Linux – eine kurze geschichte

UNIX ist wegen der weitgefacherten Unterstutzung und seiner enormen Verbreitung weltweit eines der beliebte¬sten Betriebssysteme. Es wurde ursprunglich Mitte der 70er Jahre als Multitasking-Betriebssystem fur Minicom¬puter und Gro?rechner entwickelt. Seitdem ist es zu einem der am haufigsten eingesetzten Betriebssysteme uberhaupt geworden – trotz seiner manchmal verwirrenden Bedienung und der fehlenden Standardisierung.

Und was ist der wahre Grund fur die Popularitat von UNIX? Viele Hacker betrachten UNIX einfach als „The Real Thing“ – Das Einzig Wahre Betriebssystem. Daraus ergab sich die Entwicklung von Linux durch eine wachsende Schar von UNIX-Hackern, die sich die Hande an ihrem eigenen Betriebssystem schmutzig machen wollten.

Es gibt Versionen von UNIX fur viele Rechnertypen – das reicht vom PC bis zu Supercomputern wie dem Gray Y-MP. Die meisten Versionen von UNIX fur PCs sind ziemlich teuer und unhandlich. Zum Zeitpunkt des Schreibens kostete eine Einzellizenz von AT&T System V fur den 386er mehr als 2000,- DM.

Linux ist ein frei erhaltliche Version von UNIX, die in erster Linie von Linus Torvals an der Universitat von Helsinki entwickelt wurde. Linux entstand unter Mithilfe von vielen UNIX-Programmierern und -Freaks uberall im Internet, und jeder, der genug Know-how und Grips besa?, durfte das System weiterentwickeln und veran¬dern. Der Linux-Kernel enthalt keinen Programmcode von AT&T oder von anderen Firmen, und ein Gro?teil der Software fur Linux wurde innerhalb des GNU-Projektes bei der Free Software Foundation in Cambrdige, Mas¬sachusetts geschrieben. Gleichzeitig haben Programmierer aus der ganzen Welt ihren Beitrag zum gro?er wer¬denden Pool an Linux-Software beigetragen.

Linux wurde ursprunglich als ein Hobbyprojekt von Linus entwickelt. Es wurde von Minix inspiriert, einem kleinen UNIX-System von Andy Tanenbaum, und die ersten Beitrage zu Linux tauchten in der Usenet-News¬gruppe comp.os.minix auf. In diesen Beitragen ging es meistens um die Entwicklung eines kleinen akade¬mi¬schen UNIX-Systems fur Benutzer, die mit Minix nicht mehr zufrieden waren.

Die ersten Arbeiten an Linux befa?ten sich in der Hauptsache mit den Task-Switching-Moglichkeiten im Pro¬tected Mode der 80386er CPU und waren vollstandig in Assembler geschrieben.

Linus sagt dazu:

Danach ging es zugig voran: immer noch schwierig zu programmieren, aber ich hatte schon Geratetreiber und das Debuggen war einfacher. Zu dieser Zeit begann ich, mit C zu arbeiten, und damit ging alles schneller. Etwa gleichzeitig wurde es mir auch mit der gro?enwahnsinnigen Idee ernst, „ein besseres Minix als Minix“ zu schaffen. Ich hoffte, da? ich eines Tages in der Lage sein wurde, gcc unter Linux zu kompilieren…

Ich brauchte zwei Monate fur ein Grundsystem, aber danach nur etwas langer fur einen Festplattentreiber (vol¬ler Fehler, aber zufalligerweise funktionierte er auf meinem Rechner) und ein kleines Dateisystem. Etwa zu der Zeit stellte ich die Version 0.01 zur Verfugung (Ende August 1991): Sie war nicht schon, sie hatte keinen Treiber fur Diskettenlaufwerke, und sie konnte kaum etwas Sinnvolles tun. Ich glaube nicht, da? irgend jemand diese Version jemals kompiliert hat. Aber ich hatte Feuer gefangen und wollte nicht aufhoren, bevor ich Minix raus¬schmei?en konnte.

