Zusammenfassung: Die Entwicklung der Sozialen Arbeit

Auf dieser Seite findest du eine Zusammenfassung zur Geschichte bzw. Entwicklung der Sozialen Arbeit, in welcher epochenübergreifend die wichtigsten Neuerungen, Konzepte und Zusammenhänge dargestellt sind.Wenn du zu einem Punkt bzw. einer Epoche mehr wissen möchtest, wähle einfach die entsprechende Epoche aus der Übersicht aus:

0. Theorien & Definitionen:

0.1 Wieso ist die Geschichte der Sozialen Arbeit wichtig?

  • 1. Um eine fachliche Identität zu entwickeln
  • 2. Um Soziale Arbeit kritisch weiterzuentwickeln
  • 3. Um eine eigene ethisch/moralische Position zu entwickeln

0.2 Definition und Merkmale Sozialer Arbeit:

  • Wird oft als Überbegriff für Sozialarbeit und Sozialpädagogik benutzt
  • Hilfe zur Bewältigung von Lebenslagen
  • ist beruflich verfasst und organisiert
  • Individuen, die nicht mehr den gesellschaftlichen Anforderungen entsprechen können so zu unterstützen, dass diese wieder am gesellschaftlichen Leben im Gesamten teilhaben können

0.3 Differenzierung von Sozialpädagogik und Sozialer Arbeit:

  • Identitätsansatz: Es gibt und gab keine Unterschiede
  • Differenzansatz: Bis heute sind SP und SA verschiedene Felder
  • Konvergensansatz: Aus verschiedenen Ansätzen entstanden aber bewegen sich immer mehr aufeinander zu, was die Komplexität der Notlagen auch notwendig macht.

0.4 Grundlegende Bedingungen für Hilfe:

  • Es muss Helfer geben
  • Es muss Organisationen geben, die das Helfer organisieren
  • Es muss gesellschaftliche Normen geben, die das Helfen angemessen erscheinen lassen
  • Man muss sich kennen
  • Es muss ein Überschuss an Ressourcen vorhanden sein

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1. Gesellschaftsformen und Hilfeformen:

1.1 Merkmale und Hilfeformen in einer archaischen Gesellschaft:

  • Segmentär differenziert: Gesellschaft besteht aus kleinen, aber gleichwertigen Segmenten (Familie/Sippe)
  • Einfache Gesellschaft, ohne komplexe Hierarchien, nur geringe Anzahl an Individuen
  • Alle Individuen befinden sich in gleichen Notlagen
  • Informelle, wechselseitige Hilfe untereinander mit unklarer Dankesverpflichtung

Beispiel: Frühmittelalterliches Dorf

  • + stabiles, kleines System
  • + keine Institutionen oder Organisationen zur Hilfe nötig
  • – keine Kapitalbindung, nur Warentausch
  • – unberechenbare und unklare Dankesverpflichtung

1.2 Merkmale und Hilfeformen in einer hochkultivierten Gesellschaft:

  • statifikatorisch differenziert: Gesellschaft ist in Kasten bzw. Stände unterteilt
  • gottgewollte ungleiche Ressourcenverteilung, dadurch evtl. Soziale Spannungen
  • Pluralisierung der Notlagen: Schon wesentlich mehr Mitglieder von Notlagen betroffen
  • komplexeres gesellschaftliches System, Hierachien, Bürokratie
  • Kein Grund mehr für wechselseitige Hilfe, da zu große Standesunterschiede
  • Hilfe nun aufgrund von Moral/Standesverhalten ohne Gegenleistung

Beispiel: Hochmittelalterliche Stadt

  • + Hilfe erfordert keine Gegenleistung mehr
  • + Hilfe bereits minimal „organisierter“
  • – Da keine Gegenleistung mehr, ist Hilfe nun sehr unkontinuirlich und instabil

1.3 Merkmale und Hilfeformen in einer modernen Gesellschaft:

  • Funktional differenziert: Hilfe nicht mehr kollektiv sondern durch spezialisierte, spezifische Organisationen
  • Überaus komplexe Gesellschaftssysteme, zivile-, politische- und soziale Rechte
  • Überaus viele verschiedene und komplexe Notlagen
  • Hilfe nun staatliche Aufgabe und wird durch zweckrationale Programme gewährleistet:

Hierbei 2 Ebenen und Entscheidungen zur Hilfeleistungen benötigt:

  • Staatlich/Politische Ebene: Festlegung von Ziel, Art und Gestaltung der Hilfeleistungen
  • Vor Ort: Bei jedem Einzelfall wird die bestmögliche Hilfeleistung individuell entschieden.
  • Beispiel: BRD oder sogar globalisierte Welt

