Selbstgespräche

Nur wer die Asche erkennt…

Hallo! Was machst du denn hier? Ach? Nun ich wollte dir nur sagen, das hier ist ein Selbstgespräch. Du kannst gerne zuhören, aber bitte fühle dich nicht angesprochen. Ich meine nicht dich, sondern mich. Wenn du also zuhören willst, ist das in Ordnung. Es sind keine Geheimnisse.

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Wieder einmal erwischt! Schade eigentlich. Es macht viel mehr Spaß, andere zu erwischen, wenn sie etwas falsch machen, oder wenigstens nicht so sind, wie sie zu sein haben. Wenn ich das bei mir entdecke, ist es nicht gerade angenehm. Aber besser, ich stutze mich selbst ein bisschen zurecht, als wenn dies andere machen.

Mein Pendel ist eingerostet. Es schwingt nicht mehr richtig und die kleinen Bewegungen verursachen ein Quietschen. Nun, vielleicht ist das gar nicht so schlecht, denn dieses Geräusch ist nervig und man kann es nur schwerlich überhören. Man wacht sozusagen davon auf. Und aufgeweckte ja ausgeschlafene Kerlchen sind ja nicht das Verkehrteste.

Noch einmal nachdenken. Wie war das noch mit dem Pendel des Lebens? Ach ja! Wenn es in der Mitte steht, dann ist alles in Butter. Langweilig, eintönig, aber im Gleichgewicht und dass, was man als Gute Zeit betrachtet.
Doch das Leben wäre kein Leben, wenn es immer und ewig in dieser Stellung verharren würde. Nein, so ein Pendel schwingt. Läuft nicht alles so, wie es laufen soll, kommen Stress und Ärger ins Leben, quälen einen Sorgen, und ist der morgige Tag so unsicher, wie die Ziehung der Lottozahlen, dann schlägt das Pendel aus, je schlimmer, je weiter.
Aber im Grunde nimmt es dann nur Anlauf, um danach wieder in die andere Richtung zu pendeln. Dort kommt es hin, wenn Freude, Freunde, Liebe, Überraschungen, kurz alles Angenehme, passiert. Und je weiter es in die eine Richtung ausgeschlagen hat, desto weiter kann es auch in die andere Richtung schwingen.
Sind es schlimme Sorgen, die vergehen, dann ist die Freude darüber umso größer. Sind die Ängste vorüber und haben sich als gegenstandslos erwiesen, dann schwingt der Arm des Pendels weit in die Freudezone hinein. Großes Leid verwandelt sich in große Freude. Soweit ist es eigentlich normal. Die Gefühle sind intensiv, sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite. Man erlebt Höhen und Tiefen und alles ist ausgeglichen, zumindest, wenn es normal läuft.

Manchmal – und dabei habe ich mich erwischt – lässt man aber den Kummer nicht wirklich an sich heran. Bremst das Pendel aus, so dass es nicht so weit in die Sorgenzone kann. Oh, hin und wieder ist das auch ratsam, um besser mit der Situation umgehen zu können; sie leichter zu ertragen vermag. Doch im Grunde ist man dabei, Sachen zu verdrängen, wegzuwischen, für nichtig zu erklären. Am besten eignet sich für solch eine Maßnahme Rost. Gefühlsrost. Man lässt ihn einfach am Scharnier entstehen und dort ablagern. Zuerst nur wenig, dann etwas mehr. Schließlich fällt es nicht mehr so auf, dass sich dort überhaupt eine Ablagerung befindet und man erachtet es als ganz normal. Alltäglich.
Sorgen sind nicht mehr so groß. Ängste nicht mehr so erdrückend. Ärger berührt einen nicht so. Man ist also viel näher am Normalzustand der Mitte. Man ist ausgeglichen und keiner merkt etwas, nicht einmal man selbst. Das ideale Leben.

Dann kommt der Tag, an dem das Pendel wieder in die andere Richtung schwingt, denn alles hat sich zum Guten gewendet. Aber da passiert etwas, was man nicht erwartet hat. Man bekommt das größte Geschenk und kann sich nicht wirklich darüber freuen. Alle Ängste fallen ab und man ist kaum erleichtert. Sorgen verflüchtigen sich, doch man fühlt sich nicht viel wohler als zuvor. Man versteht es nicht. Man wundert sich und dann fällt einem der Seelenrost ein, der das Pendelgelenk befallen hat. Es ist so einleuchtend, so einfach und doch so kompliziert. Das Pendel hatte keinen Anlauf, keinen Schwung und die Kraft, die als Erleichterung einfließt, kann sich nicht entfalten, denn der Rost verhindert auch das Ausschlagen in die andere Richtung.
Man steigt als Phönix zum Himmel empor, doch man fühlt nicht die Leichtigkeit des Seins, denn man hat vorher die Asche nicht erkannt, in der man sich befand.

Der Rost macht das Leben vielleicht einfacher, aber er nimmt auch alles Interessante, alles wirklich Schöne aus dem Leben heraus.

Ich habe mich erwischt! Und ich habe gelernt. Werde mir jetzt gleich eine Stahlbürste holen und den Rost entfernen. Mein Pendel soll wieder schwingen können. Sorgen sollen wieder Sorgen sein dürfen. Ängste sollen mir Angst machen und Trauer meine Augen benetzen. Es wird wehtun. Das Herz und der Magen werden sich oft als Klumpen fühlen und ich werde öfter zum Taschentuch greifen müssen. Aber es wird alles Wert sein, wenn ich die Leichtigkeit des Himmelsfluges miterleben kann. Ich will mich wieder frei fühlen; Gefühle haben, die mich erschüttern und auch frei, die zu erleben, die mich schweben lassen. Wenn ich schon als Phönix aus der Asche neu entstehe, dann will ich den Flug genießen.

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Danke meine liebe Anóriel. Ohne deine Betakünste wäre es nur halb so gut geworden. Tom Bombadil und das Eis

Noch immer rede ich hier mit mir…

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Sie mag Tom nicht. Warum, habe ich gefragt und sie wusste es nicht. Einfach ein Gefühl aus dem Bauch heraus. Unbegründet, doch unumstößlich.
Da habe ich nachgedacht.
Tom Bombadil ist eine schillernde Persönlichkeit und das auch ganz wort-wörtlich. In seinen grellbunten Kleidern und seinem etwas verschrobenen Äußeren kam er bei mir ganz sympathisch an. Er nahm das Leben leicht und für ihn war es das auch. Nichts konnte ihm gefährlich werden, weder Wald, noch Tiere, keine Grabunholde und nicht einmal der Eine Ring brachte ihm das Fürchten bei oder hatte auch nur irgendeinen Einfluss auf ihn.
Er half den vier Hobbits und das mehr als einmal. Der alte Weidenmann? Ein Klacks. Unterkunft für die Nacht? Selbstverständlich! Von Unholden gefangen und kurz vor dem Tod? Tom ist zur Stelle!
Jeder könnte so einen Freund gebrauchen. Jeder wäre froh, wenn er einen solchen hätte. „Hey, Tom Bombadil… aus der Not uns leite“. Was sollte einem schon passieren mit solch einem Verbündeten? Nichts.
Warum also mochte jemand ihn nicht?
Noch einmal sehe ich mir diesen lustigen Gesellen an. Nichts, was den Hobbits Probleme bereitete, war ein solches für ihn. Keine Angst, die die Halblinge befallen hatte, konnte ihm etwas antun. Und er war auch ganz ehrlich und sagte dies unumwunden.
AHA!
Drehen wir die Sichtweise mal um 180°. Jetzt bin ich ein Hobbit. Meine Freunde und Verwandten wurden vom alten Weidenmann gefangen genommen und mit dem Tode bedroht. Der Hass des ganzen Waldes ist auf mich gerichtet. Ich habe Angst. Furchtbare Angst. Ich habe ein unüberwindbares Problem und ich weiß nicht weiter. Da naht Rettung. Ungewöhnliche Rettung, aber immerhin. Ich schildere ihm meine Notlage, doch er meint ganz schlicht: „Na, wenn es weiter nichts ist.“ Da kommt einer, der mir hilft, der meine Notlage beseitigt, aber er erkennt meine Notlage nicht als eine solche an. Wenn es weiter nichts ist. Er nimmt mich nicht ernst. Ich bin verzweifelt und er lacht darüber. Ich habe Todesangst und er macht, als wäre die völlig unnötig. Er macht genau das, was ich auch tun würde. Ich stelle die Sache klar. Bringe sie auf eine rationale Ebene, betrachte das Problem und behebe es. Ganz einfach, ganz ohne Anstrengung; ganz einfach, weil ich es kann. Ist es dem Gegenüber denn nicht recht, wenn ich das Problem aus der Welt schaffe, es löse?

Und wieder die Wendung um 180°.
Natürlich ist es mir recht, dass er meine Freunde rettet. Nicht nur recht, sondern sehr recht sogar. Ich bin erleichtert. Pippin und Merry werden weiterleben. Doch ich fühle mich nicht erleichtert, nicht nur, sondern ich fühle mich wie ein Trottel. Wie konnte ich nur so ein Drama darum machen? Es war doch alles ganz einfach und ich mache so einen Aufstand. Ich bin unfähig, irgendetwas zu richten, irgendetwas Sinnvolles zu tun. Ich bin ganz einfach und vollkommen nutzlos. Warum überlasse ich nicht einfach alles den Anderen. Die können es sowieso besser. Warum quäle ich mich damit? Es ist doch gar nicht schwer. Nur für mich. Alle meine Ängste sind irrational, wie die Furcht vor einer harmlosen Maus. Kein Problem – für andere.

Nun, mein Psychiater würde sich freuen. Was sich hier anbahnt, ist eine schlimme Depression und die Suizidgefahr ist eben um etwa 200% gestiegen. Doch warum mache ich so was? Ich meine, ich war ja bis eben noch auf der anderen Seite. Warum nehme ich die Ängste der Anderen nicht so wahr, wie sie es tun?
Ganz einfach: Es gibt für mich nur einen Dreh- und Angelpunkt auf dieser Welt: Mich!
Ich denke nicht darüber nach, wie sich der andere fühlt, denke nicht nach, dass es nicht für jeden einfach ist, das spezielle Problem zu lösen. Ich löse es und fertig. Ich kann das, ich habe das gelernt. Ich denke, der Andere will nur eines: Das Problem aus der Welt schaffen. Doch das ist nicht alles, was er will. Klar, es muss eine Lösung für das Problem her, doch er will auch ernst genommen werden. Als Person, als das, was er empfindet, als ein ganzheitliches Wesen und nicht nur als das Problem.

Warum gibt es nur unterschiedlich starke Probleme? Warum ist das Eine für mich einfach, das Andere nicht?
Falsche Fragestellung! Die Frage muss lauten, warum erkenne ich die Probleme der Anderen nicht als gleichwertig an? Warum tue ich Sorgen, die andere belasten, als gering ab? Wie oft höre ich den Satz „Na dann schau dir mal die Probleme an! Dagegen sind deine doch Peanuts!“? Höre ihn nicht nur von anderen, sondern auch aus meinem Mund!
Gibt es eine Sorgentabelle mit der Wertung von 1 – 10? Ja, die gibt es. Bei jedem und nur gültig für die eigene Person. Ich bin der einzige Experte für die Eingruppierung meiner Sorgen. Der Andere ist der einzige Experte für seine Sorgen. Nur er weiß, ob es für ihn eine 1er Sorge ist, oder eine 10er.
„Davon geht die Welt nicht unter.“ Mag ein objektiv richtiger Satz zu sein. Doch welche Welt? Die ganze Welt? Die Galaxie? Der Weltraum? Die eigene Welt? Wenn heute ein Asteroid die Erde treffen würde und alles Leben vernichten würde, davon geht der Weltraum nicht unter. All die Millionen und Milliarden andere Sterne und Planeten werden weiterexistieren. Was soll´s also? Warum Sorgen machen? Das Leben geht weiter. Nicht für uns, aber das interessiert den Kosmos herzlich wenig.

Oder darf ich mir als Mensch dieses Planeten doch ein bisschen Sorgen machen? Ganz für mich. Ich weiß, das ist ja nicht so schlimm, aber für mich, zum Kuckuck, ist es schlimm!

