es mag zwanzigmal eine Lüge gewesen sein, aber so was sagt man doch nicht. Ich an Rosies Stelle wäre sofort ins Frauenhaus abgehaut. Gab es Frauenhäuser im Amerika der 1960er Jahre? Insofern muss man wohl anmerken, dass ein Autor, der im Amerika der 1960er Jahre eine Frau zur Protagonistin seines Romans macht, lobend erwähnt werden sollte. Good job, Mr. Levin!
Wobei ich durchaus zugebe, dass seine Seite der Geschichte mich interessieren würde. Was zum Teufel (hähä) hat Roman ihm erzählt? Was hat er ihm versprochen? Ruhm und Reichtum, wie es immer so ist? Und was geht in seinem Kopf vor, während er zusieht, wie die Frau, die er geheiratet hat und daher zumindest idealerweise auch liebt, sich abquält mit Demonspawn im Bauch? Vielleicht liegt ja außer dem Einlullen der trügerischen Normalität noch eine zweite Bedeutungsebene in dieser Geschichte, nämlich Guys: wie schnell man zu einem Fanatiker wird, der sogar das eigene Significant Other verkauft und opfert, um zu Ruhm, Erfolg und Reichtum zu gelangen, wenn nur das richtige Angebot daherkommt.

Rosie ist ein Fußabstreifer. Leider. Aber wiederum, das ist vermutlich der Entstehungszeit des Romans geschuldet. Um das zu illustrieren, will ich eine kurze Passage direkt zitieren – sie befindet sich in meiner Ausgabe auf Seite 177:

„Guy kam ohne das Hemd zurück. »Ich meine, du solltest nicht mehr weiter darin lesen«, sagte er.
»Nur noch dies letzte Kapitel«, wandte Rosemarie ein.
»Nicht heute, Liebling«, sagte Guy und kam zu ihr herüber. »Du hast dich schon so genug aufgeregt. Das ist nicht gut für dich und auch nicht für das Baby«. Er streckte seine Hand aus und wartete, daß sie ihm das Buch gab.
»Ich bin nicht aufgeregt«, sagte sie.
»Die Aufregung schüttelt dich«, erwiderte er. »Du zitterst schon seit fünf Minuten am ganzen Leib. Komm, gib es mir. Du wirst morgen weiterlesen«.
»Guy…«
»Nein«, sagte er. Ich will es. Komm, gib es mir«.
Sie sagte: »Oh!« und gab es ihm.“

Und so weiter und so fort. Ist nicht immer witzig zu lesen, aber vermutlich auch der Zeit geschuldet. Trotzdem: sie braucht recht lange, um zu bemerken, dass da was faul ist. Wenn ich Schmerzen habe und mein Arzt zuckt monatelang einfach nur die Schultern, brauch ich keine Freundinnen, die mir etwas einflüstern, um selbst zu einem anderen Doktor zu gehen. Mal um Mal wollte ich Rosie einfach fassen und schütteln und sie bitten, doch ein wenig nachzudenken, ein bisschen hartnäckiger und konsequenter zu sein, aber nun, so ist es eben. Man muss allerdings, wenn man sagt, Rosie kann nicht sonderlich gut auf sich selbst aufpassen, auch anmerken, dass sie am Ende ganz schön kräftig für sich selbst und das Kind einsteht.

Ach, das Ende… dieses Ende. Vielleicht hätte es mich schockieren sollen, aber ich kann mich an kaum ein Buch erinnern, das ich mit einem fetteren Grinsen zugeklappt hätte als eben „Rosemary’s Baby“. Diese Darstellung! So stellt sich der kleine Berti seine satanistischen Zusammenkünfte vor. Alles in Schwarz, und alle singen/ rufen/ sagen wie programmiert dieselben Phrasen. Und dieses Satansbaby! Vielleicht bin ich ein bisschen beeinflusst von meiner eigenen Luzifer-Version und Ghosts Luzifers Sohn-Shtick von dem „Infestissumam“-Album, aber meine Reaktion auf das Satansbaby war so in etwa „D’awwwww! Niedlich! Drücken wollen!“ Und ich reagiere nie so auf Babys. Ich kann doch wohl nicht die Einzige sein, die sich jemals überlegt hat, eine Fanfiction zu schreiben, in der Klein-Andrew zu einem Teenager herangewachsen ist, der seiner Mommy das Leben zur Hölle macht und vice versa, der seinen Adoptivvater vielleicht schon vergrault hat, was ihm ganz recht geschähe, der in der Schule wegen seinen Hörnern und dem Schwanz gehänselt wird (überhaupt: Das Satansbaby in der Schule! Der Schreck der Religionslehrer!) und den man bestrafen kann, indem man ihm so zwei, drei Wochen gebratenes statt rohem Fleisch vorsetzt. Oder überhaupt kein Fleisch. Oder indem man ihn in ein weißes Hemd steckt…
Ja, ich hör schon auf, Horrorklassiker zu verulken. Sorry. Und ja, ich weiß, dass es eine Fortsetzung von Mr. Levin himself gibt. Na und? Ein bisschen Parodie schadet nie.

Abschließendes Urteil? Meiner Meinung nach ist „Rosemary’s Baby“ nicht sonderlich gut gealtert. Einige Elemente sind veraltet, brauchen ziemliche „damals war das halt so“-Einredenastrengung und verhindern dadurch das Einsinken in die Normalität, von der der Roman ja eigentlich lebt. Aber er ist technisch wundervoll aufgezogen und durchkomponiert, die Figuren sind leider ziemlich zweidimensional, aber dafür hab ich eines der unfreiwillig komischsten Enden, die mir jemals untergekommen sind. Allein schon dafür gebührt Mr. Levin ein Applaus. Im Grunde könnte ich es verantworten, den Roman weiterzuempfehlen, aber nur, wenn man nichts gegen Pappaufsteller als Charaktere hat und halbwegs entstehungszeitbewusst ist.

