Nationalsozialismus – der deutsche Widerstand

Deutscher Wiederstand 1933-1945

Während der Weimarer Republik begannen Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft und politischer Anschauungen, sich mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen und vor einer drohenden Diktatur zu warnen. Zunächst wurde der Kampf gegen Hitler vor allem von der Arbeiterbewegung, von liberalen und linken Intellektuellen und von Christen geführt. Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler wurden alle Gegner der NSDAP verfolgt und aus der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen. Folter, Gefängnis und Konzentrationslager wurden benutzt, um sie einzuschüchtern. Juden wurden bedroht und systematisch ihrer Rechte beraubt, während politische Gegner verunglimpft wurden. Die meisten Deutschen begrüßten die neuen Behörden und ihre Politik. Nur eine Minderheit hat als Reaktion auf die Verletzung der Menschenrechte und die Zerstörung der Demokratie Widerstand geleistet. Zu keinem Zeitpunkt gelang es den Nationalsozialisten, den Widerstand ihrer Gegner vollständig zu brechen. Diese Menschen folgten ihrem Gewissen und riskierten ihr Leben, um die Chancen zu nutzen, die ihnen unter den Bedingungen einer Diktatur für menschliches Mitgefühl und politisches Handeln geboten wurden.

Das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 durch Claus Schenk Graf von Stauffenberg war das erste deutliche, im In- und Ausland unüberhörbare Zeichen eines deutschen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Es rief damals in Deutschland Erschütterung, vielfach Abscheu, aber auch Bewunderung hervor. Doch gibt es insgesamt 7000 namentlich bekannten Personen, die ihre widerständige oder oppositionelle Haltung deutlich gemacht haben. Trotz der Vielfalt der aufgezeigten Gruppen und mutigen Einzeltäter soll und kann hier nicht der Eindruck erweckt werden, es habe sich um eine breitere Bewegung (wiederstand ohne Volk) gehandelt.

Zustimmung und Widerstand im Nationalsozialismus

Die Nationalsozialisten hatten bei ihrem Machtantritt 1933 zwar keineswegs die Mehrheit der deutschen Wähler hinter sich, aber sie wussten durch Propaganda, sowohl Gegner und Oppositionelle zu einen. Die Mehrheit des Volkes konnten die Nationalsozialisten rasch für ihre Ziele begeistern. Erfolge in der Außenpolitik, Wirtschafts- und Sozialpolitik (augenscheinlich) und der innere Frieden, bis über den Beginn des Zweiten Weltkrieges hinaus aufrechterhalten. Dass die Gegner des Regimes in Konzentrationslagern und Gefängnissen verschwanden oder emigrieren mussten, berührte viele Menschen oftmals wenig. Obwohl prominente Vertreter der Sozialdemokratie, der Gewerkschaften und des politischen Katholizismus (Zentrum und Bayerische Volkspartei) in Gefängnissen und in Konzentrationslagern inhaftiert wurden, verhielt sich die Mehrheit der Mitglieder abwartend und passiv. Sie begaben sich in innere Emigration (stiller Abwehr und Verweigerung). Auch gaben sie sich der trügerischen Hoffnung hin, die NS-Herrschaft könne nicht lange dauern. Eine Illusion, die Nationalsozialisten hatten längst alle öffentlichen Einrichtungen nach ihrem Willen umgebaut oder beseitigt, den Rechtsstaat zerstört.

Erklärungsversuche

Beurteilung von außen: Die Deutschen seien aufgrund ihres Charakters und ihrer Geschichte – so einer der Erklärungsansätze – besonders autoritätsgläubig veranlagt, zur Demokratie unfähig und daher bereit zur Unterordnung unter einen Führer, gleichzeitig aber gierig, sich als Herrenmenschen über andere Völker zu erheben. Kurzum, alle Deutschen seien Nazis gewesen und fanatische Anhänger Hitlers: Das glaubten viele Menschen in aller Welt, als die Verbrechen der Hitlerregierung offenkundig wurden.

