Warum Leute, die Mobbing geschehen lassen, mehr Schaden anrichten als Mobber selbst

Hierbei handelt es sich nicht um einen Sachtext, sondern um einen Essay, der bewusst nur auf persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen beruht. Ich versuche zwar, die Problematik objektiv zu begreifen, muss das aber vermittels subjektiver Wahrnehmung tun. Ich kann daher nicht für die Richtigkeit meiner Angaben garantieren. Korrekturen, Hinweise, Widerlegungen etc. sind daher selbstverständlich jederzeit gern gesehen.

Aufgrund inhaltlicher Ähnlichkeiten sei an dieser Stelle sicherheitshalber darauf hingewiesen, dass die unter dem Nutzernamen Elli hier und hier geposteten Kommentare von mir stammen. Dass ich den Inhalt der Kommentare passagenweise in diesem Essay „recycelt“ habe, liegt nicht an Uninspiriertheit, sondern daran, dass meine damaligen Ansichten sich von meinen heutigen kaum unterschieden und ich Manches schon treffend genug formuliert hatte, um es übernehmen zu wollen. Das nur, damit niemand dem Eindruck anheimfällt, ich hätte diese Kommentare plagiiert – es sind tatsächlich meine eigenen.

Ich zitiere zwischendurch Gesetzesnormen. Zum Verständnis für Nichtjurastudenten und Nichtjuristen: Römische Zahlen bezeichnen den Absatz der Gesetzesnorm, die nachfolgenden arabischen Zahlen den Satz. Art. 20 II 1 GG liest sich also als Artikel 20 Absatz 2 Satz 1 Grundgesetz. GG steht für Grundgesetz, StGB für Strafgesetzbuch, StPO für Strafprozessordnung.

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I) Abstrakte theoretische Vorüberlegungen

1. Subjektives Schadensempfinden

Die Folgen der allermeisten Straftaten sind objektiv für Außenstehende erkennbar: Man sieht, ob jemand tot ist oder gebrochene Knochen hat, ob das Portemonnaie leer oder die Wand beschmiert oder beschädigt ist. Beweisen muss man Außenstehenden und dem Richter nur noch, dass der Angeklagte der Täter ist.

Es gibt aber auch Straftaten, deren Folgen sind nur subjektiv wahrnehmbar und objektiv erkennbare Schäden höchstens Begleitschäden. Prominentestes Beispiel dafür sind Sexualstraftaten: Während Vergewaltigungen und andere schwere Fälle sexueller Nötigung häufig noch mit Körperverletzungen und/oder Sachbeschädigungen (zerrissene Kleidung) einhergehen, kann man die psychischen Folgen praktisch gar nicht objektiv bemessen. Das ist vermutlich der Grund dafür, dass „bloße“ sexuelle Belästigung nicht strafbar ist (sie kann z.B. im Arbeitsrecht relevant werden, aber das StGB führt sie nicht auf), weil sie schlicht und ergreifend meist so gut wie nicht nachweisbar ist und man häufig bei in dubio pro reo landen würde.

Nicht, dass man sich nicht objektiv auf psychische Schäden als Tatbestandsmerkmal einigen könnte. Es scheitert daran, dass man nicht objektiv erkennen kann, ob diese Schäden eingetreten sind. Während objektiv erkennbar ist, ob eine Zaunlatte herausgebrochen oder der ganze Zaun zu Kleinholz verarbeitet ist, ob zehn oder hundert Euro gestohlen sind, ob jemand eine blutende Nase oder einen gebrochenen Arm hat, kann nicht von Außenstehenden erkannt werden, ob jemand erschrocken oder traumatisiert ist. Unser Rechtssystem baut aber darauf, dass es objektiv durchschaubar ist, und zwar von jedermann (schon deshalb, weil nach Art. 20 II 1 GG die Staatsgewalt vom Volke ausgeht, und wer Gewalt ausüben will, muss auch wissen, was er tut, also muss das Rechtssystem für jeden Bürger verständlich sein). Das soll Ungleichbehandlung, Willkür u. ä. weitestmöglich vorbeugen. Es ist daher nötig, dass ein Straftatbestand sich aus möglichst objektiv erkennbaren Elementen zusammensetzt. Probleme treten dann auf, wenn – wie bei Sexualdelikten regelmäßig der Fall – der eigentliche Schaden und damit der echte Taterfolg vom Opfer nur subjektiv empfunden werden kann. Während ein gebrochener Knochen bei jedem Menschen gleich aussieht, äußert sich Schrecken individuell, je nachdem, wie sensibel der Betroffene reagiert.

Der Taterfolg für den Sexualstraftäter liegt auch meist nicht hauptsächlich darin, mit dem Opfer sexuelle Handlungen auszuführen, sondern eben in den unsichtbaren subjektiven Schäden: Er hat ungehindert und irreversibel die persönlichen (und rechtlichen) Grenzen des Opfers überschritten. Als „Bonus“ hat der Täter vielleicht auch noch langfristigen Einfluss auf das Leben des Opfers ausgeübt (z. B. durch psychische Langzeitfolgen oder eine Schwangerschaft/ein Kind, wenn keine Abtreibung möglich ist). Man bezeichnet Sexualdelikte daher als Machtdelikte.

Machtdelikt heißt, dass der Täter sich Befugnisse herausgenommen hat, die ihm nicht zustehen. Das tut man grundsätzlich, wenn man einen Straftatbestand verwirklicht (genau dafür wird man ja bestraft – Straftaten begeht man nicht gegenüber anderen Bürgern, sondern gegenüber der Rechtsordnung, für Schadensersatz und Schmerzensgeld ist das Zivilrecht da; deswegen kann ein Opfer im Strafprozess maximal Nebenkläger sein, aber die eigentliche Anklage geht vom Staatsanwalt aus; umgekehrt kann jemand, der nicht strafbar ist, trotzdem z. B. schadensersatzpflichtig sein; deswegen auch wird im Strafrecht angezeigt, aber im Zivil- und Verwaltungsrecht verklagt), aber in den meisten Fällen ist das nicht das Hauptziel bei der Tatbegehung, sondern der Täter nimmt eher skrupellos in Kauf, dass er bei der Verfolgung seiner Ziele (z. B. Verschaffung eines Vermögensvorteils) quasi nebenbei zusätzlich die rechtlichen Grenzen Anderer überschreitet. Im Falle sogenannter Machtdelikte ist es umgekehrt: Ziel ist, sich über jemandes Grenzen hinwegzusetzen; wie das genau bewerkstelligt wird, ist opferabhängig.

Es gibt gewisse Grenzen, die zu überschreiten jedem Menschen überdurchschnittlich psychisch zusetzt. Das sind insbesondere die Grenzen der sexuellen Selbstbestimmung. Wenn stattdessen die meisten Menschen auf den Duft von Gänseblümchen traumatisch reagieren würden, dann würden die jetzigen Sexualstraftäter ihren Opfern eben gewaltsam Gänseblümchenduft zuführen und der 13. Abschnitt des Besonderen Teils des StGB wäre überschrieben mit Gänseblümchenstraftaten. Anders ausgedrückt: Ein „Machttäter“ ergründet, wodurch er seinem Opfer gegenüber eigenmächtig verschaffte Macht am eindrucksvollsten demonstrieren kann und tut dann genau das, womit er es am meisten in seinen Rechten beschneidet.

Ziel der Grenzüberschreitung ist nämlich, dem Opfer zu demonstrieren, dass es (bestimmte) rechtliche Grenzen gar nicht hätte oder dass sie nicht verteidigt gehörten. Das Opfer wird also nicht als (vollständig) rechtlich geschützter Mensch anerkannt. Rechtlicher Schutz ist aber gerade das Merkmal eines Menschen, das ihn von Objekten unterscheidet. Nimmt man ihm (teilweise) seinen rechtlichen Schutz, wird er (teilweise) zum Nicht-Menschen, also zum Objekt degradiert. Einen Menschen zum Objekt zu degradieren ist es aber gerade, womit die Verletzung der Menschenwürde aus Art. 1 I GG definiert wird. Insbesondere die ist aber in jedweder Hinsicht unantastbar, also in jedem Fall nicht angreifbar.

Es gibt ziemlich genau Drei, die unter bestimmten Umständen in bestimmte Rechte eingreifen können. Nummer eins ist der Staat, der über seine Organe die Möglichkeit hat, strafrechtliche Sanktionen zu verhängen (in diese Kategorie gehört im weitesten Sinne auch der Bürger, der von seinem Festnahmerecht aus § 127 I 1 StPO Gebrauch macht) oder Verwaltungsakte zu erlassen. Im ersten Fall sind im Wesentlichen die Freizügigkeit (Freiheitsstrafe) oder das Eigentum (Vermögen: Geldstrafe) betroffen. Im zweiten Fall darf auch in die meisten anderen Grundrechte eingegriffen werden. Grundsätzlich unangreifbar sind die Menschenwürde (Art. 1 I GG), Leben und körperliche Unversehrtheit (Art. 2 II 1 GG, wobei der Gesetzesvorbehalt aus Art. 2 II 3 GG in bestimmten gesetzlich geregelten Fällen Eingriffe erlaubt) und Gleichheit (Art. 3 GG). Nummer zwei ist der Notwehrleistende. Der darf auch in die Grundrechte aus Art 2 II 1 GG eingreifen, insbesondere in das auf Leben aber nur unter bestimmten Umständen. Ausgenommen sind auch hier die Menschenwürde (Quälen ist nicht erlaubt) und die Gleichheit (man darf nicht grundsätzlich den Angriff eines Schwarzen als gefährlicher einschätzen als den eines Weißen). Nummer drei ist der Notstandshilfeleistende. Seine Befugnisse bestimmen sich auf ähnliche Weise wie die des Notwehrleistenden.

