Sozialreformen und soziale Fürsorge im Kaiserreich

Während der Zeit des deutschen Kaiserreichs (Gründung 1871) bis hin zum ersten Weltkrieg (1914-1918) kam es innerhalb der Gesellschaft zu einigen Veränderungen.So gründeten sich die ersten Gewerkschaften und Jugendvereine ( Stichwort: Jugendbewegung) und es gab die ersten Sozialreformen (Stichwort: Sozialgesetzgebung Bismarcks).

Dieser Artikel ist Teil der Artikelreihe Geschichte der Sozialen Arbeit:

Hilfe-Formen und Merkmale einer archaischen Gesellschaft.

Hilfe-Formen und Merkmale einer hochkultivierten Gesellschaft.

Hilfe-Formen und Merkmale einer modernen Gesellschaft.

Armut, Soziale Sicherung und Almosenwesen im Mittelalter.

Armenfürsorge während Renaissance und Reformation.

Armenfürsorge im Absolutismus.

Soziale Frage und Armenfürsorge während der Industrialisierung

Elberfelder System und Straßburger System

Sozialreformen und Fürsorge im Kaiserreich

Volkswohlfahrt und Krise in der Weimar Republik

Soziale Arbeit in der Nachkriegszeit

Soziale Arbeit in den Siebziger Jahren

Zusammenfassung:Die Entwicklung der Sozialen Arbeit

Ebenfalls steigerte sich der Nationalismus ebenso wie die Kolonialisierung, Bestrebungen die letztendlich mit zum Beginn des ersten Weltkriegs führten.

Sozialversicherung und neue soziale Fürsorge

Da die Soziale Frage seit der Industrialisierung immer noch ungelöst war und dementsprechend große Teile der Arbeiter nach wie vor unter massiver Armut litten, kam es nun zu den ersten Sozialgesetzen innerhalb Bismarcks neuer Sozialpolitik.

Diese hatte klar die Absicht, die Bedrohung einer „Arbeiterrevolution“ gegen die Obrigkeit im Kaiserreich zu verhindert und die „immer lauter“ werdende Arbeiterschaft zu „befrieden“. Weiter wurden durch die ersten Varianten der Sozialversicherung auf staatlicher Seite massive Kosten eingespart, da in diese die Arbeitnehmer selbst einzahlen mussten.

Hier wurde also klar das Ziel verfolgt, die immer mehr aufgrund der Lebensumstände aufbegehrende Arbeiterschaft ( wegen der immer noch ungelösten „Sozialen Frage“) unter Einsatz von möglichst wenig staatlichen Ressourcen „endlich zum Schweigen zu bringen“ ( vgl. Bismarcks Sozialistengesetze).

So wurden verschiedene Sozialversicherungen neu gegründet:

  • Alters-und Invalidenversicherung (1889)
  • Krankenversicherung (1883)
  • Unfallversicherung (18849
  • Waisenrente ( 1914)
  • Diese neue Art der Sozialen Absicherung litt allerdings unter einer zentralen Problematik

    So hatte man ausschließlich dann Anspruch auf Hilfeleistungen durch die ver. Versicherungen, wenn man selbst Arbeitnehmer war, d.h. über eine Arbeitsstelle verfügte.

    Alle anderen Personen wie beispielsweise Frauen, Kinder, Arbeitslose, Kranke, Behinderte, Straftäter, Drogenabhängige etc. profitierten nicht von den neuen Sozialversicherungen: Hier galt nach wie vor das aus der Industrialisierung stammende „Bedarfsprinzip“.

    Den Menschen, die also am meisten auf eine solche Hilfe angewiesen waren, hatten hier keinen Hilfeanspruch. Hier spielt insbesondere der Faktor eine Rolle, dass der Staat damals kein eigenes Geld in die Sozialversicherungen investieren wollte und diese nur über die Beiträge der Arbeitnehmer finanziert wurden.

    Erst mit dem ersten Weltkrieg und der daraus resultierenden Massenverelendung, welche nahezu die gesamte Bevölkerung betraf, musste diese Problematik aus Sicht des Staates angegangen werden (siehe Weimarer Republik).

    Sozialreformen als Antwort auf die Soziale Frage?

    Wurde hier nun also endlich eine Lösung der Sozialen Frage aus der Industrialisierung gefunden? Eindeutig nicht: Es wurde nur das nötigste unternommen, um diesbezüglich einen Aufstand der Arbeiterschaft zu verhindern.

    Politisch wie auch finanziell hatte der Staat kein Interesse an einer umfassenden Verbesserung der Lebensumstände der Arbeiterschaft.

    Aber: Es wurde auch ein Prozess begonnen, an dessem Ende eine umfassende Soziale Sicherung stehen sollte und es bildeten sich erstmals wichtige grundlegende Tendenzen in der Sozialen Hilfe heraus.

    Wichtige Tendenzen in der Armenfürsorge entstehen

    Da viele verschiedene Bevölkerungsgruppen nicht die Leistungen der Sozialversicherungen beziehen konnten, rückten diese nun auch erstmals in den Fokus der Aufmerksamkeit und es wurde damit begonnen, für diese andere, spezifische Hilfsprogramme zu entwickeln.

    Hierdurch entwickelten sich ebenfalls die ersten wichtigen Tendenzen in der sozialen Hilfe an sich:

    • Pädagogisierung der Hilfe: Es wurden erstmals die Bevölkerungsgruppen sichtbar, die keine Leistungen der neuen Sozialgesetzgebung erhielten. Somit wurde auf diese auch erstmals pädagogisch gezielt eingegangen.
    • Professionalisierung der Hilfe: Durch die sichtbargewordenen vielen verschiedenen Notlagen wird nun klar, dass es viele weitere Spezialisierungen in der Hilfe geben muss.
    • Verwissenschaftlichung der Hilfe:Es gab dadurch ebenfalls die ersten systematischen Untersuchungen der verschiedenen Notsituationen.

    Fazit: Hierdurch wurden also erstmals überhaupt bestimmte „besondere Personengruppen“ die (auch aus heutiger Sicht) spezielle Hilfe benötigen und durch das „reguläre“ Raster der sozialen Hilfe fielen erkannt,analysiert und spezifiziert.

    Die Jugendphase wird entdeckt

    Erstmals wurde während dieser Zeit auch die Jugendphase nach heutigem Verständnis entdeckt:

    Durch die Jugendsozialpolitik unter Bismarck ( Arbeitsschutzgesetze etc.) gab es erstmals Dinge wie „Freizeit“ unter Jugendlichen, die ansonsten wie auch Erwachsene ununterbrochen am Arbeiten waren. So war dies eine wichtige Grundlage für die gesamte Jugendbewegung zu dieser Zeit.