Wenn einem kleinen Kind die Kugel Eis auf den Boden fällt, so ist diese Sorge, diese Traurigkeit und die Tränen genauso intensiv, als wenn ein Erwachsener Angst hat, seine Miete nicht mehr zahlen zu können, oder als ob ein Astronom eine Bedrohung aus dem All entdeckt. Für die Betroffenen ist es eine eindeutige 10er Sorge. Und nur, weil davon der Kosmos nicht untergeht und das alles für mich doch kein Problem ist, habe ich dennoch nicht das Recht, zu urteilen, wie groß die Sorge sein darf. Die Kugel Eis bedeutet für das Kind in diesem Moment alles, es ist die ganze Welt und diese Welt ist zerbrochen und verloren. Ich hoffe, ich schaffe es zukünftig etwas öfter, diese Kugel Eis ernst zu nehmen.

Ich mag Tom immer noch, doch ich kann gewisse Ablehnung ihm gegenüber verstehen. Und ich würde gerne mal zu ihm gehen und mich über Eiskugeln unterhalten. Ich denke mal, er würde es verstehen. Zumindest würde er sagen: „Na, wenn es weiter nichts ist!“

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Danke auch hier an meine liebe Anóriel. Ohne deine Betakünste wäre es nur halb so gut geworden. Und danke, dass du weißt, das ich dankbar bin, auch wenn ich es mal nicht extra sage. So einen Schatz findet nicht jeder – auch dafür bin ich sehr dankbar.

Diamantengedanken

Zwei Dinge fallen mir ganz spontan ein, wenn ich an einen Diamanten denke: Kohlenstoff und das unvergessliche Lied von Marilyn Monroe „diamonds are a girl’s best friend“.
Das erste ist ja recht einfach, denn chemisch gesehen ist der Diamant nichts anderes als Kohlenstoff. Einer der 4 Grundbausteine des Lebens so wie wir es kennen. Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff und Stickstoff, oder für die, die die chemischen Zeichen lieben kurz: COHN.
Die spezielle, reine Art von Kohlenstoff ist allerdings nicht gemeint, sondern eher die Kohlenstoffverbindungen. Dennoch ist der Aspekt erwähnenswert – finde ich.

Nun will ich den Punkt zwei behandeln. Warum nur ist der Diamant der beste Freund eines Mädchens? Etwas, was ein Mann nur schwer verstehen kann. Es ist nichts als ein Stein, der am Finger, oder am Hals getragen wird. Hier sei zu erwähnen, dass auch reichere Männer sich gerne mit einem Diamanten schmücken. Bestes Beispiel ist Andre Rieu, der sein Halstuch stets durch einen großen Stein an Ort und Stelle hält. Ob es sich dabei um einen Diamanten handelt, sei dahingestellt.
Kommen wir zurück zu den Mädchen. Nun, man muss hier bedenken, dass dieses Lied zu einer anderen Zeit gesungen wurde und hier das Wort Girl nicht so despektierlich klang, wie heute viele annehmen. Nehmen wir aber mal die politisch korrekte Formulierung und sagen Frau. Warum also mögen Frauen Diamanten? Ist es tatsächlich so, dass sie diese Art von Element besonders lieben, oder ist es eher das Symbol, welches dadurch veranschaulicht wird? Ich tippe auf das Zweite.

Was sagt also dieses Schmuckstück: Zuerst natürlich: Schau her, ich habe so was. Man kann ja nicht jedem sein Haus zeigen, sein Auto, oder sein Boot. Aber so einen „kleinen“ Stein, den kann man immer zeigen. Es ist also eine Art Statussymbol, ohne dass man jemanden mit nach Hause nehmen muss wird er wahrgenommen. Wie dir richtigen Schuhe, die richtige Tasche, das richtige Kleid ist es etwas über das sich eine Frau definieren kann.
Schade eigentlich, denn es ist sehr kontraproduktiv zur Frauenbewegung. Wehe man sagt zu einer unverheirateten Frau Fräulein. Nein, das geht heutzutage nicht mehr. Aber auf der anderen Seite werden Werte wie Intelligenz völlig vernachlässigt, wenn eine Frau nur richtig angezogen und geschmückt ist.
Nein, ich meine nicht jede Frau auf dieser Erde, aber bei manchen – vor allem bei reichen – kommt das vor. Mann schmückt seine Frau wie – Entschuldigung für den Vergleich – Weihnachtsbaum und alle sind zufrieden.

Nun, was sagt uns so ein Diamant noch, oder besser gesagt was sagt es Frau? Ich bin es ihm wert. Wertschätzung ist ja etwas Tolles und etwas Unverzichtbares. Hier wird diese Wertschätzung noch öffentlich zur Schau gestellt.
Und noch etwas sagt es aus, fast wie ein Ehering ist es so, dass es ein Zeichen ist für „Er gehört zu ihr und sie gehört zu ihm“. Welcher Mann schenkt schon einer flüchtigen Bekannten einen Diamanten?
Also ist es nicht direkt der Diamant, der der Frau bester Freund ist, sondern die Wertschätzung und die Zugehörigkeit.

Nun, fängt man erst einmal damit an, kann man oft die Gedanken nicht mehr stoppen. Hier allerdings war es so, dass mich jemand darauf ansprach und mir zu denken gab.
Was macht so ein Diamanten aus und was bedeutet es, wenn man zu jemanden sagt: „Du bist so wertvoll, wie ein Diamant“?

Zunächst einmal die Redensart: Du bist ein ungeschliffener Diamant. Jeder kennt den Ausdruck, jeder kann etwas damit anfangen. Der, zu dem man das sagt, hat verborgene Talente. Sie stecken tief in ihm (gilt natürlich auch für die weibliche Variante) und müssen nur zu Tage gefördert werden. Aber wehe dem, der dieser ungeschliffene Diamant ist.
Der – oder sie – darf nämlich nicht so bleiben, wie er /sie ist. Und das Schleifen eines Diamanten ist eine gewalttätige Angelegenheit. Schließlich ist der Diamant mit dem Härtegrat 10 ausgestattet. Um hier etwas zu bearbeiten muss man schon enorme Gewalt anwenden. Und dies kann sehr schmerzhaft werden – im übertragenen Sinne. Diese Arbeit dürfen, genauso wie das Spalten, nur sehr erfahrene Handwerker ausüben, denn man kann dabei den Diamanten ruinieren und seinen Wert derart schmälern, dass er nur noch für die Industrie zu verwenden ist.

Es ist eine Kunst, die man über Jahre hinweg lernen muss. Immer unter Anleitung und Aufsicht eines erfahrenen Meisters. Erst wenn man dies bis ins Kleinste hinein beherrscht, darf man selbstständig an einem kleinen Stein arbeiten. Hier kann man nicht viel zerstören. Und erst nach und nach darf man an die größeren Steine. Und die wirklich großen Stücke, die dürfen nur Meister in die Hand nehmen, die sich über Jahre, manchmal Jahrzehnte hinweg bewährt haben.

Schade eigentlich, dass an die menschlichen ungeschliffenen Diamanten Leute ran dürfen, die die Fähigkeiten nie beweisen mussten und das meiste nur theoretisch beherrschen. Einziger Grund kann hier sein: Ein Diamant brauchte Millionen von Jahren um zu entstehen, so ein Mensch wächst in neun Monaten nach und außerdem gibt es ja mehr als genug davon – im Gegensatz zu Diamanten.

Was aber nun, wenn man einen Menschen als Diamant bezeichnet?
Zuerst einmal natürlich, dass man ihn für wertvoll hält und, dass man ihn wertschätzt. Natürlich! Er funkelt, er spendet Licht, man hat ihn gern und möchte ihn nicht mehr missen. Er ist etwas kostbares – und sei es nur für einen selbst.
Doch was bedeutet es für diesen Menschen? Natürlich wird er gerne wertgeschätzt. Das ist unbestritten. Und der Wert, den man für jemand anderen darstellt ist immer sehr subjektiv. Nehmen wir einmal den objektiven wert und gehen wir hier mal von den chemischen Stoffen aus. Der Wert ist viel weniger, als 1 Euro. Hier ist der Vergleich mit dem Diamanten gerechtfertigt. Auch der reine Kohlenstoffwert ist äußerst gering. Erst die Umstände machen den Diamanten, wie den Menschen wertvoll.
Doch wie wurde er zu einem Diamanten?
Zuerst war da nichts als ein bisschen Kohlenstoff. Den gibt es auf der Erde in ausreichender Menge. Doch dann kommen Umstände hinzu, die aus dem normalen Kohlenstoff einen Diamanten werden lassen. Zunächst einmal Druck. Und zwar nicht nur ein bisschen, sondern ein gewaltiger Druck, zusätzlich hohe Temperaturen. Nein, nicht solch eine Hitze wie in der Sahara, sondern Temperaturen von weit über 1000°C. Si wie sie nur im Erdinneren vorhanden ist. Und dann braucht es Zeit. Viel Zeit. Noch viel mehr Zeit und ein paar Minuten extra.
Danach muss man ihn suchen, finden, identifizieren und zu Tage fördern.
Da liegt er also, der ungeschliffene Diamant. Nun geht die Arbeit aber erst richtig los. Spalten! Schleifen! Polieren! Und erst wenn diese Prozedur beendet ist haben wir das, was wir landläufig als Diamant bezeichnen. Natürlich war er auch ohne das Eingreifen des Menschen ein solcher, aber erst durch diese gewalttätige Behandlung wurde daraus etwas, was auch der Laie als das erkennt, was es ist.

Da liegt er also vor uns, strahlt und funkelt. Ist begehrenswert und beliebt und kein Mensch denkt darüber nach, was er alles hat durchmachen müssen um einen Ring zu zieren, eine Halskette, Krone, oder eine Krawattennadel.

Vielleicht wäre es bei Menschen, die wir als Diamanten bezeichnen, auch mal interessant zu fragen, was der Mensch hat durchmachen müssen, damit wir ihn als solchen erkennen. Aber Vorsicht, nicht jede Geschichte ist eine Gute-Nacht-Geschichte. Und manchmal ist es für uns einfacher den Diamanten zu genießen, als ihn nach dem Druck, die Hitze, das Schleifen zu fragen. Vielleicht sind wir ja nicht hart genug, die Geschichte zu verkraften, vielleicht sind wir aber selbst viel härter, als wir denken.

Wünsche

Da standen sie nun Schlange für den 24.Dezember. Wunsch nach Wunsch. Große, kleine, mittlere, erfüllbare und solche die nicht in Erfüllung gehen können. Wünsche sind da nicht zu beeindrucken von Logik, von der Machbarkeit. Sie entstehen, werden größer, dringlicher und werden schließlich so groß, dass sie den Blick für alles andere verstellen.
Manches wünscht man sich, weil andere es schon haben. Manches wünscht man sich, weil andere die Aussicht haben, es zu bekommen. Aber es gibt Wünsche, die sind ganz das Eigentum des Wünschenden. Kein anderer hat diesen Wunsch. Manchmal ist so ein Wunsch etwas Unbegreifliches – im wahrsten Sinn des Wortes. Man wünscht sich Liebe, Frieden, Eintracht, einen Freund, die Tage der Kindheit, Gesundheit, Glück. Diese Wünsche sind abhängig von einem selbst. Man kann sie nur in Erfüllung gehen sehen, wenn man selbst etwas tut. Ich kann keinen Frieden erwarten, wenn ich nicht bereit bin friedlich zu leben. Ich kann nur einen Freund haben, wenn ich bereit bin ein Freund zu sein.
Vereinfacht gesprochen, denn es gibt die berühmten Ausnahmen. Der Mensch, der mein Freund sein will, obwohl ich keinerlei Anstrengungen unternommen habe, der Friede, der mir zuteil wird, obwohl ich nicht darauf hingearbeitet habe, die Stunden in denen die Kindheit wieder wach wird – ganz ohne große Vorbereitung, ohne Mühe, plötzlich und unerwartet.