Menschenwürde und Gleichheit sind also prinzipiell nicht angreifbar; wer sie dennoch angreift, ist mithin grundsätzlich nicht dazu befugt. Straftäter sind aber gerade weder Notwehr- noch Notstandshilfeleistende (und in staatlichem Auftrag handeln sie erst recht nicht), denn bspw. das Tragen eines Minirockes oder das Mitführen von Geld sind keine Angriffe, derer man sich erwehren müsste (zumal bspw. Vergewaltigung oder Raub ohnehin keine tauglichen Notwehr-/Notstandshilfehandlungen darstellen würden). Wer aber nicht gerechtfertigt oder entschuldigt ist, macht sich durch die Verwirklichung eines Straftatbestandes strafbar. Der Täter, der ein Machtdelikt begeht, ist sich gerade dessen regelmäßig völlig bewusst und sein Taterfolg liegt auch gerade darin, seine Befugnisse zu überschreiten.

2. Der Schädigende

Die Bedrohung durch ein Machtdelikt liegt für das Opfer nicht allein in der Tat selbst, sondern maßgeblich in der Tatsache, dass die eigenen Grenzen überschritten werden. Das muss übrigens nicht tatsächlich geschehen: Es ist bereits ausreichend, dass das Opfer mit der Grenzüberschreitung rechnet. Das nennt man dann Angst. Angst ist die Annahme, dass die eigenen Grenzen nicht gewahrt werden. Wer Angst vor Hunden hat, fürchtet, gebissen (=verletzt) zu werden und meist auch, keine Hilfe vom Hundehalter zu bekommen (dazu gleich mehr), er fürchtet um seine körperliche Unversehrtheit. Wer Angst vor großen Höhen hat, fürchtet, hinunterzustürzen und zu Tode zu kommen oder sich schwer zu verletzen, hat Angst um Leib und Leben. Und wer Angst vor Beleidigungen oder Ausgelachtwerden hat, der fürchtet um seine Anerkennung als zu respektierende und zu achtende Persönlichkeit, um seine Würde (man fühlt sich für „minderwertig“ erklärt). In der Konsequenz führt Angst häufig zu angepasstem Verhalten: Man meidet bestimmte Orte, Situationen oder Umstände (z. B. Kleidung), schränkt also seine Bewegungsfreiheit und/oder die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit ein, ohne das ursprünglich selbst gewollt zu haben und ohne dazu objektiv (gesetzlich oder durch Verwaltungsakt) verpflichtet zu sein.

Ein wichtiger Teil des Grenzüberschreitens liegt darin, dass es ungehindert geschehen kann. Das kann daran liegen, dass man sich nicht zur Wehr setzen kann, z. B. weil der Täter körperlich überlegen ist und gewaltsam vorgeht oder weil man bedroht wird und sich deshalb selbstständig (aber nicht freiwillig) nicht zur Wehr setzt. Es kann aber auch daran liegen, dass der Verlauf der eigenen Grenzen nicht wahrgenommen oder nicht für existent befunden wird. Hierbei kommt es sowohl auf die Bedrohung selbst als auch auf die Umgebung an. Beide haben unterschiedlich entstehende, aber im Ergebnis ähnliche Effekte auf das Opfer.

a) Der Täter selbst

Es kann sein, dass die Bedrohung selbst Grenzen aufgezeigt bekommt, aber nicht als solche respektiert. Der Täter ist kein Sadist, der aktiv Freude an der Grenzüberschreitung empfindet (bzw. gegenüber dem Opfer zum Ausdruck bringt), sondern er glaubt, dass er gar keine Grenzen überschreitet (oder tut so als ob). Beispielsweise hält er Abwehrversuche für Ermunterungen („Nein heißt Ja!“) oder er hält es nicht für möglich, dass eine Grenze an einer bestimmten Stelle verlaufen kann („Hab dich nicht so, das ist nur Spaß!“ oder „Andere finden das lustig!“). Vielleicht kann man mit der Bedrohung auch gar nicht kommunizieren, z. B. weil es ein Tier ist oder überhaupt kein Lebewesen. In dem Fall kann sich die Kommunikation verlagern, wenn sie z. B. mit einem für das Tier zuständigen Menschen stattfindet, z. B. dem Hundehalter. Er übernimmt dann die Position Desjenigen, der die Grenzen nicht zu erkennen/schützen scheint („Der will nur spielen/schnuffeln, hab dich nicht so, das musst du zulassen!“) oder der die Ängste des Betroffenen nicht für diesen erkennbar ernst nimmt (nur die Aussage „Der tut nichts!“, ohne konkretes Eingehen auf die Angst des Gegenübers durch schützendes/entschärfendes Entgegenkommen z. B. mit Hinweisen wie „Das erkennt man daran, dass er …“ oder „er interpretiert dein Verhalten als…“)

Der psychologische Effekt für das Opfer ist das Gefühl von Machtlosigkeit. Man fragt sich, welche Möglichkeiten denn noch offen stehen, die eigenen Grenzen anzuzeigen („Ich hab doch Nein gesagt!“). Wenn man alle Möglichkeiten, die zur Verfügung stehen, ausgeschöpft hat, aber immer noch erfolglos bleibt, dann machen sich Verzweiflung und Panik breit. Und DAS ist es, was dem Opfer häufig am meisten zusetzt. Wenn der Täter offen zugibt, dass er die Grenzen des Opfers sehr wohl wahrgenommen hat, sich aber darum keinen Pfifferling schert, hat das Opfer die Möglichkeit, ihn dafür zu hassen, weiß aber auch, dass es selbst nicht mitschuldig ist, weil es alles in seiner Macht Stehende getan hat. Wenn aber der Täter dem Opfer zu verstehen gibt, dass es „sich nicht richtig gewehrt“ und „nicht deutlich genug Nein gesagt“ hätte (auch, wenn es gelogen ist – es ist meistens gelogen), dann wachsen im Opfer Schuldgefühle und es glaubt, wenigstens mitverantwortlich für die Tat zu sein.

Mitverantwortlich sein heißt aber, dass man Grenzüberschreitungen wissentlich und willentlich geschehen lässt – und warum sollte man das tun, wenn man das Geschehen als Grenzüberschreitung wahrnimmt? Wenn jemand etwas zulässt, geht man davon aus, dass er nichts dagegen hat und dass es ihm gefällt – und dann kommt man als objektiver Betrachter (oder als Richter) nicht zu dem Schluss, dass eine Grenzüberschreitung überhaupt stattgefunden hat. Das Endergebnis ist für das Opfer, dass die Grenzüberschreitung gar nicht erkennbar ist und das Überschreiten – die Tat – nicht sanktioniert wird.

Es läuft also darauf hinaus, dass die Grenzen des Opfers nicht nur überschritten, sondern auch nicht geschützt werden. Wenn Grenzen aber nicht geschützt sind, steht es frei, sie überhaupt erst zu überschreiten. Folge: Das Opfer rechnet damit, dass die ungeschützten Grenzen auch in Zukunft wieder überschritten werden, und das ist dann Angst.

b) Die Umgebung

Der andere ausschlaggebende Faktor ist die Umgebung, und zwar die unmittelbare Tatumgebung, namentlich menschliche Beobachter. Das sind Leute, die das Tatgeschehen (die Grenzüberschreitung) unmittelbar wahrnehmen und verfolgen können, die daneben stehen und zusehen.

Insbesondere im Strafrecht wird zur Beurteilung der nicht immer eindeutigen Frage, ob ein Straftatbestand verwirklicht und der Täter dafür strafbar ist, auf die Perspektive eines sogenannten objektiven Dritten zurückgegriffen. Der objektive Dritte im strafrechtlichen Sinne ist ein normaler Durchschnittsmensch mit normalen geistigen Fähigkeiten, normaler Auffassungsgabe und normalen moralischen Vorstellungen. Zur Beurteilung aus seiner Perspektive wird gefragt, ob ein durchschnittlicher unbeteiligter Außenstehender das Tatgeschehen als das wahrnehmen würde, was die strafrechtliche Norm als Tatbestand beschreibt. Die Frage lautet: Stellt das, was da gerade geschieht, eine rechtliche Grenzüberschreitung dar? Konkret z. B.: Wird da gerade jemand verletzt? Wird da gerade jemand seiner Freiheit beraubt? Wird da gerade eine Sache beschädigt? Wenn ein normaler Durchschnittsmensch solche Fragen bejahen würde, ist der objektive Straftatbestand erfüllt.

Nun ist es so, dass man als Opfer intuitiv unbewusst das Gleiche tut: Man fragt sich: „Bin ich besonders empfindlich oder darf der das wirklich nicht?“ Man versucht zu beurteilen, ob man objektiv angegriffen wird oder sich subjektiv (evtl. zu Unrecht) angegriffen fühlt. Wenn man während des Tatgeschehens nun ein tatsächliches menschliches Umfeld hat, setzt man automatisch die vorhandenen Beobachter an die Position des objektiven Dritten, erst recht, wenn es sich um eine große Gruppe handelt, die ja für die allgemeingesellschaftliche Meinung besonders repräsentativ erscheint. Je nachdem, wie die Gruppe reagiert, fällt man sein Urteil. Wenn jemand einschreitet und dem Täter Einhalt gebietet, man Unterstützung erhält, dann weiß man, dass man die Situation jedenfalls nicht völlig falsch interpretiert hat und etwa einem Missverständnis unterliegt. Wenn aber niemand einschreitet, wenn der Täter vielleicht sogar unterstützt und angefeuert, zumindest aber nicht aufgehalten wird – tja, dann kann etwas ganz Fatales passieren: Dann kann es sein, dass man selbst zu dem Schluss kommt, das Verhalten des Täters müsse richtig sein und man müsse das als Opfer verdient haben. Und DAS ist der Punkt, an dem die Psyche des Opfers einbricht. Es fühlt sich mit dem Verhalten des Täters/der Gruppe unwohl – aber es glaubt, nicht das Recht zu haben, sich zur Wehr zu setzen, denn offenbar wird das Geschehen objektiv nicht für verwerflich befunden.