Barker, Clive: The Scarlet Gospels. London: Pan Books, 2015

Hiermit geht die Hellraiser-Rezeption auf diesem Konto in die zweite Runde! Yippie!
„The Scarlet Gospels“ nimmt die Cenobite-Charaktere aus der Novelle „The Hellbound Heart“ wieder auf und gibt besonders einem von ihnen, eben dem ikonischen Pinhead, center stage. Fast dreißig Jahre sind vergangen, seitdem die Novelle erschienen ist, und ich möchte verdammt sein, wenn der glatzköpfige Herr mit den schachbrettförmigen Narben und den Nägeln im Kopf nicht immer noch Mr. Barkers Miete bezahlt. Und jetzt, in dem vorliegenden Roman, will er auch noch die Hölle übernehmen. Auf der anderen Seite haben wir den übernatürlichen Privatdetektiv Harry „Harold“ D’Amour (ja, Ihr dürft jetzt gerne lachen. Ich habe gelacht. Lang.) und sein Squad an übernatürlich Gebildeten, die weniger gegen diese Übernahme etwas haben als dagegen, dass Pinhead, der seinen Spitznamen offensichtlich nicht mag, aber keine Alternative gibt, ihre Freundin Norma entführt hat.
Es gibt einige Gründe – um nicht zu sagen: viele – warum ich mit „The Scarlet Gospels“ unzufrieden bin. Ich bin mit einigen Erwartungen hineingegangen, logischerweise, würde ich behaupten, nachdem „The Hellbound Heart“ so versiert und effektiv dabei war, mich bei dem zu packen, was im Gekröse versteckt ist, und daraus wohlig Unheimliches zu erzeugen. Natürlich muss man auch zugeben, dass dem Ganzen etwas Miefiges anhaftet – Schriftsteller gräbt nach dreißig Jahren die Figur wieder aus, die ihm einen Bombenerfolg beschert hat, und packt sie in einen Roman – aber man will ja nicht untergriffig werden. Nicht, bevor man das betreffende Erzeugnis nicht gelesen hat. Als ich allerdings den Roman zu Ende gelesen hatte, hatte ich leider eher ein flaues Gefühl im Magen. Ich brauchte einige Tage, um mir klar zu werden, warum, aber ich denke, nun kann ich es schaffen, es darzulegen, ohne allzu schwammig daherzukommen.

Beginnen wir mit dem Positiven. Clive Barker kann nach wie vor schreiben, oder sollen wir besser sagen be-schreiben. Wahrscheinlich hat Mr. Barker sehr lebhafte innere Bilder und Landschaften, die kommen nämlich im Druck sehr schön zur Geltung. Ich glaube, nirgends anschaulichere und kreativere Beschreibungen von Blut-und-Beuschel-Szenen gelesen zu haben als bei ihm. Der Roman beginnt gleich mit einem Vorgeschmack auf die kommende Blutdusche, und es ist hier, dass Mr. Barker zeigt, was er kann. Pinhead platzt in ein nekromantisches Ritual und schlachtet alle ab, selbst den beschworenen Toten ermordet er ein zweites Mal. Eine volle Breitseite Ekel, Blut und Schmerz; damit ist die Bühne bereitet für den coup de grace in der Hölle.
Ich finde auch die Hölle, die Mr. Barker zeichnet, im Grunde recht ansprechend, besonders, weil sie eben kein überhobenes, überzeichnetes Gomorrha voller Fantasy-Kram ist, sondern eine vollkommen normale Stadt mit Straßen, Slums, offenbar Autos, einem Kloster und einer abgeschiedenen Insel, die von einer leviathanartigen Seekreatur bewacht wird. Das worldbuilding ist gut gemacht, der Stil ist schön und flüssig, der Roman liest sich gut, sodass man auch gut und gerne mal vierzig, fünfzig Seiten liest, ohne dass es anstrengend wird. Die Kapitel sind teilweise etwas kurz geraten, manche schaffen nicht einmal die zwei Seiten, was das alles etwas unruhig wirken lässt, aber das hat zumindest mich weniger gestört. Unangenehmer sind die losen Fäden, die am Ende irgendwie unmotiviert in der Luft hängen bleiben, wie zum Beispiel die Tatsache, dass es offenbar keinerlei Auswirkung auf die Oberwelt – und seien es nur die Geister! – hat, dass jemand die Decke der Hölle aufgebrochen hat. Oder das Geschöpf, das das Ritual zu Beginn überstanden hat. Oder der Geist, der Harry und Norma in eine Falle gelockt hat. Oder die Szene bei Dale, Solomon und Bellmer, wo impliziert wird, dass zumindest eine mit bösen Mächten unter einer Decke steckt. Dale taucht später grundlos aus dem Nirgendwo wieder auf und erzählt, die anderen beiden sind tot. Yay for closure????

Der Plot ist simpel, ich glaube, dabei kann man nicht viel falsch machen… wo es wirklich schwächelt, und es tut mir leid, das zu sagen, sind die Charaktere. Fangen wir bei den ‚Bösen‘ an – Pinhead und Luzi. Ja, Mr. Barker hat seine eigene Inkarnation von Luzifer. Warum nicht? Der ist in der Public Domain. Und wer die Hölle übernehmen will, muss eben vorher durch Luzifer.