    • + effektivste Hilfe durch spezialisierte Institutionen
    • + optimale individuelle Hilfe durch zweckrationale Programme
    • – viel Bürokratie
    • – Hilfe nun von politischer Situation abhängig

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    2. Soziale Arbeit im Mittelalter

    2.1 Soziale Sicherung in 2 Ebenen:

    • Soziale Absicherung im Mittelalter durch zwei Ebenen:
  • Horizontal: Durch eigene Familie/Sippe/Dorfgemeinschaft
  • Vertikal: Durch Ständesystem, beispielsweise min. Schutz durch Lehnsherren
    • + stabiles System, keine sonstige Hilfe benötigt
    • – Verstoßene, Wanderarbeiter etc. nicht sozial abgesichert

    2.2 Bedeutung von Armut im Mittelalter:

    • Armut sowie Ständesystem war gottgegeben und gottgewollte Ordnung, auch das Betteln war nichts negatives
    • Daher auch kein Grund etwas an Armut und Ungleichheit zu verändern, Hilfe blieb unsystematisch

    2.3 Familie und Kindheit im Mittelalter:

    • Ehen waren Zweckehen bzw. Zweckgemeinschaften zur Überlebenssicherung
    • Großfamilien mit Knechten und Vieh etc. lebten alle unter einem Dach
    • Es gab keine Lebensphase der Kindheit: Kinder waren kleine Erwachsene mit allen Konsequenzen, Babys eher „Dinge“, sehr hohe Kindstötung und Weggabe von Kindern

    2.4 Armenfürsorge im Mittelalter:

    • Zwei Formen der Hilfe zu dieser Zeit:
  • spontane, persönliche Hilfe: Von Haustür-zu Haustür-ziehen oder vor Kirche betteln
  • institutionelle Hilfe: Sporadische, unsystematische Spenden/Essensverteilung durch Kirche
  • 2.5 Kinder-und Jugendfürsorge im Mittelalter:

    • Erst im Spätmittelalter erste wenige Kinder- bzw. Waisenhäuser, um weit verbreitete Kindertötung zu verhindern
    • Kinder wurden dort auf das professionelle Betteln vorbereitet, evtl. minimale „Kirchenerziehung“.

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    3. Soziale Arbeit während der Renaissance

    3.1 Wertewandel der Gesellschaft und neuer Armutsbegriff:

    • Durch erste Formen eines freieren Wirtschaftssystems sowie durch Innovationen entsteht erstmals eine komplett neue Bevölkerungsschicht in großem Umfang: Das Bürgertum
    • Dadurch etablieren sich ebenfalls die bürgerlichen Ansichten und Moralvorstellungen innerhalb der Gesellschaft, es kommt zu einem Wertewandel innerhalb dieser:

    Armut nun nicht mehr gottgegeben, sonder Folge von staatlichem und gesellschaftlichem Versagen, Staat soll dafür sorgen, dass alle Menschen Arbeit haben

    • Ebenfalls etabliert sich durch das Bürgertum erstmals der „Leistungsgedanke“, im Mittelalter war Arbeit negativ angesehen
    • Dieses gesamte neue Denken kommt in den Theorien von Vives zum Ausdruck, dabei besonders 4 Prinzipien:
  • Arbeitspflicht für alle Gesellschaftsmitglieder
  • Bedürftigkeitsprüfungen bei Armen und Hilfsbedürftigen
  • öffentliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
  • Erziehung der Armen zur Arbeit
  • 3.2 Bettelordungen organisieren die Armenfürsorge neu

    • Durch die entstehenden Bettelordnungen wird die Armenfürsorge wesentlich organisierter, insbesondere:
  • rationalisiert: Festlegung von Bedarfskriterien etc.
  • kommunalisiert: Städte nun auch neben Kirche für Armenfürsorge zuständig
  • pädagogisiert: Hilfeleistungen nun an Bedinungen geknüpft, Arbeitsvermittlungen
  • bürokratisiert: Verwaltungsstellen für Hilfeleistungen eingerichtet, Leistungen werden dokumentiert.
  • Aber: Immer noch viele Personen, die hier „durch das Raster fallen“, beispielsweise Wanderarbeiter etc, Arme werden teilweise bis zum Tod von Stadt zu Stadt gekarrt.