II) Konkret auf das Thema Mobbing bezogen

1. Subjektives Schadensempfinden

An dieser Stelle, nach all dem Theoretisieren, kehren wir endlich konkret zum Thema Mobbing zurück. Ich habe nicht umsonst so weit ausgeholt. Ich habe sogar ganz bewusst Sexualstraftäter unterschwellig auf eine Stufe mit Mobbern gestellt, denn wenngleich sich die Taten inhaltlich oft voneinander unterscheiden, funktionieren sie doch nach einem ganz ähnlichen Prinzip.

Wichtigste Gemeinsamkeit ist, dass auch Mobber die Art ihres Vorgehens gezielt danach auswählen, wie sie dem Opfer schaden können. Gängig ist natürlich objektiv Erkennbares wie Beleidigung, Verleumdung, Sachbeschädigung, Diebstahl, Körperverletzung.

Signifikant für Mobbing ist aber, dass häufig Arten von Schikanen gefunden werden, die das bestimmte Opfer ganz konkret verletzen, die also subjektiv empfunden werden und objektiv schwer bis gar nicht erkennbar sind (hier haben wir die Parallele zur sexuellen Belästigung) und daher höchstens bedingt sanktioniert werden. Bei mir war es u. a. die Abkürzung meines Vornamens. Nun ist es so: Wenn man jemandem erzählt: „X hat mich gehauen!“, dann muss man zwar beweisen, dass man von X wirklich geschlagen wurde, aber die Reaktion lautet immer: „Also, Leute hauen, das macht man nicht, das muss bestraft werden!“ Aber man stelle sich vor, jemand käme und jammerte: „X hat meinen Vornamen abgekürzt!“ Wenn die Abkürzung nicht gerade eine Obszönität oder Beleidigung bildet, tippt man sich wahrscheinlich an die Stirn und sagt: „Und!? Das ist doch nichts Schlimmes, im Gegenteil, das macht man unter Freunden!“ Und wenn jemand, den man neu kennengelernt hat, erzählt: „Übrigens, ich möchte nicht, dass mein Vorname abgekürzt wird, das verbinde ich mit unangenehmen Erinnerungen!“ – wie wahrscheinlich ist es, dass mit Unverständnis reagiert oder der Vorname erst recht abgekürzt und so die Erfahrung des Nichtrespektierens der Grenzen für den Betroffenen wiederholt wird? Tja, das hängt damit zusammen, dass Vornamenabkürzen eben nicht objektiv etwas Schlimmes ist, sondern höchstens subjektiv. Bei mir bestanden auch die „Erzieherinnen“ im Internat –sogenannte Erwachsene – darauf, dass ich mir das Vornamenabkürzen gefallen lassen müsste, sie sprachen mich auch selbst nicht mit vollem Vornamen an, obwohl ich das gerade von Erwachsenen (meinen Eltern, meiner Familie, meinen Lehrern) eigentlich gewohnt war und das bis dahin für mich den Unterschied zwischen „Kindern“ (meinen Mitschülern, die meinen Vornamen gern verunstalteten) und „Erwachsenen“ (die mich normal anredeten; dazu gehörten auch ältere Mitschüler aus höheren Klassen) ausgemacht hatte.

Man trägt nicht nur die Beweislast dafür, dass der Grenzübertritt stattgefunden hat, sondern auch dafür, dass es sich um einen Grenzübertritt handelt. Der Effekt ist wiederum das Erlebnis, dass kein Außenstehender hilft, die Grenzen zu sichern und Übertritte zu verhindern, obwohl für den Betroffenen der abgekürzte Vorname sich vielleicht genauso anfühlt wie Geschlagenwerden. Mehr noch: Wenn sich das in einem späteren, gar nicht von Mobbing geprägten Umfeld fortsetzt, vergiftet das sofort das frische Verhältnis.

Es ist ohnehin schwer, ein neues Umfeld unabhängig vom alten zu betrachten. Die größte Angst hat man davor, dass sich die Situation wiederholt. Deswegen reagiert man sehr sensibel auf Situationen, mit denen man in früherer Zeit schlechte Erfahrungen gemacht hat. Ausschlaggebendster Punkt ist das eigene Selbstbewusstsein. Mobbing findet insbesondere dann statt, wenn das potentielle Opfer erkennen lässt, dass ihm die Schikane zusetzt, die Täter also Erfolg haben. Es wird geradezu gesellschaftlich erwartet, von sich selbst überzeugt zu sein, ist man es nicht, gilt das als Schwäche, und Schwächen machen angreifbar. Die naheliegendste Gegenmaßnahme ist, sich besonders sicher und selbstbewusst zu geben. Problem: Das eigene Selbstbild ist in vielen Fällen durch das Mobbing gerade völlig zerstört bzw. zum Negativen gewandelt worden. Man muss also Selbstsicherheit und Selbstliebe vorspielen, die man nicht (mehr) hat. Wenn man nun aber so tun muss, als würde man sich selbst mögen, und dabei gar nicht weiß, wie sich das eigentlich anfühlt, also etwas vorspielen muss, das man selbst nicht (mehr) nachempfinden kann, dann wirkt das aufgesetzte Selbstbewusstsein schnell übertrieben und falsch. So, wie man einen Orgasmus nicht glaubwürdig vorspielen kann, wenn man nie einen erlebt hat (um mal bei den sexuellen Parallelen zu bleiben), so kann man auch Selbstliebe nicht vorspielen, wenn man nicht (mehr) weiß, wie sich das anfühlt. Dass diese Fassade dann oft als Arroganz missinterpretiert wird, führt oft natürlich erst recht zu Schwierigkeiten.

Die größte Gefahr ist, auf Menschen zu treffen, die zu neuen Mobbern werden. Als ich nach den beiden Horrorschuljahren an ein anderes Gymnasium und dabei auch ins Internat kam, hatte ich natürlich panische Angst vor dem neuen Umfeld; dass ich von Natur aus ein schüchterner Mensch bin, der sich schwer tut, auf Fremde zuzugehen, machte die Sache nicht leichter. Prompt geriet ich an Internatsmitbewohnerinnen, die vom gleichen Schlage waren wie meine früheren Mitschülerinnen. Das eigentliche Problem war, dass ich diesen „Neubeginn“ emotional nicht unabhängig vom Vergangenen betrachten konnte, für mich war das gewissermaßen die Fortsetzung, der zweite Band. Natürlich waren es andere Menschen (bis auf Eine, die an der alten Schule in meiner Parallelklasse war und die ich im Verdachte habe, von früher erzählt und so die Anderen erst auf die Idee gebracht zu haben, denn zeitlich fiel ihre Ankunft später im Schuljahr mit dem Beginn der Attacken zusammen). Aber die wesentlichen Umstände – dass ich aus für mich nicht erkennbaren Gründen das Ziel der Angriffe meines Umfeldes war – blieben gleich; hinzu kam, dass es sich auch inhaltlich um eine Steigerung handelte. Dieses Mal wurde der „harmlose“ verbale Teil komplett übersprungen und es ging sofort auf die nächste physische Ebene: Am Lichtkasten spielen, damit meine Schreibtischlampe ausgeht und ich wer weiß warum gezwungen sein sollte, die Deckenlampe zu benutzen; nachts den Wecker klauen; nasse Teebeutel an die Tür kleben; Plastikspinnen im Badschrank verstecken. Da unsere Cheferzieherin mich nicht leiden konnte und außerdem fand, ich sei zu in mich gekehrt (Warum wohl!) und müsse mehr „aus mir herauskommen“ und „auf Andere zugehen“, hielt sie mich für „selbst schuld“ und ich erfuhr keine Unterstützung von ihr. (Auf einer späteren Nikolausfeier hielt sie mich, damals 15, dazu an, Glühwein statt Kinderpunsch zu trinken, obwohl ich offensichtlich mangels „Trinkerfahrung“ schon nach dem ersten Becher angetrunken war, damit ich „mich mal wie ein Teenager benähme“. Das illustriert wohl zur Genüge ihre pädagogische Kompetenz.) Es endete erst, als ich im nächsten Jahr mit Anderen zusammenwohnte.