Also. Pinhead ist – Pinhead. Der erhabene Cenobite-Mönch, der über allem thront. Bis auf die paar Mal, wo er flucht, sein bekanntes „We have such sights ro show you!“ vollkommen unmotiviert und zusammenhanglos in die Konversation streut und sich die Hände schmutzig macht. Diese eine Szene, in der er eine andere Figur mit bloßen Händen (und Füßen) verprügelt, hat mich recht traurig den Kopf schütteln lassen. Das ist nicht Pinhead, dachte ich mir, nicht der würdevolle Cenobite. Erniedrige ihn mir nicht zu einem Straßenschläger! Mir fehlt einfach die abgehobene, würdevolle Haltung, die er in „Hellbound Heart“ hatte, wenn man ihn als Prügler darstellt. Das finde ich schade, weil ich diese jenseitige, über alles erhobene, vollkommen ohne physische Gewalt furchterregende Gestalt für mich persönlich sehr sehr ansprechend fand.
Luzi ist ganz ähnlich: ich finde, seine Vorgeschichte und sein Charakter malen kein sinnvolles, zusammenhängendes Bild. Er war Gottes Lieblingskind (wie in der Überlieferung), wurde nach unspezifizierten Verbrechen von ihm verstoßen (wie in der Überlieferung), da Gott ihn mit Entfernung von sich bestrafen wollte… und bringt sich um? Weil er die Entfernung nicht ertragen kann? (Wer davon eine dezidiert homoerotische Schwingung auffängt, der sei auf später vertröstet – darauf wird noch zurückzukommen sein.) Tut mir leid, wenn ich denjenigen, der aus überbordendem Stolz gefallen ist, nicht unbedingt als Selbstmörder sehen kann.

Der Endkampf zwischen Luzluz und Pinhead zieht sich auch länger hin als unbedingt nötig… oder sagen wir, es geht öfter hin und her, als der Spannung zuträglich wäre. Zumindest ich war beim Lesen öfter geneigt, zu demjenigen, der eben gerade am Boden lag, augenrollend „Just DIE already!“ zu sagen. Und ständig dieses Hin und Her zwischen jetzt ist er tot, nein, ist er doch nicht, jetzt wieder, einmal steht er doch noch auf, jetzt ist er aber wirklich hinüber… Entscheid dich, Narration, oder entscheiden Sie sich, Mr. Barker. Entweder Sie wollen eine Figur loswerden oder nicht. Dieses Stehaufmännchen-Spiel macht’s auch nicht spannender.

Kommen wir zu den ‚Guten‘. Harry D’Amour (prust), Lana, Chaz, Norma und Dale – obwohl es mir schwer fällt, sie als fünf getrennte Charaktere zu besprechen. Ich habe eher das Gefühl, dass es fünfmal ein und derselbe Charakter ist, der in unterschiedlichen Verkleidungen und Perücken auftaucht – eine Art Larma-Chaz D’Amour, wenn man so will. Vielleicht bis auf Dale, aber Dale ist nervig. Es ist kein schlechter Charakter, kein unglaubhafter, aber es ist trotzdem ein Charakter für fünf Figuren. Und, was vielleicht meine größte Beschwerde über den Roman ist: sie alle sind vollkommen unnötig.
Ja, ich weiß, gerade in einem Spannungsroman braucht man die Guten als Identifikationsträger, als diejenigen, mit denen man mitfiebert und die nicht sterben dürfen, nicht sterben sollen, mit denen man mitleidet, wenn sie verletzt werden oder Angst ausstehen – das mag ja sein – aber: diese Guten hier tragen nichts zu dem Plot bei. Nicht das Geringste. Sie dackeln eben Pinhead hinterher, der eine von ihnen gekidnappt hat, um sicherzustellen, dass sie ihm hinterherdackeln, bezeugen alles und retten sich durch ein Wurmloch ex machina. Das war’s. Der Roman hätte ohne sie auch funktioniert, und, wenn ich ehrlich sein soll, glaube ich, er wäre ohne sie besser oder zumindest fokussierter gewesen. Schließlich ist der Hauptkonflikt nicht die Guten, also D’Amour und seine furchtlosen Recken, gegen Pinhead, sondern Pinhead gegen Luzifer, wobei so ziemlich die gesamte Population der Hölle ausgelöscht wird.
Das emotionale Zentrum der Chose hat mit dem Zentrum der Narration wenig zu tun, und vermutlich hätte mich das gar nicht so sehr gestört, wenn ich D’Amour und Konsorten auch nur entfernt nachvollziehbar und/oder sympathisch gefunden hätte. Bin ich die Einzige, die es spannender gefunden hätte, wenn sich Mr. Barker auf den Kampf zwischen den beiden Bösen konzentriert – aus der Perspektive des Monsters geschrieben hätte? Mal vollkommen davon abgesehen, dass das eine Aufgabe ist, die ich jedem/r HorrorschriftstellerIn gerne mal umhängen würde, hätte es hier einfach Sinn gemacht. Die beiden ‚Bösen‘ sind die großen Player, die, die wirklich agieren. Harry und Konsorten sind nur Publikum.
Und wenn wir schon unbedingt eine menschliche Identifikationsfigur brauchen: warum dann nicht eine/n der MagierInnen, die Pinhead laut Klappentext so erbarmungslos jagt? Die hätten wenigstens etwas mit dem größeren Plot und Ziel zu tun.

Eins noch… Himmel, wenn ich mich da nicht in die Nesseln setze. Ich habe Chaz und Dale erwähnt, und dass ich Dale nervig finde? Vieles davon hat damit zu tun, dass ich das Gefühl habe, dass diese beiden – Dale stärker als Chaz, weil ich bei Dale, der eher der ‚flirty‘, ‚flitty‘, ‚breathy‘ Typ ist, auch noch ein kleines bisschen das unangenehme Gefühl habe, eine Klischeetunte vor mir zu haben, was nicht nett ihm gegenüber ist – ihre sexuelle Orientierung statt eines Charakters mitbekommen haben. Ja, es hat etwas gedauert, bis ich das voll und ganz verdaut hatte, bis ich in Worte fassen konnte, was mich eigentlich gestört hat an der ganzen Chose.
Damit wir uns verstehen: ich habe nichts dagegen, dass schwule Figuren in diesem Roadtrip to Hell dabei sind. Ganz im Gegenteil, ich finde es gut, dass sie auch mal austeilen dürfen. Was ich weniger gut finde, ist dieses Gefühl, dass Mr. Barker, als er sich hingesetzt hat, um die Charaktere für „The Scarlet Gospels“ zu basteln, den Stift weggelegt hat, nachdem er hatte: Chaz: schwuler Tätowierer mit mittleren okkulten Kenntnissen, und Dale: schwul und hat Visionen. So oft, wie die beiden darauf anspielen, dass sie homosexuell sind und einander, sowie auch Harold recht ansprechend finden (Dale), dass Chaz nur mit einer Frau schlafen würde, wenn sich kein passender Mann fände (Chaz) und dass sich für ihn sicher immer ein Mann fände (Dale), war ich schon ab und zu in Versuchung, die Augen zu rollen. Fein, ich hab’s verstanden. Darf ich noch was Anderes über die beiden wissen? Reden sie noch mal über was Anderes? Gibt es ein männliches Wesen, das Dale nicht augenblicklich bespringen würde? Will man irgendjemanden so darstellen, egal, welche sexuelle Orientierung? Ich weiß es ja nicht.