Die Version 0.01 von Linux wurde niemals offentlich angekundigt. Der Code war noch nicht einmal ausfuhrbar, er enthielt nur die allernotwendigsten Bestandteile des Kernels und setzte voraus, da? zum Kompilieren und Testen ein Minix-System vorhanden war.

Am 5. Oktober 1991 kundigte Linux die erste „offizielle“ Version von Linux an: die Version 0.02. Zu diesem Zeitpunkt war er in der Lage, mit bash (GNUs Bournce Again Shell) und gcc zu arbeiten, aber viel mehr war noch nicht lauffahig. Allerdings handelte es sich immer noch um ein System fur Hacker. Hochste Prioritat hatte die Entwicklung des Kernels – keines der Themen Benutzersupport, Dokumentation, Distribution usw. war auch nur angedacht worden. Auch heute noch scheint die Gemeinde der Linux-Entwickler solche benutzerfreundli¬chen Themen als zweitrangig gegenuber der „wahren Programmierung“ zu betrachten – der Entwicklung des Kernels.

Linus schrieb dazu in comp.os.minix:

Sehnt Ihr Euch nach den schonen Zeiten von Minix-1.1 zuruck, als Manner noch Manner waren und ihre eigenen Geratetreiber schrieben? Fehlt Euch ein Projekt und verlangt es Euch danach, Eure Zahne an einem Betriebssy¬stem zu wetzen, das Ihr nach Euren Vorstellungen modifizieren konnt? Seid Ihr frustriert, wenn unter Minix alles funktioniert? Keine durchwachten Nachte mehr, um ein nettes Programm zum Laufen zu bringen? Dann konnte diese Mail genau fur Euch bestimmt sein.

Wie ich vor einem Monat bereits erwahnte, arbeite ich an einer freien Version eines Minix-ahnlichen Systems fur AT-386er. Das System ist so weit gediehen, da? man damit arbeiten kann (oder auch nicht, je nachdem, was Ihr haben wollt), und ich bin bereit, den Quellcode zwecks weiterer Verbreitung zur Verfugung zu stellen. Es handelt sich erst um die Version 0.02… aber ich habe bereits bash, gcc, GNU make, GNU sed, compress usw. zum Laufen gebracht.

Nach der Version 0.03 setzte Linus die Versionsnummer auf 0.10, da mehr Leute am System mitarbeiteten. Nach einigen weiteren Änderungen erhohte Linux die Versionsnummer auf 0.95, um anzudeuten, da? das System bald reif fur einen „offizielle“ Freigabe sein wurde. (Im allgemeinen wird Software erst dann mit der Versionsnum¬mer 1.0 bedacht, wenn sie theoretisch komplett oder fehlerfrei ist.) Das war im Marz 1992. Noch einmal andert¬halb Jahre spater, Ende Dezember 1993, trug der Linux-Kernel die Versionsnummer 0.99pl14 – und naherte sich asymptotisch der 1.0 an.

Heute ist Linux ein komplettes UNIX, das in der Lage ist, mit dem X Window System, TCP/IP, Emacs, UUCP, Mail- und News-Software (und was Ihnen sonst noch einfallt) zu laufen. Fast alle wichtigen freien Softwarepa¬kete sind nach Linux portiert worden, und kommerzielle Software erscheint gerade auf dem Markt. Linux unter¬stutzt heute viel mehr Hardware als fruhe Versionen des Kernels. Viele Leute haben Benchmarks auf 486er Linux-Systemen durchgefuhrt und festgestellt, da? Linux vergleichbar ist mit mittleren Workstations von Sun Microsystems und Digital Equipment. Wer hatte je gedacht, da? dieses „kleine“ UNIX einmal so gro? werden wurde, da? es gegen die gesamte Welt des Personal Computing bestehen konnte?