So drastisch sind die Folgen nicht immer, dennoch gibt es meist Situationen, die Einen fortan triggern. Trigger sind Auslöser für bestimmte Erinnerungen, üblicherweise negative. Es kann sich dabei um bestimmte Umstände oder um bestimmte Gruppen von Menschen handeln. Bei mir z. B. war es (und ist bis heute) unbändige Panik vor dem Sportunterricht (bzw. sportlichen Aktivitäten in Gesellschaft, insbesondere weiblicher), dem Mobbingfach schlechthin, denn es bietet sowohl Gelegenheiten als auch Gründe, und die Umkleidekabine ist sowieso der Horror. Ich habe bis heute Hemmungen, auch nur ansatzweise sportliche Aktivitäten in der Öffentlichkeit oder in Gesellschaft auszuführen, und wenn ich nur aus Eile die Straße entlangrennen muss. Außerdem hatte ich lange ein massives Problem mit sehr feminin erscheinenden (=klischeeweiblichen) Frauen und Mädchen. In erster Linie deshalb, weil das hauptsächlich die Täter(innen) waren, sodass sich „weibliches“ Verhalten in meinem Unterbewusstsein mit negativen Intentionen verbunden hat. Die klischeeweibliche Kommunikation funktioniert ja per kryptischem Subtext, d. h., Frauen sagen nicht direkt, was sie meinen, sondern man muss von ihnen Gesagtes uminterpretieren und auch im Kontext mit Vergangenem sehen; hinzu kommt, dass Frauen, wenn sie jemanden mögen, sich passiv verhalten, aber aktiv werden (lästern, ärgern, schikanieren), wenn sie jemanden nicht mögen. Klischeemännliches Verhalten funktioniert gerade umgekehrt: Männer sagen direkt, was sie meinen, und beziehen sich dabei nur auf die aktuelle Situation; wenn sie jemanden nicht mögen, reagieren sie passiv (aus dem Weg gehen) oder, falls doch aktiv, dann mit in sich abgeschlossenen Handlungen, die auch für sich allein stehen können (und für Außenstehende leicht erkennbar sind). (Das zeigt sich in Diskussionen z. B. dadurch, dass Männer bei Interesse nachfragen, was Frauen oft als „Fertigmachen“ missinterpretieren, während ein „Jaja, ich versteh schon, du musst das nicht näher ausführen“ bei Männern ein Abwiegeln und bei Frauen ein Ermuntern ist.) Ich habe daher lange automatisch in „weibliche“ Kommunikation einen negativen Subtext hineininterpretiert und fühlte mich durch weibliche Annäherungsversuche angegriffen; gleichzeitig habe ich Jungen/Männern beinahe automatisch vertraut, weil ich gewöhnt war, dass Schwierigkeiten mit ihnen unproblematisch zu klären wären. Inzwischen kann ich das rational hinterfragen und habe auch wieder weibliche Freunde, sogar solche, die sehr „feminin“ erscheinen. Das dritte große rote Tuch ist für mich das erwähnte Vornamenabkürzen, und zwar in allen Varianten, denn es zog sich auch unabhängig von Mobbing durch mein gesamtes Schulleben und tauchte sogar in meinem Erststudium auf. Es steht für mich symbolisch für das Nichtrespektieren meiner Grenzen und von allen Dingen, die ich verabscheue, ist es das einzige, das mich tatsächlich aggressiv macht. Wer nur einmal versucht, mir das Abkürzen mit irgendwelchen „ja, aber alle machen das“-Pseudoargumenten aufzudrängen, vollführt einen irreversiblen Abstieg in den tiefsten Keller meiner Sympathieskala.

Was ich damit ausdrücken will, ist, dass solche Trigger nicht rational funktionieren und man ihnen nur schwer mit Vernunft begegnen kann, man handelt rein emotional und deswegen teilweise völlig blödsinnig. Nun ist es so, dass man Emotionen weder beeinflussen noch berechnen und deswegen auch nicht objektiv begründen kann. Das macht die Kommunikation mit einem neuen, frischen Umfeld leider oft schwer. Einerseits haben die neuen Menschen keine Ahnung, worauf sie zu achten haben; andererseits kann der Betroffene oft nicht darüber kommunizieren, z. B. aus Angst oder weil er schlicht selbst (noch) gar nicht weiß, welche Folgen er eigentlich davongetragen hat. Es kann dann sehr leicht zu Missverständnissen kommen, die das frühere Opfer fälschlicherweise als neuerliche Angriffe fehlinterpretiert. Im ungünstigsten Fall reagiert es dann darauf genauso wie früher auf das Mobbing, was wieder zu Selbstabsonderung führen kann, sodass das Mobbing für es subjektiv empfunden „weitergeht“. Das ist sicherlich einer der Gründe dafür, dass frühere Mobbingopfer häufig wieder zu welchen werden, was die ich-bin-selbst-schuld-Wahrnehmung und damit den psychischen Schaden nur noch verstärkt. Und der Grund für die ganze Misere ist, dass rein subjektive Grenzen auch von einem neuen Umfeld oft nicht erkannt werden (können), sodass sie wieder überschritten werden – und zwar mit aller Selbstverständlichkeit der Kategorie „Das kann doch gar nicht sein, ich tu dir doch gar nichts!“

Genau das, dem Opfer weiszumachen, dass seine subjektiven Grenzen nicht verteidigt gehörten bzw. es keine haben dürfte, ist ein wichtiges Ziel von Mobbing. Man erkennt das Opfer nicht als (vollständig) zu schützenden Menschen an. An dieser Stelle wird mühelos die Grenze zur Objektifizierung überschritten, indem man vom Opfer verlangt, den Tätern z. B. zum Wutablassen oder Scherzetreiben „zur Verfügung zu stehen“, ohne danach zu fragen, wie es sich dabei fühlt – weil das Empfinden des Opfers nämlich für nichtig erklärt wird. Das kann sogar noch weiter gehen, indem dem Opfer tatsächliche „Funktionen“ zuteilwerden. Meine Mitschüler etwa haben damals sehr wohl auch freiwillig Kontakt zu mir aufgenommen: Wenn sie Hilfe bei den Hausaufgaben oder in der Schule brauchten. Ich war damals in fast jedem Fach Klassenbester, ohne viel lernen zu müssen. Durch meine Mitschüler, derentwegen ich mich in den meisten Hofpausen auf der Toilette versteckte (wir durften eigentlich nicht im Schulhaus bleiben, außer die Pause wurde wegen Regen o. ä. abgeklingelt), hatte ich auch beinahe hausaufgabenfreie Nachmittage, weil ich die Aufgaben dann in den Pausen erledigte. Dafür klingelte manchen Tags mein Telephon zu Hause Sturm und ich bekam von Allen dieselben Fragen gestellt, sodass ich am Ende die Hausaufgaben für die ganze Klasse erledigt hatte. Man gab mir also das Gefühl, dass ich zwar als Mensch schlecht und minderwertig und zweitklassig wäre, aber dennoch ganz nützlich – ich hatte eine Funktion, wie ein Objekt. Hinzu kam, dass ich bei Verweigerung der Hilfe natürlich zu hören bekam, ich sei arrogant, und man suggerierte mir, das wäre dann nur ein Grund mehr, mich nicht zu mögen, weswegen ich nicht wagte, die Hilfe zu verweigern (heute weiß ich, dass sie das selbstverständlich nur zu Erpressung behauptet haben). Und vielleicht habe ich insgeheim auch immer gehofft, doch noch Anerkennung zu bekommen und (als Mensch) akzeptiert zu werden, weswegen ich mich zum Glück nach einem gescheiterten Versuch doch nicht dazu hinreißen ließ, meine schulischen Leistungen absichtlich zu verschlechtern, um wenigstens dafür nicht mehr gehänselt zu werden.

Wobei Kommentare über Oberflächliches selten von echter Ablehnung des Kommentierten zeugen. Vielmehr ist es die Suche nach einer Zielscheibe aus wahren Tatsachen wie z. B. äußeren Merkmalen oder eben schulischen Leistungen, weil sich solche Behauptungen nicht widerlegen lassen. Meinungen sind diskutabel, aber wenn Tatsachen nicht nur behauptet werden, kann man sich dagegen nicht wehren. Während also „Du siehst hässlich aus!“ argumentativ bestritten werden kann, kann man „Du trägst eine riesige Brille!“ nicht verneinen. Das nimmt dem Opfer die Möglichkeit sich zu verteidigen und macht es wehrlos, womit wir wieder bei der Unfähigkeit sich zu schützen und verstärktem Angstempfinden landen. Deswegen ist es auch nicht hilfreich, wenn man versucht, auf die vermeintliche „Kritik“ einzugehen und sich anzupassen, indem man z. B. seinen Kleidungsstil ändert. Das führt zu nichts außer zu Selbstentfremdung und noch mehr Macht, die der Täter über das Opfer, sein Leben und Verhalten erhält.

Im Übrigen ist man ohnehin nicht verpflichtet, sich an die Vorstellungen seiner Mitmenschen z. B. von „Coolness“ anzupassen, um Angriffe zu vermeiden. Es hat nämlich jeder Mensch das Recht darauf, nicht angegriffen zu werden, womit wir beim Thema Gleichheit angelangt wären – zur Erinnerung, dieses Grundrecht ist nicht angreifbar. Menschen in No-Name-Klamotten haben dieselben Rechte wie Menschen in Markenkleidung. Schüchterne Menschen haben dieselben Rechte wie selbstbewusste Menschen. Hier haben wir auch wieder die Parallele zu Sexualdelikten: Nackte Menschen haben dieselben Rechte wie angezogene Menschen. Betrunkene Menschen haben dieselben Rechte wie nüchterne Menschen.

2. Der Schädigende

Noch mehr als bei jeder anderen Art von rechtlicher Grenzverletzung teilt sich beim Mobbing das Umfeld des Opfers auf in die eigentlichen Täter und die Umstehenden. Insbesondere Letztere nehmen hier eine wesentlich stärkere Position ein. Während Sexualdelikte & Co. auch ohne „Publikum“ problemlos möglich sind, entfaltet Mobbing seine Wirkung erst, wenn dem Täter jemand zusieht. Ein ganz wesentliches Merkmal von Mobbing ist, dass es nicht allein zwischen Täter und Opfer stattfindet, sondern zumindest teilweise auch von Außenstehenden wahrgenommen wird. Noch am ehesten kann jemand am Arbeitsplatz heimlich schikaniert werden, aber die Auswirkungen (z. B. unverdient keine berufliche Weiterentwicklung) sind auch von Kollegen erkennbar. Gerade in der Schule kann Mobbing aber nur dann funktionieren, wenn da Mitschüler sind, denen gegenüber sich der Mobber durch seine Taten profilieren kann.

a) Der Täter selbst

Was immer wieder auffällt, ist, dass Mobber sich der Tatsache, dass sie verwerfliche Dinge tun, gar nicht richtig bewusst sind. Der Extremfall ist, wenn „richtige“ Straftaten wie Körperverletzung etc. begangen werden und die Täter der Ansicht sind, mit dem Opfer „dürfe man das machen“. Wenn sie aber darauf verzichten, dann oft nicht nur, weil sie Sanktionen fürchten, sondern weil sie es auch aus ehrlicher Überzeugung für legitim halten, dass diese Sanktionen verhängt würden.