Zusammenfassend: ich würde sagen, ein mittelmäßiger Roman. Er hat seine Momente, seine fantastischen Momente, wenn es um Worldbuilding geht, um Beschreibungen oder große Szenen (die Kathedrale und das, was sie verbirgt, das Wassermonster, die Deformitäten der Cenobites, zeitweise den Kampf zwischen Luzluz und Pinhead, Mord und Totschlag). Aber er hat seine Probleme, was die Charakterkonstruktion und die Plotlinien betrifft und hätte gut und gerne um die Hälfte reduziert werden können, wenn man diese ‚Harry-muss-es-bezeugen‘-Thematik entfernt hätte.

Der dunkle Turm. Originaltitel: The Dark Tower. Drehbuch: Nikolaj Arcel, Akiva Goldsman, Anders Thomas Jensen, Jeff Pinkner; Regie: Nikolaj Arcel. Columbia Pictures, 2017

Ich habe schon im Vorfeld gelesen und gehört, wie Kritiker und –Innen diesen Film in der Luft zerrissen und besonders Fans der Bücher gewarnt haben, diesen hier besser zu überspringen. Da ich allerdings neben Fan von Stephen King auch einer der Kulturtechnik des Bildens meiner eigenen Meinung bin, und außerdem viel zu neugierig, habe ich mir den Film trotzdem geben müssen.
Fazit? Ich denke, die Damen und Herren Kritiker sollten sich etwas entspannen. „The Dark Tower“ ist keine Offenbarung, finde ich – kein spektakuläres Actionfeuerwerk, bei dem man gefesselt dasitzt und kaum Atem schöpfen kann. Er hätte durchaus besser sein können – aber das macht ihn zumindest in meinen Augen nicht zu einem schlechten Film. Es waren unterhaltsame, mit Anspielungen gespickte eineinhalb Stunden, die zumindest ich durchaus genießen konnte. Natürlich kann es sein, dass das nur der Fall ist, weil ich mich mit der fine art of filmmaking nicht auskenne. Vielleicht bin ich aber einfach nur besonders leicht zufriedenzustellen oder mein ausgesprochener Willen, den Film zu mögen und zu genießen, hat sich bemerkbar gemacht.

Wie dem auch sei… die meisten Beschwerden über den Film kann ich nicht ganz nachvollziehen, beziehungsweise sie kommen mir ein bisschen übertrieben vor.
Nein, er bildet nicht den ersten Roman der Dark-Tower-Reihe, „The Gunslinger“, eins zu eins ab. Warum sollte er auch? „The Gunslinger“ existiert schließlich schon, als Buch. Und wenn die MacherInnen des Films meinen, die Episode mit den Taheen aus dem Dixie Pig oder das Camp der Brecher und die niederen Männer in gelben Mänteln (da war tatsächlich einer, am Anfang!) interessieren sie mehr, was spricht dagegen, die Timeline etwas zu verändern? Mit den Umständen und Kontexten zu spielen?
Warum sollte man sich sklavisch an diesen einen Roman halten, jeden Nebensatz Kings genau so verfilmen, wie er dasteht, wenn man so viel so großartiges Material hat, aus dem man schöpfen und das man neu zusammensetzen kann? Solange die Geschichte in dem neuen Kontext Sinn ergibt, warum denn nicht. Mr. King selbst spielt in seinen Romanen ja auch liebend gerne mit verschiedenen Welt- und Zeitebenen, daher meine ich doch, dass die DrehbuchautorInnen darauf mindestens dasselbe Recht haben.

Ich will nicht verleugnen, dass der Film komprimiert, gerafft und zusammengepickt ist. Ich als eine, die die gesamte Reihe zweimal gelesen hat, weiß das. Ob es jemandem auffällt, der/die die Bücher nicht gelesen hat, kann und will ich mir nicht anmaßen, zu beurteilen, aber mich persönlich hat es nicht gestört. Es wurde eine einfache, nachvollziehbare Story geboten. Was will man mehr in einem schlichten Actionfilm?
Dass das Ganze emotionally bland ist… Himmel, habt Ihr „The Gunslinger“ gelesen? Ich finde, die allumfassende, recht strenge und trockene Endzeitstimmung aus dem ersten Roman ist ganz gut getroffen. Der Film hatte sogar Spritzer von Humor und Menschlichkeit, an die ich mich aus den früheren Büchern nicht so wirklich erinnern kann, da Roland (hier: Idris Elba) ja erst in den späteren Büchern beginnt, aufzutauen und Eddie und Suze wie Menschen zu behandeln. Gerade in den ersten Büchern wäre es doch wohl undenkbar gewesen, dass er, der strenge, aufrechte, humorlose, emotionslose Revolvermann, Jake (hier: Tom Taylor) tröstend umarmt, nachdem er seine Mom verloren hat.
Sowohl er als auch Walter O’Dim (Matthew McConaughey) haben wohl im Vorfeld eine Humorinfusion erhalten – das macht aus Roland keinen Clown, sondern zur Ausnahme eine Figur mit Gefühlen. Wobei mich das bei Mr. Deschain interessanterweise überhaupt nicht stört, bin ich mir noch uneins, was ich von Walters manisch grinsender „I do it all because I’m evil“-Haltung halten soll, wobei ich eher dazu tendiere, sie zu mögen. Ich mag Bösewichter. Ich mag Bösewichter mit Humor. Ich mag Bösewichter, die ihre bösen Fähigkeiten einfach nur einsetzen, weil es ihnen gerade Spaß macht. Trotzdem hat das Ganze einen Beigeschmack, den ich nicht so recht benennen kann, der aber nicht abflaut. Vielleicht kommt das noch. Später.