    3.3 Kinder- und Jugendhilfe während der Renaissance

    • Gerade auch die Jugendlichen und Kinder sollten zur Arbeit erzogen werden, wurde in Realität aber nur selten umgesetzt.
    • Hierbei gab es besonders 2 Ansätze:
  • Vives: Öffentliche Erziehung der Jungen/Mädchen zur Arbeit/Ehe in Waisenhäusern
  • Nürnberger Armenordnung: Kinder sollen die Familien durch Arbeit unterstützen, daher soll ihnen eine Arbeitsausbildung vermittelt werden
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    4. Soziale Arbeit im Absolutismus

    4.1 Zuchthäuser entstehen in der Armenfürsorge:

  • Zuchthäuser entstehen in großem Umfang, dort herrscht Arbeitszwang und es gibt harte Körperstrafen
  • Strafen hierbei nicht mehr allein zum Selbstzweck, sonder „pädagogisch“: Andere Abschrecken und Menschen zu „korrigieren“ (Devianz)
  • Ursachen: Um Arme von den Straßen „wegzukriegen“ und um deren Arbeitskraft systematisch für Manufakturen auszunutzen
  • 4.2 Kinder-und Jugendfürsorge im Absolutismus:

    • Schon wesentlich mehr Waisenhäuser nun als zur Zeit der Renaissance
    • Erziehung der Jugendlichen zur Arbeit hin, teilweise bilden sich erste Volksschulen

    Zwei zentrale Innovationen hierbei:

    1. Caspar Voght: Hamburger Armenreform

    • Ziel: Erziehung und Bildung, damit Jugendliche durch Arbeitsstelle der Armut entkommen können

    2.August Franke: Halleschen Anstalten

    • Kinderheim + Schulen zusammen, damit Jugendliche durch Bildung und Erziehung „alltagstauglich“ werden

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    5. Soziale Arbeit während der Industrialisierung

    5.1 Die moderne Soziale Frage:

    • Durch industrielle Revolution und Gesellschaftswandel kommt es zur Massenverelendung großer Teile der Bevölkerung:

    Die alten Systeme zur Sozialen Sicherung ( Familie/Stände) sind durch die Veränderung komplett weggebrochen, ohne das es neue Soziale Sicherungssysteme gab

    • Lösung dieser Problematik / Einführung effektiver neuer Sicherungssysteme = Lösung der Sozialen Frage

    5.2 Familie und Kindheit während der Industrialisierung:

    • Leitbild der „Bürgerlichen Familie“ entsteht, dort Arbeit und Wohnen räumlich getrennt und Arbeit je nach Geschlecht aufgeteilt (vergleiche Familie im Mittelalter)
    • Kindheit als „schützenswerte Lebensphase“ entsteht erstmals, erste Kinderarbeitsgesetze
    • Aber: Hauptgrund hierfür war auch Mangel an einsatzfähigen Rekruten im Militär durch harte Arbeitsbedingungen

    5.3 Kinder-und Jugendfürsorge während der Industrialisierung

    • Erste Kinderverwahranstalten und Kindergärten, allerdings nur mit dem Zweck Kinder „aufzubewahren“, damit Eltern arbeiten konnten
    • Revolutionäres Kindergarten-Konzept von Fröbel:
    • Erziehung Zuhause reicht nicht aus, Kinder sollen in Kleingruppen durch Spielen lernen. Dies besonders im Garten („von der Natur lernen“)
    • Revolutionär zur damaligen Zeit: Ansonsten nur Kinderverwahranstalten zum „Aufbewahren“ , Kleingruppen und lernen durch spielen wird auch heute noch in Kindergärten gemacht

    5.4 Armenfürsorge: Elberfelder- und Straßburger-System:

    In Wuppertal erstmals erfunden, schnell von vielen Städten zur Armenfürsorge übernommen. Ziele waren die genaue Kontrolle der Bedarfssituationen, damit Hilfeleistungen nicht ausgenutzt werden können und eine Reduzierung der städtischen Kosten zur Armenfürsorge:

    1. Elberfelder System:

    • Stadt in Bezirke, Bezirke in Quartiere eingeteilt
    • In jedem Quartier ein zwangsverpflichteter ehrenamtlicher Helfer Aufsicht über ca. 4 Arme
    • Dezentrale Entscheidungen über Hilfemaßnahmen in Bezirksräten
    • Hilfemaßnahmen nur immer über 14 Tage, danach neue Begutachtung

    Dieses System wurde im gleichen Jahr zum Straßburger System weiterentwickelt, da die ehrenamtlichen Helfer zu „großzügig“ waren und Entscheidungen dezentral getroffen wurden sowie es „zu wenige“ Strafmaßnahmen gab:

    2. Straßburger System:

    • zentrale Behörde entschied über Hilfeleistungen, nicht mehr Helfer vor Ort
    • Statt ehrenamtlicher Helfer nun berufliche Armenpfleger
    • Trennung von Innen- und Außendienst, starke Bürokratisierung

    Weiter gab es die ersten Ansätze von einer speziellen Versorgung bestimmter Gruppen wie Obdachlosen, Kranken, etc, allerdings nur sehr unsystematisch, gerade auch weil es ausser Zuchthäusern keine Einrichtungen gab.