Pauschale Deutsche Entschuldigung: Man habe nichts gewusst und auch nichts machen können. Konzentrationslager oder Verurteilung durch Sondergerichte oder Schlimmeres habe jedem gedroht, der sich nicht angepasst habe.

Doch tatsächlich brauchte es aber Zeit, das Terrorsystem aufzubauen und den Rechtsstaat zu beseitigen. Möglich war dies, weil sie lange auf die wachsende Begeisterung einer Mehrheit deutscher Bürger bauen konnten.

Die Wahrheit über die deutsche Haltung ist komplizierter. Die Deutschen sind keineswegs aus Veranlagung anfällig für rechtsextreme Programme und Ideologien. Sie waren aber auch nicht ohnmächtige Opfer nationalsozialistischen Terrors. Es gab vielfältige Haltungen von Verweigerung, Opposition und Widerstand, aber es gab auch, selbst bei Regimekritikern und entschiedenen Hitlergegnern, Übereinstimmungen in den Zielen und Loyalitäten gegenüber Vorgesetzten.

Der militärische Widerstand

Angesichts der aggressiven Außenpolitik Hitlers regte sich in den Jahren 1937 und 1938 eine Opposition in Militärkreisen, wich aber mehrheitlich soldatischer Pflichterfüllung. Eine Ausnahme bildete das fehlgeschlagene Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 durch Oberst von Stauffenberg.

  • Im März 1944 schmuggelte der Abwehroffizier Oberst Rudolf-Christoph von Gersdorff eine Bombe ins Berliner Zeughaus
  • Zwei junge Offiziere, Axel von dem Bussche und Ewald von Kleist, wollten Anfang 1944 anlässlich der Vorführung neuer Uniformen Hitler beseitigen. Er erschien aber nicht.
  • Besprechung 11. März 1944 Rittmeisters Breitenbuch, als Ordonnanzoffizier des Generalfeldmarschalls, Hitler zu finden und ihn bei einer Besprechung zu erschießen, schlug fehl, weil die SS-Wachen den Ordonnanzen den Zutritt verweigerten.

Jugend- und Studentenopposition

Jugendlicher Widerstand kam vor allem aus kirchlichen oder politischen Gruppen. Die katholischen oder kommunistischen Jugendverbände wehrten sich gegen ihre Zwangsauflösung in der Hitlerjugend. Nicht so in der Studentenschaft: Widerstandsgruppen wie die „Weiße Rose“ in München waren hier die Ausnahme.Der kommunistische Jugendverband mit 55000 Mitgliedern (1932) leistete analog der Taktik der KPD politisch motivierten Widerstand. So erschienen in Berlin und Essen kommunistische Jugendliche, die als erste in die Illegalität gedrängt waren, auf öffentlichen Plätzen zu „Blitzdemonstrationen“. Sie warfen Flugblätter von Dächern in belebte Einkaufsstraßen, malten nachts antinationalsozialistische Parolen an Wände. Die Verluste waren beträchtlich. Die Gestapo brauchte kaum zwei Jahre, um diese Aktionen zu unterbinden. Soweit sie nicht ins Ausland fliehen konnten, kamen die jungen Widerständler in Gefängnis und KZ. Die Swing-Jugend mit Schwerpunkt in Hamburg. Durch betont lässiges Auftreten, langes Haar und unmilitärische Kleidung, durch forciert angelsächsisches Gehabe und die Bevorzugung ausländischer, in Deutschland verpönter Musikstile (Swing und Jazz), provozierten diese Jugendlichen die NS-Behörden. Die Reaktion war Verfolgung und Einweisung von „Swing-Jugendlichen“ ins KZ. Ohne das eine ausdrückliche politische Betätigung vorlag, betrachtete das Regime diese Art der Verweigerung als Widerstand und reagierte entsprechend.