Ein Kritikpunkt, den ich verstehe, zumindest teilweise, ist, dass die Beziehung zwischen Roland und Jake zu wenig Zeit hatte, sich zu entwickeln, und dass sein Training an der Waffe offenbar abgeschlossen war, nachdem er einmal das Credo der Revolvermänner hergebetet hat. (Ihr wisst schon, „Ich ziele nicht mit meiner Hand“ et cetera.) Und dabei ist der Roland des Films, wie erwähnt, noch humorvoll und herzlich im Vergleich zu seinem Gegenstück in den Romanen. Aber nun, das ist mir nichts Neues, zumal ich glaube, dass das Zielpublikum der ganzen Geschichte eher junge Burschen sind, die vermutlich weniger Interesse an intensivem Ersatzvater-Ersatzsohn-Bonding haben als daran, dass Kugeln fliegen und Dinge gesprengt werden. (Ich weiß, that’s sexist. Gibt sicher genug junge Burschen, die das auch gerne sehen würden, aber ich versuche gerade bei so etwas ein bisschen wie so ein Studioboss zu denken, der doch nur seinen Film verkaufen will.)

Klar, von dem Ende will ich nicht unbedingt sprechen. Es gibt keine Welt auf den Ebenen des Turms, auf der dieser Trickschuss auch nur eine Chance gehabt hätte, zu funktionieren. Aber mich stört es nicht besonders. Ich weiß, dass so etwas nicht klappt, aber ich hab wirklich Besseres zu tun, als mich darüber aufzuregen, dass in einem Fantasyfilm unrealistische Dinge passieren.

Eine Sache, die mich wirklich gestört hat – so ziemlich die Einzige, die ich dem Film ernstlich zum Vorwurf machen würde – ist die Tatsache, dass Roland vollkommen erklärungslos immun gegen die Zauberkräfte des Mannes in Schwarz ist. Die Magie funktioniert bei ihm nicht, obwohl Walter Steven Deschain (Dennis Haysbert) vollkommen ohne Probleme abserviert hat – Publikum, friss oder stirb. Da hätte man schon ein wenig das Hirnkast’l anwerfen und sich einen Grund überlegen können, warum Roland immun ist, aber sein Vater, der Rolie alles gelehrt hat und ein mindestens ebenso starker Revolvermann ist, zum Beispiel nicht. Sie waren beide aufmerksam, konzentriert und kampfbereit, als Steven gestorben ist. Und wenn es rein um Willensstärke geht, dann ist es meiner Meinung nach keine positive Entscheidung, es so dastehen zu lassen, als wäre Rolie vollkommen mühelos immun. Wenn es rein um Willensstärke geht, will ich auch sehen, wie Rolie gegen Walters Einflussnahme ankämpft, sie quasi niederringt. Einfach aus Gründen der Nachvollziehbarkeit und der Glaubwürdigkeit.

Natürlich wollen wir auch noch den Elefanten im Raum ansprechen… ROLAND IST NICHT SCHWARZ!!!! (einself) Wie mich das ankotzt. Doch, ist er. So einfach ist das. In dieser neuen Adaption, in diesem Universum wenn man so will, in dieser Welt ist Roland schwarz. Na und? Idris Elba war offenbar der beste Mann für die Rolle, also soll er die Rolle haben.
„Ja, aber was ist mit seinen typischen ‚kanoniersblauen Augen‘?“
„Ja, aber wie werden sie seine Beziehung zu Detta/ Odetta/ Susannah aufziehen? Die hängt doch davon ab, dass sie schwarz ist und er weiß!“
Ad 1: gibt’s nicht mehr. Idris Elba hat dunkle Augen und kann damit auch intensiv starren. Ist so. Kommt drüber hinweg. Es gibt wichtigeres an der Figur als ihr Aussehen, und zumindest ich finde, dass Idris Elba wunderbare Arbeit abgeliefert hat.
Ad 2: Äh… zum Ersten ist überhaupt nicht gesagt, dass die Geschichte so weit adaptiert wird, dass Detta/ Odetta/ Suze überhaupt auftreten, also macht Euch nicht Gedanken über Dinge, die vielleicht gar nicht auf dem Tisch liegen. Dann gibt es zwei Gegenargumente, die ich gern vorbringen will: erstens: na gut, dann entfällt dieser Konflikt eventuell. Na und? Mehr Zeit für andere Konflikte, die dann besser auserzählt werden können. Und ich denke, gerade so ein kleines Detail lässt sich aus so einem Pulk von Arbeit gut wegdenken bzw. mit anderen Aspekten kompensieren. Zweitens: ich denke, für die Plotlinie „Dettas/ Odettas Rassismus und wie sie ihn ablegt“ ist eine andere Figur ausschlaggebender als Roland Deschain. Edward Cantor Dean. Ihr wisst schon, Eddie. Der Typ, in den sie sich verliebt. Jah.

