Wer verantwortet eigentlich die technik ?

Wer verantwortet eigentlich die Technik ?

Wie wurde unser Leben wohl verlaufen sein, wenn es die Errungenschaften der Technik, welche wir so selbstverstandlich nutzen, nicht gegeben hatte ! –

Unter Technik versteht man ganz allgemein die Fahigkeiten und Mittel, mit denen

der Mensch sich die Natur dienstbar macht, indem er ihre Eigenschaften und Gesetze

erkennt und ausnutzt. Technik gehort in diesem Sinne zum Wesen des menschlichen

Daseins dazu.

Die Technik hat Marchenwunsche erfullt, aber auch Alptraume wahrgemacht.

Das Schlaraffenland als Automatenparadies oder die Horrorvision des atomaren Infernos –

beide Zukunftsversionen konnen Wirklichkeit werden.

Kuhn waren die technischen Phantasien , die unsere Ahnen in Mythen, Fabeln und

Utopien ausgemalt haben:

Der Flug des Ikarus bis in die Nahe der Sonne, Peterchens Mondfahrt, die Wundertaten

des Herkules, die Unterwasserexpeditionen des Jules Verne;

doch nur weniges davon blieb unerreicht.

Im Gegenteil: Oft genug wurde die Phantasie von der technischen Wirklichkeit uberboten. –

Wir fliegen in wenigen Stunden von Kontinent zu Kontinent; Astronauten umrunden

die Erde in der gleichen Zeit viermal.

Kleinkameras lichten Magen und Blutadern von innen ab, rechnergestutzte Diagnosesysteme Prufen den Korper scheibchenweise auf Herz und Nieren.

Schon kann man das Erbgut bei Lebewesen vervielfaltigen und kopieren.

Kunstliche, uberschwere Elemente werden technisch-physikalisch hervorgebracht

und in ihrem Zerfall gelenkt: Unerschopfliche Energiequelle und Bedrohung durch

unermessliche Zerstorungsmacht zugleich.

Atomstrom und Atombombe –

Endpunkte des biblischen Auftrags „Macht euch die Erde untertan“ ? –

Die Menschen haben betrachtliche Teile der Erde in eine technische Landschaft verwandelt.

Und seit der Landung auf dem Mond schicken sich die Menschen an, ihre Herrschaft

uber die Erde auch in den Weltenraum auszudehnen.

All dies ist das Ergebnis technischer Handlungsmacht.

Wohl sind es immer Individuen, die ihre Beitrage zur Herstellung technischer Gegenstande leisten, und Individuen sind es, die aus ihrem Gebrauch ihren Nutzen ziehen.

Aber wahrend man die handwerkliche Technik noch als die Leistung einzelner Menschen

auffassen konnte, welche die Produktidee und die Produktherstellung in sich vereinten,

ist die moderne industrielle Technik auf Arbeitsteilung angewiesen und mehr als

soziotechnisches Handeln zu sehen.

In Planung, Entwicklung, Konstruktion und Produktion arbeiten Dutzende oder sogar

Hunderte von Fachleuten gemeinsam an der gleichen Aufgabe. Arbeitsteilig steuert jeder

einzelne sein besonders Wissen und Konnen bei, ohne jedoch damit alle Aspekte der Aufgabe

uberblicken zu konnen.

So geht aus den Teilbeitragen und ihren wechselseitigen Einflussen etwas hervor,

was in dieser Form keine der beteiligten Personen alleine hatte bewirken konnen.

Da stellt einer die richtige Frage, ohne die Antwort zu wissen;

dem zweiten fallt eine Losungsmoglichkeit ein, auf die er nie gekommen ware,

wenn nicht der eine die richtige Frage gestellt hatte;

und beide kamen dennoch nicht viel weiter, wenn nicht der dritte sich erinnern wurde,

wie er in einem ahnlichen Fall eine Losung erfolgreich ausgefuhrt hat.

Die Technisierung hat die Moglichkeit des soziotechnischen Handelns ins Unermessliche ausgewiesen.

Die Menschen haben sich – als sich die Moglichkeit einstellte – nicht einmal gescheut,

Bomben herzustellen, die den ganzen Planeten, ihre eigene Gattung und alles andere Leben zerstoren konnen.

Und spatestens hier stellt sich die Frage nach der Verantwortung.

Aber „wer“ soll „was“ gegenuber „wem“ verantworten ? –

Als Kain seinen Bruder Abel erschlagen hatte, musste er sich vor Gott

– der hochsten Instanz – verantworten.

Aber wo findet sich eine ahnliche Instanz heute ?

Ursprunglich stammt das Wort „Verantwortung“ aus der Gerichtsbarkeit und geht bis ins romische Reich zuruck.