Dass Mobber sich auf „Kleinigkeiten“ verlegen (siehe Vornamenabkürzen), geht oft mit einer „Stell dich nicht so an, ist doch nur Spaß“-Haltung einher. Sicherlich ist damit vornehmlich das Spaßempfinden der Täter gemeint, während vom Opfer erwartet wird, dass es sich willig als „Spaßobjekt“ zur Verfügung stellt (siehe Objektifizierung). Das ist allerdings schon die zweite Stufe. Der Beginn ist häufig, dass das spätere Opfer tatsächlich „aus Spaß“ geärgert werden soll, es sich dann aber herausstellt, dass damit seine Grenzen überschritten wurden. Das beschert dem späteren Täter den unverhofften Erfolg, den ein Machtdelikt erst zum Ziel hat, nämlich das Gefühl, etwas erreicht zu haben, was er eigentlich nicht hätte erreichen können sollen, also einen unvorhergesehenen Erfolg. Es handelt sich dabei um den Taterfolg eines Machtdeliktes, das zu diesem Zeitpunkt erst noch eines werden muss: Das Opfer zeigt sich vom Verhalten des Täters beeinflusst, der Täter hat Macht über das Opfer ausgeübt.

Deswegen heißt es oft, man solle Schikanen einfach ignorieren und so tun, als könnten sie Einem nichts anhaben. Das ändert leider nichts daran, wenn die Mobber dennoch erfolgreich sind – und, wie gesagt, unsichere Menschen haben ohnehin dieselben Rechte wie selbstsichere Menschen. Abgesehen davon rechnet man üblicherweise eigentlich damit, dass die Reaktion auf das Zeigen des eigenen Unwohlseins eine Bitte um Entschuldigung ist und nicht neuerliche Schikane – genau das sollte sie nämlich auch sein. Und da es – anders als im Rahmen des sogenannten victim blamings behauptet – nicht in der Verantwortung des Opfers liegt, nicht zum Opfer zu werden, sondern in der Verantwortung des Täters, nicht zum Täter zu werden, ist das Opfer nicht verpflichtet, evtl. negative Folgen vorauszusehen und schon prophylaktisch-defensiv darauf zu reagieren, sondern im Gegenteil berechtigt, positive und v. a. nicht rechtswidrige Folgen anzunehmen.

Dass nicht das Opfer in der Verantwortung ist, wollen viele Täter nicht wahrhaben. Es ist leicht zu erklären: Es gibt immer zwei Beteiligte, den Aktiven und den Passiven. Der Aktive agiert, der Passive reagiert auf den Aktiven. Diese Formulierung zeigt schon, dass das Handeln des Passiven von dem des Aktiven beeinflusst wird, während das Handeln des Passiven auf das des Aktiven keine Auswirkungen hat. Mehr noch: Das Handeln des Passiven richtet sich vollständig nach dem des Aktiven. Warum? Nun, der Aktive ist der, der am Beginn der Interaktion steht. Er trifft die Entscheidung darüber, ob und wie er handelt. Er kann sich entschließen, aktiv zu werden, er kann sich aber auch entschließen, nicht aktiv zu werden. Dadurch ist er der Herr der Lage, indem er die Art seines Handelns, dessen Zeitpunkt, Intensität, Dauer und Ende bestimmt. Der Passive ist erst an zweiter Stelle an der Reihe. Während er zwar entscheiden kann, wie er auf die Aktion des Aktiven reagiert, sind ihm durch die Aktion selbst schon Vorgaben gemacht, seine Entscheidungsfreiheit ist eingeschränkt. Überdies wird er überhaupt dazu gezwungen, auf die Aktion zu reagieren. Selbst wenn er sich dazu entschließt, nichts zu tun/sagen, muss er sich dennoch mit der Entscheidung darüber auseinandersetzen. Und: Aktionen haben immer Folgen für das Umfeld. Sie lösen mindestens Gedanken darüber aus und sie bleiben dauerhaft ein Erlebnis in der Biographie des Passiven, selbst, wenn er es später vergisst. Der Aktive bestimmt also darüber, ob seine Aktion Teil des Erlebens des Passiven sein soll, also über einen Teil des Lebens des Passiven. Gleichzeitig bestimmt der Aktive aber auch selbst darüber, dass die Reaktion des Passiven Teil seines eigenen Lebens sein soll. Wie diese Reaktion aussieht, bestimmt er nicht, in diesem Augenblick werden die Rollen getauscht und der Passive wird zum Aktiven. Aber der ursprüngliche Aktive trifft die Entscheidung über diesen Rollenwechsel, drängt also den vormals Passiven in die Rolle des nun Aktiven. Zusammengefasst hat der Aktive die Entscheidungsgewalt über die Gesamtsituation.

Diese Situation setzt sich aus zwei Elementen zusammen, dem Geschehen und den Folgen dieses Geschehens. Auf beide Beteiligte hat das Geschehen Auswirkungen. Allerding hat der Aktive die Möglichkeit, vor Ausführung der Handlung diese Folgen zu bedenken und für sich zu entscheiden, ob er sie erleben will. Der Passive, der nichts von der Handlung weiß, hat diese Möglichkeit nicht, obwohl auch er die Folgen erleben wird. Der Aktive entscheidet nicht nur über den Eintritt der Folgen für sich, sondern auch über den Eintritt der Folgen für den Passiven. Der Aktive hat also mehr Wissen als der Passive, aber gleichzeitig auch die Entscheidungsgewalt darüber, was er mit diesem Wissen anfängt. Er muss diese Entscheidung daher nicht nur für sich, sondern auch für den Passiven fällen, während der Passive von der Entscheidung des Aktiven abhängig ist.

Nun kann der Aktive unmöglich sicher wissen, wie die Folgen für den Passiven ausfallen. Er kann versuchen, es abzuschätzen, aber absolute Sicherheit kann er nie haben. Gleichzeitig kann Empfinden aber auch nicht beeinflusst werden, auch nicht vom Betroffenen. (Es kann sich natürlich ändern, aber man kann es nicht ändern.) Das heißt für den Aktiven, dass er Folgen einkalkulieren muss, die er nicht kennt, die aber unabwendbar sind. Wenn diese unabwendbaren Folgen negativ sind (z. B. Unwohlsein, Trigger o. ä.), bedeutet das, dass die Aktion schlecht ist und ein Schaden für den Betroffenen. Während aber der Aktive von sich selbst sicher wissen kann, ob seine Aktion für ihn schlecht und ein Schaden ist, weiß er nicht, ob sie für den Passiven schlecht und ein Schaden ist. Er kann vielleicht eine Wahrscheinlichkeit abschätzen, aber er muss immer mindestens damit rechnen, dass der Passive von der Aktion geschädigt wird. Nun wird der Aktive sich im Falle, dass die Aktion für ihn selbst einen Schaden darstellt, dazu entscheiden, die Aktion nicht auszuführen. Im Falle, dass die Aktion für den Passiven einen Schaden darstellt, müsste er das ebenfalls tun, denn er hat als Einziger die Entscheidungsgewalt inne und der Passive und damit auch sein Wohlbefinden (dem der Schaden erwachsen könnte) sind von dieser Entscheidung abhängig. Der Aktive trägt damit die Verantwortung dafür, dass der Passive sich wohlfühlt.

Am einfachsten ist diesem Dilemma zu begegnen, indem der Aktive den Passiven vor der Ausführung der Aktion nach den möglichen Folgen fragt und ihn um sein Einverständnis bittet. Nun ist es freilich ein erheblicher Aufwand, vor Allem, was man sagt und tut, alle Beteiligten um Einverständnis zu bitten. Gerade Witze, Scherze, Streiche und andere Überraschungsmomente wären mit dieser Methode gar nicht möglich, denn es kommt gerade darauf an, dass die Passiven nicht (vollständig) darüber Bescheid wissen. Gleichzeitig sind sie aber Diejenigen, deren Empfinden darüber entscheidet, ob diese Dinge erlaubt sind, denn grundsätzlich muss man sich nach Demjenigen richten, dessen Schmerzgrenze niedriger ist – ist das der Aktive, entscheidet er ohnehin allein, auf die Aktion zu verzichten; ist das aber der Passive, treten die Folgen für ihn trotzdem zutage, weswegen er der Ausschlaggebende ist. Da Schmerzgrenzen sich nicht aktiv verändern lassen, muss sich die Vorstellung von Spaß bzw. das Verhalten des Witzboldes oder Streichespielers an die Schmerzgrenze des zu Veralbernden anpassen. Wer jemanden ärgern will, ist der Aktive, kann sich also entscheiden, das tun oder bleiben lassen. Wer geärgert wird, ist der Passive, kann sich also nicht entscheiden, geärgert zu werden oder nicht. Einen blöden Spruch für sich zu behalten, tut niemandem weh, aber einen an den Kopf geworfen zu bekommen möglicherweise schon. Wenn aber der Aktive der für die Situation Verantwortliche ist, dann ist eben gerade nicht das Opfer dafür verantwortlich, nicht zum Opfer zu werden und den Täter nicht zum Täter werden zu lassen, sondern der Täter ist dafür verantwortlich, nicht zum Täter zu werden und das Opfer nicht zum Opfer werden zu lassen, denn der Täter ist der Aktive und das Opfer der Passive.

