Revolution, gegenrevolution, wiederaufbau (1918-1924)

In den Tagen des deutschen militarischen Zusammenbruchs bildeten sich Anfang November 1918 in ganz Deutschland spontan Arbeiter- und Soldatenrate, die zunachst vornehmlich die Beendigung des Krieges und die Losung drangender sozialer Probleme anstrebten.

Ab Dezember 1918 wandten sie sich starker allgemeinpolitischen Zielsetzungen zu.

Der in der Novemberrevolution paritatisch aus Vertretern von SPD und USPD als Regierungsautoritat gebildete Rat der Volksbeauftragten unter dem Vorsitz von Ebert und

Haase hatte die Last der Kriegsbeendigung zu tragen. Die unter seinen Mitgliedern von Anfang an bestehenden Meinungsverschiedenheiten lie?en sich jedoch nur muhsam uberbrucken. Wahrend die SPD-Vertreter auf eine Fortfuhrung der bereits im Krieg eingeleiteten Parlamentarisierung abzielten und deshalb die baldige Einberufung einer Nationalversammlung betrieben, sahen die USPD-Vertreter das vorrangige Ziel in einer grundlegenden Umgestaltung der sozialen und wirtschaftlichen Verhaltnisse.

Sie schieden am 29.12.1918 aus dem Rat aus.

Ein wichtiges Element der Kontinuitat bildeten in der Umbruchzeit die Beamten. Sie waren in ihrer gro?en Mehrheit obrigkeitsstaatlich eingestellt, wurden aber zur Abwicklung der Kriegsfolgen und der Friedensvorbereitungen gebraucht. Eine Vereinbarung zwischen Ebert und General Groener vom 10.11.1918 sicherte die Kooperation zwischen der revolutionaren Regierung und der Obersten Heeresleitung.

Das Stinnes-Legien-Abkommen vom 15.11.1918 ermoglichte Arbeitgebern und

Gewerkschaften die Fortsetzung der im Krieg begonnenen Zusammenarbeit unabhangig von den Raten.

Unter dem Einflu? des linken Flugels der USPD und des zahlenma?ig schwachen

Spartakusbundes radikalisierten die ursprunglich uberwiegend sozialdemokratisch eingestellten Rate ihre Forderungen. Enttauschung uber die bisherigen Ergebnisse der Revolution und zunehmende Auseinandersetzungen mit den Kraften der alten Ordnung, die sich durch die zuruckstromenden Truppen des Feldheeres wieder konsolidierten, spielten bei dieser Entwicklung eine Rolle.

Seit Anfang 1919 kam es in verschiedenen Teilen des Reiches zu Erhebungen der revolutionaren Linken. Zu ihrer Bekampfung setzte die Regierung die neugebildeten Freikorps ein, deren Mitglieder gro?tenteils republikfeindlich eingestellt waren.

Die Wahlen zur Nationalversammlung am 19.01.1919 brachten der SPD 165 Mandate, dem Zentrum 91 und der DDP 77. Diese drei Parteien der Weimarer Koalition besa?en damit eine Mehrheit. In Opposition standen 22 Abgeordnete der USPD, 44 der rechten Sammlungspartei DNVP, 19 der DVP und 7 Abgeordnete von sonstigen Parteien.

Ebert wurde am 11.02. zum Reichsprasidenten gewahlt. Die Parteien der Weimarer Koalition bildeten eine Regierung unter P. Scheidemann (SPD). Die schwerste Belastung der jungen Republik bildete der Zwang zur Annahme des Versailler Vertrages .

Sie erfolgte im wesentlichen mit den Stimmen der Regierungsparteien SPD und Zentrum.

Die Parteien, die den Vertrag ablehnten, waren nicht bereit, ihrerseits eine Regierung zu bilden und den Krieg wiederaufzunehmen. Eine dringende Aufgabe war eine Finanzreform, die das Reich finanziell unabhangig von den Landern machen sollte; sie wurde 1920 von

Matthias Erzberger durchgefuhrt. Eine wirtschaftliche Neuordnung im Sinne der „Gemeinwirtschaft“ wurde angestrebt, kam aber nicht zustande.

Die linksradikalen Erhebungen wurden in der ersten Halfte des Jahres 1919 niedergeschlagen. Im Kapp-Luttwitz-Putsch (Marz 1920) manifestierte sich der Widerstand von rechts gegen die neu geschaffene Ordnung; der Generalstreik der Gewerkschaften und die Weigerung der Beamtenschaft, mit den Putschisten zusammenzuarbeiten, lie?en ihn scheitern.

Anschlie?end flammte der Burgerkrieg im Ruhrgebiet erneut auf; die „Rote Ruhrarmee“ wurde rasch von Reichswehr und Freikorps niedergeworfen.

Die ersten Reichstagswahlen am 06.06.1920 zeigten, da? die Weimarer Koalition weithin diskreditiert war. Sie erlangte von nun an bis ans Ende der Weimarer Republik keine Mehrheit mehr. Die USPD konnte ihre Mandatszahl vervierfachen, und auch die Rechtsparteien erzielten erhebliche Stimmengewinne. Im Juli 1920 begann eine lange Serie von Konferenzen zur Regelung der Reparationsfrage.

Eine emotional geladene Offentlichkeit erschwerte aber der Regierung die Kooperation mit den Siegern im Rahmen einer „Erfullungspolitik“.

Der vorlaufige Ausgleich mit Sowjetru?land im Rapallo-Vertrag (April 1922) vermochte nur bedingt ein Gegengewicht und neuen Spielraum zu schaffen.

Das Republikschutzgesetz von 1922 konnte dem Terror von rechts (Morde an Erzberger

und Rathenau ) kein Ende bereiten.

Das Jahr 1923 brachte die bisher schwerste Krise des Reiches, dem zeitweise der Zerfall zu drohen schien. Wegen der Nichterfullung von Reparationsverpflichtungen besetzten franzosische und belgische Truppen das Ruhrgebiet. Die Reichsregierung antwortete mit der Ausrufung des passiven Widerstandes (Ruhrkampf), der sich als finanziell ruinos erwies und im Herbst 1923 abgebrochen werden mu?te.

Die Hyperinflation wurde durch eine Wahrungsreform am 15.11. beendet, die allerdings

weite burgerliche Kreise in ihrer sozialen Stellung erschutterte.

Der rheinische Separatismus, der seinen Hohepunkt mit der Ausrufung der

„Rheinischen Republik“ am 21.10. erreichte, konnte sich nicht durchsetzen. Eine schon langer virulente bayerische Sonderpolitik, die die Reichseinheit bedrohte, erfuhr eine weitere Steigerung durch den Hitler-Putsch vom 9. November, der sich sowohl gegen die bayerische Regierung wie gegen Berlin richtete.

Er brach trotz des zweifelhaften Verhaltens der bayerische Teile der Reichswehr schnell zusammen und wurde nicht zum erhofften Signal fur einen allgemeinen Aufstand von rechts. Zugleich versuchte die Kommunistische Internationale , von legal gebildeten

SPD-KPD-Regierungen in Sachsen und Thuringen aus die Revolution durch einen

„deutschen Oktober“ militarisch vorzubereiten.

Diesen Versuchen kam die Reichswehr jedoch wie hier in Hamburg zuvor.

Die zur Liquidierung des Ruhrkampfes am 13.08. gebildete Gro?e Koalition unter Gustav Stresemann (DVP) trat zwar am 23.12. zuruck; die der Reichswehr ubertragene vollziehende Gewalt wurde jedoch zur Konsolidierung der Verhaltnisse benutzt.