Ein Mensch hat etwas zu verantworten, indem er vor einem Richter auf die Frage

antworten muss, was er getan hat; denn eine bestimmte Tat und deren Folgen

werden ihm zugerechnet.

Bei der Ingenieurverantwortung haben wir es aber mit einer ubergeordneten,

hoherstufigen moralischen Verantwortung zu tun, fur den der formale Verantwortungsbegriff nicht ausreichend ist.

Durch die Moralphilosophie (Ethik) hat der Begriff der Verantwortung eine betrachtliche Erweiterung erfahren und eine zentrale Rolle in der ethischen Diskussion eingenommen.

Dass, ganz allgemein gesprochen, Technik ethischen Erwagungen unterliegt, folgt aus der

einfachen Tatsache, dass die Technik eine Ausubung menschlicher Macht ist, d.h. eine Form des Handelns, und alles menschliche Handeln moralischer Prufung ausgesetzt ist.

Und es ist auch bekannt, dass ein und dieselbe Macht sich zum Guten wie zum Bosen

benutzen lasst und man bei ihrer Ausubung ethische Normen beachten oder verletzen kann.

Der Ingenieur wird seiner (ethischen) Verantwortung gerecht, wenn er seine Arbeit und die Produkte, die daraus hervorgehen, bewusst auf den Nutzen fur die Allgemeinheit kritisch uberpruft. Er soll alle denkbaren Folgen seiner Projekte in Erwagung ziehen und prufen,

ob alle diese Folgen mit den ma?geblichen Wertvorstellungen der Gesellschaft vereinbar sind.

(Ingenieur steht auch fur alle anderen Berufsgruppen, die aktiv an der technischen Entwicklung mitwirken, wie z.B. Naturwissenschaftler in technischen Tatigkeiten,

Entwicklungs- und Produktmanager, Techniker in engerem Sinne und andere technische Fachkrafte.)

Identifiziert der Ingenieur mogliche Folgen, die allgemein als unannehmbar gelten, soll er

das betreffende Vorhaben derart modifizieren, dass die negativen Folgen vermieden werden.

Falls Verbesserungen nicht denkbar oder nicht machbar sind, soll er das heikle Projekt

vollig aufgeben.

Er soll auch bereit und in der Lage sein, fur seine Sicht des Problems und seine Handlungsweisen jederzeit gegenuber anderen einzustehen. –

Es muss aber gesehen werden, dass technisches Handeln in einer Gruppe

(kollektives Handeln) anders ablaufen wird als das Handeln einzelner Personen,

das individuelle Handeln.

In der Technik uberwiegt aber das kollektive Handeln, das Handeln im Team.

Die personliche Ingenieurverantwortung ist in dieser Handlungsform nicht gegeben,

da sich die herkommliche Moralphilosophie auf das individuelle Handeln, das Handeln

einzelner Personen , konzentriert.

Ein gro?er Teil des technischen Handelns wird langst durch Gesetze und Verordnungen

sowie durch technische Normen und Richtlinien reguliert.

So tragen Ingenieure ihrer Verantwortung auch dadurch Rechnung, dass sie sich um genaue

Kenntnis der einschlagigen Regelungen bemuhen und darauf achten, dass diese Regelungen

innerhalb ihres Einflussbereichs auch wirklich eingehalten werden.

Diese Verantwortung fur die Einhaltung von Gesetzen und Vorschriften fallt in den Bereich

der rechtlichen Verantwortung. Bei Versto? gegen geltende Gesetze wird man vor Gericht

zur Verantwortung gezogen.

Es gibt einen Tater (der Ingenieur),

es gibt eine Tat (Missachtung des Gesetzes),

es gibt eine Instanz (das Gericht).

Die Ingenieurverantwortung jedoch ist eine moralische Verantwortung und liegt auf einer

anderen Ebene.

Ingenieure und Ingenieurwissenschaftler konnen heute nicht mehr die Augen davor verschlie?en, in welchem Ma?e ihre Schopfungen die Welt nicht nur verandert,

sondern auch mit neuen Risiken belastet haben.

Der Ingenieur ist aufgefordert, die Folgen seines technischen Handelns abzuwagen,

ja sogar die Folgen der Technikfolgen einzuschatzen.

Hierzu ein Beispiel:

Wenn die Fluorchlorkohlenwassestoffe das Ozonloch vergro?ern, strahlt die Sonne

mit gro?erer Intensitat auf die Erde;

wenn die intensiveren Sonnenstrahlen die Bildung von Hautkrebs fordern, werden die

Menschen aus Rucksicht auf ihre Gesundheit das bislang so beliebte Sonnenbaden einschranken;

wenn Sonnenbader aus der Mode kommen, entfallt ein wichtiger Grund, Urlaubsreisen

an sudliche Strande zu unternehmen;

wenn der Tourismus in den Badeorten spurbar zuruck geht, kommt es zu Arbeitslosigkeit

und Wirtschaftskrisen in den heutigen Urlaubsregionen;

und so weiter, und so weiter.