Weil es aber nur möglicherweise wehtut, ist es schwer, allgemeingültige Grenzen festzulegen. Die Rechtsordnung versucht das, und im Großen und Ganzen verlaufen die meisten rechtlichen Grenzen dort, wo auch die meisten persönlichen Grenzen verlaufen. Rechtliche Grenzübertritte sind daher immer auch persönliche Grenzübertritte. Dennoch sind persönliche Grenzen oft enger als rechtliche, sodass eine persönliche Grenze schneller übertreten ist als eine rechtliche. Persönliche Grenzübertritte sind demnach nicht immer rechtliche Grenzübertritte. Darauf, dass die rechtlichen Grenzen geschützt werden, hat man einen durchsetzbaren Anspruch bzw. im Falle, dass der Schutz nicht wirksam ist, wird der Täter angezeigt und daraufhin strafrechtlich sanktioniert und dem Opfer stehen i. d. R. Schadensersatz und/oder Schmerzensgeld zu. Rechtliche Grenzen zu überschreiten ist in jedem Fall mit Konsequenzen bedroht. Darauf, dass persönliche Grenzen geschützt werden, hat man leider keinen durchsetzbaren Anspruch, man kann höchstens an das moralische Empfinden seiner Mitmenschen appellieren, aber nicht mit definitiver Bestrafung rechnen. Persönliche Grenzen zu überschreiten ist (rechtlich) straflos.

Das versetzt nicht wenige Menschen in den Glauben, rein persönliche Grenzen zu überschreiten, wäre auch moralisch nicht verwerflich und wer sich innerhalb der rechtlichen Grenzen bewegt, hätte sich nichts vorzuwerfen. Wenn jemand seine persönlichen Grenzen anders absteckt, als die Rechtsordnung vorsieht, sehen sie sich nicht verpflichtet, diese Grenzen zu respektieren, sondern werfen dem Betroffenen sogar vor, er wäre empfindlich und müsse sich die Grenzüberschreitungen bieten lassen. So wie rechtliche Grenzen nach dem Empfinden eines Durchschnittsmenschen gezogen sind, müsse man, glauben sie, auch seine persönlichen Grenzen nach dem Empfinden eines Durchschnittsmenschen richten. Der Durchschnitt wird natürlich anhand der Reaktionen aller Beteiligten ermittelt, und wenn die Gruppe etwas für „nicht so schlimm“ befindet, dürfte auch der Betroffene „sich nicht so haben“. Der Denkfehler: Rechtliche Grenzen werden nach objektiven Maßstäben gezogen. Persönliche Grenzen sind aber schon dem Wortsinn nach subjektiv und vom persönlichen Empfinden abhängig. Das heißt, man muss sich z. B. beim Späßemachen nicht nach dem Menschen mit dem durchschnittlichsten Humor richten, sondern nach dem Beteiligten mit der niedrigsten Grenze. Das ist, wie gesagt, im Zweifel der, auf dessen Kosten gescherzt wird, denn das ist der Passive, der anders als der Aktive (der „Spaßmacher“) nicht im Vorhinein selbst entscheiden kann, ob der Scherz überhaupt getrieben wird.

Selbstverständlich ist dem Scherzkeks auch ein „Spaßbedürfnis“ zuzugestehen. Es wiegt allerdings weniger als das Wohlfühlbedürfnis des Anderen und muss diesem gegenüber im Zweifel zurückstecken. (Grundrechte Dritter sind auch rechtliche Schranken.) Selbstverständlich ist es dem Aktiven grundsätzlich möglich, den Passiven um Entschuldigung zu bitten, wenn er sich in der Beurteilung der Folgen geirrt hat. Selbst wenn diese Bitte um Entschuldigung ehrlich gemeint ist, ist das allerdings nicht immer eine Option. Es gibt Folgen (z. B. Trigger), die sind schwer bis gar nicht wieder rückgängig zu machen. Das ist so, als würde man einem Erdnussallergiker ein Lebensmittel zu essen geben, das Spuren von Erdnüssen enthält und sich anschließend, wenn Derjenige ins Krankenhaus muss, darauf berufen, dass man sich am nichtallergischen menschlichen Durchschnitt orientiert und deshalb nicht mit einer allergischen Reaktion gerechnet hätte. Da dieser Irrtum im Zweifel sehr böse Folgen haben kann, ist es notwendig, sich vorher über die Frage zu verständigen, also entweder über die Inhaltsstoffe aufzuklären (z. B. als Großküche oder Restaurant) oder den Anderen direkt zu fragen oder wenigstens selbstständig gegebene Hinweise ernst zu nehmen (z. B. als Gastgeber). Analog dazu müssen auch vorher gegebene Hinweise über persönliche Grenzen akzeptiert und berücksichtigt werden (z. B. Informationen über Phobien, Abneigungen, unangenehme Erfahrungen, Trigger etc.). Sobald jemand kein erkennbares Interesse daran hat, Grenzüberschreitungen zu vermeiden, das aber damit begründet, dass er gar keine „Grenzmarkierungen“ erkennen könnte, entsteht im Opfer das Gefühl, „sich nicht richtig gewehrt“ und „nicht deutlich genug Nein gesagt“ zu haben und (bestimmten) Schutz nicht zu verdienen.

In diese Kategorie fallen übrigens auch Entschuldigungen, die in Wahrheit Rechtfertigungen sein sollen. Wo ist der Unterschied? Am besten lässt sich das wieder mit strafrechtlichen Termini erklären. Der gutachterliche Aufbau im Strafrecht beginnt mit dem objektiven Tatbestand, der beschreibt, was tatsächlich passiert ist (danach richtet sich auch die Strafnorm) und ob objektiv eine Straftat stattgefunden hat. Weiter geht es mit dem subjektiven Tatbestand, das ist, was der Täter eigentlich vorhatte (i. d. R. Vorsatz, evtl. bestimmte Absichten), also die Frage, ob der Mensch subjektiv zum Täter geworden ist. An dritter Stelle steht die Frage nach der Rechtswidrigkeit, also danach, ob die konkrete Tat als Verstoß gegen die Rechtsordnung gewertet und bestraft werden soll (klassischer Rechtfertigungsgrund ist z. B. Notwehr). Schließlich fragt man noch nach der Schuld, also danach, ob der Täter subjektiv als Täter anzusehen und zu bestrafen ist (klassischer Entschuldigungsgrund ist z. B. geistige Behinderung). Die Unterteilung erfolgt immer zwischen dem äußerlich Wahrnehmbaren und dem Täterinnenleben, sowohl beim Geschehensablauf als auch bei seiner Bewertung.

Objektiv findet beim Ärgern, Scherzen etc. eine Grenzverletzung statt; subjektiv hatte der Täter genau das, was er getan hat, auch im Sinn (Vorsatz bedeutet, zu wissen, was man tut, genau das auch zu wollen und damit das tun zu wollen, was letztendlich als Straftatbestand festgeschrieben steht). Nun steht er vor dem Opfer und sagt: „Ich möchte nicht, dass du das als Grenzverletzung betrachtest, denn ich wollte nicht, dass es eine ist!“ Frage: Ist das ein Rechtfertigungs- oder ein Entschuldigungsversuch?

Ist eine Tat gerechtfertigt, bedeutet das, dass sie gar nicht als rechtswidrig (= Straftat) gesehen werden soll. Ist ein Täter entschuldigt, bedeutet das, dass die Tat zwar eigentlich bestraft werden sollte, der Täter aber nicht, da ihn keine Schuld trifft. (Notwehr leisten kann man auch, wenn man nicht schuldunfähig ist, denn eine durch Notwehr gerechtfertigte Tat soll als Tat an sich nicht bestraft werden. Schuldunfähig sein kann ein geistig Behinderter auch, wenn seine Tat rechtswidrig ist, denn ein geistig Behinderter soll an sich nicht als Täter bestraft werden.) Soll also das Ärgern objektiv gar nicht als verwerflich angesehen werden oder soll der Ärgernde subjektiv nicht als schlechter Mensch wahrgenommen werden? Das ist ein wichtiger Unterschied! Im ersten Fall soll nämlich der Geärgerte sich gar nicht geärgert fühlen, während er im zweiten Fall nur dem Täter dafür nicht böse sein soll. Wenn jemand um Entschuldigung bitten will, muss er sagen: „Tut mir leid, ich habe etwas falsch gemacht, bitte verzeih mir!“ Sagt er aber: „Ich habe doch gar nichts getan, du hast gar keinen Grund, mir böse zu sein!“, versucht er sich zu rechtfertigen. Es ist also die Frage, ob man „etwas gemacht“ hat oder eben nicht. Harmlose Späßetreiber sehen ihren Fehler ein und bitten um Entschuldigung; Mobber halten sich für unbescholten und versuchen sich zu rechtfertigen. Eine Mitschülerin von mir schrieb mir am Ende der 8. Klasse, dem zweiten der beiden unangenehmen Schuljahre, einen Abschiedsbrief mit einem Gedicht von Heinrich Heine: „Die Philister, die Beschränkten, /diese geistig Eingeengten /darfst Du nie und nimmer necken. /Aber weite, kluge Herzen /wissen stets in unsren Scherzen /Lieb und Freundschaft zu entdecken.“ Damit hat sie mir im Prinzip erklärt, dass ich nur zu empfindlich wäre und all die „freundschaftlichen Neckereien“ falsch verstanden hätte. Frei übersetzt: Jeder normale Durchschnittsmensch würde ein aggressives „Stell dich zehn Meter weg oder ich hau dir Eine rein!“ oder ein gehässiges „Klau ihr doch mal die Brille, mal sehen, wie weit sie damit kommt!“ oder Pfeffer und Salz in den Augen oder, oder, oder als lieb gemeinte Alberei verstehen, bloß ich hab das wieder nicht kapiert. Rechtfertigungsversuche sind die Behauptung, dass es gar keine Grenze gegeben hätte, die hätte überschritten werden können; es hätte also gar keine Verletzung stattgefunden, das Opfer braucht nicht geschützt und die Tat nicht sanktioniert zu werden.

b) Die Umgebung

Die größte Gefahr, die von drumherumstehenden Nichtstuenden ausgeht, ist natürlich das empfundene Einnehmen der Position eines objektiven Dritten. Je größer die Gruppe Derjenigen, die die Schikanen geschehen lassen, desto mehr erhärtet sich beim Opfer der Eindruck, objektiv betrachtet gar kein Opfer zu sein, sondern die Behandlung verdient zu haben.