Anpassung und Protest von Studenten wurde nach 1945 lange Zeit fast ausschließlich das Engagement der Studenten der Weißen Rose in München oder der Kampf der jungen Arbeiter um Herbert Baum in Berlin wahrgenommen. Beide Gruppen hatten weit über die Verweigerung hinausgehende politische Absichten. An den Universitäten gab es nur wenig Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Studentenschaft hatte die Hitler-Bewegung weithin begeistert begrüßt und ihr schon vor 1933 die Wege in den Universitäten geebnet. Aber neben individueller Verweigerung aus ethischen Gründen gab es eine andere Form der Abwehr. Man hielt die Nazis für primitiv und blieb unter sich, ohne diese sozial motivierte oppositionelle Haltung nach außen zu demonstrieren.

Weiße Rose

Die wichtigste Widerstandsgruppe, die am meisten beachtet wurde, war die Weiße Rose in München. Den Kern dieser Gruppe bildeten fünf Studenten, zwischen 21 und 25 Jahren alt, dazu kamen noch etwa ein Dutzend Studenten, Intellektuelle, Künstler, es war ein nicht organisierter Freundeskreis. Im Juni und Juli 1942 tauchten in München insgesamt vier Flugblätter auf, sie richteten sich an das gebildete Bürgertum. Mit vielen Zitaten aus der klassischen Literatur und christlich-moralischen Appellen wurde zum passiven Widerstand aufgerufen. Deren Bekenntnis zur Humanität machte den Widerstand der Münchner Studenten überzeugend. Die beiden letzten Flugblätter der Weißen Rose unterschieden sich zu den anderen vier Flugblättern. Präzise und politisch unmissverständlich verwiesen die Verfasser im Januar und im Februar 1943 auf die aussichtlose Kriegslage nach der Katastrophe von Stalingrad und riefen zum aktiven Kampf gegen den NS-Staat auf. Beim Verteilen von Flugblättern im Lichthof der Münchener Universität wurden die Geschwister Scholl von einem Hausmeister festgehalten und einer Gestapo-Sonderkommission übergeben. Vier Tage später standen sie zusammen mit Christoph Probst vor dem Volksgerichtshof. Die Todesurteile wurden noch am gleichen Tag vollstreckt. Im April 1943 gab es einen zweiten Prozess gegen vierzehn weitere Mitglieder der Weißen Rose. Auch diese wurden zum Tode verurteilt oder Haftstrafen.

Die Herbert-Baum-Gruppe

Der gelernte Elektriker Herbert Baum zusammen mit seinem Freund Martin Kochmann und ihre Frauen waren in Berlin aktiv. Dazu kamen weitere 100 Mitglieder der Herbert-Baum-Gruppe, überwiegend jüdischer Herkunft und erheblich jünger als Baum. Die Baums hatten eine doppelte Motivation als linke politische Gegner der Nationalsozialisten und als verfolgte Juden betrieben. Ihr Wiederstand zeigte sich im Malen von regimefeindlichen Parolen, durch Streuzettel und Flugschriften. Höhepunkt und Ende des Widerstandes der Herbert-Baum-Gruppe war ein Brandanschlag auf die von den Nationalsozialisten inszenierte antikommunistische Propagandaausstellung „Das Sowjetparadies“. Der Brand richtete nur geringen Schaden an und war rasch gelöscht, gegen die Täter schlug die Gestapo wenige Tage später zu. Über zwanzig Mitglieder der Gruppe zum Tode verurteilt. Herbert Baum kam nach schweren Folterungen in der Haft ums Leben, wahrscheinlich durch Freitod. Die Nationalsozialisten hielten die Widerstandsaktionen geheim, was zeigte, wie verunsichert sie dadurch waren.