Ich will noch eins erzählen. Unter einem Trailer, den ich auf YouTube gesehen habe, hat jemand wutentbrannt kommentiert, na toll, jetzt nehmen sie uns auch noch den tollen, komplexen und hochgeistigen Dunklen Turm weg und machen ein Hollywoodspektakel daraus. Ich muss sagen, ich hab herzlich gelacht. Ich weiß nicht, was diese Person dachte, das sie liest, als sie die Dark-Tower-Romane in den Händen hatte. Tipp: die Dark-Tower-Romane mögen durchdacht und komplex und teilweise auch etwas anstrengend sein, aber der Tafelspitz, Kaviar und schwere Rotwein an der literarischen Tafel sind sie dennoch nicht. Stephen King weiß das auch, und ich schätze ihn schon allein dafür, dass er sich dafür beileibe nicht schämt. Es gibt einen Grund, warum Stephen-King-Adaptionen wie Schwammerl aus dem Boden schießen: seine Geschichten sind spannend, manchmal erschreckend, actionreich, unterhaltsam und – schlussendlich genau das: Geschichten. Unterhaltungsliteratur. Ich sage nicht Trivialliteratur, weil ich diesen Begriff nicht sonderlich mag. Und Unterhaltungsliteratur hat verflucht nochmal ihren Platz im Spektrum der Dinge. Allerdings: sich zu beschweren, dass etwas, das intrinsisch ein Unterhaltungsroman ist, als Unterhaltungsfilm neu aufbereitet wird, finde ich schon zum Kichern.

Schlussendlich denke ich, ich kann folgendes als Fazit ziehen: hört nicht auf KritikerInnen. Behaltet ihre Worte vielleicht im Hinterkopf, aber geht trotzdem raus und bildet Euch Eure eigene Meinung. „The Dark Tower“ ist kein Spektakel, aber ein durchschnittlich guter und recht unterhaltsamer Film. Und wenn ich mich für meine 6 Euro 90 Cent für 95 Minuten ansprechend unterhalten fühle, tu ich mir schwer dabei, einen Grund zu finden, mich zu beklagen. Ich wurde schon für viel mehr Geld viel schlechter unterhalten.

Heitz, Markus: Kinder des Judas. München: Knaur, 2007.

Es gibt es selten, dieses eine Buch, das mir die Zornesfalten ins Gesicht treibt. Nicht einmal Twilight hat das geschafft; vielleicht, weil ich nur das erste Buch gelesen, bevor ich entnervt aufgegeben habe. Vielleicht bin ich zu stoisch; vielleicht bin ich nur hart im Nehmen, was eher halbseidene Geschichten und Konstruktionen angeht.
Auftritt Herr Heitz mit „Kinder des Judas“ im Arm.
Ich sage es eigentlich nur ungern, aber dieser Roman ist ein einzelner Unfall.
Ich hatte vorher entfernt von Markus Heitz gehört; am ehesten bekannt war er mir durch seine „Zwerge“-Reihe, von der ich auch kein Buch jemals gelesen habe. Bei der „Kinder des Judas“-Reihe gefielen mir allerdings die Buchcover sehr, zumindest diejenigen der letzten beiden Bücher, und ich lese ja auch gerne Vampirgeschichten oder solche mit geheimnisvollen, nebulösen, ominösen Gesellschaften oder Zusammenkünften. Da freut sich mein innerer Mystery-Fan.
„Kinder des Judas“ soll, laut Zusammenfassung, von dem Doppelleben einer Frau erzählen, die teilweise tröstend an der Seite von Sterbenden verharrt. Wie da die Geheimgesellschaft hineinspielt, wusste ich auch nicht, aber man will und kann sich ja überraschen lassen.
Wenn man es in wenigen Worten sagen will, könnte man es so zusammenfassen: der Stil ist okay, die Storyline ist auch ganz schön, auch, wenn ich mit einigen Informationen anders hausgehalten hätte, wäre „Kinder des Judas“ meine Geschichte gewesen. Herr Heitz muss, auch wenn man das kurze Nachwort mit betrachtet, ja einigen Rechercheaufwand betrieben haben, was die verschiedenen Spielarten der Vampire und Vampirinnen betrifft, die einem so begegnen in den Sagen und Mythologien der verschiedenen Völker – mehr des Letzteren, aber dazu später mehr. Ich hätte nur gern zu diesem Rechercheaufwand ein wenig Erklärung gehabt, eine Einführung, bevor man einfach mit einem Vampirtyp konfrontiert wird und sich aus den Fingern saugen darf, was die nun tun oder lassen und was mit ihnen das Problem sein sollte oder nicht, oder ein Glossar am Ende, wenn Herr Heitz gemeint hätte, in die Geschichte hätte es nicht gepasst. Aber die Figuren. Oh Himmel, die Figuren. Und ganz besonders unsere Hauptdarstellerin.