Das führt dann dazu, dass man sich gar keine Hilfe von außen mehr sucht, denn man weiß ja gar nicht (mehr), dass man die überhaupt bekommen sollte oder glaubt zumindest nicht daran, dass man sie bekommen würde. Wenn nur ein einziger Mensch auf der eigenen Seite steht, kann man wenigstens glauben, dass die große Gruppe eben doch irrt. Aber wenn alle gegen Einen sind? Man muss sich vor Augen führen, was es bedeutet, zu jemandem zu gehen und um Hilfe zu bitten. Man muss im Grunde sagen: „Die behandeln mich schlechter, als ich es verdient habe!“, genauer: „Ich bin nicht so schlecht, dass ich das verdient habe!“, noch genauer: „Ich halte mich für besser, als die es tun!“ Man muss ja im Grunde genommen argumentieren, dass man kein minderwertiger, zweitklassiger, schlechter Mensch ist, der so behandelt werden darf, als hätte er gar keine (menschen)rechtlichen Grenzen – und wie soll man das, wenn man durch das Gruppenverhalten gerade zu der Überzeugung gebracht wurde, das eben doch zu sein?

Ganz klar: Man muss sich darauf berufen können, dass irgendjemand anders das auch so sieht. Problem: Es macht ja niemand diesen Eindruck! Wenn man sich in einer wirklich schlimmen Tiefphase befindet, fängt man sogar an zu glauben, Eltern, Lehrer u. ä. würden Einen nur deshalb besser behandeln, weil sie eben gesellschaftlich dazu verpflichtet sind, aber nicht, weil sie Einen wirklich mögen würden. Ich habe das zwischenzeitlich getan, und das ist der Punkt, der mir bis heute am stärksten anlastet, der die nachhaltigsten Folgen für meine Selbstwahrnehmung und mein Selbstwertgefühl hatte, und es kommt vor, dass ich mich heute noch bei solchen Gedanken erwische. Mein persönliches Schlüsselerlebnis war die Frage einer Mitschülerin: „Du bezeichnest doch X als deine Freundin, ja? Glaubst du, dass sie glücklich darüber ist?“ und der Antwort von X, die ich naiverweise dann ganz arglos danach fragte: „Naja, ich hab einfach Angst, dass die Anderen dann sagen Mit so Einer geb ich mich ab“ [und sie dann auch zur Zielscheibe wird, aber da weiß ich den Wortlaut nicht mehr, sodass ich es nicht zitieren kann]. Ähnlich war es mit einem anderen Mädchen, das auf Klassenfahrt mit mir in einem Zimmer landete und deswegen anfing zu weinen und Angst hatte, von den Anderen dafür ausgelacht zu werden. Das war für mich der Punkt, an dem ich mich plötzlich als schlecht und minderwertig und zweitklassig „erkannte“, weil meine Existenz auch negative Auswirkungen auf Andere zu haben schien.

Man braucht in so einer Situation dringend einen weiteren objektiven Dritten, der eigentlich nicht verpflichtet wäre Einen zu mögen und es „trotzdem“ tut. Für mich war das meine Klavierlehrerin, die babybedingt ihre Stelle an der Musikschule aufgab, mich aber als Privatschüler behielt, und zwar nur mich (und meinen Bruder). Es lag also definitiv daran, dass sie mich doch mochte, sodass ich irgendwann in der Folge wieder Selbstwertgefühl tanken und mir dann auch Hilfe anbieten lassen konnte von meiner inzwischen zufällig aufmerksam gewordenen Klassenleiterin.

Das ist nämlich noch so eine Sache: Hilfe nicht mehr selbst holen können ist das Eine – Hilfe auch nicht mehr annehmen können aber das Andere. Wenn man all diese negativen Selbstbilder so richtig verinnerlicht hat, dann kann man sogar anfangen, die wenigen doch noch/wieder hilfsbereiten Menschen abzuweisen, weil man ernsthaft glaubt, sie lägen falsch mit der Annahme, dass man Hilfe überhaupt noch verdient hätte.

Das ist wahrscheinlich der tiefste Tiefpunkt, den das eigene Selbstwertgefühl erreichen kann, und man kommt dort nur hin, wenn wirklich niemand Einem beisteht – also wenn Außenstehende nichts unternehmen und wegsehen. Ich muss ganz brutal sagen, dass ich davon überzeugt bin, dass nicht jedes selbstmordwillige Mobbingopfer einfach nur dem Druck nicht mehr standhält und alles beenden möchte – ich glaube, dass zumindest auch einige dabei sind, die einfach zu der Überzeugung gelangt sind, dass sie so „schlecht“ und „lebensunwert“ wären, dass sie es der Welt schuldig wären, sie von sich zu befreien. Darauf komme ich deswegen, weil ich selbst mich damals eine Weile lang ernsthaft gefragt habe, warum ich überhaupt in die Welt gesetzt wurde und was der Sinn meines Lebens ist. Ich wollte zwar nicht aktiv Selbstmord begehen, aber ich habe mich gefragt, wie es sein kann, dass ich nie z. B. in einen Unfall gerate oder auf andere Weise vorzeitig von der Welt genommen werde, wenn ich doch so „falsch“ zu sein schien. Nachdem ich mich immerhin von meinen Mitschülerinnen in beinahe jeder erdenklichen Weise unterschied, stellte ich mir vor, dass die Natur so etwas wie ein Erfinder wäre und ich eine Art schiefgelaufenes Experiment, das eigentlich „entsorgt“ (also auf den Müll geworfen bzw. wieder aus der Welt geschafft) gehört und wunderte mich, wieso das nie geschah. Zum Glück kam ich damals gar nicht auf den Einfall, das selbst zu übernehmen.

Damit es überhaupt so weit kommt, müssen die Mobber ausreichend Gelegenheit haben, das Opfer in diese Position des psychischen Wracks zu bringen. Essentiell ist, dass niemand vorzeitig eingreift und den Spuk beendet. Deshalb kommt es darauf an, möglichst nur subjektiv wahrnehmbar zu schikanieren. Nun ist es so, dass Dinge wie Sachbeschädigung, Diebstahl und Körperverletzung objektiv gut erkennbar sind. Als meine Mitschüler einen Pfeffer-und-Salz-Streuer (er gehörte dem Mädchen, das auf Klassenfahrt meine Zimmergenossin wurde und deswegen weinte) über meinem Kopf entleerten und sein Inhalt irgendwann in meinen Augen landete, bekamen sie plötzlich Panik und bettelten, ich möge sie nicht „verpetzen“. Als sie ein anderes Mal während des Sportunterrichts Kleidungsstücke von mir stahlen und versteckten und ich den Eindruck erweckte, jetzt endlich mit Beweisen zu einem Erwachsenen gehen zu können, gaben sie mir die Sachen kleinlaut zurück. Aber ich kam nie auf den Einfall, jemandem von Dingen wie dem Vornamenverunstalten oder Sprüchen darüber, ob es nicht lustig wäre, meine starke Brille (auf die ich angewiesen war und bin) zu „klauen“, zu erzählen, weil ich einfach dachte, dass solche „Kleinigkeiten“ von Erwachsenen ohnehin nicht ernst genommen würden. Man braucht deshalb unsichtbare Dinge, aber davon viele, so dicht beieinander, dass sie doch als Einheit wahrgenommen werden: Hier mal ein Spruch, da ein Anrempeln und dort ein „versehentlich“ an den Hinterkopf geworfener Ball im Sportunterricht – immer so, dass das Opfer, und nur das Opfer, den Zusammenhang erkennt. Bis der sichtbar wird, dauert es oft seine Zeit – und dann stellt sich die Frage, wann und wie genau eigentlich alles angefangen hat. Es entstehen ein das-war-doch-schon-immer-so-Gefühl für das Opfer und eine Gewohnheit für die Täter – und plötzlich handelt es sich um den „Normalzustand“. Und wer würde den Normalzustand hinterfragen und als unrecht und verwerflich anprangern? Es entsteht also irgendwie das Gefühl, dass es so sein muss und seine Ordnung hat.

Das Opfer nimmt nur wahr, dass alles so geschehen kann, wie es geschieht. Will heißen, die Grenzüberschreitung ist allgegenwärtig, Sicherheit nicht vorhanden – und damit neuerliche Grenzüberschreitung absehbar. Man rechnet damit, dass die eigenen Grenzen nicht gewahrt werden. Wir haben also einen Angstzustand, und genau das ist Mobbing: Von Anderen vorsätzlich (wissentlich und willentlich) hervorgerufene Angst, deren Ende nicht absehbar ist. Man fühlt sich nicht sicher, und dabei ist es vollkommen irrelevant, wie unsicher man sich fühlt, denn Sicherheit heißt immer hundert Prozent, und wenn auch nur ein Prozent fehlt, hat man Unsicherheit. Ebenso irrelevant ist, worauf genau sich die Unsicherheit bezieht, denn auch kleine Grenzüberschreitungen sind Grenzüberschreitungen und Beleidigungen können genauso verunsichern wie Schläge.

Wenn das Opfer nicht mehr mit Hilfe rechnet, sucht es auch keine mehr, und das ist die Gelegenheit, das Mobbing zu intensivieren, also die Schikanen härter werden zu lassen. Und dann ist der fatale Teufelskreis in Gang gesetzt. Und irgendwann, irgendwann gehen die Täter dann richtig ans Eingemachte und begehen die maximal möglichsten Grenzüberschreitungen.