    5.5 Antworten auf die Soziale Frage:

    Während der Epoche gab es verschiedene Gruppen bzw. Personen, die verschiedene Lösungswege für die Soziale Frage vertraten. Im Folgenden werden einige davon genannt und erklärt:

    • 1. Die „Klassenrevolution“ (Karl Marx):

    Revolution der Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie ( besitzende Klasse) und Verstaatlichung aller Güter, jeder nach seinen individuellen Fähigkeiten, gerechte Verteilung aller Güter.

    • 2. Der Malthusianismus (Thomas Robert Malthus):

    Die Armenpflege führt nur zu einer „Vermehrung“ von Armen und Armut, wodurch das Lohnniveau sinkt aufgrund eines Überangebots an Arbeitskräften. Daher sollte man die Bedürftigen nicht unterstützen,damit Angebot und Nachfrage sich selbst regulieren können.

    • 3. Sozialpädagogik und Volksbildung ( Natrop, Mager, Diesterweg):

    Hier sollten alle Bürger zur „sozialen Verantwortung“ und Demokratie sowie Gemeinschaftsfähigkeit und Lebensbewältigung hin erzogen werden, um die Soziale Frage zu lösen. Dies sollte durch individuelle Pädagogik sowie Gruppenpädagogik geschehen.

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    6. Soziale Arbeit und Fürsorge im Kaiserreich:

    6.1 Sozialpolitik zur Befriedung der Arbeiterklasse

    • Soziale Frage immer noch ungelöst, Massenelend immer noch vorhanden -> Aufbegehren der Arbeiterschaft mir revolutionären bzw. reformistischen Tendenzen
    • Daher wurde erstmals Sozialpolitik betrieben: Die Sozialversicherungen von Bismarck passend zu seinen Sozialistengesetzen:
    • Ziel: Möglichst günstige Verhinderung eines Aufstands
    • Zentrale Problematik:
    • Nur Arbeitnehmer zahlen ein, nicht der Staat -> Man ist nur abgesichert, wenn man Arbeit hatte. Frauen, Kranke, Kinder, Arbeitslose bekamen keine Leistungen

    Aber:

    • Dadurch, dass hier erstmals die bestimmten Personengruppen bzw. „Risikogruppen“, die keine Leistungen erhielten, auffielen, wurde erstmals ein erhöhter Förderbedarf dieser festgestellt:
    • Pädagogisierung der Hilfe: Es wurden erstmals die Bevölkerungsgruppen sichtbar, die keine Leistungen der neuen Sozialgesetzgebung erhielten. Somit wurde auf diese auch erstmals pädagogisch gezielt eingegangen.
    • Professionalisierung der Hilfe: Durch die sichtbargewordenen vielen verschiedenen Notlagen wird nun klar, dass es viele weitere Spezialisierungen in der Hilfe geben muss.
    • Verwissenschaftlichung der Hilfe:Es gab dadurch ebenfalls die ersten systematischen Untersuchungen der verschiedenen Notsituationen.

    6.2 Die Jugendphase entsteht:

    • Erstmals gab es soetwas wie eine „Jugendphase“, da Jugendliche durch Kinderschutzgesetze nun nicht mehr ununterbrochen arbeiten mussten.
    • Weiter kommt es zu der ersten öffentlichen sowie freien Jugendarbeit, es werden sogar die ersten Jugendschutzgesetze verabschiedet

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    7. Auswirkungen durch den ersten Weltkrieg:

    • Durch die neue Massenverelendung sowie das Sterben der Männer im Krieg kollabiert das von der Arbeitstätigkeit abhängige Fürsorge-System aus dem Kaiserreich ( bringt einfach nichts mehr)
    • Die Fürsorge beginnt daher sich zur Wohlfahrtspflege weiterzuentwickeln: Es werden Gesundheitsfürsorge, Wohnungsfürsorge und Betriebsfürsorge gegründet
    • Dadurch, dass viele Männer im Krieg getötet wurden, ist es nun erstmals auch Frauen möglich, professionell und qualifiziert in der Sozialarbeit als „Pflegerin“ zu arbeiten ( Beispiel: Frauenschulen von Alice Salomon)

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    8. Soziale Arbeit während der Weimar Republik:

    8.1 Familienfürsorge und Gesundheitsfürsorge mit eugenischen Tendenzen

    Die Volkswohlfahrt wurde immer weiter ausgebaut und im Gesetz verankert, sodass alle davon profitieren sollten: Die Familienfürsorge stand im Fokus der Armenfürsorge:

    • (zersplitterte) Familie nach dem Krieg im Fokus: In der Familienfürsorge werden diese von Helfern aus den verschiedenen Bereichen besucht, die anschließend zu einer Hilfsperson gebündelt werden. Hierbei gibt es zwei zentrale Probleme:
  • Helfer vor Ort konnten nicht selbst über Hilfeleistungen entscheiden
  • Sie mussten alleine alle Aufgabenbereiche übernehmen, oft überfordert
    • Die Gesundheitsfürsorge inkl. Gesundheitsamt entstand. Hier gab es erste Vorsorgeuntersuchungen und Beratungen, aber teilweise auch eugenische Tendenzen, beispielsweise Eheberatung für „erbgesunden“ Nachwuchs

    8.2 Die Jugendfürsorge in der Weimar Republik:

    Das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz (RJWG) wurde verabschiedet und enthielt moderne Prinzipien:

  • Das Recht des Kindes auf Erziehung
  • Recht und Pflicht der Eltern zur Erziehung
  • Eingriffsrecht des Staates bei Versagen in der Erziehung / Gefährdung
    • Insgesamt war die Weimar Republik die Hochzeit der organisierten Jugendverbände

    8.3 Der Heimskandal:

    • In der Heimerziehung gab es immer noch autoritäre Erziehungsmaßnahmen mit harten Körperstrafen und Folter sowie Missbrauch durch Geistliche und Ex-Militärs
    • Es kam zu Heimfluchten und Ausbrüchen in großem Umfang, Heimskandal stand im Fokus der öffentlichen Debatte: Hier wurden ebenfalls eugenische Tendenzen bekannt, beispielsweise die „Grenzen der Erziehbarkeit“ und Zwangssterilisation

    8.4 Die Sozialpädagogik entsteht:

    Erstmals wurde Sozialpädagogik bzw. Soziale Arbeit als Wissenschaft an Universitäten und Lehrstühlen eingerichtet: Sie entstand als Disziplin, dabei gab es insbesondere 3 verschiedene Theorien:

    • 1. Klumker: Sozialpädagogik leistet Erziehung, Versorgung und „Verwirtschaftlichung“ von „Unwirtschaftlichen“ durch wirtschaftliche Integration und Untersützung
    • 2. Nohl: Geistige Armut zentral: Sozialpädagogik leistet Hilfe zur höheren Bildung des gesamten Volkes
    • 3. Salomon: Soziale Arbeit soll durch persönliche Hilfe und eine sozialen Diagnose soziale Gerechtigkeit herstellen

    8.5 Die unzureichende Umsetzung der Volkswohlfahrt:

    Obwohl viele wichtige Innovationen und Konzepte aus der Volkswohlfahrt in der Weimar Republik hervorgingen, wurden diese aufgrund der wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten nicht komplett umgesetzt:

    • Durch Kriegsarmut und Wirtschaftskrise fehlte das Geld zur Umsetzung

    Grundsätzliches Dilemma des Wohlfahrtsstaates: Leistungen werden durch Arbeit finanziert oder Sie zielen auf die Vermittlung von Arbeit ab: Bei Massenarbeitslosigkeit geht beides nicht, obwohl da die Soziale Arbeit besonders gebraucht wird.

    • Durch die politische Krise wurde ebenfalls die Umsetzung der Volkswohlfahrt behindert.

    Beispiele:

  • Das RJWG wurde aufgrund von Geldmangel erst Jahre später verabschiedet.
  • Die Anzahl der Eingriffe der neuen Jugendheime in Familien sanken aus Geldmangel, obwohl sie durch die erstmalige Gesetztesmöglichkeit hätten steigen müssten.
  • Das RJWG wurde per Dekret der Präsidialregierung nicht verpflichtend, sondern freiwillig.
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    9. Die Soziale Arbeit im Nationalsozialismus:

    Während der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde der Wohlfahrtsstaat zur „Volkswohlfahrt“ umgebaut. Hierbei lassen sich zwei verschiedene Phasen unterscheiden:

    1. Der autoritäre Wohlfahrtsstaat:

    • Gleichschaltung und Machtübernahme des gesamten Sozialsystems durch die Nationalsozialisten, Zentralisierung und Überwachung
    • Übernahme bzw. Verbot aller anderen Verbände und Organisationen