Dann gibt es natürlich die Kategorie der materiellen Wünsche. Das neuste Handy, die neue CD meines Lieblingssängers. Je älter ich werde, desto ausgefallener werden die Wünsche. Habe ich mich früher mit einem Spielzeugauto begnügt, so sollte es heute schon etwas größer sein.
Manche Wünsche kann man sich selbst erfüllen, einige bedürfen der Hilfe, manchmal sogar von mehr als einer Person. Manche gehen auch zum Fest nicht in Erfüllung, aber das ist ja kein Problem, man kann sie ja als Wünsche für das neue Jahr mitnehmen, allgemein, zum Geburtstag, zu anderen Anlässen.

Wünsche fürs neue Jahr sind meist etwas andersgeartet, als die zu Weihnachten. Man wünscht sich hier oft die immateriellen Dinge, die auch schon zu Weihnachten teilweise aufgekommen sind. Da aber Weihnachten das Fest des Materiellen ist – leider wird es zumindest oft so gesehen – und man zu Silvester ja nicht schon wieder Sachen geschenkt bekommt – zum Glück hat dies der Handel noch nicht entdeckt – bleiben hier eher Friede, Glück, Gesundheit die man sich und anderen wünscht.

Was aber, wenn einer sagt, er sei wunschlos glücklich? Ein beneidenswerter Mensch. Zumindest auf dem ersten Blick.
Wieso das denn, werden sich jetzt manche fragen. Was will man denn mehr, als wunschlos zu sein?
Es ist schön, es ist herrlich, aber ist es auch wünschenswert? Man verzeihe das kleine Wortspiel. Ja und nein. Ja, denn der betroffene – wenn er sich nicht selbst belügt – ist glücklich. Fraglos! Doch was geschieht mit so einem Menschen? Ist es nicht wie im Märchen? …und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Stimmt! Es ist wie im Märchen, aber Märchen haben immer einen Nachteil: Sie sind eben das, nämlich Märchen.
Der Mensch, der diesen Zustand erreicht wird fortan ziellos sein. Warum? Na, er hat das Ziel doch schon erreicht. Nichts bleibt mehr übrig worauf es sich zuzustreben lohnt. Man verharrt in diesem Augenblick und entwickelt sich nicht weiter.
Na und, werden jetzt viele sagen, wozu weiterstreben, wenn man das Ziel erreicht hat? Wäre der Mensch ein anderes Wesen, ich würde voll und ganz zustimmen. An diesem Ziel sollte man bleiben und sich nicht wieder wegbewegen.

Doch der Mensch ist nur ein Mensch, wenn er sich weiterentwickelt, etwas hat zu dem er strebt, ein Ziel hat auf das es sich lohnt hinzuarbeiten. Stillstand ist Rückschritt. Kein Mensch kann wirklich glücklich sein, wenn er keine Wünsche mehr hat. Das zumindest ist meine feste Überzeugung. Der Mensch, so wie wir ihn heute kennen muss in Bewegung sein. Wunschlos glücklich zu sein ist ein Paradoxon. Entweder wunschlos, oder glücklich. Beides zusammen ist nicht möglich.
Man kann sich dem Ziel annähern und glücklich sein, aber Wünsche werden bleiben. Glücklich zu sein, bedeutet nicht wunschlos. Selbst im größten Glück wird der eine, oder andere Wunsch übrigbleiben und sei es nur der Wunsch, diese Stunden, Tage, Monate mögen niemals vergehen.

Jeder der es hören will, oder das Pech hat von mir Grüße zu bekommen, sage ich: Mögen im neuen Jahr alle deine Wünsche in Erfüllung gehen, alle, bis auf einer. Dieser eine Wunsch möge dich begleiten und leiten zu einem fernen Ziel. Und möge das Ziel die Zeit sein, in der der Mensch sein Glück erkennt und in der er glücklich sein kann, ohne weiter Wünsche haben zu müssen.

Geschichtengeschichte

„Welch ein Meisterwerk ist der Mensch! Wie edel durch Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten! In Gestalt und Bewegung wie bedeutend und wunderwürdig! Im Handeln wie ähnlich einem Engel! Im Begreifen wie ähnlich einem Gott!“ (Hamlet II 2)

Ich kenne viele, die hier William Shakespeare gerne und heftig widersprechen. Doch nun sind die Worte mal so gewählt worden von ihm und in aller Welt bekannt. Nicht zuletzt durch Jean-Luc Picard, der dieses Zitat gerne Q auf der Enterprise D entgegenhält.
Doch will ich mir hier gar nicht die Mühe machen, das Für und Wider dieses Satzes herauszuarbeiten, zu analysieren und meinen Senf dazugeben. Nein, ich will eigentlich auf das Schreiben hinaus und auf das, was einen Schreiber ausmacht.

Geschichten schreiben macht zuerst einmal spaß. Aber es ist auch Arbeit, zumindest bei mir. Denn es gilt nicht nur die Tasten dort zu treffen, wo es Sinn macht, nein es wollen auch Formulierungen gefunden werden, die sich nicht zu oft wiederholen, die dem Leser gefallen könnten und dann auch noch das wiedergeben, was man eigentlich seinem Protagonisten sagen lassen will.

Und schon bin ich beim Thema. Gut, es hat eine kleine Weile gedauert, aber für einen Schreiber ist es recht schnell gewesen. Manche schaffen es ja erst nach 100 Seiten, manche auch niemals. Bemerkung am Rande: Ein Drabble ist eine gute Übung schnell zum Ziel zu kommen. Man hat ja nur 100 Worte.
Aber zurück zum Thema: Die Protagonisten.
Was für ein herrliches Gefühl, wenn der genau das sagen muss, was man ihm in den Mund legt. Was für ein herrliches Gefühl, wenn der genau dahin geht und genau das macht, was man will. Es gibt einem das Gefühl ein Gott zu sein, allmächtig und allwissend. Gefährliches Pflaster! Ganz gefährlich und außerdem eine fataler Irrtum. Wer meint, dass man die Macht in Händen hält, der hat nichts verstanden. Aber auch wirklich gar nichts. Er ist dumm, eingebildet und völlig verblendet.
Ein weiser Geschäftsmann sagte einmal: Man besitzt keine Firma, die Firma besitzt einen. Man denkt man habe das Sagen, doch in Wirklichkeit wird man fremdgesteuert.
Genauso ist es mit einer Geschichte. Man denkt, doch der Leser lenkt. Wie das? Der bekommt das Werk doch erst später zu Gesicht. Klar, da ist was Wahres dran, aber im Unterbewusstsein ist es doch so, dass man sich bei jedem Absatz, ja bei jedem Wort überlegt: Wie kommt das an. Kann ich das so schreiben, wird das nicht missverstanden? Oh nein, das ist nicht bewusst, das ist unbewusst und dennoch allgegenwärtig. Man kann das nicht steuern, man kann es nicht – oder nur schwer – beeinflussen. Es ist so und es lenkt einen in Bahnen, die man ohne Leser so nicht eingeschlagen hätte. Aber mal ehrlich, was wäre eine Geschichte ohne Leser? Wie Musik, ohne Zuhörer, wie Sommer, ohne Sonne, wie Liebe, ohne jemand den man liebt. Umsonst, nutzlos, irrelevant.

Doch damit ist das Diktat der Handlung noch nicht zu Ende. Da ist die Geschichte selbst, die einem diktiert, wo es langzugehen hat. Dramatik, Handlungsfluss, Thematik, alles will beachtet und bedient werden. Man mag seinen Protagonisten noch so mögen, wenn er ein langweiliges Leben führt, lohnt es sich nicht darüber zu berichten. Stand auf, frühstückte, arbeitete, aß, ging zu Bett. Schön für ihn, aber wen interessiert das schon? Also muss er widrigen Umständen begegnen, muss Abenteuer erleben, darf sich nicht ausruhen, darf nicht einfach nur glücklich sein. Immer schön was machen, was erleben, was durchstehen. Tag für Tag, Stunde für Stunde, Wort, für Wort. Eine Geschichte ohne Handlung ist wie, ein Lied, ohne Melodie. Unmöglich, absurd, sinnlos. Also ran an die Handlung. Und dann kann es passieren, dass ein Charakter für die Handlung nicht mehr nötig ist, ja die Geschichte selbst verlangt, dass sie Person stirbt. Man kann sich gegen wehren, man kann Zeter und mordio schreien, man kann sich auf den Boden werfen und wild um sich schlagen. Die Person muss sterben, also stirbt sie. Tränen fließen, man ist wie betäubt, man trauert, aber es ist geschehen, weil die Geschichte es so verlangt hat.

Und noch etwas passiert bei jeder guten Geschichte, sie macht sich selbstständig. Wie ein Kind, welches in das gewisse Alter kommt und seine Eltern nicht mehr benötigt, braucht die Geschichte den Schreiber nicht mehr. Man sitzt vor der Tastatur und wundert sich, was man da tippt. Ja man ist selbst gespannt, wie es wohl weitergeht und die Finger tippen und tippen und zaubern einen Handlungsstrang, den man so nicht vorgesehen hatte, der einem nicht unbedingt gefällt und staunt. Staunt über sich selbst, obwohl man damit ja gar nichts zu tun hat.

Geschichten haben immer ein Eigenleben, etwas was man nicht beeinflussen kann, nicht lenken kann und auch nicht sollte. Denn eine Gute Geschichte findet immer einen Weg an die Oberfläche zu kommen, eine Gute Geschichte kommt immer ans Licht. Man sollte sie nicht daran hindern, man muss sie gehen lassen. Wie Eltern ihre Kinder loslassen müssen, muss man auch die Geschichte loslassen.

Wie ähnlich einem Gott? Nein, eher wie ähnlich einem Sklaven, der seine Finger dazu hergibt die Tasten zu drücken, das zu tun, was man ihm sagt, was man verlangt auszuführen, ohne Widerspruch, ohne Mitbestimmung.

Vielleicht übertreibe ich, vielleicht auch nicht. Das heißt, die Geschichte, das Essay, wer auch immer. Ich habe nur die Tasten gedrückt und bin froh, dass ich im Nachspann erwähnt werde. Bescheiden sollte man immer sein, vielleicht hätte dies William Shakespeare auch gut getan. Immerhin haben recht große Geschichten ihn ausgesucht, damit er sie schreibt. Und das auch noch mit Feder und Tinte, den Tastaturen gab es da noch nicht. Welch ein Meisterwerk ist der Mensch, wenn er sich von den richtigen Geschichten gebrauchen lässt.

Wahrheit,
oder das, was wir dafür halten

Wahrheit ist… ja, was ist eigentlich Wahrheit? Was ist wirklich wahr, was halten wir nur dafür und was ist wirklich eine Lüge, also die wirkliche Unwahrheit?
Horst Evers sagt in seinem Programm „Schwitzen ist, wenn Muskeln weinen.“ einen Satz, über den man schmunzeln kann, oder weinen, je nachdem wie man ihn betrachtet. Er sagt: „Das bisschen Wahrheit, das es noch gibt, ist auch gelogen.“
Eine realistische Einschätzung, oder doch nur eine deprimierte? Betrachten wir doch mal einige Aspekte der Wahrheit mit Aussagen, die sich wenigstens mit Wahrheit beschäftigen, oder gar wahr sind?
Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters

Eine Redensart, die jeder kennt. Sie impliziert häufig, dass der, der die scheinbare Unwahrheit gesagt hat, doch in irgendeiner Weise die Wahrheit gesprochen hat. Er lügt, aber nur aus einem ganz gewissen Blickwinkel heraus. Er selbst ist der Meinung, den Teil der Wahrheit von sich gegeben zu haben, der sinnvoll erscheint.
Ein schmaler Grat. Oder eine einfache Möglichkeit, dem anderen etwas zu verschweigen. Was ihn nichts angeht, was ihn verletzen könnte, oder den Redner in einem schlechten – aus seiner Sicht falschen – Licht erscheinen lässt.
Eine faule Ausrede, eine Schutzbehauptung, etwas um den Zuhörer zu schützen? Jede Situation ist da etwas anders. Gemeinsam haben sie nur eines: Die reine Wahrheit wird weggelassen, umschrieben, beschönigt.
Jetzt kommt es ganz auf den Kontext an und noch mehr auf den Grund, aus dem dies geschieht. Will der Lügner – verzeih das harte Wort – sich selbst, oder den anderen schützen? Will er etwas verbergen, auf etwas anderes aufmerksam machen, oder hält er selbst die Darstellung für die wirkliche Wahrheit? Es ist wichtig die Beweggründe zu erfahren. Nur so kann man ein objektives Urteil fällen – wenn es sowas überhaupt gibt.