Kirchen – Selbstbehauptung und Opposition

Die Kirchen standen zunächst dem Nationalsozialismus nicht in grundsätzlicher Ablehnung gegenüber. Protestantischer Tradition entsprach die Vorstellung von einer starken Obrigkeit mit enger Verbindung von Thron und Altar, während die Katholiken zur Wahrung religiöser Rechte und kultureller Autonomie eher in Opposition zum Staat standen. Für viele Christen entstand eine paradoxe Situation: Die Mehrzahl der Funktionsträger hatte eben noch in Versammlungen und Kundgebungen deutlich gemacht, dass Katholiken mit ihrer Überzeugung und ihrem Stimmzettel Hitler entgegentreten müssten; nun nahmen die katholischen Bischöfe in ihrer Kundgebung am 28. März 1933 ihre Warnungen vor Hitler und ihre Verurteilung der Ideologie der NSDAP ganz offiziell zurück.

Widerspruch aus theologisch oder religiös begründeter Ablehnung des autoritär-diktatorischen Staates war zunächst auf Randgruppen und Einzelpersonen in beiden Kirchen beschränkt. Auf katholischer Seite war es die Rhein-Mainische-Volkszeitung. Vertreter der evangelischen Kirche kamen ab Frühjahr 1933 in Konflikt mit dem Staat. Sie widersetzten sich den Gleichschaltungsversuchen, die sich gegen die traditionellen Selbstverwaltungsstrukturen kirchlicher Organisation richteten. Die Nationalsozialisten wollten eine Kirchenreform durchsetzen (Reichskirche). Die unter einem „Reichsbischof“ nach dem Führerprinzip organisiert sein sollte. Widerstand im politischen Sinne, in der Absicht, das nationalsozialistische Regime zu stürzen, hat die Bekennende Kirche als Ganzes nicht geleistet. Sie kämpfte erst für die Unversehrtheit ihrer organisatorischen Strukturen und dann für die Unabhängigkeit der kirchlichen Lehre, nach welcher die christlichen Gebote nicht der NS-Ideologie unterstellt werden durften.

Aus dem Protest in eigener Sache erwuchs des Öfteren Widerstand im politischen Sinne, gelegentlich sogar von evangelischen und katholischen Kirchenführern im Gleichklang artikuliert. Landesbischof Theophil Wurm er verwies auf die seit September 1939 laufenden Mordaktionen gegen Geisteskranke und die zunehmende Verfolgung der Juden. Am folgenden Tag protestierte der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, der Breslauer Kardinal Bertram in einer Denkschrift an Hitler gegen die Tötung Kranker und Behinderter. Widerstand aus christlicher Überzeugung übersetzt in politisches Handeln blieb im wesentlichen Sache einzelner. Aktive Christen, Geistliche und Laien, nahmen an den Überlegungen des Kreisauer Kreises zur Neugestaltung Deutschlands nach Hitler teil, wie sie auch an den Plänen der Goerdeler-Gruppe mitarbeiteten. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer nahm von Anfang an Partei gegen die Nationalsozialisten. Sie belegten Bonhoeffer, der 1935 Leiter des Predigerseminars der „Bekennenden Kirche“ wurde, deswegen mit Redeverbot. Bonhoeffer suchte schon vor dem Krieg Kontakt zur Militäropposition und zum Goerdeler-Kreis; er warb in England für die Ziele der Opposition. Anfang April 1943 wurde er verhaftet, zwei Jahre später im KZ Flossenbürg ermordet.

Die Zeugen Jehovas oder Ernste Bibelforscher, wie sie damals genannt wurden. Die in Deutschland 25000 Seelen zählende Gemeinde wurde 1933 verboten, etwa die Hälfte der Mitglieder setzte im Untergrund den „Verkündigungsdienst“ fort. Die Zeugen Jehovas verweigerten den Heil-Hitler-Gruß und vor allem den Wehrdienst. Sie wurden unerbittlich verfolgt.