    2. Der völkische Wohlfahrtsstaat:

    • Soziale Arbeit wird zur Volkspflege, Ziel ist die kollektive „Rassengesundheit“und „Volkshygiene“, die Volksgemeinschaft steht über den Bedürfnissen der Individuen
    • Es sollen nur „erbgesunde“ Gesellschaftsmitglieder gefördert werden, alle „Minderwertigen“ werden verfolgt und/oder getötet
    • Eugenische Tendenzen verstärken sich massiv, insbesondere in der Medizin

    9.1 Die Beteiligung der Sozialen Arbeit an der Euthanasie:

    Es gab zuerst eine systematische „öffentliche“ Phase der Tötung von „Minderwertigen“ (Bsp.: T4-Aktionen), anschließend wurde diese verdeckt unsystematisch weitergeführt, aufgrund der öffentlichen Meinung.

    • Sozialpädagogen begutachteten im Dienst der „Rassengesundheit“ potentiell „gefährliche“ Personen, beispielsweise „Erbsäufer“ oder „Unerziehbare“
    • Aufgrund deren Gutachten wurden die Betroffenen getötet, zwangssterilisiert, in Konzentrationslager oder Arbeitslager eingewiesen
    • Aktive Beteiligung der Sozialen Arbeit an NS-Verbrechen

    9.2 Die („soziale“) Ideologie der Nationalsozialisten: Die Radikalisierung des Malthusianismus

    In der ursprünglichen volkswirtschaftlichen malthusischen Theorie sollten Arme keine Unterstützung erhalten, da ansonsten das Lohnniveau sinkt und Angebot und Nachfrage sich nicht mehr selbst regulieren können (siehe 5.5).

    Die Nationalsozialisten, auch Hitler persönlich, waren Anhänger der Theorie und radikalisierten sie nach ihrer NS-Ideologie sowie Eugenik und übertrugen diese anschließend auf die gesamte Gesellschaft:

    In dieser wird nun die „Ressourcenverschwendung“ durch soziale Leistungen an Arme und Bedürftige als falsch angesehen, da dadurch eine „Vermehrung“ der Armen und somit eine „Vergrößerung“ des Problems erreicht wird. Daher sollte man solche „Risikogruppen ausmerzen“ und lieber die „Gesunden“ durch soziale Leistungen fördern.

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    10. Die Soziale Arbeit in der Nachkriegszeit:

    10.1 Alte Strukturen:

    Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs wurde die gesamte Struktur des NS-Regimes zerschlagen. Nicht zuletzt aus Mangel an Alternativen wurde anschließend auf die Strukturen der Weimar Republik zurückgegriffen:

    • Subsidiarität, Dezentralisierung, Föderalismus zur Verhinderung neuer NS-Strukturen
    • kommunale Zuständigkeit für die Fürsorge
    • Trennung von Jugendamt und Gesundheitsamt
    • Eingliederung von demokratischen Elementen wie dem Jugendhilfeausschuss

    Es wurde allerdings auch eine wichtige Neuerung eingeführt:

    • Erstmals gab es den einklagbaren Anspruch jedes Bürgers auf Sozialhilfe

    10.2 Neue Methoden:

    Im Gegensatz zu der Einführung der Strukturen aus der Weimar Republik wurden viele neue Methoden der Sozialen Arbeit eingeführt, nicht zuletzt aus den USA:

    1. Die Gruppenpädagogik:

    • Die Gruppe als Lernfeld um durch sie Demokratie zu lernen
    • Heterogene / gemischte Gruppenzusammensetzung
    • Jedes Individuum war gegenüber der Gruppe gleichberechtigt, keine Unterordnung
    • Demokratische Leitung der Gruppe, hohe Selbstbestimmung

    (vgl. hierbei die Gruppenstrukturen der NS-Zeit)

    2. Der Case-Work – Ansatz:

    • Demokratische Beziehung zwischen Helfer und Klienten
    • Alle Menschen sind im Wert gleich
    • Hohe Eigeninitiative des Klienten
    • Supervision: Selbstverstehen als Voraussetzung des Fremdverstehens
    • Problematik dabei:

    Kinder- und Jugendhilfe: Die GYA

    • Offene Jugendarbeit mit heterogenen Gruppen und Aufgaben, welche auf die Interessen der Jugendlichen fokussiert sind, entstehen.
    • Verbandliche Jugendarbeit noch in homogenen Gruppen ( katholisch, evangelisch,etc.), öffnet diese jedoch weiter aufgrund der Konkurrenz durch die offene Jugendarbeit.