Unsere Hauptdarstellerin, das ist in diesem Fall Theresia „Sia“ oder auch (damit sich die Spoilerwarnung gleich einmal auszahlt) Jitka oder Scylla oder Baronin Illicza. Sie ist die oben angesprochene Krankenschwester mit dem spitzzähnigen, blutdurstigen Doppelleben und Himmel und Hölle und Arsch und Zwirn sowieso, ist das eine Sue. Es gibt eine Liedzeile von der EAV (Google erklärt mir, aus „An der Copacabana“), in der erklärt wird, der Sänger oder das lyrische Ich sei eine perfekte Mischung aus Schwarzenegger und Einstein – nur leider habe er Schwarzeneggers Verstand und Einsteins Figur. Bei Sia/ Scylla ist es umgekehrt.
Jitka ist eine umwerfende Wissenschaftlerin. Jitka lernt alles, was man ihr vorwirft, ohne Anstrengung und wahnsinnig schnell, von Latein über Biologie und Mechanik bis hin zu Kampfkunst. Nicht mal bei notwendigen Sezierstunden kommt ihr das Kotzen! Jitka ist so kluk, und wunderschön natürlich auch. So wunderschön, dass sich jedes männliche Wesen in der Umgebung, das nicht ihr Vater ist, sofort in sie verliebt (manchmal die weiblichen auch), und wenn der Nächste in den Startlöchern steht, hat sie den davor komfortabel bereits vergessen (die Narration übrigens auch). Scylla tötet in ihrem ersten Prüfungskampf mit Dolchen beinahe den so benamsten „Meister der Klingen“. Auch, wenn man Baronin Scylla mit einer Übermacht an ähnlich starken Vampiregomanen entgegentritt, wird sie die wegfegen, weil der Autor es sagt. Scylla wird zwar eine Vampirin, aber sie kann später jahrelang ohne Blut auskommen, weil Doppelkeks. Hab ich erwähnt, dass Vampire, obwohl sie explizit als tot genannt werden, weil ihre Verwandlung erst durch den Tod eingeleitet wird, Kinder zeugen und austragen können? Das soll mir mal einer oder eine vorhüpfen, bitte.
Außerdem – eine kleine Nebenbemerkung – gibt es eine Phase in Scyllas Leben, kurz nach ihrer Verwandlung, in der sie unkontrollierbar allem an die Halsschlagader geht, was ihr begegnet. Diese Phase bezeichnet sie als „mein Martyrium“. Ihr Martyrium also, was? Ja, sie hat so fürchterlich gelitten. Vergessen wir mal komfortabel all die unschuldigen Leben, die sie ausgelöscht haben muss, und dass all diese Menschen vielleicht auch Familie hatten. Das Narrativ bildet sich offensichtlich auch noch ein, dass ich einen Pfifferling auf Scyllas/ Sias Schicksal gebe, nachdem sie sich über Kapitel hinweg wie ein Steinzeitmensch verhalten hat, der über Leichen geht und das aus keinem anderen Grund als Hunger und Reichtum. Sorry. Aber spätestens im vierten Teil habe ich jedes Mal, wenn jemand Scylla oder ihrem aktuellen Techtelmechtel Viktor blöde von der Seite gekommen ist, diese Person angefeuert, dass sie Scylla endlich den Garaus machen soll. Über das ganze Narrativ kann sie sich einfach nicht entscheiden, ob sie das eiskalte Monster mit dem Gottkomplex sein will oder die schlecht behandelte Unschuld vom Lande, die sich ja so anstrengt, ein normales, zivilisiertes Leben zu führen, und das nervt nicht nur, es wirkt auch noch falsch und abstoßend. Ich persönlich kann mit dieser Hauptfigur nicht das Geringste anfangen.
Wie dem auch sei. Fassen wir es derart zusammen: Scylla ist perfekt. Scylla kann nichts falsch machen, und spätestens in dem Moment, in dem einem klar wird, dass Scylla und Sia ident sind (was, meiner Meinung nach, viel zu früh geschieht, auch wenn es verflucht nochmal auf der Hand liegt), verzieht sich die Spannung mit einem milden Zischen wie Luft aus einem angestochenen Schwimmreifen. Oh mein Gott, Scylla, die als Sia in der Gegenwart ihre Geschichte schreibt, wird im Jahre siebzehnschlagmichtot von den Kindern des Judas in ihrem Turm angegriffen. Gee, ich frage mich, wie sie diesmal wieder ungeschoren davonkommen wird! Nein, was das betrifft, ist dieser Roman ein Schlag ins Wasser. Er krankt an seiner Hauptfigur, die eine arrogante, herablassende und hypokritische Erzählstimme hat, ebenso wie an dem oben erwähnten Manko im Informationshaushalt.

Dabei ist Scylla oder Sia nicht einmal die einzige Figur, die Probleme hat.
Ihr Sidekick Tanja ist ein stereotypisches, recht fanservice-y gehaltenes Goth Girl, das nur in Korsagen herumläuft und natürlich sexuell devot ist. (Dazu möchte ich anmerken, dass sich auf Seite 114 meiner Ausgabe eine recht oberflächliche Seitenbemerkung auf den Goth hin finden lässt darauf hinausgehend, dass die Goths ja allesamt nicht wissen, warum sie sich so obsessiv mit dem Tod beschäftigen. Sie habe ja gefragt, und keiner habe es ihr sagen können. Dass keiner ihr unter die Nase reibt, dass es nicht um den Tod geht, verdammt nochmal, sondern um Abseitiges, Jenseitiges, Marginalisiertes, Extremes et cetera, halte ich für schwer unglaubwürdig.)
Ihr Vater Karol ist ein Fähnchen im Wind, mal drakonisch, mal das zutrauliche Schmusekätzchen.
Besonders merkwürdig ist der Fall der Baronin Lydia Metunova, die zuerst Karol darauf hinweist, dass er sein Blag an die Kandare zu nehmen hat, weil sie ihm zu flatterhaft und ungehorsam gerät – was er auch tut, brav wie er ist – und allgemein eher als Eiskönigin gezeichnet wird, aber später, nach dem Tod des Besagten, aus unerfindlichen Gründen Scyllas beste Freundin bis hin zum Vollzug wird. Will mir das mal einer erklären?

Außerdem ist mir aufgefallen, wie sag ich’s dem Kinde: wann immer es etwas recht offensiv und grauslich detailliert zu töten und zu untersuchen gibt, trifft es immer Frauen. Scylla muss ihren ersten Vampir töten und obduzieren? Eine „Upirina“, ein weiblicher Upir, wird herbeigeschafft. Eines ihrer ersten, genüsslich detailliert geschilderten, Massaker richtet Scylla an einigen Mägden an. Die „Aufhockerin“, die Viktor, Scyllas zweites G’spusi, jagt, ereilt auch kein nettes Ende. Es gibt noch mehr Beispiele. (Dass der an Sex und Verführung orientierte Vampir allein einmal, und da als Frau, auftritt, sagt Einiges.) Wenn Männer sterben, geht das vergleichsweise schnell und wird auch nicht so sehr breitgetreten; meistens liegen die dann einfach da und sind enthauptet. Wenn Frauen sterben, wird auch schon mal ordentlich in Eingeweiden gewühlt. Außerdem wird alle naslang von irgendjemandes Brüsten gesprochen, wie sie aussehen, wie sie sich anfühlen, was sie eben machen. Vielleicht bin ich auch nur paranoid, aber ich finde es irgendwie nicht so prickelnd, wenn bei jeder weiblichen Figur die sekundären Geschlechtsmerkmale derart hervorgehoben werden.