Opposition und Widerstand der Arbeiterbewegung

Die Jagd auf kommunistische und sozialdemokratische Parteimitglieder treibt viele ins Exil oder in den Untergrund. Propagandaaktionen aus der Illegalität stehen neben öffentlichem Beharren auf demokratischen Idealen. Die kommunistische Partei mit 360000 Mitgliedern und etwa sechs Millionen Wählern Ende 1932 war die Kommunistische Partei (KPD) die drittstärkste Partei in Deutschland. Als einzige große Organisation bereitete sie sich frühzeitig auf die Fortsetzung ihres Kampfes gegen die NSDAP für den Fall der Machtübernahme durch Hitler vor. Die KPD gedachte, den Widerstand gegen Hitler aus dem Untergrund zu führen, und rüstete sich für ein Leben in der Illegalität. Unter politischem Widerstand verstanden die Kommunisten in den beiden Anfangsjahren des NS-Regimes die Demonstration ihrer Fortexistenz. Aber die Kommunisten waren dem Terror, der unmittelbar nach Hitlers Regierungsübernahme hereinbrach, nicht gewachsen. Die Nationalsozialisten nutzten den Reichstagsbrand in der Nacht des 27. Februar 1933 zum Verbot der KPD und zur gnadenlosen Jagd auf kommunistische Funktionäre. Für die daraus abgeleiteten Verfolgungen fanden die Nationalsozialisten Beifall auch außerhalb der eigenen Reihen. Bereits in den ersten Märzwochen wurden 11 000 Kommunisten verhaftet. Im Juni 1933 waren mehr als die Hälfte (17 von 28) Bezirksleitern der KPD nicht mehr in Freiheit. Die Parteiführung wurde geteilt: im Juni 1933 verlegte die Partei einen Teil des Politbüros ins Ausland.

Der Kampf gegen die Nationalsozialisten wurde mit Flugblättern und Kleinzeitungen, Streuzetteln und Broschüren geführt. Sie wurden zunächst heimlich hergestellt in Deutschland, in zunehmendem Maße im Ausland gedruckt und unter großen Gefahren eingeschmuggelt und verteilt. Gelegentlich machte die KPD durch spektakuläre Aktionen darauf aufmerksam, dass sie noch existierte: etwa durch rote Fahnen, die an Fabrikschornsteinen gehisst wurden, durch Sprechchöre auf Berliner Hinterhöfen und anderes mehr. So riskant und verlustreich diese Aktionen waren, so gering war doch ihre Wirkung. Die Zuchthäuser und Konzentrationslager füllten sich, die Führungspositionen der illegalen KPD mußten immer rascher neu besetzt werden.

Die Bilanz dieser Phase des kommunistischen Widerstandes ist mehr gekennzeichnet durch ungeheure Verluste als durch Erfolge. Der Aktionismus erschöpfte sich weitgehend in Demonstrationen, die Funktionären und Aktivisten Freiheit und Leben kosteten. Neue Taktik Im August 1935 wurde im Anschluss an den Kongress der Kommunistischen Internationale in Moskau eine Änderung der Taktik beschlossen. An die Stelle der Materialschlacht durch Druckschriften sollte Überzeugungsarbeit in den Betrieben treten, um unzufriedene Arbeiter über Kritik an der Sozialpolitik des NS-Staates als Verbündete zu gewinnen. Auch zur neuen Taktik gehörte auch der Versuch, die bisher als „Sozialfaschisten“ bekämpften Sozialdemokraten und andere Regimekritiker als Verbündete zu gewinnen (Volksfrontstrategie). Die Skepsis des sozialdemokratischen Widerstandes gegen die doktrinär-stalinistischen Kommunisten blieb bestehen.