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    11. Soziale Arbeit in den 68er Jahren

    11.1 Die Soziale Arbeit im Zentrum der Gesellschaftskritik

    Während der 68er – Bewegung war auch die Soziale Arbeit ein Ziel der Kritik durch die Studentenbewegung: Neben der Auseinandersetzung mit den Eltern als Tätergeneration im zweiten Weltkrieg wurde ebenfalls das gesamte gesellschaftliche System in Frage gestellt und als „falsch“ angesehen.

    Da die Soziale Arbeit darauf abzielte, Menschen wieder in dieses zu integrieren, wurde sie ebenfalls stark kritisiert, da sie dadurch dann Menschen soweit „manipulierte“, bis diese sich wieder in das falsche System integrieren konnten.

    Hierbei galt insbesondere der Case-Work – Ansatz als hoch manipulativ, da dieser ja die Ursachen bei der Person suchte, welche jedoch „eigentlich“ durch das „falsche System“ herbeigeführt wurden.

    11.2 Die Folgen der Kritik: Theoriebildung statt Methodenforschung

    Dies hatte als Folge, dass sich die Soziale Arbeit von den stark kritisierten Methoden bis in die 80er Jahre abwandte und sich auf die Theorien fokussierte – so kam es zu einem „wilden Methodenwuchs“ und es wurden viele Methoden importiert, da man ja keine eigenen neuen erforschte.

    11.3 Reformimpulse in der Sozialen Arbeit:

    Zu dieser Zeit entstanden viele Reformimpulse innerhalb der Sozialen Arbeit, beispielsweise:

    • Die Betonung der Grundrechte des Klienten sowie dessen Recht auf Mitbestimmung und Individualität (beispielsweise in den Kinderheimen gegen die rechtswidrige Behandlung)
    • Die kulturelle Öffnung der Arbeitsformen ( beispielsweise in der Jugendarbeit oder den Kinderläden durch neue, freie Erziehungsstile und das neue System dort)
    • Kritik an der Benachteiligung der Frauen (beispielsweise innerhalb der Frauenbewegung für die Anti-Baby-Pille sowie Abtreibungen und gegen Vergewaltigungen sowie für eine gerechtere Arbeitsteilung)
    • Das Herausstellen der Selbsthilfe, beispielsweise innerhalb der „Krüppel-Bewegung“, in welcher Menschen mit Behinderungen mehr Mitbestimmung und Eigenverantwortlichkeit forderten.

    11.4 Neue Theorien der Sozialen Arbeit:

    Insbesondere drei Theorien wurden zu dieser Zeit innerhalb der Sozialen Arbeit populär:

    • Die Lebensweltorientierung: Diese setzt an der individuellen Lebenswelt des Klienten an, Ziel ist es, diesem eine Bewältigung des Alltags und Wehrhaftigkeit zu ermöglichen.
    • Die Subjektorientierung: Auflösung von Aneignungsblokaden, Schaffung von Orten, an denen die Fähigkeiten von Aneignungen erlernt werden können, Ziel: Subjekt die Aneignung der Welt zu ermöglichen
    • Die Systemorientierung: Komplette Gesellschaft in Sub-Systeme unterteil, Soziale Arbeit als Subsystem soll Bedürfnisbefriedigung und gesellschaftliche Gerechtigkeit durch Ausgleich ermöglichen.

    Durch die grundsätzliche Theoriebildung sollten insbesondere folgende Ziele erreicht werden:

    • Bestimmung des Gegenstandsbereiches der Sozialen Arbeit und Bildung einer positiven Identität von dieser
    • Eine Auseinandersetzung mit der Kritik der 68er – Bewegung
    • Ein Gleichgewicht zwischen Systemauftrag und Emanzipation finden

    Weiter wurden während dieser Epoche immer mehr Fachkräfte im Bereich der Sozialen Arbeit ausgebildet und diese wurden (bis auf der Beruf Erzieherin) großflächig akademisiert.

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    12.Die Soziale Arbeit in der Gegenwart

    12.1 Die Normalisierung der Sozialen Arbeit:

    Als „Normalisierungsthese“ wird die Fragestellen bezeichnet, ob die Soziale Arbeit nun über ein Angebot an Sozialleistungen verfügt, welches der breiten Masse der Bevölkerung zugänglich ist und nicht mehr eben „nur“ bestimmten „Risikogruppen“ – Ob sie also eine „normale“ Dienstleistung geworden ist.

    Grundlegend lässt sich hierbei allerdings feststellen, dass umso eingreifender bzw. drastischer die sozialen Leistungen bzw. Maßnahmen sind, desto mehr betreffen diese „Risikogruppen“ und eben nicht die „breite Masse“.

    So wird beispielsweise die Einweisung eines Kindes in ein Kinderheim bzw. in eine Pflegefamilie viel häufiger bei „Risikofällen“ eintreten, als beim „Otto-Normal-Bürger“.