Moralische Verantwortung setzt Sachkompetenz und Wertkompetenz voraus, im technischen

Handeln also Kompetenz fur alle denkbaren Technikfolgen und alle davon beruhrten Werte.

Nun ist allerdings vollig unmoglich, dass der einzelne Ingenieur alle diese Kompetenzen

in sich vereinigt.

Er muss aber uber technikbezogenes Orientierungswissen verfugen, damit sich Ingenieure

mit Okologen, Psychologen, Soziologen oder Juristen uberhaupt verstandigen konnen und

um urteilsfahig zu sein, wenn andere Experten zur Klarung moglicher Technikfolgen um Rat

gefragt werden mussen.

Ingenieurverantwortung erfordert neben der Einsicht in die eigenen Kompetenzgrenzen

ein entwickeltes Fingerspitzengefuhl nach fremder Kompetenz.

Der Physiker Max Born hat in einem Brief an Albert Einstein im Jahre 1944 (vor dem Abwurf der Atombomben in Japan) die Anregung geau?ert, dass die Wissenschaftler

„einen internationalen Verhaltenskodex zur Ethik“ brauchten. Darauf hin wurden in den berufsstandischen Verhaltensregeln der Ingenieure Verpflichtung auf „das Wohl der Menschheit“ und die „Sicherheit des Lebens und der Gesundheit“ aufgenommen.

Vorher hatten sich solche Verhaltensregeln auf die fachliche und kollegiale Korrektheit der Berufsausubung beschrankt.

Vor allem in den USA schossen seit 1970 die Ethik-Kodizes der verschiedensten

Ingenieurorganisationen wie Pilze aus dem Boden.

Anfang der 50er Jahre legt auch der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) ein

>Bekenntnis des Ingenieurs< vor, in dem es unter anderem hei?t:

„Der Ingenieur stelle seine Berufsarbeit in den Dienst der Menschheit (….),

arbeite in der Achtung vor der Wurde des Menschen (….), beuge sich nicht denen, die das

Recht eines Menschen gering achten und das Wesen der Technik missbrauchen“.

Der Verhaltenskodex richtet sich an die Ingenieure als Individuen; der ethische Appell

an die Ingenieure wird durchweg als Appell an ihre besondere Verantwortung vorgetragen.

Als entscheidende Instanz fur Verantwortung kann in erster Naherung das Gewissen

angesehen werden.

(Das Gewissen als die Fahigkeit des menschlichen Geistes, das eigene geplante oder

vollzogene Handeln und dessen Folgen zum Gegenstand eigener Beurteilung zu machen

und mit den von der sozialen Umwelt gelernten, relativ stabilen Vorstellungen

vom Richtigen und Falschen zu messen.

ODER:

Das Gewissen als die Art und Weise, in der das Wertgefuhl im Menschen sich Geltung verschafft, als das Gefuhl fur das, was richtig und falsch ist.)

Auch internationale Organisationen wie die UNESCO sorgen sich in einer Erklarung

vom November 1977 um die (ethische) Verantwortung der heutigen Generationen gegenuber

den kunftigen Generationen.

(auszugsweise Kopie als Anhang)

Zusammenfassung.

Es wurde ein ganz kleiner Teilbereich der Probleme aufgezeigt, welche die

Technikfolgen-Abschatzung, die Technikbewertung und die Ingenieurverantwortung

mit sich bringen.

Der Themenbereich ist hochaktuell, wie die in Gesellschaft und Politik gefuhrten

Diskussionen um die Gentechnik zeigen.

Heinz Riesenhuber, der fruhere Bundes-Forschungsminister, hat die ethische Grundfrage

treffend formuliert:

„Wo sind die Grenzen des was-wir-durfen zu ziehen im Reich dessen, was wir konnen ?“

Gunter Ropohl kommt in seinem Buch zu dem Schluss:

a) Nicht jede technische Neuerung bedeutet auch sozialen Fortschritt.

b) Technische Neuerungen werden eingefuhrt, ohne dass ihre Nebenfolgen

von Anfang an bedacht und berucksichtigt werden.

c) Dass bestimmte Nebenfolgen unannehmbar sind, wird meistens erst dann erkannt,

wenn die Neuerung bereits verbreitet ist.

d) Weil an einer technischen Neuerung in der Regel sehr viele Personen beteiligt sind,

kann man keinem einzelnen die alleinige Schuld zuschreiben;

wer uberhaupt Verantwortungsbewusstsein empfindet, muss sehr schnell begreifen,

wie gering seine individuellen Einflussmoglichkeiten sind.

e) Politik und Recht sind bislang nicht darauf angelegt, unannehmbare Nebenfolgen

technischer Neuerungen gar nicht erst aufkommen zu lassen;

Politik und Recht haben lediglich als Reparaturbetrieb der Technisierung fungiert.