Den 1933 propagierten und nach 1945 in der ehemaligen DDR ständig gefeierten Massenwiderstand der Kommunisten hat es nur zu Beginn der NS-Herrschaft gegeben. Das ändert nichts daran, daß die Kommunistische Partei die größte Zahl von Toten im Widerstand gegen die Hitlerdiktatur zu beklagen hatte. Festzuhalten bleibt, daß politischer Widerstand der Kommunisten in mehreren Phasen und auf ganz unterschiedliche Weise geleistet wurde. Die erste Phase, bis Mitte der 30er Jahre, war gekennzeichnet durch einen verlustreichen Aktionismus, angeordnet durch eine starre Parteibürokratie. Dem Werben um Bündnispartner ab August 1935 war ebensowenig Erfolg beschieden wie der Verlagerung des Widerstandes in die Betriebe. Das lag einerseits an den Wirkungen der nationalsozialistischen Politik (Ende der Arbeitslosigkeit) und andererseits an der Resignation vieler Arbeiter. Im Kriege wurde der Widerstand von Einzelnen getragen. Sie folgten auf sich gestellt weniger den Parteilinien, sondern suchten die Zusammenarbeit mit Hitlergegnern anderer politischer Überzeugungen.

Die SPD war bis 1932 die stärkste, dann nach den sensationellen Erfolgen der NSDAP die zweitstärkste und vor allem die am besten organisierte Partei in Deutschland. Die SPD verstand sich zur Zeit der Machtübernahme Hitlers als Opposition, die mit aller Schärfe, aber nur mit legalen Mitteln, gegen die Hitlerregierung und die NSDAP kämpfen wollte. Dazu bestand bald keine Möglichkeit mehr. Am 23. März wurde über das von Hitler verlangte Ermächtigungsgesetz abgestimmt, mit dem das Parlament sich selbst entmachtete, weil es mit mehr als der notwendigen Zweidrittel-Mehrheit der Reichsregierung Vollmacht zur Gesetzgebung nach Belieben erteilte. SA und SS hatten das Gebäude abgeriegelt, die kommunistischen Abgeordneten konnten schon nicht mehr an der Sitzung des Reichstages teilnehmen. 94 Sozialdemokraten waren noch anwesend, 26 waren bereits verhaftet oder befanden sich auf der Flucht. Der Sturm auf die Gewerkschaftshäuser am 2. Mai 1933 endete mit der Zerschlagung der Gewerkschaften, die als soziale Errungenschaft der Stolz der deutschen Arbeiterbewegung waren und als Vorbild in der ganzen Welt bewundert wurden. Schlimmer noch als der Verlust des Vermögens und aller gewerkschaftlichen Einrichtungen an die NSDAP war für das Selbstbewusstsein der Arbeiter, daß die Führung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes unter demonstrativer Abkoppelung von der SPD versucht hatte, sich mit den Nationalsozialisten zu arrangieren, in der so vergeblichen wie irrigen Hoffnung – zu retten, was noch zu retten war.

Am 10. Mai 1933 wurde auch das Parteivermögen der SPD beschlagnahmt, soweit es nicht bereits ins Ausland gerettet worden war. Am 22. Juni erging das Verbot jeglicher politischer Tätigkeit, gleichzeitig erloschen alle Mandate der SPD im Reichstag und in den Länderparlamenten. Der SPD-Vorstand hatte zuletzt auf eine Doppelstrategie gesetzt. Gestützt auf die Parlamentsmandate wollte die Partei politisch aktiv und präsent bleiben; gleichzeitig baute sie ab Frühjahr 1933 in Prag eine Auslandszentrale auf, von der aus die illegale Weiterarbeit im Deutschen Reich geleitet werden sollte. Nach dem Verbot im Juni verblieb nur noch der Exilparteivorstand in Prag. Die Exil-SPD versuchte bereits 1934, die Nachbarstaaten auf den Terror der Nationalsozialisten aufmerksam zu machen. Ende Januar 1934 wurde das „Prager Manifest“ veröffentlicht. Darin hieß es, die Wiedereroberung demokratischer Rechte sei eine „Notwendigkeit, um die Arbeiterbewegung als Massenbewegung wieder möglich zu machen“. Der „Kampf um die Demokratie“ erweitere sich zum „Kampf um die völlige Niederringung der nationalsozialistischen Staatsmacht“. Die Maxime: „An die Stelle des Machtstaates, der durch Militär, Bürokratie und Justiz seine Untertanen beherrscht, tritt die Selbstverwaltung der Gesellschaft, in der jeder zur Mitwirkung an den allgemeinen Aufgaben berufen ist.“ Das „Prager Manifest“ schloss mit dem Aufruf an die deutsche Arbeiterschaft, die „Ketten der Knechtschaft“ abzuschütteln.