In dubio pro reo – Im Zweifel für den Angeklagten. Nehmen wir also mal an, der, der die Unwahrheit sagt, tut dies, um den Angeredeten zu schützen. Hierfür mag es edle Gründe geben, Liebe nicht zuletzt genannt. Ist es nicht dennoch eine Lüge? Jeder rational denkende Mensch wird sagen „ja“. Und dennoch schwingt nach dem ja auch gleich ein „aber“ mit. In dieser Situation, unter diesen Umständen, in dieser Verfassung. Man versteht den Menschen. Man würde in derselben, oder vergleichbaren Situation genau dasselbe tun. Man ist ja kein Unmensch. Man hat ja Herz. Man muss das verstehen.
Lüge ist also nicht gleich Lüge, Wahrheit nicht immer gleich Wahrheit? Die Wahrheit wäre schon die Wahrheit, nur sie zu sagen wäre in diesem Moment nicht angebracht, aus Rücksicht, aus Liebe.

Anders sieht es aus, wenn der Lügner aus reinem Eigennutz zu einer Unwahrheit greift, zu einer Notlüge sozusagen. Was für verschlungene Pfade doch unsere Sprache geht. Geschieht eine Lüge nicht immer aus der Not heraus? Zumindest wenn sie einen schützen soll? Aber es klingt nicht so schlimm, wenn man eine Notlüge gebraucht. Besser, als wenn man sagt: „Er hat ihn kaltschnäuzig angelogen.“ Unwahr ist beides, nur das eine verzeihen wir – zumindest manchmal – das andere ist verpönt, unschicklich, nicht zu entschuldigen, eine Gemeinheit. Hier kommt es auch wieder auf die Beziehung der Beteiligten zueinander an. Mögen sie sich, wird die Notlüge geduldet, ja verstanden. Mögen sie sich nicht, so ist sie unverzeihlich. Hierbei kann genau dasselbe gesagt werden, es kann sich um die gleiche Situation handeln, ja um ein und dieselbe. Dies hat nichts mit der Wahrheit zu tun, sondern rein mit der Beziehung zueinander. Nur wenige verabscheuen die Lüge so grundsätzlich, dass der Beziehungsstatus keine Rolle spielt.

Aber es gibt noch eine ganz andere Unwahrheit, eine, bei der es wirklich auf den Standpunkt ankommt.
Beispiel: Ich sage: „Heute ist es ganz schön warm.“ Jemand, der mit mir über einen längeren Zeitraum in derselben Klimazone gelebt hat, wird mir wahrscheinlich Recht geben. Wie aber sieht es mit jemandem aus, der gerade aus der Sahara zurückgekommen ist? Er wird mir nicht so ohne Weiteres Recht geben. Für ihn ist es nicht wirklich warm, denn es sind 20 Grad weniger, als er es lange Zeit erlebt hat. Ein anderer, der ein anderes Wärmeempfinden hat, wird mir vielleicht auch nicht Recht geben, denn er friert bei allem was unter 30 Grad liegt. Also liegt die Wahrheit so sehr im Auge des Betrachters, dass man die Wahrheit sagt – aus der eigenen Sicht heraus – und diese dennoch als Lüge angesehen wird.

Nehmen wir noch ein anderes Beispiel: Es wird Abend und die Sonne geht unter. Diese Aussage wird tagtäglich von sehr vielen Menschen getroffen und ist dennoch nichts, als eine Lüge. Aus unserer Sichtweise heraus stimmt sie zwar – auf eine gewisse Art – nicht aber aus der objektiven Betrachtungsweise. Die Sonne ist ein Fixstern, steht also still und die Erde dreht sich um sich selbst. Dies erweckt den Anschein, dass die Sonne hinter dem Horizont verschwindet, also untergeht. In Wirklichkeit aber dreht sich die Erde weiter und die Stelle, an der wir uns befinden wird nicht mehr von ihr beschienen. Über Jahrtausende hinweg hat der Mensch sich nicht vorstellen können, dass sich die Erde dreht. Wie auch, man spürt ja nichts. Erst mit der Aufklärung des 15. Jahrhunderts konnte sich diese Vorstellung langsam in die Köpfe der Menschen etablieren und über all die Jahre vorher hat sich diese Redewendung in den Sprachgebrauch eingeschlichen und verfestigt. Heute weiß jeder, dass sich die Erde dreht und dennoch lügen wir andere – und uns selbst – jeden Tag aufs Neue an.
Wo wir es gerade vom Lügen haben – gerade habe ich eine gebraucht – ohne es recht zu merken. Die Sonne steht bei weitem nicht still, ganz im Gegenteil. Sie dreht sich in verschiedene Richtungen und so schnell, dass einem schwindelig werden könnte, wenn die Dimensionen nicht so gewaltig wären. Einmal dreht sie sich um einen Schwerpunkt herum (relativ geringfügig), dann dreht sie sich, mit dem ganzen Sonnensystem um das Zentrum der Milchstraße herum und mit der Milchstraße weg von einem Punkt, von dem die Wissenschaft ausgeht, dass dort das Universum entstanden ist. Man nennt es einfach Urknall. Also „Fix“ ist eigentlich etwas anderes. Wären die Fixkosten einer Firma so wenig fix, dann wäre diese fix und fertig. (Man verzeihe mir das Wortspiel)

Wir sehen, die Wahrheit liegt oft im Auge des Betrachters aber es gibt noch eine Möglichkeit, die wollen wir uns nun ansehen, solltest du nicht was anderes zu tun haben.

Die wahrgenommene Wirklichkeit

Hier sollte man grundsätzlich zwei verschiedene Kategorien der Wahrnehmung hervorheben. Erstens, die zurechtgebastelte- und zweitens die so wahrgenommene Wahrheit.
Auf den ersten Blick sehen beide Möglichkeiten identisch aus, aber bei näherer Betrachtung stellen wir fest, dass es feine, aber gravierende Unterschiede gibt.
Nehmen wir also zuerst die erste Möglichkeit. Ein Umstand, eine Tat sind so geartet, dass sie der Umwelt als negativ auffallen könnten, im besten Falle sogar einem selbst. So etwas nennt man dann Gewissen. Unsere Erziehung und unsere Umwelt haben uns so geprägt, dass wir erkennen was falsch und was richtig ist, was wahr und was unwahr ist. Tritt also der Fall ein, dass wir Nachteile zu erwarten haben, weil wir etwas getan haben, was als nicht akzeptabel gilt, so versuchen wir es zu verbergen. Zunächst natürlich vor all den anderen, die zu einem negativen Urteil kommen könnten. Wir sagen, danach gefragt, schlicht und einfach die Unwahrheit, oder um es deutlicher zu sagen, wir lügen. In vielen Situationen kommen wir damit auch davon. Solange wir die Lüge richtig umhüllen, die Wahrheit verschleiern und wir nicht sowieso grundsätzlich als Lügner dastehen. Wurden wir nämlich schon einmal bei einer Lüge ertappt, so tritt oft das Sprichwort in Kraft: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht.“ Man sollte also vorsichtig sein mit dem verdrehen der Wahrheit.
Alles wäre in Ordnung mit dieser Lüge, wäre da nicht dieses Gewissen, welches uns plagt. Wir wissen, es war nicht richtig, was wir sagten. Das Gewissen wird schlecht, schlecht für uns, egal wie sehr wir die Stimme in uns zu ignorieren wünschen, sie versuchen beiseite zu schieben und (innerlich) die Ohren zuhalten wollen. Sie ist aufdringlich, Nerv tötend und sie gibt niemals auf. Also müssen wir sie bekämpfen, ihr den Mund zukleben, sie zum Schweigen bringen. Doch wie kann man das? Wie ist es möglich, uns selbst zu täuschen? Klar, wir belügen uns einfach. Dies ist ein schweres, aber nicht unmögliches Unterfangen. Wir müssen uns die Unwahrheit nur oft genug selbst erzählen. Wiederholung um Wiederholung. Nichts lässt einen etwas mehr glauben, als wenn man es oft genug hört.
„So kann es nicht gewesen sein, denn es wäre ja falsch und ich ein schlechter Mensch. Ich bin aber kein schlechter Mensch, also war es auch nicht so.“ Was nicht sein darf, das nicht sein kann. Nicht sofort, aber nach und nach nehmen wir an, wir haben alles richtig gemacht, also ist die Tatsache die wir ursprünglich noch kannten, bald selbst in unserem Kopf so unwahrscheinlich, wie nur möglich. Und irgendwann glauben wir uns dann selbst. Vielleicht passiert das mehr unbewusst, als bewusst, aber es passiert und nach diesem Prozess kann man uns fragen wie es war und wir erzählen es dann, wie unser Gehirn es letztendlich abgespeichert hat. Wir lügen ohne rot zu werden, denn wir erkennen die Lüge ja nicht mehr als solche. Wir haben uns die Wahrheit zurechtgelegt. Es bedeutet harte Arbeit, aber es ist schlussendlich nicht unmöglich. Noch schwerer wird es, diese Lüge sich selbst wieder vor Augen zu führen, sie zu enttarnen und die eigentliche Wahrheit wieder als solche zu akzeptieren, ein Prozess, den nur sehr wenige schaffen und überhaupt nur versuchen.

Anders verhält es sich meiner Meinung nach mit der wahrgenommenen Wahrheit. Vor allem bei krankhaften Veränderungen des Gehirns ist diese oft anzutreffen. Stichwort Demenz. Stichwort Alzheimer. Hier nimmt der Betroffene seine Umwelt anders wahr, als der Gesunde. Ängste werden mehr ausgelebt und können nicht mehr, oder zumindest nicht vollständig unterdrückt werden. Es kommt zu extremen Angstzuständen. Vor allem die Sorge allein gelassen zu werden ist eine der schrecklichsten Erfahrungen, die diese Menschen machen müssen. Zeiten des Alleinseins werden viel intensiver und vor allem länger wahrgenommen, als Fürsorge und Besuche. Letztere werden zwar wahrgenommen, aber nicht richtig registriert, da die dabei empfundenen Gefühle schnell wieder vergehen. Endorphine werden schnell aufgebraucht.
Angst aber produziert Stresshormone die sich länger im Körper aufhalten. Vor allem wird die Angst durch die Angst selbst geschürt. Es schaukelt sich also ein ungesundes Ungleichgewicht im Körper hoch. Man vergisst den Besuch, aber die Einsamkeit ist allgegenwärtig. Hier nimmt das Gehirn die Zeitspannen als unverhältnismäßig lange wahr. Und wenn etwas lange dauert, sagt uns das Gehirn, dann sind es mindestens Tage, wenn nicht Wochen und wenn wir uns vorstellen wochenlang keinen Kontakt zu anderen Menschen zu haben, es sei denn man wünscht es sich so, dann wäre das für uns auch eine unschöne Situation, um dies mal ganz vorsichtig auszudrücken. Der Kranke also hat das Gefühl, dass er sehr lange keinen Besuch hatte und er hat nicht die Möglichkeit es zu relativieren, oder richtig einzuschätzen. Er empfindet es als Wahrheit und diese Wahrheit muss man so akzeptieren. Zumindest muss man akzeptieren, dass dieser Mensch es so empfindet. In der Phase zwischen gelegentlichem Vergessen und dem totalen Verlust der Kurzzeiterinnerung durchlebt der Mensch die Hölle auf Erden. Nicht, dass er bewusst und willentlich sich selbst Lügen erzählt, er nimmt es einfach so wahr. Es IST seine Wahrheit. Nicht die universelle Wahrheit, aber die ist in dieser Situation auch völlig unwichtig.

tbc.