    Hierbei werden besonders zwei verschiedene Argumente für eine Bejahung der These angeführt:

    • Die Quantitative Expansion:

    Seit den 70-Jahren steigt die Anzahl an Personen, welche im Bereich der Sozialen Arbeit tätig sind, überaus stark an. Weiter sind diese immer öfters akademisch ausgebildet.

    • Die Qualitative Expansion:

    Durch das aktuelle Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) kam es zu einem überaus großen Ausbau des Leistungsangebots der Sozialen Arbeit und insbesondere auch präventiven Leistungen der Kinder-Jugend- und Familienhilfe.

    12.2 Das Kinder – und Jugendhilfegesetz:

    • Bietet Leistungen an statt direkt Eingriffe vorzunehmen
    • Präventive Leistungen bei Familie, Kindern und Jugendlichen
    • Beteilligungsrechte und Wahlrechte von Jugendlichen und Familie
    • Vorrang der Familie
    • Vorrang hat immer die „eingriffsärmere“ Maßnahme

    Das KJHG verfügt dabei ebenfalls über die gleichen 3 Grundprinzipien wie das RJWG in der Weimar Republik. Neu sind hierbei das Beteilligungsrecht von Jugendlichen und Familien sowie die Leistungsorientierung statt Eingriffsorientierung und die Präventiven Maßnahmen.

    12.3 Die Ökonomisierung und der aktivierenden Sozialstaat:

    Mit dem aufkommenden Neoliberalismus und der immer weiter fortschreitenden Ökonomisierung der Gesellschaft ändert sich ebenfalls die Soziale Arbeit innerhalb dieser. In diesem Zusammenhang wird der ursprünglich fürsorgliche Sozialstaat immer mehr zum aktivierenden Sozialstaat, welcher über folgende Merkmale bzw. Unterschiede verfügt:

    12.4 Merkmale und Unterschiede des aktivierenden Sozialstaates:

    • Aktivierung der Betroffenen, sodass diese sich selbst helfen können, statt Nachteilsausgleich und reaktiver Versorgung
    • Befähigung zur Selbständigkeit statt Befreiung von der materiellen Not
    • Konditionierte Ansprüche statt universeller Ansprüche der Betroffenen
    • Staat nur Vermittler bzw. Koordinator statt Verantwortlicher
    • Jeder trägt die individuelle Verantwortung für seine Lebenslage

    Durch diese Entwicklung verändern sich langfristig ebenso die Aufgaben und Ziele der Sozialen Arbeit innerhalb einer Gesellschaft:

    • Arbeitsmarktintegration in festgelegten Quoten zentrales Ziel statt Qualität des Lebens bzw. der Arbeit
    • Defamilisierung bzw. „Outsourcing“ der Kindererziehung: Durch öffentliche Betreuung sollen beide Elternteile arbeiten können (vorher nur eine Erwerbsperson pro Familie)
    • Erhöhter Druck zur Arbeitsmarktintegration, auch besonders durch die Soziale Arbeit, da diese dies als oberstes Ziel verfolgt
    • Mehr informelle gesellschaftliche Hilfeleistungen ( Suppenküchen, Tafeln,etc.) und parallel Kürzung der staatlichen Sozialleistungen

    Durch diese Entwicklung, insbesondere den letztgenannten Punkt, könnte sich die Hilfe selbst in einer so modernen Gesellschaft theoretisch wieder zurück zum Almosenswesen im Mittelalter entwickeln

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    13. Globalisierung und Migration: Die neuen Herausforderungen

    Durch die fortschreitende Globalisierung nehmen ebenfalls die transnationalen Lebensweisen zu. Dies bedeutet, dass beispielsweise innerhalb Europas die Migrationsbewegungen stark ansteigen werden .

    So kann es sein, dass es innerhalb Europas wieder zu großen Arbeitermigrationen kommt, wie beispielsweise in Deutschland die Zuwanderung von Arbeitern in den 50er Jahren. Dies liegt nicht zuletzt auch an der stetigen Ökonomisierung Europas.

    Dadurch entstehen auch immer neue soziale Probleme, welche dann von der Sozialen Arbeit gelöst werden müssen.

    Wie man mit diesen umgeht und ob man es schafft die verschiedenen Personen und Kulturkreise zu integrieren, wird zu den großen zukünftigen gesellschaftlichen Herausforderungen gehören – bislang gibt es allerdings keine dafür benötigte einheitliche europäische Sozialpolitik und auch die Qualifizierung der Sozialarbeiter bzw. Sozialpädagogen ist je nach Land sehr unterschiedlich.