Vor dem Einmarsch deutscher Truppen, mit dem im Frühjahr 1939 die Zerschlagung der Tschechoslowakei besiegelt wurde, floh der sozialdemokratische Parteivorstand nach Paris. Ein Jahr später, kurz vor der Besetzung der französischen Hauptstadt durch deutsche Truppen am 14. Juni 1940, konnten sich die SPD-Führer des Exils zum Teil nach London retten. Die sozialistischen Widerstandsgruppen, die in den ersten Jahren nationalsozialistischer Herrschaft am aktivsten im Widerstand waren, gehörten organisatorisch nicht zur SPD. Der Mitgliederzahl nach am wichtigsten war die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD), die in Berlin und Mitteldeutschland, aber auch in anderen Großstädten und Industrierevieren vertreten war. Hatten eine Auslandszentrale in Paris und eine illegale Reichsleitung in Deutschland. In den Jahren 1935 und 1936 arbeiteten etwa 5000 SAPD-Mitglieder im Widerstand. 1937 waren die meisten dem Zugriff der Gestapo zum Opfer gefallen.

Eine andere Gruppe nannte sich nach ihrer im Herbst 1933 in Prag publizierten Programm-Schrift „Neu Beginnen“. Doch bis auf geringe Reste in Süddeutschland war die Gruppe „Neu Beginnen“ im Herbst 1938 jedoch zerschlagen. In ähnlicher Weise operierte der Internationale Sozialistische Kampfbund (ISK). Die kleine Organisation unterhielt lokale Stützpunkte im ganzen Deutschen Reich. Sie war in sechs Bezirke gegliedert, hatte eine Exilzentrale in Paris. Der ISK machte vor allem Propaganda gegen das NS-Regime, mit Flugblättern, Parolen auf Straßen und an Wänden. In Frankfurt am Main befand sich eines der vegetarischen Restaurants. Dort arbeitete der damals 28jährige Ludwig Gehm als Koch. Außerdem war er Chauffeur und Kurier der Widerstandsorganisation. Er nutzte die Gemüseeinkäufe auf dem Markt, um Flugblätter zu verteilen. An Wochenenden fuhr er mit seinem Motorrad zu geheimen Treffen mit Gesinnungsgenossen, brachte gefährdete Menschen ins Ausland und transportierte auf dem Rückweg von Paris illegale Propagandaschriften nach Frankfurt. Vier Jahre lang, bis zur Verhaftung 1937, betätigte sich Ludwig Gehm mit seinen Freunden als listiger und unermüdlicher Gegner der Nationalsozialisten.

Das größte Aufsehen erregten die Frankfurter ISK-Widerstandskämpfer mit der „Autobahn-Aktion“ am 19. Mai 1935. Es war der Sonntag, an dem Hitler das erste Autobahnteilstück zwischen Frankfurt und Darmstadt feierlich eröffnete. In der Nacht zuvor hatten sie Parolen wie „Hitler = Krieg“ oder „Nieder mit Hitler“ auf die Fahrbahn und an die Brücken gemalt und Lautsprecher unbrauchbar gemacht. Die Parolen waren selbstverständlich vor dem Festakt entdeckt worden. An den Brücken wurden sie mit Hakenkreuzfahnen überdeckt, auf den Fahrbahnen mit Sand bestreut. Durch Regen und die Fahrzeuge schwand der Sand dahin, die Schrift wurde wieder lesbar.

Quellen

Quelle: „Informationen zur politischen Bildung“, Bundeszentrale für politische Bildung