Sonnenaufgang

Hier sind mehrere Fallen eingebaut, die wir alle als wahr empfinden.
Erste Falle: Die Sonne geht jeden Morgen über dem Horizont auf. Der Morgen bezieht sich hier natürlich auf unseren jeweiligen Standpunkt, denn wenn bei uns Morgen ist, ist woanders schon heller Mittag und wieder woanders ist noch dunkelste Nacht, aber bleiben wir bei dem, was wir wahrnehmen. Die Sonne geht auf. Pustekuchen! Die Sonne hat zwar eine gewisse Eigenbewegung, aber sie lässt sich nicht dazu herab, um die Erde zu kreisen. Dies sind Überbleibsel aus der Zeit, in der wir es noch nicht anders wussten. Heute wissen wir es besser und dennoch sprechen wir noch genauso, wie unsere Vorfahren es vor tausend Jahren taten. Richtig wäre eher: Die Rotation der Erde erlaubt es wieder, die Sonnenstrahlen wahrzunehmen. Kein Mensch sagt das, außer vielleicht ein paar ganz hartgesottene Astrophysiker, den-noch wäre es zumindest korrekter. Aber hier ist der Grundstock unserer Ansicht, un-sere Wahrnehmung, einer Wahrnehmung von der wir wissen, dass sie uns narrt. Dennoch bleiben wir lieber bei unserer Aussage, als uns die Zunge zu verknoten und womöglich noch von unserem Gegenüber schief angesehen zu werden. Eltern erzäh-len es ihren Kindern, die erzählen es wiederum ihren Kindern und so reihen sich Ge-nerationen an Generationen seit unendlichen Jahren und es wird wohl auch weiterhin so bleiben. Obwohl wir unseren Kindern die Wahrheit als höchstes Gut verkaufen, lügen wir sie an. Na ja, wenigstens hier ist es ja keine wirkliche Lüge, oder?
Zweite Falle: Die Dichter haben sie besungen, wir haben ihre Worte aufgegriffen und machen sie uns zu Eigen. In romantischen Sätzen beschreiben wir sie, die „rotglü-hende Sonne“, die morgens über den Horizont steigt und die Welt in ein warmes Magenta hüllt.
Eine schöne Betrachtungsweise, aber auch eine falsche. Natürlich erscheint uns die Sonne rot. Das ausgesandte Licht wird durch Wassertröpfchen in der Atmosphäre gebrochen und nur die Frequenz, welche uns als Rot erscheint wird auf uns herab-gestrahlt. Wir nehmen die Sonne als roten Ball wahr. Obwohl wir uns daran erinnern, in der Schule gehört zu haben, die Sonne sei ein gelber Stern, nehmen unsere Augen etwas anderes wahr und unser Verstand verlässt sich auf dieses Trugbild. Außerdem ist es ja genauso, wie es uns die Dichter beschrieben haben.
Zum Glück ist es aber nur unsere Wahrnehmung und nicht die Realität. Sollte unsere Sonne nämlich tatsächlich anfangen im roten Licht zu erstrahlen, bliebe uns nicht mehr viel Zeit, denn dann läge die Sonne im Sterben, was natürlich auch nur eine Metapher ist. Da die Sonne jedoch nicht lebt, nicht nach unseren Maßstäben, kann sie natürlich auch nicht sterben. Richtiger wäre zu sagen: „dann ist der Vorrat an Wasserstoff weitestgehend verbraucht und die Sonne beginnt schwerere Elemente zu produzieren, was sie dazu veranlasst rot zu strahlen und sich immer weiter aufzu-blähen.“

Lichtgeschwindigkeit – Warp

Die SF hat es schon vor langem eingeführt: Lichtgeschwindigkeit und Warpreaktor, doch in der Physik lautet das eherne Gesetzt: „Nichts ist schneller als das Licht.“ Das Licht, also die Photonen, reisen mit einer Geschwindigkeit von ca. 300.000 km/Sek. Das ist unheimlich schnell und dennoch viel zu langsam. Selbst eine kleinere Entfer-nung, astronomisch betrachtet, wie zwischen Erde und Sonne bedeutet, dass das Licht ungefähr 8 Minuten braucht, um uns zu erreichen. Der nächste Stern ist 4,3 Lichtjahre entfernt, also braucht das Licht bis dahin 4,3 Jahre. Nun, das war den SF Autoren viel zu wenig. Man „erfand“ Möglichkeiten, dies besser zu machen, allem voran der Warpantrieb. Gene Roddenberry, dem Erfinder von Star Trek, gelang damit der große Wurf. In einer Warpblase könnten sich Raumschiffe viel schneller bewegen, als das Licht, denn die Warpblase würde einen Subraum erschaffen und damit wäre beides geschafft, die Gesetze der Physik blieben bestehen, man befindet sich ja nicht im eigentlichen Raum, und man käme schneller voran, als das Licht. Man krümmt damit sozusagen den Raum, aber wie die Wissenschaftler lange sagten: „Völlig unmöglich.“ Eine Lüge der Fiktion.
Doch wie sieht es heute aus? Angeblich basteln Wissenschaftler an einem Warpan-trieb. Den Begriff haben sie natürlich geklaut. Allerdings jagen sich Meldungen und Gegenmeldungen schon mindestens mit Lichtgeschwindigkeit. Wahrscheinlich bleibt alles ein Geheimnis, bis der Erste vom Nachbarstern zurückkehrt.
Aber begeben wir uns zu den Teilchen, diesen winzigen Bausteinen der Materie und allem anderen. Hier tauchen immer wieder Aussagen auf, dass sich einige Teilchen superluminar, also überlichtschnell bewegen, doch immer wieder findet sich auch eine Gegenstimme. Stimmt alles nicht. Hat sich jemand verrechnet, oder will jemand ein Geheimnis wahren? Einer von den beiden Standpunkten ist also definitiv eine Lüge, oder geht auch hier beides? Nun, auch das werden wir eines Tages wohl erfahren. Bis dahin bleiben wir einfach bei Einstein: Nichts ist schneller als das Licht, denn ein Teilchen welches die Lichtgeschwindigkeit „knackt“ bräuchte unendlich viel Energie. Doch auch etwas anderes ist wahr: Ein Gerücht und eine Lüge verbreiten sich schneller, als das Licht. Wer es nicht glaubt, sollte es ausprobieren. Oder bedeutet das, dass eine Lüge schon immer beim Empfänger war und nur deshalb ohne Verzögerung ankommt? Aber woher kommen dann all die Geschichten in denen Zwillinge oder Liebende es sofort wussten, wenn dem anderen etwas zugestoßen war?

Quantenphysik

Nun begebe ich mich auf sehr dünnes Eis. Erstens steht die Wissenschaft noch ganz am Anfang dieses Gebietes und zweitens stehe ich noch ganz am Anfang das zu begreifen, was die Wissenschaft schon herausgefunden hat. Was mir immer ein Rät-sel bleiben wird ist, wie man sich mit etwas beschäftigen kann, was man weder se-hen, noch wirklich verstehen kann. Nun, vor noch gar nicht allzu langer Zeit sprach man vom Atom als kleinstes unteilbares Teilchen der Materie. Spätestens das Man-hattenprojekt hat uns gezeigt, dass es mit der Unteilbarkeit nicht weit her ist. Die Wissenschaft hatte sich geirrt und die Wissenschaft hat es bewiesen. Das Atommo-dell wurde überarbeitet. Es gab also Protonen, Elektronen und Neutronen, doch die Wissenschaft gab sich nicht damit zufrieden und wollte wissen, woraus die Protonen wohl bestehen und wenn man schon dabei war, auch gleich woraus die Elektronen bestehen.
In der Quantenphysik ist manches nicht so, wie es in der Realität wahrgenommen wird. Hier werden theoretische Modelle durchgespielt, die den Laien mehr verwirren, als ihm Klarheit zu verschaffen. Es werden Themen wie „Gleichzeitigkeit“ angefasst. Mit dem richtigen Rahmen können also Dinge sowohl, als auch sein. Schönstes Bei-spiel ist wohl das Gedankenmodell „Schrödingers Katze“.
[…]Das Paradoxon besteht darin, dass dem Gedankenexperiment nach, eine Katze mit den Regeln der Quantenmechanik in einen Zustand gebracht werden könnte, in dem sie gleichzeitig „lebendig“ und „tot“ ist und in diesem Zustand verbleibt, bis die Experimentieranordnung untersucht wird. Die gleichzeitig tote und lebendige Katze würde erst dann eindeutig auf „lebendig“ oder „tot“ festgelegt, wenn man sie beo-bachtete, also eine Messung durchführte.[…](Aus Wikipedia)
Also ich verstehe nur Bahnhof.
Manche Teilchen existieren paarweise. Was dem einen Teilchen passiert, passiert dem anderen auch und zwar im selben Augenblick, nicht eine millionstel Sekunde früher, oder später. Gleichzeitig macht es dabei nichts aus, ob die Teilchen im Nach-barraum oder Lichtjahre voneinander entfernt sind.
Jetzt ist die Frage erlaubt: Was hat das mit der Wahrheit zu tun? Interessante Frage, berechtigte Frage, gute Frage. Zunächst einmal eher gar nichts, auf der anderen Sei-te eine ganze Menge. Zunächst einmal fand die Quantenphysik einiges heraus, was dem widerspricht, was wir schon sehr lange als Wahrheit empfunden haben, doch es gibt noch einen anderen Punkt. Die Wissenschaft stellt Thesen auf und beweist sie anschließend. Diese gelten dann für einige Zeit, manchmal auch für etliche Jahrhun-derte, als Wahrheit, nur um von einer anderen Generation widerlegt zu werden. Nehmen wir doch die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts. Diese warnte eindringlich vor zu hohen Geschwindigkeiten. Als die ersten Züge gebaut worden waren mutmaß-te man, dass solch enormen Kräfte zu viel seinen für einen menschlichen Körper. Immerhin sollten hier Geschwindigkeiten von bis zu 20 km/h erreicht werden. Heute lächeln wir darüber. Wir wissen es einfach besser. Oder die Aussage: Die Erde ist eine Scheibe. Widerspruch war lebensgefährlich. Viele Punkte die lange Zeit als un-umstößliche Antwort galten, entpuppten sich als falsch, als Lüge, als Unwahrheit. Die glorreichen Superhirne, die sich heute mit der Quantenphysik befassen, gelten viel-leicht morgen als Spinner und wie zur flachen Erde, oder zu der unglaublichen Ge-schwindigkeit von 20 km/h, werden zukünftige Generationen über unserer Physik von heute stehen.

tbc.

Farben

Es leuchtet das Gras so grün nach dem erfrischenden Regen. Okay, was bitte hat dies mit Wahrheit zu tun? Leuchtet das Gras nicht wirklich frisch und grün? Nun, das liegt im Auge des Betrachters. Mancher mag den Regen nicht und sieht nur die Nässe und nicht das Grün, aber das ist Sache dessen, der die Augen verschließt. Das Gras leuchtet grün. Das ist wahr. Ist das Gras aber grün? Nein! Das Gras selbst hat alle Farben des Regenbogens, außer grün. Wie kann das sein? Nun ganz einfach. Grün ist das Licht, welches das Gras zurückwirft, also reflektiert, daher erscheint es grün, aber behalten, aus dem Spektrum des Lichtes, tut es alle anderen Farben. Haarspalterei! Ja, aber gespalten oder nicht, da beißt die Maus keinen Faden ab. Wir nehmen Farben nur wahr, weil genau dieses Spektrum des Lichtes reflektiert wird. Eine rote Rose erscheint nur rot, weil… okay. Jetzt hat es jeder verstanden. Seltsam, aber doch wahr. Die Farbe der Dinge ist immer etwas anderes als das, was wir se-hen. So erscheint es mit vielen Dingen. Nicht das was wir sehen ist wahr, sondern oft das, was wir nicht sehen. Wahr ist, was uns wahr erscheint, wohl wahr, aber wahr muss wahr bleiben, für alle und jeden und das, was nicht wahr ist, ist eine Lüge. Aber bei den Farben der Dinge ist es noch ein bisschen anders, denn wir nehmen nur ge-wisse Spektralfarben wahr. Wir sind, was unser Sehvermögen angeht, recht einge-schränkt. Ultra und Infra nehmen wir gar nicht wahr, nicht mit den Augen. Infrarot spüren wir mit der Haut, aber manche Tiere können auch dies mit den Augen wahr-nehmen, genauso wie Ultraviolett. Also ist unsere seltsame Wahrheit, was die Farben angeht, noch unwahrer durch die Eingeschränktheit unseres Sehvermögens. Wenn aber dies bei Farben so ist, vielleicht ist es auch mit anderen Dingen so? Ja, ganz bestimmt. Unser Wahrnehmungsvermögen ist viel eingeschränkter, als wir es wahr haben wollen. Tiere spüren ein Erdbeben lange bevor es stattfindet, weil sich die elektrische Spannung in der Umgebung ändert. Vögel haben oft die Fähigkeit, sich nach dem Magnetfeld der Erde zu orientieren, vom Ultraschall einer Hundepfeife ganz abgesehen. Oder nehmen wir das fantastische Gehör der Fledermäuse. Menschen können mit viel Übung fledermausähnlich hören, aber nur sehr wenige beherrschen das und die haben es nur gelernt, weil sie das Sehvermögen verloren haben.