Mit einem Wort:

Die Technisierung mit ihren wachsenden Ambivalenzen (Doppelwirksamkeit nach sich

widersprechenden Richtungen) schreitet fort, doch niemand verantwortet sie. (Zitat Ende)

Wenn das so ist, dann gilt m.E. auch der Umkehrschluss: Wir alle verantworten sie !

Wir – die wir zu den 25% der Weltbevolkerung zahlen, die 75% der Energie verbrauchen,

wir – die wir auch im Sommer frieren und im Winter schwitzen wollen und energiefressende

Klimaanlagen betreiben,

wir – die wir in immer komfortableren Autos uber breite Asphaltstrassen fahren wollen,

wir – die wir glauben, mit der Getrenntsammlung von Mull sei unser Beitrag zur

Bewahrung der Umwelt erbracht,

und so weiter, und so weiter ……

—– Ende —–

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Begriffe. (* in Anlehnung an Schischkoff, Philosophisches Worterbuch)

Technik*, allg. die menschliche Tatigkeit, das Vorgefundene, das Gegebene menschlichen

Wunschen entsprechend zu andern. Naturkenntnis und Wissen sind die Voraussetzungen der Technik, Sicherung und Veredlung des menschlichen Daseins war ihr Ziel.

Fruher handwerksma?ig empirisch, im 19.Jh. wurde sie (durch die Erfindung von Kraftmaschinen) zur Maschinentechnik. Problem „Technik und Kultur“.

Weitreichende Folgen durch die Umgestaltung der Arbeitsweise, der Gesellschaft und der

menschlichen Lebensfuhrung (industrialisierte Gesellschaft); Mechanisierung der Gemeinschaft; ungeheuerer Raubbau an Rohstoffen; Steigerung der Bedurfnisse.

Wendung von ganzheitlicher, den ganzen Menschen erfordernder Arbeitsweise zum

einseitig durchrationalisierten und mechanisierten Spezialistentum.

Bewertung der Kulturhohe eines Volkes (zu Unrecht) allein nach dem Ma? des

technischen Fortschritts.

Besonders nach dem 2. Weltkrieg wird die Technik von Kulturkritikern zunehmend

mit Misstrauen und Angst betrachtet. Die Atombombe lasst sie als lebensfeindliche

Macht erscheinen.

Moral*, derjenige Ausschnitt aus dem Bereich der ethischen Werte, dessen Anerkennung

bei jedem erwachsenen Menschen zunachst angenommen wird.

Umfang und Inhalt dieses Ausschnittes andern sich im Laufe der Zeit und sind bei den

verschiedenen Bevolkerungsschichten verschieden.

Bei der Moral handelt es sich um das, was „gute Sitte“ ist, was sich „schickt“.

Ein Konsens der Menschen daruber, welche Werte aus den vielen moglichen Werten

(wenigstens) verstandesma?ig fur richtig gehalten werden und deren Verwirklichung

angestrebt werden sollte (z.B. Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, Zuverlassigkeit, Treue).

Die Moral ist mitbestimmend fur das personliche Weltbild eines Menschen (da auch die

von der Religion als wertvoll bezeichneten Verhaltensweisen eingehen).

Ethik*, ist die Sittenlehre; sucht nach einer Antwort auf die Frage: Was sollen wir tun ?

Die Ethik lehrt, die jeweilige Situation zu beurteilen, um das sittlich richtige

Handeln zu ermoglichen.

Ethik untersucht, was im Leben und in der Welt wertvoll ist, denn das ethische Verhalten

besteht in der Verwirklichung ethischer Werte.

Diese Werte sind sowohl in der jeweiligen Situation als auch in der Person zu finden.

Ethik dient der Erweckung des Wertebewusstseins.

Die Anforderungen des menschlichen Daseins bewirken, dass standig neue Werte uber

die Schwelle des Wertebewusstseins treten, andere aus ihm ausscheiden.

Was vor hundert Jahren gute Sitte war, kann heute sittenwidrig sein.

soziotechnisches Handeln, technisches Handeln, was nicht als Individuum ausgefuhrt wird,

sondern arbeitsteilig im Kollektiv erbracht wird.