Was mag das wohl sein? Tipp: Tatort ist insbesondere die Sportumkleidekabine. Noch ein Tipp: Das liegt daran, dass man sich dort um- und teilweise auszieht. Letzter Tipp: Mobbing geht ja oft einher mit der pubertären Identitätsfindung, im Zuge derer man sich selbst weiterentwickelt und die u. a. zum ersten Mal auch die Idee einer sexuellen Identität und natürlich deren Abgrenzung aufkommen lässt. Ich habe nicht erlebt, wie es bei pubertierenden Jungen ist, aber insbesondere Mädchen zielen beim Mobbing auch verstärkt auf subtile, manchmal von ihnen selbst gar nicht erkannte sexuelle Demütigung ab. Der Extremfall war bei mir Photographieren in der Umkleidekabine (da ich damals kein Internet hatte, weiß ich nicht, wo die Bilder überall gelandet sind), aber es fing schon an mit Kommentaren über die Unterwäsche, weil ich mich erdreistete, mit zwölf und dreizehn Jahren keine Stringtangas tragen und „Kerle aufreißen“ (oder was meine Mitschülerinnen darunter verstanden) zu wollen; die unterste Stufe war natürlich einfach „Du bist hässlich!“ (=“Du bist unattraktiv!“). Heute weiß ich, dass ich einfach asexuell bin, aber damals war die Tatsache, dass ich so gar kein (sexuelles) Interesse an irgendjemandem oder auch nur am Thema Sex entwickelte natürlich ein gefundenes Fressen für meine Mitschülerinnen. Die einzige Beteiligung von zwei Jungen war der allerdings sofort sehr durchschaubare Versuch, mir falsche Liebesgeständnisse zu machen und Liebesbriefe zu schreiben; nachdem ich darauf aber nicht hereinfiel, war der Blödsinn erledigt.

Es steht und fällt letztendlich alles mit einem Dauerzustand. Meiner Beobachtung nach steigern Mobber sich regelrecht in ein Suchtverhalten hinein, das dem Drogenabhängiger erstaunlich nahekommt. Der Mensch, den sie eigentlich hassen, wird für sie zu einer buchstäblichen Obsession und sie verwenden eine große Menge Energie auf ihn, wie man es sonst nur tut, wenn man jemanden gern hat. Grund ist, dass sie eben nicht nur damit zufrieden sind, selbst „über“ Anderen zu stehen, sondern diese Anderen auch noch „unten“ sehen wollen, wobei die Wahrnehmung dieses Abstandes zwischen den einzelnen „Ebenen“ sich immer mehr verzerrt, so wie einem Junkie die gewohnte Dosis irgendwann zu klein ist, sodass er sie erhöhen muss und in der Folge überhaupt nicht mehr ans Aufhören denken kann.

Wenn aber jemand nicht durch natürliche Umstände nach „unten“ rutscht, sondern z. B. sogar besser in der Schule ist, versuchen diese „Oben-Süchtigen“ ihn eben nach unten zu drängen, indem sie ihn psychisch niedermachen. Je größer aber der Abstand, desto weiter oben scheint sich die „obere“ Stufe zu befinden, sodass mit dem Nachuntendrücken des Opfers die Mobber einen eigenen „Aufstieg“ empfinden (sich einbilden), sei es auf sozialer oder Erfolgsebene, was das „Suchtverhalten“ verstärkt. Oft erscheinen sie sogar nach außen hin tatsächlich „oben“, weswegen sie bspw. bei Lehrern dann an Beliebtheit zunehmen, denn wer sich „oben“ befindet, wird positiv wahrgenommen. Das soll natürlich in einen Dauerzustand transformiert werden. Tatsächlich „brauchen“ die Täter ihr Opfer, aber nicht aus Zuneigung, sondern weil es ihnen nützlich ist. Es ist für sie kein (Mit-)Mensch mehr, sondern ein Objekt, das ihnen ihre positive Außenwahrnehmung liefert und aus dem sie vampirisch ihre Energie und ihr eigenes positives Selbstbild ziehen.

Ich vergleiche Mobber gern mit Evil Overlords, wie man sie aus Phantasygeschichten kennt. Es wird sich ja gern darüber belustigt, dass die Evil Overlords ihren guten Erzfeind, wenn sie ihn denn gefangen genommen haben, nicht einfach still und heimlich im Kerker hinrichten lassen, solange sie die Möglichkeit haben, sondern eine öffentliche Hinrichtung mit viel Brimborium lange im Vorhinein ankündigen und durchzuziehen versuchen, was letztendlich den Freunden des Helden Gelegenheit gibt, einen Befreiungsplan auszutüfteln und dann auch erfolgreich in die Tat umzusetzen. Mal abgesehen davon, dass das dem Plot zuträglicher ist als der Tod des Helden, ist das auch überhaupt nicht unrealistisch, sondern psychologisch völlig nachvollziehbar: Der Evil Overlord hätte von einer stillen und heimlichen Hinrichtung nämlich zwar die Entledigung seines Erzrivalen, ja – aber keine Aufmerksamkeit von der Außenwelt. Er könnte die Tötung des Helden natürlich ankündigen und vielleicht den Kopf des Hingerichteten irgendwo zur Schau stellen. Aber viel eindrucksvoller ist es, zu demonstrieren, dass der Evil Overlord in aller Seelenruhe und völlig ohne Hast (die nur auf eigene Angst und damit Schwäche hindeuten würde) die Hinrichtung planen und durchführen kann, ohne dass jemand ihn behindert, ja, sogar unter dem Jubel und Beifall eines Publikums (Objektive Dritte!). Der Evil Overlord tut das, weil er es kann und um das zu zeigen, also als Machtdemonstration.

Wer kein Phantasyleser ist, kennt Ähnliches von Lehrern. Wenn Lehrer ihre Machtposition schwinden sehen, versuchen sie dem Schüler, der ihre Position infrage stellt, zu beweisen, dass sie im Recht sind und erfinden dann allerlei Unsinn. Es war einmal üblich, Schüler mit dem Stock zu züchtigen, was aber dann verboten wurde; zwischenzeitlich kam es in Mode, Schüler Sätze oder Aufsätze schreiben zu lassen, aber das bedeutete nur Arbeit für den Lehrer; heutzutage greifen Lehrer gern auf Sitzplanveränderungen zurück, aber das bringt nur die gesamte Klasse gegen sie auf, weil es nicht nur die Störenfriede betrifft. Ebenso gut könnten sie den aufsässigen Schüler bitten, die Tafel voller Blümchen zu malen, es hätte das gleiche Ziel und wäre genauso nutzlos.

Was weder Evil Overlords noch Lehrer begreifen, ist, dass sie mit solchem Handeln überhaupt erst Unsicherheit zugeben, womit sie sich oft erst als Zielscheibe ins Gespräch bringen. Während ihr Bemühen aber wenigstens noch nachvollziehbar ist (ein Herrscher braucht nun einmal Regierungsmacht und ein Lehrer muss eine Autoritätsperson sein), ist es objektiv unverständlich, warum Mobber überhaupt nach einer Machtposition streben. Einzig erkennbarer Grund: Sie sehen für sich keine Möglichkeit, auf legalem Wege Anerkennung zu bekommen, etwa für Leistungen oder ihre Persönlichkeit.

Man wird also nur zum Mobber, wenn man überhaupt nichts Anerkennenswertes vorzuweisen hat, während ein Opfer aus genau dem umgekehrten Grund zum Opfer wird. Umso trauriger ist es, wenn solche Situationen von nichtstuenden Außenstehenden unterstützt und gefördert werden. Sie bescheren damit nämlich dem Mobber den (zweifelhaften) Erfolg, doch noch eine „Leistung“ erbracht zu haben. Die Leistung besteht allerdings darin, einem anderen Menschen die allgemeine Behandlung als vollwertiger zu achtender und zu schützender Mensch verwehrt zu haben, die ihm eigentlich gebührt. Der „Erfolg“ ist demnach, etwas erreicht zu haben, was zu erreichen eigentlich nicht vorgesehen war. Es hätte nicht möglich sein sollen, einen anderen Menschen seiner Sicherheit zu berauben, aber die Mobber haben das vermeintlich Unmögliche dennoch zustande gebracht. Damit fühlen sie sich so unbesiegbar wie Superhelden, die sonst als Einzige alle Hindernisse überwinden, und überhaupt nicht mehr als unfähige Versager, die nichts Anerkennenswertes zuwege bringen.

Die Umstehenden sorgen also zum Einen dafür, dass jemand einen anderen Menschen nicht (uneingeschränkt) als Menschen zu behandeln braucht, obwohl er dazu verpflichtet wäre, und zum Anderen auch dafür, dass jemand nicht (uneingeschränkt) als Mensch behandelt wird, obwohl ihm das zustünde. Oder anders ausgedrückt: Sie bescheren den Tätern den Erfolg, das Leben eines anderen Menschen nachhaltig beeinflusst, also Macht über ihn ausgeübt zu haben. Mit Strafrechtsvokabular formuliert: Sie verwirklichen den Taterfolg eines Machtdeliktes. Eine Handlung, die die Herbeiführung des Taterfolges fördert oder erleichtert bzw. die Tat ermöglicht, intensiviert o. ä., nennt sich Hilfeleisten und wird mit Vorsatz oder Eventualvorsatz (wissen, was man tut, und damit einverstanden sein) zur Beihilfe und Beihilfe ist eine Form der Teilnahme an einer Tat. Auch, wenn Mobbing an sich keine Straftat ist, leistet jemand, der es geschehen lässt, rein tatsächlich dennoch Beihilfe dazu und wird so neben den Haupttätern zum Teilnehmer, indem er den Taterfolg erst ermöglicht. Ohne Dritte könnte der Mobber dem Opfer gar nicht schaden, ebensowenig, wenn die Dritten nicht zu Dritten werden. Wer durch Nichtstun die Position des Dritten einnimmt, sorgt überhaupt erst dafür, dass das Opfer zum Opfer werden kann.

Und genau das ist der Schaden, den Diejenigen, die wegsehen und nichts unternehmen, anrichten.