In vino veritas

Im Wein liegt Wahrheit. Das ist doch mal was. Also her mit der Flasche und weg mit den Lügen. Ganz so einfach ist es wohl eher nicht.
Vielmehr geht diese These davon aus, dass Alkohol die Hemmungen löst und dadurch vieles ans Licht kommt was wir ansonsten verschweigen würden. Ver-schweigen ist aber auch eine Art von Lüge. Man sagt nur die halbe Wahrheit oder verschönt sie. Mit genügend Alkohol im Blut lässt dieser Mechanismus aber nach. Wir sagen dem anderen die bittere, ganze Wahrheit oder zumindest das, was wir darunter verstehen oder für eine Solche halten. Zumindest sagen wir dem anderen dann, was wir so denken, unter anderem über ihn. Warum aber sagen wir das nicht wenn wir nüchtern sind? Nun, wir wollen ja unsere Freunde nicht verlieren, indem wir ihnen sagen, was wir von ihnen halten, oder von dem was sie tun oder nicht tun. Es ist eigentlich traurig, dass wir nicht sagen können was wir denken, traurig, dass wir keine besseren Freunde haben. Ein wirklich guter Freund würde von uns erwarten, dass wir offen sind zu ihm, dass wir das sagen, was wir denken, was wir empfinden, was wir meinen. Andersherum würden wir zu einem Freund auch Vertrauen haben, es zu tun. Ist er dann nicht mehr unser Freund, war er es in Wirklichkeit niemals.
Es mag ein schmerzliches Unterfangen sein, aber wollen wir Gewissheit haben ob ein Freund auch wirklich ein Freund ist, sagen wir ihm einfach mal die Wahrheit, of-fenbaren ihm unser Innerstes. Das verlangt Mut und Vertrauen, denn das Gegenüber kann jederzeit das Gesagte gegen uns verwenden, aber dann sind wir sicher, ob es ein Freund ist, oder nicht. Das ist wie in einer Partnerschaft. Nirgends ist man verletz-licher, nirgends aber auch gleichzeitig sicherer. Es ist eine Gratwanderung. Will ich eine Beziehung führen, die mehr bedeutet, als ein Trauschein, mehr als ein Stück Gold am Finger oder will ich Sicherheit vor allem und jedem? Nur das Herz, welches in die Schlacht geführt wird, kann wirklich schlagen. Ein Herz, welches immer in Ruhe und Frieden lebte, wird schließlich erschlaffen und nicht mehr funktionsfähig sein. Ein Herz muss schlagen, muss arbeiten um gesund zu bleiben. Das gilt nicht nur für das Organ in unserer Brust. Haben wir Mut zur Verletzlichkeit, dann brauchen wir keinen Wein mehr um die Wahrheit zu sagen, höchstens um ein bisschen zu lallen.

Wirklichkeit

Wahrheit und Wirklichkeit. Eine Einheit oder ein Widerspruch? Was ist wirklich „wirk-lich“? Gibt es eigentlich einen totalen Begriff der Wirklichkeit oder ist es einfach eine Gefühlssache? Beides ist wohl wahr, beides ist falsch.
Die Wirklichkeit ist nicht so wie sie erscheint sondern so, wie sie wirklich ist, aber wir können sie nicht erfassen. Wie auch? Jeder hat seine Vorgeschichte, seinen Kontext, seine schlechten und guten Erfahrungen und all das ist es, was uns die Wirklichkeit wahrnehmen lässt. Kein Mensch kann völlig vorurteilsfrei seine Umwelt wahrnehmen. Vielleicht versucht unser Ratio dies zu tun, aber unsere Hormone lassen es nicht wirklich zu. Es ist ein mühevoller, schmerzhafter und fast unmöglicher Prozess wenigstens zu erkennen, wann uns unser vegetatives Nervensystem das Gehirn et-was interpretieren lässt.
Beispiel: Ein Mann (es kann natürlich auch eine Frau sein) rutscht auf der Straße aus. Wir kennen den Mann nicht und können deswegen recht objektiv das Geschehen einordnen. Zwei zufällige Passanten stehen in der Nähe und beobachten das Geschehen. Der eine lacht sich halb schief, der andere steht da und weint. Was ist geschehen? Passant Nummer 1 sieht eine Szene, die seinem Humor entspricht. Er lacht sich auch immer einen ab, wenn er Sendungen sieht, die solche Szenen zeigen. Der Passant Nummer 2 hingegen denkt an einen geliebten Menschen, der ebenfalls gestürzt ist, allerdings sehr unglücklich und sich so sehr verletzte, dass er an den Folgen starb.
Die Wirklichkeit ist eindeutig, doch wie wir sie wahrnehmen ist völlig unterschiedlich. Ist es Schadenfreude oder Mitleid? Springt das Gehirn in seiner Erinnerung an einen Ort oder ein Geschehen, welches uns beeindruckt hat, so empfinden wir das damalige Gefühl nach.
Ein anderes Beispiel wäre alte Geschichte in der Kommunikationslehre: Er sagt: Die Ampel ist grün. Sie interpretiert das Ganze, hört es mit einem der vier Ohren und je nachdem, welches sie auswählt, fällt ihre Antwort aus. (Wer sich mehr dafür interes-siert kann dies nachlesen bei Friedemann Schulz von Thun: Das 4-Ohren.Modell.)

Krankhafter Lügner

Der letzte Teil meiner kleinen Exkursion behandelt etwas, was mit „normalem“ Lügen nichts mehr zu tun hat. Krankhaftes Lügen (Pseudologia Phantastica) ist, wie der Begriff ja schon sagt, krankhaft bedingt. Irgendwo in der Entwicklung des betroffenen Menschen ist im Gehirn etwas schief gegangen und derjenige kann gar nicht anders. Er muss lügen. Im Volksmund werden solche Menschen oft Hochstapler genannt. Man sagt auch, dass sie am Münchhausensyndrom leiden.
Für solche Menschen gilt nur eines: Sie wollen, ja sie müssen im Mittelpunkt stehen. Nicht jeder der im Mittelpunkt stehen will leidet an PP. Positiv ausgedrückt wäre dies ein Darstellungstyp. Das ist einer der vier Grundtypen in der Psychologie, die Perso-nen beschreibt, die sich selbst gerne darstellen. Eine Kategorie in die viele Schau-spieler fallen.
Um dieses Ziel zu erreichen erfinden sie, wie Baron Münchhausen, die abenteuer-lichsten Geschichten, in denen sie immer den Helden verkörpern.
Sie haben eine Menge sehr guter Eigenschaften. […]Charakteristisch für krankhafte Lügner sind ein gutes Gedächtnis, ausgeprägte schauspielerische Fertigkeiten und überdurchschnittliche verbale Fähigkeiten sowie ein sympathisches, gewinnendes Auftreten. [] (Psychomedia)
Aber anstatt diese Eigenschaften positiv einzusetzen, verwenden sie diese, um sich selbst ins Licht zu stellen. Das gewinnende Wesen verleitet die Zuhörer, alles zu glauben. Das gute Gedächtnis erlaubt dem krankhaften Lügner sein Lügengebäude aufrechtzuhalten und sich nicht in Widersprüche zu verwickeln. Die verbalen Fähig-keiten machen ihn zu einem gekonnten Erzähler, dem man einfach gerne zuhört.
Mancher versucht sich in diesem Genre, hat aber nicht das passende Gedächtnis. Bei ihnen heißt es anschließend oft: „verwickelte sich in Widersprüche“. Die wahren Meister aber werden selten durchschaut.
Sollte man einem begegnen, wird man ihm wohl auf den Leim gehen. Hier kann der Laie auch nicht helfend zur Seite stehen. Hier kann nur professionelle Hilfe eines Psychologen helfen. Allerdings ist auch das schwer, denn oft verbohrt sich der krankhafte Lügner in seine Geschichte und glaubt sie schließlich selbst.

Schlusswort

„Lügen haben kurze Beine.“ „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht.“ „Die Lüge ist wie ein Schneeball, je länger man ihn wälzt, desto größer wird er.“
Sprichwörter und Zitate, die wir alle kennen. Wir haben schon als Kind beigebracht bekommen: „Sag die Wahrheit.“ Doch das Leben lehrt uns allzu oft, mit Lügen, Halb-wahrheiten und kleinen Schummeleien kommen wir weiter.
Wie ich mich auch immer entscheide, sofern es nicht krankhaft ist, ich muss damit leben. Aristoteles sagte einst: „Einen Fehler durch eine Lüge zu verdecken heißt, einen Flecken durch ein Loch zu ersetzen.“ Ich sollte zu meinen Fehlern stehen, schließlich machen sie mich menschlich. Ich sollte der Lüge abschwören und einfach auch sagen: „Was wahr ist, muss ohne Vorbehalt gesagt werden.“ Mein Gedächtnis ist nicht gut genug um mir alle Lügen zu merken. Ich habe schon mit der Wirklichkeit meine liebe Not. Ich will testen, wer meine Freunde sind, aber ich will dennoch keinem ein Leid zufügen. Hier muss ich sanft und Stück für Stück vorgehen.
Ich will nicht nur vor Gericht sagen: Die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