Ein weiteres Problem ergibt sich mit der Perspektive. Ich würde meinen, wenn Herr Heitz uns erklären will, dass die eine Zeitebene sich mit dem beschäftigt, was Sia eben sieht und erlebt, und die andere damit, was sie aufschreibt als Scyllas/ ihre Geschichte, dann soll er sich doch bitte auch daran halten, was Scylla damals hat sehen und erleben können. Da gibt es aber lang und breit Szenen, in denen (recht milde) Papa Karol um die Kutsche biegt, um im Privaten mit Halbbrüderchen Marek, den Scylla damals noch gar nicht kennt, zu palavern, oder in denen es um Viktor geht, der mit Roma und Dhampiren durch die Gegend tingelt, sich mit anderen Leuten bespricht und so weiter und so fort – und nichts davon hätte Scylla/ Sia jemals wissen können. Auch, wenn Viktor es ihr später erzählt hat – dann sollte sie es so wiedergeben, und nicht als ‚natürlich weiß ich das, es war ja, als wäre ich direkt daneben gestanden. Viktors Gefühle und Gedanken kenn ich natürlich auch, warum fragt ihr, wir hatten ja twu wuv‘. Die gewählte Perspektive und Erzählstimme sollte man doch bitte einhalten.

Die Geheimgesellschaft ist… ganz nett. Sie sind ausreichend nebulös, ausreichend böse, auch, wenn ich ihre Statuten und Umstände nicht vollkommen verstehe. Die Aufnahmeregeln gründen sich teilweise darauf, dass nur leibliche Nachkommen der Mitglieder als „Eleven“ ebenfalls Aufnahme in den Orden finden können, womit ich, siehe oben, ein kleineres Problem habe, und dass niemand diesen Orden lebendig verlässt. Das führt zu einer Situation, in der Scylla ausgeschlossen werden soll, weil evul andere Mitglieder ihrem Papa reingrätschen wollen, und der Vorsitzende (der „Ischariot“) anbietet, wenn eine/r der anderen Anwesenden sich ihrer annehmen würde, müsste man sie nicht umbringen. Was dazu führt, dass die oben angesprochene Baronin Metunova ihre Elevin – mit der Scylla sich natürlich blendend verstanden hat, ebenfalls bis zum Vollzug – kurzerhand umbringt, um Scylla nicht zu verlieren. Äh, okay…? Wieso genau hätte sich denn Karol nicht ihrer annehmen können?
Einen ähnlichen Verlauf nehmen auch Scyllas Beziehungen zu zwei Herren, Giure, einem armen Hirtenjungen, und Viktor, einem deutschen verhinderten Händler und halb erfolgreichen Vampirforscher und/oder –jäger. Wann immer Scylla Zuneigung (oder etwas mehr) zu einer Person fasst, ob nun erlaubt oder nicht (meistens natürlich zweiteres, wo bliebe denn sonst die Spannung) endet das Mädel oder der Typ bald im mildesten Falle mit einem Dolch zwischen den Rippen. Es wirkt, als sei die gesamte Geschichte darauf ausgerichtet, Scylla/ Sia als das arme, leidende Putput darzustellen, das sich aber ach so heldenhaft nicht unterkriegen lässt, egal, ob es jetzt passt oder Sinn macht oder nicht.
Doch weiter im Text – die Geheimgesellschaft, die Vampire. Mir gefällt, dass es unterschiedliche Typen von Vampiren und Vampirinnen gibt, die grundsätzlich anders sind, auch wenn ich mir am Ende gerne ein Glossar und/ oder Erklärungen oder etwas Ähnliches gewünscht hätte, und mir gefällt, dass es auch unter Vampiren die hochnäsigen Snobs gibt, die alle hassen. Die Restriktivität gefällt mir, ebenso wie die Gründungsfiktion, die Scylla (natürlich) als solche enttarnt.
Was mir weniger gefällt, ist das Aufnahmeritual, bei dem die Kandidaten und Kandidatinnen – zwar schon auch verschiedene wissenschaftliche Fragen in unterschiedlichen Sprachen beantworten und Forschungsergebnisse vorweisen, aber vordringlich sich ausziehen und untersuchen lassen müssen, was wieder in die oben geschilderte Kerbe schlägt. Ich frage mich, ob Herr Heitz dieses Ritual auch so ausgewalzt hätte, wenn es sich bei der Hauptfigur nicht um unsere Superfrau Scylla, sondern ihren bösen Halbbruder Marek gehandelt hätte. Außerdem: wenn Jungfräulichkeit so wichtig ist – wie entscheiden die Komiker dann jemals, ob sie einen männlichen Eleven aufnehmen können oder nicht?

Wollen wir zusammenfassen: eine nette Storyline, die viel mehr Potential gehabt hätte, tritt einem hier entgegen gekoppelt mit einer der schlimmsten Sues, die mir je unter die Augen gekommen ist, und einigen unfortunate implications, was das Genderverhältnis betrifft. Die Ich-Erzählerin ist nicht nur fürchterlich unsympathisch und, wie ich vermute, ein unsägliches author’s pet, auch ihre „Geheimnisse“ sind alle fürchterlich offensichtlich und für sie werden alle Regeln gebrochen. Nein, ich mochte dieses Buch nicht und ich werde es nicht weiterempfehlen. Manchmal muss man etwas besprechen, allein, um sich seine Wut von der Seele zu schreiben.