Ende

Geschenkt ist zu billig

Es gibt natürlich Geschenke, die ich hoch achte. Ich erinnere mich an meine erste Armbanduhr. Ich war sehr stolz, nun auch zu den Uhrenbesitzern zu gehören. Doch ich gab dennoch nicht sonderlich Acht auf sie und so fiel sie einem Schwimmbadbe-such zum Opfer.
Andere Geschenke, wie das der Zuneigung nehme ich oft nur wahr, wenn sie mir entzogen werden.
Geschenke sind von Natur aus eben Geschenke, nichts was man sich erstritten, er-spart oder sauer verdient hat. Natürlich schätze ich Geschenke der nichtmateriellen Art und kann manchmal nicht dankbar genug sein, dass sie mir gewährt werden.
Manche Geschenke aber achte ich viel zu wenig.
Ich bin aufgewachsen in einer Demokratie. Ich habe Freiheiten, die für mich so selbstverständlich sind, wie die Luft zum atmen. Aber achte ich sie auch?
Ich glaube nicht! Ich bin in einem Land aufgewachsen, welches die Demokratie ge-schenkt bekommen hat, ja sogar aufgezwungen bekam. Nach dem letzten Weltkrieg gab es für Westdeutschland gar keine Alternative. Die Alliierten hätten gar keine an-dere Regierungsform zugelassen. Anders, als der vierte Alliierte, aber das ist ein an-deres Kapitel.
Nach dem gescheiterten Versuch von 1848 und dem der Weimarer Republik war es nun, ganz ohne Volksbegehren soweit. Wir waren ein freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat, natürlich zunächst unter der Oberhoheit der Alliierten, doch die „Grün-der“ der Republik stellten sich gar nicht so dumm an und bald war Deutschland, in diesem speziellen Fall die BRD, wieder ein respektabler Partner für unsere Nachbarn und für die Welt. Uns ging es gut. Dank Wirtschaftswunder, welches auch zum Teil ein Geschenk des Marschallplanes war, erwarben wir Wohlstand und Reichtum. Aber es war ein Geschenk, etwas, was wir uns nicht erkämpfen mussten, etwas was wir uns nicht erarbeitet hatten.
Natürlich hat diese Generation Unermessliches geleistet. Der Wiederaufbau wurde uns leichter gemacht, dennoch war es ein hartes Stück Arbeit, ein sehr hartes Stück Arbeit.
Doch die nachfolgende Generation, also meine, hat auch das geschenkt bekommen. Wir setzten uns ins gemachte Nest und fühlten uns wie die Made im Speck. Wohlge-nährt, mit Konsumgütern ausgestattet und mit Luxus umgeben. Es war das Paradies, doch wir hatten es nur geschenkt bekommen und wussten es nicht recht zu schätzen. Das ganze Gegenteil war der Fall.
Es kam schon bald die Zeit, in der wir aufbegehrten, oft zu Recht und mit ehrbaren Zielen. So wurde unsere Demokratie eine andere. Den unermüdlichen Kämpfern sei Dank, doch die breite Masse, also solche wie ich, haben es mal wieder geschenkt bekommen. Die Rechte der Frauen, Arbeitsrechte, jedes Jahr mehr Lohn, und vieles andere mehr, Geschenke ohne Ende.
Das höchste Gut des Menschen ist die Freiheit. Doch was, wenn er dieses Gut nicht zu würdigen weiß?
Unsere Geschwister von den Montagsdemonstrationen hatten erkannt, dass die Freiheit etwas ist, für das man auf die Straße gehen musste. Viele Westdeutsche haben gar nicht begriffen, was das in der DDR bedeutete. Hier war es sowas Alltägli-ches, sowas „schon immer dagewesenes“, dass man gar nicht begriff, dass diese Menschen ihre Leben, ihre Freiheit, ihre Gesundheit riskierten nur um zu sagen: „Wir sind das Volk!“ Und es kam, was kein Mensch erwartet hatte. Die Mauer fiel. Die Grenze wurde geöffnet und ich hatte zum ersten Mal eine blasse Vorstellung davon, was Schiller meinte als er schrieb: „Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt. Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt.“
Nicht, dass ich es auf Anhieb begriffen hätte, was da vor sich ging. Zu unfassbar war es. Die Bürger der DDR hatten es geschafft. Nicht alle hatten daran mitgewirkt, aber alle hatten sie, die Freiheit. Die Freiheit, dahin zu gehen wo man hinwollte, das sagen zu dürfen, was man sagen wollte. Dieses neue Staatsgebilde war der Keimling einer ganz neuen Zeit.
Doch dann kamen die „schlauen“ Brüder aus dem Westen. Schnell wurde den Neu-demokraten beigebracht, dass sie nun wieder Teil der BRD werden sollen, wie das die natürliche Weltordnung vorgesehen hat. Und im Überschwang des Hochgefühls wurde die neue Freiheit aufgegeben und die Wiedervereinigung wurde inszeniert. Bald waren die beiden Staaten nicht mehr gleichberechtigte Partner. Es galt nicht mehr das Prinzip der best praxis, sondern die Macht des Stärkeren, wobei auch dies Ansichtssache ist. Nicht der, der am lautesten ist, ist auch tatsächlich der Stärkere. Hier gibt uns die Natur in der Tierwelt einige schöne Beispiele.
Wieder einmal bekam ein Volk seine Demokratie geschenkt, obwohl es die ja schon hatte. Es wurde auf diktiert und schließlich blieb von den einstigen Errungenschaften der DDR kaum was übrig, nur der grüne Pfeil an den Ampeln und der unbändige Wunsch nach Freiheit. Wieviel hätte besser werden können, wenn man sich das Bes-te von beiden Seiten herausgesucht hätte. Aber wie bei einer Firmenübernahme gilt nicht, was ist besser, sondern was hat der Stärkere schon lange so gemacht.
Ein Volk, mit dem man so umgeht, ist nicht gewillt diese Geschenke hoch zu achten. Und endlich haben Ost und West eine wirkliche Gemeinsamkeit, allerdings nicht un-bedingt die vorteilhafteste.
Unzufriedenheit mit der Politik, das Gefühl verkauft zu werden, die Gewissheit, dass „die da Oben“ sich sowieso nicht um das Volk kümmern all das ist etwas, was unwei-gerlich kommen muss, bei solch einem System. Doch die Menschen sind müde. Sie haben nicht mehr die Kraft und den Willen aufzustehen und zu sagen: „Wir sind das Volk!“ Nein, der Weg hat einmal funktioniert, aber nun haben es die Menschen satt. Die da oben wissen, dass wir das Volk sind und es schert sie nicht, also bekommen sie die Quittung für ihr Verhalten. Wir wählen sie einfach nicht. Das trifft sie am meis-ten. Und damit es noch mehr weh tut, wählen wir eine Partei, vor der sie am meisten Angst haben. Sie werden schon sehen, dass wir uns nicht für dumm verkaufen las-sen. Dann müssen sie sich nach einem anderen Beruf umsehen und leben nicht mehr auf Kosten des Steuerzahlers. Dann müssen sie auch mal richtig arbeiten und sehen, wie es dem Volk so geht. Genau das werden wir tun. Die werden schon sehen, wohin sie uns gebracht haben. All die Fremden in unserem Land, all die Milliarden die nach Brüssel gegangen sind. All das…
Und wir werden blind. Wir sehen nur noch das, was wir sehen wollen, oder das, was uns geschickte Menschen sehen lassen wollen. Sie nehmen uns an der Hand, neh-men uns unsere Sorgen und Ängste und führen uns in, wie sie es nennen, gelobtes Land. Das Paradies. Keine Flüchtlinge mehr, nicht die Wurzel gepackt, sondern nur die Auswirkungen bekämpft. Keine Milliarden mehr nach Brüssel. Das dies eine der mächtigsten Gemeinschaften, die die Menschheit je gesehen hat zum Zerbrechen bringt – was soll‘s? Ein Garant für Frieden in Europa? Lächerlich. In unserem Land wird Frieden herrschen!
Frieden? Freiheit? Demokratie? Sind doch alles nur Worte.
Mir wird ganz übel, wenn ich das höre. Ich lasse mich doch nicht wie ein Schaf zur Schlachtbank führen, lasse mir doch nicht meine Freiheit rauben. Ich will nicht zu den Ewiggestrigen gehören. Zurück in eine Gesellschaft, die nur verändert wurde, weil genügend Menschen darum gekämpft haben.
Bin ich denn blind? Lasse ich mich von meinen Ängsten soweit bringen, dass ich meine Freiheit aufgebe, weil es einfacher ist, andere für einen denken zu lassen?
Nein!
Niemals!
Ich will aufstehen, wie Bots es einst sang. „Alle Menschen sollen aufstehen.“ ein kla-res Zeichen setzen. Gegen das „Für-dumm-verkauft-werden“, gegen alles und jeden, der mir meine Freiheit nehmen will. Oberster Grundsatz ist: Die schlechteste Demo-kratie ist besser, als die wohlwollendste Diktatur. Morgen ist Montag, nein, jeder Tag ist Montag. Verkauft nicht eure Demokratie. Die Macht muss vom Volke ausgehen. Lasst uns den Begriff „Republik“ wieder mit Leben erfüllen. Res Publika. Das Ding des Volkes. Das soll uns keiner wegnehmen, schon gar keiner, der es nicht begriffen hat, was Schiller schrieb: „Alle Menschen werden Brüder.“ Alle, nicht nur die Deutschen, auch die Syrer, auch die Kenianer, alle Menschen eben. Wer das anders sieht: Es gibt einige Länder auf der Welt, wo euer Ziel schon erreicht ist. Nicht mehr viele, aber einige. Aber passt bitte auf. Auch in diesen Ländern leben Menschen und eines Tages sagen auch sie: „Wir sind das Volk!“
Wir könnten euch natürlich in Umerziehungslager stecken, aber – hatte ich ja schon ganz vergessen – das sind ja eure Methoden, nicht unsre. Wäre ich ein böser Mensch, dann würde ich euch dahin wünschen, wo der Pfeffer wächst, aber das tue ich nicht. Die armen Menschen in Asien haben ganz andere Probleme, als sich mit euch zu befassen. Deshalb sage ich nur: Finger weg von unserem Land. Menschen wie ihr sind hier nicht willkommen. Wir erdulden euch, aber nicht übertreiben, denn WIR sind das Volk und nicht ihr allein!
Und an alle, die heute wählen: Bitte werft eure Freiheit nicht weg, nur weil ihr von der Politik enttäuscht seid. Die sind es nicht wert, dass man alles aufgibt, nur um ihnen zu zeigen, dass sie Fehler machen. Auch Politiker sind, wie ich aus zuverlässiger Quelle erfahren habe, Menschen. Und Menschen sind nicht vollkommen. Sie bemühen sich. Gebt ihnen und uns noch eine Chance.

Artikel 20, 2 GG: Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wah-len und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollzie-henden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.

Auryngedanken

Tu, was du willst! Das steht auf der Rückseite des Auryn, dem Zeichen der Kindlichen Kaiserin in der Unendlichen Geschichte.
Bastian legte den Satz so aus, wie es wohl jeder gemacht hätte. Er tat, was er wollte. Jeder Wunsch wurde ihm erfüllt. Alles, was er sich je erträumt hatte, ging in Erfüllung. Doch zu welchem Preis? Bastian erkannte erst sehr spät, fast zu spät, was der Satz wirklich bedeutete. Nicht tun und lassen zu können, was einem gerade in den Sinn kommt, sondern das zu tun, was der wahre Wille ist. Und auch den wusste er nicht gleich. Er musste erst danach suchen, denn es war komplizierter, als er es sich vorgestellt hatte. Sein Wunsch war nicht, geliebt zu werden, sondern zu lieben. Es kostete ihn alles, jede Erinnerung an sein früheres Leben und als er endlich gefunden hatte was er suchte, wusste er nicht mehr, wen er lieben wollte. Er erkannte seinen eigenen Vater auf dem Bild nicht mehr und nur durch die Hilfe seines Freundes, den er zuvor nicht gerade freundschaftlich behandelt hatte, fand er den Weg zurück.
Er hatte seinen wahren Wunsch gefunden, doch wie sieht es mit uns aus? Was wünschen wir uns? Und wie sieht es aus, wenn unsere Wünsche in Erfüllung gehen? Nun, betrachten wir eine ganz alltägliche Geschichte:
Ein Mann (es könnte natürlich auch eine Frau sein) fährt auf einer vielbefahrenen Straße. Diese ist in einem erbärmlichen Zustand. Sie hat keine Schlaglöcher, sondern die Schlaglöcher werden von ein wenig Straße umrahmt. Das Fahren ist mehr als unangenehm und die Stoßdämpfer werden auf das äußerste belastet. Im ersten Moment nennt er die Straße noch – voller Humor – Kukident Teststrecke. Doch schon nach wenigen Minuten wird das Ganze surreal wahnwitzig und der Mann beginnt zu schimpfen. „Das ist eine Zumutung! Kann man nicht endlich mal ein wenig Geld in die Hand nehmen und diese Straße reparieren?“
Damit hatte er seinen Wunsch ausgesprochen: Die Reparatur der Straße. Nachvollziehbar. Jeder andere hätte wahrscheinlich denselben Wunsch geäußert.
Zwei Wochen später ist unser Mann gezwungen, dieselbe Straße zu nehmen und gerät prompt in einen Stau. Schrittweise geht es nur voran und wieder liegen die Nerven blank. Nach endlosen Minuten stellt er den Grund für den Rückstau fest: Eine Baustelle. Die Arbeiter reparieren die Straße und nicht nur notdürftig, sondern gründlich. Deswegen ist eine Spur gesperrt und der Stau ist vorprogrammiert. Dies wäre der Zeitpunkt an dem sich unser Mann freuen könnte, denn sein Wunsch wurde erfüllt und erfüllte Wünsche sind doch etwas Wunderbares. Doch wir ahnen es schon, von Freude keine Spur. Der Stau hat die Freude genommen und die Verzögerung seines Vorankommens schürt neuen Ärger und damit einen neuen Wunsch. Dabei ist doch alles nach Wunsch gelaufen. Da sage ich nur: Vorsicht vor Wünschen, die in Erfüllung gehen.
Ein anderer Ort, eine andere Zeit, ein anderer Wunsch.
Seit Tagen, ja seit Wochen hat es nicht mehr geregnet. Alles ist trocken und ausgedörrt. Man kommt gar nicht mehr nach, den Garten zu sprengen und ganz nebenbei ist es seit einiger Zeit auch noch verboten. Kein Autowaschen, keine Gartenbewässerung. Wasser ist knapp und darf nur noch für Trinken und Hygiene benutzt werden. Natürlich hält sich nicht jeder daran, aber eines machen fast alle: Schimpfen. Auf das Wetter, auf die Regierung, auf die Konzerne. Die sind schließlich schuld an der Erderwärmung. Nur die eigene Nase fasst kaum einer an. Das bisschen kann ja auch nicht so schlimm sein. Natürlich genieße ich den Wohlstand und ich mag es nicht, wenn Sachen teurer werden. Viel bekommen und wenig bezahlen. Außerdem hat man bei der Hitze sowieso keine Lust tiefschürfenden Gedanken nachzuhängen. Der Wunsch ist schnell gefunden: Es soll endlich regnen.
Dann kommt der Tag der Tage! Es regnet! Nicht ein bisschen, sondern so, als wären die Pforten des Himmels gebrochen und wollten alles in Wasser ertränken. Nun waren alle Menschen glücklich, denn die lange Trockenzeit war nun vorüber. Dreimal darf man fragen, wie lange dieses Glück angehalten hat.
Vielleicht sind das nicht die besten Beispiele, aber sie sollen ja auch nur zeigen, dass einfache Wünsche nicht unbedingt einfach zu erfüllen sind. Und ist es nicht meist so, dass ein erfüllter Wunsch nur einen neuen hervorruft? Die Geschichte vom Fischer und seiner Frau ist wohl bekannt und es gibt sie in verschiedensten Varianten. Doch unter dem Strich sind sie alle gleich. Man bekommt seinen Wunsch erfüllt und merkt, dass man eigentlich mehr will. Was soll man sich mit einer Million zufrieden geben, wenn man auch zwei haben kann, oder drei, oder hundert. Und hat man die, ist es bis zur Milliarde nicht mehr weit.
Was sind unsere Wünsche? Sind es Träume? Oder sind es Begehrlichkeiten? Und eine ganz andere Frage: Sind unsere Wünsche, wenn sie in Erfüllung gehen, gut für uns? Ich bezweifle das manchmal. Jemand sagte mal: Gott erfüllt uns nicht alle Wünsche, weil er einfach Besseres für uns bereithält. Und was wäre, wenn alle unsere Wünsche in Erfüllung gingen und wir wunschlos glücklich wären? Wäre das nicht das größte Unglück überhaupt? Man hätte kein Ziel mehr, auf das man zustreben kann, nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnt.
Es gab Zeiten, da musste ich sehr lange warten, bis ich etwas kaufen konnte. Monate des Sparens, aber auch der Vorfreude. Dann kam der Augenblick. Ich ging in den Laden, nahm den ersehnten Gegenstand und zahlte an der Kasse mit all dem Gesparten. Fast konnte ich sagen welche Münze ein versäumtes Eis war und welcher Schein eine versäumter Film im Kino und der dort, der wäre beinahe eine Pizza geworden. Alles Wünsche, die ich dem großen Wunsch untergeordnet hatte. Und dann hielt ich den einen Gegenstand in der Hand und ich freute mich unendlich darüber. Wie einen Schatz brachte ich ihn heim und beäugte ihn sehr genau. Und dann hütete ich ihn, als wären es die Kronjuwelen. Natürlich war es so, dass dann auch wieder neue Wünsche aufkamen, wieder etwas wofür man auf Eis, Pizza und Kino verzichten mochte. Aber die Zeit zwischen den Wünschen war lange genug um den einen richtig genießen zu können. Ich hörte die LP so lange, bis ich auswendig mitsingen konnte, bis nur ein Ton im Radio gespielt werden musste und ich wusste sofort, welches Lied nun kommen würde. Ich hatte nicht viele LPs, aber die, die ich hatte, die besaß ich wirklich und sie gehörten zu mir, wie nichts anderes. Ich identifizierte mich mit dieser Musik.
Heute klicke ich im Internet auf eine CD, gebe sie in den Einkaufswagen und bekomme eine weitere vorgeschlagen, die ich ebenfalls in den Einkaufswagen lege. Schnell sind es vier, oder fünf neue CDs. Ein paar Tage später bringt der Paketdienst das Päckchen. Ich öffne es und schaue nach, ob die richtigen Tonträger geliefert wurden, habe gar keine Zeit, sie gleich zu hören und wundere mich nach Monaten, warum die Dinger noch eingepackt rumliegen. Was bin ich doch für ein reicher Mensch, der so im Überfluss lebt?
Früher war ich arm, konnte mir nur eine LP leisten und die auch nicht gleich. Aber wenn ich ganz ehrlich bin: Ich lebte nicht im Überfluss. Trotzdem war ich ganz schön reich. Ich konnte die Dinge in Ruhe genießen. Damals lernte ich Lieder auswendig, ohne mich anzustrengen. Heute weiß ich nicht mal mehr, welche Lieder auf den vielen CDs vorhanden sind. Ich kam damals gar nicht auf die Idee mir zu wünschen, soviel auf einmal kaufen zu können und ich weiß nicht, ob dieser Wunsch überhaupt wünschenswert gewesen wäre.
Bisher habe ich nur darüber geschrieben was Wünsche von mir für mich sind, aber es gibt ja auch noch die Wünsche, die ganz allgemein gehalten werden: Wünsche schöne Weihnachten, frohe Ostern, einen tollen Urlaub und was man dem anderen sonst noch so alles wünscht. Manchmal sind es Worte ganz ohne Inhalt und Wert, denn man sagt es, weil man das so sagt. Und wehe man tut das nicht.
Als ich einmal am zweiten Januar früh morgens noch müde von den Feiertagen und völlig unlustig auf Arbeit in den Bus eingestiegen bin und ich mich einfach auf einen Platz habe plumpsen lassen um während der Fahrt noch ein bisschen zu dösen, kam plötzlich eine lautstarke Beschwerde vom Busfahrer: „Kann man nicht mal ein gesundes neues Jahr wünschen?“ Ich war nicht der einzige, der still und stumm eingestiegen war, aber angesprochen habe ich mich doch gefühlt.
Klar, ich war ganz schön stoffelig, aber morgens um 5:30 Uhr bin ich halt noch nicht ganz wach. Ich habe also nicht getan, was man so tut, bin gesellschaftlichen Verpflichtungen nicht nachgekommen und habe mich somit eines schweren Vergehens gegen die Menschenwürde schuldig gemacht. Ob ich es in dem Moment ehrlich und aufrichtig gemeint hätte, war nicht so wichtig, man tut das eben!
Wie oft habe ich einem Kollegen einen schönen Urlaub gewünscht, ohne darüber nachzudenken, was ich eigentlich sage. Und wenn ich darüber nachgedacht hätte, hätte ich gewusst, was für den Kollegen schön bedeutet? Sind damit die Wünsche nicht blanker Hohn? Nein, so extrem würde ich es nicht ausdrücken. Wer kennt schon seinen Kollegen so gut, dass er weiß, was sich derjenigen selbst am meisten wünscht oder was ihm guttun würde? Natürlich gibt es auch die Kollegen, bei denen man weiß was sie nötig haben, aber diese Personen würde ich eher zur Kategorie Freund hinzuzählen, wobei Freund im weitesten Sinne gemeint ist. Ein wirklicher Freund ist noch einmal ganz etwas anderes. Es ist also ein Mittelding zwischen Freund bei Facebook und Freund, mit dem ich in den Urlaub fahren würde.
Nun will ich noch zur letzten Stufe der Wünsche kommen – die Wünsche für einen anderen. Sie sind nicht, wie die oben genannten, sondern solche, die ich nur wünschen kann, wenn ich mir um den anderen Gedanken gemacht habe, Wünsche die Begleiter sein sollen durch das Leben, oder wenigstens auf dem nächsten Lebensabschnitt, Wünsche die selbstlos sind und ganz auf den anderen fixiert.
Ein Lied von Udo Jürgens hat einen fantastischen Text: Ich wünsch dir Liebe, ohne Leiden. Ein anderes empfiehlt: Flieg nicht zu hoch, mein kleiner Freund. In beidem ist schon eine Vorstufe erreicht. Aus eigener Erfahrung gibt man Ratschläge oder einen Wunsch mit auf dem Weg. Nicht weil es für den anderen akut notwendig ist, sondern weil man von seinem Erfahrungsschatz etwas abgeben mag. Nicht immer kommen gute Ratschläge gut an. Manche Fehler muss man einfach selbst machen um daraus zu lernen.
Die Wünsche, die ich hier meine, resultieren aus dem genauen oder wenigstens annähernden Wissen um einen anderen, wenn man sich sehr gut kennt, oder ein langes Gespräch geführt hat, eines, in dem es nicht um das Wetter ging, sondern um tieferes. Oder man hat erlebt, wie sich jemand abmüht oder quält. Man weiß um die Not des anderen, um seine Ängste und sein Leid. Da kann man gezielt einen Wunsch aussprechen: Dass du deinen Ruhepunkt wiederfindest, dass du Heilung erfährst, dass du gut aus der Sache herauskommst, dass du die Kraft findest, es zu überstehen, dass du Trost findest und deine Trauer verarbeiten kannst.
Jeder hat schon solche Wünsche erhalten oder gegeben. Diese Wünsche sind nicht egoistisch. Sie sind nicht vermessen und sie sind niemals schlecht, denn man wünscht sich, dass es dem anderen gut ergehen möge, dass er Gewissheit bekommt, einer denkt noch an mich, ich bin nicht allein und am Ende wird alles gut. (Und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.)
Diese Wünsche sind wie eine unauslöschliche Bindung zwischen zwei Menschen. Da existiert ein Band, eines, das vielleicht vorher noch nicht da war, aber von diesem Moment an nicht mehr wegzudenken ist. Diese Wünsche bringen Heilung, während andere und seien es noch so fromme, Leid und Elend bedeuten können.
Oh, ich bin nicht ganz so blauäugig, wie manche annehmen. Ich weiß, es gibt auch Wünsche andere betreffend, die nicht so nett sind. „Ich wünsch dir die Hölle auf Erden!“ um nur einen zu nennen, aber diese Art von Wünschen zähle ich eher zu den Flüchen. Zwar kommt das Wort „wünsche“ in dem Satz vor, aber das kann man da getrost überhören. Im Wort Zitronenfalter kommt auch Zitrone vor und die haben nicht wirklich etwas mit der Zitrusfrucht zu tun.
Ich möchte zweierlei lernen. Erstens – meine Wünsche sorgfältig zu überdenken, damit ich mir nur das wünsche und erstrebe, was mir gut tut. Und zweitens – mehr Wünsche anderen Menschen zu schenken. Wenn dies jeder so machen würde, dann wären auch genug Wünsche für mich dabei. Von denen wüsste ich dann, dass sie auf jeden Fall gut sind.
Wer das gelesen hat, dem wünsche ich, dass er den Text wünschenswert empfindet. Des Weiteren wünsche ich dem Leser, dass er immer einen Wunsch übrig behält im Leben auf den er zusteuern und auf dessen Erfüllung er sich freuen kann.

Danke an Tindomiel, die als Beta ganze Arbeit geleistet hat.

Und noch ein Zitat von Robert A. Heinlein: „Oh ja, ich habe es gestern gesagt und ich sage es heute und morgen werde ich es wieder sagen, ganz einfach weil es wahr ist.“
Das ist für meine Dauerleser mit der Hoffnung, dass sie mir die Doppeltbehandlung dieses Themas nachsehen. Auf der anderen Seite sind es ja Selbstgespräche…